Verlag: FISCHER E-Books Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2013

Das E-Book lesen Sie auf:

Kindle MOBI
E-Reader EPUB für EUR 1,- kaufen
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Simpel - Marie-Aude Murail

Der siebzehnjährige Colbert und sein Bruder Barnabé sind auf der Suche nach einer Wohnung und stellen sich in einer Studenten-WG vor. Grundsätzlich wäre das kein Problem, wenn Barnabé, genannt Simpel, mit seinen zweiundzwanzig Jahren nicht auf der geistigen Entwicklungsstufe eines dreijährigen Kindes stehen würde. Doch die beiden wollen zusammen bleiben, sonst müsste Simpel in ein Heim, und so überzeugen die beiden Brüder die WG-Bewohner, sie aufzunehmen.

Meinungen über das E-Book Simpel - Marie-Aude Murail

E-Book-Leseprobe Simpel - Marie-Aude Murail

Marie-Aude Murail

Simpel

Aus dem Französischen von Tobias Scheffel

FISCHER E-Books

Inhalt

WidmungKapitel 1 In dem Monsieur Hasehase das Telefon kaputthautKapitel 2 In dem Monsieur Hasehase einen nicht besonders tollen Bau findetKapitel 3 In dem Monsieur Hasehase will, dass jeder einen Schwanz hatKapitel 4 In dem Monsieur Hasehase in die Kirche geht und vergisst, nach Hause zu kommenKapitel 5 In dem Monsieur Hasehase zu viel feiert und auf dem OP-Tisch endetKapitel 6 In dem Monsieur Hasehase Liebe macht und Krieg führtKapitel 7 In dem Monsieur Hasehase knapp den Haien entkommtKapitel 8 In dem Monsieur Hasehase Zahra die rosa Rosen schenktKapitel 9 In dem Monsieur Hasehase die Bekanntschaft mit Madame Ugendamm machtKapitel 10 In dem Monsieur Hasehase sich super mit dem kleinen tauben Mädchen verstehtKapitel 11 In dem Monsieur Hasehase sich wieder auf den Weg nach Malicroix machtKapitel 12 In dem Monsieur Hasehase das Weite suchtKapitel 13 In dem Monsieur Hasehase stirbtAnhangPrix des lycéens 2006 für »Simple« von Marie-Aude MurailGrußworte der Autorin, verlesen auf der Preisverleihung am 17. März 2006 auf der Leipziger BuchmesseDanksagung des Übersetzers

Mit all meiner Zuneigung Christine Thiéblemont und ihren Schülern gewidmet, die »zu klein für die Großen, groß genug für das Leben sind« (Jacques Higelin).

Kapitel 1In dem Monsieur Hasehase das Telefon kaputthaut

Colbert beobachtete seinen Bruder von der Seite. Simpel imitierte halblaut das Geräusch der Metrotüren: »Piiiiii … klapp.«

An der Station stieg ein Mann ein und setzte sich neben Colbert. Er hielt einen Schäferhund an der Leine. Simpel rutschte auf dem Sitz hin und her.

»Der hat ein’ Hund«, sagte er.

Der Hundebesitzer musterte den Menschen, der gerade gesprochen hatte: ein junger Mann mit hellen, weit aufgerissenen Augen.

»Der Herr hat ein’ Hund«, wiederholte Simpel immer aufgeregter.

»Ja, ja«, antwortete Colbert und versuchte, ihn mit einem Stirnrunzeln zur Ordnung zu rufen.

»Darf ich den streicheln?«, fragte Simpel und streckte die Hand nach dem Hund aus.

»Nein!«, knurrte Colbert.

Der Mann sah nacheinander die beiden Brüder an, als versuche er die Situation einzuschätzen.

»Also ich hab ein’ Hase«, sagte der junge Mann mit den hellen Augen zu ihm.

»Red doch nicht mit Leuten, die du nicht kennst«, schimpfte Colbert.

Dann gab er sich einen Ruck und wandte sich an den Mann mit dem Hund: »Entschuldigen Sie, er ist geistig behindert.«

»Ein I-di-ot«, korrigierte ihn der andere und betonte dabei jede einzelne Silbe.

Der Mann stand auf und zog wortlos an der Hundeleine. An der nächsten Station stieg er aus.

»Arschloch«, schimpfte Colbert.

»Oh, oh, böses Wort«, sagte sein Bruder.

Colbert seufzte schwermütig und warf einen Blick zum Fenster. Darin sah er das Spiegelbild seines sympathischen Gesichts mit der intellektuellen runden Brille. Beruhigt lehnte er sich auf der Sitzbank zurück und blickte auf die Uhr. Simpel, der jede einzelne Bewegung beobachtet hatte, zog die Ärmel seines Sweatshirts hoch und musterte mit kritischem Blick seine Handgelenke.

