Simone und das Geheimnis des Biotit: Krimi - Horst Bieber - E-Book

Simone und das Geheimnis des Biotit: Krimi E-Book

Horst Bieber

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  • Herausgeber: BookRix
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2019
Beschreibung

Krimi von Horst Bieber Der Umfang dieses Buchs entspricht 173 Taschenbuchseiten. Simone Kähler hat eine Galerie am Kloster eröffnet und damit sehr schnell finanziellen und gesellschaftlichen Erfolg. Unmittelbar vor einer Matinee, die eine kleine Sensation zu werden verspricht, begeht sie ohne erkennbaren Grund Selbstmord. Das "Warum" lässt ihrem Ehemann keine Ruhe, der bald feststellen muss, dass er vom früheren Leben seiner Frau wenig weiß, und das Wenige, das er zu wissen glaubt, falsch und gelogen ist. Er begibt sich auf Spurensuche. Auf Spurensuche begibt sich auch Hauptkommissar Lars Römer. Sein Vater, zuletzt Kustos des Museums auf Burg Iderstein, ist gestorben, und Römer findet heraus, dass sein alter Herr in merkwürdige Geschäfte auf dem Kunstmarkt verwickelt war, bei denen auch eine Simone Kähler eine Rolle spielte. Sogar Römers schon früher verstorbene Mutter, eine Schriftstellerin, scheint mit ihrem letzten Trivialroman in ein Wespennest gestochen zu haben...

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Seitenzahl: 179

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Horst Bieber

Simone und das Geheimnis des Biotit: Krimi

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Simone und das Geheimnis des Biotit

Krimi von HORST BIEBER

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 173 Taschenbuchseiten.

 

Simone Kähler hat eine Galerie am Kloster eröffnet und damit sehr schnell finanziellen und gesellschaftlichen Erfolg. Unmittelbar vor einer Matinee, die eine kleine Sensation zu werden verspricht, begeht sie ohne erkennbaren Grund Selbstmord. Das „Warum“ lässt ihrem Ehemann keine Ruhe, der bald feststellen muss, dass er vom früheren Leben seiner Frau wenig weiß, und das Wenige, das er zu wissen glaubt, falsch und gelogen ist. Er begibt sich auf Spurensuche.

Auf Spurensuche begibt sich auch Hauptkommissar Lars Römer. Sein Vater, zuletzt Kustos des Museums auf Burg Iderstein, ist gestorben, und Römer findet heraus, dass sein alter Herr in merkwürdige Geschäfte auf dem Kunstmarkt verwickelt war, bei denen auch eine Simone Kähler eine Rolle spielte. Sogar Römers schon früher verstorbene Mutter, eine Schriftstellerin, scheint mit ihrem letzten Trivialroman in ein Wespennest gestochen zu haben...

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover by Pilens/123RF und Pixabay, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

[email protected]

Personen

Dr. Claus Paale (45): Prokurist in der Privatbank Leitner & Salzmann

Simone Paale, geborene Kähler (39): Paales Ehefrau, Besitzerin der Galerie am Kloster

Gesa Brück: Paales Vorzimmerfee in der Bank

Heidrun Biller: Simones „rechte Hand“ in der Galerie

Lukas und Anne Gebauer: Nachbarn der Paales

Brigitte Lebauer: Eine weit entfernt Tante Simones aus Horrlingen

Cord Wilke, (41): Ein Bekannter Simones aus Horrlingen

Malte von Iderstein: Werbefachmann in Düsseldorf und Besitzer der Burg Iderstein

Laura Benthin: Assistentin des Grafen Malte

Anneliese Höfel, geborene Kähler: Simones Schwester, lebt in Halle

Manfred Kähler: Simones Bruder, lebt in Dortmund

Fabia Collini: Kunsthistorikerin

Lars Römer: KHK aus Tellheim

Ina Heilmann: Römers in Hannover verheiratete Schwester

Dr. Joachim Heilmann: Facharzt in Hannover, Römers Schwager

Dr. Fabia Collini: Römers ermordete Freundin, geboren in Locarno/Tessin, letzte Adresse Tellheim, Aspenstraße 28, vorher Dresden

