Verlag: E-Books der Verlagsgruppe Random House Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

Sinnliche Seiten empfiehlt: Verführerische Lesehäppchen E-Book

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Neun Leseproben voller Liebe, Lust und LeidenschaftWas sollte man lesen, wenn man romantische Liebesgeschichten mit dem gewissen erotischen Knistern liebt? Dieses kostenlose E-Book enthält neun Leseproben zu Büchern, die von der „Sinnliche Seiten“-Redaktion empfohlen werden. Runterladen, reinlesen und ruck-zuck die nächste Lektüre für ein aufregendes Wochenende auf der Couch finden!Das E-Book enthält Leseproben zu diesen Büchern:• „Before Us“ von Anna Todd• „Royal Dream“ von Geneva Lee• „Thoughtless“ von S.C. Stephens• „Violet – so hot“ von Monica Murphy• „On the Island – Liebe, die nicht sein darf“ von Tracey Garvis Graves• „Closer to you“ von J. Kenner• „Passion – Leidenschaftlich begehrt“ von S. Quinn• „Valentina – Sinnliches Erwachen“ von Evie Blake• „Devotion“ von Beth Kery

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Sinnliche Seiten empfiehlt:

Verführerische Lesehäppchen

Ausgewählte Leseproben von Anna Todd, Geneva Lee, S. C. Stephens, J. Kenner uvm.

Tag & Nacht

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Copyright © 2016 Tag & Nacht, München,in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 MünchenUmschlaggestaltung: Dino Franke Design Studiounter Verwendung eines Motivs von © Khorzhevska/Fotolia

ISBN: 978-3-641-20343-6V002

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Inhalt

Before us

Royal Dream

Thoughtless

Violet – So hot

On the Island.

Closer to you

PASSION

Valentina

Devotion

Anna Todd

Before us

Band 5

Roman

Aus dem Amerikanischenvon Anja Mehrmann und Sabine Schilasky

Heyne Verlag

ERSTER TEIL

Before

Als kleiner Junge hatte er sich oft vorgestellt, was er später einmal werden würde.

Polizist vielleicht oder Lehrer. Der Job von Mommys Freund Vance bestand darin, Bücher zu lesen, und das schien Spaß zu machen. Aber der Junge wusste nicht genau, was er überhaupt konnte. Er hatte keine besonderen Talente. Er konnte nicht singen wie Joss, der mit ihm in eine Klasse ging, und er konnte auch nicht wie Angela große Zahlen addieren und subtrahieren. Er brachte es kaum fertig, vor seinen Klassenkameraden zu sprechen, im Gegensatz zu dem lustigen, großmäuligen Calvin. Das Einzige, was er gern tat, war lesen. Er wartete immer darauf, dass Vance ihm Bücher mitbrachte: ungefähr eins pro Woche, mal mehr, mal weniger. Manchmal ließ sich Vance eine Weile nicht sehen, und dann wurde dem Jungen langweilig, und er las die eingerissenen Seiten seiner Lieblingsbücher einfach noch mal. Aber er lernte, darauf zu vertrauen, dass der freundliche Mann wiederkommen würde, mit einem Buch in der Hand. Der Junge wurde größer und klüger — es war, als kämen alle zwei Wochen ein Zentimeter und ein neues Buch dazu.

Seine Eltern veränderten sich ebenso wie die Jahreszeiten. Sein Vater wurde lauter und nachlässiger und seine Mom immer müder. Ihr Schluchzen erfüllte die Nacht, jedes Mal lauter. Der Geruch nach Tabak und Schlimmerem fing an, sich zwischen den Wänden des kleinen Hauses auszubreiten. So sicher, wie sich Schüsseln und Teller in der Spüle türmten, so sicher lag der Geruch nach Scotch in Dads Atem. Die Monate vergingen, und manchmal vergaß er schon ganz, wie sein Vater überhaupt aussah.

Vance kam jetzt öfter vorbei, und der Junge bemerkte kaum, dass sich die nächtlichen Schluchzer seiner Mutter veränderten. Zu diesem Zeitpunkt hatte er Freunde gefunden. Na ja, einen Freund. Dann zog der Freund weg, und er machte sich nie die Mühe, einen neuen zu finden. Er hatte das Gefühl, niemanden zu brauchen, es machte ihm nichts aus, allein zu sein.

