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Stille ist ohrenbetäubend Selinas unerwartete Tat hat den Status Quo geändert. Ihre Gegner sind angeschlagen und werden scheinbar unvorsichtig. Doch um dem Wahnsinn wirklich ein Ende zu bereiten, muss die junge Polizistin einem finalen Showdown zustimmen. Zusammen mit Agent Bedford betritt sie die Geisterstadt nördlich von Pembrook, wohlwissend, dass ihre Gegner unberechenbar sind. Doch was sich ihnen dort offenbart, ist eine Hölle nie gekannten Ausmaßes, die ihren wohldurchdachten Plan innerhalb kürzester Zeit pulverisiert und weitaus mehr Leben fordert, als Selina auch nur erahnen kann. Denn das grausame und furchterregende Geheimnis von Silence ist wahrlich monströs und wurzelt schier unendlich tief Silence III The Sound of ist der blutige Abschluss der atemlosen Trilogie in die finstere Hölle eines Serienkillers, schonungslos, blutig und umso mehr ganz sicher nichts für schwache Nerven
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Seitenzahl: 989
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Prolog
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
I: Wispern
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
v 11
II: Zischen
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
III: Hämmern
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
IV: Wummern
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
V: Kreischen
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
VI: Dröhnen
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Epilog
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Weiterhin erschienen
Dämon I - Out of hell
Halo
Genesis I – Wundervolle Welt
Weiter mit
Ben
Arena
Silence I - The Color of ...
Silence II - The Smell of ...
Die Vollendung
I
Tatsächlich…
Nahezu unbeweglich und beinahe ausdruckslos stand Raymond einige Schritte vor dem sicherlich zehn Meter hohen, äußerst massiven Stahlzaun, in den stabile Metallplatten eingearbeitet waren, die ihn blickdicht zur anderen Seite machten.
Es war zwei Uhr morgens in einer klaren, kühlen Oktobernacht im Osten von
Silence und tiefe Stille umfing ihn.
…es ist also wahr!
Sein Blick glitt langsam nach rechts, dann nach links, schließlich wieder nach vorn, wobei er ihn anhob und dann ein tiefer Atemzug zu hören war.
Vollkommen abgeriegelt!
Natürlich hatte er sich längst vorab über die Situation in und um Silence informiert und von dem angeblichen Gasleck gelesen, welches vor nunmehr über einem Jahr zu einer schlimmen Explosion mit einigen Toten geführt hatte.
Er wusste es eines Besseren! Schon lange! Eigentlich schon einen Tag, nachdem er sich von der einen, normalerweise tödlichen, Schusswunde und von einigen anderen üblen Verletzungen endlich erholt und genügend Kraft geschöpft hatte, um sich damit wieder zu beschäftigen.
Dabei hatte er noch immer keine Ahnung, wie er es überhaupt geschafft hatte, zu überleben, denn seine Erinnerungen an jene Nacht, in der sie sich… Er stockte und bittere Galle kochte in ihm hoch. …nein, sein Vater Jacob sie beide in eine vollkommen unnötige Zwangslage gebracht hatte, die sie letztlich größter Gefahr aussetzte, die Jacob das Leben kosten sollte, die Explosion der Villa zur Folge hatte und Silence zu einem Massengrab machte, waren allenfalls bruchstückhaft, verschwommen und verzerrt.
*
Er konnte sich noch daran erinnern, dass er seine Augen aufschlug und erkannte, wie Theresa Montgomery und Adam Walker gerade durch die obere Kellertür ins Erdgeschoss verschwanden.
Alles in ihm schmerzte fürchterlich und war doch auch taub zugleich. Er spürte keinerlei Kraft mehr in sich. Sein Gehirn aber brüllte ihn an, sich zu erheben und davonzulaufen.
Nur durch pure Willenskraft gelang es ihm, sich auf erbärmlich zittrige Beine zu wuchten und halb gebückt in den angrenzenden Tunnel zu rennen. Dabei schlug er immer wieder gegen die Seitenwände, weil sein Blickfeld eingeschränkt und verschwommen war und er torkelte, wie ein Volltrunkener.
Letztlich aber erreichte er die stählerne Wendeltreppe, erklomm sie und gelangte in den Schuppen. Dort atmete er einmal tief, aber unendlich schmerzhaft durch und spielte ernsthaft mit dem Gedanken, sich in den Lieferwagen zu setzen und davonzufahren.
Er lief zum Tor und öffnete es, doch genau in diesem Moment zerplatzte die Villa direkt vor seinen Augen in einer unglaublich kraftvollen Explosion, deren Druckwelle ihn aus dem Stand heraus nach hinten schleuderte und er erst einige Meter weiter in einer Ansammlung mannshoher Sträucher ultrahart, weil unkontrolliert, zum Erliegen kam.
Eigentlich hätte ihn das mindestens das Bewusstsein kosten müssen, doch wieder war es sein Verstand, der dies verhinderte und ihn gnadenlos antrieb.
Keuchend, schweratmend und vor allem, stark blutend kam er auf die Füße und rannte taumelnd und immer wieder stolpernd Richtung Westen in den Wald, während sein Herz ratterte, wie eine alte Dampflok bei Höchstlast und sein Kopf dröhnte, wie eine Kirchenglocke und seinen Blick immer wieder, beinahe rhythmisch, extrem verzerrte, während es in seinen Ohren brüllend laut rauschte, wie unter einem Wasserfall.
Wie er den Weg durch den Wald hinter sich gebracht hatte, wusste er absolut nicht mehr zu sagen, doch urplötzlich fand er sich an einer Straße wieder.
Das muss der Highway 50 sein, dachte er, da dieser sich südwestlich von Silence befand. Er wollte auch schon an die Fahrbahn treten, als er plötzlich innehielt.
Stopp! Er stützte sich gegen einen Baum und verschnaufte kurz. Klar war, dass er so schnell als möglich von hier fortmusste, einfach auch, damit seine Verletzungen, allen voran natürlich die Schusswunde, versorgt werden konnten.
Doch genauso durfte doch niemand je erfahren, dass er noch lebte.
Wenn ich jetzt aber ein Auto anhalte, wird man sich an mich erinnern! war er sicher.
Also gab er sein Vorhaben auf und rannte stattdessen nahe der Straße weiter in Richtung Westen, in der Hoffnung, er würde irgendwo einen Parkplatz finden, auf dem ein unbeobachtetes Fahrzeug stand, dass er aufbrechen und kurzschließen konnte.
Es dauerte auch keine zwei Minuten und vor ihm tat sich ein kleiner, unbeleuchteter Parkstreifen auf. Es war jedoch leer. Raymond war enttäuscht und auch ein wenig verzweifelt, denn immer deutlicher spürte er, dass ihm die Schussverletzung zunehmend die Kraft raubte. Ich werde das nicht mehr länger
durchhalten können!Plötzlich fuhr ein Fahrzeug an ihm vorbei. Im selben Moment flammten Bremslichter auf. Der Wagen fuhr mit ziemlich hoher Geschwindigkeit auf den Parkstreifen und wurde dann hart abgebremst.
Raymond erschrak, weil er befürchtete, es könnte jemand aus Silence sein, der ihn verfolgt hatte.
Tatsächlich wurde auch schon die Fahrertür aufgerissen und ein Mann stürzte ins Freie. Doch anstatt sich zu ihm umzudrehen und ihn mit vorgehaltener Waffe anzuschreien, rannte er mit ungelenken Schritten in die Büsche, ohne den Motor abzustellen.
Der sucht nicht mich, der muss pinkeln! Wenn er nicht solche Schmerzen gehabt hätte, hätte Raymond wohl gegrinst. Stattdessen aber huschte er zur Fahrertür, setzte sich ins Innere und gab Gas.
Noch bevor der Mann wusste, wie ihm geschah, preschte der Wagen schon wieder auf die Straße. Raymond warf die Tür ins Schloss und hatte anfangs Mühe, das Fahrzeug unter Kontrolle zu bringen. Nach einigen Augenblicken aber fühlte er sich sicher genug und gab kräftig Gas, während er im Rückspielgel den Kerl mit offenem Hosenstall und wehenden Armen auf die Straße rennen sah.
Etwa zwanzig Minuten später hatte Raymond Carson City erreicht.
An den Weg dorthin konnte er sich jedoch ebenfalls nicht mehr erinnern, sein Unterbewusstsein musste ihn gesteuert haben.
Im Osten der Stadt hatten sie vor Jahren schon eine Garage mit darüber liegender Wohnung gemietet, damit sie einen Unterschlupf für Notfälle hatten.
Und das hier ist definitiv ein Notfall! Er stellte den Wagen drei Querstraßen vorher ab und schleppte sich dann mit wirklich letzter Kraft dorthin. Bevor er auf der Couch ohnmächtig wurde, konnte er jedoch noch das eine Telefonat führen, das ihm letztlich das Leben retten sollte.
*
Als Raymond seine Augen wieder öffnete, blickte er direkt in die Sonne! Erst einige Augenblicke später erkannte er, dass es nicht die Sonne war, sondern eine starke Lampe, die über ihm hing und er nicht mehr auf der Couch, sondern auf einer gepolsterten Liege lag.
Im selben Moment beugte sich Doktor Philipp Loomis über ihn und begann, die Wunde in seiner linken Brust sauber zu vernähen.
