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Fassungslos stehen sie sich im Blumenladen gegenüber. Schauen sich an, als blickten sie in einen Spiegel. Zwei Frauen, die sich zum Verwechseln ähnlich sehen - und beide lieben sie offensichtlich Margeriten. In ihrem Schock lassen sie allerdings den kurzen Moment verstreichen, ihre mysteriöse Doppelgängerin anzusprechen.
Doch von nun an lässt die Begegnung sowohl der Dortmunder Zahnärztin Anne als auch der englischen Innenarchitektin Olivia keine Ruhe mehr. Bloß - wie sollen sie sich jemals wiederfinden und herausfinden, wer ihr geheimnisvolles Ebenbild ist und welche Lüge in ihrer Familiengeschichte schlummert?
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Seitenzahl: 111
Veröffentlichungsjahr: 2024
Cover
Das Geheimnis der Margeriten
Vorschau
Impressum
Das Geheimnis der Margeriten
Wenn die Vergangenheit sich als Lüge entpuppt, bleibt nur eine Chance
Von Isabel Maron
Fassungslos stehen sie sich im Blumenladen gegenüber. Schauen sich an, als blickten sie in einen Spiegel. Zwei Frauen, die sich zum Verwechseln ähnlich sehen – und beide lieben sie offensichtlich Margeriten. In ihrem Schock lassen sie allerdings den kurzen Moment verstreichen, ihre mysteriöse Doppelgängerin anzusprechen.
Doch von nun an lässt die Begegnung sowohl der Dortmunder Zahnärztin Anne als auch der englischen Innenarchitektin Olivia keine Ruhe mehr. Bloß – wie sollen sie jemals herausfinden, wer ihr geheimnisvolles Ebenbild ist und welche Lüge in ihrer Familiengeschichte schlummert?
Hektisch durchwühlte Anne Martens ihre Handtasche. Wo war denn nur dieser verflixte Einkaufszettel hingekommen! Sie hatte ihn doch zu Hause eingesteckt. Oder hatte sie ihn etwa doch auf dem Schreibtisch liegen lassen? Nein, bloß das nicht!
Felix und sie hatten für heute Abend Gäste eingeladen. Eine kleine zwanglose Gartenparty. Der Grill stand bereits auf der Terrasse. Für dessen Bestückung war der Hausherr zuständig. Anne musste sich um die Salate und die Tischdekoration kümmern.
Gut, dann muss ich mich eben auf mein Erinnerungsvermögen verlassen, dachte sie enttäuscht, nachdem ihre Suche erfolglos geblieben war.
»Was soll es denn heute sein, Frau Doktor Martens?«, erkundigte sich die freundliche Marktfrau, deren Stand sich seit vielen Jahren links neben der Treppe zum Domportal befand.
»Zwei gelbe und zwei rote Paprika, bitte«, sagte die junge Zahnärztin. »Außerdem vier Pfund Tomaten, vier Zucchini, zwei Salatgurken ...«
»Gern, Frau Doktor. Aber eins nach dem anderen«, unterbrach sie die freundliche Inhaberin des Obst- und Gemüsestands. »Reichen Sie mir doch Ihren Einkaufkorb herüber, dann kann ich Ihnen die Sachen gleich in den Korb legen.«
Anne nickte und reichte Frau Greven den großen geflochtenen Korb über die üppige Marktauslage hinweg. Diese legte das Gemüse nach dem Abwiegen hinein und begann währenddessen ein Gespräch mit ihrer Stammkundin.
»Frau Doktor, was ich Ihnen schon bei Ihrem letzten Einkauf sagen wollte, Ihr Mann ist wirklich ein ganz hervorragender Lehrer. Seitdem er die Klasse von meiner Tochter unterrichtet, hat Marie plötzlich Gefallen an der Mathematik gefunden. Sie hat das Fach sonst immer gehasst. Und nun bringt sie tatsächlich nur noch gute Noten mit nach Hause, und es gibt keine Versetzungssorgen mehr.« Die rundliche Marktfrau strahlte vor Freude, als würde sie gerade über ein kleines Wunder berichten.
»Das freut mich, Frau Greven. Mein Mann ist wirklich ein guter Pädagoge, da haben Sie recht. Neulich hat mir in meiner Praxis ein stolzer Vater etwas Ähnliches von seinem Sohn erzählt. Das macht mich ganz stolz.«
»Da können Sie auch sein, Frau Doktor. Richten Sie Ihrem Mann ein herzliches Dankeschön von uns aus.«
»Gern«, erwiderte Anne. »Darüber wird er sich bestimmt freuen, denn er ist mit Leib und Seele Lehrer.«
»Soll es sonst noch etwas sein, Frau Doktor, vielleicht noch ein paar Zitronen oder Limetten?«, fragte die Frau hinter dem Gemüsestand geschäftsbeflissen.
