Sissis Frühlingsquickys - Sissi Kaipurgay - E-Book

Sissis Frühlingsquickys E-Book

Sissi Kaipurgay

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3,99 €

Beschreibung

Der Lenz ist da! Drei Storys über Frühlingsgefühle. Männer finden ihre passenden Partner und einer kommt auf den Hund. Achtung: Es sind Splitter von Kitsch und Bettsport enthalten. Maiglöckchen:   Leroy, seines Zeichens Barkeeper im Kronjuwel, hat gegen seinen Willen einen Narren an Billy, einem Stammgast, gefressen. Leider ist das Kerlchen Dauergast im Darkroom. Promiskuität ist so gar nicht Leroys Fall. Er gehört zu denen, die sich nach etwas Festem sehnen. ~ * ~ Krokusse:   Benjamins Freund ist vor einem Jahr von einer Geschäftsreise nicht zurückgekehrt. Claas war ausgerechnet zu dem Zeitpunkt auf Sri Lanka, als ein Tsunami weite Teile der Insel verwüstete. Sämtliche Nachforschungen verliefen im Sande. Das Hotel, in dem Claas eingecheckt hatte, war dem Erdboden gleichgemacht und niemand wusste, wo sein Freund steckte. Er beschließt, dass es Zeit wird loszulassen und nimmt Abschied auf der Bank, auf der Claas und er immer gesessen und die ersten Krokusse bewundert haben. ~ * ~ Veilchen: Jan geht gern mit seiner Promenadenmischung Quicky im Park spazieren. Vor allem im Frühling genießt er die Blumenvielfalt und hat einen Narren an Veilchen gefressen. Viele der anderen Hundebesitzer, die das gleiche Areal bevorzugen, kennt er vom Sehen oder hat schon mal einen kleinen Plausch gehalten. In diesem Frühjahr taucht ein neues Gesicht auf. Ein attraktiver Kerl, dessen dämlicher Köter auf den Namen Rübe hört. Oder eher nicht. ~ * ~ Ca. 40.000 Worte

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 179

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Sissi Kaipurgay

Sissis Frühlingsquickys

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Sissis Frühlingsquickys

 

 

Der Lenz ist da! Drei Storys über Frühlingsgefühle. Männer finden ihre passenden Partner und einer kommt auf den Hund.

 Achtung: Es sind Splitter von Kitsch und Bettsport enthalten.

Sämtliche Personen, Orte und Begebenheiten sind frei erfunden, Ähnlichkeiten rein zufällig.

Der Inhalt dieses Buches sagt nichts über die sexuelle Orientierung des Covermodels aus.

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck oder eine andere Verwertung, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin.

Ebooks sind nicht übertragbar und dürfen nicht weiterveräußert werden. Bitte respektieren Sie die Arbeit der Autorin und erwerben eine legale Kopie. Danke!

Text: Sissi Kaiserlos

Foto von shutterstock – Design Lars Rogmann

Korrektur: Aschure. Danke!

Kontakt: http://www.bookrix.de/-sissisuchtkaiser/

Maiglöckchen

Leroy, seines Zeichens Barkeeper im Kronjuwel, hat gegen seinen Willen einen Narren an Billy, einem Stammgast, gefressen. Leider ist das Kerlchen Dauergast im Darkroom. Promiskuität ist so gar nicht Leroys Fall. Er gehört zu denen, die sich nach etwas Festem sehnen.

~ * ~

1.

Leroy sog genüsslich den betörend süßlichen Duft des Sträußchens Maiglöckchen ein. Mittags war er, auf dem Weg zum Bäcker, an einem Blumenladen vorbeigekommen und hatte nicht widerstehen können. Er liebte sowohl den Geruch, als auch den Anblick der zarten Blüten. Irgendwie erinnerten ihn Maiglöckchen an Billy, die kleine Schlampe. Angucken war okay, davon zu naschen jedoch tödlich.

Na gut, dieser Vergleich war etwas drastisch. Es gab schließlich genug Kerle, die Billy vögelten, ohne Schäden davonzutragen. Auch sein Chef gehörte zu denen, wobei … Nein, er würde sich jetzt keine Gedanken um Alexandres geistigen Gesundheitszustand machen, dazu war keine Zeit.