„Sie sind zurück!“ bemerkte der Arzt eher beiläufig, ohne scheinbare Emotion.
„Was soll das heißen?“ fragte Raymond, der seine Schusswunde bisher zwar als
ernst, aber nicht lebensbedrohlich angesehen hatte. „Das ist doch nur eine
Schusswunde!“ meinte er dann auch.
„Hm…!“ Loomis verzog die Mundwinkel. „Wer immer das getan hat, er hätte damit
beinahe Erfolg gehabt!“
Nicht er, sie! dachte Raymond und hatte plötzlich Theresas hübsches Gesicht vor sich.
„Die Kugel hat zwar die Lunge und das Herz verfehlt, aber…!“ Er hielt kurz inne,
um seine Naht sauber abzuschließen. „…war drauf und dran, die Wirbelsäule zu erreichen. Dann wären sie jetzt entweder ein sabberndes Stück Fleisch gewesen
oder sie hätte die Blutzufuhr zum Gehirn gekappt und sie wären tot!“
Raymond erschrak innerlich, weil er das natürlich nicht ahnen konnte. Äußerlich
blickte er Loomis jedoch nur ausdruckslos an. „Ja, dann. Danke, Doc!“
Sein Gegenüber verzog die Mundwinkel und nickte beiläufig. „Das ist mein Job,
richtig?“
Raymond nahm einen tiefen Atemzug und richtete sich dann langsam auf. Das bereitete starke Schmerzen, doch unterdrückte er sie mit einem tiefen Brummen.
„So ist es!“ presste er hervor.
„Okay, sie wollen sich also nicht ausruhen!“ Loomis war sichtlich nicht begeistert.
„Aber das sollten sie wirklich tun! Sonst kann ich für nichts garantieren!“
„Schon gut, Doc!“ Raymond rang sich ein Lächeln ab, stieg von der Bahre und ging steifbeinig zu einem Sideboard. Dort öffnete er eine Schublade und holte einen Umschlag hervor. Er drehte sich um und reichte ihn Loomis. „Für ihre
Dienste!“
Der Arzt nahm den Umschlag wortlos entgegen.
„Sie bekommen das Gleiche nochmal, wenn sie mich in unser Haus nach San
Francisco bringen!“
„Aber…!“ wollte Loomis schon protestieren.
„Keine Sorge, Doc! Dort werde ich mich dann auf jeden Fall ausruhen und wieder
gesundwerden!“ Er lächelte beinahe freundlich, bevor sein Blick hart und finster
wurde. „Ich habe schließlich noch eine Rechnung zu begleichen!“
*
Raymond war Loomis noch nie zuvor begegnet. Er kannte von ihm nur seine Geschichte.
Dass er zu mir gekommen ist, um mir zu helfen, war…Glück! wusste er. Eine innere Stimme sagte ihm, dass er den Tod seines Vaters weiterhin verschweigen sollte. Er ist außer Landes, erwiderte Raymond auf die Frage des Arztes während der Fahrt nach San Francisco. Damit schien der sich zufriedenzugeben.
Was immer Loomis früher auch gewesen sein mochte, jetzt war er ein alter, verbitterter und...einsamer Mann, der nach dem Tod seiner Frau nie wieder eine echte Beziehung geführt hatte.
Auf der Fahrt zur Westküste verspürte Raymond sogar Sympathie für ihn, sodass er ihm anbot, einige Zeit bei ihm zu bleiben, bis die Wunden richtig verheilt waren.
Loomis willigte ein und sie verbrachten vier Wochen zusammen, in denen der Arzt seine Verletzungen versorgte, sie viel miteinander redeten und auch Raymond sich letztlich Loomis Dienste dauerhaft sichern konnte. Jacobs Tod würde er ihm irgendwann mitteilen.
Als er wieder allein war, beschäftigte sich Raymond ausgiebig mit der Situation rund um Silence.
Schnell stellte er fest, dass er Artikel oder Berichte über einen Massenmord vergeblich suchte. Stattdessen war da von einem Gasleck die Rede, dass einige Tote gefordert hatte.
Einige! dachte Raymond verärgert darüber, dass die Medien die Wahrheit offensichtlich verschwiegen. Gleichzeitig spürte er jedoch auch eine gewisse Unsicherheit, da es durchaus auch möglich sein konnte, dass Jacobs Mechanismus fehlgeschlagen und seine Rache misslungen war.
Ein Grund mehr, zurückzukehren und die Wahrheit zu ergründen! dachte er. Doch war ihm schnell klar, dass er sich damit keinen Gefallen tun würde. Silence ist
eine Niederlage und Vergangenheit! Du musst an die Zukunft denken! Er verspürte allmählich wieder Lust auf eine Frau und außerdem musste er noch immer einen Nachkommen zeugen. Ich muss mir ein neues Hauptquartier
aufbauen!
In den folgenden Monaten arbeitete er mit Nachdruck daran, doch vermochte er seine Gedanken und Erinnerungen an Silence nicht zu verdrängen.
Schließlich beschloss er, doch zurückzukehren.
Um die Sache abzuschließen, sagte er sich. Ich muss einen Schlussstrich ziehen,
um neu anfangen zu können. Und das geht nur direkt vor Ort!
Raymond nahm seinen Rucksack vom Boden und ging an dem Stahlzaun entlang Richtung Norden. In den Jahren, in denen er hier zusammen mit seinem Vater gelebt hatte, hatten sie natürlich auch die Umgebung erkundet und waren dabei auf ein umfangreiches Stollensystem gestoßen, dass sich unter dem gesamten Stadtgebiet und noch weit darüber hinaus ausdehnte und seinen Ursprung in der nahegelegenen Anderson-Mine hatte, die jedoch bereits seit mehr als zwanzig Jahren stillgelegt worden war.
Mochte der Stahlzaun das Gelände auch lückenlos und blickdicht verschließen, so wusste Raymond dennoch, wie er ins Innere gelangen konnte!
Den gesuchten Eingang zu finden, erwies sich auch als recht einfach, der Stollengang allerdings war nur unwesentlich breiter, als ein Mensch und kaum einen Meter hoch. Raymond gelangte zwar ans Ende, doch musste er sich schwer anstrengen, die etwa fünfzig Meter hinter sich zu bringen. Er verschnaufte erst einmal, trank etwas und reinigte seine Kleidung. Dabei sah er in einiger Entfernung zwei Lichtkegel in der Dunkelheit, die sich bewegten.
Nicht sicher, was sie bedeuten mochten, näherte er sich ihnen.
Sicherheitspersonal! war ihm sofort klar, als er die beiden Uniformierten sah. Das Gelände wird überwacht! Doch das störte ihn nicht wirklich, schließlich wollte er sich hier ja nur einmal umsehen und dann ganz schnell wieder verschwinden. Ich muss sie halt im Auge behalten!
Raymond durchquerte die Stadt in gebührendem Abstand zu ihnen und war fasziniert und beeindruckt zugleich von der Atmosphäre der menschenleeren Gebäude. Keine Schäden, keine Hinweise, nichts! Sie haben sie einfach verlassen! Aber, warum? Und wie viele von Ihnen? Vor allem aber: Wohin?
Ihm war klar, dass er die Antwort darauf hier nicht finden würde. Ich muss weiter recherchieren!
Dann hatte er den Norden der Stadt erreicht. Er vergewisserte sich, dass die Wachtposten nicht in der Nähe waren und ging schließlich auf das Grundstück, das einst seinem Vater gehört hatte.
Es gab hier kein künstliches Licht und der Neumond war nur schwach, daher herrschte ziemliche Finsternis. Alles, was Raymond zunächst erkannte, war ein gewaltiger Haufen Schutt. Das ist alles, was von der Villa übriggeblieben ist, wusste er.
Seine Erinnerungen an jene Nacht flammten auf: Die Fahrt zum See, das Überwältigen der beiden Frauen, die Fahrt zur Villa. Jacob nahm Isabell mit sich in das untere Kellergeschoss, um sie zu vergewaltigen, er selbst fesselte Theresa… Raymond hielt kurz inne und musste sogar lächeln, als er an sie dachte. Für einen Moment hing er seinen Gedanken an sie nach. Dann das Entdecken der Eindringlinge, der Mord an seinem Vater, der am Ende doch keiner war. Raymond verspürte noch immer keinerlei Trauer um ihn oder Reue, dass er ihn hatte töten wollen. Er war an allem schuld, er hatte es verdient! Ich war nur konsequent und würde es jederzeit wieder tun! Es folgten sein Kampf in der Garage, das Zusammentreffen mit seinem Vater, seine Flucht, die Rückkehr, die ein Fehler gewesen war, weil sie in dem Kampf gegen Adam Walker und schließlich in dem Schuss von Theresa Montgomery endete, der ihn beinahe getötet hatte.
Alles vollkommen unnötig und sinnlos! Verdammter Dad! Neben Verärgerung mischte sich auch so etwas wie Trauer in seine Gedanken. Die Villa war absolut perfekt gewesen! Jetzt stehe ich wieder am Anfang!
Er wandte seinen Blick ab und ließ ihn schweifen. Doch schon nach zwei Sekunden blieb er auf dem Herrenhaus in einiger Entfernung haften. Es sieht noch immer so heruntergekommen aus, wie eh und je! Eigentlich hatten er und sein Vater vorgehabt, es instand zu setzen und zu renovieren, doch war es letztlich bei der Absicht geblieben, weil die Villa ihnen alles bot, was sie brauchten und daher weitere Räumlichkeiten unnötig waren.
