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Die Schweizer Großbank UCS verdient glänzend am Geschäft mit ausländischen Steuersündern – bis ein Geldbote der Bank überfallen und getötet wird, während er gerade bei deutschen Anlegern Schwarzgeld abholt. Die Täter sind Amateure, britische Fußball-Hooligans, die im Bangkoker Rotlichtmilieu ihre Beute verprassen. Michael Fischer hingegen, der von der Bank mit der Aufklärung des Überfalls beauftragte Privatdetektiv, ist ein Profi. Doch Fischer hat kein leichtes Spiel gegen diese britische Kneipenmannschaft. Ein Killerkommando des gefürchteten israelischen Geheimdienstes Mossad interessiert sich nämlich ebenfalls ganz ungemein für seine Zielpersonen – vor allem aber für ihn selbst … Seien Sie gewarnt! "Simple Money" ist ein harter, actionreicher Agententhriller mit einer (stellenweise) hooliganesken Erzählsprache.
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Seitenzahl: 507
Veröffentlichungsjahr: 2011
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ein Michael Fischer Thriller
von
Peter Backé
Simple Money Copyright © 2011 Dr. Peter Nikolaus Backé Published by epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de Cover design: Gabriele Aretz, Aachen, www.stockcreator.com ISBN 978-3-8442-0482-7
Lizenzerklärung
„Die Liebe ist ein Wunder, das immer wieder möglich, das Böse eine Tatsache, die immer vorhanden ist.“
Dürrenmatt, Friedrich. Grieche sucht Griechin.
Bangkok, am Samstag, den 1. November 2008
Endlich wieder Zahltag! Noi konnte es kaum abwarten. Dennoch zwang sie sich, langsam und vorsichtig vom Soziussitz des knatternden Motosai zu klettern, das sie von ihrem schäbigen Model-Apartment im Westen Sukhumvits zu ihrem Ziel gebracht hatte, dem Internet-Café Dave’s Den am südlichen Ende der Soi Nana Tai. Ihre himbeerfarbenen Plateau-Pumps mit Pfennigabsätzen waren derart hoch und ihr Jeans-Minirock derart kurz, daß jede falsche Bewegung zu einer peinlichen Szene geführt hätte. Sie schüttelte ihre wallende Mähne wieder in Form, tätschelte dann spielerisch die Schulter des sonnengegerbten Fahrers, schenkte ihm ein strahlendes Lächeln und ein großzügiges Trinkgeld. Warum auch nicht? Schließlich war der Fahrtwind auf dem Moped so herrlich erfrischend bei dieser abendlichen Schwüle. Außerdem gab es heute endlich wieder Geld. Urs zahlte immer pünktlich, immer zum Monatsersten.
Als sie fünf Jahre zuvor, mit achtzehn Jahren, nach Bangkok gekommen war, hatte sie sich noch vor den fremden Männern, den Farang, gefürchtet. Aber die erfahrenen Mädchen, die sie alsbald unter ihre Fittiche nahmen, hatten recht gehabt: Mochten Farang auch so groß und stark sein wie der Wasserbüffel auf der Farm ihrer Eltern daheim in Chiangrai, waren sie jedoch ebenso dumm und fügsam. Man mußte nur mit ihnen umzugehen wissen.
Urs war ein typischer Wasserbüffel: schon einundvierzig Jahre alt, trotzdem immer noch ledig, warum auch immer; ehemaliger Soldat, demnach eigentlich eine Respektsperson, und körperlich noch recht gut beieinander, aber schwach im Geiste. Er war wahrhaftig naiv genug zu glauben, eine lebhafte junge Schönheit wie Noi könne einen drögen alten Fremdling mit Geheimratsecken und Bauchansatz wie ihn körperlich begehren. Ferner war er offenbar zu dumm, um die wirtschaftlichen Realitäten der Situation zu verstehen.
Die wirtschaftlichen Realitäten sahen, kurz gesagt, so aus: Mit ihren dreiundzwanzig Jahren hatte Noi noch maximal siebzehn weitere Arbeitsjahre vor sich, davon vielleicht noch sechs, sieben weitere Jahre als Go-go-Girl, in denen sie, Sponsorengelder nicht mit eingerechnet, auf circa vierzigtausend Baht im Monat kommen würde. Danach weitere zehn Jahre als Bar Girl, in denen sie höchstens noch auf monatlich dreißigtausend Baht hoffen könnte, Tendenz fallend. Letzteres entsprach zwar immer noch dem Gehalt eines Lehrers, aber anders als ein Lehrer mußte Noi mit diesem Einkommen ihre gesamte Sippschaft durchfüttern, ihre beiden nichtsnutzigen Brüder, die Eltern und die Großmutter daheim in Chiangrai. Nebenbei mußte sie genug auf die hohe Kante legen, um nach dem Ende ihrer Karriere bis an ihr Lebensende davon zehren zu können.
Als Go-go-Tänzerin bei Pussy Galore, einer der bekanntesten Go-go-Bars im Nana Entertainment Plaza Rotlichtviertel, verdiente Noi derzeit ein monatliches Fixgehalt von zehntausend Baht. Zudem bekam sie dreißig Baht für jeden Lady Drink, also ein Getränk, das ihr von einem Gast spendiert wurde, wenn sie sich zwischen ihren Tanzdarbietungen unter die Zuschauer mischte.
Kern des Go-go-Geschäfts jedoch war die Prostitution: Ein Gast, der Noi die Nacht über mit in sein Hotel nehmen wollte, mußte Pussy Galore pro versäumter Schicht eine Bar Fine genannte Gebühr von zwölfhundert Baht zahlen. Noi selbst verlangte rund zweitausendfünfhundert Baht für ein solches long-time Schäferstündchen, mal mehr, mal weniger, je nach Laune und Uhrzeit. Short-time Gäste, die mit ihr lediglich einen kurzen Abstecher zwecks Triebabfuhr ins erstbeste Stundenhotel unternehmen wollten, akzeptierte sie grundsätzlich nicht. Short-time war nur etwas für abgehalfterte Bar Girls und billige Straßenhuren. Dafür war Noi zu schön, zu stolz. Das hatte sie nicht nötig – noch nicht. Der Haken an ihren persönlichen Prinzipien in dieser Frage war freilich, daß ihr Arbeitsvertrag mit Pussy Galore mindestens sechs Bar Fines pro Monat vorsah, ansonsten würde sogar ihr Grundgehalt drastisch gekürzt.
Das Geschäftsmodell der Go-go-Bar hatte sie Urs noch annähernd vermitteln können, während seines ersten und bislang letzten Thailand-Urlaubs rund drei Monate zuvor.
Gleich an seinem ersten Abend in Bangkok war Urs – aus reiner Neugierde, wie er sich versicherte, und nur auf ein, zwei Bierchen – zu Pussy Galore gegangen. Noi, die ein scharfes Auge für Novizen der Pay for Play-Szene besaß, hatte sich prompt neben ihn gesetzt und ihr milchkaffeebraunes Händchen auf sein Knie gelegt.
Keine Dreiviertelstunde später hatte Urs geglaubt, die Liebe seines Lebens gefunden zu haben, und bereitwillig Nois Bar Fine für eine ganze Woche gezahlt, die Dauer seines Urlaubs. Wiederum anderthalb Stunden später, als Urs in postkoitaler Entspannung auf seinem Hotelbett ausgestreckt lag und Noi fasziniert dabei zusah, wie sie nach dem Duschen splitterfasernackt vor dem Spiegel stand und hingebungsvoll ihre langen Haare bürstete, eine kleine Konzentrationsfalte über ihrer Nasenwurzel, hatte er gewußt, daß er die Liebe seines Lebens gefunden hatte, daß Noi und er füreinander bestimmt waren.
Als reifer, pflichtbewußter Mann hatte er zugleich begriffen, daß ihm mit dieser schicksalhaften Begegnung, diesem wunderbaren Geschenk eines gütigen Gottes, eine große Verantwortung auferlegt worden war: Er mußte Noi sofort da rausholen, aus dem Milieu. Fernziel mußte selbstverständlich sein, Noi zu heiraten und sie zu sich in die Schweiz zu holen, aber Urs war zu sehr Schweizer, um eine solche Entscheidung übers Knie zu brechen. Vorerst war vielmehr eine pragmatische, finanziell tragbare Interimslösung gefragt. Am Ende ihrer gemeinsam verbrachten Woche, vor dem tränenreichen, herzzerreißenden Abschied am Flughafen, hatte er Noi darum nach reiflicher Überlegung angeboten, ihr künftig eine monatliche Zuwendung von zwanzigtausend Baht zu überweisen, sofern sie auf Bar Fines verzichten und sich aufs bloße Tanzen beschränken würde – solange, bis er zurückkäme, natürlich so bald wie möglich, und dann, nun ja, dann werde man weitersehen …
Noi war mit diesem Ergebnis sehr zufrieden. Sie hatte Urs von vornherein als potentiellen Sponsoren kultiviert und deshalb darauf verzichtet, am Morgen nach jeder gemeinsamen Nacht zu kassieren, hatte ihn überhaupt nie um Geld gebeten. Ihr Kalkül war aufgegangen: Allein Urs’ Abschiedsgeschenk, eine kleine Schweizer Damenuhr der Marke Ebel, hatte beim Umtausch mehr erlöst, als Noi sonst in einem ganzen Monat verdiente. Außerdem war Urs körperlich gepflegt und sexuell ebenso anspruchslos wie dankbar. Insgesamt war die Zeit mit ihm also leicht verdientes Geld gewesen, und durch das Sponsoring würde eine wirklich lohnende Sache daraus werden.
Urs hatte Jai Dee, ein gutes Herz. Manchmal tat er ihr fast ein bißchen leid. Anders als die meisten anderen Farang, die dazu neigten, überlang von ihrer ach-so-großen Liebe zu faseln, dabei aber ihre Portemonnaies fest geschlossen hielten, hatte Urs begriffen, worum es bei der Liebe wirklich ging. Die Liebe war nichts, worüber es sich zu reden lohnte, sondern Liebe mußte man zeigen, indem man sich um die geliebte Person kümmerte, ihr Geld gab – so wie Noi es mit ihrer Familie tat und so wie es selbst jeder pickelige Thai-Teenager mit seiner allerersten Freundin hielt.