Die Männer, die in jener Nacht kamen, veränderten etwas tief im Innern des Jungen. Was seiner Mutter passierte, ließ ihn verhärten, und je fremder sein Vater wurde, desto zorniger wurde der Junge. Bald darauf hörte sein Vater ganz damit auf, in das kleine, dreckige Haus zu torkeln. Er war verschwunden, und der Junge war erleichtert. Kein Scotch mehr, keine zertrümmerten Möbel oder Löcher in den Wänden. Das Einzige, was er zurückließ, war ein Junge ohne Vater und ein Wohnzimmer voller halb leerer Zigarettenschachteln.

Der Junge verabscheute den Geschmack, den die Zigaretten in seinem Mund hinterließen, aber er liebte es, wie der Rauch seine Lunge füllte und ihm den Atem raubte. Er rauchte sie alle, und dann besorgte er sich Nachschub. Erfand Freunde, wenn man die Clique aus Rebellen und Verbrechern so nennen konnte. Wegen dieser zweitklassigen Freunde geriet er ständig in Schwierigkeiten. Er fing an, abends spät nach Hause zu kommen, und aus den kleinen Notlügen und harmlosen Streichen zorniger Jungs wurden allmählich Straftaten. Sie taten schlimme Dinge und wussten alle, dass es falsch war — so falsch, wie etwas nur sein konnte —, aber sie redeten sich ein, dass sie einfach nur Spaß hatten. Sie hatten ein Recht darauf und konnten nicht auf den Adrenalinstoß verzichten, der dieses Gefühl der Macht begleitete. Nach jeder geraubten Unschuld pulsierte noch mehr Arroganz durch ihre Adern, mehr Hunger, und es gab immer weniger Grenzen.

Der Junge war noch immer der Sanfteste von ihnen, aber er hatte die innere Ruhe verloren, die ihn einst davon träumen ließ, Feuerwehrmann oder Lehrer zu werden. Seine Beziehungen zu Frauen verliefen nicht gerade typisch. Er lechzte nach ihren Berührungen, schirmte sich aber innerlich gegen jede tiefere Verbindung ab. Das schloss auch seine Mutter ein, für die er nicht einmal mehr ein schlichtes »Ich liebe dich« übrig hatte. Er sah sie sowieso kaum noch. Er war fast nur noch unterwegs, und das Haus bedeutete ihm nichts mehr, abgesehen davon, dass dort gelegentlich Päckchen für ihn ankamen. Vance’ Name und eine Adresse im Staat Washington stand darauf.

Auch Vance hatte ihn verlassen.

Die Mädchen schenkten dem Jungen Beachtung. Sie hängten sich an ihn, gruben ihm mit ihren langen Fingernägeln kleine Halbmondsicheln in den Arm, wenn er sie anlog, sie küsste, sie fickte. Nach dem Sex versuchten die meisten, ihn in den Arm zu nehmen. Dann wies er sie zurück, ohne sie zu küssen oder sanft zu liebkosen. Meistens war er schon verschwunden, bevor sie wieder zu Atem kamen. Er verbrachte seine Tage high und die Nächte noch higher. Hing auf der Straße hinter dem Spirituosenladen herum oder im Geschäft von Marks Dad und verschwendete sein Leben. Brach in Schnapsläden ein, drehte grauen-hafte Homevideos, demütigte ahnungslose Mädchen. Er hatte die Fähigkeit verloren, irgendetwas zu empfinden, abgesehen von Arroganz oder Wut.

Irgendwann hatte seine Mutter die Nase voll. Sie hatte nicht mehr die Kraft oder Geduld, um mit seinem zerstörerischen Verhalten fertigzuwerden. Seinem Vater war ein Job an einer Universität in den Vereinigten Staaten angeboten worden. In Washington, um genau zu sein. Derselbe Staat, in dem auch Vance war, und sogar dieselbe Stadt. Der gute und der böse Mann waren mal wieder an einem Ort vereint.

Seine Mutter glaubte, er könne sie nicht hören, als sie mit seinem Vater darüber sprach, ihn dorthin zu verschiffen. Offenbar hatte der alte Herr in seinem Leben ein bisschen aufgeräumt, aber der Junge war sich da nicht so sicher. Er würde sich niemals sicher sein. Sein Vater hatte auch eine Freundin, eine nette Frau, um die ihn der Junge beneidete. Sie durfte von den Vorteilen seines neuen Ichs profitieren. Sie aß mit einem nüchternen Mann zu Abend, von dem sie freundliche Worte hörte — Dinge, die er nie hatte erleben dürfen.