Leroy schnappte sich seine Jacke, steckte das Smartphone ein und griff nach seinem Schlüsselbund. Nach einem prüfenden Rundumblick verließ er seine Wohnung, joggte die Treppe runter und trat vors Haus. Die Luft roch wie frisch gewaschen. Vor einigen Minuten hatte es noch in Strömen geregnet, nun rissen die Wolken auf.

Ein paar Pfützen auf dem Bürgersteig reflektierten das Licht der letzten Sonnenstrahlen. Da er spät dran war, beschleunigte er seine Schritte, immer darauf bedacht, den Wasserlachen auszuweichen. Trotzdem das Viertel nach Geld stank, war der Gehweg eine Katastrophe. Daran waren auch eher die Bäume schuld, nicht monetärer Mangel. Wurzeln hatten die vorhandenen Steinplatten verschoben, für Risse und Löcher gesorgt.

Er erreichte den Bahnhof, rannte die Stufen hoch und traf gerade rechtzeitig ein, um in ein Abteil zu springen. Leroy hasste Eile. Normalerweise kam er lieber zu früh als zu spät. Nur wegen des Regens hatte er gewartet, darauf gehofft, dass der Schauer aufhörte und er trockenen Fußes ins Kronjuwel gelangen konnte.

Zehn Minuten später als gewöhnlich kam er im Club an. Jemand war vor ihm eingetroffen, hatte bereits für Licht gesorgt. Da er neben Alexandre als einziger in Besitz eines Schlüssels war, konnte es nur jener sein, der im hellerleuchteten Büro herumrumorte.

„N’Abend Chef“, rief er in diese Richtung, zog im Gehen seine Jacke aus und betrat den Personalraum.

In seinem Spind verwahrte er ein Paar gemütliche Sneakers, gegen die er seine glänzenden Lederschuhe austauschte. Nachdem er im Spiegel überm Waschbecken sein Aussehen kontrolliert hatte, begab er sich hinter den Tresen.

Routiniert platzierte er eine Reihe Gläser neben der Zapfanlage, kontrollierte deren Kühlaggregat und stellte die Eiswürfelmaschine an. Anschließend legte er Getränkepreislisten auf den Tresen und dachte mit leichtem Wehmut an die Zeiten zurück, in denen er noch Aschenbecher verteilt hatte. Damals war er selbst Raucher gewesen, inzwischen jedoch nicht mehr. Nur wenn er nervlich angespannt war, verlangte es ihn manchmal nach einer Zigarette. Seit Billy im Kronjuwel herumhurte, geschah das ziemlich oft.

Nacheinander trafen Kalle, der DJ und Marlon, eine Aushilfe, ein. Leroy begrüßte beide mit einem abwesenden Nicken, während seine Hände selbständig die nötigen Arbeiten verrichteten. Er hatte noch klar vor Augen, wie Billy vor einiger Zeit am Tresen auftauchte und ihn unmissverständlich flirtend ansah. Wie immer, wenn jemand ihn anbaggerte, reagierte Leroy darauf unterkühlt. Das war seine Masche herauszufinden, ob ernsthaftes Interesse vorlag.

Leider bewies Billy keinerlei Geduld und verschwand schon am nächsten Abend mit einem Mann im Darkroom. Hinterher bekam Leroy einen triumphierenden Blick zugeworfen, so in etwa in der Richtung: ‚Guck mal, ich bin nicht auf deinen Schwanz angewiesen.‘ Mit solchem Verhalten konnte er überhaupt nichts anfangen. Außerdem: Wenn Billy einen Einweg-Stecher suchte, war er eh die falsche Adresse dafür. Er hatte das anonyme Herumvögeln gründlich satt und sehnte sich nach etwas Festem.

„Hi Leute. Ich mach dann mal auf“, verkündete Alf, der aktuell den Posten als Türsteher innehatte und gerade durch den Hintereingang hereinplatzte.