Dr. Erwin Römer: Lars' Vater, verstorbener Kustos des Idersteiner Burgmuseums, letzte private Anschrift Iderstein/Burgstraße 8

Susanne von Lyckow: Erwin Römers Nachbarin, bekannt als die „Lustige Witwe“, ihr Ehemann Hagen von Lyckow war der letzte Förster der Grafen Iderstein, Iderstein/Burgstraße 9

Andrea Helbing: Oberkommissarin (S) aus Neidenbach

Dr. Lukas Schreiber: Praktischer Arzt aus Neidenbach

Matthias von Iderstein: Verstorbener Burgbesitzer, im zweiten Weltkrieg erfolgreicher Nachtjäger, sponserte bis zu seinem Tode immer noch Segelflieger, die ihren Übungsplatz nahe der deutsch-schweizerischen Grenze haben

Malte von Iderstein: Matthias' Sohn, jetziger Burgbesitzer, Chef einer PR- und Werbe-Agentur in Düsseldorf

Laura Benthin: Maltes feste Freundin und tüchtige Finanzberaterin

Pia Wölke: Schreibhilfe

Jochen Zeitler: Literaturagent in Stuttgart

Ariane Thümer: Galeristin in München

Maxi(milian) Thümer: Arianes Sohn

Erstes Kapitel

Um Mitternacht riss ihm der Geduldsfaden und er sprang aus dem Bett. Seit 22 Uhr hatte er alle dreißig Minuten vergeblich versucht, Simone auf dem Handy zu erreichen, an den Festnetzapparat der Galerie ging schon seit 18 Uhr 30 niemand mehr. Er schenkt es sich, auf den Anrufbeantworter zu sprechen. Kurz vor neunzehn Uhr hatte Simone ihn dann angerufen: „Tut mir leid. Claus. Heute wird es spät bei mir; die Druckerei hat die Fahnen des neuen Katalogs geschickt, und die sind so voller grauenhafter Fehler, dass ich Stunden damit beschäftigt sein werde, die schlimmsten Kinken auszumerzen. Wir müssen am Wochenende den Versand hinkriegen, sonst geht die Eröffnung in die Hose. Mach dir also keine Sorgen, wenn ich erst gegen zehn oder so nach Hause komme.“

„Wo bist du denn jetzt?

„In der Galerie.“

Paale wusste, dass sie große Hoffnungen auf die nächste Eröffnungsveranstaltung und den Verkauf einiger neuer Stücke setzte. Aber jetzt reichte es. Simone war inzwischen mehr mit ihrem Geschäft verheiratet als mit ihm. Er würde jetzt in die Galerie am Kloster fahren und seine Frau mitnehmen, Korrekturen hin oder her.

Im letzten Moment dachte er noch daran, die Reserveschlüssel mitzunehmen, die er in seinem Schreibtisch aufbewahrte.

Um Mitternacht hatte er die Straßen für sich, von einigen wenigen Taxis abgesehen. Ein Nachtleben gab es in der Tellheimer Innenstadt nicht; sobald Oper und Schauspielhaus ihre Vorstellungen beendet hatten, strömten alle nach Hause. Die Universität und die Studentenwohnheime und -kneipen bildeten ein abgeschlossenes Viertel für sich, in das sich Paale selten verirrte. Das Münster und das daneben liegende Zisterzienserkloster waren von Scheinwerfern angestrahlt, Simones Galerie am Kloster lag in der Münstergasse. In dem alten Bau brannte kein Licht.