»Also ich hab keine Uhr.«

»Du weißt ganz genau, warum. Verdammt, wir müssen raus!«

»Oh, oh, böses Wort.«

Colbert lief schnell zum Ausgang und drehte sich dann beim Verlassen der Bahn um. Simpel war ihm gefolgt, aber plötzlich stehen geblieben.

»Jetzt mach schon!«

»Die will mich durchschneiden!«

Colbert packte ihn am Ärmel und zog ihn auf den Bahnsteig. Hinter ihnen schloss sich die automatische Tür. Klapp!

»Hat mich nicht gekriegt!«

Colbert packte Simpel erneut am Ärmel und zog ihn zur Treppe.

»Warum hab ich keine Uhr?«

»Du hast sie kaputtgemacht, um nachzugucken, ob ein Männchen drin ist, erinnerst du dich?«

»Oh, jaaaaaaaaa«, quietschte Simpel und strahlte verzückt.

»Und war ein Männchen drin?«

»Neinnnn!«, brüllte Simpel mit der gleichen Begeisterung.

Vor der Rolltreppe blieb er so abrupt stehen, dass zwei Menschen hinter ihnen ineinanderrasselten. Sie protestierten: »Jetzt passen Sie doch auf!«

Colbert griff seinen Bruder erneut am Ärmel, um ihn auf die Rolltreppe zu ziehen. Simpel sah erschreckt auf seine Füße, während er sie anhob. Als er sich vergewissert hatte, dass ihnen keine Gefahr drohte, hob er den Kopf.

»Hast du gesehen?«, fragte er, als sie oben angekommen waren. »Ich hab nicht mal Angst. Warum ist da kein Mänzel drin?«

»Es heißt nicht Mänzel, sondern Männchen«, wies Colbert ihn zurecht, um tausend mögliche Warums im Keim zu ersticken.

Er hörte, wie sein Bruder brummte: »Es heißt Mänzel, Mänzel.«

Simpels Starrköpfigkeit war äußerst bemerkenswert. Fünf Minuten lang trällerte er: »Mänzelenn, Mänzelenn.«

Colbert sah sich um, er war sich mit dem Weg nicht ganz sicher. Sie waren erst seit vierzehn Tagen in Paris.

»Ist es noch weit?«

»Ich weiß es nicht.«

Colbert war kurz davor durchzudrehen. Er erkannte das Viertel nicht wieder. Simpel blieb mitten auf dem Bürgersteig stehen und verschränkte die Arme.

»Ich will zu Papa.«

»Papa ist nicht hier. Er ist in Marne-la-Vallée, und wir sind in Pa… na? In Pa… Pa…«

»…gei!«, vervollständigte Simpel.

Dann lachte er über seinen tollen Witz. Colbert brachte ein Lächeln zustande. Geistig war Simpel drei Jahre alt, an guten Tagen dreieinhalb.

»Wir sind in Paris. Komm jetzt, wir müssen uns beeilen. Sonst wird’s noch dunkel.«

»Kommen dann die Wölfe?«

»Ja.«

»Weißt du, ich kann sie totmachen! Ich hab mein’ Verolver!«

Colbert unterdrückte ein genervtes Lachen. Sie gingen weiter. Plötzlich erkannte er die Straße. Da drüben war es. In der Rue du Cardinal-Lemoine 45.

»Oh nein«, sagte Simpel vor der Haustür.

»Was denn jetzt schon wieder?«

»Ich will nicht, da ist die alte Frau.«

»Hör mal, das ist unsere Großtante, die Schwester der Mutter von …«

»Sie ist hässlich.«

»Sie ist nicht besonders schön.«

»Sie stinkt.«

Colbert hob die Hand zum Türöffner, wollte den Code eingeben und runzelte die Stirn.

»Also … 4 … 6 …«

»4, 6, B, 12, 1000, 100«, ratterte Simpel in rasender Geschwindigkeit herunter.

»Sei ruhig. 4 … 6 …«

»9, 12, B, 4, 7, 12 …«

Völlig benommen sah Colbert auf das Tastenfeld.

»Drück die Knöpfe, drück die Knöpfe! 9, 7, 12 …«

Simpel fing an, völlig beliebige Tasten zu drücken. Die Tür knarrte und öffnete sich.

»Hab gewonnen!«

In Wahrheit kam eine dicke Dame heraus. Simpel rempelte sie beim Hineingehen an.