Als er an der Uni anfing, zog er in ein Verbindungshaus, aus purer Gehässigkeit seinem alten Herrn gegenüber. Obwohl ihm das Haus nicht gefiel, als er seine Kisten in das einigermaßen große Zimmer schleppte, verspürte er doch einen Anflug von Erleichterung. Der Raum war doppelt so groß wie sein Zimmer in Hampstead. Es gab keine Löcher in den Wänden, und im Bad krabbelten keine Käfer aus dem Waschbecken. Endlich hatte er Platz genug für all seine Bücher.

Anfangs blieb er allein, machte sich nicht die Mühe, Freundschaften zu schließen. Dann formierte sich seine Clique, und damit verfiel er wieder in dasselbe finstere Muster.

Er lernte den geistigen Zwillingsbruder von Mark kennen, weit weg von ihm, drüben in Amerika, und überzeugte ihn allmählich davon, dass die Welt nun mal so war. Er fing an zu akzeptieren, dass er immer allein sein würde. Er war gut darin, Menschen zu verletzen, Unheil anzurichten. Er tat einem weiteren Mädchen genauso weh wie dem davor, und erfühlte, dass derselbe Sturm in ihm wütete und sein Leben mit wilder Energie zu zerstören versuchte. Er fing an zu trinken wie sein Dad, und das machte ihn zu einem Heuchler der schlimmsten Sorte.

Aber es war ihm egal. Er fühlte nichts, und seine Freunde halfen ihm, sich davon abzulenken, dass es in seinem Leben nichts Echtes gab.

Nichts spielte wirklich eine Rolle.

Nicht einmal die Mädchen, die ihn zu erreichen versuchten.

Natalie

Als er das Mädchen mit den blauen Augen und den dunklen Haaren kennenlernte, wusste er, dass sie ihn auf eine ganz neue Art herausfordern würde. Sie war freundlich, die sanftmütigste Seele, der er je begegnet war — und sie war verknallt in ihn.

Er holte das naive Mädchen aus ihrer aufgeräumten, heilen Welt und schleuderte sie in ein finsteres, unerbittliches Reich, das ihr vollkommen fremd war. Gefühllos machte er sie zu einer Ausgestoßenen, die erst aus ihrer Kirche und dann aus ihrer Familie vertrieben wurde. Das Gerede war vernichtend — in der Gemeinde flüsterte eine bibeltreue Frau der nächsten ins Ohr.

In ihrer Familie war es nicht besser. Sie hatte niemanden, und sie beging den Fehler, mehr in ihm zu sehen, als er tatsächlich für sie sein konnte.

Was er diesem Mädchen antat, war für seine Mutter der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Das Ganze sorgte dafür, dass sie ihn nach Amerika schickte, in den Staat Washington, wo er bei seinem Möchtegern-Vater leben sollte. Weil er Natalie so behandelt hatte, wurde er selbst aus seiner Londoner Heimat vertrieben. Die Einsamkeit, die er die ganze Zeit schon in sich gespürt hatte, war endlich in seinem Alltag angekommen.

Die Kirche ist heute brechend voll. Reihenweise sitzen unsere Leute hier, alle vereint, um an einem heißen Julinachmittag zu beten. So ist es jede Woche, und meistens kommen dieselben Leute, die ich alle mit Namen kenne.

Meine Familie war königlich in dieser kleinen dienstlichen Gemeinde.

Cecily, meine jüngere Schwester, sitzt in der ersten Reihe neben mir, ihre kleinen Finger knibbeln an dem abblätternden Lack der hölzernen Kirchenbank herum. Unsere Kirche hat gerade einen Zuschuss bekommen, um einen Teil des Innenraums renovieren zu lassen, und unsere Jugendgruppe hat mitgeholfen, das Material einzusammeln, das die Gemeindemitglieder gespendet haben. Diese Woche sollen wir bei den ortsansässigen Geschäften Farbe besorgen, und damit streichen wir dann die Kirchenbänke neu. Ich habe meine Abende damit verbracht, von einem Baumarkt zum nächsten zu laufen und um Spenden zu bitten.

Ich höre ein leises Knacken und sehe, dass Cecily auf ihrem Sitzplatz gerade ein kleines Stück Holz aus der Bank herausgebrochen hat. Als wolle Sie die Sinnlosigkeit der ganzen Sache demonstrieren. Ihre Fingernägel sind pink lackiert, damit sie zu dem Reif in ihrem dunkelbraunen Haar passen, aber meine Güte — sie kann ganz schön zerstörerisch sein.

