Beschreibung

Ein erotisches Abenteuer mit einem Widder-Mann gefällig? Oder prickelnde Begegnungen mit einem Wassermann? Es spielt keine Rolle, welche Sternzeichen dein Herz höher schlagen lassen: Hier zeigen sich alle von der verführerischen Seite, denn ganz egal, zu welchen Zeichen des Horoskops sie zählen, bei den Astro-Quickies zählt nur eins: Die Liebe! 12 prickelnde Geschichten im Bann der Sterne von Anaïs Goutier, Lina Barold, Kajsa Arnold, Natalie Rabengut, Nina Hunter, Naomi Noah, Aimee Laurent, Izabelle Jardin, Emilia Lucas, Kaila Kerr, Bärbel Muschiol und Nina Martens. feelings-Skala (1=wenig, 3=viel): Erotik: 2, Humor: 2, Gefühl: 2 »Signs of Love« ist ein eBook von feelings*emotional eBooks. Mehr von uns ausgewählte erotische, romantische, prickelnde, herzbeglückende eBooks findest Du auf unserer Facebook-Seite: www.facebook.de/feelings.ebooks. Genieße jede Woche eine neue Geschichte - wir freuen uns auf Dich!

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EPUB
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Seitenzahl: 710


Signs of Love

12 Quickies quer durchs Horoskop

Knaur e-books

Über dieses Buch

Ein erotisches Abenteuer mit einem Widder-Mann gefällig? Oder prickelnde Begegnungen mit einem Wassermann? Es spielt keine Rolle, welche Sternzeichen dein Herz höher schlagen lassen: Hier zeigen sich alle von der verführerischen Seite, denn ganz egal, zu welchen Zeichen des Horoskops sie zählen, bei den Astro-Quickies zählt nur eins: Die Liebe!

12 prickelnde Geschichten im Bann der Sterne von Anaïs Goutier, Lina Barold, Kajsa Arnold, Natalie Rabengut, Nina Hunter, Naomi Noah, Aimee Laurent, Izabelle Jardin, Emilia Lucas, Kaila Kerr, Bärbel Muschiol und Nina Martens.

feelings-Skala (1=wenig, 3=viel): Erotik: 2, Humor: 2, Gefühl: 2

»Signs of Love« ist ein eBook von feelings*emotional eBooks. Mehr von uns ausgewählte erotische, romantische, prickelnde, herzbeglückende eBooks findest Du auf unserer Facebook-Seite: www.facebook.de/feelings.ebooks

Inhaltsübersicht

Astro-Quickie: WassermannNear … far … wherever you [...]Astro-Quickie: FischeDas Riesenrad drehte sich [...]Astro-Quickie: WidderSeufzend stand ich vor [...]Astro-Quickie: Stier1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. KapitelDankeAstro-Quickie: ZwillingeViel Haut, oh, so [...]Astro-Quickie: KrebsFür ML – die immerwährende [...]www.schreiberuniversum-derblog.org [...]Astro-Quickie: LöweWenn ich den Kerl [...]Dürfte ich bitte erfahren, [...]Ich will alles ganz [...]Catherine schaute in den [...]Als Catherine von der [...]Wie am Vorabend erwartete [...]An diesem Morgen war [...]Als Catherine am Abend [...]Astro-Quickie: JungfrauTag 1Tag 2Tag 3Tag 4Tag 5Tag 195Astro-Quickie: WaageWenn ich jetzt durch [...]Astro-Quickie: SkorpionProlog1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. KapitelAstro-Quickie: SchützeTageshoroskop: [...]Ich sitze vor den [...]Astro-Quickie: SteinbockDie ganze Woche schon [...]
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Izabelle JardinMidnight in Venice

Astro-Quickie: Wassermann

 

 

 

Near … far … wherever you are …«, schluchzte Céline Dion. Feline hatte einen ganz besonderen Bezug zu diesem Song, denn wenn auch Niklas jetzt höchst lebendig vor ihr stand und ganz sicher nicht mit einem Luxusliner untergehen würde: So oft war er »far away« gewesen, unerreichbar für sie, und so selten nah bei ihr.

Sie schaute verliebt zu ihm auf, streckte ihm beide Hände entgegen und strahlte ihn an. Die ganze Hochzeitsgesellschaft trat einige Schritte zurück und verschaffte dem frisch vermählten Paar Platz auf der Tanzfläche. Niklas machte eine zackige Verbeugung und nahm seine Braut in die Arme. Feline beglückwünschte sich zu ihrer Musikauswahl, denn sie wusste, er war kein begnadeter Tänzer und wäre mit dem obligatorischen Eröffnungswalzer heillos überfordert gewesen. Ebenso wie ihre Füße, die in hauchdünnen weißen Pumps steckten und schon allein dadurch genug in Gefahr waren, dass sie sich ständig unter dem voluminösen langen Kleid zu verheddern drohten. Sie schmiegte ihre Wange an seine Schulter und flüsterte ihm ins Ohr: »Du hast es gleich geschafft, Liebling! Klappt doch wunderbar. Noch ein paar Takte, dann können wir den anderen die Tanzfläche überlassen.«

»Du glaubst gar nicht, wie dankbar ich dir bin, dass du mir den Strauss-Walzer erspart hast!«, seufzte Niklas, wartete gar nicht auf die letzten Töne der Musik, nahm ihr Gesicht in beide Hände und küsste sie lange und ausgiebig.

Die Gäste applaudierten. »Was für ein wunderschönes Paar! Sehen sie nicht glücklich aus? Und Niklas mal im Anzug, meine Güte, wirklich ein Genuss! Seht euch bloß Felines Kleid an, das ist doch einfach ein Traum … wie eine Elfe … wie Glöckchen aus Peter Pan! Nein, Elfen sind doch blond! Aber so klein wirkt sie jedenfalls neben ihm … Ja, na gut, ich finde, sie sieht aus wie Schneewittchen: frisch gefallener Schnee und Ebenholz! … Ja, genau! … Wer hat eigentlich diese tolle Frisur gemacht?«

Feline hörte nur am Rande das Getuschel der Gäste und gab sich ganz Niklas’ Kuss hin. Sie war glücklich. Dieses Glücksgefühl ließ sich heute Abend von nichts und niemandem verscheuchen. Vergessen die Momente, als sie gebangt hatte, ob es je gelänge, diesen freiheitsliebenden, karriereorientierten Mann in den Hafen der Ehe zu bugsieren. Jetzt störte es Feline nicht mehr, wenn er ausgiebig mit ihren Freundinnen flirtete. Er brauchte solche kleinen Bestätigungen seiner ausgeprägten Eitelkeit. Und sie gönnte ihm das Vergnügen von Herzen, denn er gehörte nun ihr allein! Mit einer gewissen Sorge beobachtete sie jedoch, dass er mit jedem anwesenden Mann kräftig auf das frische Eheglück anstieß.

Wenn das mal nicht ein bisschen viel ist, um noch eine richtige Hochzeitsnacht zu feiern!

»Ich finde, du solltest jetzt den Brautstrauß werfen und deinen Niklas dann auf der Stelle nach Hause entführen, damit du heute Nacht noch was von ihm hast!«

Feline fuhr erschreckt herum. Es war ihre Trauzeugin Leonie gewesen, beste Freundin seit Sandkastentagen, die ihr das ins Ohr geflüstert hatte. Offenbar war auch ihr Niklas’ Trinkfreudigkeit nicht entgangen.

»Du hast völlig recht! Ich sehe das auch schon eine Weile mit Grauen, was sich mein zauberhafter Gatte da alles hinter die schicke Fliege kippt«, stimmte Feline zu. »Ich hab mich so auf unsere Hochzeitsnacht gefreut. Und jetzt fürchte ich, dass ich ihn kaum noch senkrecht ins Bett, geschweige denn senkrecht im Bett kriege.«

Genau wie von den Freundinnen geplant, war Leonie diejenige, die den hübschen kleinen Wurfstrauß auffing und sich mit gespieltem Erstaunen ihrem Langzeitfreund Ferdinand in die ausgebreiteten Arme fallen ließ. Als sich die ganze Gesellschaft dem potenziellen neuen Brautpaar zuwandte, sah Feline den Moment gekommen, Niklas bei der Hand zu nehmen und gegen einen lediglich geringen Widerstand ins Auto zu verfrachten.

* * * * *

Niklas hatte gewisse Schwierigkeiten, das Schlüsselloch zu treffen.

Das kann ja heiter werden!, dachte Feline, nahm ihm den Schlüsselbund aus der Hand, schloss ihre gemeinsame Wohnung auf und sah ihn erwartungsvoll an. Etwas zerrauft sah er aus. Aber sie fand ihn hinreißend wie immer, mit diesem speziellen jungenhaften Charme, der dunkelblonden Haarsträhne, die ihm in die Stirn gerutscht war, dem vollen, sinnlichen Mund, unter dessen Berührungen sie immer so wunderbar dahinschmolz. Herrgott, er konnte küssen, dass ihr Hören und Sehen verging. Und genau das, und noch viel mehr, wollte sie jetzt.

»Was ist, Süße? Komm rein!«

Er stand schon im Flur und schaute sie verständnislos aus leicht verschwiemelten braunen Augen an. Sie konnte sich das Lachen kaum verkneifen, denn dieser Blick hatte jetzt etwas von einem verunsicherten jungen Hund. Irgendwie rührend. Beinahe hätte sie ihn einfach in den Arm genommen und auf das Hochzeitsritual verzichtet, das sie von ihm erwartete.

Doch sie schüttelte den Kopf und sah ihn auffordernd an. »Hast du nicht was vergessen?«

Er klopfte auf seine Jackentaschen und zog die Geldbörse heraus. »Nö, ist da!«

»Niklas!«, fauchte sie halb scherzhaft, halb resigniert und verdrehte die Augen.

Jetzt begriff er endlich. »Au, Shit! Natürlich!«

O Mann!