Kalle knipste gleich darauf die Oberlichter aus, stellte dafür die Schummerbeleuchtung an und spielte den ersten Titel ein, während Leroy ein paar Gläser halb mit Bier füllte. Erfahrungsgemäß liefen die ersten beiden Stunden eher mau. Für ihn eine Art Aufwärmtraining, um auf die Hektik gegen Mitternacht vorbereitet zu sein.

Alexandre nahm den gewohnten Platz ein und bat um ein Ginger Ale. Eine Hand voll Gäste verteilten sich im Raum, viele davon bekannte Gesichter. Das Kronjuwel besaß eine feste Riege an Stammgästen, von denen die meisten nahezu täglich erschienen. Ab und zu blieb der eine oder andere weg, dafür tauchten neue auf.

Wie schon all die Tage davor, erschien Billy gegen halb elf, setzte sich an den Tresen und bestellte eine Cola. Leroy brachte das Gewünschte, kassierte und schenkte dem Kleinen keine weitere Beachtung. Heimlich schaute er allerdings immer wieder zu Billy, rechnete jeden Moment damit, dass dieser mit jemandem im Darkroom verschwand. Das geschah aber nicht, stattdessen mischte sich der Kleine irgendwann unter die Tanzenden.

Mischa, ein Typ, der seit kurzem regelmäßig den Club besuchte, trat an die Theke. Wenn ihn nicht alles täuschte, handelte es sich um das Pendant zu seinem Chef. Leroy besaß für solche Dinge ein gutes Gespür. Mit einem Pils zuckelte Mischa davon.

Nach und nach füllte sich das Kronjuwel, so dass Leroys Auslastung stetig zunahm. Genug Zeit, um seine Umgebung zu checken, blieb ihm dennoch. Ab und zu konnte er Billy zwischen den zuckenden Leibern der anderen Tänzer ausmachen. Wirklich erstaunlich, dass der Kleine so lange ohne einen Fick aushielt.

Ein Weilchen war er durch eine Großbestellung Bier abgelenkt. Nachdem er Marlon die vollen Gläser ausgehändigt hatte, schaute er zufällig rüber zu Alexandre. Neben dem waren zwischenzeitlich Billy und Mischa aufgetaucht. Der begeisterten Miene des Kleinen nach zu urteilen, verhandelte man um Sex. Worum auch sonst? Wahrscheinlich besaß Billy keinerlei andere Hobbys.

Leroy schnaubte verächtlich, wandte sich einem Gast zu und mixte den gewünschten Drink. Aus dem Augenwinkel sah er dabei die drei in Richtung Ausgang verschwinden. In seinem Bauch begann es zu gären. Das tat es auch immer dann, wenn Billy den Darkroom aufsuchte, doch das hier war ein ganz anderes Kaliber. Dass es sich der Kleine von zwei Hengsten gleichzeitig besorgen lassen wollte, empfand er als überaus ekelerregend. Nicht, weil er Dreier generell ablehnte. Ab und zu guckte er sich schon ganz gern im Internet solche Szenen an. Sich nun Billy in dieser Konstellation vorzustellen, erzeugte jedoch lediglich Übelkeit.

Nach einer gefühlten Ewigkeit kehrten Alexandre und Billy zurück. Der Gesichtsausdruck des Kleinen spiegelte tiefe Befriedigung, was den Hass in Leroy schürte. Eigentlich galt dieses Gefühl ihm, seiner Unfähigkeit, gegen Billy immun zu sein, aber in seiner Hilflosigkeit projizierte er es auf den nächstbesten Blitzableiter.

„Cola Rum? Oder etwas anderes?“, fragte Alexandre, woraufhin der Kleine nickte.

Zu ihm gewandt bat sein Chef: „Ein großes Pils und einmal Cola Rum.“

Es machte Leroy noch fuchsiger, dass Alexandre ihn offenbar als taub einstufte. Schließlich hatte er sehr wohl gehört, was Billy trinken wollte. Ihm lag ein unangemessener Spruch auf der Zunge, so etwas wie: ‚Hältst du mich für unterbelichtet?‘ Im letzten Moment schluckte er die Worte runter und führte verbissen die Bestellung aus, wobei seine Finger vor Wut zitterten. Er war so sehr in Rage, dass ihm sein Herzschlag in den Ohren dröhnte und seine Lunge bei jedem Atemzug brannte.