»Cecily, wir renovieren die Bänke nächste Woche. Bitte lass das.« Sanft nehme ich ihre kleinen Hände in meine, und sie schmollt ein bisschen. »Du kannst uns helfen, sie anzustreichen, damit sie wieder schön aussehen. Das möchtest du doch gern, oder?« Ich lächle sie an.

Sie lächelt zurück, ein hinreißendes Zahnlückenlächeln, und nickt. Ihre Locken wippen mit und erfüllen meine Mutter mit Stolz auf das Werk, das sie an diesem Morgen mit dem Lockenstab vollbracht hat.

Der Pfarrer ist mit seiner Predigt fast fertig, und meine Eltern blicken händchenhaltend nach vorn. Schweiß sammelt sich in meinem Nacken und rollt mir in klebrigen Tropfen über den Rücken, während mir Worte über Sünde und Leid um den Kopf schwirren. Es ist so heiß hier drin, dass das Make-up meiner Mutter am Hals zu glänzen anfängt und sich schmierige schwarze Ringe um ihre Augen legen. Es sollte die letzte Woche sein, die wir ohne Klima-anlage durchstehen müssen. Hoffentlich. Sonst stelle ich mich viel-leicht sogar krank, um nicht in diese glühend heiße Kirche gehen zu müssen.

Am Ende der Messe steht meine Mutter auf, um mit der Frau des Pfarrers zu sprechen. Meine Mutter bewundert sie sehr, ein bisschen zu sehr sogar, finde ich. Pauline, die First Lady unserer Kirche, ist eine knallharte Frau mit wenig Mitgefühl für andere, darum verstehe ich eigentlich gar nicht, warum meine Mom sie so toll findet.

Ich winke Thomas zu, dem einzigen Jungen in meinem Alter in der Jugendgruppe. Als er und der Rest seiner Familie an mir vorbei die Kirche verlassen, winken sie zurück. Um ein bisschen frische Luft zu schnappen, stehe ich auf und wische mir die Hände an meinem blassblauen Kleid ab.

»Kannst du Cecily zum Auto bringen?«, fragt mich mein Dad und lächelt vielsagend.

Er wird versuchen, meine Mutter von ihren Schwätzchen abzuhalten, so wie jeden Sonntag. Sie gehört zu den Frauen, die immer noch weiterplaudern, auch wenn sie sich schon mindestens dreimal verabschiedet haben.

In dieser Hinsicht komme ich überhaupt nicht nach ihr. Statt- dessen eifere ich meinem Vater nach, der nur wenige Worte macht, die dann aber meistens ein Leben lang gelten. Und ich weiß, dass mein Dad sich freut, weil er so viel von sich selbst in mir wieder- findet: sein ruhiges Auftreten, das dunkle Haar, die blassblauen Augen und auch unsere Körpergröße. Oder den Mangel daran. Wir sind beide kaum einen Meter fünfundsechzig groß, obwohl er ein ganz kleines bisschen größer ist als ich. Cecily wird uns beiden schon mit zehn Jahren über den Kopf gewachsen sein, zieht meine Mutter uns gern auf.

Ich nicke meinem Vater zu und nehme meine Schwester bei der Hand. Sie geht schneller als ich, in ihrem kindlichen Eifer läuft sie direkt durch den Rest der kleinen Menschenmenge. Ich will sie zurückhalten, doch sie dreht sich zu mir um, ein breites Lächeln im Gesicht, und ich kann mich zu nichts anderem durchringen, als ihr hinterherzurennen. Wir spurten los, rasen die Treppe hinunter und auf den Rasen. Cecily rempelt ein älteres Paar an, und ich lache, als meine kleine Schwester quietscht und um ein Haar Tyler Kenton umrennt, den ätzendsten Jungen in unserer Gemeinde. Die Sonne scheint hell, meine Lunge brennt, und ich renne immer schneller, jage ihr hinterher, bis sie auf dem Rasen hinfällt. Ich gehe in die Knie, um nachzusehen, ob mit ihr alles in Ordnung ist, beuge mich über sie und streiche ihr die Haare aus dem Gesicht. Die kleinen Tränenseen in ihren Augen drohen überzulaufen, und ihre Unter-lippe zittert heftig.