»Felinchen, anscheinend bin ich der nachlässigste Ehemann aller Zeiten. Bitte verzeih mir. Ich gelobe Besserung!«, quoll es aus seiner Alkoholfahne, als er sie hochhob und endlich über die Schwelle trug. Sie seufzte tief, verzieh ihm leichten Herzens alles und schmiegte sich an den bedenklich wankenden Träger, der sich schwertat, seine zarte Last unfallfrei bis vors Bett zu transportieren. Rosenbestreute Laken! Eine typische Leonie-Idee. Er setzte sie mit einem Seufzer ab. Offensichtlich erleichtert, diese erste Ehepflicht doch noch sauber erledigt zu haben. Feline drehte sich um, wandte ihm den Rücken zu.

»Hakst du mir bitte die Korsage auf?«

Seine Hände wirkten etwas fahrig. Aber Feline war das in ihrem Glücksrausch völlig egal. Sie wollte nur noch einmal kurz im Bad verschwinden, das Brautkleid gegen den zauberhaften weißen Hauch von Nichts tauschen, den sie für diese Nacht ausgewählt hatte. Und dann mit ihm in einen erotischen Taumel eintauchen, der seinesgleichen suchen sollte. Genau so hatte sie es geplant. Sie ließ das Kleid von den Schultern rutschen. Es bildete eine fluffig weiße Wolke um ihre Füße. Niklas pfiff bei ihrem Anblick anerkennend durch die Zähne.

»Bin gleich zurück«, gurrte sie verheißungsvoll und verschwand durch die Tür zum Bad.

Feline beeilte sich. Kaum zehn Minuten später stand sie in ihrem transparenten Negligé wieder im Schlafzimmer. Das lange seidige Haar ergoss sich wie ein dunkler Fluss beinahe bis zum Po. Die hauchfeinen Halterlosen mit dem geliehenen blauen Strumpfband hatte sie angelassen. Ebenso die hochhackigen Pumps. Leider konnte Niklas dieses Bild purer Verführungskraft nicht würdigen. Er musste einfach rückwärts umgekippt sein. In voller Montur lag er auf dem Rosenbett, die Beine hingen schlaff über den Rand, und leises Schnarchen kam aus dem halb geöffneten Mund.

Heiße Wellen schossen durch Felines Kopf. Sie stampfte wütend mit dem Fuß auf. Was ihr wie ein Donnerschlag vorkam, erreichte Niklas’ Bewusstsein nicht. Er schlief selig weiter. Feline schnappte sich ihr Bettzeug. Als sie geräuschvoll die Schlafzimmertür zuschmiss, kämpfte sie mit den Tränen. Im Wohnzimmer warf sie sich aufs Sofa und überließ sich heulend ihrem abgrundtiefen Katzenjammer.

Hätte ich einfach besser aufpassen müssen, dass er nicht zu viel trinkt? Bin ich selbst schuld? Ach nein! Er ist schließlich erwachsen! Mit zweiunddreißig muss ein Mann doch selber wissen, wie viel er sich zumuten kann. Niklas wusste ganz genau, wie sehr ich mich auf diese Nacht gefreut habe.

Es kam ihr endlos lange vor, bis der Tränenstrom versiegte und die Vernunft die Oberhand gewann. Sie freute sich auf zwei lange vorausgeplante, wundervolle Flitterwochen. Zwei Wochen, in denen sie jede Gelegenheit nutzen wollten, sich zu lieben. Die Flugtickets lagen im Flur auf dem Sideboard. Die Koffer standen fertig gepackt daneben. Morgen wollten sie abheben und auf die karibische Trauminsel fliegen! Sonne, Strand, Palmen, türkisblaues Wasser! Nur sie und er. Was bedeutete schon eine einzige verhunzte Nacht? Alles würde wieder gut werden!

Feline stand auf, putzte sich geräuschvoll die Nase und ging in die Küche. Sie nahm eine Mineralwasserflasche aus dem Kühlschrank, goss ein und trank das Glas in einem Zug leer. Plötzlich ein Geräusch hinter ihr! Niklas stand nackt in der offenen Tür, den Kopf schiefgelegt. Das war so typisch für ihn. Diese Haltung würde ihn unter Tausenden entlarven, stellte Feline mal wieder fest. Sie liebte das, fand die kleine Eigenheit unwiderstehlich. Und er wusste es! Seitdem er herausgefunden hatte, welche Wirkung er mit dieser Geste erzeugen konnte, setzte er sie immer dann ein, wenn Stunk in der Bude herrschte, um Feline wieder schmeichelweich zu stimmen.

Mit begehrlichem Blick sah er sie an. »Du bist meine Frau und gehörst in mein Bett!«

»Was soll ich da, wenn du unsere Hochzeitsnacht verpennst?«, begehrte sie halbherzig auf.

Langsam kam er auf sie zu. Jetzt gar nicht mehr schwankend, sondern verdammt zielstrebig. Sie sah ihn herausfordernd an und wich ein paar Schritte zurück, bis ihr Po die Kante des Frühstückstisches erreichte, den sie in der morgendlichen Eile nicht mehr abgeräumt hatten.

Niklas griff nach Felines Handgelenken und hielt sie hinter ihrem Rücken zusammen. »Ich gedenke, vom Recht auf die erste Nacht Gebrauch zu machen!«

Sehr nah kam ihr sein Mund, und seine Augen waren äußerst wach. Die pure Lust flackerte darin. Zwischen letzter, gespielt empörter Renitenz und aufkeimender Bereitschaft versuchte Feline noch ein paar matte Widerworte: »Jetzt? Hier? Haben wir nicht ein wunderbar bequemes Bett?«

»Jetzt! Und hier! Bett kann doch jeder«, brummte er, und Felines winziger Vorbehalt schmolz wie Eis in der Tropensonne. Langsam, aufreizend langsam, öffnete er das Schleifchen, das den weißen Tüll vor ihrem üppigen, festen Busen verschloss. Das Negligé schwebte lautlos zu Boden. Er hob sie auf die Tischkante, fegte mit einer einzigen Geste das Geschirr klirrend zu Boden und breitete ihren Körper auf der Tischplatte aus. Das Honigtöpfchen kippte um und ergoss seinen flüssigen Inhalt neben ihre Hüfte. Sie bemerkte sein Grinsen. Gute Idee, schien er zu denken. Mit der flachen Hand fuhr er in die goldene Lache und strich genüsslich die klebrige Süße auf ihre Haut. Feline schnurrte unter jeder Berührung, leckte gierig den Honig von seinen Fingern, spürte, wie sich eine wohlige Gänsehaut auf ihrem Körper ausbreitete, die Spitzen ihrer Brüste sich aufrichteten.

Er sah ihr fest in die Augen, beobachtete jede ihrer Reaktionen auf sein Tun. Es gelang ihr, einen kurzen Blick auf seine Lenden zu erhaschen. Ihre Sorge war völlig unbegründet gewesen: »Senkrecht« war gar kein Ausdruck! Mit einem seligen Lächeln schloss sie die Augen, hörte nur noch auf ihre Gefühle, als sich seine Hände ihrem Venushügel näherten. Feline zog die Knie an, setzte die Fersen auf die Tischkante, ergab sich dem klebrig-erregenden Spiel seiner kundigen Finger, die sacht ihre Pforte öffneten, zurückkehrten zu ihrem weichen Mund, ihr den eigenen Geschmack zu kosten gaben. Sie leckte genießerisch den Honig von ihren Lippen. Nichts als süße, bereitwillige Hingabe! Ihr Becken hob sich im entgegen, aber er schien so fasziniert von seinem Spiel, dass er sie zappeln ließ, bis sie nur noch leise keuchen konnte: »Bitte, nimm mich endlich!«

Sie hatte ihn schon öfter gemahnt, dass für sie nicht allein der Weg das Ziel war.

»Schon? Ist doch grad so schön!«

»Schon? O bitte, ja, Niklas! Ich halt’s nicht mehr aus«, hauchte sie und hatte den Eindruck, dass er es zutiefst bedauerte.

»Ich könnte noch stundenlang so weiter …«, raunte er, schlug ihr aber die Bitte dennoch nicht ab. Im nächsten Augenblick empfing sie seine Männlichkeit. Noch immer glitten Niklas’ Hände über ihre Haut, streichelten, kneteten, liebkosten, fanden jeden empfindsamen Winkel. Auf allerhöchstem Plateau hielt er ihre Erregung und ließ sich alle Zeit der Welt, sie immer wieder im letzten Moment vor dem Erreichen des Gipfels zurückzuhalten, zu besänftigen, den unwiderstehlichen Trank, den er angerührt hatte, bis zum letzten Tropfen auskosten zu lassen.

»Dem Himmel so nah …!«, seufzte sie und fügte sich dem Orkan, der sie endlich mitnahm und erst wieder losließ, als sie merkte, dass Niklas stöhnend und schwer auf ihre Brust gesunken war. Sein Kopf lag an ihrem Hals, seine Lippen formten schwer verständliche, wirre Liebesworte an ihrem Ohr.

Und alles klebte!

Honig im Haar, Honig auf dem Bauch, Honig auf den Lippen. Honigfäden zogen sich zwischen ihren Körpern, als er sich langsam aufrichtete und von ihr löste.

»Süßer kleiner Tod …«, murmelte er, hob sie vom Tisch und trug sie unter die Dusche.

* * * * *

Keine Honigspuren, kein Deut mehr von der Süße der vergangenen Nacht! Grausam begann der Tag, der sie beide in ein tropisches Liebesparadies entführen sollte. Früh um sieben Uhr, die Nacht war kaum vier Stunden lang gewesen, schrillte das Telefon. Niklas wälzte sich missmutig aus dem Bett. Feline genoss noch für einen Augenblick die Wärme, die er zurückließ. Nichts ahnend.

Als er zurückkam, sah sie seinem Gesicht an, dass irgendetwas nicht stimmte.