»Man schubst keine fremden Leute!«, rief Colbert ihm hinterher. »Sag der Dame Entschuldigung!«

Simpel war bereits mit zwei Sätzen fünf Stufen hinaufgestürmt. Er drehte sich um und rief fröhlich: »Entschuldigung! Du bist zu dick für die Tür!«

Und er galoppierte weiter die Treppe hinauf. Colbert versuchte, ihn einzuholen, und brüllte: »Im dritten! Im dritten!«

Simpel rannte die sechs Stockwerke des Hauses hinauf, stürzte dann wieder vier herunter und lief noch mal eines höher. Schließlich blieb er mit heraushängender Zunge und hechelnd wie ein Hund auf dem Treppenabsatz stehen. Colbert, der auf einmal schrecklich müde war, lehnte sich für einen Moment an die Wand.

»Drückst du den Knopf?«

Simpel hatte Angst vor dem Geräusch der Klingel. Während sein Bruder klingelte, hielt er sich die Ohren zu.

»Schön und gut, aber jetzt habe ich schon gegessen«, erklärte die alte Dame, die ihnen aufmachte. »Wir Alten essen um halb sieben unser Abendbrot. Es mag ja sein, dass die jungen Leute heutzutage zu den unmöglichsten Zeiten essen, aber ich, ich esse nun einmal mein Abendbrot pünktlich um halb sie…«

»Mnää, mnää, mnää!«, äffte Simpel ihre quäkende Stimme nach.

»Was ist denn mit dem los?«, fragte die Großtante und hob den Arm, als wollte sie ihn schlagen.

»Jetzt lass ihn doch, er ist doch nicht böse«, sagte Colbert.

»Ich bringe sie um. Ich hab mein’ Verolver!«

Simpel zog eine Spielzeugpistole aus der Hosentasche. Die alte Dame stieß einen Schrei aus.

»Eine Waffe! Er hat eine Waffe!«

»Aber doch keine echte«, unterbrach Colbert sie.

»Ja, aber die macht fast wie echt tot. Vorsicht, wenn ich peng mach, dann bist du tot. Vorsicht, du alte Frau …«

Simpel zielte bedächtig auf seine Großtante, die vor Schreck anfing zu schreien.

»Peng!«

Die alte Dame flüchtete in die Küche. Simpel sah seinen Bruder an, und in seinem Blick lag ebenso viel Verblüffung wie Stolz.

»Sie hat Angst.«

Dann, trotz allem ein wenig enttäuscht: »Ist nicht totgemacht. Hab aber ein Messer.«

»Du gibst ihr ein andermal den Rest.«

 

Nachdem sie zu zweit ein Kilo Nudeln verdrückt hatten, saßen sie in dem winzigen Schlafzimmer, das die Großtante ihnen zur Verfügung gestellt hatte. Colbert nahm sein Handy. Simpel beobachtete ihn noch immer.

»Du hast ein Tefelon«, sagte er neidisch. »Warum hab ich kein Tefelon?«

»Weil du zu klein bist«, antwortete Colbert zerstreut. »Also, 01 … 48 …«

»12, 3, B, 1000, 100.«

Colbert fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Sein Bruder hatte ihn schon wieder durcheinandergebracht. Aber was hatte es auch für einen Sinn, ihren Vater anzurufen? Monsieur Maluri wusste nur eine Lösung: die Anstalt. Er würde ihm sagen, er solle Simpel wieder nach Malicroix schicken.

»Kuckuck!«, ertönte es schelmisch.

Simpel saß im Schneidersitz auf dem Bett und hielt etwas hinter seinem Rücken versteckt. Verheißungsvoll wiederholte er: »Kuckuck!« Hinter seiner Schulter erschienen zwei schlaffe, braune Stoffohren. Er wedelte mit ihnen.

»Der hat ja gerade noch gefehlt«, murmelte Colbert.

»Wer ist das?«, fragte Simpel erwartungsvoll.

»Ich weiß es nicht.«

Es galt, das Vergnügen in die Länge zu ziehen.

»Ist was mit ase drin«, sagte Simpel.

»Ist es eine Nase?«

»Nein!«

»Ist es eine Vase?«

Simpel verschluckte sich fast vor Lachen.

»Ist es Monsieur Hasehase?«

»Jaaaaaa!«, brüllte Simpel und schwang einen alten Stoffhasen, dessen Ohren wie wild hin und her schlackerten.

Da begann das Handy zu klingeln.

»Ich bin’s«, rief Simpel. »Ich bin’s: Hallo?«

Colbert sprang auf, damit sein Bruder nicht versuchte, ihm das Telefon wegzunehmen.