»Mein Kleid ...« Mit ihren kleinen Händen klopft sie auf ihr weißes Kleid, starrt auf die Grasflecken auf dem Stoff. »Es ist kaputt!« Sie vergräbt das Gesicht in ihren schmutzigen Händen, und ich greife nach ihnen und drücke sie ihr sanft in den Schoß.

Ich lächle und sage lieb: »Es ist nicht kaputt. Wir können es waschen, Mäuschen.« Mit dem Daumen wische ich ihr die Träne fort, die ihr über die Wange rollt. Sie schnieft, will mir aber nicht glauben.

»So was passiert andauernd; mir ist das mindestens schon dreißig-mal passiert«, beruhige ich sie, obwohl es gar nicht stimmt.

Ihre Mundwinkel wandern nach oben, und sie muss lächeln. »Gar nicht.« Wegen meiner Flunkerei sieht sie mich herausfordernd an.

Ich lege den Arm um sie und ziehe sie auf die Füße. Mein Blick wandert über ihre blassen Arme, weil ich sichergehen will, dass mir nichts entgangen ist. Alles sauber. Als wir über den Friedhof auf den Parkplatz zugehen, habe ich immer noch den Arm um sie geschlungen. Meine Eltern kommen uns entgegen, weil mein Vater es offenbar endlich geschafft hat, meine Mutter loszueisen.

Auf der Fahrt nach Hause sitze ich mit Cecily auf der Rückbank und male mit ihr kleine Schmetterlinge in ihrem Lieblingsmalbuch aus, während mein Dad mit meiner Mom das Problem mit dem Waschbären an den Mülltonnen hinter dem Haus bespricht, mit dem wir uns seit einiger Zeit herumschlagen. Mein Dad lässt den Motor laufen, als er in der Auffahrt anhält. Cecily gibt mir rasch einen Kuss auf die Wange und klettert von der Rückbank. Ich folge ihr, umarme meine Mutter und bekomme von Dad einen flüchtigen Kuss auf die Wange, bevor ich mich auf den Fahrersitz setze.

Mein Vater blickt auf mich herab. »Und jetzt fahr vorsichtig, mein Käferchen. Bei dem schönen Wetter heute sind ’ne Menge Leute unterwegs.« Er hebt eine Hand, um seine Augen gegen die Sonne zu schützen, und blinzelt.

Es ist der sonnigste Tag, den es seit langer Zeit in Hampsteadge-geben hat. Bisher war es zwar heiß, aber die Sonne hat sich nicht gezeigt. Ich nicke und verspreche meinem Vater, vorsichtig zu fahren.

Ich warte, bis ich unsere Wohngegend hinter mir gelassen habe, ehe ich den Radiosender wechsle und Richtung Stadtzentrum fahre. Ich drehe die Lautstärke auf und singe die Songs mit. Ich hoffe, dass ich in jedem der drei Läden etwa drei Eimer Farbe bekomme. Wenn ich überall nur einen kriege, bin ich auch zufrieden, aber eigentlich will ich drei, denn dann haben wir genug, um alles zu streichen.

Das erste Geschäft, Mark’s Paint and Supply, ist das billigste in der ganzen Stadt. Mark, der Inhaber, hat in unserer Gegend einen echt guten Ruf, und ich freue mich, ihn mal kennenzulernen. Ich stelle den Wagen auf dem beinahe leeren Parkplatz ab; nur ein metallicrot lackierter Oldtimer und ein Minivan parken auf der gesamten Fläche. Das Gebäude ist alt und besteht aus Holzbalken und instabilen Trockenbauwänden. Das M auf dem verbeulten Ladenschild kann man kaum noch lesen. Als ich die Holztür öffne, quietscht sie, und eine Glocke erklingt. Eine Katze springt von einem Karton herunter und landet direkt vor mir. Kurz streichle ich das Fellknäuel, dann steuere ich auf die Kasse zu.

Innen wirkt der Laden genauso unordentlich wie von außen, und durch das ganze Gerümpel sehe ich den Jungen hinter der Kasse erst gar nicht und erschrecke. Er ist groß und breitschultrig und sieht aus wie jemand, der seit Jahren Sport treibt.

»Mark ...«, sage ich und komme ins Stocken, weil mir sein Nachname nicht gleich einfällt. Alle nennen ihn immer nur Mark.

»Ich bin Mark«, sagt eine Stimme hinter dem athletisch wirkenden Jungen.