»Was ist los? Ein verspäteter Gratulant?«

»Ja … auch …«

»Sag schon!« Feline hockte in gespannter Erwartung im Bett. Die Rosenblätter welkten.

Er setzte sich auf die Kante, griff nach ihren Händen und sah sie mit gequälter Miene an. »Feline, das war mein Chef.«

»Heute? Spinnt der? Der weiß doch, dass wir gestern geheiratet haben. Du hast Urlaub … der kann nicht ausgerechnet jetzt …«

»Wir müssen unsere Hochzeitsreise verschieben, Liebling!«

Feline spürte, dass alles Blut aus ihren Wangen wich.

»Schatz, du bist ganz blass. Alles in Ordnung?«

»Ich fass es nicht. Welchen Grund kann es geben, unsere lang geplante Hochzeitsreise zu canceln?«

Ihre Stimme klang tonlos. Sie hatte das Gefühl, gleich in die Kissen zurückzukippen. Niklas nahm sie in die Arme, streichelte ihren Rücken, drückte sie fest an sich. »Ich soll noch heute nach Dubai fliegen. Der Bauleiter dort hatte einen Unfall und wird für längere Zeit ausfallen. Ich muss seine Aufgaben übernehmen. Das ist unausweichlich. Außerdem ist es eine großartige berufliche Chance für mich. Die will ich unter keinen Umständen ungenutzt an mir vorbeiziehen lassen. Das Projekt dort ist der reine Wahnsinn. Du weißt, unser Prestigeprojekt. Jetzt kann ich endlich mal beweisen, dass Schlüter mir nichts voraushat!«

Feline krallte sich an seinen Schultern fest. Nur nicht loslassen, sonst haut es mich um … Sie wusste um seine Enttäuschung, die ihn vor ein paar Monaten so niedergedrückt hatte, als nicht er, sondern ein nur wenig erfahrenerer Kollege mit dem Megaauftrag betraut worden war. Es hatte ihn tief getroffen, zumal Niklas sich so tief in dieses Projekt gekniet hatte, dass er es vollkommen als sein eigenes empfand. Was für Mühe hatte sie gehabt, ihn wieder aufzurichten!

Sie war froh, sich hinter seinem Rücken verbergen zu können. Den Widerstreit der Gefühle spürte sie allzu deutlich in ihr Gesicht geschrieben.

Stark sein, Feline! Er braucht jetzt eine souveräne, verständnisvolle Frau!

Nach einer langen Weile ließ sie ihn los und sah ihn geradeheraus an. »Niklas, ich weiß, wie wichtig dir das ist, und werde mich gedulden. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Außerdem ist Vorfreude die schönste Freude.«

Sie hörte Geröllbrocken von seinem Herzen plumpsen. Er versuchte ein kleines Lächeln, das unter ihrem aufmunternden festen Blick zum Strahlen wurde.

»Feline, ich liebe dich. Du bist wunderbar! Ich hatte gefürchtet, du würdest eine Szene machen, mich in einen unlösbaren Konflikt stürzen. Aber du bist nicht nur schön und unglaublich sexy, du bist auch noch klug und einfühlsam.«

»Schatz, wir haben noch das ganze gemeinsame Leben vor uns.«

Feline staunte über sich selbst. Das war so selbstverständlich und leicht über ihre Lippen gekommen!

Jammern kann ich, wenn er weg ist.

Sie fühlte sich stark. Genau so lange, bis sein Flieger am späten Nachmittag hinter den schweren Januarwolken verschwunden war. Dann brach ihre Festung zusammen, und sie schaffte es nur noch mit Mühe, sich leidlich auf den Verkehr konzentriert bis zu Leonies Haus durchzuschlagen.

* * * * *

Leonie sah sie so ungläubig an, als stünde sie einem Flaschengeist gegenüber.

»Was machst du denn hier? Ich dachte, ihr sitzt längst im Flugzeug …«

Mit dem nächsten Wimpernschlag erkannte sie allerdings ganz offenbar, dass die Lage ernst war, und im gleichen Augenblick fühlte Feline ihre Nase auf Höhe von Leonies Brustbein plattgedrückt. Ganz fest hatte die Freundin sie an sich gezogen, und Feline ließ ihren Tränen freien Lauf. Leonie hielt die schluchzende Feline um Armeslänge von sich weg und sah auf sie herunter. Sie musste weit hinuntersehen, denn die gerade mal gut anderthalb Meter der Freundin überragte sie erheblich. Leonies Sportart war das Hammerwerfen. Und das sah man ihr an. Erst mit ihrem Partner, dem Basketballer Ferdinand, war ihr endlich mal ein Mann über den Weg gelaufen, der tatsächlich noch größer und breitschultriger war als sie. Feline wusste um ihren Ärger, nie höhere Schuhe anziehen zu können, immer wie eine Walküre neben allen Freunden gewirkt zu haben. Oft genug hatte sie Trost gesucht und Feline alle Hände voll zu tun gehabt, sie von der Selbsteinschätzung abzubringen, ein Trampeltier zu sein. Aber wenn Leonie zugriff und jemanden umarmte, zumal eine so zarte Person wie Feline, dann konnte einem schon mal die Luft wegbleiben. »Obelix und Idefix« hatten Klassenkameraden die beiden immer genannt. Manchmal war es nett gemeint gewesen, manchmal hatte man die Unzertrennlichen damit aber reichlich wütend gemacht und musste zusehen, Leonies Zorn besser flink zu entgehen.

»Was ist passiert, Kleine?«, fragte Leonie, warf die Haustür zu und schob Feline ins Wohnzimmer. »Setz dich. Willst du Kaffee?«

In eine Sofaecke geknautscht, den Kaffeebecher in der Hand, erzählte Feline, was los war. Sie war froh, jetzt nicht mehr die Starke spielen zu müssen und ihrem Kummer freien Lauf lassen zu können. Leonie tat, was sie schon immer gut gekonnt hatte: Sie hörte zu. Und dann versuchte sie, die Situation auf ein pragmatisches Niveau zu reduzieren.

»Ich finde es gut und richtig, dass du ihm keine Szene gemacht hast«, begann sie, und ihr Tonfall wechselte von säuselnd zu resolut, »der Job ist wichtig für seine berufliche Zukunft, und er wird nicht ewig in der Wüste bleiben. Die Hochzeitsreise könnt ihr jederzeit nachholen. Ich an deiner Stelle würde den Urlaub aufsparen und gleich morgen wieder im Museum antreten. Sieh es positiv! War da nicht eine Restaurierungsarbeit, für die du absolut Feuer und Flamme bist? Geh arbeiten, das lenkt dich von deinem Jammer ab.«

»Hast recht! Wie immer!«, stimmte Feline mit einem Lächeln zu. Die klare Ansage tat ihr gut. »Ich habe da ja meinen Giacomo Favretto. Der wartet bestimmt schon sehnsüchtig auf mich.«

»Deinen Giacomo wer? Ein kleiner Italiener? Was sagt Niklas dazu?« Leonie sah sie irritiert an, und Feline musste zum ersten Mal an diesem Tag herzhaft lachen.

»Giacomo ist sehr alt, ein bisschen heruntergekommen und verwittert. Der ist nicht aus Fleisch und Blut. Der ist aus Leinwand und Farbe.«

* * * * *

Feline stürzte sich in die Arbeit. Stunden um Stunden verbrachte sie konzentriert zwischen Pigmentfläschchen, Terpentinöl, Bindemitteln, Zobelpinseln und Farbpaletten mit »ihrem Giacomo«, wie sie das romantische Gemälde des italienischen Meisters liebevoll nannte. Ihr Sachverstand, ihre Neigung zur Akribie und ihr besonders feinfühliger Umgang mit den teils arg ramponierten Schätzen, die ihr anvertraut wurden, machten sie seit nun schon vier Jahren zu einer geschätzten Mitarbeiterin der Restaurationsabteilung im Museum.

Hier hatte sie bereits das Praktikum vor dem Studium abgeleistet. Und hier hatte sie nach dem Diplom, als sie gerade sechsundzwanzig geworden war, einen Arbeitsplatz gefunden. Besser hätte es gar nicht kommen können! Spätestens seit dem Praxissemester im römischen »Istituto Centrale del Restauro« hatte sie ihre besondere Begeisterung für die italienischen Maler des 19. und frühen 20. Jahrhunderts entdeckt. Ab und zu erfüllte sie auch externe Aufträge und war dabei, sich einen gewissen Expertenstatus für ihr liebstes Spezialgebiet zu erarbeiten.

Tagsüber konnte sie den Trennungsschmerz ganz gut betäuben. Doch die Abende ohne Niklas waren einfach nur scheußlich. Meist flüchtete sie sich zu Leonie oder ging mit Kollegen essen und fürchtete den Moment, wenn sie dann doch irgendwann in die einsame Wohnung zurückkehren musste. Er rief jeden Abend an. Nie verpasste sie den verabredeten Zeitpunkt. Aber was für ein mieser Trost war schon ein Telefongespräch für eine frisch verheiratete junge Frau? Er fehlte ihr. Er fehlte ihr furchtbar! Niklas war in Dubai unabkömmlich und konnte noch immer nicht abschätzen, wie lange sich der Projektauftrag hinziehen würde. Nicht einmal ein paar freie Tage oder wenigstens ein gemeinsames Wochenende waren in Sicht. Sogar seinen Geburtstag würden sie demnächst getrennt verbringen müssen.

Niklas ging offenbar völlig in seiner Aufgabe auf, machte einen hochzufriedenen Eindruck und klang durchweg begeistert. Er hatte sich mit dem Schweizer Architekten angefreundet, der das Bauprojekt ständig vor Ort betreute, und erzählte Feline von abenteuerlichen Ausflügen in die Wüste und orientalischen Abendveranstaltungen wie aus Tausendundeiner Nacht. Erzählungen, bei denen ihr um die Standhaftigkeit ihres Mannes angst und bange wurde. Sie hätte sich durchaus ein bisschen mehr Sehnsucht in seiner Stimme gewünscht. Aber so hoffnungsvoll sie auch lauschte: Er klang einfach nicht sehnsüchtig! Niklas war mit sich und der Welt vollkommen im Reinen. Und Feline litt!

