Verlag: Books on Demand Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2019

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E-Book-Beschreibung Simone - Kristin Wöllmer-Bergmann

"Es hängt alles nur von dir ab, Simone", sagte er ernst und ich wusste, wie Recht er hatte. Wenn ich diejenige, die ich am meisten liebte, retten wollte, musste ich den unbequemen Weg gehen. Doch davor hatte ich kein Angst mehr, denn die Alternative war viel furchterregender. Simones Leben hat sich auf einen Schlag komplett verändert: Ihre Schwester Helene hat ihr eröffnet, dass sie die Königin der Hölle und ihr Mann Satan ist. Dem muss Simone auf den Grund gehen und sich ein eigenes Bild machen. Dabei handelt sie nicht ohne Hintergedanken, denn sie hat das deutliche Gefühl, dass da etwas nicht stimmt. Dabei muss sie sich Verlockungen stellen, denen sie kaum widerstehen kann. Plötzlich zeigt auch der Erzengel Uriel deutlich mehr Interesse an ihr, als gut für sie ist. Und dann ist da noch dieser Mann... Fünfter und letzter Band der Reihe "Im Bann der Unterwelt"

Meinungen über das E-Book Simone - Kristin Wöllmer-Bergmann

E-Book-Leseprobe Simone - Kristin Wöllmer-Bergmann

„Es hängt alles nur von dir ab, Simone“, sagte er ernst und ich wusste, wie Recht er hatte. Wenn ich diejenige, die ich am meisten liebte, retten wollte, musste ich den unbequemen Weg gehen. Doch davor hatte ich keine Angst mehr, denn die Alternative war viel furchterregender.

Simones Leben hat sich auf einen Schlag komplett verändert: Ihre Schwester Helene hat ihr eröffnet, dass sie die Königin der Hölle und ihr Mann Satan ist. Dem muss Simone auf den Grund gehen und sich ein eigenes Bild machen, dabei handelt sie nicht ohne Hintergedanken, denn sie hat das deutliche Gefühl, dass da etwas nicht stimmt.

Dabei muss sie sich Verlockungen stellen, denen sie kaum widerstehen kann. Plötzlich zeigt auch der Erzengel Uriel deutlich mehr Interesse an ihr, als gut für sie ist und dann ist da noch dieser Mann…

Band 5 der Reihe „Im Bann der Unterwelt“

Außerdem bisher bei Books on Demand erschienen:

Die „Im Bann der Unterwelt“-Reihe:

Band I: Helene ISBN: 978-3-7460-2296-3

Band II: Amelia ISBN: 978-3-7528-0539-0

Band III: Desdemona ISBN: 978-3-7528-5674-3

Band IV: Helene ISBN: 978-3-7481-9127-8

Für alle Schwestern dieser Welt.

Tied to a sallow heart

Why does he want to bring me where he goes

Oh and to find out the reasons why

It's enough to make you wanna try

For one last night

Ghosts and silhouettes

They take a piece of me they want it all

Oh but to wait in an empty room

With the feeling that is closing in.

I had a dream I was dying

But I found nobody there

And if one last night is all that we've been given

Let’s live it like we care

- Vault

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Teil 1: Brave Schwester

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Teil 2: Zweifelnde Schwester

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Teil 3: Heilende Schwester

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Epilog

Erzengel

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Epilog

Prolog

Er stand allein in dem Raum und starrte blicklos auf die verstreuten Möbel, die auf dem Boden lagen. Erinnerungen kamen hoch, die er erfolglos zu verdrängen versuchte. Jedes Mal war es das gleiche Spiel und doch trieb es ihn immer hierher, wo er alles verloren hatte.

Hass kochte in ihm hoch und schnürte ihm die Luft zum Atmen ab. Seine Brust begann zu schmerzen, als ramme ihm jemand ein glühendes Eisen hinein und er musste sich an der Wand abstützen, um nicht zu fallen.

Es gab nichts mehr, was ihn hätte retten können, das musste er endlich akzeptieren.

Er war dazu verdammt, bis in alle Ewigkeit hier zu bleiben und seinen Hass zu pflegen, ohne jemals die Möglichkeit zu haben, sich an denjenigen zu rächen, die ihm dies alles angetan hatten.

Seine Gedanken saugten sich an ihrem Bild fest, an diesem Gesicht, das ihn ohnehin in jeder wachen Minute und in seinen Träumen verfolgte.

Der Schmerz in seiner Brust ebbte langsam ab und er fühlte sich ausgehöhlt und leer. Einen kurzen Moment lang spürte er gar nichts und er lehnte mit geschlossenen Augen an der kalten Wand, kostete diesen wertvollen Moment aus.

Er dauerte nicht lang.

Schon kehrte der Hass in alter Stärke zurück und mit ihm das Bild dieser Frau, die an allem schuld war, was er zu erleiden hatte.

Wütend verließ er den Raum und schlug die Tür fest zu, wild entschlossen, ihn niemals mehr zu betreten.

Er wusste, er würde es dennoch tun.

Ihm blieb gar nichts anderes übrig, denn hier in seinem Gefängnis, in dem er jeden Raum, jeden Zentimeter kannte, führte ihn jeder Weg in dieses Zimmer zurück, als wäre es hinter jeder Tür.

Niemand war hier außer ihm. Er war ganz allein.

Er sah an sich herunter und sein Blick blieb an seiner Brust hängen. Durch das weiße Hemd schimmerte das scharlachrote Mal, das sie ihm zugefügt hatte.

Dieses Mal war es, das ihn so peinigte und ihn schlussendlich hier eingesperrt hatte.

Von allen verraten sollte er hier den Rest der Ewigkeit in Einsamkeit verbringen, um für sich und alle anderen keine Gefahr mehr darzustellen.

Dafür hatten seine Brüder gesorgt.

Auch sie hasste er, weil sie ihn verraten hatten und sich mit dem Feind gegen ihn verbündeten. Ihre Gesichter verfolgten ihn ebenso und er ersann immer neue Wege, um es ihnen heimzuzahlen.

Doch er war ein Gefangener, aus dessen Lage es keine Befreiung gab, denn sein Gefängnis war versiegelt und seine Wächter würden die Siegel niemals brechen.

Der Hass brannte in ihm wie eine Flamme.

Da hörte er plötzlich Schritte.

Teil 1

Brave Schwester

1

Die Verkäuferin warf mir einen irritierten Blick zu, als ich aus der Umkleidekabine kam. Etwas hilflos hob sie die Hände und suchte nach den richtigen Worten.

„Nun, ich denke, das ist nicht der richtige Schnitt für Sie“, sagte sie schließlich und lächelte gequält.

Verdammt richtig, dachte ich und betrachtete mein Spiegelbild stirnrunzelnd. Das Kleid, das ich trug, hatte auf der Schaufensterpuppe phantastisch ausgesehen, deswegen war ich in den Laden gegangen und hatte es anprobiert.

„Ein tolles Kleid! Für Ihre Figur wie gemacht!“, hatte die übereifrige Verkäuferin geschwärmt und mich zur Anprobe geschoben.

Einen Moment lang hatte ich ihr geglaubt, doch schon als ich mich in den Hauch aus Viskose hineingeschlängelt hatte, wurde mir klar: das wird nichts.

Ich sah aus wie ein Unterrichtsskelett, um das man Stoff gewickelt hatte. Vor Frust hätte ich heulen können.

Neidisch betrachtete ich die kurvige Frau, die aus der Nebenkabine kam und ein tolles Dekolleté und Hüften hatte. Ich hingegen…

Der tiefe Ausschnitt zeigte mein Brustbein und sonst nichts. Dort, wo die Raffungen eine tolle Silhouette hätten zeichnen sollen, warfen sie einfach traurige Falten über meinen Hüftknochen.

Ich korrigierte meinen Skelettgedanken auf zwölfjährigen mageren Jungen. Ich sah aus wie ein zwölfjähriger magerer Junge, der von fiesen Typen in das Kleid seiner großen Schwester gesteckt worden war.

Sogar mein Bruder hatte eine weiblichere Figur als ich!

Verzweifelt wich ich in die Kabine zurück, zog mir das Kleid über den Kopf und saß einen Moment still im Schlüpfer auf dem Hocker und starrte vor mich hin.

Wieder einmal hätte ich jeden, der mir sagte, ich sie ja so schön dünn und sähe wie ein Model aus, eigenhändig den Kopf abreißen können.

Erstens war ich dafür zu klein und zweitens wollte ich nicht so dünn sein. Viel lieber als meine Größe 30/32 wäre mir 40/42 gewesen oder größer.

Seufzend zog ich mir meine Jeans an, stellte den Gürtel aufs engste Loch und streifte das weite T-Shirt, auf dessen Etikett figurbetont gestanden hatte, über, nachdem ich mir meinen doppelt und dreifach gepolsterten BH umgeschnallt hatte.

Ich hängte das Kleid zurück auf den Bügel, reichte es der wartenden Verkäuferin und schlich aus dem Laden. Ich versuchte immer, meine Figur unter weiteren Sachen zu verbergen, weil mich andere Frauen immer so seltsam und wütend anstarrten.