Im Inneren hatte das Herrenhaus zwar einen besseren Anblick geboten, als von außen – Mobiliar, Wände, Decken und Fußböden, sowie die Elektroinstallation und die Ölheizung, waren alt und überholt, jedoch nicht beschädigt, dennoch nutzten sie es nicht.
Raymond hielt seinen Blick eine ganze Weile auf dem Gebäude. Du tust ja gerade so, als würdest du darüber nachdenken…!? Nein, erkannte er aber sogleich. Das wäre sinnlos! Und doch verspürte er eine gewisse Anziehungskraft, die ihn losgehen und es betreten ließ.
Das Innere des Hauses sah noch genauso aus, wie er es in Erinnerung hatte.
Langsam durchquerte er im Erdgeschoss alle Räume, bis er schließlich wieder im Flur angelangt war und sein Blick auf die Kellertür fiel.
Im Gegensatz zu den beiden Treppen in das erste und zweite Obergeschoss, war die Kellertreppe verkleidet worden, um den direkten Blick dorthin zu verbergen und auch die Kälte aus dem nicht beheizten Untergeschoss fernzuhalten. Dort ist nur alles voller Müll! erinnerte er sich, öffnete die Tür aber dennoch und stieg die Steinstufen hinab.
Der Keller hatte wirklich beachtliche Dimensionen, denn er bestand nur aus einem Raum in der Größe des Grundrisses von rund einhundert Quadratmetern. Etwa ein Dutzend Steinsäulen stützten die Fundamentdecke ab. Und ja, alles war vollgepackt mit Müll aller Art: Alte Möbel, Kleidersäcke, Truhen und noch vieles mehr.
Um besser sehen zu können, holte Raymond eine Taschenlampe aus seinem Rucksack und schaltete sie ein. Das Profigerät für Höhlentaucher war enorm leistungsstark und flutete den Kellerraum in grelles Licht. Raymond brauchte einen Moment, um sich daran zu gewöhnen, dann aber erkannte er am anderen Ende des Raumes eine weitere Treppe hinauf ins Erdgeschoss. Er umrundete den Müll und erklomm sie. In der Wand war eine Tür zu erkennen, jedoch keine Türklinke, nur ein metallener Griff. Raymond nahm ihn in die Hand und wollte die Tür aufdrücken, was ihm jedoch nicht gelang. Er war für einen Augenblick überrascht, dann erkannte er, dass es sich um eine Schiebetür handelte, die in die Küche führte. Prima! dachte Raymond, dann kann ich hier gleich wieder rausgehen.
Bevor er dies jedoch tat, drehte er sich nochmals in den Kellerraum hinein und ließ die Taschenlampe ein letztes Mal kreisen.
Urplötzlich hielt er inne!
Als der kräftige Strahl der Lampe an der Wand entlangfuhr, die sich jetzt rechts von ihm befand, konnte er in der äußersten, hinteren Ecke eine unnatürliche, senkrechte Lichtbrechung erkennen. Wie von einer…Tür! wusste Raymond sogleich und stieg die Treppe ohne zu Zögern wieder hinab.
Als er vor diesem Bereich stand, sah er, dass diese Tür von hier aus nicht zu erkennen war, da sich der Müll bis unter die Decke stapelte. Jetzt aber, da er es wusste, war seine Neugier geweckt. Er legte die Lampe auf eine größere Kiste, damit sie den Bereich weiter beleuchtete und begann, den Müll zu entfernen.
Zehn Minuten später hatte er tatsächlich eine alte Stahltür freigelegt. Die Klinke ließ sich überraschend leicht drücken, sie aufzuziehen bedurfte aber einiges an Kraftaufwand. Raymond wehte ein eiskalter, jedoch relativ geruchloser Lufthauch entgegen. Er nahm die Taschenlampe, trat durch die Tür und war sogleich überrascht, als sich ihm ein schmales Treppenhaus mit gewundener Stahltreppe offenbarte, die in die Tiefe führte.
Raymond spürte, wie sich sein Puls erhöhte. Sollte es etwa auch hier ein zweites Untergeschoss geben? Ohne zu Zögern ging er die Stufen hinab.
Tatsächlich führten sie eine Etage tiefer und endeten dort schon wieder, allerdings nicht, wie zu vermuten gewesen wäre, direkt unter der Tür ein Stockwerk darüber, sondern…auf der gegenüberliegenden Seite vor einer weiteren Stahltür!
Raymonds Puls beschleunigte sich nochmals. Das hieße ja…!
Er drückte die Klinke und hatte tatsächlich keine Mühe, die Tür nach innen in das Treppenhaus zu öffnen.
Und wahrhaftig: Im Licht der starken Taschenlampe breitete sich dahinter eine ziemlich große Höhle vor ihm aus.
Raymond trat durch die Tür, die in der linken Ecke der Höhle lag, ging ein paar Schritte schräg nach vorn, blieb dann stehen und drehte sich langsam um seine eigene Achse.
Im vorderen Bereich, in dem er jetzt stand, hatte die Höhle eine eher rechteckige Form. Sie war rund fünfzehn Meter lang, etwa zwanzig Meter breit und vielleicht drei Meter hoch. Unzweifelhaft hatte jemand zumindest damit begonnen, Wände und Decke zu bearbeiten, denn es waren die gröbsten Ecken und Kanten abgetragen worden. Der Boden war mit einer festen und ebenen Lehmschicht versehen.
Nach fünfzehn Metern öffnete sich die Höhle rechterhand in einen beinahe kreisrunden Bereich mit einem Radius von sicherlich zwanzig Metern, der nahezu rechtwinklig zum vorderen Teil der Höhle stand. Die Deckenhöhe stieg auf mindestens fünf Meter an. Der Boden war auch hier festgestampft, Wände und Decke erneut grob bearbeitet.
Raymond trat in die Mitte des Kreises und erkannte linkerhand einen weiteren, sich anschließenden Bereich. Er war wieder rechteckig, etwa zehn Meter breit und fünf Meter tief. Da die Deckenhöhe hier nur drei Meter betrug und Wände und Decke deutlich glatter wirkten, schloss Raymond nicht aus, dass dieser Bereich nachträglich von Menschenhand in den Felsen getrieben worden war.
Aber, warum? Was ist das alles hier?
Warum schafft jemand einen dauerhaften Zugang zu dieser Höhle – und das Treppenhaus ließ absolut keine andere Schlussfolgerung zu – und treibt zusätzlich noch einen weiteren Bereich von Hand in den Felsen, ohne all dies dann zu nutzen? Denn bis auf die Tatsache, dass der Boden festgestampft und Wände und Decke zumindest anfänglich bearbeitet waren, gab es keinerlei Hinweise auf weitere menschliche Aktivitäten. Raymond konnte sich nur denken, dass hier einmal irgendetwas geplant gewesen war, dessen Vollendung jedoch nie realisiert wurde.
Aber was?
Er wusste es nicht und wollte sich schon umdrehen und wieder gehen, als der Schein der Taschenlampe über die gegenüberliegende Wand strich und dabei im äußersten linken Bereich eine vielleicht drei Meter tiefe und einen Meter breite Nische im Felsgestein zum Vorschein brachte, an dessen Ende Raymond ganz deutlich…eine weitere Stahltür erkennen konnte!
Was? Er war beinahe geschockt, ging aber ohne zu Zögern darauf zu und öffnete die Tür.
Und hatte er geglaubt, dass die Höhle bereits eine außergewöhnliche Entdeckung gewesen sei, so wusste er nur einen Augenblick später beim Anblick dessen, was sich ihm hinter dieser Tür offenbarte, dass es sein weiteres Leben verändern würde.
Denn hinter der Tür gab es eine Stahltreppe, die eine weitere Etage in die Tiefe und am Ende in einen Tunnel führte, der sicherlich einen Durchmesser von fünf Metern und eine Höhe von drei Metern hatte. Er endete einige Meter hinter der Stahltreppe an einer rohen Felswand. In die andere Richtung aber erstreckte sich dieser Tunnel mit deutlich sichtbaren, sauber behauenen Wänden in einer Länge, die selbst die extrastrake Taschenlampe nicht zu erfassen vermochte.
Doch das war es nicht, was Raymond augenblicklich faszinierte, sondern die Tatsache, dass im festgestampften Boden in der Mitte des Tunnels, sauber in ein Kiesbett verlegt, Bahnschienen zu erkennen waren!
Was um alles in der Welt…? Plötzlich versteifte er sich. Die Mine! Er wusste sofort, dass er Recht hatte. Das müssen Schienen sein, die von der Anderson-Mine hierherführen!
Ohne zu Zögern ging Raymond den Tunnel entlang nach… Er überlegte. Osten! war er sicher.
*
Wie lange sein Weg andauerte, vermochte er nicht zu sagen, aber er schätzte, dass er etwa eine halbe Stunde gegangen war und dabei wohl knapp zwei Meilen zurückgelegt hatte.
Als die Taschenlampe schließlich das Ende des Tunnels erfasste, der sich in eine weitere, sehr große Höhle öffnete, waren Raymond längst tausend Gedanken durch den Kopf gegangen.