»Gut, dass Sie mich daran erinnern, Frau Greven. Bitte fünf Zitronen!« Kurz danach nahm Anne den gutbestückten Korb in Empfang, zahlte und bummelte nach dem üblichen Austausch guter Wochenendgrüße weiter zum nächsten Stand.
Dort kaufte sie für den Salat ein paar frische Kräuter, die zu Hause nicht in ihrem Gartenbeet wuchsen.
An der nächsten Ecke machte Anne vor dem Blumenstand halt. Ihr Blick fiel auf den großen, mit Margeriten gefüllten Zinkeimer. Der sah so schön aus! Margeriten waren ihre absoluten Sommerlieblingsblumen. Am besten ich nehme sie alle mit, dachte sie. Ich verteile sie in helle Glaskrüge und schmücke damit die beiden langen Tische, die wir schon gestern auf die Terrasse gestellt haben.
In dem einen Moment noch entzückt von ihrer Idee, versagte ihr plötzlich die Stimme, ehe sie ihren Wunsch bei der Verkäuferin äußern konnte. Denn die Kundin vor ihr in dem hübschen grünen Sommerkleid und mit schulterlangen blonden Haaren kaufte ihr gerade den Strauß Margeriten vor der Nase weg.
Anne ärgerte sich und holte erst einmal tief Luft.
»Thank you so much, I like these flowers«, hörte sie die Fremde zur Verkäuferin sagen.
Die Stimme der Unbekannten verursachte bei Anne eine Gänsehaut und ein eigenartiges Unbehagen, noch bevor sie sich zu ihr umdrehte. Im nächsten Augenblick starrten sich die Frauen fassungslos an, denn sie hatten wohl beide das Gefühl, sich in einem Spiegel zu sehen.
Die Fremde sieht ja so aus wie ich, dachte Anne irritiert und versuchte krampfhaft, eine aufkommende Panik zu vermeiden. Dabei biss sie sich höchst schmerzhaft auf die Unterlippe.
Noch nie in ihrem Leben war sie ihrem eigenen Ebenbild begegnet.
Vor Aufregung vergaß sie fast das Atmen. Ihr Mund fühlte sich seltsam trocken an, und sie war unfähig, auch nur ein Wort zu sprechen. Dann, als sie sich ein wenig vom ersten Schreck erholt hatte, war ihr Ebenbild wie vom Erdboden verschwunden. Weg, einfach weg!
»Hallo, warten Sie! Sie können doch nicht einfach wortlos verschwinden, als wären wir uns nie begegnet«, rief Anne aufgeregt hinter ihr her.
Doch die Fremde war bereits in der Menge der Marktbesucher untergetaucht, als befände sie sich vor ihr auf der Flucht.
Das glaubt mir niemand, wenn ich sage, dass ich vor wenigen Minuten meiner perfekten Doppelgängerin begegnet bin. Auch Felix nicht!
Anne war noch immer völlig verwirrt und schüttelte unbewusst den Kopf. Dann nahm sie ihren Korb vom Boden hoch und ging zu ihrem Auto zurück, das sie in der nahen Tiefgarage geparkt hatte.
♥♥♥
Erst als sie in die heimische Einfahrt zu ihrem schmucken Einfamilienhaus einbog, fiel ihr ein, dass sie vergessen hatte, irgendeinen anderen Blumenschmuck für die Party mitzubringen. Sie parkte und beschloss, blauen Rittersporn und ein paar bunte Sommerastern als Ersatz in ihrem Garten zu pflücken.
Als sie ein paar Minuten später mit einem großen Strauß im Arm die Küche betrat, war ihr Mann bereits von seinem Einkauf zurück.
»Wo warst du bloß so lange, Anne? Und warum lässt du einfach deinen Einkaufskorb mit dem Gemüse draußen in der Sommerhitze stehen? Ich habe das meiste davon in den Kühlschrank gelegt. Du möchtest doch sicher unseren Gästen einen frischen Salat anbieten und keinen verwelkten«, sagte Felix vorwurfsvoll zu ihr.
»Ich war nur kurz im Garten Blumen pflücken«, erwiderte Anne gereizt.