Als er die Gläser vor den beiden abstellte, platzte aus ihm raus: „Ein Bier und für die Betriebsnutte Cola Rum.“

Sofort wich etwas von dem Druck, wurden seine Hände ruhiger, begegnete er Alexandres entsetztem Blick mit spöttisch hochgezogener Augenbraue. Billy, der bei seinen Worten zusammengezuckt war, floh mit eingezogenem Kopf in Richtung Toiletten.

„Wenn du Billy noch einmal so bezeichnest, bist du deinen Job los“, warnte Alexandre gefährlich leise.

„Ich sage doch nur die Wahrheit.“

„Billy ist ein Gast, wie jeder andere auch. Genauso wirst du ihn behandeln: Höflich und zuvorkommend.“

Natürlich hatte sein Chef recht, doch im Moment war Leroy das herzlich egal. Das Kinn angriffslustig vorgereckt, nuschelte er, nur für seine Ohren bestimmt: „Leck mich.“

Alexandre hatte das entweder wirklich nicht gehört oder sah großzügig darüber hinweg. „Was hast du denn gegen ihn? Ich finde ihn ziemlich liebenswert.“

„Ich mag keine Schlampen.“

„Dann dürftest du mindestens die Hälfte der Gäste hassen. Seit wann bist du derart prüde?“

Brüsk drehte sich Leroy um, ging zur Zapfanlage und ignorierte für den Rest der Nacht sowohl seinen Chef, als auch Billy.

Alexandre behandelte ihn am folgenden Tag mit kühler Höflichkeit, Billy blieb dem Kronjuwel das erste Mal seit Wochen fern und in Leroy regte sich Bedauern. Im Prinzip tat der Kleine nur das, was viele Gäste trieben. Promiskuität war in der Szene keine Seltenheit und er kein Heiliger, um andere dafür zu verurteilen.

Im Laufe der Stunden merkte er, wie sehr ihm Billys gewohnter Anblick fehlte, ertappte er sich dabei, hoffnungsvoll nach dem schwarzgefärbten Schopf Ausschau zu halten. Um eins gab er dieses Unterfangen auf, da das die Zeit war, zu der Billy unter der Woche üblicherweise verschwand.

Bis zum Feierabend führte er seinen Job mechanisch aus. Eigentlich war er Barkeeper mit Leib und Seele und liebte die Macht, die er in dieser Position innehatte. Es oblag ihm, ob er auf einen Wink, ein durstig auf ihn gerichtetes Augenpaar reagierte. Die Freude an seiner bedeutenden Stellung war völlig verlorengegangen.

Zurück in seinen eigenen vier Wänden suchte er Aufmunterung, indem er den Duft des Sträußchens Maiglöckchen inhalierte. Kurz erwog er, die Blumen auf seinen Nachtschrank zu stellen, aber das führte sicher zu Kopfschmerzen. Unter der Dusche wusch er sich den Mief der langen Nacht vom Körper und kroch anschließend in sein frischbezogenes Bett. Mit der Hoffnung, dass am nächsten Tag alles wieder beim Alten sein würde, schlief er ein.

Teilweise wurde sein Wunsch erfüllt: In der folgenden Nacht erschien Billy wieder im Kronjuwel, der Spaß an seiner Arbeit war ebenfalls zurück und Alexandre verhielt sich ihm gegenüber in altgewohnter Weise. Seine Reue hingegen hielt hartnäckig an. Billys Anblick, so sehr er diesen auch vermisst hatte, war leider nicht dazu geeignet daran etwas zu ändern, im Gegenteil. Der Kleine hockte die ganze Zeit am Tresen und hielt sich an einer Cola fest. Alles an dem Kerl hing: Die Schultern, der Kopf, die Mundwinkel und sogar die Haare waren nicht, wie sonst, gestylt, sondern folgten der Schwerkraft.

Anscheinend war Billys Schwanz ebenfalls diesem Phänomen zum Opfer gefallen. Zur üblichen Zeit verschwand der Kleine, ohne ein einziges Mal den Darkroom aufgesucht zu haben. Dabei hatte es an Möglichkeiten nicht gemangelt, doch denen waren allesamt eine Abfuhr erteilt worden.