Die Schienen endeten auf der anderen Seite der nahezu dreißig Meter breiten, kreisrunden Höhle, die ein sicherlich zehn Meter hohes Kuppeldach aus Felsgestein aufwies. Der Boden war nach wie vor eben und fest, die Wände sauber bearbeitet und glatt.
Zu beiden Seiten konnte Raymond abgetrennte Bereiche aus Stahl und Holz erkennen, die nicht nur aussahen, wie Büroräume, sondern beim Blick hinein auch genau diesen Zweck offenbarten, wenngleich jetzt kaum noch etwas von dem Inventar vorhanden war.
Zum Ende hin teilte sich der eine Schienenstrang in vier Stränge auf. Auf zwei von ihnen stand jeweils ein kleiner Triebwagen mit einem Waggon, auf den beiden anderen Schienensträngen nur jeweils zwei Waggons. Alles war in keinem sonderlich guten Zustand mehr.
Als Raymond sich weiter umsah, konnte er am Boden erkennen, dass die Schienen früher einmal noch weiter ans andere Ende der Höhle und wohl auch darüber hinaus geführt haben mussten. Die dortige Wand bestand auch nicht aus Felsgestein, sondern eindeutig aus einer großen, massiven Stahlbetonplatte.
Das könnte der Haupteingang zur Mine gewesen sein, der, nachdem sie
geschlossen worden war, versiegelt wurde.
Wenn das stimmte, befand Raymond sich jetzt direkt auf dem ehemaligen Minengelände östlich der Route 431!
Während er sich noch fragte, wie er das wohl feststellen konnte, sah er in der hinteren Ecke rechts neben der Stahlbetonplatte eine weitere, rund drei Meter breite Stahltreppe, die eine Etage höher vor ein Sektionaltor aus massivem Aluminium führte. Raymond erklomm sie, doch dieses Mal hatte er kein Glück.
Das Tor ließ sich nicht öffnen.
Das aber konnte Raymond nicht akzeptieren – und musste es auch nicht!
In seinem Rucksack hatte er in weiser Voraussicht ein Nageleisen mitgebracht, ein Werkzeug, welches allgemeinhin auch als Ziegenfuß bekannt ist. Er nahm es an sich, stemmte die flache Seite in einen schmalen Spalt in der rechten Führungsschiene des Tors, drückte mit aller Kraft nach außen und konnte somit die größtmögliche Hebelwirkung nutzen. Anfangs schien es, als könne er dem Tor damit jedoch nicht beikommen, doch vergrößerte sich der zunächst nur winzige Spalt stetig mehr, sodass er das Werkzeug immer tiefer einführen und noch mehr Hebelkraft aufbringen konnte.
Letztlich gab der Stahl nach, es ertönte ein dumpfes Knacken und das Tor trieb einige Zentimeter in die Höhe.
Raymond atmete mehrmals tief durch, denn er war tatsächlich so sehr ins Schwitzen geraten, dass sich sogar erste Deformationen auf seinen Händen zeigten und er sie auch im Gesicht spüren konnte.
Erst, nachdem er sich etwas erholt hatte, ergriff er das Tor und zog es mit einigem Kraftaufwand gänzlich in die Höhe.
Raymond fand sich in einem großen Lagerraum wieder. Er war sicherlich zehn Meter breit, vielleicht zwanzig lang und fünf Meter hoch. Die Wände bestanden aus einem Ständerwerk und Aluminiumplatten, im oberen Bereich sah er ein umlaufendes Fensterband.
Das ist kein Lagerraum, wusste er. Das ist eine Lagerhalle! Im Dach konnte er eine Lichtkuppel und dahinter, trotz des verschmutzten Kunststoffglases, den Nachthimmel erkennen. Ich befinde mich jetzt nicht mehr in der Mine, sondern
draußen auf dem Minengelände!
Die Halle war bis auf wenige Kisten, Kartons und Fässer leer, auch die Regale an den Wänden. Raymond durchmaß die Halle und fand sich vor einem weiteren Sektionaltor wieder. Das ist der Ausgang ins Freie! Er nahm erneut das Nageleisen zur Hand und konnte auf die gleiche Weise, wie schon zuvor, auch dieses Tor öffnen Eine Minute später stand er mitten auf dem alten, verlassenen Minengelände.
Links neben dem Schuppen gab es eine weitere, jedoch viel größere Halle, die sich direkt vor dem, jetzt durch die Stahlbetonplatte versiegelten, Mineneingang befand.
In einiger Entfernung konnte Raymond rechterhand zwei weitere, langgezogene, einstöckige Gebäude aus Holz erkennen. Die Verwaltung und eine Personalunterkunft, wusste er, nachdem er sie durchsucht hatte. Im Anschluss durchmaß er das gesamte Gelände, welches von einem massiven Stahlgitterzaun von rund fünf Metern Höhe umschlossen war. Raymond schätzte die Fläche auf etwa vierzigtausend Quadratmeter. Hinter dem Mineneingang und den beiden Schuppen stieg das Gelände recht steil um gut dreißig Meter an. Hier wuchsen einige Bäume und jede Menge mannshohe Sträucher. Nach rund fünfzig Metern endete dieser Hügel und fiel recht steil wieder ab.
Vor dem Schuppen war das Gelände, bis auf einen Erdhügel von rund fünf Metern Höhe im linken Bereich, der recht dicht an den Stahlzaun heranreichte, eben.
Raymond ging zum südöstlichen Ende des Geländes, wobei er darauf achtete, auf der Grasfläche zu bleiben, und stieß auf ein Schiebetor, welches durch ein massives Vorhängeschloss gesichert war. Beim Blick darauf erkannte er jedoch, wie schon bei den Schlössern und Riegeln der beiden Tore im Schuppen, dass sie ziemlich verrostet waren. Die hat schon lange niemand mehr benutzt! wusste er. Und auch diesen Weg nicht! Er blickte vom Tor zu den beiden Schuppen. Der Sand darauf zeigte keinerlei Fahrspuren oder Fußabdrücke.
Raymond verharrte am Tor, atmete dann einmal tief durch, ging zurück in den kleineren Schuppen, schloss das Eingangstor, ging zur großen Stahltreppe, schloss auch hier das Tor und setzte sich schließlich in einen der Triebwagen inmitten der großen Höhle, wo er in tiefe Gedanken fiel.
Dabei musste er sich zu Beginn ein Kopfschütteln wirklich verkneifen.
Ich bin hierhergekommen, um Klarheit über die Geschehnisse zu bekommen, weil die Medien nur eine Lüge über ein angebliches Gasleck verbreitet haben, um danach nie wieder zurückzukehren, sondern mich stattdessen weiter um den Aufbau eines neuen Unterschlupfs zu kümmern.
Doch was finde ich hier vor? Silence ist eine Geisterstadt, die noch dazu durch einen massiven Stahlzaun vor den Augen der Welt verborgen wird, was nur noch mehr Fragen auwirft!
Und als ob all dies nicht reichen würde, finde ich im Keller des Herrenhauses, das mein Vater und ich all die Jahre wissentlich vernachlässigt haben, eine Tür, die mich zunächst in einen großen Höhlenkomplex und danach in einen Stollen führt, der eine direkte Verbindung zum ehemaligen Gelände der Anderson-Mine weit im Osten darstellt und damit meine ursprüngliche Wahl für einen neuen Unterschlupf vollkommen infrage stellt, weil all das hier so viel mehr Möglichkeiten und Potential besitzt.
Außerdem… Und jetzt musste er ehrlich lächeln. …würde mich doch niemand je an diesem Ort vermuten. Teufel auch, nicht einmal ich selbst hätte mir je erträumen lassen, dass mein neuer Unterschlupf nicht einmal einen halben Steinwurf vom Alten entfernt sein würde!
Raymond hielt inne, denn er wusste, was er da gerade gedacht hatte. Doch er hatte keine Zweifel mehr daran. Mochte es auch noch unglaublich viel Arbeit bedeuten und sicher auch mit noch nicht abschätzbaren Risiken behaftet sein, so war er absolut bereit, diese einzugehen und hatte außerdem bereits jede Menge Ideen, um die aufkommenden Probleme zu lösen.
Nach der langen Zeit des Stillstands, der Unsicherheit und auch des Zweifelns, verspürte Raymond endlich wieder Vorfreude und Tatendrang und war voller Zuversicht, sich allen Herausforderungen erfolgreich zu stellen.
*
Raymond setzte sich eine Frist für die komplette Errichtung seines neuen Unterschlupfs nach seinen Vorstellungen von zwei Jahren.
Zunächst quartierte er sich in seiner Wohnung in Carson City ein. In den nächsten vier Wochen beobachtete er jede Nacht abwechselnd die Aktivitäten in und um die Geisterstadt, sowie auf dem Minengelände. Tagesüber nutzte er jede freie Minute, um eine Liste mit Dingen anzufertigen, die für die Errichtung des Unterschlupfs unerlässlich waren.