Manchmal hörte ich, wie Mütter zu ihren Töchtern sagten „Und das findest du hübsch? Diese arme Frau ist schwerkrank und so willst du auch aussehen? Die Modeindustrie ist wirklich das letzte!“

Ich bin nicht krank. Naja, nicht kränker als andere. Ich war schon immer dünn. Und abgesehen von einer leichten Laktoseunverträglichkeit, esse ich auch ganz gesund. Immerhin gibt unsere Lebensmittelindustrie ja genug Alternativnahrung her. Aber egal was ich esse, ich nehme nicht zu.

Ich habe es versucht. Mich eine Woche nur von Pizza ernährt, jeden Tag zwei Stück, bis ich kotzen musste. Das gleiche mit Burgern und Pommes.

Es nützt nichts.

Meine Mutter sagt immer, das wird sich wahrscheinlich ändern, wenn ich ein Kind bekomme, aber mal ganz ehrlich: welcher Mann hat denn Lust, eine Frau zu schwängern, die eine Figur wie ein zwölfjähriger magerer Junge hat?

Männer stehen auf Brüste, auf Hintern. Ich kann keins von beidem in zufriedenstellendem Format aufweisen. Denn BH-Größe 70AA und Hosengröße 24/32 lassen nicht viel Spielraum für so was.

Ich verließ das Einkaufszentrum und ging zurück zur S-Bahn. Oben auf dem Bahnsteig pfiff ein kalter Wind und ich fror bald, weil ich nur eine dünne Jeansjacke trug.

Zwei Teenagermädchen, die nach Maßstäben der Gesellschaft als leicht übergewichtig gelten würden, kamen vorbei und grinsten mich hämisch an, als ich mir die Oberarme rieb.

„Na, doch ’n bisschen kalt, oder, du magersüchtige Kuh?“, sagte die eine, der der Bauch über die Shorts quoll. Sie trug kniehohe Stiefel und ein Ringeltop, das hochgerutscht war und einen Blick auf ihren gepiercten Bauchnabel und ein Tattoo an der Leiste freigab.

Ich glaube, es war ein Schmetterling, aber der Bauch verdeckte ihn, deshalb konnte ich es nicht genau bestimmen. Ihre ungepflegten blondierten Locken hatte sie auf dem Kopf zu einem unordentlichen Knoten gedreht, aus dem die Hälfte herausfiel und sie hatte einen sehr dicken Lidstrich. Und obwohl jeder andere sie als fett und schlampig bezeichnet hätte, hätte ich liebend gern mit ihr die Figur getauscht.

Ich machte einen Schritt zurück und guckte bedröppelt in eine andere Richtung. Wenn ich allein war, passierte mir so was öfters.

Die Bahn fuhr in den Bahnhof ein und ich stieg erleichtert in einen vollen Waggon.

Als ich ausstieg und mich auf den Weg zum Haus meiner Schwester machte, sah ich mich noch mal um, ob mir auch niemand folgte. Manchmal kamen diese Tussen auf die merkwürdigsten Ideen.

Erleichtert, weil keiner hinter mir war, legte ich noch einen Zahn zu und gelangte schließlich zu dem kleinen Schlösschen, welches mein Schwager hartnäckig als „Stadthaus“ bezeichnete.

Meine Schwester war definitiv zuhause, ich hatte sie extra noch mal angerufen, deswegen zückte ich meinen eigenen Haustürschlüssel und schloss auf.

„Helene!“, brüllte ich, als ich in der Diele stand. Es war eine schöne Diele mit Parkettboden, einer stylischen Garderobe und einer hübschen kleinen Bank auf die man sich setzen konnte, um die Schuhe auszuziehen.

„Komme!“, hallte ihre Stimme aus dem Wohnzimmer und schon ging auch die Tür auf und meine große Schwester kam in die Diele gerannt.

Strahlend warf sie sich mir an den Hals und hätte mich beinahe umgerissen. „Na meine Süße, hast du gut hergefunden?“, fragte sie fröhlich und umkreiste mich prüfend, genau, wie unsere Mutter es auch immer tat.

„Klar, ich kenne den Weg mittlerweile nach knapp vier Jahren.“ Ich setzte mich auf die Bank und zog meine Sneakers aus. Dabei musterte ich sie.

Néné trug wie meistens etwas in korallenrot, das sich etwas mit ihrer Haarfarbe biss. Ich meine, wir sind beide rotblond, deswegen war Koralle eigentlich ein absoluter Killer, aber Damian, ihr Mann, liebte diese Farbe besonders an ihr, deswegen war fast ihr ganzer Kleiderschrank in dieser Farbe oder dunkelrot.

Damian war eigentlich ein sehr modebewusster Mann, weshalb ich nicht verstand, warum er in Bezug auf meine Schwester derartig den Modeverstand verlor.

Nénés Haare fielen in ordentlich frisierten Locken über ihre Schultern und sie war dezent geschminkt.

Sie sah aus wie eine Dame.

Das klingt jetzt vielleicht nicht außergewöhnlich, aber wenn Sie sie gekannt hätten, bevor sie Damian geheiratet hatte, käme es Ihnen genauso komisch vor.

Davor war sie nämlich ständig bekleckert (gut, das tat sie auch heute beim Essen noch), ihre Haare standen unkontrolliert vom Kopf ab und der Lidschatten war immer eine Spur zu grell gewesen, um wirklich gut auszusehen. Aber seitdem sie ihn geheiratet hatte, hatte sich ihre äußere Erscheinung um hundertachtzig Grad gedreht.

Ich will mich nicht falsch ausdrücken: Er ist ein toller Mann und macht meine Schwester unheimlich glücklich und weil er ja eine internationale Firma hat, verstehe ich, warum auch Néné immer schick und mondän gekleidet sein muss, aber trotzdem…

„Simönchen?“, riss sie mich aus meinen Gedanken. „Alles o-kisey?“

„Ja klar. Abgesehen davon, von meinem Shoppingerlebnis, als ich in einem Laden war, der Klamotten für Frauen verkauft und die Verkäuferin mich angesehen hat, als wäre ich ein Zootier“, maulte ich und hängte meine Tasche an die Garderobe.

„Ich hab dir doch schon gesagt, du sollst mit zu Bethany kommen“, meinte Néné genervt. Bethany war ihre Londoner Schneiderin, ein weiterer Vorzug, wenn man einen stinkreichen Mann heiratete, aber ich wollte nicht, dass meine Schwester Kleider für mich anfertigen ließ und bezahlte, die ich mir selber nicht leisten konnte.

Ich stellte meine Schuhe unter die Bank und folgte Néné in das große Wohnzimmer, das sie in creme und burgunder eingerichtet hatte. Es war in einen großzügigen Wohnbereich und eine Art Leseecke am Kamin eingeteilt, außerdem gab es eine doppelte Glastür zum angrenzenden Esszimmer und eine ebenso große Tür, die nach draußen auf die Terrasse führte.

Auf der großen cremefarbenen Couch, die in U-Form einen Großteil des Raumes einnahm, saßen bereits zwei ihrer Freundinnen: Amelia Santini, eine hübsche Italienerin, die mit einem von Damians Leuten verheiratet war und Desdemona, Nénés beste Freundin, Vorstandsmitglied in Damians Firma und wenn ich Amelia hübsch genannt hatte, musste ich Desdemona wunderschön nennen.

Außerdem war sie mir etwas unheimlich. Sie war kühl, analytisch und berechnend, es sei denn, es ging um meine Schwester, bei der sie die Herzlichkeit in Person war.

„Simone!“

Amelia stand auf und nahm mich in den Arm. Eigentlich mochte ich solche körperliche Nähe von fast Fremden überhaupt nicht, die meisten zuckten auch relativ schnell zurück, wenn sich irgendeiner meiner Knochen in ihr Fleisch bohrte, aber bei Amelia gehörte es irgendwie dazu.

Sie war immer freundlich, das lag wahrscheinlich auch an ihrem einnehmenden italienischen Temperament. Desdemona hingegen blieb wie eine Königin auf dem Sofa sitzen und nickte mir lächelnd zu. „Hallo Simone.“

„Hallo Desdemona.“

Die beste Freundin meiner Schwester ist Engländerin, hat aber keinen Akzent und spricht fehlerfrei deutsch. Sie ist über einen Meter achtzig groß, hat eine unglaublich heiße Figur und die wunderschönsten dunkelroten Haare der Welt, die sie aber meistens hochgesteckt trägt. Dazu hatte sie heute ein elegantes schwarzes Kostüm und Killerstilettos an.

Amelia hingegen ist um die eins siebzig, hat blaue Augen, wilde braune Locken und immer ein Lächeln auf den Lippen. Sie war vor gut vier Monaten Mutter geworden und ich hielt sofort Ausschau nach dem Baby. Es lag selig schlafend in seiner Babyschale.

„Na, wie geht’s dem kleinen Monster?“, fragte ich und Amelia funkelte mich an. Sie schätzte es nicht besonders, wenn man Alessandro ein kleines Monster nannte, aber ganz ehrlich, es war doch so.

Gut, ich muss die Karten auf den Tisch legen: hier ist rein gar nichts normal. Mein Schwager ist Satan und meine Schwester die Königin der Hölle.

Punkt eins.

Amelia ist mit einem Dämon verheiratet und ihr Sohn ist folgerichtig auch ein kleiner Dämon, genauso wie Desdemona, die den Witz nicht verstanden hatte und mir einen langen Blick zu warf. Anscheinend hatten wir heute einen angespannten Tag.