Das Schauspiel wiederholte sich am nächsten und darauffolgenden Tag. Falls Billy damit vorhatte, seinen Schuldkomplex zu vertiefen, ging dieses Vorhaben auf. Leroy fühlte sich mehr und mehr in die Enge getrieben. Folge war, dass Unmut das andere Gefühl überstieg. Den ließ er an Billy aus, war besonders abweisend und weidete sich daran, wenn er es schaffte, dass jener den Kopf noch tiefer einzog. Ganz schön pervers, aber in der Not war sich eben jeder selbst der Nächste. Ehrlich gesagt ging’s ihm mit dem Scheiß ganz schön dreckig, doch wen interessierte das?

Nacht drei brach an und damit eine weitere Episode Billy-macht-die-Trauerweide. Zähneknirschend knallte Leroy die übliche Cola auf den Tresen, noch bevor der Kleine darum bitten konnte. Anschließend wandte er Billy beharrlich seinen Rücken zu. Trotzdem hatte er ständig dessen Bild vor Augen und spürte den anklagenden Blick, der an ihm klebte. Abwechselnd wurde ihm heiß und kalt, hatte er Mühe, beim Einschenken eine ruhige Hand zu bewahren. Seine Finger zitterten so sehr, dass bei dem Versuch, ein Wodka-Orange zu mixen, ziemlich viel Saftkonzentrat neben, statt in dem Glas landete.

„Leroy? Kommst du bitte mal her?“

In der Annahme, dass Alexandre ihn wegen seiner Unkonzentriertheit rügen wollte, wappnete sich Leroy innerlich. Entsprechend auf Krawall gebürstet, folgte er der Aufforderung.

„Gibst du Billy bitte auf meine Kosten einen Drink aus?“

Normalerweise tat Alexandre so etwas nur, wenn Billy zuvor den Arsch hingehalten hatte. Da das nicht geschehen war, schließlich klebte selbiger seit drei Tagen auf einem Hocker, konnte sich Leroy einen dummen Spruch nicht verkneifen. Außerdem waren seine Nerven ohnehin zum Zerreißen gespannt.

„Seit wann zahlst du für nicht erhaltene Ware?“

Offenbar war er damit zu weit gegangen. Eine Ader an Alexandres Stirn schwoll an. Die Augen zu Schlitzen zusammengekniffen und weit über den Tresen gebeugt, fuhr sein Chef ihn an: „Sag mal, merkst du noch was? Billy würde sich für ein nettes Wort von dir wahrscheinlich den rechten Arm abhacken und was machst du? Behandelst ihn immer noch wie eine Schlampe. Ich finde dich zum Kotzen.“

Das fand Leroy in einem Anflug von Selbsterkenntnis auch. Offiziell tat er jedoch beleidigt, ging zurück zur Zapfanlage und füllte einige Gläser. Alexandres Ansprache hatte ihn tief getroffen. Mit einem Mal kam ihm sein Verhalten derart kindisch vor, dass er vor Scham am liebsten im Boden versunken wäre. Was war denn schon dabei, Billy etwas Freundlichkeit entgegenzubringen? Der Mann hatte ihm nichts getan und wahrscheinlich keine Ahnung, worum es überhaupt ging.

Trotz dieser Einsicht fiel es Leroy schwer, über seinen eigenen Schatten zu springen. Es dauerte eine Weile, bis er genug Mut zusammengesammelt hatte. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals, als er sich zu Billy umdrehte. Der guckte überrascht und senkte schnell die Wimpern. Hatte er also richtig vermutet, dass der Kleine ihm Löcher in den Rücken starrte. Der verlegene Billy war eine hübsche Abwechslung zu dem Trauerkloß. Wenn Leroy nicht alles täuschte, waren sogar dessen Wangen rosa angelaufen.

Er setzte eine freundliche Miene auf und beugte sich über die Theke. „Alexandre möchte dir einen Drink aufs Haus spendieren. Magst du Baileys? Auf Eis schmeckt der echt lecker. Oder lieber was anderes?“

2.