Die Liste wurde beständig länger und er ordnete sie in drei Kategorien ein:
1. Monat 1-6
2. Monat 7-12
3. Monat 13-24
Am Ende des ersten Monats war klar, dass es tatsächlich keinen Wachdienst gab, der die Mine kontrollierte. Das Gelände blieb sich selbst überlassen. Na ja, dachte Raymond. Sie ist ja auch schon über zwanzig Jahre dicht! Wer sollte da schon noch für die Kosten aufkommen? Ihn jedenfalls freute es, denn damit war die wichtigste Voraussetzung für sein Vorhaben gegeben: Er konnte dort ungehindert agieren! Schließlich konnte er nur durch den Schuppen auch größere Teile in die Mine schaffen. Kein anderer Weg war dafür groß genug.
Die Aktivitäten in und um Silence hielten sich ebenso in Grenzen. Zwar gab es im Süden an der ehemaligen Zufahrt zur Stadt ein Tor, vor dem ein Wärterhäuschen installiert worden war, in dem auch tagsüber ein und nachts sogar zwei Wachtposten ihren Dienst taten, doch innerhalb des Zauns patrouillierten maximal weitere zwei Männer gleichzeitig, allerdings längst nicht permanent, sodass die Gefahr, von ihnen entdeckt zu werden, ziemlich gering war, wenn Raymond stets nur mit der nötigen Vorsicht vorging.
In den kommenden Wochen lag seine Hauptaufgabe dann darin, alle benötigten Materialien für die erste Kategorie in die Mine zu schaffen.
Hierzu kaufte er sich einen größeren, aber unscheinbaren Transporter, erwarb alles, was er brauchte, in der näheren Umgebung und brachte es nachts zum Minengelände in den kleinen Schuppen und von dort in die Mine selbst.
Das, was er in der Höhle unter dem Herrenhaus brauchte, brachte er mit einem der beiden Züge, die glücklicherweise nach einer sorgfältigen Inspektion und einigen, kleineren Reparaturen noch immer funktionierten, dorthin.
Als erstes sorgte er für eine ausreichende Stromversorgung. Dann kümmerte er sich um eine vernünftige Heizung. Bei beidem half ihm sein handwerkliches Geschick
Dabei erinnerte er sich gern an die Worte seines Vaters: Wir werden überwiegend im Verborgenen agieren, daher können wir auf Hilfe nicht zählen. Wenn wir also etwas brauchen oder haben wollen, müssen wir es uns selbst schaffen! Also lehrte er Raymond alle Arten von handwerklicher Tätigkeit. Anfangs hatte sein Sohn sichtlich keine Lust dazu, doch schnell erkannte er, dass er ein augenfälliges Talent für diese Art von Arbeit hatte und ihm alles leicht von der Hand ging. Nach und nach fand Raymond dann auch Spaß daran und mittlerweile war er ein wirklich geübter Handwerker. Danke, Vater!
Die Frischwasserversorgung stellte ein größeres Problem dar, da er zunächst erkunden musste, wo die hiesigen Stadtwerke früher ihr Wasser entnommen hatten, um diese Quelle dann einfach anzuzapfen.
Nachdem dies aber erfolgreich erledigt war, er insgesamt drei Generatoren für die Stromerzeugung, sowie einen ausreichend dimensionierten Heizkessel installiert hatte, war eine dauerhafte Präsenz in der Höhle möglich.
Am Anfang begnügte sich Raymond jedoch mit einem Gaskocher und einem Kühlschrank. Nachts schlief er in einem Schlafsack. Die Höhle in eine richtige Wohnung zu verwandeln, hatte er Kategorie drei zugeordnet.
Als nächstes kümmerte er sich darum, umfangreiche Überwachungselektronik anzubringen. Hierzu gehörten hauptsächlich Kameras, aber auch Mikrofone, sowie Bewegungsmelder.
Er installierte sie auf dem Minengelände, in dem kleinen Schuppen, in der Mine, sowie weiträumig rund um das Herrenhaus in Silence.
Erst, als er alle Zugänge auf alle erdenklichen Arten lückenlos kontrollieren konnte, gab er sich zufrieden.
Jetzt kann sich niemand mehr nähern, ohne, dass ich das weiß!
Damit war Kategorie eins abgeschlossen, für die er allerdings drei Wochen länger gebraucht hatte, als eingeplant. Raymond aber ließ sich nicht beirren.
Im nächsten Schritt besorgte er alle größeren Dinge, für die er das Tor noch benötigte. Dazu gehörten hauptsächlich Möbel, aber auch jede Menge Baumaterialien.
War sein Unterschlupf auch unterirdisch, so sah er nicht ein, warum er ihn nicht modern und werthaltig einrichten sollte.
Bevor er jedoch mit dem Innenausbau der Höhle begann, erledigte er noch zwei Dinge:
Erstens versah er das Innere Tor in der Rückwand des kleinen Schuppens mit schweren, massiven Eisenriegeln, die elektronisch gesichert und ausschließlich mit einer Fernbedienung und auch nur von innen zu öffnen waren. Damit konnte niemand mehr, außer ihm, auf diesem Weg in das Innere der Mine.
Dennoch aber wollte – und musste - er diesen Weg weiterhin nutzen, um seine Opfer in die Höhle zu bringen. Daher baute er in dem Schuppen in der hinteren, linken Ecke ein Ständerwerk aus Holz, das er mit Bauplatten verkleidete und in zwei Räume unterteilte: Einen vorderen Büroraum und einen Lagerraum dahinter.
Die Möbel für den Büroraum holte er sich aus den anderen Häusern. Die Regale baute er selbst, wobei er das vor der hinteren Wand so installierte, dass es beweglich war. Aus der Torwand dahinter schnitt er einen türgroßen Ausschnitt aus, den er sogleich als Türflügel wieder anbaute und ebenfalls elektronisch sicherte. Jetzt hatte er einen versteckten Zugang.
Damit war Phase zwei beendet und Raymond stellte zufrieden fest, dass er dafür keine zwei Monate gebraucht hatte!
Also begann er mit Phase drei: Dem Innenausbau der Höhle.
Den hinteren, rechteckigen Bereich trennte er ab und machte daraus das Spielzimmer.
Im vorderen, rechteckigen Teil zog er eine Wand direkt neben der Stahltür bis zum runden Bereich. Damit hatte er jetzt zwei rechteckige Flächen. Eine fünf Meter breite mit der Stahltür und eine zehn Meter breite auf der anderen Seite der Wand, die nur durch den runden Teil zu erreichen war. Dort baute er je drei gleichgroße Zimmer auf beiden Seiten und ließ einen kleinen Flur dazwischen. Damit hatte er Platz für sechs Opfer.
Den schmaleren Teil trennte er nochmals zweimal der Länge nach ab, sodass er zwei weitere Räume nebeneinander hatte.
Am Ende dieses Bereichs platzierte er die Küche, daneben einen Essbereich, beides mit direktem Zugang zum runden Bereich, den er zu einem einzigen, großen Wohnzimmer ausbaute.
Für alles nahm er hochwertige Materialien, da Geld für ihn nach wie vor kaum eine Rolle spielte. Für die Einrichtung wählte er einen Mix aus modernem Stil und klassischen Elementen.
Als er vier Monate später mit allem fertig war, war er sehr zufrieden.
Zum Schluss baute er noch die beiden Räume in dem schmalen Gang neben der Stahltür aus. Den linken machte er zur Schaltzentrale für die gesamte Elektronik inklusive Überwachungsbildschirmen.
Den rechten zu seinem Schlafzimmer – zumindest wollte er das, denn als er die felsige Außenwand bearbeiten wollte, stieß er auf einen Spalt, durch den ein Luftzug zu spüren war.
Raymond brach ihn kurzerhand weiter auf, bis er hindurchschlüpfen konnte. Zu seiner Überraschung schloss sich ein schmaler, spiralförmig verlaufender Tunnel an, der stetig bergab nach vielleicht zehn Metern und einer vollen 360-Grad-Drehung in eine etwa zehn mal zehn Meter große Höhle führte. Da er jedoch im Moment nicht wirklich wusste, was er damit anfangen sollte und auch müde des Renovierens war, baute er eine Stahltür in den entstandenen Spalt ein und stellte ansonsten einen großen Schrank davor. Vielleicht später! dachte er.
*
Als Raymond am nächsten Tag zum ersten Mal auf seiner ultrabequemen Ledercouch saß und bei einer Flasche Bier seine Seele baumeln ließ, war er hochzufrieden mit sich.
Er hatte hier einen weitaus besseren und umfangreicheren Unterschlupf gefunden, als er sich das je hätte träumen lassen. Trotz der Tatsache, dass er unterirdisch war, hatte er dafür gesorgt, dass er auf keine Annehmlichkeit verzichten musste.
Ja, war er sicher. Hier kann ich es aushalten! Zwar war ihm klar, dass er sicherlich noch hier und da weitere Umbauten vornehmen würde, doch nicht in nächster Zukunft.
Tatsächlich sollte es im Laufe der Jahre nur vier weitere, wesentliche Veränderungen geben:
Er änderte den Zugang durch das Wohnzimmer zur Mine, indem er die Stahltreppe hydraulisch versenkbar machte und den Durchbruch durch den Felsen mit einer, ebenfalls hydraulisch, verschließbaren Bodenplatte versah.
Er leerte den großen Kellerraum des Herrenhauses und schaffte all den Müll und den Unrat durch die Höhle in die Mine, wo er ihn zum Ausgang schaffte und dort in einen Lagerraum, neben den Büroräumen, stopfte. Das hätte ich schon früher
machen sollen, erkannte er, denn seine Wohnung geriet dadurch ziemlich in Mitleidenschaft.