Paale stellte sich auf den leeren Münsterparkplatz und ging zur Galerie. Auf sein Läuten öffnete niemand, drinnen ging auch kein Licht an. Leise seufzend benutzte er seinen Schlüssel für den Haupteingang, schaltete zuerst die Alarmanlage aus und die Flur- und Treppenbeleuchtung an. Simones Büro lag im ersten Stock, war dunkel und leer. Er knipste die Deckenbeleuchtung an und bemerkte auf ihrem Schreibtisch einen Stapel Druckfahnen. So, wie die Seiten dort lagen, links mit den bedruckten Seiten, rechts mit der leeren Rückseiten nach oben, war klar, dass sie die Arbeit nicht abgeschlossen hatte und vorher gegangen war. Aber wohin? Beunruhigt durchsuchte er das ganze Haus, auch die Werkstatt und die Magazin-Räume im Souterrain. Keine Spur von Simone, auch kein Mantel, Anorak oder Jacke. Auch nicht ihre Handtasche, in der sie immer ein halbes Warenlager mit sich herumschleppte. In der kleinen Tiefgarage stand kein Auto mehr, das Scheren-Rollgitter war herabgelassen. Langsam wurde er ängstlich, was war mit ihr geschehen? Verunglückt auf der Heimfahrt? Vielleicht sollte er doch bei der Polizei vorbeigehen. Oder Schmieling anrufen? Andreas Schmieling, der Werkstattleiter, ging immer als einer der Letzten.

An der Tür blieb er unschlüssig stehen und sah sich um. Sie hatte am Schreibtisch gesessen und Korrektur gelesen. Es gab keine Unordnung in dem Zimmer. Simone legte größten Wert auf Ordnung und Aufräumen - sie schätzte es gar nicht, wenn man sich an ihren Sachen zu schaffen machte. Er hatte manchmal schon gedacht, dass sie die Geheimniskrämerei liebte. Als sie eines Tages ganz aufgeregt berichtete, das sogenannte Prälatenhaus neben dem Kloster stünde zum Verkauf, hatte er nur müde gelächelt. „Wie willst du denn das bezahlen?“

„Ich habe mehr gespart, als du wohl glaubst.“

Das hatte sie, er war verblüfft, wie klein die Hypothek war, die sie aufnehmen musste, um Grundstück, Gebäude und Umbau zu bezahlen. Und die Galerie, so sein Eindruck, lief vom ersten Tag an, als hätten alle vermögenden Tellheimer nur auf die Eröffnung gewartet, um dort ihr angespartes Geld auszugeben. Später hatte sie ihm einmal gestanden, dass auch ihr Patenonkel Ewald, ein entferntes Mitglied des großen Familienclans der Kähler, großzügig geholfen hatte. Sie besaß ein glückliches Händchen für junge Künstler und sie schaffte es immer wieder, seltene Stücke auch aus der klassischen Moderne hereinzuholen und mehr als günstig zu verkaufen oder versteigern zu lassen. Wie sie die Kontakte zu den Eigentümern knüpfte, wusste er nicht, das war und blieb ihr Geheimnis. Wenn er fragte, legte sie einen Zeigefinger vor die Lippen und meinte nur: „Absolute Diskretion ist die Vorbedingung für solche Geschäfte, mein Lieber.“

Nach noch nicht einmal zwei Jahren gehörte die Galerie am Kloster untrennbar zur städtischen Kulturszene, die Vernissagen waren regelmäßig überlaufen und Simone Paale hätte jeden Abend auf einem anderen Fest, Ball oder Empfang verbringen können. Sie liebte Gesellschaften und stand gerne im Mittelpunkt, ließ sich umschwärmen und bewundern, war auch überall ein gern gesehener und hofierter Gast. Weil die Versicherung ihr Veto eingelegt hatte, durften in der Galerie, abgesehen von den Vernissagen, keine Veranstaltungen stattfinden, und wenn sich Familie Paale einmal revanchieren musste, mietete sie die Festräume der Burg Iderstein, etwa dreißig Kilometer nördlich der Stadtgrenze. Der jetzige Burgherr, Malte von Iderstein, besaß in Düsseldorf eine sehr erfolgreiche Werbeagentur und veranstaltete auch viele beachtete Ausstellungen und Events auf der Burg, über die dank seiner beruflichen Kontakte auch landesweit und im dritten Fernsehprogramm berichtet wurde, und er schätzte Simone, nicht nur als Gleichgesinnte in Sachen Malerei, sondern auch als Frau. Paale wusste das, aber es beunruhigte ihn nicht. Malte von Iderstein war ein gut aussehender, umschwärmter Mann, der mehr als eine Freundin hatte, was Simone genau wusste.