War das ein Friedensangebot? Billy wagte nicht aufzusehen, nickte stumm und nahm das Glas, das Leroy ihm kurz darauf zuschob, mit bebenden Fingern in Empfang. Er linste rüber zu Alexandre, überaus dankbar für diese Geste. Als Leroy ihm erneut den Rücken zuwandte wagte er, seinen Gefühlen mit einem Luftkuss Ausdruck zu verleihen. Alexandre zwinkerte ihm zu und gab ein Daumen-hoch Signal.

Vorsichtig nippte er an dem schrecklich klebrigen Zeug. Seinen Geschmack traf es nicht, doch das war egal. Im Grund hätte Leroy ihm auch Spülwasser hinstellen können, er hätte es mit Freuden getrunken, wenn er dafür so lieb angeguckt und behandelt wurde. Rasch kippte er den Rest Baileys runter, danach seinen letzten Schluck Cola.

Er atmete tief durch und bemühte sich, seiner Stimme einen festen Klang zu geben. „Leroy? Kann ich noch eine Cola haben?“

Ohne den Kopf zu wenden nickte der Angesprochene und bediente einen Gast zu Ende. Anschließend holte Leroy eine Flasche aus dem Kühlschrank, kam zu ihm rüber und schenkte nach. Dieses ungewöhnliche Vorgehen bedeutete wohl, dass das Getränk aufs Haus ging.

„Kannst du nach so viel Koffein überhaupt schlafen?“, erkundigte sich Leroy.

„Ich bin das gewohnt.“

„Geht mich auch nichts an.“ Flink schraubte Leroy die Flasche wieder zu, stellte sie weg und lehnte sich, die Unterarme auf dem Tresen verschränkt, weit vor. „Übrigens: Das von neulich, das tut mir leid.“

In dieser Nacht schwebte Billy wie auf Wolken aus dem Club. Leroy hatte sich bei ihm entschuldigt! Danach hatten sie noch ein paar belanglose Worte gewechselt. Über seinen Job, wenn er sich recht erinnerte. In seiner Aufregung war kaum etwas haften geblieben, nur, dass Leroys blaue Augen warmherzig auf ihm gelegen hatten.

Während der Heimfahrt ließ er die vergangene Stunde Revue passieren. Billy konnte den Wandel immer noch nicht fassen. Der bei seiner Ankunft stark unterkühlte Leroy hatte sich wie ausgewechselt verhalten. Plötzlich kam ihm ein schrecklicher Verdacht. Hatte sich etwa Alexandre den Barkeeper zur Brust genommen? Nach kurzer Überlegung verwarf er den Gedanken. Leroy ließ sich nicht einschüchtern, das hatte der gemeine Spruch in Alexandres Gegenwart bewiesen.

Versonnen seinen Blick in die Ferne gerichtet, verbrachte er die restliche Bahnfahrt damit, sich verschiedene Szenarien auszumalen, wie es weitergehen würde.

Am folgenden Abend stand er noch vor Öffnung des Kronjuwels vor dessen Tür. Nervös trat er von einem Fuß auf den anderen. Inzwischen war er nicht mehr sicher, ob er alles nur geträumt hatte. Ihr Wiedersehen würde die Wahrheit ans Licht bringen. Falls Leroy erneut eine coole Miene zur Schau trug … Nein, das durfte einfach nicht sein.

Die Tür schwang auf. Alf, ein Kerl wie ein Schrank, bezog davor Aufstellung und musterte ihn überrascht.

„Holla! Heute so früh?“

„Hab mich in der Uhrzeit vertan“, log Billy. „Lässt du mich umsonst rein?“

Alf grinste dreckig. „Wenn du mich nachher an deinen Arsch lässt.“

„Vergiss es.“ Er zückte seine Börse, holte einen Schein daraus hervor und reichte ihn dem Türsteher.

„Ich nehme auch einen Blowjob“, ging Alf mit dem Preis runter.

„Ich stehe nicht mehr zu Verfügung.“

„Oha.“ Endlich nahm der Kerl die Banknote an. „Sag nicht, du bist vergeben.“

„Sagen wir es so: Jemand hat eine Option auf mich“, formulierte er vorsichtig.