Drei Wochen nach seinem Abflug geschah endlich etwas, das sie aus der Traurigkeit herausholte, die sie mühsam zu bekämpfen versuchte. Feline sprang vor Begeisterung durch das Atelier, als die Nachricht kam, und zog sich in ein stilles Eckchen zurück, um Niklas anzurufen. Sie hatte Glück und erwischte ihn sofort.

»Niklas, ich muss dir was erzählen!«, sagte sie atemlos. »Mein schönster Traum wird wahr …«

»Ich dachte immer, ich bin dein schönster Traum?!«, knurrte er und klang etwas beleidigt.

»O Gott, nein … bitte, Niklas, das bist du ja auch!«, rückte sie das Missverständnis gerade. »Ein beruflicher Traum … das ist doch was ganz anderes!«

»Darauf kann ich schlecht eifersüchtig sein«, bekannte er und klang jetzt interessiert. »Worum geht es? Erzähl!«

»Stell dir vor: Ich habe einen Auftrag in Venedig bekommen! Ein Favretto, Niklas! Mein Giacomo! Gerade habe ich die ›Idilio‹ hier fertiggestellt, da folgt schon der nächste. Ist das nicht wundervoll? Venedig! La Serenissima, die Stolze, die Schöne! Du weißt doch, wie gerne ich schon immer mal nach Venedig wollte. Jede Menge zusammengehortete Kunst aus Jahrhunderten, Kanäle, Gondeln, und bald beginnt dort der Karneval. Ich habe zwar keine Ahnung, wie die gerade auf mich gekommen sind, aber … egal, ich bin so glücklich. Was sagst du?«

Einen kleinen Moment lang herrschte Stille am anderen Ende der Leitung, und Feline war schon drauf und dran, ihre Euphorie zu rechtfertigen.

Ich habe vor Kurzem alle gemeinsamen Träume für deine beruflichen Herausforderungen aufgegeben und war wirklich tapfer. Jetzt bist du dran! Es ist so eine Wahnsinnsgelegenheit, mich zu beweisen …

Sie musste es nicht aussprechen. Als Niklas schließlich antwortete, hatte sie sogar das Gefühl, dass ein bisschen Stolz in seiner Stimme mitschwang.

»Du bist eben die Beste für diesen Job! Einige Visitenkarten hast du doch dafür nun schon abgegeben. Kein Wunder, dass man dich engagiert. Vielleicht sind sie durch den Artikel letztens in der ›Kunst Heute‹ aufmerksam geworden. Wann sollst du denn fahren?«

»Der Bericht über die ›Idilio‹, na klar! Das ist natürlich möglich. Du, meine Auftraggeberin hat es eilig. Sie erwartet mich schon am Samstag.«

Sie war erleichtert, dass er ihre Freude teilte. Aber im nächsten Augenblick bekam sie einen Dämpfer, der ihr mitten in den Magen fuhr.

»Schade! Am nächsten Wochenende wollte ich mich in den Flieger setzen, um für ein paar Tage nach Hause zu kommen. Ich wollte dich überraschen. Ich dachte, wir feiern meinen Geburtstag zusammen. Aber wenn du in Venedig bist, muss ich mich eben hier vergnügen.«

»Och nö«, jaulte Feline gequält auf, »das darf doch nicht wahr sein! Mann, was für eine saublöde Situation! Nichts wäre schöner, als dich endlich für ein paar Tage bei mir zu haben. Du fehlst mir so! Was glaubst du, wie schrecklich es ist, jede Nacht allein in unserem Bett zu liegen. Deine Wärme, dein Geruch, deine Hände! Niklas, es ist einfach nur scheußlich. Soll ich Venedig absagen und hierbleiben?«

Alles in ihr krampfte sich zusammen. Sollte sie verzichten? Das märchenhafte Angebot ablehnen und es für ein paar wundervolle Tage mit ihm eintauschen? Ließ sich der Auftrag vielleicht verschieben?

Niklas zog einen Schlussstrich unter ihre Überlegungen: »Kommt gar nicht infrage! Mein Flug ist noch nicht gebucht. Dann holen wir das eben nach. Es ist nur fair, dir jetzt nicht das Herz schwerzumachen. Ich weiß doch, wie gerne du immer schon mal nach Venedig wolltest. Außerdem hast du für meine berufliche Zukunft verzichtet und ich tue jetzt dasselbe für deine. Keine Diskussion, du fährst! Wir können es ja mal mit Telefonsex probieren. Das soll auch ganz nett sein.«

»Wir werden noch berühmt als das Paar mit den verschobenen Gelegenheiten«, seufzte Feline, »aber ich bin dir sehr dankbar, dass du mir die Entscheidung so leichtmachst. Ich kann nicht einschätzen, wie viel Zeit ich in Venedig brauchen werde. Zunächst soll ich das Gemälde begutachten, und daraufhin will die Besitzerin des Favretto entscheiden, wie wir verfahren. Aber sag mal, mir kommt da gerade eine Idee: Wir wäre es denn, wenn wir uns in Venedig treffen? Wir beide in der Flitterwochenstadt! Ob du hierher fliegst oder nach Venedig – das macht doch keinen Unterschied, oder?«

Wieder hüllte sich Niklas kurz in Schweigen, ehe er antwortete. »Ach, ich weiß nicht … Das bringt es doch nicht. Du fährst zum Arbeiten dorthin. Da hätten wir doch gar nicht viel Zeit füreinander. Nein, Kätzchen, fahr einfach und mach dir ein paar schöne Tage mit deinem Giacomo. Ich freu mich für dich und bin bei diesem angestaubten Herrn sogar kein bisschen eifersüchtig.«

Auch wenn er auf ihren spontanen Vorschlag nicht eingegangen war: Er klang so nah, so verständnisvoll, so zärtlich. Feline atmete tief durch, als sie nach dem üblichen Küsschenaustausch aufgelegt hatte, der jedes Telefongespräch zwischen ihnen beendete.

* * * * *

Feline entschloss sich, mit der Bahn zu fahren. Sie hatte schon immer mit Flugangst zu kämpfen gehabt, und der Winter zeigte sich derzeit von der stürmischen Seite. Ein Orkantief folgte dem nächsten. Im Flieger durchgerüttelt zu werden erschien ihr wenig einladend. Also buchte sie die Overnight-Verbindung über Dresden, wo sie bis Wien ein Schlafwagenabteil bekommen konnte und gegen Mittag Venedig erreichen würde.

Noch im Atelier sortierte sie alle nötigen Utensilien für die zu erwartende Arbeit in den übersichtlich unterteilten Koffer, den sie ihren »Erste-Hilfe-Kasten« nannte. Er war schwer, und sie hoffte, dass sie ihn beim zweimaligen Umsteigen nicht allzu weit schleppen müsste. Der Wetterbericht für Venedig klang nicht erheblich freundlicher als der für Berlin. Das heranziehende Tief sollte die Lagune genauso wenig verschonen wie die deutsche Hauptstadt. Feline packte vorwiegend warme, wetterfeste Sachen ein. Der offene Koffer stand auf dem Bett. Daneben lümmelte Leonie, die sich angeboten hatte, sie zum Bahnhof zu fahren.

»Hast du Gummistiefel eingepackt?«, fragte sie.

»Was soll ich denn mit Gummistiefeln? So wild wird’s doch hoffentlich nicht werden.«

»Da wäre ich mir aber gar nicht so sicher. Im Winter haben die ständig Hochwasser in Venedig. Ich glaube, das heißt da ›Aqua Alta‹«, gab Leonie zu bedenken. »Da watet man dann knöcheltief durchs Wasser. Ich glaube, es gibt nettere Jahreszeiten, um Venedig zu besuchen.«

Feline schüttelte den Kopf. »Die letzten Gummistiefel, an die ich mich erinnern kann, standen unterm Weihnachtsbaum, als ich vielleicht vier war. Ich weiß noch genau, dass ich ganz wild drauf war; frag mich nicht, warum, vielleicht hatte ich damals einen frühkindlichen Gummifetisch. Aber seitdem brauchte ich nie wieder welche.«

»Dann musst du dir eben notfalls dort welche kaufen«, meinte Leonie und sprang der Freundin zu Hilfe, um das maulsperrende Monster von Koffer zuzubekommen.

»Hättest du sowieso nicht mehr reingekriegt«, konstatierte sie und warf sich mit ihrem ganzen beachtlichen Gewicht auf den Kofferdeckel, während Feline sich abmühte, den Reißverschluss zu schließen.

Es blieb gerade noch Zeit für einen Kaffee in der Küche.

»Igitt, was klebt da eigentlich so an der Tischkante?«, fragte Leonie und versuchte sich einen Fleck von ihrem Sweatshirt zu rubbeln.

»Ups, da hab ich wohl den Honig nicht ganz wegbekommen«, grinste Feline.

»Wenn ich du wäre, würd ich den ja aufs Brötchen und nicht auf die Möbel schmieren!«, empfahl Leonie und tat sich schwer, ernst zu bleiben. Feline fing an zu prusten. »Was glaubst du, wo man den alles hinschmieren kann … so im Eifer des Gefechts in der Hochzeitsnacht …«

»Nee, oder? Das ist doch wieder typisch Niklas! So ganz normal im Bett geht bei dem nicht, was?«, gackerte Leonie.