Schließlich gab er sich einen Ruck. Wenn er hier stehen blieb und weiter vor sich hin träumte, kam er heute Nacht nie mehr ins Bett. Am Ausgang bediente er den Hauptschalter und schloss sorgfältig hinter sich ab.

Im Revier saßen zwei Beamte und schauten ihm wenig begeistert entgegen. Es roch nach frisch gekochtem Kaffee.

„Guten Abend. Was können wir für Sie tun?“

„Guten Abend. Ich würde mich gerne erkundigen, ob meine Frau verunglückt ist.“

„Wie kommen Sie darauf?“

Also erzählte er, wie sein Nachmittag und sein Abend abgelaufen war, von seinem Besuch in der Galerie und seiner Befürchtung, Ehefrau Simone könne auf der Heimfahrt vom Kloster am Münsterplatz in die Gerlandstraße 12 verunglückt sein, er verschwieg aber den wahren Grund seiner Besorgnis. Simone fuhr zwar gut, aber seiner Meinung nach zu schnell und zu risikofreudig. Die Beamten schienen zu ahnen, was ihn umtrieb, sie grinsten wie auf Kommando, als er angab, dass sie einen orangenfarbenen Porsche 911 fuhr. Kennzeichen T - SP 229.

„Aber sie hat doch Papiere bei sich?“

„Auf jeden Fall.“

„Dann wollen wir uns mal erkundigen.“

Die Leitstelle wusste nichts von einem Unfall, an dem ein Porsche beteiligt war, auch nichts von einem Unfall oder Unglück oder Verbrechen, in den oder das eine Simone Paale verwickelt war. Auch die Feuerwehr hatte bislang nichts gemeldet, es war eine ungewöhnlich ruhige Nacht. Und für eine Vermisstenmeldung musste er, wie man ihm höflich erklärte, noch warten, es sei denn, seine Frau sei schwer krank, geistig oder körperlich behindert.

„Nein, trifft alles nicht zu.“

Eine Ehefrau von 39 Jahren konnte auch einmal die Nacht anderweitig verbringen, die Polizei würde ihn sofort verständigen, wenn sie etwas hören sollten.

Paale hinterließ seine Karte und ging, nicht wirklich erleichtert. Die Polizisten hatten bei dem Wort „anderweitig“ nicht gegrinst, aber Paale wusste, was sie dachten. Bis jetzt hatte er keinen Anlass zu vermuten, dass Simone einen Freund oder Geliebten hatte. Und eine gute Freundin, bei der sie spontan übernachten wollte? Warum hatte sie ihn nicht angerufen?

Er schluckte eine halbe Schlaftablette, um überhaupt Ruhe zu finden, und wachte neben einer leeren Betthälfte auf. Bis zum offiziellen Beginn würde er es nicht mehr in die Bank schaffen, also rief er um 8 Uhr 45 seine Vorzimmerfee an und sagte ihr, er habe gestern eine Schlaftablette genommen und prompt verschlafen.

„Das heißt also, ich muss Termine verschieben?“

„Bitte ja. Ich komme dann gegen Mittag.“

Sie murmelte etwas Unverständliches. Ihr Chef, Dr. Claus Paale, Prokurist der Privatbank Leitner und Salzmann, war sonst ein Vorbild an Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit. Genau wie seine Vorzimmerfee Gesa Brück. Im Wohnzimmer legte er die Beine hoch und schlief noch einmal eine unruhige halbe Stunde, wurde unsanft von der Haustürklingel geweckt. Der Postbote drückte ihm ein kleines Päckchen Briefe und einen größeren Stapel Werbung, Spendenaufrufe und -bittbriefe in die Hand. Er wollte sie schon ungeöffnet auf dem Tischchen mit dem Telefon ablegen, als ihm ein ungewöhnlicher Umschlag auffiel. Hotel Benrather Linie. Von einer ehemaligen Studienfreundin wusste er so ungefähr, was die Benrather Linie nahe Düsseldorf war. Wer mochte ihm da geschrieben haben? Dann schaute er sich die Handschrift genauer an und wurde nervös. Das war doch Simones Schrift - oder? Hastig riss er den Brief auf und hatte schon nach den ersten Zeilen das Gefühl, seine Beine würden unter ihm nachgeben.