Punkt zwei.

Von der ganzen Teufelssache hatte ich auch erst vor einigen Monaten erfahren, weil ich mich furchtbar mit Helene gestritten hatte und sie dazu gezwungen hatte, mir endlich reinen Wein einzuschenken und mir ihr merkwürdiges Verhalten zu erklären.

Natürlich hatte ich mit jeder Erklärung gerechnet außer mit der, die sie abgeliefert hatte. Und nach den mittlerweile vier Jahren, in denen sie die Wahrheit vor mir geheim gehalten hatte, hätte sie mich mit jeder Lüge abspeisen können, die ihr eingefallen wäre, aber sicher nicht mit so einer phantastischen Geschichte, die kein Mensch glauben konnte, es sei denn, sie entsprach der Wahrheit.

Das Ganze war ein riesiger Schock für mich gewesen, der mich erst im Nachhinein richtig eingeholt hatte. Allein der Gedanke an die Existenz von Himmel und Hölle, wenn auch in einer etwas anderen Form als man es aus Literatur, Film und Fernsehen kannte, hatte mich fertiggemacht und mir einige schlaflose Nächte beschert.

Die Tatsache, dass die Vertreter dieser beiden Reiche, also Engel und Dämonen, ganz unauffällig unter uns normalen, ahnungslosen Menschen lebten und mit uns ihre Geschäfte machten, war genauso verwirrend und auch erschreckend gewesen.

Engel waren verstorbene Menschen, deren Seelen aufgrund ihrer Reinheit die Himmlische Mannschaft verstärken durften, das war schon mal ein Hammer.

Aber auch Dämonen waren ursprünglich Menschen gewesen, die Satan freiwillig, aus welchem Grund auch immer, ihre Seelen verkauft hatten und ihm nun dienten. Diese Information war wesentlich schwerer zu verdauen gewesen.

Im Umkehrschluss bedeutete das doch folgendes: jeder, egal ob er ein gutes oder schlechtes Leben geführt hatte, ob er ein guter oder schlechter Mensch gewesen war, konnte einfach so Teil der Hölle, und damit ein Untertan meiner Schwester werden.

An diesem Punkt hatte ich auch ewig geknabbert.

Hinzu kam der nicht unbedingt gute Ruf der Hölle, von ihrem Herrscher, meinem lieben Schwager, einmal ganz abgesehen.

Meine große Klappe hatte mich in eine Situation gebracht, in der ich Damian a.k.a. Satan dazu aufgefordert hatte, mich eine Art Praktikum bei ihm und Néné machen zu lassen. Eine großartige Idee, fand ich zumindest, bis ich abends zuhause war und der Schock kam und ich eine Riesenangst bekommen hatte.

Was hatte ich mir bloß dabei gedacht?

Ich hatte ihn ernsthaft aufgefordert, mich mitten rein in das Geschehen zu bringen, wo es vor Monstern nur so wimmelte und das einzige Bestreben war, die Weltherrschaft an sich zu reißen.

Für diesen Gedanken, als ich ihn später Néné gegenüber einmal zögerlich geäußert hatte, hatte sie mich ausgelacht und mir gesagt, es ginge ganz und gar nicht um die Weltherrschaft und auch nicht darum, die Hölle auf Erden über die Menschheit zu bringen.

So weit so gut, das hätte auch nicht zu meiner liebenswerten Schwester gepasst, aber was zur Hölle (Wortwitz) wollten sie?

Und was wollte meine Schwester?

Ich hatte lange mit mir gerungen, ob ich bei dem Plan bleiben sollte oder ob ich lachen, abwinken und so tun sollte, als ob das alles nur ein Witz gewesen war.

Ganz sicher bin ich mir bis heute nicht, ob es eine gute Idee war, aber auf der anderen Seite habe ich das unbedingte Bedürfnis, zu verstehen, was in den letzten vier Jahren bei Néné geschehen ist.

Sie hat sich so sehr verändert, hat so viel durchmachen müssen und das ganze macht mir so eine Scheißangst, dass ich es unverantwortlich fände, Bescheid zu wissen und es sie alleine durchstehen zu lassen.

In einem späteren Gespräch hatte sie mir gesagt, wie froh sie war, jetzt wo ich endlich Bescheid wusste und sie sich mir gegenüber nicht mehr verstellen muss. Da verstand ich, wie sehr sie mich brauchte.

Gleichzeitig habe ich es bisher nicht geschafft, meine Angst abzuschütteln, egal, wie verliebt Amelia in ihren Mann und wie süß ihr gemeinsames Dämonenbaby ist und auch egal, wie schön und nett Desdemona ist; von Dämonen bekomme ich eine Gänsehaut.

Vielleicht war ich etwas verrückt, aber schon immer galt bei mir: je größer meine Angst desto stärker der Drang sie zu besiegen.

Néné nennt das meine irre Superkraft, weil sie sagt, ich würde mich selbst dadurch zwar selbst überwinden und persönlich wachsen, habe mich dadurch aber auch schon in ziemlich bescheuerte Situationen gebracht habe, denn mit Mutproben hat man mich vor allem als Kind, zu fast allem bringen können.

Meistens mussten meine Geschwister mich aus den Situationen, aus denen ich allein nicht mehr rausgekommen wäre, weil ich wahlweise in viel zu hohen Bäumen festsaß, von Kettenhunden gejagt wurde oder mir bei einem waghalsigen Stunt auf dem Klettergerüst den Arm gebrochen hatte, rausholen und allzu oft ins Krankenhaus bringen.

Wenigstens das hatte ich mittlerweile im Griff, aber dennoch spürte ich in mir den Drang, herauszufinden, was die Hölle war, was meine Schwester damit zu tun hatte und warum das ganze so gefährlich für sie war.

Sie hatte mir von einigen Situationen berichtet, in denen sie nur knapp mit dem Leben davongekommen war, denn die Engel sind ziemlich sauer über ihr Auftauchen als Höllenqueen.

Helene war, was das anging, schon immer eher vorsichtig gewesen. Sie war zwar nicht auf den Mund gefallen, aber sie löste entsprechend auch alles verbal und ging keine Risiken ein. Dass ihr Leben so gefährlich geworden war, hatte sie also eindeutig ihrem Mann zu verdanken, was ich ihm übelnehme.

Gut, also würde ich mich in die Höhle des Löwen begeben und mir mein eigenes Bild machen, schlechtes Gefühl und Angst hin oder her. Meine Schwester braucht mich an ihrer Seite, alles andere ist egal.

Wo war ich? Ach ja, das ist Punkt drei.

Ich hatte vor kurzen mein Kunstgeschichtestudium abgeschlossen und momentan keinen Job, also gab es auch nichts, was mich von dem Praktikum abhielt, aber ich muss sagen, für meine Schwester hätte ich sowieso jederzeit jeden Job der Welt gekündigt.

Damian, oder sollte ich eher Satan sagen? Ehrlichgesagt zuckte ich vor diesem Namen noch immer zurück, ich hatte einfach zu viele Fantasy-Serien gesehen, in denen der Teufel entweder ein diabolisch grinsender Sadist oder ein süffisant grinsender Draufgänger war.

Nénés Mann ist keins von beidem.

Erstens grinst er nicht und zweitens ist er äußerst gebildet (kein Wunder, wenn man mehrere tausend Jahre alt war), eloquent und höflich.

Was wollte ich sagen?

Achso, Damian war mit dem Praktikum einverstanden, obwohl ich seinen Widerwillen ganz deutlich gespürt hatte, als ich danach gefragt habe. Néné war allerdings mit einem solchen Enthusiasmus drauf angesprungen, dass er kaum nein sagen konnte.

Seitdem ich seine wahre Identität kenne, spüre ich immer ein kaltes Prickeln im Nacken, wenn wir uns begegnen, ein eindeutiges Zeichen dafür, vorsichtig zu sein. Wasser auf den Mühlen meines Angstbewältigungsdranges.

Seitdem behandelt er mich auch anders, denn ich bin gegen Einflüsse der Hölle weitestgehend immun und das hat ihn misstrauisch gemacht. Und mich auch.

Außerdem habe ich das Gefühl, er verbirgt etwas vor mir und ich muss herausfinden, was.

Überhaupt gibt es so vieles, was ich herausfinden muss.

Mein Start hatte sich leider verzögert, weil Himmel und Hölle Krieg gegeneinander geführt haben und die beiden noch einiges an Arbeit nachzuholen hatten.

Néné wollte mich in halbwegs geordneten Verhältnissen loslegen lassen und deswegen musste ich wohl oder übel warten und weiterhin in der Kunstgalerie arbeiten, in der ich schon während meines Studiums gejobbt hatte.

Letzte Woche hatte Damian mir endlich grünes Licht gegeben: Schon nächsten Montag würde ich die beiden nach Prag zu einer Konferenz begleiten.

„Bist du schon aufgeregt?“, fragte Amelia mich und wiegte ihr schlafendes Baby im Arm. Er war wirklich zu süß, mit rotbraunem Flaum auf dem Kopf und seine Augen waren intensiv blau. Seine kleine Faust ruhte an seinem Kinn und er saugte sachte daran. Ich zuckte mit den Schultern.