»Niklas ist ein Wassermann. Weißt du doch. Man sagt ja, die seien immer für Ausgefallenes zu haben.«

»Also ich trau ja diesen astrologischen Mythen nicht so ganz. Aber gut, wenn du sagst, dass das typisch für dieses Sternzeichen ist. Ich hatte erstens noch keinen und bin zweitens gar nicht sicher, ob ich einen will.«

»Ach doch, ich schon … da wird’s zumindest nie langweilig«, sagte Feline und wischte sich die Lachtränen aus dem Gesicht.

»Gib mal ’n nassen Lappen«, forderte Leonie kopfschüttelnd und wischte erst über ihren Bauch und dann über die klebrige Tischkante. Mit leisem Ächzen nahm das alte Möbelstück die Behandlung hin.

»Den musst du mal wieder festschrauben«, empfahl Leonie mit süffisantem Grinsen, »sonst kracht der euch beim nächsten Küchenakt zusammen.«

»Ich denk dran! Obwohl ich nicht glaube, dass der Tisch noch mal zu solchen Ehren kommt. Ist doch jetzt nix Neues mehr. O Shit, guck mal auf die Uhr. Wir müssen los!«

»Avanti!«

* * * * *

Feline hatte das Abteil bis Dresden ganz für sich alleine und vertrieb sich die Zeit damit, WhatsApp-Nachrichten mit Niklas auszutauschen. Später lud sie sich einen Venedig-Reiseführer aufs Smartphone herunter. Sie entdeckte tausend Dinge, die sie sich unbedingt ansehen wollte, und ihre Vorfreude wuchs mit jedem Kilometer, den der Zug zurücklegte. Vor den Fenstern eilte die sturmgepeitschte Landschaft im Dunklen vorbei.

In Dresden hatte Feline nur sieben Minuten zum Umsteigen. Mit einem Seufzer schloss sie die Tür ihres Schlafwagenabteils. Wunderbar! Das obere Bett schien leer zu bleiben. Es steckte nur ihre Reservierungskarte in dem Halter an der Wand.

Sie setzte sich auf das ausgeklappte Bett und rief Niklas an.

»Hallo, Kätzchen, wo bist du?«

»Ganz allein in meinem Abteil auf dem Weg nach Wien. Ach, es wäre so toll, wenn du da wärst. Das Bett ist ziemlich breit. Wir könnten es uns richtig gemütlich machen.«

»Ah, fangen wir schon mal an mit dem Telefonsex?«

»Wenn ich dich damit von irgendwelchen Bauchtänzerinnen ablenken kann, gerne«, säuselte Feline.

»Also bitte!« Niklas klang empört. »Du glaubst doch wohl nicht im Ernst, ich würde …«

»N…jein«, provozierte Feline, denn sie wollte ihm ein bisschen mehr an Liebeserklärungen entlocken. Sie fühlte sich einsam und verlassen, und einige Nächte lang hatte sie sich schon schlaflos die tollsten Szenarien ausgemalt. Niklas hingestreckt auf einem plüschigen Diwan, umtanzt von einem halben Dutzend geheimnisvoller, knapp bekleideter arabischer Schönheiten. Das war ihr quälendstes Bild. So albern und klischeehaft sie es auch bei Licht betrachtet immer wieder fand: Ihre Fantasie trieb muntere Blüten, und sie brauchte jetzt einfach eine Beteuerung seiner unverbrüchlichen Treue.

»Feline, ich liebe dich. Und nur dich! Es gibt keinen Grund, eifersüchtig zu sein. Niemals, ich schwöre dir, niemals würde ich auf die Idee kommen, dich zu betrügen, dich zu enttäuschen. Ich habe mich endgültig für dich entschieden und ich will, zum Teufel noch mal, keine andere Frau. Du fehlst mir genauso. Nichts würde ich lieber tun, als jetzt mit dir im Schlafwagen durch die Nacht zu fahren, dich in den Armen zu halten und alle möglichen dollen Sachen mit dir anzustellen.«

»Hach! Schööön!«, hauchte sie ins Handy. »Es tut richtig gut, wenn du so was sagst. Das kannst du ruhig öfter machen.«

»Ich werd’s mir merken«, beteuerte er ernsthaft. »Gehst du jetzt gleich schlafen oder noch was essen? Die Restaurants in der Bahn sollen ja ein bisschen besser geworden sein. Vielleicht nicht unbedingt Orient-Express-Qualität, aber angeblich genießbar.«

»Ja, ich probiere mal, wenigstens einen abgestandenen Kaffee und eine harte Laugenbrezel zu bekommen, und leg mich dann bis zum Umsteigen hin. Wenn ich in Venedig bin, meld ich mich, okay?«

»Schlaf gut, mein Herz, und träum was Schönes. Möglichst ohne Bauchtänzerinnen!«

»Die verbanne ich alle hinter bombensichere Serail-Türen und setze einen fetten Eunuchen davor. Besser zwei.«

Lachend verabschiedeten sie sich und schickten heiße Kusssalven durch den Äther.

Eine halbe Stunde später versuchte Feline in ihrer Koje Schlaf zu finden. Das warme Käsebaguette war wirklich nicht schlecht gewesen. Statt des Kaffees hätte sie allerdings lieber einen kleinen Rotwein-Schlummertrunk nehmen sollen. Selbst das gleichmäßige Rattern des Zuges wirkte durchaus nicht einschläfernd. Zunächst gelang es ihr nur, ein bisschen zu dösen. Irgendwann schlief sie dann aber doch fest ein, bis ihr Handy sie früh um sechs weckte. Nach einer kurzen Dusche, die überraschend heiß ausfiel, zog sie sich an, packte ihre Siebensachen und stand bereit, als der Zug auf die Minute pünktlich in Wien einfuhr.

Nächste und letzte Etappe! Der Zug war voll, aber Feline genoss das ausgesprochen gute Frühstück mit warmen Croissants, Marmelade aus kleinen Plastiktöpfchen, frischem Kaffee und ließ gut gelaunt die Berge mit ihren verschneiten Gipfeln an sich vorbeiziehen. Der Sturm hatte sich halbwegs gelegt, ab und zu blinzelte sogar die Sonne durch die Wolken.

Gegen Mittag erhielt sie einen Anruf von ihrer Auftraggeberin, Signora Ferrara, die versprach, sie am Bahnhof abzuholen. Ihr Deutsch war erstaunlich gut. Sie hatte nur einen kleinen Akzent, den Feline nicht genau bestimmen konnte.

Die Landschaft wurde flacher, schon glaubte sie, die Nähe des Meeres zu spüren. Dann ließ der Zug den hässlichen Bahnhof von Mestre hinter sich und fuhr mit verminderter Geschwindigkeit den Damm entlang, der das Festland mit dem Herzen Venedigs verband. Der Anblick war atemberaubend. Noch war das Meer vom Sturm aufgepeitscht, aber die zerfetzten Wolken waren aufgerissen und ließen helle Sonnenkaskaden durchscheinen.

Das heitere Licht Italiens … Goethe hatte schon recht damit, es als etwas Besonderes zu beschreiben.

Sie öffnete das Fenster, nahm einen tiefen Zug der frischen Meeresbrise und ließ den Blick über die zauberhafte Kulisse schweifen. Von Weitem zeichneten sich die Kuppeln von San Marco ab. Daneben der Campanile, alles überragender Glockenturm des Doms und das Wahrzeichen der Stadt. Der Zug erreichte den Bahnhof Santa Lucia. Schon von dort aus konnte sie den ersten Blick auf die herrlichen Fassaden der Bauwerke am Canal werfen. Kribbelnde Spannung machte sich in Felines Bauch breit.

Der Strom der Reisenden ergoss sich auf den Bahnsteig, und sie sah sich suchend um. Wie sollte sie Signora Ferrara erkennen? Sie hatte noch nicht einmal eine Ahnung, wie alt ihre Auftraggeberin war, geschweige denn ein Foto von ihr gesehen. Alles, was sie wusste, war, dass sie die Eigentümerin des Geburtshauses ihres geliebten Giacomo Favretto war, das direkt am Canal Grande lag, und dass sie den Palazzo in ein First-Class-Hotel umgewandelt hatte. Sie beschloss zu warten, bis sich die Touristen verlaufen hatten, und setzte sich auf eine Bank.

Als sich das Gewimmel lichtete, entdeckte sie die Signora. Die hielt genauso suchend nach ihrem Gast Ausschau und hatte kaum zehn Meter entfernt gestanden. Die Blicke trafen sich. Ein Lächeln, ein Ahnen, der Entschluss, sich erkannt zu haben. Unbefangen kam die Signora auf sie zu. Feline schätzte sie kaum älter als sich selbst. Aber sie wirkte in ihrem dunklen Kostüm unter dem offenen hellen Wollmantel, mit den hochhackigen kniehohen Stiefeln und der akkuraten Hochsteckfrisur außerordentlich elegant. Die Begrüßung war so herzlich, dass Feline sich in ihrer Gegenwart sofort wohlfühlte.

»Sie haben die Sonne mitgebracht und müssen Feline sein, die Retterin meines Favretto!«

»Stimmt, die bin ich! Und Sie sind Signora Ferrara«, strahlte Feline. »War es hier auch so furchtbar stürmisch?«

»Ja, noch ein Sturmtag mehr und wir hätten wieder Hochwasser gehabt. Ich bin Sofia! Bitte nennen Sie mich Sofia, Feline.«

»Sehr gerne, Sofia! Ich bin so gespannt auf Ihr Gemälde, auf die Stadt …«

»Kommen Sie, kommen Sie! Wir nehmen das Vaporetto. Es ist nicht weit.«

Beherzt griff sie nach einem von Felines Koffern. »Uh, ganz schön schwer für so eine donna fragile wie Sie«, stöhnte Sofia und rief entschlossen einen jungen Burschen als Träger heran, der rauchend auf einer Bank lümmelte und den beiden Frauen unverhohlen unter seinem tief in die Stirn gezogenen Cap hervor bewundernde Blicke zuwarf. In null Komma nichts hatte sie ihn um den Finger gewickelt. Der Junge schleppte eifrig die Koffer bis zum Wassertaxi, und Feline meinte trotz ihrer geringen Italienischkenntnisse, einen ganzen Haufen Komplimente zu hören. Sein Gesichtsausdruck sprach jedenfalls Bände. Dann ließ er sich unter wortreichem Protest doch noch von Sofia einen kleinen Geldschein in die Hand drücken und trollte sich zufrieden.