„Mein lieber Claus, es tut mir aufrichtig leid, aber ich muss Dir einen schrecklichen Kummer bereiten. Ich scheide jetzt freiwillig aus dem Leben. Das Hotelpersonal wird mich wohl morgen früh finden. Ich würde Dir gerne erklären, warum ich das tue, aber bitte glaube mir, ich kann es nicht. Du musste Dir keine Schuld geben, es waren wunderschöne Jahre mit Dir und ich liebe Dich immer noch. Die Schuld liegt ausschließlich bei mir, aber ich kann sie Dir nicht erklären. Aber es ist besser für alle, wenn ich abtrete. In Liebe und Dankbarkeit für alles. Deine Simone.“

Er las den Brief noch zweimal, aber verstand ihn immer noch nicht. Wieso Selbstmord? Warum konnte sie ihm den Grund oder Anlass nicht nennen? Warum war sie dazu nach Düsseldorf gefahren? Das musste er doch verhindern. Die Telefonnummer stand auf dem Briefumschlag, er wählte und kam tatsächlich beim ersten Mal durch.

„Hotel Benrather Linie, guten Morgen, Mein Name ist Helga Schmitz, was kann ich für Sie tun?“

„Guten Tag, mein Name ist Claus Paale. Meine Frau Simone Paale hat sich ein Zimmer bei Ihnen genommen und mir heute in einem Brief angekündigt, dass sie Selbstmord begehen will. Um Gottes Willen, schauen Sie bitte nach.“

„Moment!“ Er hörte, dass sie sich mit einer anderen Person leise unterhielt, dann hatte ein Mann den Hörer genommen. „Herr Paale? Ich bin Oberkommissar Reloff. Wir sind leider zu spät gekommen. Die Frau in Zimmer 338 war leider schon verstorben. Was haben Sie eben zu Frau Schmitz gesagt, Sie haben einen Brief mit der Selbstmordankündigung Ihrer Frau bekommen? ... Simone Paale, geborene Kähler, geboren am 12.08.1976 in Harrlingen, jetzt wohnhaft Tellheim, Gerlandstraße 12? Ja, diesen Ausweis haben wir bei der Toten gefunden, außerdem Wagenpapiere für einen Porsche, amtliches Kennzeichen T - SP 229.“

„Ja, das Auto gehört meiner Frau“, sagte er, und es schnürte ihm fast die Kehle zu.

Der Oberkommissar traf eine Entscheidung. „Herr Paale? Ich möchte Sie bitten, den Brief samt Umschlag sofort ins Polizeipräsidium zu meiner Kollegin Marlene Schelm zu bringen. Zu ihr oder zu ihrer Vertreterin Jule Springer. Ich rufe gleich dort an und kündige Ihren Besuch an. Einverstanden? Mein Beileid übrigens.“

„Ja, ja, danke“, sagte Paale verwirrt.

Zuerst rief er in der Bank an.

„Tut mir leid, Gesa, ich komme nicht in die Bank, es ist was Schreckliches passiert. Man hat heute Morgen Simone tot in einem Hotelzimmer gefunden, ich muss jetzt zur Polizei.“

„Um Gottes Willen“, schluchzte sie auf. „Da ist ja furchtbar. Es tut mir so leid für dich.“

Er ging nach nebenan zum Haus Gebauer. Anne öffnete und strahlte: „Komm doch rein, Claus. Ich langweile mich und habe gegen netten Besuch nichts einzuwenden.“

Das glaubte er ihr sofort. Ihm war schon lange klar, dass sie ein Auge auf ihn geworfen hatte, und wenn er gewollt hätte, wären sie schon vor langer Zeit im Bett gelandet. Aber erstens war er kein Freund von Heimlichkeiten und Versteckspielen und zweitens war Anne mit Simone und er mit ihrem Mann Lukas befreundet. So blieb es von ihrer Seite her bei einem Dauerflirt und dem gelegentlichen Versuch, mit gewagten Kleidern und Posen seine Libido zu testen. Ihre Röcke rutschten hoch, sie hatte schöne, lang Beine und schmale Hüften, und ihre großzügig geschnittenen Tops zog sie herunter, dann lächelte er ihr zu, lobte ihre Figur und nutzte keine der angebotenen Möglichkeiten, was sie nicht entmutigte; sie versuchte es halt ein anderes Mal wieder.