Was Urs indessen nicht kapierte war, daß Noi diesen Job natürlich nur wegen ihrer Familie machte, und daß es natürlich besser war, mehr Geld heimzuschicken als weniger. Wenn sie sich nicht um ihre Familie kümmern müßte, hätte sie schließlich auch in einer Fabrik arbeiten gehen können.
Ebenso wie ihre Kolleginnen, von denen viele ebenfalls Sponsoren im Ausland hatten, dachte sie darum nicht im entferntesten daran, nur wegen eines Sponsors mit dem Anschaffen aufzuhören, oder sich auf einen einzigen Sponsoren zu beschränken. Noi verstand nicht, wie jemand das nicht verstehen konnte. Wenn es die Pflicht einer guten Tochter war, für ihre Familie zu sorgen, was wohl niemand ernsthaft bestreiten würde, dann war mehr Fürsorge besser als weniger, das mußte doch selbst einem Wasserbüffel einleuchten.
Dave Hasnip blickte von seinem Bildschirm auf, als er das Klacken von Nois Pfennigabsätzen auf dem Fliesenboden seines Internet-Cafés hörte. Er stand auf, breitete seine mächtigen Arme aus, beugte sich zu ihr hinunter, gönnte sich einen diskreten Blick auf das unentschiedene Zeppelinrennen in ihrem Dekolleté und begrüßte Noi mit seinem persönlichen Markenzeichen, Schnupperküßchen links, Schnupperküßchen rechts.
Wie all seine Mandantinnen aus den Bars kicherte auch Noi selbst nach dem x-ten Mal noch über diese bizarre, kulturübergreifende Form der Begrüßung: Küssen in der Öffentlichkeit war völlig tabu in Thailand, aber den landestypischen Schnupperkuß beherrschte Dave wie ein Thai. Ja, Dave war schon ein lustiger Bursche, sehr sanuk, wie ein gutmütiger, verspielter Bär.
Dave musterte Noi mit einem breiten Grinsen. Noi war wirklich ein Star, nur knapp über fünf Fuß groß, aber mit dem Gesicht einer Thai Barbie-Puppe, spektakulären, naturbelassenen Titten auf einem durchtrainierten Tänzerinnenkörper und einer Sinnlichkeit, die ihr nur so aus den Augen sprühte. Eine absolute Granate, definitiv nichts für einen Anfänger wie Wyss. Im Bett ging Noi bestimmt diabolisch ab. Auch hatte sie schon mehrmals angedeutet, daß sie durchaus geneigt sei, Dave für seine Dienste in Naturalien zu entlohnen – aber das ging nicht, leider.
Dave hatte Nois Luxuskörper schon oft auf der Bühne des Pussy Galore bewundert, hätte ihr nur allzugern mal richtig Einen mit auf den Weg gegeben, aber das ging einfach nicht. Mai chai, keine Chance. Nana Entertainment Plaza, keine zweihundert Meter die Straße hoch von seinem Internet-Café, war eine kleine Welt mit strengen Regeln.
Alle hier kannten Dave. Falls er mit einer seiner Mandantinnen Boom-boom machte, würde sich das wie ein Lauffeuer herumsprechen. Dave würde dadurch an Ansehen verlieren, keines der anderen Mädels von der Plaza würde danach noch gerne mit zu ihm nach Hause gehen.
In Daves Augen war selbst Noi dieses Risiko nicht wert, denn schließlich machte Abwechslung das Leben süß. Daves Leben war sehr süß, seit er vor knapp drei Jahren nach Bangers gekommen war, in seine Vorstellung vom Paradies auf Erden, mit perfektem Wetter, phantastischem Essen und schönen Frauen bis zum Abwinken.
„Khun Dave, ist alles okay? Hat Urs gezahlt?“, fragte Noi unruhig. Ihre Familie wäre sehr enttäuscht, falls Noi ihnen in diesem Monat weniger Geld zukommen ließe als in den Vormonaten.
„Moment, Liebes. Ich schaue mal. Dauert noch nicht mal eine Minute, wie der Bischof zum Chorknaben sagte. Aber setz dich doch solange“, antwortete Dave.
Um seine eigene Nervosität zu überspielen, ging er zunächst zum Getränkekühlschrank des Internet-Cafés, nahm eine Dose Coke Zero für Noi und eine Dose normale Cola für sich selbst heraus und setzte sich erst dann wieder an seinen Schreibtisch.
Während Noi beide Dosen öffnete und mit ihren langen, straßverzierten Fingernägeln routiniert die Papierhüllen von zwei Trinkhalmen entfernte, klickte Dave in seinem E-Mail-Programm auf das Yahoo-E-Mail-Nutzerkonto, das er für Noi angelegt hatte. Wie erwartet fand sich dort eine ungelesene E-Mail von Urs Wyss, dem Schweizer.
Dave kannte diese E-Mail praktisch auswendig, hatte sie schon unmittelbar nach ihrem Eintreffen am Nachmittag intensiv studiert und sie dann, Perfektionist der er war, wieder als „ungelesen“ markiert – als ob Noi den Unterschied bemerken würde!
Nun öffnete er die E-Mail abermals, tat so, als lese er diese zum erstenmal, faßte sie derweil betont schnoddrig zusammen: „Er schreibt, daß er Montag wieder nach Deutschland muß und bis einschließlich Donnerstag in Notfällen über seine deutsche Handynummer erreichbar ist. Wieder ein Geldtransport, diesmal angeblich fast drei Millionen Euro. Außerdem fragt er, wie es dir geht, und schreibt, daß er dich ganz doll lieb hat. Und daß er gezahlt hat.“
Noi, die gerade mit geschürzten Lippen von ihrer kalorienfreien Tänzerinnen-Cola nuckelte, nickte nur erleichtert.
Dave wechselte zu einem anderen Bildschirmfenster, seinem gewerblichen PayPal-Account. Tatsächlich, Wyss hatte bereits gezahlt, siebenhundert Schweizer Franken, also sogar etwas mehr als zwanzigtausend Baht.
„Stimmt, er hat gezahlt. Der Mann ist super.“ Dave nahm ein von einem silbernen Prada-Geldscheinclip zusammengehaltenes dickes Bündel Banknoten aus der Vordertasche seiner Ralph-Lauren-Chinos und blätterte Noi sechzehntausend Baht hin, Wyss’ zwanzigtausend Baht minus zwanzig Prozent Verwaltungsgebühr.
Noi bedankte sich mit einem tiefen, respektvollen Wai, verstaute die Scheine sorgsam in einem Geheimfach ihrer Handtasche und antwortete: „Schreib ihm, ich liebe ihn, liebe ihn zu sehr und kann es kaum abwarten, bis er wieder nach Bangkok kommt. Und er soll bei seiner Reise gut auf sich aufpassen.“
Noi hatte keine Ahnung, wieviel drei Millionen Euro in Baht waren, aber es klang nach einem Haufen Geld. Fast alle Farang, denen sie jemals begegnet war, hatten damit geprotzt, wie viel Geld sie verdienten oder angespart hatten. Urs hingegen gab immer nur damit an, wie viel Geld er für seine Bank herumfahren durfte. Noi begriff nicht, warum Urs darauf so stolz war, aber das war ja auch einerlei, solange er nur weiterhin fleißig zahlte.
Sie kicherte und ergänzte: „Khun Dave, frag ihn auch, warum er das viele Geld nicht einfach stiehlt, damit nach Thailand kommt und mich heiratet.“
Unwillkürlich mußte Dave mit ihr kichern: Das Mädchen hatte den richtigen Instinkt, war hinter Moneten her wie ein kleines weibliches Pac-Man-Figürchen mit Riesenmöpsen hinter Keksen, aber dieses Geld würde nicht in Nois Handtasche verschwinden, oh nein. Dieses Geld, das große Geld, war für Dave bestimmt.
Nachdem Noi gegangen war, verfaßte Dave rasch eine zärtliche, dankbare Antwort-E-Mail aus vorgefertigten Textbausteinen, Pidgin-Englisch gewürzt mit ein paar Brocken Thai. Danach vermerkte er die pünktliche Zahlung und deren Höhe in seiner Customer Relationship Management Software, einem Expertensystem, das er mit Hunderten von Sponsoren-Fallgeschichten gefüttert hatte. In der Plaza gab es wahrlich keinen Mangel an solchen Fallgeschichten. Nach Ansicht der CRM-Software verdiente der zuverlässige Wyss mindestens drei weitere Monate Ruhe, bevor ihn Dave erstmals um eine Sonderzahlung angehen durfte: „Vaters Krankheit ist wieder schlimmer geworden. Er muß dringend ins Krankenhaus, aber …“, und so weiter. Anders als die zögerlichen und unregelmäßigen Zahler unter den Sponsoren seiner Kundschaft, impulsive Männer, die am besten auf vermeintliche unvorhergesehene Notlagen ansprachen, mußte man gewissenhafte Zahler langsam melken. Gewissenhafte Zahler liebten Planungssicherheit und Berechenbarkeit. Mit Aufforderungen zu Sonderzahlungen verschreckte man solche treuen Seelchen nur.
Den Beruf des Briefeschreibers gab es schon seit dem Mittelalter, in gering alphabetisierten Gesellschaften wie der Plaza florierte er noch immer. Ebenso wie die meisten ihrer Kolleginnen hatte Noi ihr bißchen Englisch on the job gelernt, von ihren Freiern. Dieser Unterricht hatte sich in jeder Hinsicht auf orale Lektionen beschränkt. Aber fürs Schreiben hatten sie ja Dave, der die Sponsoren von mehreren Dutzend Mandantinnen betreute.