„Ehrlich gesagt habe ich im Moment so gar kein Gefühl. Ich weiß ja auch nicht, was mich erwartet. Damian hat gesagt, ich würde verschiedene Abteilungen durchlaufen und soll ihm hinterher sagen, ob es mir gefallen hat.“

Amelia runzelte irritiert die Stirn und sah Néné fragend an. „Und was kommt danach? Soll sie einsteigen? Helene…“

Meine Schwester winkte ab und lehnte sich entspannt auf ihrem Sofa zurück. „Nicht so wie du denkst, Melli. Es geht tatsächlich um einen Job, wenn Simone möchte, nicht um einen Seelenhandel.“

Immer, wenn das Gespräch auf dieses Thema kam, wurde mir ganz anders. Es erinnerte mich daran, dass die Hölle die Hölle war und nicht das Wasserwerk von nebenan. Helene und Amelia aber waren nach wie vor Menschen und hatten den Seelenhandel noch nicht vollzogen, obwohl das irgendwann auf der Agenda stehen würde.

Néné hatte mir das alles zwar erklärt, aber nicht die kleinste Andeutung gemacht, dass sie von mir erwartete, dieses Ding durchzuziehen, wenn ich dabei sein wollte.

Ich hätte darauf auch nichts zu sagen gehabt, aber Helene konnte auch dreihundert Jahre ein Mensch bleiben, bevor sie selbst zum Dämon wurde.

Bei Amelia war es, glaube ich, ähnlich. Beide eine Verbindung zu ihren Männern hatten, die sie jung, gesund und am Leben hielt.

Dreihundert Jahre lang.

Ich wusste wie belastend die Situation für Néné war, denn außer mir ahnte keiner aus unserer Familie etwas und ich war ja auch erst seit kurzem an Bord.

Sie litt sehr unter der Gewissheit, uns alle zu überleben und irgendwann musste sie auch Mama und Papa und unseren Bruder David die Wahrheit sagen. Und wenn es so weit war, konnten alle immer noch entscheiden, was sie tun wollten.

Das war eine große Sache, die man nicht leichtfertig abtun durfte und die einen weiteren Punkt auf meiner Liste mit beängstigenden Fakten über die Hölle darstellte.

Ich hatte eine Riesenangst davor, Néné könnte sich plötzlich umentscheiden und ihrem Mann einfach ihre Seele verkaufen. Würde sie sich sehr verändern, wenn sie ein Dämon wurde? Wäre sie noch meine Schwester oder so ein kühles, berechnendes Wesen wie Desdemona? Mein Gefühl sagte mir, dass das eine Sache war, vor der ich berechtigterweise Angst hatte.

„Du kommst mit nach Prag, oder?“, fragte mich besagte Dämonin in diesem Moment. Sie selbst war auch öfter in Berlin, obwohl sie für das Vereinigte Königreich, Kanada, Australien und Neuseeland zuständig ist.

Einmal weil wegen Helene die meisten Konferenzen in Berlin oder anderen Hauptstädten in der Nähe abgehalten wurden und zum anderen, weil sie mit ihrem Kollegen Haakon zusammen ist, der wiederum Europa und Nordafrika regiert.

Haakon kenne ich nur oberflächlich, er ist ein ziemlich arroganter riesiger Kerl, der aussieht, als hätte man ihn direkt aus „Vikings“ rausgeholt, nur, dass er einen Anzug statt eines Wikinger-Outfits trägt. Aber die breiten Schultern, das blonde Haar und der markante Kiefer waren schon ziemlich stereotyp und schrien eindeutig Wikinger.

Ehrlichgesagt finde ich Haakon ziemlich unsympathisch und kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, was Desdemona an ihm findet. Er musste ja ne echte Granate im Bett sein, wenn sie dafür seinen Charakter ertrug. Für meinen Geschmack passte er zu gut in den schlechten Ruf der Hölle, denn auch in Nénés Erzählungen, obwohl sich ihr Verhältnis gebessert hatte, kam er als egozentrischer Macho rüber, der nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht war.

Außerdem hatte ich immer noch seine Rede von der Hochzeit im Kopf, die ungelogen eine dreiviertel Stunde dauerte und in der er sich eigentlich die ganze Zeit selbst lobte.

Hoffentlich würde ich mit ihm nicht allzu viel zu tun haben.

„Ja genau. Ich bin schon sehr gespannt auf Prag. Dort war ich noch nie.“ Desdemonas Miene verdüsterte sich, anscheinend konnte sie die Stadt nicht so gut leiden, aber ich wollte nicht nachfragen.

Überhaupt waren solche Geschichten nicht so mein Ding, deswegen war okay für mich, wenn sie nicht unbedingt darüber sprechen wollte.

Von Amelia war mir fast das ganze Leben bekannt, sie war äußerst redselig (vor allem, wenn sie ein paar Cocktails getrunken hatte) und es hatte vor ihrer Schwangerschaft mal einen Abend gegeben, an dem ich ihre jüngere Schwester Luisa kennengelernt hatte und Amelia die Geschichte rausgerutscht war, wie sie Sebastien, ihren Mann, kennengelernt hatte.

Es war ursprünglich ein One-Night-Stand gewesen, dessen merkwürdige Umstände sich mir erst mit der Information, dass er ein Dämon ist, erschlossen haben.

Naja, bei Luisa, die von nichts weiß, kam die Info nicht so gut an, irgendwie ist sie sehr konservativ und ein One-Night-Stand passte absolut nicht in ihr katholisches Weltbild. Da aber schlussendlich eine Beziehung und sogar eine Ehe daraus entstanden waren, hatte sie diese Kröte geschluckt.

Meiner Meinung nach sollte man das nicht so eng sehen, die Zeiten waren doch wirklich vorbei, in denen man sowas streng geheim halten musste, weil die Leute über einen tratschten.

Mir persönlich wäre es schon recht, überhaupt mal wieder einen Mann kennenzulernen, mit dem ich Lust hätte, ins Bett zu gehen und der die gleichen Ambitionen hatte.

Manchmal fragte ich mich wirklich, warum ich mit meinen sechsundzwanzig Jahren lebte wie eine siebzigjährige alte Schachtel und kaum ausging und auch niemanden fürs Bett fand.

Deswegen fieberte ich Montag entgegen. Ungefähr im gleichen Maße stiegen auch meine Nervosität und Anspannung, weil ich nicht wusste, was mich erwartete. Aber gut, ich hatte mir schließlich Action gewünscht, oder nicht?

Néné setzte sich neben mich auf das Sofa und reichte mir ein Glas Saft. Seitdem sie ihre Aufgabe als Königin der Hölle angenommen hat, hat sie sich sehr verändert.

Eigentlich ist sie eher der unbeschwerte Typ, der sich selten Sorgen macht oder die Dinge schwernimmt, aber seitdem sie Damian geheiratet hat, ist sie sehr oft angespannt und mit den Gedanken ganz woanders.

Manchmal sieht sie so erschöpft aus, dass ich mir Sorgen um sie mache und mich frage, ob das alles nicht zu viel für sie ist. Auch das muss ich herausfinden.

Dazu kommen die schon erwähnten gefährlichen Situationen, in denen sie nur knapp mit dem Leben davongekommen ist.

Oft mache ich mir Sorgen darüber, ob Néné nicht doch völlig fehl an ihrem Platz ist und ihr nicht helfen zu können, wenn es notwendig werden sollte, wurmt mich und macht mir große Angst. Wir waren immer ein Team und haben einander unterstützt und geholfen. Wenn sie jetzt Probleme hat, war es meine schwesterliche Pflicht, sie zu unterstützen. Wenn sie es denn zuließ, denn die Geheimnisse und Lügen hatten unsere Beziehung sehr belastet.

Mein Schwager war heute nicht da. Néné bestand darauf, so oft wie möglich an Terminen teilzunehmen und wollte unbedingt einbezogen werden, aber das war nicht immer möglich, weil er manchmal in Krisenregionen reisen musste, in denen es einfach zu gefährlich für sie wäre.

Das letzte halbe Jahr war schrecklich für uns alle gewesen und Helene hatte sich noch mehr in sich selbst zurückgezogen, auch, wenn sie sich immer bemühte, das niemanden merken zu lassen, aber mich als ihre Schwester konnte sie nicht täuschen.

Dafür schauspielerte sie einfach zu schlecht.

Die ganze Geheimniskrämerei hatte mich sehr verletzt, weil ich schon vor längerer Zeit bemerkt hatte, dass sie nicht ehrlich mit mir war und mir etwas Wichtiges verheimlichte.

Im Nachhinein konnte ich verstehen, warum sie nichts gesagt hatte, trotzdem hatte sie unseren Schwur, niemals Geheimnisse voreinander zu haben, gebrochen.

Gerade deswegen musste ich jetzt ganz nah bei ihr sein und versuchen zu verstehen, was eigentlich mit meiner unbeschwerten großen Schwester geschehen war, denn in den letzten vier Jahren war ihr Verhalten meinem immer ähnlicher geworden.

Denn die Rollenverteilung zwischen uns beiden war schon immer ganz klar: Sie war die lustige, die gut mit anderen in Kontakt kam und ich war die Stille, die von ihr mitgezogen wurde und die Leute mit einem dummen Spruch überrumpelte.