Es war gar nicht so einfach, zur Hauptkommissarin Lene Schelm vorzudringen. Er dürfe, so erklärte ihm der Polizist vom Pfortendienst, nicht alleine durchs Haus laufen. „Erstens würden Sie sich verlaufen und zweitens meinen zu viele, Sie hätten noch eine Rechnung mit dem einen oder anderen Kriminalbeamten offenstehen.“ Lene Schelm - richtig hieß sie laut Türschildchen Marlene Schelm, KHK und war eine Erste KHK im Referat 11,musste wohl eher permanente Belästigung fürchten, sie war eine ausgesprochen anziehende, sexy Person mit kastanienbraunen, rötlich schimmernden Haaren, die ihn aus ihren großen Kulleraugen ansah, aber ganz und gar nicht den Eindruck eines hilflosen Weibchens vermittelte. Sie erinnerte Paale an seine Vorzimmerfee Gesa Brück, die auch so aussah und mühelos den Eindruck verbreiten konnte, auf ihn, den gerade eintretenden Mann, habe sie ein Leben lang gewartet und sei nun zu allem bereit. Dass sie eine erfolgreiche Judokämpferin mit einem Doktor der Philosophie war, verbreitete sich nicht so schnell.

„Herr Paale. Mein Kollege Reloff aus Düsseldorf hat schon angerufen. Mein aufrichtiges Beileid.“

„Danke, Frau Schelm. Gestatten Sie mir eine jetzt und hier sehr dämlich klingende Frage? - woher kennen wir uns?“

„Aus der Galerie am Kloster. Mein Freund und ich haben Sie und Ihre Frau dort auf einer Vernissage kennengelernt.“

Er konnte sich zwar nicht mehr daran erinnern, nickte aber eifrig. „Sie bereiten wieder eine Vernissage vor?“

„Ja. Am Wochenende wollten wir die Einladungen und den Katalog verschicken.“

„War Ihre Frau deswegen nach Düsseldorf gefahren?“

„Tut mir leid, das weiß ich nicht.“ Er erzählte also zum zweiten Mal, was er gestern erlebt hatte, einschließlich seines nächtlichen Besuches auf dem Revier am Laurentiusmarkt. Das war neu für sie, sie notierte sich seine Angaben, und er machte sich nichts vor, warum sie das tat.

„Es tut mir leid, Herr Paale, ich muss Ihnen doch noch einige Fragen stellen. Haben Sie dafür noch Zeit?“ Und als er sie groß anschaute, pochte sie mit den Knöcheln auf den Brief. „Wer hätte den Brief angenommen, wenn Sie heute Morgen nicht zu Hause gewesen wären?“

„Unsere Nachbarin, Anne Gebauer, sie wohnt in der Gerlandstraße Nummer 14, direkt neben uns. Wir sind mit dem Ehepaar Lukas und Anne Gebauer befreundet.“

„Herr Paale, hat Ihre Frau, abgesehen von dem üblichen Ärger vor einer Vernissage, Sorgen gehabt? Gab es Schwierigkeiten? Streit? Hatte sie finanzielle Probleme? Kummer? Todesfälle im Freundes- oder Familienkreis? Können Sie sich irgendeinen Grund vorstellen, warum sie das getan hat?“

Er dachte nach und schüttelte endlich den Kopf: „Nein, beim besten Willen nicht. Für mich ist wie der berühmte Blitz aus heiterem Himmel.“

„Was machen Sie beruflich, Herr Paale?“

„Ich bin Prokurist in der Bank Leitner & Salzmann.“

„Hat es in letzte Zeit Differenzen zwischen Ihnen und Ihrer Frau gegeben?“

Was sollte das? Zweifelte sie an Simones Selbstmord?

„Nein“, sagte er fest.