Dave hatte für unzählige Bar- und Go-go-Girls der Plaza E-Mail-Nutzerkonten angelegt, ihnen kleine Zettelchen mit ihren E-Mail-Adressen zum Verteilen mitgegeben und ihnen ferner eingeschärft, jeden, wirklich jeden Gast nach seiner E-Mail-Adresse zu fragen, egal ob sie mit ihm fünf Minuten Small talk gemacht oder fünf heiße Nächte verbracht hatten. Dave sammelte diese E-Mail-Adressen regelmäßig ein und mailte alle neuen Kontakte an, mit teils frappierendem Erfolg. Seit sich herumgesprochen hatte, daß manche Bar Girls dank Dave sogar von Farang gesponsert wurden, an die sie sich beim besten Willen nicht mehr erinnern konnten, Männern, die ihnen höchstens mal einen Drink spendiert und hastig ihren Namen und E-Mail-Adresse auf eine Serviette gekritzelt hatten, blühte das Geschäft.
Er war stolz darauf, dieses historische Berufsbild professionalisiert und systematisiert zu haben. Mittels seiner CRM-Software und viel psychologischem Geschick maximierte er die Gesamteinnahmen über den Sponsoren-Lebenszyklus, denn länger als vier, fünf Jahre hielt selbst der naivste und vernarrteste Sponsor nicht durch.
Auch der Online-Zahlungsservice PayPal war eine geniale Innovation, ein absoluter Segen für dieses Geschäft. Anders als bei den früher üblichen Banküberweisungen oder Bartransfers über Western Union blieb dem Sponsor mit PayPal keine Zeit zum „Abkühlen“ vor der Zahlung. Nach dem Lesen einer von Daves Bettel-E-Mails bedurfte es nur ein paar Mausklicks und, Simsalabim, schon war das Geld bei der fernen Geliebten – beziehungsweise auf Daves PayPal-Konto, doch davon ahnten die Sponsoren ja nichts.
Gewissensbisse hatte Dave bei seiner Arbeit noch nie empfunden: Genausowenig wie die Sponsoren etwas dazukonnten, als Mäuseriche geboren worden zu sein, konnte er etwas dazu, als Kater geboren worden zu sein. Kater fraßen nun einmal Mäuse, das war ihre Bestimmung. Nur ein kranker, schwuler, degenerierter, französischer Kater würde jemals mit den Mäusen dieser Welt friedlich koexistieren können, aber all dies war Dave nicht.
Aufgrund Daves bemerkenswerter Fähigkeiten lief sein kleines Internet-Café sehr viel besser, als es der äußere Anschein vermuten lassen würde, aber das Bessere war bekanntlich der Feind des Guten. Vor rund zwei Monaten hatte Dave deshalb begonnen, eine ganz neue Geschäftsidee zu verfolgen. Er ermunterte seine Mandantinnen ohnehin, ihm regelmäßig aktuelle Photos von ihnen zu geben, denn nichts förderte die Spendenbereitschaft eines Sponsors so sehr wie ein steter Strom frischen Bildmaterials.
Seit ein paar Wochen manipulierte Dave systematisch diese Bilddateien, indem er sie mit einem „Trojaner“ versah: Sobald der Sponsor die Bilddatei öffnete, installierte er automatisch ein ausgefeiltes Schadprogramm auf seinem PC, welches Dave die völlige Kontrolle über seinen PC gab, das überdies selbst mit aktueller Antiviren-Software weder zu entdecken noch zu beseitigen war.
Dave hatte zuvor in einem russischen Carding-Forum mehr als fünfzehnhundert Dollar in dieses professionelle Botnet-Toolkit investiert, achthundert Dollar Grundpreis plus verschiedene Zusatzoptionen. Richtig angewendet, könnte man damit völlig risikolos die Bankkonten und/oder PayPal-Konten der Sponsoren ausräumen.
Nach der Uni hatte Dave fast zehn beschissene, trostlose Jahre lang als Programmierer bei einer Londoner Versicherung gearbeitet und wußte darum genau, wie er seine Spuren verwischen mußte. Noch aber hatte Dave kein einziges Konto ausgeräumt, er beabsichtigte dies fürs erste auch nicht.
Dave knackte die Rechner der Sponsoren nur zur Übung, zum Testen der Funktionen des Botnet-Toolkits. Die meisten Sponsoren gehörten ohnehin der unteren Mittelschicht an, waren Postboten aus Leeds oder Maschinisten aus Detroit, hatten nichts außer Schulden und einem teuren Hobby in Bangkok. Nur bei den Rentnern unter ihnen wäre tatsächlich etwas zu holen gewesen, doch gegen das, was Dave plante, waren auch deren Ersparnisse nur Kleingeld. Und dieses Kleingeld könnte er sich schließlich später immer noch abholen.
In Wahrheit hatte Dave das Botnet-Toolkit nur aus einem einzigen Grund gekauft: um sich unentdeckt auf dem PC von Urs Wyss umsehen zu können.
Als Urs zum erstenmal etwas von seinen Reisen als Bargeldkurier geschrieben hatte, war Dave wie elektrisiert gewesen: Das konnte doch wohl nicht wahr sein! Wie verrückt war das denn? Der Mann bettelte ja regelrecht darum, abgezogen zu werden!
Als Noi schreibend, hatte er Urs daraufhin wochenlang gründlich ausgefragt:
„Ist das nicht gefährlich, mein Liebster? Sicherlich hast Du Wachmänner dabei, die Dich und das Geld beschützen?“
„Nein, mein Schatz. Ich reise immer allein. Das ist so Vorschrift.“
„Aber bestimmt hast Du eine Pistole, mein Liebster, und wenn böse Männer Dich berauben wollen, schießt Du sie alle tot? So wie im Film?“
„Nein, Schätzchen, das Gewehrli bleibt immer schön daheim im Schrank, wo es hingehört.“
„Mein Onkel Vikorn hat eine Pistole. Wenn ich in die Schweiz komme, bringe ich die mit. Urs, mein Liebster, ich werde Dich auf all deinen Reisen begleiten und dabei die Pistole mitnehmen. Irgendwer muß Dich doch beschützen, nicht wahr?“
„Der beste Schutz ist die Geheimhaltung. Aber wir beiden haben ja keine Geheimnisse mehr voreinander, nicht wahr, mein Schatz? ;-)“
„Aber was ist, wenn Dir jemand das Geld stiehlt? Bitte lache nicht über mich, Urs, mein Liebling, aber ich mache mir solche Sorgen. Du hättest mir das nie erzählen sollen. Ich kann kaum noch schlafen vor Sorge, und Du weißt doch, wie gerne ich schlafe …“
„Tut mir leid, mein Herz, ich wollte Dich nicht beunruhigen. Also, falls der Koffer mit dem Geld irgendwie versehentlich abhanden kommen sollte, finden wir den wieder. Da ist nämlich ein GPS-Peilsender drin, mit dem meine Kollegen jederzeit sehen können, wo der Koffer gerade ist. Aber falls jemand tatsächlich das Geld stehlen sollte, wäre das einfach Pech. Außerdem könnte UCS den Verlust leicht verschmerzen.“
Wyss war wirklich das perfekte Opfer, ihn abzuziehen das perfekte Verbrechen. Sicherlich, auch irgendwelche Drogenkartelle hatten wahrscheinlich Kuriere, die mit großen Mengen Bargeld durch die Welt reisten. Aber wer wollte schon ein Drogenkartell an den Hacken haben?
Wyss war eine ganz andere Geschichte, ein harmloser Schwachkopf, der für eine dubiose Schweizer Bank Bargeld durch Europa karrte, allein und unbewaffnet, der obendrein noch blöd genug war, damit gegenüber einem Bangkoker Go-go-Girl zu prahlen.
Dave hatte sich in Wyss’ Abwesenheit wieder und wieder auf dessen Rechner umgeschaut, seine E-Mails und seinen Outlook-Terminkalender durchforstet: Die Geschichte stimmte, jedes Wort davon war wahr. Wyss war sogar unvorsichtig genug, jeden einzelnen Termin bei jedem einzelnen Auslandskunden der UCS in seinen Outlook-Terminkalender einzutragen, mit vollständiger Adresse und Uhrzeit des Treffens. Auch die Hotels, in denen er während seiner Touren nächtigte, hatte er dort eingetragen.
Diesen Trottel abzuziehen war einfacher, als einem blinden Bettler Geld aus dem Hut zu stehlen. Noch besser: Es war ohne jedes Risiko. Wyss und seine Bank würden den Raub für sich behalten, den Verlust still und heimlich abschreiben müssen. Wohl um gegenüber Noi den braven Bürger mimen zu können, hatte Wyss das zwar nie ausdrücklich erwähnt, aber es lag auf der Hand, daß es sich bei dem ganzen Zaster nur um Schwarzgeld handeln konnte. Sauberes Geld wurde überwiesen, nicht von einem Boten wie Wyss im Koffer überbracht. Damit war klar, daß Wyss’ Bank auf keinen Fall die Polizei einschalten würde.
Wie der Zufall so spielte, kannte Dave auch genau die richtigen Leute für diesen Job.
Die Mädels von der Plaza mochten Dave. Sie mochten ihn allein schon, weil er Brite war. Briten galten als humorvoller als die fordernden, egozentrischen, weinerlichen Amerikaner und als warmherziger und großzügiger als die spröden Deutschen. Sie mochten ihn, weil sein Schädel kahlrasiert war. Sex mit einem Mann mit dem kahlrasierten Schädel eines Mönchs zu haben, war so ziemlich das einzige, was einem Mädel von der Plaza noch gelegentlich einen lustvollen Schauder der Perversion über den Rücken jagen konnte. Sie mochten ihn auch, weil er stets teure Markenklamotten trug. Die Logos auf den Kleidungsstücken ihrer westlichen Freier waren die einzigen Hinweise auf deren mutmaßlichen sozialen Status, mit denen die Mädels wirklich etwas anzufangen wußten. Vor allem aber mochten sie Dave, weil er immer noch extrem muskulös war, wie ein Bodybuilder.
Ebenso wie seine ehemaligen Kollegen von der Versicherung ahnten sie jedoch nicht, warum Dave jahrelang Anabolika geschluckt hatte und fünfmal in der Woche ins Fitneßstudio und zum Kickboxen gegangen war.