Es war nicht so, als könne ich ihre Rolle einnehmen, jetzt, wo sie so viel ruhiger geworden war, das wollte ich aber auch gar nicht. Trotzdem konnte ich diese Wesensveränderung nicht einfach so hinnehmen.

Und wenn Satan höchstpersönlich der Grund dafür war.

Helene und Damian würden mich am Montagmorgen zuhause abholen, um mit seinem Privatjet nach Prag zu fliegen.

Als sie mir das erste Mal von dem Privatjet erzählte, warf ich ihr einen langen Blick zu. Das war einfach eine Schippe zu viel, um noch cool zu sein.

Man hätte auch mit dem Zug oder dem Auto nach Prag fahren können, aber nein, das ging natürlich nicht, wenn man der Herr der Unterwelt war.

Néné hatte mir mehrmals vorgeschwärmt, welchen Komfort das bedeutete, aber sie konnte mir nichts vormachen: ihr war das sicherlich auch zu viel des Guten, sie hatte sich nur einfach schon daran gewöhnt.

Am nächsten Tag würden wir uns sowieso noch einmal sehen, weil unsere Schwägerin Sandra Geburtstag hatte und wir zum Familienkaffeetrinken eingeladen waren. Darauf freute ich mich schon, weil ich so gern Zeit mit meinem Patenkind Lily und ihrer Schwester verbrachte und jede Gelegenheit dazu nutzte.

Néné ist die Patin unserer älteren Nichte Mia und ich durfte für die Lütte die Patenschaft übernehmen. Die Töchter unseres Bruders sind beide total süß und lieb und irgendwie passen sie auch sehr gut zu uns beiden, weil sie uns ergänzen.

Mia ist, wie ich es als Kind war, eine kleine Draufgängerin und hat vor nichts Angst, meistens muss Sandra sie mit einer blutigen Nase oder einem aufgeschlagenen Knie aus dem Kindergarten abholen.

Lily ist viel sanfter und vorsichtiger und spielt lieber mit ihren Puppen, anstatt wie ihre große Schwester auf irgendwelchen Klettergerüsten herumzuturnen, unterstützt sie aber bedingungslos bei allem, was sie tut, so wie Néné es bei mir immer getan hatte. Es war ein wenig, als wären die beiden kleinere, vertauschte Versionen von uns.

Ich fuhr also nach Hause und begann schon einmal meinen Koffer zu packen. Als ich um halb sieben damit fertig war, blieb ich missmutig in der Diele stehen und fragte mich, was ich mit dem angefangenen Samstagabend jetzt machen sollte.

Auf Ausgehen hatte ich wirklich keine Lust, aber jetzt allein in der Wohnung herumzuhängen war auch keine echte Option. Ich fühlte mich unruhig und unausgeglichen und hatte das Bedürfnis, mich mitzuteilen.

Regungslos stand ich vor der Haustür, die Hand an der Klinke und wusste nicht so recht, was ich tun sollte.

Mir kam der Gedanke, ihn anzurufen, aber ich wusste nicht genau, was ich ihm sagen sollte. Langsam ließ ich die Hand sinken und trat einen Schritt zurück.

Das wäre sicher keine gute Idee und Männern hinterher zu laufen war auch nicht mein Stil. Aber mit Sicherheit konnten wir uns sprechen, wenn ich aus Prag zurück war und etwas zu erzählen hatte, dann wirkte mein Anruf auch nicht so desperate.

Mit schlechter Laune ging ich in mein Wohnzimmer und warf mich auf die Couch. Gut, ich würde den Samstagabend eben allein in meiner Wohnung verbringen. Wahrscheinlich sollte ich ihn genießen, weil er mit Sicherheit für längere Zeit der letzte seiner Art war.

2

Am Montagmorgen um kurz vor acht klingelte es wie verabredet an meiner Haustür. Schnell zog ich den Reißverschluss meiner Jacke hoch und schnappte mir meinen Koffer.

Schon seit um sieben hatte ich wie auf glühenden Kohlen in der Küche gesessen und gewartet. Außerdem war ich mies gelaunt, weil ich vor Aufregung furchtbar schlecht geschlafen hatte und jetzt todmüde war, aber auf der anderen Seite klopfte mein Herz wie wild, weil es endlich losging.

Gleichzeitig fühlte ich mich, als hielte mir jemand einen Beutel mit Eis in den Nacken. Ich hatte Angst und das machte mich nervös und kratzbürstig.

‚Ruhig Blut‘, sagte ich mir selbst und zerrte den Koffer aus dem zweiten Stock nach unten.

Vor meinem Wohnhaus parkte ein schwarzer Audi, der viel zu teuer für diesen Stadtteil, in dem hauptsächlich Studenten und Leute der unteren Mittelschicht wohnten, aussah und Néné stand in einem korallenroten Kleid unter ihrem schwarzen Trenchcoat vor dem Oberklassewagen und winkte mir fröhlich mit ihrer Designerhandtasche zu.

Neben ihr wartete Damian, der in seinem anthrazitfarbenen Anzug genauso fehl am Platze wirkte wie das Auto, und sah sie mit diesem halb verzweifelten, halb belustigten Blick an, den er immer draufhatte, wenn sie sich einfach wie ein normaler Mensch verhielt.

Mir kam Pierre, Damians erster Assistent, entgegen. Wie immer trug der schmale Franzose einen auffälligen Anzug, dieses Mal war er großflächig in schwarz und weiß kariert, und er hatte ihn mit einem kanarienvogelgelben Hemd und einer roten Krawatte kombiniert.

Der Modegeschmack dieses Typen ging echt gar nicht.

Aber immerhin nahm er mir nach einem fröhlichen „Bonjour“ und blitzenden strahlend blauen Augen den Koffer ab und trug ihn wie eine Einkaufstasche zum Auto, schob ihn in den Kofferraum und setzte sich gelassen hinters Steuer.

Dabei pfiff er die ganze Zeit ein Lied vor sich hin, das ich noch nie gehört hatte. Die Assistenten meines Schwagers waren deutlich sympathischer als die Leute, mit denen er sich sonst umgab und ich hatte bei ihnen auch kein schlechtes Gefühl. Dafür verstärkte sich das Kribbeln, als ich mich den beiden näherte.

Néné umarmte mich und ich kämpfte mit meinem Bauchgefühl, das mir ein deutliches Unwohlsein meldete. Ich betrachtete ihr Gesicht. Heute wirkte sie besonders fröhlich.

Damian küsste mich kurz auf die Wange und stieg in den Wagen ein, doch die Stelle, an der er mich berührt hatte, kribbelte und wurde ganz heiß auf meiner Haut, als hätte er hohes Fieber und übertrug es auf mich.

Ich blinzelte und rang mir ein Lächeln ab. Das konnte ja heiter werden, hoffentlich kultivierte ich keine Allergie gegen meinen dämonischen Schwager.

Die Fahrt zum Flughafen war nur kurz, weil ich unweit von ihm wohnte und schon bald saß ich mit großen Augen im Privatjet und konnte gar nicht recht fassen, wo ich hier eigentlich gelandet war.

Mein Sitz im vorderen Teil der Kabine, direkt hinter dem Cockpit, war breit, mit weichem Leder bezogen und ließ sich sogar nach hinten lehnen, sodass man quasi lag, denn gleichzeitig kam, wie bei einem Fernsehsessel, eine Fußlehne hoch und man fühlte sich buchstäblich im Himmel der Sitzmöbel.

Damians übrige drei Assistenten hatten am Flughafen auf uns gewartet und mich freundlich begrüßt. Natürlich waren auch sie allesamt Dämonen. Wenn ich Néné richtig zugehört hatte, waren Pierre und Lydia sogar schon an die fünfhundert Jahre alt, aber dennoch hatten sie eine ganz andere Ausstrahlung als mein Schwager.

Stan und María, die letzten beiden im Bunde, waren Nénés persönliche Lieblinge. Sie waren auch oft bei ihr zuhause und arbeiteten mit ihr zusammen. Laut Néné war sie höchstpersönlich dafür verantwortlich, dass die beiden mittlerweile ein Paar waren und sich sogar vor kurzem verlobt hatten.

Ich fand die beiden ganz sympathisch, die glutäugige María hatte ein südamerikanisches Temperament und war echt auf zack und ihr britischer Verlobter lächelte immer und war sehr hilfsbereit.

Mit dieser Art hatte er auch das Herz unserer Nichte Mia gewonnen, als er auf dem letzten Familienfest unermüdlich „Flieger“ mit ihr gespielt hatte und sie gefühlt den ganzen Nachmittag immer wieder in die Luft geworfen und aufgefangen hatte. Seitdem war sie ganz vernarrt in ihn und immer sehr enttäuscht, wenn Néné und Damian ohne Stan aufkreuzten.

Lydia, Damians letzte Assistentin, war eher etwas zurückhaltend, aber sehr herzlich. Néné hatte mir erzählt, die gebürtige Dresdnerin habe sich sofort angeboten, meine Mentorin zu werden, als sie von dem Praktikum erfuhr und nach kurzer Überlegung hatte ich die Idee gut gefunden.