„Hatte Ihre Frau geschäftliche Sorgen? Ärger in der Galerie? Stress mit Kunden? Stand ein Prozess bevor? Litt sie an einer Krankheit, fürchtete sie sich vor einer Operation, einer Behandlung?“

Er hatte bei jeder Frage den Kopf geschüttelt, und eigentlich verstand er nicht, warum sie das alles wissen wollte. Nach ihren Worten war es ein eindeutiger Suizid gewesen, und dass sie, die Kriminalbeamtin, die Gründe wissen wollte empfand er als unangebracht, aufdringlich und taktlos. Aber vielleicht gab es da Dienstvorschriften, die er nicht kannte, und sie fragte nur, um das wohl unvermeidliche Protokoll zu schreiben. Nach einer Viertelstunde war sie durch und er versprach unaufgefordert, ihr einen Abschiedsbrief, der mehr enthielt, als die karge Ankündigung, sie werde aus dem Leben scheiden, so er denn noch eintraf, vorbeizubringen. Als er sich verabschiedete und sie noch einmal sagte: „Mein Beileid“, fiel ihm auf, dass er keinerlei Trauer verspürte, sondern eher eine dumpfe Wut: Wie konnte Simone ihm das antun? Warum nur hatte sie das getan?

Er fuhr in die Galerie und rief die Mannschaft zusammen: „Es ist was Schreckliches passiert: Meine Frau ist in Düsseldorf in einem Hotelzimmer tot aufgefunden worden. Wie es hier weitergeht, weiß ich noch nicht. Ob und was da schon geregelt ist, muss ich erst noch herausfinden. Die Vernissage fällt natürlich aus. Herr Schmieling, Sie waren doch noch hier, als ich gestern Abend anrief. Hat meine Frau Ihnen gesagt, warum sie nach Düsseldorf fahren wollte?“

„Nein“, stotterte der Grauhaarige. „Mir hat sie nur gesagt, sie müsse wegen des Slevogts noch einmal los, hat aber nicht verraten, wohin oder zu wem oder warum.“

Das bislang unbekannte Slevogt-Bild „Frau mit Strohhut“, gemalt um 1900, sollte der „Knaller“ der nächsten Vernissage werden.

„Heidrun, was ist mit Ihnen?“

Heidrun Biller war Simones rechte Hand im Geschäft. Sie war tüchtig, loyal und zuverlässig. Paale mochte sie trotzdem nicht leiden, was sie wusste. Aber Simone hatte große Stücke auf sie gehalten und deswegen war Paale ihr immer freundlich und höflich begegnet. Doch als sie jetzt fast beleidigt fragte: „Wieso tot aufgefunden? Sie war doch gestern kerngesund und quietschfidel: Okay, bis der Bote die Sendung der Druckerei brachte.“

Paale riss der Geduldsfaden: „Simone hat Selbstmord begangen. Ich werde in die Todesanzeige schreiben - bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommen, und erwarte von Ihnen allen so viel Loyalität, dass Sie dieser Darstellung nicht öffentlich widersprechen.“

„Aber warum hat sie das getan?“, fragte die fassungslose Heidrun.

Genau diese Frage stellte fast zur selben Zeit Staatsanwalt Udo Landolf, dem Lene Schelm von dem Besuch des Dr. Claus Paale berichtet hatte. „Wieso gerade Simone? Sie hatte doch den gesellschaftlichen und geschäftlichen Erfolg sozusagen gepachtet.“

Lene zuckte die Achseln.

„Ein Fall für uns, Frau Schelm?“, wollte er dann wissen.

„Nein“, sagte sie fest. „Ich kenne den Düsseldorfer Kollegen. Wenn Reloff sagt, 'Selbstmord' - dann können wir uns darauf verlassen.“

„Na schön“, murmelte Landolf. „Ich hatte mich eigentlich auf die Vernissage gefreut.“

Lene wusste, dass der „schöne Udo“, reich verheiratet, Kunst sammelte, was er sich bei dem Einkommen seiner Frau auch leisten konnte - anders als Lene, die aber auch freiwillig nur einmal und dann nie wieder zu einer Vernissage gegangen wäre. Wo ihr viel zu viele Menschen zu dicht auf den Leib rückten. Lene hatte es in einer Fernsehsendung fertig gebracht, sich von Kreuzfahrten zu distanzieren: „Ich gehen doch nicht freiwillig in ein schwimmendes Gefängnis.“ Jetzt räusperte sie sich: „Ich habe von diesen Vernissagen immer nur gelesen. Was machte sie so besonders?“