»Hallo, Papa?«

»Nein, ich bin’s, ich bin’s: Hallo, Papa.«

»Ja, es geht«, sagte Colbert locker. »Wir sitzen hier mit Monsieur Hasehase, es ist alles in Ordnung … Die alte Tante? Mit der geht’s auch. Na ja, nein, eigentlich nicht.«

Colbert hatte sich entschieden, Klartext zu reden.

»Simpel mag sie nicht besonders. Er will sie umbringen.«

Colbert war sich nicht immer so ganz bewusst, was er sagte.

»Nein, nicht in echt! Mit seinem Verolver … Ja … ja … Ich weiß, Papa. Ich bin verantwortlich, ich war derjenige, der … Ja.«

Er hob den Blick zur Decke, während sein Vater Argumente vorbrachte. Simpel sei eine zu große Belastung, er würde einem das Leben unerträglich erschweren, man müsse ihn zurück nach Malicroix bringen. Währenddessen spielte Simpel, der eine ganze Tüte Playmobil auf dem Bett ausgeleert hatte, scheinbar gedankenverloren halblaut vor sich hin. Aber er hörte mit halbem Ohr zu.

»Der ist nicht brav«, sagte er über einen kleinen schwarzweißen Cowboy, »der muss jetzt in die Anschalt.«

Simpels Gesicht nahm einen Ausdruck düsterer Befriedigung an. Das kleine Männchen musste Drohungen, Ohrfeigen und eine Spritze über sich ergehen lassen. Dann stopfte er ihn unter sein Kopfkissen.

»Hilfe! Hilfe!«, rief der kleine Cowboy.

Während Colbert mit seinem Vater diskutierte, sah er seinem Bruder beim Spielen zu.

»Das Beste wäre, wir würden eine Wohnung finden, die wir mieten können. Dann wären wir unabhängig … Aber nein, Papa, Simpel muss nicht beaufsichtigt werden. Er ist zweiundzwanzig.«

Gerade hatte Simpel das Playmobilmännchen wieder unter dem Kopfkissen hervorgezogen und schimpfte es aus: »Du bist ein I-di-ot. Ich will dich nicht mehr sehen. Ich mach ein Loch. Du gehst in das Loch, und dann bist du tot, und ich bin gar nicht traurig mit dir. Wo ist Monsieur Hasehase?«

Verstört suchte er seinen Hasen. Als er ihn entdeckte, entspannte er sich schlagartig: »Aaaaah! Da ist er. Monsieur Hasehase macht Malicroix tot.«

Auf dem Bett gab es ein fürchterliches Gemetzel. Monsieur Hasehase fiel mitten in die Playmobilfiguren, warf sie in die Luft und schleuderte sie gegen die Wand.

»Monsieur Hasehase haut alles kaputt«, flüsterte Simpel.

Dann warf er einen verstohlenen Blick auf seinen Bruder, der am Telefon kämpfte: »Auf jeden Fall haben wir das Geld aus Mamas Erbe. Du brauchst die Miete nicht zu bezahlen … Ja, ich weiß, was ich tue.«

Colbert machte das Handy aus, nachdem er eine vage väterliche Einwilligung erhalten hatte. Er blieb einen Moment sitzen, mit verschwommenem Blick, das Telefon an die Brust gedrückt. Siebzehn Jahre. Er war siebzehn Jahre alt, hatte sich gerade für die Abschlussklasse am Gymnasium Henri IV angemeldet. Danach wollte er das Vorbereitungsjahr für die Aufnahme an einer Elite-Hochschule machen. Und er schleppte eine Art Ungeheuer mit sich rum. Seinen Bruder Simpel – mit echtem Namen Barnabé –, der in dem Glauben lebte, Stoffhasen seien lebendig.

»Simpel?«

Barnabé unterbrach sein Spiel und sagte: »Mein Bruder!«, ganz als ob gerade Gott zu ihm gesprochen hätte.

»Hör mir zu, Simpel, wir werden eine Wohnung für uns zwei suchen. Aber ich werde dann nicht immer die ganze Zeit bei dir sein können, weil ich ja schon in zwei Wochen wieder zur Schule gehen muss.«

»Schule ist nicht gut.«

»Doch, Schule ist gut.«

»Und warum geh ich dann nicht?«

»Ich habe dir gesagt, du sollst mir zuhören. Wenn du bei mir bleiben willst, musst du dich schon ein bisschen anstrengen.«

Simpel hörte mit halboffenem Mund zu, ganz außer sich vor gutem Willen.

»Verstehst du, du musst mir helfen.«

Simpel sprang auf: »Ich mach ganz Ordnung auf dem Bett.«

Colbert seufzte: »Ja, genau das …«

 

Gleich am nächsten Morgen beschloss Colbert, die Wohnungsmakler abzuklappern. Er zögerte einen Augenblick, bevor er Simpel zu Hause zurückließ.