»Aber du wolltest doch Blumen vom Wochenmarkt mitbringen. Unsere Beete sind mittlerweile so trocken, dass die meisten Pflanzen eingegangen sind. Da musst du die wenigen, die noch gut aussehen, nicht auch noch ausrupfen«, mäkelte der sonst so friedliche Felix.
»Du hast ja recht. Das wollte ich ja eigentlich auch! Aber dann stand plötzlich diese fremde Frau vor mir, die mich völlig durcheinandergebracht hat.«
»Welche Frau? Was meinst du?«, fragte Felix ohne spürbares Interesse und verstaute gerade den Rest seiner Einkäufe im Kühlschrank.
»Nun, das ist gar nicht so einfach. Wenn du dabei gewesen wärst, dann könntest du meine Aufregung verstehen. Also, diese fremde Frau, die mir die Blumen ...«
»Anne, du hast bei deinem Einkauf weder an Maiskolben, Avocados noch an Fenchel für den Grill gedacht!«, stellte Felix nüchtern fest und schloss unsanft den Kühlschrank. »Hast du völlig vergessen, dass sich vier von unseren Freunden inzwischen vegetarisch ernähren?«
»Nein!«, rief Anne plötzlich so laut, dass ihr Mann irritiert hochsah. Sie hatte inzwischen einen hochroten Kopf vor Ärger bekommen. Was war Felix doch heute nur für ein unsensibler Zeitgenosse! Er interessierte sich keinen Deut für ihren nicht zu Ende gebrachten Bericht über die Begegnung mit ihrer Doppelgängerin.
»Anne, ich muss schon sagen, du bist heute anscheinend völlig durch den Wind«, legte er sogar noch nach.
Was war ihm denn für eine Laus über die Leber gelaufen! Hatte der Metzger etwa seine vorbestellten Lieblingssteaks nicht zurückgelegt? So eine Aufregung, nur weil sie ein paar Sachen nicht eingekauft hatte! Das konnte doch jedem passieren. Es gab schließlich noch den Supermarkt in der Nähe, und der hatte wie immer bis einundzwanzig Uhr geöffnet, auch samstags.
»Wenn du mich nicht dauernd so schulmeisterlich unterbrechen würdest, könntest du mich vielleicht verstehen«, wetterte sie empört.
»Du hast doch immer einen Einkaufzettel dabei. Ich habe genau gesehen, wie du ihn nach dem Frühstück geschrieben hast«, sagte Felix.
»Den hatte ich aber zu Hause liegen lassen«, erwiderte Anne ziemlich gereizt.
»Ja, ganz toll! Und was sollen wir unseren Vegetariern nun anbieten?«
»Ist mir doch völlig egal!«, rief sie jetzt so laut, dass Felix zum ersten Mal an diesem Mittag ernstlich aufhorchte.
So außer sich wie in der letzten Viertelstunde kannte er seine Frau gar nicht. Er ging auf sie zu und legte versöhnlich einen Arm um ihre Schultern.
»Entschuldige, Liebes. Komm, erzähl, was dich so aus der Fassung gebracht hat. Diese Begegnung mit der fremden Frau muss dir ja immer noch ganz schön in den Knochen stecken. Hat sie dir mit spitzen Absätzen auf den Fuß getreten, oder wollte sie dir das Portemonnaie aus der Tasche stehlen?«
»Nein!« Anne fing plötzlich an, hemmungslos zu weinen.
»Aber Liebling, jetzt sag mir doch endlich, was los ist«, bat Felix, der dem Verzweifeln nahe war.
Doch Anne musste sich erst wieder beruhigen, weil ihr Schluchzen jedes angefangene Wort sofort im Keim erstickte. Nach einer Weile hörte ihr Körper auf zu zucken, und ihr Mund konnte endlich wieder ganze Worte formulieren.
»Also, hör zu und unterbrich mich nicht wieder! Ich stand am Blumenstand und wollte Margeriten für die Tischdeko kaufen. Doch da kam mir eine englischsprechende Lady zuvor.«
»So etwas soll vorkommen«, kommentierte Felix und grinste, weil er dieses Malheur absolut nicht tragisch finden konnte. Er hatte angenommen, Anne hätte ihm etwas Wichtiges mitzuteilen, und nun sprach sie über eine völlige Banalität. Wie oft in seinem Leben war ihm bei einem geplanten Kauf schon ein Konkurrent in die Quere gekommen! Das gab es nun mal im Leben!