Um seine Gefangenschaft – als solche betrachtete er sie rückblickend – bei der Versicherung überhaupt aushalten zu können, war Dave nämlich acht Jahre lang mit den Casuals der Millwall Bushwhackers herumgezogen, war jedes Wochenende für den Millwall FC eingestanden, hatte meistens tüchtig ausgeteilt und es gelegentlich auch richtig übel auf die Fresse bekommen.
No one likes us, no one likes us.
No one likes us, we don’t care.
We are Millwall, super Millwall.
We are Millwall from The Den.
Damals hatte Dave nur für die Wochenenden gelebt. Anders als die übrigen Attraktionen, die das Wochenende für einen jungen Südlondoner wie ihn bereithielt – verwässertes Lagerbier und bis zur Wirkungslosigkeit verschnittene Drogen, gefolgt von ranzigem Döner Kebab sowie, im Idealfall, einem One-Night-Stand mit einer neurotischen, übergewichtigen Schlampe – war der Kampf Mann gegen Mann unverfälscht und stets aufs neue mitreißend. Wutprobe, jedes Wochenende.
Die meisten Hooligans seiner Generation der Bushwhackers waren zwischenzeitlich entweder völlig verspießert oder verbüßten immer noch langjährige Haftstrafen, aber es gab noch immer genügend Talente dort draußen, für die ein Opfer wie Urs Wyss ein gefundenes Fressen war. Vier solch handverlesene Talente – Big Tam, JoJo, Mick der Grieche und Fila-Frank – warteten derzeit in London auf seinen Anruf, Fahrkarten für den Eurostar in den Taschen.
Dave dachte nach, blickte einen Moment lang gedankenverloren auf den allmählich dichter werdenden Verkehr vor seinem menschenleeren Internet-Café. Drei Millionen Euro. Drei Millionen Euro, davon ein Drittel für Dave als den Tipgeber, Planer und, hoffentlich, Geldwäscher des Teams.
Eine Million Euro, wieviel genau war das in Baht? Wieviel auch immer, hier in Thailand bedeutete eine Million Euro: nie wieder arbeiten, trotzdem wie ein König leben. Eine fette Villa in Pattaya, eine Harley, vielleicht auch noch ein Boot. Selbst danach hätte er immer noch genug auf Sack für Tausende schöner Frauen, echte Klasseweiber wie Noi, die jemanden wie ihn daheim in England noch nicht mal mit dem Arsch angucken würden. Tausende und Abertausende von Frauen, jeden Abend eine andere, oder zwei, oder drei, über viele Jahre hinweg.
Diese einmalige Chance war doch wohl das Risiko wert, von seinen ehemaligen Kumpeln gelinkt zu werden, denn ein anderes Risiko für ihn bestand bei diesem Coup ja nicht. Nur darum hatte er auch gleich vier Bushwhackers für diesen Job rekrutiert, obwohl zwei Mann eigentlich locker ausgereicht hätten. Zwei Mann hätten sich zweifellos abgesprochen und Dave gelinkt, auch drei vielleicht noch, aber vier? Nein.
Dave riß sich aus seinen Tagträumen und blickte auf die Uhr seines PC. Es war kurz vor 18:30 Uhr Ortszeit, also 11:30 Uhr in London. Der nächste Eurostar nach Frankfurt ging um 12:57 Uhr, Dave kannte den Fahrplan auswendig. In Frankfurt warteten schon die Waffen und der Mietwagen der Gang, und in Bad Homburg nahe Frankfurt hatte Wyss am Montagmittag seinen ersten Termin. Wenn alles glatt liefe, wäre dies Wyss’ vorerst letzter Termin, zugleich jedoch der Beginn eines neuen Kapitels in Daves Leben.
Dave atmete tief durch und nahm noch einen Schluck Cola, um diese verdammte Trockenheit in seinem Mund loszuwerden. Dann griff er zum Telefon.
Zürich, am Sonntag, den 2. November 2008
Der Killer, den seine Kollegen nur als „Avi“ kannten, schätzte es, Körper und Geist zugleich zu trainieren. Darum löste er auch an diesem Sonntagmorgen wieder Kreuzworträtsel im Kopf, während er gleichzeitig sein tägliches Pensum an Liegestützen absolvierte. Heute war er langsamer als sonst. Von seiner Stirn fiel bereits der Schweiß in dicken Tropfen auf das Rätselmagazin, derweil er sich immer noch vergebens das Hirn zermarterte über einen Meeresvampir mit acht Buchstaben, _ _ U _ _ U _ E, aber bevor das Rätsel nicht vollständig gelöst war, würde er nicht zur nächsten Übung übergehen.
Sein Handy klingelte. Er nahm mit der Linken ab, meldete sich mit einem knappen „Ja?“ und wechselte zu einarmigen Liegestützen über, das Handy am Ohr. Etwas über eine Minute später beendete er wortlos das Gespräch, wischte das verschwitzte Handy kurz an seinem T-Shirt ab, legte es wieder beiseite und stieß einen aus tiefstem Herzen kommenden Fluch aus: „Ben zonah!“
Er rollte sich erschöpft auf den Rücken, machte halbherzig ein paar Sit-ups und preßte dabei mit hervorstehenden Nackenmuskeln und gebleckten Zähnen eine Haßtirade hervor. Einziger Gegenstand seines Monologs war die Zielperson seines Teams, Dr.-Ing. Christoph „Stöff“ Kessler: der Beruf von Kesslers Mutter, das Erbgut von Kesslers wahrem Vater, die Umstände von Kesslers Zeugung und Kesslers eigene sexuelle Präferenzen. Danach blieb Avi regungslos liegen, starrte an die Decke und grübelte.
Avi haßte Mißerfolge, aber Kessler würde es vermasseln, arabische Arbeit abliefern. Die Sache würde schon wieder schiefgehen. Alles, was Kessler zu tun hatte, war doch nur, die Daten durch Doktor Mohsen Derakshan vom Forschungszentrum Jülich statistisch auf ihre Plausibilität prüfen zu lassen, danach die Festplatte zur iranischen Botschaft in Bern zu schaffen, dort seine dreißig Silberlinge zu kassieren und nach getaner Arbeit wieder zurück unter seinen Stein zu kriechen. Kessler hatte die Festplatte gekauft, genauer: hatte sie vom Mossad gekauft, freilich ohne dies zu ahnen; nun sollte er sie einfach wieder verkaufen, an Israels Erzfeinde, die Iraner. War das denn wirklich zuviel verlangt? Um seinen Tod, der für die Iraner ein schlagender Beweis für die Authentizität der auf der Festplatte gespeicherten Daten wäre, würde sich Avi danach schon kümmern.
Die Bombe, die Kessler töten sollte, lag schon bereit: eine exakte Replik der Kopfstütze des Fahrersitzes seines Porsche Cayenne Turbo S, darin ein Stück C4 Plastiksprengstoff von der Größe eines Kaugummipäckchens sowie eine dicke konkave Stahlplatte, zum Fokussieren der Druckwelle, die Kesslers Kopf von seinen Schultern holen würde. Ferner ein Empfänger für den Funk-Autoschlüssel des Porsche, zum Scharfmachen der Bombe sobald Kessler die Zentralverriegelung des Wagens öffnete, und ein hochempfindlicher Druckzünder, derzeit noch durch einen Streifen roter Plastikfolie gesichert, der wie eine obszöne Zunge aus einem kleinen Schlitz an der Seite der Kopfstütze hervorragte.
Eigentlich mochte Avi keine Bomben – zu unpräzise, zu hohes Risiko von Kollateralschäden –, doch der Bombenbauer hatte Avi versichert, daß selbst ein etwaiger Passagier im Beifahrersitz von Kesslers Porsche nicht mehr zu befürchten hätte als geborstene Trommelfelle und eine gesalzene Rechnung von einer chemischen Reinigung. Außerdem war es taktisch zwingend notwendig, Kessler mit einem Signatur-Anschlag zu beseitigen, das heißt, ihn auf eine Weise zu töten, die es einerseits israelischen Diplomaten ermöglichen würde, achselzuckend und unter Berufung auf eine „Politik der gezielten Nichteindeutigkeit“ jede Beteiligung Israels an dem Attentat zu leugnen, die aber andererseits bei den Iranern keinerlei Zweifel zuließe, daß hier der Mossad zugeschlagen hatte.
Avis Kollegin Sylvia, eine zierliche junge Frau von Mitte Zwanzig mit langen braunroten Korkenzieherlocken und einem sonnigen Gemüt, streckte feixend den Kopf aus der Küche des möblierten Apartments, das sie für diese Operation angemietet hatte. Wie es ihre Gewohnheit war, hänselte sie ihren fast zehn Jahre älteren Kollegen mit seinem Alter: „Was, du machst schon schlapp, Avi? Was ist los? Soll ich dir beim Aufstehen helfen und dir deinen Rollator holen?“
„Haim hat eben angerufen. Dieser Hurensohn Kessler will sich jetzt doch nicht selber mit Derakshan treffen. Stattdessen schickt er ihm die Festplatte per Kurier.“
„Wie, per Kurier? Mit einem Paketservice, oder was?“
„Nein, nein, er schickt einen speziellen Wertkurier, ein Ein-Mann-Unternehmen. Der Typ heißt Wyss, Urs Wyss. Kesslers Kundenberater bei der UCS-Bank hat ihm den als extrem diskret und vertrauenswürdig empfohlen. Haim sagt, der Typ ist ein bißchen zu diskret für seinen Geschmack. Er hat zwar tatsächlich ein Gewerbe als Wertkurier angemeldet, steht aber in keinem Branchenbuch.“
„Merkwürdig. Und was machen wir jetzt?“
„Jetzt sagen wir den anderen Bescheid und packen unsere Koffer. Wir müssen das Team aufteilen: Haim als Qoph muß sowieso bei Kessler bleiben und die Abhörtechnik betreuen, die Ayin tanzen jetzt schon auf zwei Hochzeiten, mit Kessler in Zürich und den verdammten Iranern in Bern; bleiben also nur Aleph, Bet und Het. Ich schlage vor, wir lassen Bet in Zürich, gewissermaßen als strategische Eingreiftruppe für Notfälle. Unterdessen hängen Yossy und ich uns an den Kurier dran, gemeinsam mit Dina und dir, jeweils als Pärchen unterwegs. Einverstanden?“
„Einverstanden!“, erwiderte Sylvia lächelnd. Als einer der beiden Killer des Aleph-Elements, der todbringenden Spitze ihres „Bajonett“ oder Kidon genannten Teams, hatte Avi bei derartigen operativen Fragen ohnehin Entscheidungsvollmacht, desto netter war es von ihm, sie um ihr Einverständnis zu bitten.