Ich beuge mich zur Seite und sehe noch einen Jungen, der auf einem Stuhl hinter der Kasse sitzt, ganz in Schwarz gekleidet. Er ist viel schlanker als der andere, und trotzdem strahlt er irgendetwas aus, das ihn größer wirken lässt. Sein Haar ist dunkel und an den Seiten lang, und eine Strähne hängt ihm in die Stirn. Auf den Ar¬men hat er Tattoos, die aussehen wie zufällig verstreute schwarze Tintenflecke in einem Meer gebräunter Haut.

Eigentlich sind Tattoos nicht mein Ding, aber statt ihn kritisch zu beäugen, denke ich nur, dass alle außer mir schon braun sind.

»Stimmt nicht, ich bin Mark«, sagt eine dritte Stimme.

Ich blicke auf die andere Seite und sehe einen Jungen von mitt-lerer Größe, schmächtigem Körperbau und mit einem extrem dich-ten Igelschnitt. »Allerdings bin ich Mark junior. Wenn du meinen alten Herrn suchst: Der ist heute nicht hier.«

Der dritte Junge hat auch ein paar Tätowierungen, die aber sys-tematischer angeordnet sind als bei dem mit den wilden Haaren, und er hat ein Piercing in der Augenbraue. Mir fällt ein, dass ich meine Familie mal gefragt habe, was sie davon halten würde, wenn ich mir den Bauchnabel piercen lassen würde, und ich muss heute noch lachen, wenn ich an ihre entsetzten Gesichter denke.

»Er ist der nettere von den beiden Marks«, sagt der Junge mit den wilden Haaren langsam und mit tiefer Stimme. Er lächelt, und in seinen Wangen erscheinen zwei schöne, tiefe Grübchen.

Ich lache, habe aber den Verdacht, dass seine Behauptung nicht mal annähernd stimmt. »Irgendwie bezweifle ich das«, necke ich ihn.

Jetzt lachen alle, und mit einem Lächeln auf den Lippen kommt Mark Jr. auf mich zu.

Der Typ, der auf dem Stuhl gesessen hat, steht auf. Er ist so groß, dass seine Präsenz jetzt noch intensiver wirkt. Er kommt näher und ragt vor mir auf. Er sieht gut aus, sein Gesicht verrät Stärke. Eine kantige Kieferpartie, dunkle Wimpern, dichte Augenbrauen. Seine Nase ist schmal, die Lippen sind hellrosa. Ich starre ihn an, und er starrt zurück.

»Hast du einen bestimmten Grund, warum du meinen Dad sprechen willst?«, fragt Mark.

Als ich nicht sofort antworte, blicken Mark und der sportliche Junge zwischen mir und ihrem Freund hin und her.

Ein bisschen verlegen, weil sie mich beim Starren erwischt haben, komme ich wieder in die Gegenwart zurück und sage meinen Spruch auf. »Ich komme von der Hampstead Baptist Church und wollte mal fragen, ob ihr uns Farbe oder anderes Material spenden würdet. Wir gestalten unsere Kirche neu und sind dafür auf Spenden angewiesen ...«

Ich schweige, weil der charmante Typ mit den rosa Lippen in-zwischen ein Gespräch mit seinen Freunden angefangen hat und sie so leise reden, dass ich nichts verstehen kann. Dann verstummen sie, und alle drei Jungs starren mich an — drei lächelnde Gesichter nebeneinander.

Mark redet als Erster. »Das machen wir natürlich gern«, sagt er.

Sein Lächeln erinnert mich irgendwie an eine Katze. Ich kann nicht genau sagen, warum. Ich lächle zurück und will schon anfangen, mich bei ihm zu bedanken.

Er wendet sich an seinen Freund, der ein riesiges Schiffstattoo auf dem Bizeps hat. »Hardin, wie viele Eimer stehen da hinten?«

Hardin? Merkwürdiger Name, den habe ich noch nie gehört.

Die schwarzen Ärmel von diesem Hardin bedecken kaum die untere Hälfte des hölzernen Schiffs. Es ist gut gemacht; die Details und Schattierungen sind sehr schön gelungen. Als ich ihm ins Gesicht und einen Herzschlag lang auf die Lippen blicke, spüre ich, dass meine Wangen ganz heiß werden. Er sieht mich direkt an und bemerkt, wie prüfend ich ihn betrachte. Ich sehe, dass sich Mark und Hardin Blicke zuwerfen, kann Marks Geste aber nicht deuten.