»Bist du auch brav?«

Simpel nickte so heftig, dass er sich fast den Kopf ausrenkte.

»Und du nervst auch nicht die Tante?«

Simpel schüttelte den Kopf und sagte dann ein bisschen widersprüchlich: »Hab doch mein Messer da.«

In der Tür zögerte Colbert noch immer. Plötzlich kam ihm die Idee, die Verbindung zu seinem Bruder nicht ganz aufzugeben. Er vertraute ihm sein Handy an. Mit furchtsamem Entzücken empfing Simpel es in die geöffneten Hände. Colbert erklärte ihm, dass er ihn am Vormittag anrufen würde, um sich zu erkundigen, was er mache.

»Schau mal, wenn es klingelt, dann drückst du auf das kleine grüne Telefon.«

Als Colbert ging, nahm er das Bild seines vor Glück erstarrten Bruders mit. Kaum hatte sich die Eingangstür geschlossen, stieß Simpel ein Gebrüll aus: »Monsieur Hasehase!«

Er stürzte ins Schlafzimmer, wo der Hase auf dem Kopfkissen döste.

»Was musst du denn so schreien?«, fragte Monsieur Hasehase.

»Ich hab das Tefelon!«, brüllte Simpel.

Monsieur Hasehase richtete sich auf: »Gib her! Gib her!«

»Nein, ist meins. 4, 7, 12, B, 1000, 100.«

Er drückte wild auf der Tastatur herum, dann nahm er den Apparat ans Ohr.

»Hallo?«, sagte er. »Hallo ja bitte nein danke?«

Er schien zuzuhören, dann schüttelte er das Telefon und hielt es wieder ans Ohr: »Hallo ja bitte nein danke? … Das funktioniert nicht.«

Monsieur Hasehase legte sich wieder hin, die langen schlaffen Arme hinter dem Kopf, Desinteresse vortäuschend.

»Das funktioniert nur, wenn ein Mänzel drin ist.«

»Da ist kein Mänzel«, sagte Simpel, der sich an sein Missgeschick mit der Uhr erinnerte.

»Doch. Aber es kommt erst, wenn das Tefelon klingelt.«

Simpel sah Monsieur Hasehase lange an. Er suchte nach einem Gegenargument.

»Gut«, sagte er dann und legte das Telefon weg. »Spielen wir?«

Auf den ersten Blick mochte man Monsieur Hasehase für einen alten, an einigen Stellen völlig abgewetzten Stoffhasen halten. Aber sobald es darum ging zu spielen, wedelte er wild mit den Ohren, und unter seine schlaffen Beine schienen Sprungfedern montiert zu sein.

»Was spielen wir?«

»Malicroix.«

»Schon wieder! Hast du kein anderes Spiel?«

»Aber das ist doch gut.«

Simpel beugte sich zu Monsieur Hasehase und flüsterte ihm ins Ohr: »Du haust alles kaputt.«

Monsieur Hasehase musste zugeben: Das war schon ein tolles Spiel.

 

Gegen zehn Uhr, als die Playmobilfiguren um den Cowboy herum im Kreis saßen und ihn so am Fliehen hinderten, klingelte das Handy.

»Ich bin’s! Ich bin’s!«, brüllte Simpel.

Halb verrückt vor Aufregung drückte er auf das Telefonsymbol.

»Hallo Simpel?«, fragte Colbert.

»Hallo ja bitte nein danke? Guten Tag, wie geht’s? Danke gut, schönes Wetter, nicht wahr, auf Wiedersehen.«

»Warte! Ich bin’s, Colbert …«

Ein wenig verschreckt drehte sich Simpel zu Monsieur Hasehase: »Das ist das Mänzel.«

»Hau das Tefelon kaputt!«, befahl Monsieur Hasehase, der auf und nieder hüpfte. »Hau es gegen die Wand!«

Verängstigt schleuderte Simpel das Telefon gegen die Wand. Dann gab er ihm den Rest, indem er mit den Füßen darauf herumtrampelte. Nachdem er wieder zur Ruhe gekommen war, bückte er sich und untersuchte das zertrümmerte Handy.

»Siehst du es?«, erkundigte sich Monsieur Hasehase, bereit abzuhauen.

»Nnnnein«, erwiderte Simpel zögernd.

»Ich wusste es«, erklärte Monsieur Hasehase und legte sich wieder aufs Kopfkissen. »Es ist mikrospisch!«

 

Nach seinem gescheiterten Anruf beschloss Colbert, in die Rue du Cardinal-Lemoine zurückzukehren. Er lachte, als er an Simpel dachte, wie er am Telefon alle Erwachsenenausdrücke herunterleierte, die er kannte. Colbert hatte Lust, glücklich zu sein. Das Mädchen vom Maklerbüro schien auf ihn zu stehen. Sie hatte ihm für den frühen Nachmittag die Besichtigung einer Zweizimmerwohnung versprochen. Colbert fühlte sich in der Lage, sowohl das Mädchen als auch die Wohnung zu kriegen.