Überdies arbeitete sie einfach gerne mit Avi zusammen. An seiner Seite fühlte sie sich sicher. Nicht etwa sicher vor Gewalt; wie alle Mitglieder der Kidon-Einheit hatte sie exakt das gleiche Training wie Avi durchlaufen und wußte darum genau, daß es kaum eine physische Bedrohung gab, mit der sie nicht selber spielend fertigwerden könnte, sondern sicher davor, durch irgendeinen dummen Fehler aufzufliegen. Avi war im Saarland aufgewachsen, sprach darum nicht nur perfekt Deutsch und Französisch, sondern bewegte sich allgemein im westlichen Ausland viel unauffälliger als ein in Israel aufgewachsener Sabra. Außerdem war er einfach ein netter Kerl, ein entspannter Beachboy, der jede freie Minute auf seinem Surfbrett verbrachte, kein dumpfer religiöser Fanatiker wie Yossy.
Für ihren Geschmack war das einzige Manko an Avi, daß er ein bißchen allzu verheiratet war. Dem Kantinenklatsch zufolge war er früher ein Herzensbrecher von einigem Renommee gewesen. Sylvia konnte sich das lebhaft ausmalen und wäre diesen Gerüchten gerne einmal auf den Grund gegangen, wenn Avi nicht diese Aura „Zutritt strengstens verboten!“ um sich gehabt hätte.
Schade, denn mit wem sollte sie schließlich sonst anbandeln, in einem Job, bei dem sie ein Drittel des Jahres im Auslandseinsatz verbrachte, zwei Drittel beim Training – innerhalb Israels, aber undercover und unter extrem realitätsnahen Operationsbedingungen –, einem Job, von dem sie niemandem, noch nicht einmal ihrer eigenen Mutter, erzählen durfte?
„Wann müssen wir los?“, fragte sie nach einer Pause.
„Kessler will sich heute um halb drei mit Wyss im Café Odeon am Limmatquai treffen. Also sollten wir spätestens um halb zwei in Position sein. Ein paar Ayin müssen uns unterstützen, damit wir Wyss dort sauber übernehmen können.“
„Derakshan kennt diesen Wyss doch nicht, oder? Und Kessler kennt ihn auch nicht persönlich, richtig? Die sind sich alle noch nie persönlich begegnet, oder mache ich hier gerade einen Denkfehler?“
„Exakt!“, entgegnete Avi mit einem schmalen Lächeln. „Genau derselbe Gedanke ist mir auch schon gekommen. Um Wyss noch vor seinem Treffen mit Kessler aus dem Verkehr zu ziehen, ist es leider schon zu spät, aber falls er danach irgendwelche Zicken machen sollte, beseitigen wir ihn und ich rede stattdessen mit Derakshan.“
Damit war das Thema erledigt. Sylvia nickte stumm und ging zurück in die Küche, um sich wieder ihren Cornflakes zu widmen.
Sylvia war alles andere als gefühllos, aber die Frage der moralischen Zulässigkeit ihres Handelns hatte sie sich vor rund dreieinhalb Jahren erschöpfend und zufriedenstellend selbst beantwortet, an jenem denkwürdigen Tag, an dem ein nichtssagendes Behördenschreiben sie in ein anonymes kleines Büro bei Neve Tsedek zitiert hatte. Dort hatte sie ein freundlicher älterer Herr in Zivil – wie sich später herausstellte, war es Haim, der erfahrenste Teamkommandeur und mit seinen mittlerweile achtundfünfzig Jahren der Nestor unter den Kidon – aus heiterem Himmel gefragt, was sie davon hielte, ihre sogenannte Karriere als freischaffende Webdesignerin ein paar Jahre lang zu unterbrechen und derweil für Israel zu töten. Zwei Jahre Ausbildung, drei Jahre im Feld, danach könne sie entscheiden, ob sie für weitere drei Jahre verlängern wolle. Haim hatte ihr einen Tag Bedenkzeit eingeräumt, doch Sylvia hatte noch nicht einmal zehn Minuten gebraucht, um sich zu entscheiden.
Die Antwort war so eindeutig, daß Sylvia seitdem nie wieder darüber nachgedacht hatte, nie das Bedürfnis gehabt hatte, mit einem Kollegen oder mit einem der die Einheit betreuenden Psychologen darüber zu sprechen. Sie hatte auch noch niemals mitbekommen, wie sich andere Kidon darüber unterhielten. Das Für und Wider war für alle Beteiligten längst kein Thema mehr, es gab keine Zweifel und kein Zögern.
Seit Beginn des unseligen amerikanischen „Krieges gegen den Terror“ tötete die CIA mit ihren Drohnenangriffen im Durchschnitt hundert Unbeteiligte, um einen einzigen Terrorverdächtigen zu eliminieren, der es in einem äußerst intransparenten und fehleranfälligen Verfahren auf ihre Todesliste geschafft hatte. Bei den Bomben- und Raketenangriffen der IDF-Luftwaffe in den Palästinensergebieten war die Quote zwar besser, aber ebenfalls längst nicht perfekt.
Kidon hingegen tötete selektiv, eliminierte nur Terroristen, die von einem ordentlichen Gericht in Abwesenheit zum Tode verurteilt und deren Todesurteile vom Premierminister persönlich gegengezeichnet worden waren, und: Die rund fünfzig Männer und Frauen der Kidon-Einheit des Mossad töteten stets aus nächster Nähe, riskierten dabei jedesmal Leib und Leben, nur damit keine Unbeteiligten zuschaden kamen. Der einzige Unterschied zwischen ihnen und gewöhnlichen Henkern war, daß Kidon Hausbesuche bei den Delinquenten machte.
Was gab es darüber groß nachzugrübeln? Dies war die sauberste aller denkbaren Methoden, den Müll wegzuschaffen, und irgendwer mußte das ja schließlich tun. Zugegeben, einen Unschuldigen wie Wyss im Rahmen eines operativen Notfalls töten zu müssen, war weniger erbaulich, aber vom Erfolg oder Mißerfolg einer Operation hingen im Regelfall die Leben zahlloser anderer Unschuldiger ab. Deshalb gab es auch in einem solchen Fall nicht viel abzuwägen.
Die Observation von Wyss gestaltete sich schwieriger als erwartet. Zwei weibliche Ayin hielten seit Viertel vor zwei die Stellung im Café Odeon. Sie spielten den Part betuchter Shopperinnen, die sich nach einem nervenaufreibenden Friseurbesuch und einem stressigen Lunch zur Erholung unbedingt ein paar Cüpli Champagner und ein ausgiebiges Schwätzchen gönnen mußten. Unterdessen warteten andere Mitglieder des Teams außen vor dem Café, am Bellevue-Platz und am Limmatquai, wieder andere in der Nähe von Wyss’ Wohnbüro draußen in Thalwil.
Vielleicht spielte der Champagner dabei eine Rolle, aber die beiden Damen im Odeon unterhielten sich tatsächlich ausgesprochen angeregt und glitten dabei immer wieder von ihrer gemeinsamen ersten Muttersprache, Englisch, in ihre zweite, Hebräisch.
Als Kessler dann endlich gegen 14:35 Uhr das Odeon betrat, mußten die Ayin mit Schrecken feststellen, daß der Kurier, Wyss, niemand anderes war als der unauffällige Mann mittleren Alters, der die ganze Zeit mit einem Café mélange und der NZZ am Sonntag am Nebentisch gesessen hatte, der schon vor ihnen dort gewesen war und der ihre gesamte Unterhaltung mitbekommen haben mußte. Während Wyss aufstand, auf Kessler zuging und sich vorstellte, tippte eine der beiden Ayin-Agentinnen hektisch eine kurze SMS, um ihren Kollegen draußen mitzuteilen, daß Wyss längst im Café war.
Für diesen Schrecken wurden die beiden Ayin jedoch dadurch entschädigt, daß sie das Gespräch zwischen Kessler und Wyss zumindest in groben Zügen verfolgen konnten, soweit es ihre lückenhaften Kenntnisse des Schwyzerdütsch eben zuließen:
Kessler und Wyss waren sich offenkundig noch nie zuvor begegnet. Wyss sollte 2500 Franken für diesen Auftrag erhalten. Kessler sagte Wyss (natürlich) nicht, was für Daten auf der Festplatte gespeichert waren, sagte nur, es handele sich um streng vertrauliche Geschäftsunterlagen. Wyss hinterfragte das nicht weiter. Kessler schärfte Wyss wieder und wieder ein, der Wissenschaftler Doktor Derakshan dürfe die Daten auf der Festplatte zwar mit Hilfe seines Supercomputers prüfen, sie dabei aber auf gar keinen Fall kopieren. Wyss dürfe die Festplatte darum keine Sekunde lang aus den Augen lassen. Letzteres verstehe sich von selbst, entgegnete Wyss, aber wie er Ersteres denn verhindern oder auch nur erkennen solle? Dies war so ziemlich die einzige Frage, die Wyss im Verlaufe des Gesprächs stellte, doch Kessler hatte darauf keine sinnvolle Antwort. Wyss müsse eben aufpassen, ganz genau hinsehen, dürfe sich nicht ablenken lassen. Dann übergab er Wyss auch schon tausend Franken im Kuvert als Anzahlung, einen Zettel mit den Kontaktdaten von Doktor Derakshan und die Festplatte, achtlos in eine Coop-Plastiktüte eingewickelt. Ende der Unterredung, exit Kessler.