»Wie wär’s mit ’nem Vorschlag?«, fragt Mark und deutet mit einem Kopfnicken auf Hardin.

Das klingt interessant. Dieser Hardin scheint lustig zu sein, ein bisschen neben der Spur, aber bis jetzt gefällt er mir. »Und der wäre?« Ich spiele mit einer Haarsträhne und warte ab.

Hardin sieht mich immer noch an. Irgendwie hat er etwas Vor-sichtiges an sich. Ich kann es auf der anderen Seite des kleinen Ladens spüren und merke, dass ich sehr neugierig auf diesen Typ bin, der sich furchtbar anstrengt, um knallhart zu wirken. Innerlich zucke ich zusammen, als ich mir vorstelle, was meine Eltern von ihm halten würden, wie sie reagieren würden, wenn ich ihn mit nach Hause brächte. Meine Mom findet Tattoos ganz schlimm, aber ich bin mir da nicht so sicher. Auch wenn sie mir nicht unbedingt gefallen, habe ich das Gefühl, man kann durch sie etwas von sich selbst ausdrücken, und darin liegt eigentlich immer eine gewisse Schönheit.

Mark kratzt sich das glatte Kinn. »Wenn du zweimal mit meinem Freund Hardin hier ausgehst, gebe ich dir vierzig Liter Farbe.«

Ich blicke zu Hardin hinüber, der mich taxiert, während ein Grinsen seine Lippen umspielt. So schöne Lippen. Seine leicht feminin wirkenden Gesichtszüge machen ihn attraktiver als seine schwarzen Klamotten oder das strubbelige Haar. Ich frage mich, ob es das ist, worüber sie flüstern. Dass Hardin mich mag?

Während ich noch darüber nachdenke, erhöht Mark den Einsatz: »Egal, welche Farbe. Finish deiner Wahl. Aufs Haus. Vierzig Liter.«

Er ist ein guter Verkäufer.

Ich schnalze mit der Zunge. »Nur ein Date«, kontere ich.

Hardin lacht; es klingt, als würde sich etwas lösen, und die Grübchen in seinen Wangen vertiefen sich. Okay, er ist verdammt scharf. Ich kann nicht fassen, dass ich nicht gleich beim Reinkommen gemerkt habe, wie scharf er ist. Ich war so auf die Farbe fixiert, dass mir kaum aufgefallen ist, wie grün seine Augen im Neonlicht wirken.

»Ein Date ist okay.« Hardin schiebt eine Hand in die Hosentasche, und Mark sieht den Typen mit dem Igelschnitt an.

Ich fühle mich, als hätte ich einen Sieg errungen, weil ich erfolgreich gefeilscht habe. Also lächle ich nur und zähle die Farben auf, die ich für die Bänke, die Wände und die Treppen brauche. Und die ganze Zeit über tue ich so, als würde ich mich nicht auf mein Date mit Hardin freuen, dem vorsichtigen Jungen mit den zerzausten Haaren, der so unschuldig und schüchtern ist, dass er bereit ist, vierzig Liter Farbe gegen ein einziges Date einzutauschen.

Molly

Als er noch ein Junge war, erzählte seine Mom ihm immer Geschichten über gefährliche Mädchen. Je gemeiner ein Mädchen zu dir ist, je weiter sie vor dir davonrennt, desto lieber mag sie dich. Ihr sollt den Mädchen hinterherlaufen, bringt man den Jungs bei.

Wenn diese aufdringlichen Jungs dann älter werden, finden sie irgendwann heraus, dass ein Mädchen, das sie nicht mag, sie meistens eben einfach nicht mag. Das Mädchen ist ohne eine Frau aufgewachsen, die ihr gezeigt hätte, wie sie sein sollte. Ihre Mom hat von einem flotten Leben geträumt, einem Leben, das größer war, als sie es sich leisten konnte. Und wie sich Männer benehmen sollten, hat das Mädchen gelernt, indem sie diejenigen beobachtete, die um sie herum waren.

Als sie heranwuchs, kapierte sie sehr schnell, wie das Spiel funktionierte, und sie wurde zu einer Meisterin darin.

Ich ziehe mein Kleid herunter, als ich um die dunkle Ecke in die Gasse einbiege. Der Netzstoff reißt hörbar, während ich daran zerre, und ich könnte mich verfluchen, weil ich es schon wieder tue.