»Simpel! Simpel?«

Er entdeckte seinen Bruder, der auf dem Bett saß und gerade mit dem Cowboy herumspielte.

»Hast du Angst gehabt? Ist was nicht in Ordnung?«

Plötzlich fiel sein Blick auf das Telefon, dessen Innereien verstreut am Fuße der Wand lagen.

»Gibt kein Mänzel«, sagte Simpel betrübt.

 

Der Termin war für vierzehn Uhr vereinbart worden. Colbert wollte Simpel nicht zu Hause lassen. Die zweiundzwanzig Jahre seines Bruders würden auf das Mädchen vom Maklerbüro beruhigender wirken als seine eigenen siebzehn. Die einzige Frage war nur, ob Simpel ihr während der gesamten Wohnungsbesichtigung etwas vormachen konnte.

»Du musst brav sein. Du redest nicht. Du rennst nicht überall rum.«

Zu jedem Satz seines Bruders nickte Simpel schweigend. Colbert hatte ihn wegen der Geschichte mit dem Telefon hart rangenommen.

»Kämm dich. Wasch dir die Hände. Und … ich binde dir eine Krawatte um.«

Simpels schmollendes Gesicht hellte sich auf. Eine halbe Stunde später bewunderte er sich vor dem Spiegel in der Diele. Er trug Hemd und Krawatte, ein helles Jackett und eine dunkle Hose. Colbert wirkte weniger zufrieden. Selbst das bestgeschnittene Kleidungsstück sah an Simpels Körper auf eigenwillige Weise aus, als hinge es an einer Vogelscheuche.

»Denk daran: Kein Wort!« Colbert legte einen Finger an die Lippen, um die Anweisung im Geiste seines Bruders zu verankern. Natürlich konnte er ihn als taubstumm ausgeben, aber das war riskant. Simpel wäre in der Lage, dem Mädchen vom Maklerbüro zu erzählen, dass er stumm sei.

 

Die kleine Wohnung befand sich im obersten Stock eines Altbaus in der Avenue du Général-Leclerc. Dort erwartete Jackie ihre Kunden. Zwei Monate zuvor hatte sie ihre Zigaretten durch Kaugummis ersetzt. Aber sie hatte nicht durchgehalten und rauchte jetzt eine Zigarette, während sie Kaugummi kaute. Sie dachte an Colbert. Süß, der Junge. Er hatte einen älteren Bruder. Wenn der Colbert ähnelte, würde es interessant. Jackie kaute an den Nägeln, während sie rauchte und ihren Kaugummi kaute.

Am Fuß der Treppe ermahnte Colbert ein letztes Mal seinen Bruder.

»Du sagst nichts, du rührst dich nicht. Du hast doch hoffentlich deinen Verolver nicht mitgenommen?«

»Nein.«

Colbert ging zwei Stufen hoch.

»Ich hab mein Messer«, sagte Simpel in seinem Rücken.

Colbert drehte sich um: »Was ist das denn nur für eine Geschichte mit dem Messer? Wo ist dein Messer?«

Simpel zwinkerte, ohne zu antworten.

»Zeigst du’s mir?«

»Nein«, erwiderte Simpel mit einem verlegenen Lachen.

»Ich reg mich gleich auf, weißt du, ich reg mich gleich auf! Willst du, dass ich mich aufrege?«

Ab und zu rastete Colbert aus. In Simpels Augen lag Panik.

»Ist ein falsches Messer.«

»Zeig’s mir.«

»Ismeinimmel.«

»Was?«

Simpel kam auf dieselbe Stufe wie Colbert, stellte sich auf die Zehenspitzen und flüsterte ihm ins Ohr: »Ist mein Pimmel.«

Colbert blieb verdattert stehen.

»Du bist echt bescheuert.«

»Oh, oh, böses Wort.«

Sie mussten nur noch die sechs Etagen raufrennen.

 

Jackie war erstaunt, als sie die beiden Brüder hereinkommen sah. Sie sahen sich ähnlich, aber der jüngere schien der ältere zu sein. Er hatte dunkle Augen, mit einem inneren Feuer, der andere helle, wie zum Himmel geöffnete Fenster. Man wartete geradezu darauf, Vögel vorbeifliegen zu sehen. Colbert hatte kurze Haare und ein wohldosiertes Verführerlächeln. Simpel hatte strohblondes verstrubbeltes Haar und schien ständig außer sich. Jackie gab ihm die Hand.