Es konnte sicher nicht schaden, jemanden bei mir zu haben, der mir alle Fragen beantworten konnte und noch mal einen anderen und vor allem sehr viel längeren Einblick als Helene hatte.

Die Assistenten saßen in einem separaten Bereich im hinteren Teil des Jets, während Damian, Néné und ich direkt hinter dem Cockpit des Piloten Platz nahmen. Am liebsten hätte ich auch hinten gesessen, aber Néné wollte mich bei sich haben.

Vielleicht kam ich ja später dazu, mich mit den vieren auszutauschen.

„Was genau werden wir in Prag denn eigentlich besprechen?“, fragte ich die beiden, denen ich an einem Tisch gegenübersaß, der sich verschieben ließ, wenn wir uns in die Schlafposition begeben wollten. Néné hielt Damians Hand umklammert und fieberte dem Abflug entgegen. Sie war noch nie gern geflogen und das Starten und Landen hasste sie ganz besonders. Offenbar änderte auch der Umstand eines Privatjets nichts daran.

Damian sah mich mit seinen grünen Augen an und schien zu überlegen, wie er mir antworten sollte. Wieder kam ich nicht umhin, sein Verhalten mir gegenüber als Ablehnung zu interpretieren. Néné kam ihm zuvor und schien sich über eine Ablenkung von dem bevorstehenden Start zu freuen.

„Es geht um verschiedene Themen“, plauderte sie los. „Eines davon sind Verträge, die der zuständige Kanzler in Prag aufgesetzt hatte, um mit den Engeln in Kontakt zu kommen. Außerdem treffen wir uns mit den Lords, damit wir die aktuelle Lage in aller Welt besprechen können. Du erlebst also direkt, was wir machen.“

„Eigentlich hatte ich für Simone eine Führung durch den Stützpunkt geplant, damit ihr der Geschäftsbereich in Prag gezeigt wird. Wir operieren hauptsächlich mit Energie in Tschechien“, wandte Damian stirnrunzelnd ein.

Ups, da hatten sie sich offenbar nicht abgesprochen. Néné sah ihren Mann irritiert an und schien nicht recht zu wissen, was sie sagen sollte. Ich beschloss, die Lage zu entspannen, bevor sie auf ihn losgehen konnte.

„Kein Problem, an Besprechungen kann ich sicherlich noch oft genug teilnehmen“, wandte ich ein und winkte ab. „Aber ich würde mich freuen, wenn ich die Führung bekommen könnte.“

„Lydia wird dich begleiten. Wir brauchen morgen keine vier Protokollanten, zumal auch Haakons Assistenten da sein werden. Sie können das Protokoll übernehmen“, legte mein Schwager fest. Ich nickte. Das war in Ordnung für mich.

Néné aber schnaubte. „Die beiden sind so intelligent wie Maiskolben, das kann nur schiefgehen.“ Ihr Mann sah sie gereizt an und sie lächelte lieblich. „Nichts für ungut, Liebster, aber die beiden sind nicht gerade deine intelligentesten Geschöpfe. Sie rangieren kurz über den fliegenden Affen aus der Zauberer von Oz.“

„Helene…“, setzte Damian an und zwischen seinen Augenbrauen bildete sich eine gereizte Falte, die mir ein wenig den Schweiß auf die Stirn trieb. Néné schien das zu freuen.

„Soll ich doch lieber nach hinten gehen, damit ihr euch in Ruhe streiten könnt?“, fragte ich freundlich. Die beiden sahen mich verdattert an, anscheinend hatten sie mich zwischenzeitlich vergessen. Mega.

Am Ende vergaß man mich noch an irgendeinem Tagungsort und ich konnte sehen, wie ich klarkam.

Ich versuchte, darüber zu lächeln und den scharfen Stich in meiner Brust zu ignorieren. Natürlich war ich ein Fremdkörper in ihrer beider Welt, aber dass meine eigene Schwester mich einfach so vergaß (innerhalb von Sekunden!), traf mich.

‚Beruhige dich‘, sagte ich mir selbst. ‚Das hier ist nur der Anfang und es wird sich zum Besseren wenden‘. Ich musste nur fest dran glauben.

Der Flug verlief ruhig, es gab keine Turbulenzen und ich beschloss, dass ich mich besser auf die kommenden Monate einlassen konnte, wenn ich noch mehr Informationen sammelte. Sicherlich würde dadurch auch das flaue Gefühl in meinem Magen etwas besser werden.

„Woran arbeitest du gerade?“, fragte ich Néné. Sie lächelte mich müde an und deute auf den Stapel Papier vor sich und ihren Tablet-PC, den sie auf den Tisch gestellt hatte.

„Willst du die ganze Bandbreite haben?“, fragte sie und machte eine ausladende Handbewegung.

„Na klar. Immerhin bin ich doch jetzt dein Assi“, erwiderte ich und strich mir das Haar zurück. Sie nickte und schob mir ihren Laptop hin. Darauf erkannte ich verschiedene Schaubilder und ein digitales Notizbuch, in dem sie ihre Gedanken festzuhalten schien.

Die Schaubilder sagten mir rein gar nichts und ihre Notizen waren wirr und ungeordnet. Ich rieb mir den Nacken und überlegte, mit welcher meiner tausend Fragen ich anfangen sollte.

„Okay, ich verstehe nichts“, räumte ich ein. Sie kicherte und rief ein Kurvendiagramm auf.

„Das geht mir die Hälfte der Zeit immer noch so“, sagte sie und Damian neben ihr schüttelte den Kopf.

„Sie übertreibt maßlos“, sagte er in meine Richtung. „In Wahrheit klappt alles schon sehr gut.“ Sie zuckte mit den Schultern und zwinkerte mir zu. Understatement war eine ihrer hervorstechendsten Eigenschaften, auch als Königin.

Sie erzählte mir von den Aufgaben, die sie derzeit zu bewältigen hatten. Die Entwicklungen in der Hölle gingen nur sehr langsam voran und sie hatte sich mehr erhofft, nachdem es ihnen vor einigen Monaten gelungen war, Frieden zu schließen.

„Nichtsdestotrotz sind die ganzen Prozesse und so von anno tuck und müssen dringend überarbeitet werden“, sagte sie. Damian warf ihr einen gereizten Blick zu, den sie unschuldig lächelnd erwiderte. „Du hast gesagt, dass du es gut findest, wenn ich mich darum kümmere“, erinnerte sie ihn und sah mich an, bevor er etwas sagen konnte.

„Es gibt einige Dinge, die momentan nicht rund laufen und im Krieg haben wir außerdem einige Leute verloren, die an wichtigen Schlüsselpositionen saßen und deren Aufgaben jetzt übernommen werden müssen. Nimm Steve zum Beispiel, den Lord für Afrika: er ist schwer verletzt worden und liegt derzeit in einer Art Heilungskoma. Eine schlimme Sache für uns alle, denn Steve ist für eine sehr heikle Region verantwortlich und wir wissen nicht, wie lange es noch dauern wird, bis er gesund ist. Aber siehe da! seine Frau Nandi ist eingesprungen und übernimmt seine Aufgaben und es läuft tatsächlich sehr gut. Sie und Ali sind ein gutes Team. Ähnlich ist es mit Mei und Sergej, die sich auch gut zusammengerauft haben.“

Mir entging das Millisekunden Lächeln meines Schwagers nicht, als Néné diese Dinge aufzählte. Das machte mich manchmal ganz verrückt, denn er hatte immer diesen wissenden Gesichtsausdruck, der mir das Gefühl gab, etwas Wichtiges nicht zu wissen oder übersehen zu haben. Erneut kroch ein Schauder über mein Rückgrat und ließ mich frösteln.

Die Sache mit dem Krieg war ein Thema, über das ich noch immer nicht hinweggekommen war und es machte mir Angst. Die Schlachten waren in dünnbesiedelten Gebieten in Arabien und Australien ausgefochten worden, dennoch hatten Menschen ihre Leben verloren und die Engel und Dämonen hatten eine Schneise der Verwüstung durch diese Gebiete gezogen.

Das war nichts, was ich einfach so vergessen konnte und sicher auch nichts, das es mir leichter machte, mich der Hölle unvoreingenommen zu nähern. Satan war der Aggressor gewesen, der dem Himmel den Krieg erklärt hatte, nachdem Néné und Amelia von einem der Erzengel, Michael, entführt worden waren.

Ich hasse Kriege und das sinnlose Töten, das sie mit sich bringen.

Falls Néné das maliziöse Lächeln ihres Mannes auffiel, ging sie einfach darüber hinweg, wahrscheinlich bemerkte sie es aber gar nicht, denn sie war viel zu sehr mit ihren Erklärungen beschäftigt.

„Jedenfalls sind wir jetzt in der Situation, etwas Neues anfangen zu können, quasi eine Stunde null. Ich will das zum Anlass nehmen, um einiges zu verändern und umzustrukturieren. Unter anderem will ich die Lebensqualität der Dämonen erhöhen und ihnen die Angst vor Bestrafungen nehmen“, führte sie weiter aus und deutete auf ein paar ihrer Notizen.

„Bestrafungen? Wie muss ich mir das vorstellen? Ein Jahr im Fegefeuer?“, fragte ich und das Kribbeln in meinem Nacken verstärkte sich.