Nachdem der Kellerraum leer war, baute er dort ein Ständerwerk ein und schaffte damit mehrere kleine Räume, die er mit Gittertüren versah, sodass sie wie Zellen wirkten, und einen großen Raum, den er als Spielzimmer und Schlachthaus einrichtete. Für die nötigen Blutspritzer und andere Körperflüssigkeiten sorgten im Laufe der Jahre mehrere Opfer, die dort ihr Leben lassen mussten, um die Illusion perfekt zu machen.
Sollte ihm je jemand auf die Schliche kommen, würde man den Keller des Herrenhauses für sein Versteck halten – und nicht die Höhle eine Etage tiefer.
Anschließend entfernte er die Stahltür, die in das Treppenhaus führte und baute eine Schallschutzwand davor.
Im nächsten Schritt entfernte er ebenso die Wendeltreppe zur Höhle und durchstieß die Bodenplatte zum Erdgeschoss, weil er festgestellt hatte, dass sich darüber ein Essensaufzug befand, der früher genutzt wurde und bis ins obere Stockwerk führte. Er erweiterte ihn bis in den Dachboden, tarnte den Zugang dort ausreichend und sorgte dafür, dass die Konstruktion stabil genug wurde, um ihn als, wenn auch sehr kleinen, Fahrstuhl zu nutzen, mit dem man vom Dachboden bis in die Höhle und zurückfahren konnte.
Und schließlich baute er die kleine Höhle eine Etage tiefer, die er bei der Renovierung gefunden hatte, doch noch aus und nutzte diese fortan als seinen persönlichen, absolut privaten Rückzugsort.
Doch all dies wusste Raymond zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Für das hier und jetzt war er sehr zufrieden mit dem, was er geschaffen hatte.
Er beschloss, sich ein paar Tage Ruhe zu gönnen und sich dann mit dem ersten Opfer zu beschäftigen, welches er sich bereits ausgesucht hatte.
So verbrachte er die Weihnachtsfeiertage 1987 allein in seinem neuen Unterschlupf und als das neue Jahr 1988 anbrach, packte er seinen Lieferwagen und machte sich auf den Weg nach Westen, um sich die junge, ahnungslose Frau zu holen und sich mit ihr endlich wieder seiner eigentlichen Aufgaben zu widmen:
Der Zeugung eines Nachkommen mit seinen Veranlagungen!
Dabei fühlte er sich frisch und ausgeruht und voller Tatendrang und Zuversicht.
Wie sollte er auch wissen, dass das Schicksal einen anderen Weg für ihn vorgesehen hatte…?
Sie hasste ihr Leben! Oh ja, das tat sie!
Und sich selbst! Oh, wie sehr hasste sie sich selbst!
Doch Sophia war klar, dass die Alternative hierzu ihr Tod sein würde. Und das konnte, mehr noch aber, wollte sie das, trotz allem, nicht akzeptieren.
Das aber war nicht immer so gewesen. Mehrfach schon hatte sie in den vergangenen Jahren mit dem Gedanken gespielt, ihr trostloses Leben, das so völlig anders verlaufen war, als sie es sich erträumt und auch erhofft hatte, zu beenden. Doch nie hatte sie letztlich wirklich den Mut dazu aufgebracht, immer hatte sie, wenn auch dreimal erst in wirklich letzter Sekunde, feige aufgegeben.
Nein, ich bin nicht feige! hatte sie danach stets versucht, wieder Mut zu fassen.
Ich bin einfach nicht bereit dazu! Denn, trotz allem, hatte sie noch immer Wünsche und Träume.
Sophia Montgomery wurde als Kathryn Sophia Montgomery geboren. Ihre Eltern fanden es eine gute Idee, ihr die Vornamen ihrer beiden Großmütter (Kathryn väterlicherseits und Sophia mütterlicherseits) zu geben. Doch während sich die eine überhaupt nicht um sie kümmerte, war ihr Sophia die beste Oma, die sie sich nur wünschen konnte und zusätzlich ein wundervoller Elternersatz, den diese machten ihren Job wirklich sehr mies.
Schon sehr früh legte sie ihren Rufnamen daher ab und wurde von allen fortan nur noch Sophia genannt.
Sie war gerade einmal fünfzehn Jahre alt gewesen, als sie George Tucker auf einer Geburtstagsparty ihrer Freundin Rose kennenlernte. Er war ein Freund ihres älteren Bruders – und bereits 19 Jahre alt!
Dennoch funkte es beinahe augenblicklich. Doch natürlich war eine derartige Beziehung Mitte der Sechziger Jahre vollkommen undenkbar. Also trafen sie sich im Verborgenen. Und es kam, wie es kommen musste: Sie kamen sich immer näher, konnten an einem bestimmten Punkt nicht mehr an sich halten, hatten Sex – und Sophia wurde schwanger!
Ein Drama, eine Katastrophe, ein Alptraum!
Und wäre nicht ihre Großmutter Sophia gewesen, wäre alles sicherlich auch in einem Blutbad geendet. Doch ihre Oma sah ihre Enkelin streng an, blickte ihr lange und tief in die Augen, dass Sophia fröstelte und sie sich unglaublich nackt fühlte, dann aber nickte sie und sagte: Ich sehe, du liebst ihn! Und dieses Kind ist kein Unfall! Dann lächelte sie. Ich bin auf Deiner Seite! Wir werden das gemeinsam durchstehen!
Und genau das tat sie auch. Ohne sie, wäre Sophias Sohn Marcus nicht zur Welt gekommen. Und sicher auch nicht ihre Tochter Theresa zwei Jahre später im Jahr 1968.
Eigentlich hätte ihre Welt schöner nicht sein können – wohl aber deutlich schlechter, wie die Zukunft allzu schnell, vor allem aber erschreckend deutlich zeigen sollte.
Denn zeitgleich mit dem Tod ihrer Großmutter durch ein geplatztes Hirnaneurysma änderte sich George Verhalten ihr gegenüber beinahe abrupt.
Man konnte quasi jeden Tag zusehen, wie er zunächst immer ernster und wortkarger wurde, später dann abweisend und desinteressiert, bis er schließlich immer mehr dem Alkohol verfiel, der ihn jähzornig, cholerisch und letztlich auch gewalttätig machte.
Sophia wusste nicht, warum er sich so veränderte, fand auch keinen Weg, mit ihm darüber zu reden und verzweifelte mehr und mehr daran. Innerhalb von vier Jahren wurde aus ihrer wunderbaren Beziehung zu George ein einziger Alptraum aus Tränen, Verzweiflung und Schmerz.
Ihr Schmerz, wohlgemerkt, denn George ließ seine Wut, sein Selbstmitleid und seinen Hass grundsätzlich nur an ihr aus, und dann auch nur so, dass es niemand anderes, ganz besonders Marcus und Theresa nicht mitbekamen – wohl, dass ihre Eltern sich des Öfteren stritten, aber nie die körperliche Gewalt, die ihr Vater ihrer Mutter antat. Er verschonte die Kinder, wenngleich Sophia auch alles tat, um sie vor ihm zu schützen.
Das alles dauerte jetzt mittlerweile schon fünfzehn Jahre an.
Oft genug hatte Sophia mit dem Gedanken gespielt, George mit den Kindern zu verlassen, doch hatte sie es nie wahrgemacht, weil stets die Angst, nein…die
Gewissheit, er könne und würde sie finden und damit eine Katastrophe auslösen, größer war, als jede Erniedrigung und jeder Schmerz, den sie in ihrer Ehehölle erleiden musste.
Dabei lief sie sogar Gefahr, sich innerlich aufzugeben und endgültig ihrem Schicksal zu fügen.
Bis zu dem Moment, da Marcus seine Jessica heiratete und sie alsbald ihr erstes Kind bekamen, und Sophia wusste, dass sie sich um die Zukunft ihres Sohnes keine Sorgen mehr zu machen brauchte. Genau zu diesem Zeitpunkt schien etwas längst Vergessenes wieder in ihr zu erwachen: Lebensmut!
Dann kam jene grauenvolle Nacht im August 1986, in der so viele Menschen, die sie kannte, starben. Nur nicht George, wofür sie den Herrgott wahrlich hasste!
Doch, wenn diese Katastrophe überhaupt etwas Gutes hatte, dann die Tatsache, dass Theresa mit Adam Walker den Mann fürs Leben fand. Nur neun Monate später wurde Selina geboren.
Damit war auch ihre Tochter in guten, behüteten Händen und Sophia brauchte sich um ihre Zukunft ebenfalls keine Sorgen mehr zu machen.
Und da reifte in Sophias Kopf dieser eine Gedanke, den sie hier und heute in die Tat umsetzen und damit zum Abschluss bringen wollte: Flucht!
Ihre Kinder waren erwachsen, konnten für sich selbst sorgen, hatten ihre eigenen Familien und Leben. Natürlich würde sie das Verschwinden ihrer Mutter hart treffen, doch nicht aus der Bahn werfen.
Dafür hatte sie beiden Kindern je einen sehr langen Brief geschrieben, in denen sie ihnen die Situation und ihre Beweggründe erschöpfend darstellte, in der Hoffnung, sie würden sie für ihren Entschluss zumindest nicht hassen. Sie waren auf dem Postweg zu ihnen und würden voraussichtlich morgen eintreffen.