»Guten Tag«, knatschte sie.

Simpel hatte sein Versprechen schon vergessen und begann loszuleiern: »Guten Tag, wie geht’s? Danke, auf Wied…«

»Das hier ist also das Wohnzimmer?«, rief Colbert, um die Stimme seines Bruders zu übertönen.

Jackie schreckte auf.

»Ja, der Wohnbereich. Wie Sie sehen, ist er sehr hell, er geht nach Südwesten.«

Simpel hampelte vor ihr herum. Sie konnte nicht anders, sie musste ihn anstarren.

»Ich hab die Krawatte«, sagte er, denn er war sich nicht ganz sicher, ob die Dame das auch bemerkt hatte.

Sie lächelte kurz ein aufgesetztes Lächeln, das eher wie ein Tick wirkte.

»Ja, sicher, heutzutage ist es besser, man macht einen guten Eindruck, wenn man eine Wohnung bekommen will.«

Da sie sich unwohl fühlte, nahm sie eine neue Zigarette aus ihrem Päckchen und ließ das Feuerzeug aufflammen.

»Das ist gefährlich«, sagte Simpel, dem man verboten hatte, mit Feuer zu spielen.

»Ja, ich hör auch bald auf«, antwortete Jackie verärgert.

»Und dann gibt es noch ein weiteres Zimmer?«, fragte Colbert weiter.

»Ja, also, ein Zimmer nach Norden raus, nicht ganz so hell, aber zum Hof hin gelegen, sehr ruhig …«

Colbert und Jackie gingen in das andere Zimmer. Simpel folgte ihnen nicht. Verstört sah er sich um. Sein Bruder hatte ihm gesagt, sie würden hier wohnen. Aber es gab keine Stühle, keinen Tisch, nichts! Simpel lief auf Zehenspitzen herum, da er fürchtete, an diesem geheimnisvollen Ort irgendeinen Zauber zu wecken. Dann entdeckte er eine angelehnte Tür. Er stieß sie auf. Es war die Tür zu einem Wandschrank. Leer. Simpel lächelte und griff mit der Hand in die Tasche. Er zog zwei Playmobilfiguren hervor. Außerdem hatte er noch einen ganzen Haufen anderer kleiner Gegenstände mitgebracht. Er stellte sie auf die Schrankbretter und baute eine ganze Miniaturwohnung nach. Er vergaß augenblicklich, wo er sich befand, und spielte halblaut vor sich hin, den Kopf im Wandschrank. Von Colbert begleitet kam Jackie ins Wohnzimmer zurück.

»Sehen Sie sich die Wandschränke an?«, fragte sie Simpel. »Das ist wirklich der große Pluspunkt der Wohnung. Ganz viel Stauraum.«

Sie öffnete weit die Tür.

»Sieh mal an, da hat ein kleiner Vormieter sein Spielzeug vergessen. Entschuldigen Sie …«

Sie streckte die Hand aus, um die Playmobilfiguren aus dem Schrank zu räumen.

»Meine Playmos!«, brüllte Simpel.

Empört wandte er sich an seinen Bruder.

»Sie klaut meine Playmos! Ich mach sie tot. Ich hab mein Messer!«

Jackie ließ die Figuren los. Verängstigt wich sie ins Schlafzimmer zurück.

»Simpel, hör auf!«, rief Colbert. »Es ist nichts, Mademoiselle, er ist zurückgeblieben. Er …«

Simpel sammelte überstürzt seine Spielsachen ein.

»Verschwinden Sie! Verlassen Sie die Wohnung!«, befahl Jackie.

»Ist ja gut, Sie brauchen wirklich nicht in diesem Ton mit uns zu reden«, erwiderte Colbert. »Übrigens ist Ihre Zweizimmerwohnung viel zu teuer für das, was sie bietet. Komm, Simpel. Wir wollen die Wohnung nicht.«

Simpel warf dem Mädchen vom Maklerbüro einen triumphierenden Blick zu: »Sind nicht mal Stühle drin, nämlich!«

Auf der Straße machte Colbert nicht die geringste Bemerkung. Im Laufe des Tages spürte er, wie er in eine verrückte Welt abglitt. Er wurde immer mechanischer. Er hielt seinen Bruder am Rand des Bürgersteigs zurück, als dieser sich gerade vor die Autos stürzen wollte.

»Das Mänzel ist rot«, sagte er.