Damian schlug die langen Beine übereinander und lächelte mich ruhig an. „Das nicht, denn das Fegefeuer, wie die Kirche es predigt, gibt es so nicht. Dennoch gibt es gewisse Verfehlungen, die nicht hingenommen und auch bestraft werden, wenn es nötig ist.“

„Es ist definitiv nie nötig, einem anderen Wesen Schaden zuzufügen“, sagte ich scharf und war gleich darauf über meine eigene Heftigkeit erschrocken und schlug die Hand vor den Mund. Ich musste mich zurückhalten.

Damian warf meiner Schwester einen resignierten Blick zu, als wolle er sagen ‚noch eine von der Sorte‘. Sie zuckte mit den Schultern. Wir waren offensichtlich einer Meinung.

Wenigstens etwas.

„Ich hatte es dir gesagt“, meinte sie in seine Richtung und fuhr mit dem Finger über das Display des Tablets. „In meiner Welt haben Bestrafungen und Feuerungen keinen Platz.“

„Helene, darüber hatten wir bereits gesprochen“, sagte Damian ungeduldig und legte sein Smartphone, auf dem er eben noch Mails gecheckt hatte, auf den Tisch.

„Gefeuert?“, fragte ich stirnrunzelnd in Richtung meiner Schwester. Warum klang das bitte so, als würde wirklich jemand in Brand gesetzt werden?

Jetzt bekam ich einen gereizten Blick von ihm und er holte tief Luft. Néné machte ein seltsames Gesicht und sah aus dem Fenster. Sie wirkte angespannt und hatte die Finger fest miteinander verknotet. Von ihr war zu diesem Thema kein Kommentar zu erwarten.

„Was sind Feuerungen? Entlassungen? Wie kann man einen Dämon entlassen?“, fragte ich weiter und meine Beklemmung wuchs. Ich hatte mit einem Mal das Bedürfnis, das Flugzeug zu verlassen, am liebsten sofort.

Schweigen senkte sich über uns und die beiden nahmen Blickkontakt miteinander auf, der schließlich in einer Art Stare-down endete.

Damian wollte gerade zu einer Erklärung in meine Richtung ansetzten, als sein Telefon klingelte und er mit unübersehbarer Erleichterung dranging.

„Richard von Grünbünden“, sagte Helene mit einem gedankenverlorenen Blick auf das Display und betrachtete ihren Mann, der sich von uns abgewandt hatte und nun leise mit dem Anrufer sprach.

Seine Augenbrauen zogen sich bereits nach wenigen Sätzen zusammen und er stand auf. „Ich bin gleich zurück“, sagte er und verschwand durch die Tür zu dem Zwischenraum zwischen unserer und der Kabine der Assistenten.

Endlich waren meine Schwester und ich allein miteinander und die Neugier brannte noch immer in mir. Gleichzeitig hatte ich das zwingende Gefühl, dass mir die Antwort nicht gefallen würde.

„Néné, was sind Feuerungen? Entlassungen?“, fragte ich nochmals. Sie zuckte zusammen und seufzte tief. Offenbar hätte sie das Thema am liebsten ruhen lassen.

„Das ist ja das Problem: ein Dämon kann gar nicht entlassen werden, außer er wird ausgelöscht.“

Stille senkte sich über uns, bis ich schließlich meine Sprache wiederfand. „Ausgelöscht?“ Ich traute meinen Ohren nicht. „Du meinst ermordet?“

Sie nickte und machte ein angespanntes Gesicht. Offenbar ging es hier um einen Streitpunkt zwischen den beiden, in denen sie ganz klar unterschiedliche Ansichten hatten.

„Das kommt nicht mehr oft vor – und ich sage bewusst nicht mehr, weil ich schon dafür gesorgt habe, dass viele damit aufgehört haben– denn jedes Mitglied der Hölle ist wertvoll, aber manche Dämonen haben das noch nicht mitbekommen und bestrafen ihre Untergebenen oder nehmen sogar Feuerungen vor, wenn einer versagt oder sich nicht fügen will. Dafür gibt es strenge Regeln und Hindernisse und nur sehr hochrangige Dämonen haben überhaupt die Befugnis dafür, denn die Seelenernte ist Damians Geschäft, aber manchmal passiert es trotzdem noch.“

„Und das findest du okay?!“, fuhr ich auf und spürte, wie Wut in mir hochkochte. Sie warf mir einen langen Blick zu und tippte auf den Bildschirm des Laptops.

„Genau, deswegen steht da auch abschaffen, weil ich total für die Todesstrafe bin. Leider sind nicht alle Dämonen restlos von meinen Ideen begeistert. Sie haben ihre zweitausend Jahre alten Regeln und Mechanismen und sind zum Teil sehr… irritiert, wenn ich ihnen meine Ideen vorstelle.

Klar, die Niederen Dämonen, also diejenigen, die am ehesten bestraft werden, sind auf meiner Seite und hoffen, in Zukunft keine Angst davor mehr haben zu müssen, aber ich muss diejenigen auf meine Seite zu bekommen, die die Bestrafungen durchführen, also die höheren Dämonen.“

Sie verstummte und starrte gedankenverloren auf das Tablet vor sich. Ich konnte sehen, wie sehr das Thema sie beschäftigte.

„Du könntest ihnen einfach befehlen, damit aufzuhören“, sagte ich lapidar, doch zu meiner Überraschung schüttelte sie nachdrücklich den Kopf.

„Das widerspricht meinem Führungsstil“, erwiderte sie und strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr, während sie die Papiere durchwühlte.

„Führungsstil“, echote ich und wusste nicht genau, wie ich das finden sollte. Das klang so nach… Seminar.

Sie nickte. „Ich will niemand sein, der den anderen alles vorschreibt. Sie sollen selbstständig nach Regeln handeln, die wir gemeinsam festlegen. Im Moment haben wir viele neue Leute in wichtigen Positionen. Sie kennen ihre Kompetenzen noch nicht und rufen uns andauernd dazu. Wir sind ununterbrochen auf Achse, unser Kalender ist voll. Wenn mein Plan aufgeht, werden sie sich untereinander unterstützen und wir haben Zeit für die wichtigen Themen. Ich muss nicht bei jeder Verhandlung nebenbei sitzen, Damian und die Lords auch nicht. Aber das klappt nicht von heute auf morgen.“

Sie seufzte erneut und strich ihr schulterlanges rotblondes Haar zurück, das sie seit einiger Zeit in sanften Wellen trug. Ließe ich meines wachsen, würden wir uns noch ähnlicher sehen. Ich bin als einzige von uns Geschwistern blauäugig. Helene und David haben braune Augen.

„Fürs erste wäre ich schon froh, wenn wir nicht mehr so viel reisen müssten. Durch die langen Flüge und Konferenzen komme ich an meine Grenzen und ich kann mich oft nicht auf meine Projekte konzentrieren. Aber irgendwann ist es hoffentlich soweit und ich werde mit Desi nach Bali fliegen und Urlaub machen, ohne ständig angerufen zu werden“, schloss sie und ihr Blick wanderte aus dem Fenster, als läge Bali direkt unter uns.

Ich spürte einen Stich, weil sie mit Desdemona Urlaub machen wollte und mich nicht einmal fragen würde.

„Diesen Teil des Plans würde ich nicht unbedingt allen erzählen“, sagte ich trocken. Sie warf mir einen komischen Blick zu, sie hatte meinen Witz nicht verstanden. Ich unterdrückte ein Schnauben.

Néné war so viel ernster geworden, seitdem sie mit Damian zusammen war. Früher hatten wir beide endlos zusammen rumgeblödelt, waren albern gewesen und hatten unsere Eltern und David in die Verzweiflung getrieben, weil man uns aus unseren Lachanfällen gar nicht mehr rausbekommen hatte.

Wir hatten oft am Wochenende abends zusammengesessen, Sekt getrunken und uns affige Frauenfilme angesehen, über die wir uns lustig gemacht hatten, weil ein Klischee nach dem anderen bedient wurde.

Das war alles vor Damian gewesen und manchmal hatte ich Angst, dass meine Schwester sich selbst verlor, weil sie für solche entspannten Abende und ihre unbeschwerte Art gar keine Zeit mehr hatte. Als würde sie sich so sehr an ihre Rolle als Königin anpassen, dass für Helene kein Raum blieb.

Da war sie wieder, meine größte Angst und sie machte sich als kalter Klumpen in der Magengegend bemerkbar. Hatte ich überhaupt die Chance, ihr irgendwie beizustehen, wenn sie Unterstützung brauchte oder war ich in ihrem Leben längst überflüssig geworden?

Das Gefühl, dass etwas mit ihr nicht stimmte, wurde immer stärker und ich musste ihre Hand nehmen, um mich zu beruhigen.

Sie erwiderte den Händedruck mit überraschter Miene und lächelte mich an. „Alles in Ordnung?“

Nein.

Die Tür zur Kabine ging auf und Damian kam mit umwölkter Miene zurück. Sein finsterer Blick streifte den Bildschirm des Laptops und blieb an mir hängen. Mit einem Mal fühlte ich mich äußerst unwillkommen und zuckte unwillkürlich zurück.