Die beiden stiegen ins Boot, und Sofia sagte augenzwinkernd: »Italienische Männer lieben schon als Knaben schöne Frauen.«

»Das habe ich gemerkt«, gab Feline lachend zurück, »aber es klappt auch in Deutschland vieles mit einem Lächeln.«

Unter der Ponte degli Scalzi hindurch startete das Boot seine Fahrt auf dem Kanal. Schlichte Fassaden mit Grundmauern, denen man besonders im unteren Bereich den gnadenlosen Ansturm des Wassers über die Jahrhunderte ansah, wechselten sich ab mit großartigen Palazzi. Teils waren sie zur Renovierung eingerüstet, teils strahlten sie in einer majestätischen Schönheit, die Feline sprachlos machte. Sie hörte den Erläuterungen ihrer Gastgeberin höflich, aber nur mit halbem Ohr zu. So viel Neues, so Wunderbares! Erschlagend und atemberaubend.

Die Fahrt war für ihren Geschmack viel zu schnell vorbei. Das Boot hielt zwischen den blau-weiß geringelten »Pali« vor dem Hotel »San Cassiano Ca’Favretto«. Mit seiner venezianisch roten Gotik-Fassade und den zweieinhalb Stockwerken wirkte es fast ein bisschen unscheinbar neben seinem monumentalen barocken Nachbarn zur Rechten.

»Vierzehntes Jahrhundert«, erklärte Sofia, »Sie können sich nicht vorstellen, Feline, was die Sanierung verschlungen hat.«

»O doch, das glaube ich sofort«, entgegnete sie und kletterte auf den hölzernen Anlegesteg, der offensichtlich gleichzeitig als Terrasse diente.

Koffer hatte sie nun nicht mehr zu schleppen, denn sofort erschien ein livrierter Angestellter, begrüßte die beiden und trug alles ins Haus. Feline musste ihren ersten Eindruck sofort revidieren. Im Inneren empfing sie eine Großzügigkeit, mit der sie nie gerechnet hätte. Die schmale Front hatte nicht vermuten lassen, wie weit sich das Gebäude nach hinten erstreckte.

Dunkle Edelhölzer, viel weißer und roter Marmor, vergoldeter Stuck, wunderschöne Kronleuchter und antike Teppiche schufen ein dezent luxuriöses und gleichzeitig gemütliches Ambiente.

»Ich zeige Ihnen Ihr Zimmer. Dann lasse ich Ihnen ein Stündchen zum Frischmachen und hole Sie zu einem kleinen Imbiss ab«, schlug Sofia vor, und Feline war dankbar für ein bisschen Ruhe nach der langen Reise. Als Erstes legte sie sich mit ihrem Handy auf das pompöse Bett und rief Niklas an.

»Ich bin gerade angekommen. Wenn du wüsstest, in welchem Luxus ich hier bade! Alles golden und rot, Stuck, Brokat, und ein Bett … ich sage dir, dagegen ist dein orientalischer Plüschdiwan gar nix!«

»Mein orientalischer Diwan, der gar nicht existiert«, hörte sie ihn lachen. »Schön breit, deine Schlafstatt? Nicht dass du mir auf die Idee kommst, dir da irgendeinen heißblütigen Italiener reinzulegen!«

Feline gluckste: »Hast du da Sorge? Irgendwie gefällt mir das. Ach ja, weißt du, diese Stadt hat schon eine verdammt erotische Ausstrahlung. Ich bin gespannt, was mir hier alles so begegnet und was Venedig mit mir macht. Ich bin da ganz offen für neue Erfahrungen.«

»Feline! Ich warne dich! Du flötest! Wenn du flötest, bist du mir immer ein bisschen zu viel Kätzchen. Reichlich rolliges Kätzchen. Muss ich etwa doch kommen, um auf dich aufzupassen?«

»Tja, wer weiß?«, frozzelte sie gut gelaunt und hatte einen Heidenspaß daran, ihn etwas eifersüchtig zu machen. Und er sprang so schön drauf an! Also setzte sie noch eins drauf: »Du, morgen beginnt hier der Karneval. Und wenn ich ein bisschen freie Zeit habe, werde ich mich mal ins Getümmel stürzen. Was meinst du? Ob die Sitten hier während der närrischen Tage auch so locker sind wie bei uns im Rheinland?«

Seine Antwort fiel jetzt allerdings genau so aus, wie sie es nicht erhofft hatte. »Ja, Kätzchen, schau dir das mal alles schön an, genieße es und tu, was dir Spaß macht. Diese Gelegenheit ergibt sich so schnell nicht wieder. Auch wenn du ja eigentlich zum Arbeiten und nicht zum Vergnügen in Venedig bist, oder habe ich da was falsch verstanden?«

Spielverderber! Und dann auch noch dieser arrogant-süffisante Ton. Bah, ich kann ihm aber auch gar nichts vormachen. Er kennt mich einfach viel zu gut.

Feline ärgerte sich über sich selbst. Es hatte keinen Sinn, ihn auf diese Art zu provozieren. Er ließ sich letztlich doch nicht richtig drauf ein. Jedenfalls nicht, wenn sie diesen speziellen Tonfall wählte, den er »flöten« nannte. Ganz anders reagierte er, wenn sie einfach nur mitteilte, dass sie traurig war ohne ihn an ihrer Seite. Dann konnte er so zärtlich, so wunderbar tröstend und einfach bezaubernd sein. So verliebt, wie sie war, wollte sie eigentlich auch gar nichts anderes und wechselte blitzschnell die Strategie.

»Signora Ferrara kommt mich gleich holen, Liebling. Ich bin sehr gespannt auf den Favretto. Viel gespannter jedenfalls als auf alle lebendigen Italiener. Egal, wie heißblütig sie auch sind.«

So berechenbar sie für ihn war, so vorhersehbar war seine Reaktion für sie. Niklas schaltete sofort auf die sachlich interessierte Schiene um. »Ruf mich heute Abend an, ja? Dann weißt du vielleicht schon etwas genauer, wie lange du in Venedig bleiben musst. Ich vermiss dich, Kätzchen!«

»Und ich werde heute Nacht sehnsuchtsvoll durch die Gassen und Kanäle heulen. Vielleicht hörst du mich ja.«

»Auf die Entfernung? Findest du meine Ohren so groß?«

»Quatsch! … Ich dachte, nur so im Herzen.«

»Ach Süße … ich liebe dich!«

* * * * *

Signora Ferrara war pünktlich. Feline hatte sich inzwischen umgezogen und freute sich darauf, den Favretto, den eigentlichen Anlass ihres Aufenthaltes, zu sehen. Nach einer kleinen Mahlzeit aus Obst, kleinen Gebäckstückchen mit teils pikanter, teils süßer Füllung und zwei Tassen köstlichen Espressos in der Privatwohnung ihrer Gastgeberin war es endlich so weit.

Sofia öffnete einen Raum, der im hellen Nachmittagslicht lag. Mitten in dem großzügigen Zimmer stand eine abgedeckte Staffelei. Sie zog vorsichtig das Tuch zurück, und die Wintersonne fiel direkt auf ein querformatiges Gemälde in prächtigen Farben. Eine Karnevalsszene, ein großzügiger Salon, in dem sich drei maskierte Paare galant vergnügten. Keusch, gemessen an den Gepflogenheiten der Gegenwart, höchst sinnlich für die Entstehungszeit des Bildes. Feline sagte zunächst nichts, trat näher an die Staffelei heran und betrachtete das Gemälde von Nahem.

Sie spürte Sofias Blick in ihrem Nacken. Und sie konnte sich genau vorstellen, wie gespannt ihr Gesichtsausdruck sein musste. Schließlich wurde sie zu einem Favretto gerufen! Feline hatte keine Zweifel. Langsam drehte sie sich um, schüttelte bedauernd den Kopf.

»Liebe Sofia … ich will nicht lange drum herumreden. Das ist kein Favretto.«

»Kein Favretto? Wirklich nicht?«

Feline sah, wie sich die Miene der Signora in Enttäuschung wandelte, und fuhr schnell fort: »Ich bin mir zu neunundneunzig Prozent sicher, dass wir es hier mit einem Werk Alessandro Milesis zu tun haben. Ein Zeitgenosse Favrettos. Der Stil und die Motive sind sehr ähnlich. Und jetzt gucken Sie nicht so enttäuscht! Der eine ist nicht weniger wertvoll und beachtenswert als der andere.«

Ein helles Lächeln huschte über Sofias Gesicht. »Kein bedeutungsloser Straßenmaler?«

»Aber nein, ganz sicher nicht! Und das Bild ist in einem ganz ordentlichen Zustand. Ich muss es mir noch ganz genau ansehen, aber ich denke, in ein paar Tagen habe ich die Schäden behoben. Ist es einmal feucht geworden? Hier unten an der Ecke, schauen Sie mal, das sieht so aus, als hätte der Rahmen im Nassen gestanden. Da ist anscheinend Feuchtigkeit in die Leinwand hochgezogen.«

Sofia rückte näher heran und betrachtete die Stellen, die Feline ihr zeigte. »Ich bin ein wenig traurig, denn in die Casa Favretto hätte natürlich ein Bild dieses Meisters gepasst. Aber wenn Sie sagen, dieser … wie heißt er doch?«

»Milesi.«

»Wenn dieser Milesi kein Schundmaler gewesen ist, dann lohnt es sich aber doch, in die Restaurierung zu investieren, oder?«