Etwas Neues erfahren hatten die beiden Ayin durch das Belauschen dieser Unterredung nicht, außer daß Wyss sofort bei ihnen hätte anfangen können, so vermaledeit unauffällig war er: weder jung noch alt, weder groß noch klein, weder dünn noch dick, weder attraktiv noch häßlich, weder gut noch schlecht angezogen.
Nachdem er das Café verlassen hatte, tat Wyss jedoch etwas, was das gesamte Team regelrecht in Panik versetzte. Wyss prüfte, ob er observiert wurde, stellte sich dabei sogar recht professionell an: Er schlenderte zunächst gemächlich den Limmatquai entlang in Richtung Hauptbahnhof, bog dann abrupt links ab und überquerte die Limmat auf einer schmalen Fußgängerbrücke, um das etwaige Verfolgerfeld zu teilen. Danach hastete er ein kurzes Stück die Bahnhofstraße entlang, betrat das Kaufhaus Jelmoli durch einen Seiteneingang und verließ es schnurstracks wieder durch einen anderen Seiteneingang. Das etwaige Verfolgerfeld würde dadurch erneut geteilt und die übriggebliebenen Verfolger gezwungen, ihm dicht auf den Fersen zu bleiben. Dann marschierte er auf dem schwer einsehbaren Fußpfad im Flußbett des Schanzengrabens, eines Nebenarms der Sihl, in Richtung Hauptbahnhof. Mögliche verbliebene Verfolger hätten nun keine andere Wahl, als sich entweder zu offenbaren oder den visuellen Kontakt abzubrechen, einen Umweg zu nehmen und Wyss am Bahnhof zu erwarten.
Schließlich am Bahnhof angekommen, nahm Wyss nicht die erste S-Bahn zurück zu seinem Wohnbüro in Thalwil, sondern lauerte zunächst eine gute halbe Stunde im unterirdischen Zwischengeschoß, einem nur über zwei Rolltreppen erreichbaren „Flaschenhals“, den etwaige Verfolger auf ihrem Weg zu den S-Bahn-Gleisen passieren mußten. Er nahm dort keine verdächtigen Personen wahr. Erst dann machte er sich beruhigt auf den Heimweg.
Das Team mußte die Verfolgung Wyss’ bereits nach wenigen Minuten abbrechen, sonst wären sie unweigerlich aufgefallen. Aber wenigstens gelang es während seiner Flucht zwei der insgesamt sechs Ayin des Teams, sich Zugang zur Tiefgarage von Wyss’ Apartmenthaus in Thalwil zu verschaffen und seinen VW Passat mit einem Macteq mini GTS Peilsender zu versehen. Es blieb ihnen nicht genug Zeit, um den Peilsender an die Autobatterie anzuschließen, doch zumindest für die nächste Woche, die Standzeit der im Peilsender eingebauten Akkus, würde ihnen Wyss nun nicht mehr entwischen.
Außerdem war die bloße Tatsache, daß Wyss nach seinem Treffen mit Kessler Gegenobservationstechniken angewendet hatte, wahrscheinlich interessanter als alles, was er angestellt haben könnte, während ihn das Team aus den Augen verloren hatte. Den ganzen Sonntagabend über redete sich das Team die Köpfe heiß, telefonierten Haim und Avi mit der Zentrale: Wer, zum Teufel, war dieser Wyss denn eigentlich wirklich? War das Ganze eine Falle der Iraner, arbeitete Wyss für die Iraner? Wußte oder ahnte Wyss, was für Daten auf der Festplatte gespeichert waren, wie sensibel sein Auftrag wirklich war? Hatten sich die beiden Ayin im Odeon irgendwie verraten?
Erst gegen 22:40 Uhr am Sonntagabend kam die Entwarnung aus Tel Aviv: Keine Panik, der Mann ist immer so, war nach einer Konditorlehre dreizehn Jahre lang beim Schweizer Armeenachrichtendienst, so etwas prägt, und fährt seitdem praktisch jede Woche für eine Schweizer Bank kofferweise Schwarzgeld durch ganz Europa, so etwas prägt noch mehr.
Bundesautobahn 661, nördlich von Frankfurt am Main, am Montag, den 3. November 2008
„Guck doch mal Big Tam an! JoJo, nun guck doch mal! Diese Hände!“ Wiehernd vor Lachen ließ sich Fila-Frank in den Rücksitz ihres gemieteten Mercedes S 320 zurückfallen und nahm noch einen Schluck aus der Wodkaflasche. Fila-Frank war zu breit, um noch verständliche Scherze machen zu können: Was er hatte sagen wollen war, daß das Lenkrad selbst dieser großen Reiselimousine in Big Tams mächtigen, tätowierten Pranken derart winzig aussah, als säße er am Steuer eines Bobby-Cars.
Egal, Fila-Frank war zu high, um sich daran zu stören, daß niemand mit ihm lachte, und zu high, um zu bemerken, daß ihm JoJo vorhin beinahe Eine gezogen hätte, weil er JoJos Wodka wegsoff wie ein durstiges Kamel Wasser. Er wußte nur, er war auf Wolke Acht und mußte schleunigst ein bißchen runterkommen, bevor er einen Herzkasper kriegte. Sein Herz raste, seine Handflächen waren klamm von kaltem Schweiß und er hatte das Gefühl, mit jedem Atemzug etwas zuviel Sauerstoff in die Lungen zu kriegen, so als sei er an ein falsch eingestelltes Beatmungsgerät angeschlossen. Wodka half dagegen, dämpfte den Effekt dieses verfickt genialen Speeds ein bißchen. Das Frankfurter Speed war erstklassig, mindestens doppelt so pur wie alles, was es in London gab. Pink Champagne, eine Premium-Qualität für Börsenmakler und junge Assistenzärzte. Pur, purer als pur, nur noch pur, Purpur. Geniales Zeug, aber fast schon ein bißchen zuviel des Guten.
Diese Scheiß-Krauts konnten nix, außer Autobahnen und Speed, aber Speed konnten sie wirklich. Ohne ihr „Fliegersalz“ hätten die Krauts damals keinen Blitzkrrrrrrrieg führen können. Fürs Kriegführen waren sie mittlerweile zu verschwult, hatten nach dem Krieg von den Besatzungsmächten irgendwas ins Trinkwasser gemischt bekommen, waren darum heutzutage selbst bei der NATO nicht mehr gern gesehen, mit ihren Ballettröckchen und ihrem Lispeln, aber Speed konnten sie immer noch.
JoJo neben ihm nahm auch noch einen Schluck aus der Pulle, und plötzlich war der Wodka leer. Alle-alle. Einfach so. Verfickte Kacke!
„Eh, Big Tam, der Wodka ist alle und ich muß mal tierisch pissen. Halt bei der nächsten Tanke an.“
„Dann piß halt einfach in die leere Flasche, Einstein!“, lachte Big Tam. Doch Tam war ein gutmütiger Typ, zumindest gegenüber seinen eigenen Leuten, meistens, und Fila-Frank wußte, daß Tam ihm den Gefallen tun würde.
In diesem Moment aber mußte Big Tam auch schon bremsen. Vor ihnen war ein Rückstau, eine lange Kolonne von Fahrzeugen, die auf dieser wundervollen Autobahn, des Führers brillanter Schöpfung, gerade einmal fünfzig Stundenkilometer fuhren. Da war irgendein hemdenlupfender Fritz unterwegs, den selbst Lastwagen mit wütendem Hupen überholen mußten und dabei die Überholspur blockierten.
Nach ein paar Minuten schließlich erreichte Big Tam die Übeltäter, ein junges Paar in einem silbernen Einer-BMW. Die Fahrerin hatte langes, rötliches Kraushaar, sah ein bißchen aus wie eine Irin, eigentlich gar nicht mal so übel. Der Beifahrer war eine sonnengebräunte Schmalztolle, ein Guido oder ein Kanake, jedenfalls ein Ölauge. Ja, hatte der denn den Arsch offen, oder was? Ließ diese dumme Fotze ans Lenkrad und saß seelenruhig daneben, während sie den dritten Gang nicht fand? Fila-Frank fuhr die Seitenscheibe herunter und machte die Wichser-Geste, Mick der Grieche im Beifahrersitz vorne tat es ihm nach, zeigte ihnen das umgedrehte V-Zeichen.
Hehe, die Fotze hatte ganz schön dumm aus der Wäsche geguckt.
Rund einen Kilometer weiter wiederholte sich das Spielchen: Schleicher voraus. Unglaublich! Noch ein schwanzlutschender Straßenstricher von einem Fritz wagte es, sich in dieser extremen Notsituation absichtlich zwischen Fila-Frank und die nächste Toilette zu stellen. Das war ein gezielter Affront, eine eindeutig auf Fila-Frank gemünzte, persönliche Provokation.
Fila-Frank drehte fast durch vor Wut, wog die leere Wodkaflasche in der Hand. Diesem verdammten Bastard würde er es zeigen!
Bald erreichte Big Tam auch diesen Missetäter, einen alleinreisenden Mann mit Hemd und Krawatte am Steuer eines anthrazitgrauen Audi A4. Dieser Mongo starrte stur geradeaus, ließ ihre obszönen Gesten einfach an sich abperlen. Als die Wagen gleichauf waren, warf Fila-Frank mit aller Kraft die Wodkaflasche.
Die Flasche zerbarst an der A-Säule des Audis mit einem Knall in tausend Stücke, leider ohne Schaden anzurichten, aber wenigstens hatte sie die Aufmerksamkeit des Fahrers erregt, ihm gezeigt, daß es dort draußen Leute gab, die so eine Fahrweise nicht kritiklos hinnehmen würden.
Der Audifahrer verriß das Lenkrad nach rechts, fing den Wagen gerade noch rechtzeitig wieder, bevor er von der Fahrbahn abkam, und starrte erschrocken zu ihnen herüber, seine Augen weit aufgerissen und sein Mund ein großes, rundes O.
Fila-Frank und Mick der Grieche stutzten, starrten daraufhin ebenso erschrocken zurück: Verdammt, den Typen kannten sie doch! Das war doch der Kurier, Wyss! Dave hatte ihnen ein großes, gestochen scharfes Portraitphoto von dem Kurier gemailt. Der Audifahrer war definitiv der Typ auf dem Photo.