„Was gibt es?“, fragte Néné, die anscheinend die Stimmung, aber nicht den Blick mitbekommen hatte. Damian wandte seine Aufmerksamkeit meiner Schwester zu, doch ich hatte noch immer das Gefühl, als hätte mich sein Blick durchbohrt.

„Nach Prag werden wir nach Chicago fliegen. Ich habe eben mit Richard telefoniert. Er und Masterson, der dortige Niederlassungsleiter, haben ein Problem mit Zadkiel und wir müssen uns das anschauen. Er wird deswegen an der Konferenz nicht teilnehmen.“

„Was ist passiert?“, wollte sie wissen, doch Damian warf mir einen schnellen Blick zu, der mir ganz deutlich sagte, dass er das nicht vor mir besprechen wollte. Bevor Néné sich entrüsten konnte, stand ich auf und streckte mich.

„Die Toilette ist hier drüben, oder?“, fragte ich übertrieben gut gelaunt und verließ unseren Teil der Kabine. Schnell schloss ich die Tür hinter mir und hörte von drinnen leises Gemurmel. Wahrscheinlich meckerte sie ihn gerade an, weil er gezögert hatte.

Dabei war ich eigentlich ganz froh, den beiden einen kurzen Moment entfliehen zu können, denn ich hatte immer noch diesen kalten Knoten im Bauch, der bei Damians seltsamen Blick entstanden war.

Er wollte mich hier nicht haben.

Er misstraute mir.

Und er hatte etwas zu verbergen.

Oder als wüsste er von meinem Entschluss, meine Schwester zu beschützen, wenn es nötig war. Bei dem Gedanken bekam ich eine Gänsehaut und rieb mir die Arme. Néné hatte mir versichert, dass er keine Gedanken lesen konnte, aber was, wenn das ein Irrtum war?

Wie könnte ich mich vor einem ungebetenen Eindringen in meinen Kopf schützen? Sicher waren einige meiner Gedanken viel zu heikel, um von meinem satanischen Schwager gehört zu werden.

Die Tür zur hinteren Kabine öffnete sich und Lydia stand vor mir. Die Blondine lächelte mich freundlich an und blieb wartend stehen. Ich fand ihren marineblauen Bleistiftrock sehr schön und lächelte zurück, bis ich mich wunderte, warum wir beide voreinander standen. Erst jetzt verstand ich, dass sie mir den Vortritt auf der Toilette lassen wollte.

Betreten machte ich einen Schritt zur Seite und ließ sie vorbei.

„Sind Sie geflohen?“, fragte sie mitfühlend und warf einen schnellen Blick auf die Tür, aus der ich gekommen war.

Ich wusste nicht recht, was ich sagen sollte. Lydias Treue galt unerschütterlich Satan und meiner Schwester. Auf keinen Fall würde ich etwas gegen einen der beiden sagen und ich verstand auch nicht ganz, was sie meinte. In diesem Moment wurden die Stimmen hinter der Tür lauter. Anscheinend hatten die beiden sich gerade in die Haare bekommen.

Ich lächelte Damians Assistentin schwach an und zuckte mit den Schultern. Was sollte ich dazu noch sagen?

Lydia lächelte mich an und strich sich die Fransen ihres blonden Ponys aus der Stirn. Süß sah sie aus, mit ihrem Rock mit dem weißen kurzärmeligen Oberteil und den dazu passenden Pumps. Sie war nicht ganz so schick wie María, aber dafür auf eine mädchenhafte Art niedlich.

„Wenn Sie wollen, können Sie sich gern auch zu uns setzen“, bot sie überraschenderweise an. Ich blinzelte, weil ich mit diesem Angebot nicht gerechnet hatte. Viel eher hätte ich vermutet, dass keiner etwas mit der aufdringlichen kleinen Schwester der Königin zu tun haben wollte.

Trotzdem erschien es mir eine verlockende Möglichkeit zu sein, meinem Schwager eine Weile aus dem Weg zu gehen. Außerdem waren die vier immer nett zu mir gewesen und es gab keinen Grund, das Angebot abzulehnen.

Lydias Lächeln wirkte mittlerweile etwas verkrampft und mir ging auf, dass ich mit der Antwort schon ziemlich lange auf mich warten ließ. Entschuldigend lächelte ich zurück und bejahte. Hoffentlich tat es ihr nicht schon jetzt leid, mich gefragt zu haben.

Sie lächelte erleichtert und verschwand in der Toilette, während zum hinteren Teil des Flugzeugs durchging.

Die Einrichtung war hier nicht First-Class, aber mindestens Business Class und somit immer noch weit über meinem normalen Holzklassenniveau. Die übrigen drei saßen sich an einem Tisch gegenüber und tippten emsig auf ihren Tablets herum. Als ich eintrat, sah Stan auf und lächelte mich an.

„Hallo Simone, haben Sie sich zu uns verlaufen?“, fragte er freundlich und stand auf. Er sah gut aus, auf eine hochgewachsene schlaksige Art mit blauschwarzem Haar, das strubbelig von seinem Kopf abstand.

„Ich habe sie eingeladen“, ertönte Lydias Stimme hinter mir und ich zuckte zusammen. Herrje, wie schnell konnte die Frau pinkeln?

Jetzt wandten mir auch Pierre und María ihre Aufmerksamkeit zu und sahen mich freundlich an. Pierre stand ebenfalls auf und deutete mit der Hand auf seinen Sitzplatz.

„Nehmen Sie doch Platz, s‘il vous plaît“, sagte er und zwinkerte mir zu.

„Unter einer Bedingung“, erwiderte ich und hob die Hand, was die vier Dämonen irritiert zur Kenntnis nahmen und mich erwartungsvoll ansahen. Was dachten die denn, was ich von ihnen wollte? Alle Geschäftsgeheimnisse der Hölle?

„Können wir uns bitte aufs Du verständigen? Ich hasse es wirklich sehr, gesiezt zu werden, außerdem bin ich hier niemand wichtiges und…“, mir gingen die Argumente aus, also zitierte ich meine Oma: „das muss ja nu nich sein.“ Das sagte sie immer, wenn ihr irgendwas nicht passte: Wenn meine Nichte Mia frech war, die Brötchenpreise stiegen oder ein Krieg irgendwo in der Welt ausbrach, sagte sie das immer mit der gleichen lakonischen Stimme in ihrem breiten Hamburger Sprech, der beinahe Plattdeutsch war.

Falls die Assistenten des Teufels mich jetzt für völlig bescheuert hielten, ließen sie es sich dankenswerterweise nicht anmerken. Stattdessen lächelte Lydia mich warm an. „Das können wir sehr gern tun, Simone. Möchtest du dich jetzt setzen?“

Ich nickte erleichtert und ließ mich auf dem angebotenen Platz nieder. Die Assistenten legten ihre Geräte beiseite und schauten mich freundlich, aber auch ein bisschen vorsichtig an.

„Bist du schon aufgeregt?“, fragte María mich und trank einen Schluck Kaffee.

„Möchtest du auch einen Café, Simone?“, schaltete sich Pierre ein und verschluckte das e in meinem Namen. Daran musste ich mich gewöhnen, genauso, dass María Helene immer wie ‚Ellenne‘ aussprach, mit vielen kurzen e. Ich nickte ihm zu und wandte mich besagter Latina zu.

„Sollte ich denn aufgeregt sein?“, fragte ich zurück und versuchte, meine Nervosität zu überspielen. Stan zuckte mit den Schultern.

„Die meisten Lords kennst du ja bereits. Allerdings sind sie ziemlich angespannt und haben alle Hände voll zu tun. In ihren Teams arbeiten sie bereits recht gut, aber es gibt immer noch sehr viele ungeklärte wichtige Punkte, die trotzdem im großen Kreis besprochen werden müssen.“

Das glaubte ich gerne. Ich hatte die Lords als einen Haufen ziemlich alter (wenn auch nicht optisch alt) und ziemlich unsympathischer Typen kennengelernt, von denen ich eine fette Gänsehaut bekam.

Für mich sahen der grimmige Rumäne, der eingebildete Norweger und der aufbrausende Nigerianer genauso vertrauenserweckend wie ein Pulverfass in der Nähe eines offenen Feuers aus.

Ich wusste, dass die Zicke Yani, die für Asien zuständig gewesen war, im Krieg umgekommen war und Steve, der Aufbrausende, verletzt worden war und deshalb derzeit von seiner Frau vertreten wurde, aber das waren nur zwei von sieben, bzw. acht.

Zu Desdemona hatte ich auch mittlerweile keine gute Meinung mehr, nachdem ich erfahren hatte, dass die Reihe von Terroranschlägen, die sich innerhalb weniger Tage im letzten Jahr in ganz Europa ereignet hatten, auf ihr Konto gingen, sowieso nicht.

Und das war die beste Freundin meiner Schwester, mit der sie dringend nach Bali wollte.

Erneut spürte ich den kalten Klumpen der Angst in der Magengegend und ich trank schnell einen Schluck aus der Kaffeetasse, die Pierre mir in diesem Moment hinstellte.

„Ich werde wohl nicht an der Besprechung teilnehmen“, sagte ich. „Damian hat mir bereits gesagt, dass ich die Zeit nutzen kann, um mir die Niederlassung anzusehen. Ich hätte zu den Themen sowieso nichts zu sagen und kann mich auch nicht mehr rechtzeitig vorbereiten.“