Jetzt warf Anne ihrem Mann einen Blick zu, als würde sie ihn am liebsten auf der Stelle erwürgen. Konnte er sie denn nicht endlich einmal ernst nehmen, der Herr Oberlehrer? Wie konnten seine Schülerinnen und Schüler im Gymnasium diesen Mann nur ertragen! Mathematik und Physik, sie hatte diese Fächer während ihrer ganzen Gymnasialzeit gehasst! Vergessen war das dicke Lob der freundlichen Gemüsefrau und auch das ihres Patienten in der Praxis.
Als Felix in die vor Zorn funkelnden Augen seiner Frau sah, begriff er, dass sich auf dem Wochenmarkt etwas Schlimmeres ereignet haben musste. So wie heute hatte er Anne noch nie erlebt. Dabei hatte er die Situation doch nur mit ein paar dummen Sprüchen entspannen wollen!
»Sorry, erzähl weiter, ich kann manchmal ein richtiges besserwisserisches Ekel sein, das weiß ich«, entschuldigte er sich reumütig.
»Wie konnte ich nur einen Mann heiraten, der Lehrer ist!«, stöhnte Anne unter Tränen.
»Weil du in ihn verliebt warst und er in dich – er ist es übrigens noch immer. Du hoffentlich auch«, fügte er hinzu und strich ihr dabei zärtlich über die kurzen braunen Haare.
Nach einer Weile stellte Felix beruhigt fest, dass ihre Tränen versiegt waren.
»Sie sah genauso aus wie ich!«, platzte Anne nun heraus, und dabei zitterte ihre Stimme so stark, als würde sie ihr im nächsten Moment wieder versagen.
Einen Moment lang war es still in der Küche, still wie in einer Kirche.
»Du kannst dir sicher vorstellen, dass ich vor Schreck wie gelähmt war. Mich gab es in diesem Augenblick also zweimal, mit kleinen Unterschieden, sie hatte hellere Haare und sprach Englisch. Als ich mich vom ersten Schreck erholt hatte, wollte ich die Unbekannte ansprechen, doch sie war inzwischen im Marktgetümmel verschwunden. Obwohl ich zweimal durch die Reihen der Stände gelaufen bin, vermochte ich sie nirgendwo zu entdecken. Meine Doppelgängerin blieb wie vom Erdboden verschluckt, als hätte sie sich in Luft aufgelöst. Kannst du dir jetzt ein Bild davon machen, wie es in mir aussieht?«
Felix nickte. Endlich begriff er, welchen Schock seine Anne während ihres Einkaufsbummels erlitten haben musste.
»Meinst du, diese Fremde war genauso geschockt von eurer Begegnung wie du?«, fragte er nach einer Weile nachdenklich.
»Gut möglich! Sie war ja nicht blind, also muss sie bemerkt haben, dass ich wie ihre Zwillingsschwester aussehe.«
»Aber du hast doch keine Zwillingsschwester«, beteuerte ihr Mann.
»Nein, ganz bestimmt nicht! Auch keine Schwester. Mama und meine Großeltern hätten mir so etwas Wichtiges doch niemals verschwiegen. – Was glaubst du, Felix?«
»Das kann ich mir auch nicht vorstellen. Das hätten sie dir nie verschwiegen«, versicherte er ihr.
Annes Augen füllten sich erneut mit Tränen, und Felix kam sich völlig hilflos neben ihr vor. Eine Weile schwiegen sie beide.
»Und wenn es doch irgendein dunkles Familiengeheimnis gibt, das sie zeitlebens vor mir und der Welt gehütet haben?«, überlegte Anne plötzlich und wischte sich mit den Handrücken die Augen trocken.
»Ich wüsste nicht, welchen Grund sie dazu gehabt hätten«, entgegnete Felix verwundert.
»Du hast ja recht, ich auch nicht. Mutter hatte vor meinem Vater keinen Freund, und auch später nicht. So hieß es jedenfalls immer. – Sie und ich, wir hatten immer ein gutes Verhältnis miteinander. Aber könnte es trotzdem etwas geben, das sie mir verheimlicht hat? Meine Mutter war gewiss nicht der Typ Frau, der ein Neugeborenes in ein Waisenhaus geben würde, nur weil sie es unehelich zur Welt gebracht hätte. So etwas war vielleicht mal zu Zeiten meiner Großeltern ein Thema, aber schon in der nächsten Generation bestimmt nicht mehr!«
»Eben!«
Beide waren in Gedanken versunken, als Anne plötzlich etwas einfiel.