„Tam, gib Gas, gib Gas! Los, Mann, fahr!“, schrie Mick der Grieche.
Folgsam beschleunigte Big Tam, fragte dann erst verdutzt: „Was ist denn los? Warum so ein Aufstand, nur weil eine Flasche vom Himmel gefallen ist? Ist doch nix passiert.“
„Nee, nicht wegen der Flasche. Das in dem Audi da war unser Mann, der Kurier.“
„Echt? Wieso fährt der denn wie eine alte Oma? Da ist doch was faul hier!“
Just in diesem Augenblick tauchte vor ihnen der dritte Schleicher dieses Morgens auf, ein metallicblauer Ford Focus, wieder mit einem jungen Paar darin, einem vollbärtigen Hünen von einem Ziegenschänder am Steuer und einer unscheinbaren Dunkelhaarigen mit Brille als Beifahrerin. Diesen Wagen überholten sie ganz ohne obszöne Gesten, so verdattert waren sie noch von ihrer unerwarteten Begegnung mit Wyss.
JoJo, der einzige Farbige der Gruppe und der einzige, der nicht nur als Konsument mit Drogen zu tun hatte, beantwortete Tams Frage: „Das kann ich dir sagen. Der will checken, ob er verfolgt wird. Ich kenne einen ziemlich großen Dealer in Nottingham, kennst du auch, Darryl Higgs, der macht das auch immer. Bevor er eine größere Lieferung abholt, fährt er eine Runde Schneckentempo auf der Autobahn. Jeder, der ihn währenddessen nicht überholt, ist von der Schmiere.“
„Willst du damit sagen, die rothaarige Schlampe dahinten und der Eierkopf mit dem Bart sind Bullen?“
„Keine Ahnung, was ich damit sagen will. Aber was soll das denn sonst? Wenn das Sicherheitsleute wären, würden sie wohl kaum so großen Abstand zu dem Kurier halten, außer Sicht bleiben. Ein Wachmann, der einen nicht sehen kann, ist ja wohl so nutzlos wie ein Betonfallschirm.“
„Stimmt. Außerdem hat Dave tausend Eide geschworen, daß der Kurier keine Wachleute bei sich hat. Obwohl, wie Bullen sahen die auch nicht aus. Die Brillenschlange in dem Wagen vorne, so sieht doch keine Hunnen-Polizistin aus. Ist dir das mal aufgefallen, daß alle Polizistinnen in diesem Land wie Heidi aussehen, mit blauen Augen und blonden Zöpfen? Mann, ich sage dir, das ist kein Zufall, das ist ein verdammtes genetisches Experiment der Hunnen, ein Massenexperiment mit geklonten Polizistinnen.“
Alle lachten. Dann fragte JoJo: „Okay, Leute, was sollen wir jetzt machen?“
Big Tam antwortete: „Jetzt suchen wir uns eine Tanke, machen dort Rast und schauen später noch mal, ob der Kurier immer noch Begleitung hat. Der fährt uns nicht weg, wir wissen ja, wo er hin will.“
Nachdenklich schlug Mick der Grieche vor: „Wenn diese Typen da nachher nicht verschwunden sind, könnten wir sie auch einfach verscheuchen. Nur so eine Idee.“
Die anderen grölten, JoJo applaudierte voller Hohn, doch Mick hatte nicht ganz unrecht: Der Frankfurter „Waffenmeister“, den Dave irgendwie von Bangkok aus aufgetan hatte, hatte ihnen das komplette Rundum-Wohlfühlpaket geliefert. Neben vier Sturmhauben, einer Auswahl von Tyvek-Lackiereroveralls und Quarzsandhandschuhen in verschiedenen Größen, einem großen Tütchen wirklich ausgezeichneten Speeds als Mutmacher und den Waffen, die sie tatsächlich für den Überfall benötigen würden – Taser, Totschläger, Reizgas, sowie Kabelbindern und einem Schuhbeutel zum Fesseln des Opfers – hatte ihnen der fürsorgliche Waffenmeister auch noch zwei Kalaschnikow-Sturmgewehre in die Sporttaschen gepackt: gebraucht, ziemlich verschrammt, aber ganz offensichtlich scharf und mit voll geladenen Magazinen. Keiner der vier Bushwhackers hatte jemals zuvor ein Sturmgewehr in den Händen gehabt, aber zum Verscheuchen von irgendwelchen ominösen Autobahn-Schleichern wären diese Knarren perfekt.
Sie näherten sich einem Aral-Rasthof. Da der Tank des Mercedes noch fast voll war, fuhr Big Tam auf den Parkplatz. Der Wagen stand noch nicht ganz, da sprang Fila-Frank schon heraus und pißte mitten auf den Parkplatz, mit einem Strahl wie ein Pferd. Endlich erlöst! Während sich die anderen lachend auf den Weg zur Toilette machten, um sich auch mal mit dem Pink Champagne ein bißchen die Nasen zu pudern, trottete Fila-Frank dann zum Supermarkt der Tankstelle, Wodka und Bier nachkaufen.
Urs Wyss kämpfte immer noch darum, seine Atmung wieder unter Kontrolle zu bekommen, als er die ersten Hinweisschilder für den Aral-Rasthof erspähte. Gottlob, ein Rastplatz! Er brauchte dringend eine Pause, er mußte sich auffangen, sich ein bißchen sammeln. In seinem gegenwärtigen Zustand konnte er unmöglich einem der hochmögenden UCS-Kunden unter die Augen treten, schon gar nicht seiner Lieblingskundin, der alten Frau Kourmansky.
Der Angriff mit der Flasche hatte ihn zutiefst erschüttert. Was sollte das? Das mit dem Langsamfahren auf der Autobahn war doch nur eine Vorsichtsmaßnahme, reine Routine, er machte das immer so, immer vor dem ersten Kundentermin. Natürlich gefiel das den Leuten nicht, verständlicherweise, auch für ihn selbst war das ein Chrampf. Er nahm es auch niemandem übel, wenn man ihm dabei den Vogel zeigte – aber eine Flasche zu werfen, das ging doch wirklich zu weit. Oder? Doch! Da hätte ja sonstwas bei passieren können! Was waren das bloß für seltsame Leute gewesen? Richtige Rabauken, aber in einem Mercedes unterwegs, dessen Kennzeichen mit DN-H begann, also einem Hertz-Mietwagen, und sehr proper angezogen. Sportiv, aber proper. Normalerweise waren solche Leute nicht so angriffig. Aber die? Die waren verrückt, regelrecht gemeingefährlich waren die ja! Genau wie der Tschumpl in dem metallicblauen Kleinwagen, der da gerade im Renntempo überholte. Ja, waren denn heute nur Irre auf den Straßen unterwegs? Hatte das Asyl heute Ausgang?
Als er die Einfahrt zum Rasthof nahm, überlegte Urs einen Moment lang, ob er wegen des Flaschenwurfs die Polizei verständigen sollte. „Gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr“, das war doch eindeutig ein Fall für die Gendarmerie. Und warum eigentlich nicht? Seine Papiere waren in Ordnung. Der Name darin, Urs Weber, war zwar nicht sein eigener, aber die Papiere waren absolut echt. Die relevanten Schweizer Behörden würden das jedermann auf Anfrage gern bestätigen.
Urs reiste natürlich „steril“, weder in seiner Brieftasche noch in seinem sonstigen Gepäck befand sich ein Hinweis auf seine wahre Identität, außer einem Photo seiner geliebten Noi, aber die exotische Schönheit auf dem Photo könnte schließlich sonstwer sein.
Außerdem gab es so tief im Landesinneren Deutschlands keine Bargeld-Kontrollen mehr. Da war er sich ganz sicher, denn der deutsche Zoll war vertrauensselig genug, Ort und Zeitpunkt seiner Geldschmuggel-Kontrollen stets mit den Schweizer Kollegen abzustimmen. Diese wiederum informierten darüber umgehend das Travel Security Advisory Büro der UCS, seiner Auftraggeberin. Auch in diesem Jahr würden wieder rund drei Prozent des gesamten Steueraufkommens der Schweiz allein von der Großbank UCS bestritten werden – und sämtliche Schweizer Behörden wußten genau, auf welcher Seite ihres Brotes die Butter war.
Nach einem kurzen Blick auf die Uhr in der Instrumententafel des Audis verwarf Urs diesen Gedanken jedoch wieder. Wenn er seinen Termin in Bad Homburg pünktlich und korrekt wahrnehmen wollte – erst einmal ein paar Runden durch die Nachbarschaft drehen und die Lage sondieren, dann seinen Wagen irgendwo unauffällig parken und die letzten paar hundert Meter zum Treffpunkt zu Fuß gehen –, blieb ihm keine Zeit mehr, um sich jetzt noch mit der Polizei auseinanderzusetzen.
Urs wollte gerade auf dem Rastplatz parken, als er den dort abgestellten Mercedes seiner Angreifer erkannte. In dem Wagen war niemand, gottlob. Was tun? Sollte er einfach weiterfahren, vielleicht ersatzweise in Bad Homburg noch irgendwo schnell einen Happen essen gehen? Oder sollte er die Burschen zur Rede stellen, ihnen mal gehörig den Marsch blasen? Schließlich entschied er sich für eine Art Zwischenlösung, nämlich im abgelegensten Winkel des Parkplatzes zu halten, mit verriegelten Türen im Wagen sitzen zu bleiben und den Motor laufen zu lassen, für den Fall eines Falles. Das war zwar feige, aber in gewisser Weise wurde er schließlich dafür bezahlt, feige zu sein.
Yossy, der zweite Killer des Aleph-Elements, war mit seinem gemieteten Ford Focus nahe genug vor Wyss hergefahren, um im Rückspiegel sehen zu können, daß Wyss fast von der Straße abgekommen wäre, nachdem er von einem schwarzen Mercedes überholt worden war. Was dort vorgefallen war, hatte Yossy nicht erkennen können, doch irgend etwas mußte passiert sein; es hatte irgendeine Interaktion zwischen den beiden Fahrzeugen gegeben. Kurz darauf überholte ihn der betreffende Mercedes, wenig später dann auch Wyss, der nach dem Vorfall seine „Schüttelroutine“ abgebrochen hatte und nun wieder mit angepaßter Geschwindigkeit fuhr.