„Simone - Frau Paale - besaß das Talent, immer wieder unbekannte oder verschollene Bilder bekannter Künstler ans Tageslicht zu holen. Die Galerie am Kloster war immer für eine Überraschung gut.“

Lene, Erste Hauptkommissarin in der früher so genannten Mordkommission, mochte keine Überraschungen. Aber das hing sicherlich auch mit den schlechten Erfahrungen ihres Jobs zusammen.

Auf der Fahrt in die Bank fiel Paale ein möglicher Grund ein, warum Simone nach Düsseldorf gefahren war. In Düsseldorf betrieb Graf Malte Iderstein eine florierende Werbeagentur, mit der Simone und die Galerie am Kloster oft zu tun hatten. Außerdem luden die Paales, wenn sie sich für die zahlreichen Einladungen und Feste revanchieren wollten, in die angemieteten Festsäle der Burg Iderstein oberhalb des Iderstausees ein. Und weil Graf Malte ein Auge auf die flotte Simone geworfen hatte, kriegte sie ihn häufig herum, vor und nach einer Veranstaltung in der Galerie am Kloster seine journalistischen Freunde anzuspitzen, darüber zu berichten. Paale kannte ihren und seinen Lieblingsspruch „Klappern gehört zum Handwerk.“ Die Düsseldorfer Nummer der Werbeagentur Iderstein hatte er auf seinem Handy gespeichert. Aber die junge Frau, die sich einstellte, musste ihn enttäuschen: „Der Chef ist gestern Mittag nach Iderstein gefahren und will erst in der nächsten Woche zurückkommen. Nein, tut mir leid, Ihre Frau hat gestern hier nicht angerufen. Nein, sie ist nicht hier gewesen.“

In der Bank brach Gesa Brück wieder in Tränen aus, als er in ihr Zimmer kam. Und auch bei ihr legte er lieber gleich die Karten auf den Tisch: „Es war ein Selbstmord, Gesa. Ich möchte das aber nicht an die große Glocke hängen und in den Anzeigen lieber von einem tragischen Unfall sprechen. Hilfst du mir?“

„Selbstverständlich, Chef.“ Sie hatte, wie er wusste, leider Erfahrungen in solchen Fällen und vor wenigen Monaten nach dem Tod ihres verwitweten Vaters alles regeln müssen. Für alle Fälle rief er Heidrun Biller an; sie wusste nichts von irgendwelchen Bestimmungen und Regelungen für den Todesfall Simone Paale. Die beiden Vorzimmerfeen schlossen sich kurz, während er zu seinem Chef ging und ihm erklärte, dass er einen längeren Sonderurlaub brauchte, um die Formalitäten nach Simones Tod zu erledigen. Auch Walter Bergmeister war taktvoll genug, sich nicht nach Einzelheiten des „tragischen Unfalls“ zu erkundigen. Den Hauptgrund hätte Paale auch ihm verschwiegen. Auch Gesa, die Taktvolle, hatte als erstes gefragt: „Warum denn nur? Sie hatte doch alles, was man sich wünschen kann. Alle Männer lagen ihr zu Füßen, ich habe sie oft beneidet.“

Als er die Bank verließ, war das Meiste schon geregelt oder so weit vorbereitet, dass er nur noch „Ja“ oder „Nein“ sagen musste. Sogar eine Grabstelle auf dem Ostfriedhof war gekauft, und der Bestatter würde sich um die Überführung der Leiche kümmern, sobald sie der Staatsanwalt in Düsseldorf freigegeben hatte. Der Bestatter würde morgen Vormittag zu ihm ins Haus kommen.

Anne und Lukas Gebauer waren weder bestürzt noch richtig überrascht, als ihr Nachbar Claus ihnen erzählt, dass seine Frau Simone Selbstmord begangen hatte.

„So etwas haben wir schon befürchtet“, seufzte Anne.

„Wie meinst du das?“