»Natürlich lohnt es sich!«, erwiderte Feline vehement. »Und ich mag das Bild sehr. Finden Sie nicht auch, dass es eine reizende Szene ist? Ich würde sie vielleicht gut ausgeleuchtet in die Bar hängen, damit Ihre Gäste sich inspirieren lassen können.«

Signora Ferrara atmete erleichtert auf. »Wir haben das Bild beim Renovieren im Keller gefunden. Und Sie haben recht: Es stand in einer feuchten Ecke. Ein Wunder, dass die Farben noch so leuchten, nicht?«

»Wenn alte Ölgemälde so empfindlich wären, hätten sich nicht so viele über Jahrhunderte gut erhalten, Sofia. Erst wenn sie in Museen hängen, werden sie vollklimatisiert aufbewahrt, damit sie sich möglichst nicht mehr verändern. Aber bis dahin haben sie eine Geschichte, die man ihnen ansehen darf. Wir wollen heute als Restauratoren gar nicht mehr alles übermalen, damit es aussieht wie neu. Bilder leben, man darf ihnen nicht den Charakter nehmen. Und die meisten, die wir heute so bewundern, existieren schon viel länger, als wir beide zusammen je alt werden.«

»Tja, ob wir noch so ansehnlich sind, wenn wir uns dem Ende der Lebenszeit genähert haben, wage ich zu bezweifeln«, scherzte Sofia, und Feline nahm lachend den Faden auf: »Genau! Und weil unsere Erschaffer erheblich weniger bekannt sind, wird man uns leider auch nicht hübsch konservieren und ausstellen.«

»Lassen Sie uns du zueinander sagen, Feline, einverstanden? Du bist mir so sympathisch«, schlug Sofia vor und lief bei ihrem Gast offene Türen ein.

Feline begann sofort mit der Arbeit an dem ramponierten Gemälde und hatte mit Sofia interessierte und amüsante Gesellschaft. Sie wagte sogar ein bisschen ihr Herz auszuschütten und erzählte von der geplatzten Hochzeitsreise.

»Ich hoffe, dein Aufenthalt bei mir kann dich ein bisschen entschädigen. Ich bin im Augenblick zufällig auch Strohwitwe. Morgen beginnt offiziell der Karneval. Wir könnten auf den Markusplatz gehen und zuschauen, wie der Engel vom Campanile herunterschwebt. Es wird dir gefallen. Selbst für uns Venezianer ist das jedes Jahr aufs Neue ein hübsches Erlebnis. All die schönen Kostüme, die ausgelassene Stimmung … hast du Lust?«

»Und ob ich Lust habe! Vor allem, wenn du mich begleitest. Ich würde sowieso wahnsinnig gern möglichst viel von der Stadt sehen.«

»Schau dich doch heute noch etwas hier im Viertel um, und morgen machen wir eine kleine Touristenführung. Abends ist es für mich schwierig, wegzukommen, da muss ich mich um die Hotelgäste kümmern.«

»Super! Dann mache ich mich jetzt gleich auf die Socken. Herr Milesi muss sowieso nach diesem Arbeitsschritt trocknen. Viel kann ich heute nicht mehr schaffen.«

* * * * *

Sofia hatte Feline mit einem Stadtplan ausgestattet. Es war kühl geworden. Die Sonne sank schon, und in der hereinbrechenden Dämmerung war es fast ein wenig unheimlich in den Gassen, die zum Teil so eng waren, dass kaum zwei Leute aneinander vorbeipassten. Leichter Nebel war aufgestiegen und waberte über die schmalen Kanäle, die Feline auf ihrer ersten Erkundungstour überqueren musste.

Sie hatte als Ziel die schlichte Franziskanerkirche mit dem klangvollen Namen »Santa Maria Gloriosa dei Frari« ausgesucht, die ganz in der Nähe lag. Bestimmt ein interessantes Kontrastprogramm zum prächtigen Dom »San Marco«, den sie morgen gemeinsam mit Sofia besichtigen würde. Nach der Arbeit und dem ewigen Herumsitzen im Zug wollte sie sich jetzt einfach nur die Füße vertreten. Außerdem wusste sie aus dem Reiseführer, den sie im Zug studiert hatte, dass die Basilika gleich zwei Tiziangemälde beherbergte. Und die wollte sie sich nicht entgehen lassen.

Schnell hatte sie den gewaltigen Ziegelbau erreicht und drückte versuchsweise die Klinke. Wie es sich für eine römisch-katholische Kirche gehörte, war die Tür tatsächlich nicht verschlossen und Feline trat in den hohen, hallenartigen Innenraum. Außer ihr war offenbar niemand da. Das letzte Sonnenlicht fiel durch die bunten Fenster neben dem Altar, und sie setzte sich in der ersten Reihe auf eine spartanische Holzbank, um das farbenprächtige Altargemälde auf sich wirken zu lassen. Ganz still und andächtig saß sie da, beeindruckt von der unnachahmlichen Kunst des alten Meisters, und nahm kaum wahr, dass das Tageslicht mehr und mehr verging, bis nur noch der spärliche Schein der kleinen Leuchter das Gotteshaus erhellte. Die Vollkommenheit, die Schönheit der Auferstehungsszene Mariens entrückte sie so sehr, dass sie alles um sich herum völlig vergaß.

Bis sich ein seltsames Gefühl in ihr auszubreiten begann. Feline versuchte, es zunächst zu ignorieren und sich weiter ganz auf die Wirkung des Tizian zu konzentrieren. Doch es schlich sich näher, wurde intensiver, war plötzlich so gegenwärtig, dass sie es nicht mehr übersehen konnte. Es war das Gefühl, beobachtet zu werden!

Ruckartig drehte sie sich um. Da war niemand. Sie war allein. Umso unbehaglicher wurde ihr. Alle Sinne waren im Dämmerlicht geschärft. Sie wandte den Blick noch einmal dem Altar zu, versuchte, den eben gefühlten Zauber des Gemäldes erneut heraufzubeschwören, aber es gelang ihr nicht mehr.

Feline sprang auf. Es nützte nichts, dass sie sich ins Bewusstsein rief, wie wenig angemessen hastige Bewegungen in der ehrfurchtgebietenden Atmosphäre der Kirche waren. Sie wollte nur raus. Aufatmend stand sie Sekunden später auf dem Campo. Kalte Abendluft empfing sie, und Feline knöpfte mit klammen Fingern den Mantelkragen zu.

Nebel! Viel dichter als vorhin. Sie rief sich ins Gedächtnis, von wo sie gekommen war, glich die Position mit einem Blick auf den Stadtplan ab und machte sich eilends auf den Heimweg.

Das Gefühl, beobachtet zu werden, ließ nicht nach. Feline hetzte durch die menschenleeren Gassen, entlang der schmalen Gehwege, die die Kanälchen säumten, querte einen kleinen Platz, blieb außer Atem stehen und lauschte. Waren da nicht eben noch Schritte gewesen? Im Gleichklang mit ihren eigenen? Sie sah sich suchend um. Abgesehen von zwei Jugendlichen, die sich in aller Ruhe unter einer Laterne unterhielten, war niemand zu sehen.

Sie ging weiter. Eilig, aber bemüht, sich nicht verrückt zu machen. Wieder meinte sie, fremde Schritte zu hören. Wieder blieb sie stehen. Blitzschnell wandte sie sich um. Eine männliche Gestalt drückte sich unter die Arkaden eines kleinen Palazzo. Feline zögerte.

Soll ich den Kerl zur Rede stellen? Womöglich mache ich mich komplett lächerlich, und es ist nur jemand, der denselben Weg hat wie ich. Aber warum versteckt er sich dann, geht nicht einfach weiter, wenn ich anhalte?

Alles war ruhig. Ein Betrunkener kam ihr aus der Gasse entgegen, die sie jetzt nehmen musste, rempelte sie beinahe an, murmelte eine italienische Entschuldigung und wankte an der Stelle vorbei, wo sich die Person verbergen musste, die sie für ihren Verfolger hielt. Der Torkelnde schien keine Notiz zu nehmen, entfernte sich. In Schlangenlinien, aber zügig.

Ich sehe weiße Mäuse! Wer sollte es ausgerechnet auf mich abgesehen haben? Außer meiner Handtasche mit dem Handy und ein bisschen Geld habe ich nichts, was man klauen könnte. Und all diese Häuser sind doch voller Menschen. Ich müsste nur schreien, wenn mir jemand was tun würde, und bekäme sofort Hilfe.

Der Gedanke beruhigte ungemein, und es gelang ihr jetzt, zwar flott, aber ohne Hektik weiterzulaufen. Das Gefühl aber, es bohre sich ein unbekannter Blick in ihren Rücken, wollte nicht nachlassen. Bis zum Hintereingang des Hotels. Erst als die warme, gediegene Atmosphäre der Lobby sie empfing, war es vorbei.

Sofia stand am Empfangstresen und hatte gerade mit eincheckenden Gästen alle Hände voll zu tun. Sie sah kurz auf, winkte ihr lächelnd zu. Feline zog sich den Mantel aus, nahm in einem der tiefen Sessel Platz, bis der Andrang vorbei war, und gesellte sich dann zu ihrer Gastgeberin.

»Wie war’s? Hast du die Basilika gefunden?«

»Wunderschön! Die Kirche ist beeindruckend, der Altar überwältigend. Aber da war etwas ganz Komisches, Sofia. Ich hatte schon das Gefühl, beobachtet zu werden, als ich dort in der Bank saß. Und dann kam es mir so vor, als würde ich auf dem ganzen Weg von irgendjemandem verfolgt. Einmal habe ich sogar gesehen, dass sich dieser Jemand blitzschnell versteckt hat, nachdem ich mich umgedreht hatte. Mir war ganz schön mulmig.«

Sofia lächelte, und ihr Gesichtsausdruck war Feline nicht ganz geheuer.