Als sie auf der anderen Seite angekommen waren, klopfte Simpel pochpochpoch auf die Glasscheibe des inzwischen grün gewordenen Mänzels. Im Grunde hatte Colbert Mitleid mit dem Armen. Wenn er keine Lösung finden würde, müsste er ihn nach Malicroix zurückbringen. Auf dem Rückweg bemerkte Colbert ein verrostetes Eisenschild am Eingang des Hotels Vieux Cardinal: Zimmer wochenweise zu vermieten. Er dachte, er könne ein Zimmer mieten, bis er eine Wohnung finden würde. Es drängte ihn, der Großtante zu entkommen. »Komm«, sagte er und zog Simpel am Ärmel in das Hotel.

In dem verlassenen Eingang roch es muffig. Hinter einer Theke hingen ein paar Schlüssel, die schon sehr lange auf Gäste zu warten schienen.

»Hallo?«, rief Colbert.

Besorgt vergrub Simpel die Hände tief in den Hosentaschen.

»Guten Tag«, sagte eine rauchige Stimme hinter ihnen.

Eine sehr stark geschminkte Frau in äußerst kurzem Rock kam auf die Brüder Maluri zu. Simpel liebte Damen, die lecker rochen. Er strahlte sie an.

»Na, geht’s dir gut?«, fragte sie ihn und zupfte ihn an der Krawatte.

Colbert sah ihr wie versteinert zu.

»Ich hab die Krawatte«, sagte Simpel, der sehr stolz war, dass die Dame es gleich auf Anhieb gesehen hatte.

»Und was sollen wir für dich tun, mein Hase?«, fragte sie ihn mit halb geschlossenen Augen.

Bei dem Wort Hase zog Simpel behutsam etwas aus seiner Tasche.

»Kuckuck«, sagte er mit schelmischer Stimme.

Aus der Tasche ragten zwei wackelnde Schlappohren.

»Was ist das?«, fragte die Frau ein wenig zögernd.

»Wer ist das?«, verbesserte Simpel. »Ist mit ase drin.«

Colbert dachte: Oh, Mist!, und packte seinen Bruder am Ärmel.

»Komm«, flüsterte er.

Aber im selben Augenblick zog Simpel seinen Hasen an den Ohren ganz aus der Tasche und fuchtelte der Frau mit ihm vor der Nase herum.

Sie schrie erschreckt auf.

»Ist Monsieur Hasehase!«, brüllte Simpel wie entfesselt.

Während Colbert seinen Bruder auf die Straße zog, hörte er noch zu seiner größten Freude, wie die Frau rief: »Die sind doch krank, die beiden!«

 

Colbert hatte es nicht eilig, in die düstere Wohnung der Großtante zurückzugehen. Er beschloss, Simpel das aus prächtigen weiß-goldenen Steinen errichtete Gymnasium Henri IV zu zeigen.

»Siehst du, das ist meine Schule.«

»Nicht schön.«

Sie setzten ihren Spaziergang zum Jardin du Luxembourg fort. Simpel wollte Monsieur Hasehase die kleinen Segelboote zeigen. Die Brüder setzten sich an den Rand eines Wasserbeckens, und Simpel nahm den Hasen auf den Schoß.

»Dein Hasehase wird ganz oll«, bemerkte Colbert. »Du darfst ihn nicht so in deine Tasche stopfen.«

»Das ist nicht Hasehase. Das ist Monsieur Hasehase.«

»Na gut«, murmelte Colbert lächelnd.

Er beobachtete die Kinder, die um das Becken rannten und so ihr Segelboot überholten. Er schnipste mit den Fingerspitzen ins Wasser. Der Tag ging zu Ende. Es war ihm völlig egal, was die anderen über Simpel und seinen Hasen denken mochten. Er zog die Hand aus dem Wasser und legte sie Simpel aufs Knie.

»Gehen wir?«

»Du hast mich genasst!«

Auf dem Weg nach Hause gingen sie noch bei dem kleinen Supermarkt in ihrem Viertel vorbei, um Prinzenrolle zu holen. Während er an der Kasse wartete, las Colbert die Kleinanzeigen, die Kunden dort aushängen konnten. Plötzlich runzelte er die Stirn. Das war ein Wink des Schicksals: Zwei Mitbewohner für Studenten-WG gesucht. Telefon 06 … Colbert schrieb sich die Nummer auf ein benutztes Metroticket.

 

Bei der Großtante forderte Simpel ein Bad. Er begann damit, eine Tüte voller Playmobil ins Badezimmer zu transportieren.

»Aber du legst Monsieur Hasehase nicht ins Wasser!«, warnte ihn Colbert.

»Nein.«

»Du lässt ihn in deinem Bett.«

»Ja.«

Kaum hatte ihm sein Bruder den Rücken zugedreht, wickelte Simpel Monsieur Hasehase in seinen Schlafanzug und rannte ins Bad.