Doch jetzt war es an der Zeit, an sich selbst zu denken. Sie hatte fast zwei Jahrzehnte lang zurückgesteckt, auch für ihre Kinder, und dabei jede Erniedrigung und jeden Schmerz, den George ihr zugefügt hatte, ertragen. Das alles hatte sie sicher nicht gern getan, aber aus großer Liebe und tiefstem Pflichtbewusstsein.
Nun aber, da ihre Kinder absolut auf eigenen Füßen standen, war all dies nicht mehr notwendig. Und wenn ihr Leben nicht wirklich vollkommen sinnlos sein sollte, dann musste sie jetzt gehen, nicht zurückblicken, nie mehr zurückkehren und an anderer Stelle ein neues Leben beginnen, um ihre Wünsche und Träume, die sie sich über all die Jahre bewahrt hatte, zu leben – so bescheiden sie auch sein mochten – um damit ihre geschundene Seele zu heilen.
*
Sophia kam leise die Treppe herunter, trat im Flur vor der Haustür an die Kommode, fischte ihre dünne Jacke vom Kleiderhaken, streifte sie über und legte ihr Portemonnaie in ihre Handtasche. Als ihre Hand wieder hervorkam, war ihr Schlüsselbund darin zu sehen. Für einen Moment verharrte sie und betrachtete ihn. Du wirst ihn nicht mehr brauchen! dachte sie und spürte Nervosität. Nie mehr!
Ihr Blick verdunkelte sich, sie atmete einmal tief durch, dann legte sie ihn auf die Kommode, daneben einen kurzen Brief an ihren Mann ohne Emotionen, nur mit Fakten, schloss die Handtasche und hängte sie sich über die linke Schulter.
Dann machte sie zwei schnelle Schritte in Richtung Haustür und blieb am Eingang zum Wohnzimmer stehen. Deutlich waren die Schnarchgeräusche ihres Mannes zu hören. Eigentlich hasste sie sie, doch heute waren sie wie Musik in ihren Ohren.
Sie konnte sich ein dünnes Lächeln nicht verkneifen und machte einen weiteren Schritt in Richtung Haustür.
„Sophia!?“ George Stimme donnerte förmlich durch das Haus. Tief, kraftvoll, verärgert – und lallend. „Sophia,…bis du…dss?“
Sophia erschrak, hart und zitternd. Sie stand direkt vor dem Eingang zum Wohnzimmer, zwar im Halbdunkel, aber dennoch vollkommen schutzlos. Oh Gott, wie nur kann er wach sein? Um ganz sicher zu gehen, hatte sie ihm ein starkes Schlafmittel in seine Whiskeyflasche gemischt. Er kann nicht wach sein! hoffte sie.
Er darf nicht wach sein! flehte sie.
„Kmm her, du verschisssssenes…Weib!“ Die letzten Worte wurden immer leiser, dann war ein tiefer, röchelnder Atemzug zu hören, danach ein tiefes Schnarchen.
Obwohl sie am ganzen Leib zitterte, drehte Sophia ihren Kopf in seine Richtung und – entspannte sogleich, denn George Augen waren geschlossen. Das Schlafmittel tat endlich seine Wirkung. Er würde nicht vor morgen früh aufwachen, dann kotzen, dann wehleidig sein und Sophia verbal attackieren, bis er merkte, dass sie nicht da war und auch niemals zurückkehren würde. Mitleid? Nein, das empfand sie sicher nicht für ihn. George Tucker, du bist ein Schwein!
Sophia schlich aus dem Haus.
Draußen vor der Tür atmete sie mehrmals tief durch, dann blickte sie auf ihre Uhr.
Es wird Zeit!
Das Taxi hatte sie bereits am Nachmittag, als George noch bei der Arbeit war, zur unteren Kreuzung bestellt. Mit schnellen Schritten ging sie zur Straße, dann mahnte sie sich jedoch zur Ruhe. Nur nicht auffallen!
Eine Minute später hatte sie das Ende der Straße erreicht. Quasi zeitgleich fuhr das Taxi vor.
Sophia stieg ohne zu Zögern ein.
„N´ Abend, Ma´am!“ begrüßte sie der Taxifahrer, ein großer, etwas
übergewichtiger Mann Mitte Fünfzig, freundlich. „Haben sie mich bestellt?“
Sophia nickte mit einem Lächeln. „Ja, habe ich! Zum Busdepot bitte!“
Der Mann blickte sie eine Sekunde durch den Rückspiegel an, dann nickte er.
„Alles klar!“ Und fädelte in den Verkehr ein.
„Wollen sie verreisen?“ fragte der Taxifahrer wenige Augenblicke später unvermittelt.
Sophia erschrak innerlich. Warum will er das wissen? „Ja!“ antwortete sie und blickte aus dem Fenster, während sie sich eine plausible Lüge überlegte. „Meine
Mutter ist gestürzt und hat sich den Fuß verrenkt!“ Sie verzog die Mundwinkel.
„Ich will übers Wochenende zu ihr und ihr zur Hand gehen!“
Der Taxifahrer antwortete nicht sofort, sondern betrachtete sie wieder durch den Rückspiegel.
Zu lang! wusste Sophia.
„Sicher!“ Er lächelte, jedoch gelangweilt. „Das ist nett von ihnen!“ Dann konzentrierte er sich wieder auf die Straße.
Er weiß, dass ich lüge! erkannte Sophia. Und wusste im nächsten Moment auch, warum. Ich habe keine Tasche bei mir! Um nicht aufzufallen, hatte sie beschlossen, einen Koffer und eine Tasche bereits Tage zuvor mit allem Notwendigen zu packen und am Busdepot in einem Schließfach zu deponieren.
Das war eine gute Idee! war sie jedoch sicher. Der Taxifahrer wird meinen Schwindel verschmerzen!
„Gute Reise!“ rief er ihr noch zu.
Sophia drehte sich halb herum, lächelte und nickte. „Danke!“
Dann fuhr das Taxi davon.
Sophia spürte eine deutliche Nervosität in sich. Die Frage des Taxifahrers hatte sie etwas aus dem Konzept gebracht. Für einen Moment glaubte sie, alle umstehenden Personen würden sie anstarren und wissen, was sie vorhatte.
Unsinn! schalt sie sich jedoch eine Närrin, schloss ihre Augen, atmete einmal tief durch und hielt sich danach wieder an ihren Plan.
Sie holte den Koffer und die Tasche aus dem Schließfach und ging zu ihrem Bus, der sie nach Sacramento bringen würde. Zunächst! wusste sie, denn dies war nicht ihr Endziel. Das sollte Seattle sein. Sie liebte das Meer, doch nicht die Hitze der sonnenüberfluteten Strände Kaliforniens. Im Westen von Seattle, so hoffte sie, würde sie beides finden, ebenso, wie eine feste Anstellung, entweder in ihrem erlernten Beruf als Krankenschwester oder auch in jedem anderen Job, die ihr ein einfaches, aber befriedigendes Leben ermöglichte.
Das alles unter ihrem Mädchennamen Montgemory und dem zweiten Vornamen Elise ihrer so sehr geliebten Großmutter Sophia.
Der Busfahrer war ein noch recht junger Mann um die Dreißig. Er lächelte freundlich, als sie ihm ihre bereits vorab erstandene Fahrkarte zeigte und nickte dann. Sophia ging in das hintere Drittel des Buses, schob ihre Sachen auf den Fensterplatz und setzte sich an den Gang.
Mit wachsender Ungeduld wartete sie darauf, dass der Bus sich endlich in Bewegung setzte, weil sie befürchtete, dass doch noch im letzten Moment irgendetwas schiefging und sie wieder und dieses Mal endgültig in ihre Ehehölle zurückgezogen wurde.
Doch das geschah nicht, nach vier elendig langen Minuten wurden die Türen geschlossen und der Bus fuhr endlich an.
Ihr Weg brachte sie nördlich aus Pembrook zu dem Verkehrskreisel, der letztlich auch weiter nördlich nach Silence geführt hatte. Durch die tragischen Vorfälle im letzten Jahr aber war diese Abzweigung gesperrt, ebenso wie der östliche Abzweig, der parallel zum alten Stadtgebiet zur Route 431 führte.
Einzig die Fahrt nach Westen über die Route 50 zum Highway 80 war möglich und der Bus schlug genau diese Richtung ein.
Während der Diesel leise tuckerte, kam Sophia zur Ruhe und spürte sogleich deutliche Müdigkeit aufkommen. Ihr Blick durch das Seitenfenster auf die dahinziehende Welt verschwamm immer mehr. Alles, was sie noch wahrnahm, war die Tatsache, dass es draußen dunkel wurde und es angefangen hatte, leicht zu schneien, dann sanken ihre Augenlider endgültig herab.
Doch nur für wenige Sekunden.
„Gottverdammt!“ hörte sie den Busfahrer brüllen. Nur einen Lidschlag später quietschten die Bremsen. Es ging ein Ruck durch das Fahrzeug, als es hart abgebremst wurde und zeitgleich spürte Sophia, wie das Heck zur Seite driftete.
Ihr Körper war sofort hellwach und signalisierte ihr Gefahr! Doch noch bevor sie überhaupt die Chance hatte, zu reagieren, schrie der Busfahrer verzweifelt auf.