»Es ist neblig, es ist Karneval, und du bist in Venedig, Feline. Da kann es schon mal passieren, dass die Sinne sich verwirrt fühlen. Denk dir nichts dabei. Geh lieber in den Speisesaal und lass dich verwöhnen.«

Wirklich beruhigt war sie nicht. Aber das großartige Essen, das heitere Ambiente des Hauses und die vergnügte Gesellschaft Sofias am späteren Abend ließen sie das kleine Erlebnis schnell vergessen.

Gegen elf Uhr merkte sie, wie sehr ihr die Anstrengungen der Reise und der lange Tag in den Knochen saßen.

Sie wünschte Sofia eine gute Nacht und war schon auf dem Weg zur Treppe, als diese ihr hinterherrief: »Ach ja, ehe ich es vergesse: Du wirst eine kleine Überraschung in deinem Zimmer finden. Ich hoffe, du freust dich darüber!«

»Eine Überraschung?«

Sofia nickte. »Ja, eine schöne. Du wirst sehen!«

»Ich bin gespannt«, murmelte Feline, wobei der unwiderstehliche Drang zu gähnen so gar nicht zu ihren Worten passte.

Trotz der Ankündigung war die Überraschung gelungen, und plötzlich war Feline wieder hellwach. Ausgebreitet auf ihrem Bett fand sie ein umwerfendes Karnevalskostüm. Ganz in Silber, Hellblau und Weiß, mit irrwitzigen Puffärmeln, schmaler Taille, einem bodenlangen bauschigen Rockteil und extravagantem Kopfputz aus Federn, Tüll, Pailletten und Samt. Daneben lag eine kunstvoll verzierte Halbmaske. Feline stieß einen Begeisterungsschrei aus, hob das Kleid hoch, hielt es an und betrachtete sich in dem riesigen Barockspiegel, der dem Bett gegenüberstand.

Traumhaft schön! Das müsste Niklas jetzt sehen.

Bei dem Gedanken fiel ihr ein, dass sie es den ganzen Abend versäumt hatte, sich noch einmal bei ihm zu melden. Ob es jetzt schon zu spät war? Sie breitete das Kostüm vorsichtig auf dem Sessel aus und setzte sich mitsamt ihrem Handy aufs Bett. Etwas knisterte unter ihrem Po. Sie zog es hervor und hielt eine Einladungskarte in der Hand. Aufgeklappt offenbarte sie in geschwungenen goldenen Lettern den Zweck der Kostümierung. »Palazzo di Michele, 20.00 Uhr«, las sie.

Ob Sofia mitkommt? Hoffentlich! Allein ins Getümmel stürzen mag ich mich gar nicht.

Niklas ging nicht mehr an sein Handy. Sie schrieb ihm eine Kurznachricht und schaffte gerade noch eine Katzenwäsche, bevor sie tief und fest einschlief.

* * * * *

Mit dem Vaporetto fuhren die beiden am Vormittag zum Markusplatz. Sofia hatte sich loseisen können und gab die perfekte Fremdenführerin. Sie machte auf besonders sehenswerte Gebäude aufmerksam, hatte zu fast jedem Touristenziel eine Geschichte zu erzählen und redete wie ein Wasserfall. Feline war ganz kribbelig, denn sie brannte darauf zu erfahren, wie die Abendeinladung ablaufen sollte. Aber sie bekam nichts aus ihrer geheimnisvoll lächelnden Gastgeberin heraus. Irgendwann gab sie auf und ließ sich ganz auf die fantastischen Eindrücke ein, die die Stadt zu bieten hatte.

Auf der Piazza San Marco bekam man kaum einen Fuß vor den anderen. Menschen in prächtigen Kostümen drängten sich zu Tausenden. Überall Masken. Dazwischen zahllose Venedig-Besucher, die sich das offizielle Eröffnungsspektakel, den »Volo dell’Angelo«, nicht entgehen lassen wollten. Ein Raunen ging durch die Menge, aller Augen waren auf die Spitze des Campanile gerichtet, als die Glocken des Doms pünktlich um halb elf erklangen und eine entzückende Artistin unter strahlend blauem Himmel begleitet von stürmischem Beifall an einem Drahtseil von der Spitze des Turms herunterschwebte.

»Ein bisschen was von Rummelplatzatmosphäre hat die ganze Sache ja schon«, flüsterte Feline Sofia ins Ohr, »aber schön ist es trotzdem.«

»Ja, das ist heute nur noch eine Touristenattraktion. Wenn wir Venezianer Karneval feiern, dann tun wir das lieber hinter verschlossenen Türen«, antwortete Sofia und hatte wieder diesen seltsam verheißungsvollen Zug um die Lippen. »Komm, ich zeige dir jetzt den Dogenpalast.«

Eigentlich waren es nur ein paar Schritte, aber sie brauchten ewig, um sich durchzukämpfen. Und Feline spürte, dass sich das komische Gefühl vom Vorabend wieder einstellte. Kein Nebel mehr, nicht allein, mitten in der Menge, war es trotzdem wieder da: Sie fühlte sich beobachtet. War es dieser Mann, dessen Augen hinter der Maske so funkelten? Der dort drüben, der sich sofort abwandte, als ihre Blicke sich trafen? Einer der Besucher, die mit Kameras vor den Augen die Szene für Urlaubsalben festhielten? Sie konnte es nicht herausfinden. Das Gefühl verließ sie auch nicht, als sie, von der Schönheit des Palazzo überwältigt, staunend vor den riesigen Statuen von Mars und Neptun stand. Symbole für die längst vergangene Weltherrschaft Venedigs über das Land und die Meere. Auch nicht, als sie beinahe nichtsahnend zwischen die beiden Monolithsäulen getreten wäre, die den geflügelten Markuslöwen und das Granitabbild des heiligen Theodor trugen. Sofia riss sie mit einem erschreckten Aufschrei weg und erzählte ihr, es bringe Unglück, seit ein in Ungnade gefallener Doge hier sein Leben lassen musste.

»Ich bin nicht abergläubisch, Sofia!«, sagte Feline lachend. »Was mich momentan viel mehr beunruhigt ist das Gefühl, schon wieder verfolgt zu werden. Genau wie gestern Abend.«

»Das bildest du dir ein!«

Feline schüttelte den Kopf. »Gestern hatte ich Angst. Die habe ich jetzt nicht, denn ich bin ja nicht allein. Heute ist es eher spannend, weißt du, so ein komisches Kribbeln …«

»Ein nettes Kribbeln?«

»Nein … ja … vielleicht sogar nett …, aber immer noch ziemlich unheimlich … Ach, ich weiß nicht!«

»Dann hoffe ich, dass du es spätestens heute Abend herausfindest!«

»Jetzt verrate mir doch endlich, was mich heute Abend erwarten wird!«

»Nein, bella signora, lass es ruhig noch ein bisschen weiterkribbeln«, lachte Sofia, schon wieder mit dieser undurchdringlich geheimniskrämerischen Miene.

»Ich geb’s auf«, seufzte Feline, »versuchen wir, noch einen Blick in den Palast zu werfen?«

Im dichten Strom der Besucher ließen sie sich voranschieben. Tintorettos Fresko ließ Feline alles um sich herum vergessen. Sie war zu sehr Kunstfreak, die Welt hätte einstürzen können, sie hätte es kaum bemerkt. So nahm sie es im ersten Moment nicht wahr, dass jemand ihr im Gedränge sacht über den Rücken streichelte. Als es ihr bewusst wurde und sie sich umdrehte, stand lediglich ein älteres japanisches Paar dicht hinter ihr, das mit offenen Mündern die Decke bestaunte.

Ihr Handy vibrierte in der Manteltasche, und Feline kam nicht dazu, sich weiter Gedanken zu machen. Endlich eine Nachricht von Niklas! »Ich liebe Dich! Melde mich heute Abend«, stand da, verziert mit einem Kuss-Smiley.

* * * * *

Heute ließ Sofia sie den ganzen Nachmittag mit dem Gemälde allein. Nur einmal kam sie kurz herein, stellte einen Imbiss auf den Tisch und widersetzte sich erneut Felines Versuchen, Genaueres über den Abend zu erfahren. Alles, was sie preisgab, war, dass sie mit einem großartigen Galadiner rechnen durfte und gegen halb acht am Hotel abgeholt werden würde.

Feline kam gut voran und konnte schon absehen, dass nur noch ein größerer Arbeitsgang nötig sein würde, um den Milesi fertigzustellen. Sie war sehr zufrieden mit dem Ergebnis.

Am späten Nachmittag zog sie sich in ihr Zimmer zurück und ließ ein heißes Bad einlaufen. Träumend lag sie eine halbe Stunde im duftenden Schaum und entspannte sich. Beinahe wäre sie eingenickt, wäre nicht Sofia hereingeplatzt.

Sie klatschte in die Hände: »Avanti, bella signora, raus aus der Wanne! Ich helfe dir in dein Kostüm. Du willst doch nicht zu spät kommen!«

Aufgeschreckt stieg Feline aus dem Bad und ließ sich bereitwillig in das hingehaltene Handtuch wickeln. Sie war dankbar für Sofias Hilfe. Alleine wäre es ihr niemals gelungen, das pompöse Kleid anzulegen. Augenscheinlich hatte ihre Gastgeberin auch enorme Qualitäten als Friseurin, denn sie steckte das frisch gewaschene und noch nicht ganz trockene Haar kunstvoll hoch, sicherte jede Strähne und stülpte zum Schluss den gewaltigen Kopfputz darüber. Nur noch die Maske aufgesetzt und fertig war die komplette Verwandlung. Ein prüfender Blick in den Barockspiegel offenbarte: Feline war unter der ganzen Pracht absolut nicht mehr zu erkennen.

Sofia drängte zur Eile: »Komm, deine Gondel wartet schon!«

»Wirklich? Eine richtige Gondel? Wahnsinn! Und was ist mir dir?«

»Ich kann hier leider nicht weg. Aber mach dir keine Gedanken, es ist für alles gesorgt.«