Ich hatte den Zug in die Innenstadt genommen, in der Hoffnung ... etwas zu erleben.

Was, weiß ich selbst nicht so genau, aber ich habe es satt, mich so zu fühlen. Wegen dieser Leere verhält man sich so, wie man es sich nie hätte vorstellen können, und das hier ist die einzige Möglichkeit, das riesige Loch in meinem Innern zu stopfen. Die Befriedigung kommt und geht, während die Männer mich anglotzen. Sie glauben, ein Recht auf meinen Körper zu haben, weil ich mich auf eine Art kleide, die sie bewusst anlockt. Sie sind ekelhaft, und sie irren sich total, aber ich spiele mit ihrer Lust und ermutige sie noch mit einem Augenzwinkern. Ein schüchternes Lächeln kann bei einem einsamen Mann viel bewirken.

Dass ich diese Aufmerksamkeit so sehr brauche, ekelt mich an. Es ist mehr als nur Schmerz, es ist ein kochendes, weiß glühendes Brennen in meinem Magen.

Als ich um eine weitere Ecke biege, nähert sich mir ein schwarzes Auto, und ich wende den Blick ab, als der Mann langsamer fährt, um mich zu taxieren. Die Straßen sind dunkel, und diese im Zickzack verlaufende Gasse liegt hinter einer der reichsten Gegenden Philadelphias. Geschäfte säumen die Straßen, und jedes hat hier hinten seine eigene Laderampe.

Es gibt zu viel Geld und zu wenig Freundlichkeit in Main Line.

»Lust auf eine Spritztour?«, fragt der Mann, während das Fenster mit einem leisen Surren herunterfährt. Sein Gesicht ist faltig, und sein grau meliertes Haar ist ordentlich gescheitelt und an den Seiten glatt gekämmt. Sein Lächeln ist charmant, und für sein Alter sieht er gut aus. Aber in meinem Kopf schrillt eine Alarmglocke, wie an jedem Wochenende, wenn ich aus irgendeinem unverständlichen Grund diese idiotische Nummer durchziehe. Die gespielte Freundlichkeit in seinem Lächeln ist genauso unecht wie meine »Chanel«- Tasche. Sein Lächeln kommt daher, dass er Geld hat, das weiß ich inzwischen. Männer mit schwarzen Autos, die so sauber sind, dass sie im Mondlicht glänzen, haben Geld, aber kein Gewissen. Ihre

Frauen haben seit Wochen nicht mit ihnen gevögelt — oder sogar seit Monaten —, und sie suchen in den Straßen nach der Zuwendung, die ihnen vorenthalten wird.

Aber ich will sein Geld nicht. Meine Eltern haben Geld, sogar zu viel.

»Ich bin keine Nutte, du krankes Arschloch!« Ich trete mit meinem Plateaustiefel gegen sein beschissenes glänzendes Auto und sehe den schimmernden Ehering an seinem Finger.

Er bemerkt meinen Blick, und schiebt eine Hand unter das Lenkrad. Scheißkerl.

»Netter Versuch. Fahr nach Hause zu deiner Frau — egal, was du ihr erzählt hast, lange glaubt sie dir deine Ausreden sowieso nicht mehr.«

Ich gehe weiter, und er sagt noch was, aber das Geräusch verliert sich zwischen uns, wird in die Nacht hinausgetragen, in irgendeine dunkle Ecke. Ich mache mir nicht die Mühe, mich nach ihm um-zusehen. Die Straße ist fast leer, denn es ist Montag und schon nach neun Uhr. Die Lichter an den Rückseiten der Häuser sind schummrig, die Luft ist windstill, und es ist ruhig. Ich gehe an einem Restaurant vorbei, aus dessen Dach Dampf quillt, und der Geruch von Holzkohle dringt mir in die Nase. Es riecht köstlich und erinnert mich an die Grillpartys, die wir mit Curtis’ Familie im Hof gefeiert haben, als ich noch jünger war. Damals, als sie für mich wie eine zweite Familie waren.

Ich blinzle die Gedanken fort und erwidere das Lächeln einer Frau in mittlerem Alter, die eine Schürze und eine Kochmütze trägt und aus dem Hintereingang eines Restaurants tritt. Die Flamme ihres Feuerzeugs leuchtet hell in der Nacht. Sie nimmt einen Zug von der Zigarette, und wieder lächle ich sie an.

ENDE DER LESEPROBE