Dina, Yossys Beifahrerin, hatte sofort Avi und Sylvia im hinteren Verfolgerfahrzeug per Handy über den Vorfall informiert und sie aufgefordert, aufzuschließen. Die beiden Verfolgerfahrzeuge würden sich nun regelmäßig an der Führungsposition abwechseln müssen, damit Wyss nicht immer dasselbe Fahrzeug im Rückspiegel sähe. Seitdem fuhren Avi und Sylvia keine zweihundert Meter hinter ihm und Dina.
Yossy hatte sich selbstverständlich das Kennzeichen und eine Beschreibung des Mercedes und seiner Insassen eingeprägt und kurz darauf mit Erleichterung verfolgt, wie der Mercedes den Blinker setzte und die Abfahrt auf den Rastplatz nahm. Sehr gut, eine Unbekannte weniger in der Gleichung!
Sekunden später sah Yossy mit wachsendem Entsetzen, wie Wyss ebenfalls die Abfahrt auf den Rastplatz nahm. Was ging hier vor? Sollte das ein klandestiner „Treff“ zwischen Wyss und den Mercedesfahrern werden? Waren das in dem Mercedes die Iraner?
Yossy trat das Gaspedal fast durch den Fahrzeugboden hindurch, so daß der schwachbrüstige Motor des Ford Focus gequält aufheulte wie ein Staubsauger. Er überholte zwei Autos vor ihm rechts, zwängte sich dann in letzter Sekunde noch vor Wyss auf die Abfahrt zum Rastplatz, nahm die Kurve der Abfahrt mit quietschenden Reifen im Drift und schoß auf den Parkplatz des Rasthofs, immer noch viel zu schnell. Die vielen, vielen Stunden, in denen er während seiner Ausbildung Autos und Motorräder im absoluten Grenzbereich hatte bewegen müssen, zahlten sich nun aus: Er stieg voll in die Eisen, verzögerte auf rund fünfzig Stundenkilometer, ging dann von der Fußbremse, zog die Handbremse, schlug das Lenkrad hart nach links ein und parkte den Ford mit einer eleganten 270-Grad-Schleuderwende perfekt rückwärts in einer Parkbucht ein, nur einen Steinwurf von dem Mercedes entfernt.
Auffälliger hätte er den Rastplatz kaum anfahren können, aber das gelungene Bremsmanöver trieb ihm trotzdem für einen kurzen Moment ein Grinsen ins Gesicht. Sylvias verblüffter Blick, während sie gerade ganz unspektakulär ihren BMW parallel zu seinem Ford einparkte, ließ ihn einmal mehr grinsen. Das hätte die Kleine wohl nicht gedacht, daß solche Tricks nicht nur auf den Landebahnen stillgelegter Flugplätze irgendwo im Negev funktionierten, sondern auch im wirklichen Leben, was?
Die beiden Zweier-Teams blieben für einen Moment in ihren Wagen sitzen, um sich ein Bild von der Situation zu machen. Wyss’ Leihwagen – dieses aalglatte Kerlchen hatte seinen eigenen VW Passat, den das Team zuvor mit einem Peilsender versehen hatte, daheim in der Garage gelassen, war vielmehr mit dem Zug von Zürich nach Basel Badischer Bahnhof gefahren und hatte dort, auf der deutschen Seite der Grenze, einen unauffälligen Audi A4 mit deutschen Kennzeichen gemietet – stand am anderen Ende des Parkplatzes, mit Wyss darin. Anscheinend wartete er auf irgendwen, aber wohl nicht auf die Leute in dem Mercedes.
Die Gestalten aus dem Mercedes hatten sich aufgeteilt. Drei Mann waren in die Herrentoilette des Rastplatzes verschwunden. Ein grauhaariger Riese, Mitte Vierzig, biedere Scheitelfrisur, aber gut und gern zwei Meter groß und mit der Statur eines professionellen Wrestlers, schien der Anführer zu sein. Er trug einen kamelhaarfarbenen Pringle-Golfpullover mit Zopfmuster, eine elegante dunkelblaue Bundfaltenhose und weiße Lacoste-Sneakers mit Klettverschluß. Begleitet wurde er von zwei Männern Ende Zwanzig, einem athletisch gebauten Farbigen mit kahlgeschorenem Schädel, circa einen Meter fünfundachtzig groß, sowie einem südländischen Typ, ebenfalls sportliche Statur, kurzes, leicht gewelltes, dunkles Haar, Dreitagebart, circa einen Meter zweiundachtzig groß. Der Farbige war gekleidet, als befände er sich gerade auf dem Weg zu seinem Landsitz: grüne Barbour-Wachsjacke über einem Polohemd mit Burberry-Muster, hellbraune Breitcordhose und grüne Jagdstiefel. Der südländische Typus trug einen dunkelblauen Stone-Island-Anorak mit Fellkapuze, weiße Designerjeans und nagelneue, sehr auffällige Reebok-Basketballstiefel.
Wie typische Operateure des Ministeriums für Nachrichtenwesen und Sicherheit VEVAK der Islamischen Republik Iran sahen diese Lichtgestalten jedenfalls nicht aus, ganz besonders nicht der Vierte im Bunde: ebenfalls Ende Zwanzig, nur knapp unter einen Meter fünfundsiebzig groß, Statur drahtig bis hager, kinnlanges, glattes mittelbraunes Haar, Burberry-Baseballkappe, darunter ein spitzes, hohlwangiges, tiefäugiges, langnäsiges Frettchengesicht.
Diese Zierde der Menschheit hatte gerade völlig ungeniert auf den Parkplatz uriniert, zog sich nun die Hose seines lila Trainingsanzugs aus Ballonseide wieder hoch – auf der Rückseite der Trainingsjacke prangte ein wahrhaft gigantisches Fila-Logo und das Ensemble wurde komplettiert durch ebenfalls lilafarbene Fila-Turnschuhe – und machte sich allein auf den Weg in Richtung Tankstellen-Supermarkt. Dabei blickte er sich sichernd um, wie ein Frettchen auf der Jagd.
Als Fila-Frank die beiden Autos des Mossad-Teams erspähte, blieb er wie angewurzelt stehen, einen Ausdruck ungläubigen Erstaunens auf seinem Gesicht, der sich rasch in eine Fratze puren Hasses verwandelte: Unglaublich! Diese perversen Schweine hatten es tatsächlich auf ihn persönlich abgesehen, verfolgten ihn jetzt sogar beim Pissen! Das waren bestimmt Rastplatzsex-Freaks, Dogger, die sich gegenseitig daran erkannten, daß sie auf der Autobahn den Verkehr aufhielten, und die dann zum gemeinsamen Spannen auf den nächsten Rastplatz fuhren! Saßen hier wie in einem Autokino, mit ihren Butt-Plugs und ihren Nippelklemmen, und geilten sich zu Viert am Anblick seines Schwanzes auf!
Der Typ im lila Trainingsanzug zeigte mit seinem ausgestreckten Zeigefinger mal auf Yossy, mal auf Avi, ging dabei leicht in die Knie, als wolle er auch noch einen Haufen auf dem Parkplatz hinterlassen, und brüllte aus Leibeskräften: „Oi, you! Get the fook out yer fookin cars! Out, now! I’ll fookin ’ave you cunts! Come on, then, ya tossers! Come ooooon!“
Als sie nicht augenblicklich reagierten, riß er einen großen stählernen Mülleimer aus seiner hölzernen Ummantelung, hob ihn beidhändig über seinen Kopf und schmiß ihn in ihre Richtung. Der Mülleimer traf die Motorhaube von Avis BMW mit einem dröhnenden „Klong“, hinterließ eine halbmondförmige Delle darin, rollte dann scheppernd auf dem Parkplatz aus.
Der Angreifer blickte sich einen Moment lang vergebens nach weiteren Wurfgeschossen um, machte dann auf dem Absatz kehrt und rannte in Richtung der Herrentoilette, wohl um Verstärkung zu holen.
Yossy und Avi warfen sich gegenseitig einen Blick zu. Jetzt ging es nicht mehr, jetzt mußten sie etwas unternehmen. Yossy nahm sein Spyderco-Klappmesser aus der Brusttasche seines Hemds, reichte es Dina und sagte ruhig: „Steche alle Reifen des Mercedes platt, dann setz dich ans Steuer, mach den Motor an und warte auf mich. Ich bin in höchstens zwei Minuten wieder da, ab jetzt. Falls Wyss unterdessen losfahren sollte, verfolgst du ihn alleine. Ich komme dann mit den anderen nach.“
Urs Wyss verzweifelte allmählich an der Menschheit. Jetzt schmissen die hier auch noch mit Güselchübel, unerhört! Was war denn bloß auf einmal in die Leute gefahren?
Eingespieltes Team, das sie waren, öffneten die vier Kidon die Türen ihrer Fahrzeuge absolut synchron. Während Dina auf den Mercedes zuging, im Gehen das Klappmesser öffnete, schlenderten Yossy, Avi und Sylvia geruhsam in Richtung der Herrentoiletten. „Auf dem Sportplatz dürft ihr laufen, aber im Operationsgebiet müßt ihr gehen. Wer läuft, ist immer verdächtig, aber wer gemächlich geht, muß sich wirklich anstrengen, um verdächtig zu wirken.“ Das war so ziemlich die erste Verhaltensregel, die man ihnen in der Akademie eingetrichtert hatte, und sie war ihnen längst in Fleisch und Blut übergegangen.
Wie immer wenn es ernst wurde, summte Yossy leise und rhythmisch vor sich hin. Noch nicht einmal sein Partner Avi wußte, was er da summte. Wahrscheinlich war das für den Seelenfrieden aller Beteiligten auch besser so, denn in solchen Situationen rezitierte Yossy stets das Lied des Mose aus dem Devarim