Einen winzigen Augenblick später ertönte ein brüllend lauter Knall und das Cockpit wurde quasi weggerissen. Ein irrsinnig harter Ruck ging durch den Bus, der sie vom Sitz riss. Im selben Moment kippte das Fahrzeug seitlich weg, krachte auf die Fahrbahn, drehte sich weiter und geriet immer heftiger ins Trudeln. Sophia schrie, wie alle andere Insassen auch, in panischer Angst und versuchte, irgendwo Halt zu finden, doch war sie gegen die gewaltige Fliehkraft machtlos. Während um sie herum Glas zersplitterte, Metall verbogen, aufgerissen und zerfetzt wurde, wurde sie zum Spielball der Kräfte und im hohen Bogen aus dem Fahrzeug geschleudert.
Für den Bruchteil einer Sekunde konnte sie den Bus als gleißenden Feuerball über den Asphalt tanzend erkennen, dann schlug sie hart im Unterholz des angrenzenden Dickichts zu Boden und verlor ihr Bewusstsein.
Natürlich hatte Raymond auch nachgeforscht, was mit den Einwohnern von Silence geschehen war. Da die Presse jedoch keinen Aufschluss darüber gab, tat er das einzige, dass ihm einfiel: Er fuhr in den nächsten Ort. Und das war Pembrook im Süden der Geisterstadt.
Nach einigem Suchen und Ausprobieren fand er ein Diner, das wirklich ganz hervorragendes Essen servierte. Er besuchte es regelmäßig zweimal die Woche und allmählich wurde er mit dem Personal vertraut. Schließlich bekam er die Information, die er erhofft hatte und war innerlich bass erstaunt über das, was er da hörte, während er äußerlich unbeteiligt blieb.
Nach dem Essen machte er sich sofort auf den Weg in den westlichen Stadtteil und als er langsam durch die Straßen fuhr, erkannte er tatsächlich ihm altbekannte Gesichter wieder. Doch nicht nur das: Auch die Straßennamen kannte er und die Geschäfte, die noch dazu in der gleichen Straße erbaut worden waren, wie schon in Silence.
Das ist eine Kopie der Stadt! wusste er und verspürte aufkommende Verärgerung.
Sie tun so, als wäre nichts geschehen! Glauben, wenn sie Silence an einem anderen Ort kopieren, müssten sie sich mit ihrer Vergangenheit nicht auseinandersetzen und könnten sie ignorieren! Jetzt kam Hass in ihm auf.
Verlogenes Pack!
Genau in diesem Moment reifte ein Plan in seinem Kopf.
*
Raymond fuhr nie wieder in diesen Stadtteil.
Die regelmäßigen Besuche im Diner aber behielt er bei.
Als er an jenem Winterabend im Januar 1988 das Minengelände verließ, um sein erstes Opfer in seinen neuen Unterschlupf zu holen, verspürte er großen Hunger.
Und wenn es eines gab, dass der Koch im Diner noch besser beherrschte, als ein perfektes Rindersteak, dann waren es seine Sandwiches. Also beschloss Raymond sich in Pembrook ein paar dieser köstlichen Snacks für die lange Fahrt an die Westküste zu holen.
Er hatte die Stadt gerade wieder mit einer großen Tüte herrlich duftender Brote in Richtung Norden verlassen und soeben den Kreisverkehr erreicht, als es zu schneien begann. Da die Temperaturen knapp unter dem Gefrierpunkt lagen und es tagsüber leicht geregnet hatte, war Raymond klar, dass die Straßen glatt sein würden. Instinktiv nahm er den Fuß vom Gas. Er hatte es nicht eilig, sein Opfer würde schon nicht weglaufen.
Eine Minute später tauchte auf einer langen Geraden ein Bus vor ihm auf.
Raymond schloss langsam zu ihm auf.
Sie hatten das Ende der Strecke beinahe erreicht, als vor dem Bus zwei Scheinwerfer aufblitzen und…plötzlich wild über den Asphalt hüpfen!
Verdammt! schoss es Raymond in den Kopf. Der verliert die Kontrolle über das Fahrzeug!
Wie recht er damit haben sollte, zeigte sich in den folgenden Momenten, als der Personenwagen frontal in den Bus krachte, dabei die komplette Front zerstörte und den Fahrer tötete.
Dieser hatte noch versucht, das Fahrzeug durch eine Vollbremsung zu retten, was bei diesen Witterungsverhältnissen aber aussichtslos war und am Ende nur dazu führte, dass der Bus nach dem Zusammenprall zunächst auf die Seite kippte, sich dann mehrfach überschlug und dabei vollkommen zerfetzt wurde, bevor er in Flammen aufging.
Zu diesem Zeitpunkt hatte Raymond seinen Wagen bereits sauber in den Stand gebremst, die Fahrertür geöffnet und starrte jetzt teils erschrocken, teils fasziniert auf das brennende Chaos vor ihm. Das hat keiner überlebt! war er sicher, doch sah er ein viel größeres Problem: Der Bus lag quer über alle Fahrbahnen und versperrte den weiteren Weg nach Westen!
Raymond war klar: Selbst, wenn er gewollt hätte, hätte er nicht hierbleiben können. Andere Verkehrsteilnehmer würden ihn sehen, am Ende sogar Polizisten, Feuerwehrleute und Notärzte. Womöglich würde auch die Presse auftauchen!
Alles Dinge, die Raymond nicht riskieren durfte. Ich will im Verborgenen bleiben!
Da er aber nicht nach Westen entkommen konnte, blieb nur der Rückweg nach Osten.
Doch er drehte sich gerade herum, um sich wieder ins Wageninnere zu setzen, als er zwei Scheinwerfer erkennen konnte, die sich von Osten her näherten.
Verdammt! Damit war dieser Weg ebenfalls versperrt. Raymond blickte über das Autodach hinweg zum Straßenrand und entdeckte in zwanzig Metern Entfernung einen Feldweg, der tiefer in den Wald führte. Ohne zu Zögern setzte er sich hinter das Steuer, schaltete die Scheinwerfer aus und fuhr zügig dort hinein. Erst, als er sicher war, dass er von der Straße aus nicht mehr zu sehen war, stoppte er, schaltete den Motor ab, stieg aus und rannte zurück zur Unfallstelle, um zu sehen, was sich dort tat.
Mittlerweile war das Fahrzeug, das er gesehen hatte, an der Unglücksstelle eingetroffen. Insgesamt gab es vier Insassen. Zwei von ihnen befanden sich sehr nahe am brennenden Bus und versuchten, ihn zu umrunden. Ein Mann stand etwas entfernt und suchte augenscheinlich nach Bewegung in dem Flammenmeer, jedoch vergeblich. Eine Frau lehnte in der Fahrertür und hatte eines dieser neumodernen, direkt im Auto verbauten Telefone am Ohr und sprach bereits mit der Polizei.
Damit war klar, dass ihn zuvor niemand bemerkt hatte, aber auch, dass der Fluchtweg nach Osten weiterhin und endgültig versperrt blieb.
Da er aber nicht warten wollte, bis die Straße wieder frei war – das würde sicherlich bis morgen andauern – beschloss er, dem Feldweg weiter zu folgen, in der Hoffnung, dass dieser irgendwo wieder auf eine Straße traf.
Er drehte sich um und hatte etwa die Hälfe der Strecke zu seinem Wagen zurückgelegt, als er ein tiefes Stöhnen aus dem Dickicht links vor ihm hörte!
Raymond hielt inne und war sich im ersten Moment nicht sicher, ob er dieses Geräusch tatsächlich von hier gehört hatte und es nicht von der Straße kam.
Instinktiv aber machte er einen Schritt darauf zu. Im selben Moment ertönte das Stöhnen ein zweites Mal. Etwas lauter und deutlich schmerzvoll.
Ein Überlebender! wusste Raymond sogleich, doch auch, dass das weder gut für ihn, noch für die betreffende Person war. Ich muss hier weg! Schnell!
Dennoch aber konnte er sich nicht zurückhalten, ging noch näher heran und spähte schließlich durch ein paar dichte Büsche auf den Körper am Boden.
Das ist eine Frau! erkannte er sofort an den langen, schwarzen Haaren. Sie lag auf dem Rücken. Ihre Gliedmaßen waren ungeordnet, wirkten aber nicht unnatürlich verdreht. Sie stöhnte weiterhin und bewegte ihre Arme leicht. Mehr konnte Raymond in der Dunkelheit nicht erkennen.
Wider besseren Wissens schob er sich durch das Dickicht und stand einen Augenblick später neben der Frau. Sie trug einen dünnen, dunkelblauen Mantel, darunter einen hellbraunen Rock. Beides war an mehreren Stellen zerrissen und schmutzig. Sie hatte den linken Schuh verloren. Ihr schulterlanges, gelocktes, schwarzes Haar verdeckte zunächst noch überwiegend ihr Gesicht, bis sie bei einem weiteren Stöhnen ihren Kopf bewegte und die Strähnen zur Seite fielen.
Sie… Raymond erstarrte und blickte hinab in das schmutzige, blutverschmierte Gesicht …ist… Er erkannte eine Schnittwunde an der linken Wange, dazu eine üble Platzwunde an der rechten Schläfe. Doch auch ebenmäßige Gesichtszüge, eine kleine, gerade Nase, feine, sinnliche Lippen …hübsch!