„Wer ist der Glückspilz?“ Alf arretierte die Tür, trat in den Vorraum und wühlte in einer Geldkassette. „Alex?“

„Sei nicht so neugierig.“

„Hey! Ich bin nicht neugierig, ich muss nur alles wissen.“ Lachend gab Alf ihm das Wechselgeld und verpasste ihm mit der Faust einen gutmütigen Stüber gegen die Schulter. „Echt schade. Wieder eine geile Kiste vom Markt.“

Im ersten Moment wirkte das Innere des Kronjuwels wie ein schwarzes Loch. Dumpfe Rhythmen wummerten, im Takt dazu blitzten bunte Lichter auf die verwaist daliegende Tanzfläche. Billy, der den Club sonst nur von Gästen bevölkert kannte, fühlte sich etwas beklommen. Er suchte Deckung hinter einem Pfeiler, um Leroy in Ruhe zu beobachten.

Wie immer waren die braunen Haare des Barkeepers gewollt nachlässig gestylt. Sehr sexy, genau wie die kantigen Gesichtszüge. Leroy hatte die Stirn gekraust und kratzte sich nachdenklich am von einem Bartschatten bedeckten Kinn. Billys Blick blieb an den schön geschwungenen Lippen hängen. Sein Unterbauch krampfte sich vor Verlangen nach einem Kuss zusammen. Seine anfangs recht harmlose Schwärmerei hatte gigantische Ausmaße angenommen. Er war, das erste Mal in seinem Leben, einem Mann mit Haut und Haar verfallen. Gegen sein übermächtiges Gefühl kamen ihm all seine bisherigen Anflüge von Verliebtheit wie ein billiger Abklatsch vor.

In seinem Rücken entstand Bewegung. Ein kühler Luftzug kündigte neue Gäste an. Billy verließ seinen Beobachtungsposten und schlenderte zur Bar, wobei sein Herz ängstlich klopfte. Blaue Augen sahen ihm entgegen. Leroys Mundwinkel flogen hoch, wurden im nächsten Moment jedoch zu einem unverbindlichen Lächeln zurückgepfiffen. Dieser Versuch, die empfundene Freude zu verbergen, wandelte das Pochen in seiner Brust von furchtsam zu freudig erregt.

Billy schob sich auf seinen angestammten Sitzplatz. „Hi Leroy. Gibst du mir eine Cola, bitte?“

„Du bist früh dran.“ Der Barkeeper wandte sich um, warf Eiswürfel in ein Glas und füllte es mit Cola auf.

Er nutzte den unbeobachteten Moment, um seine plötzlich schwitzigen Handflächen am Stoff seiner Jeans trockenzureiben. Nervosität machte sich erneut in ihm breit. Normalerweise tat er sich nicht schwer damit einfach los zu plappern, aber die Sorge, irgendetwas Falsches zu sagen, fegte sein Gehirn leer. Vielleicht hätte er sich ein paar Notizen auf den Arm kritzeln sollen, irgendwelche Stichpunkte, doch dafür war’s nun zu spät.

Leroy stellte das Getränk vor ihm ab. „Wie war dein Tag?“

„Viel zu lang.“

„Zu wenig zu tun?“

„Das meinte ich eher im übertragenen Sinne. Ich hab immer viel Kundschaft. Es gibt einige, die ausschließlich von mir bedient werden wollen.“ Kaum waren seine Worte raus, wurde ihm die steile Vorlage, die er Leroy gerade bot, bewusst.

Angespannt wartete er darauf, dass sein Gegenüber die Chance ergriff, einen dummen Spruch über seine häufigen Besuche im Darkroom zu reißen. Leroy ließ die Gelegenheit jedoch ungenutzt verstreichen.

„Hab vorhin, auf dem Weg hierher, mal deinen Salon angeschaut, rein aus Neugier. Sieht ziemlich hip aus.“

Das Haargewaltig lag in einer Nebenstraße der langen Reihe. Billy fand es rührend, dass Leroy einen Umweg in Kauf genommen hatte, nur um den Salon anzugucken. Das war doch ein positives Zeichen. Außerdem stellte sein Beruf ein unverfängliches Gesprächsthema dar. Er war mit Leib und Seele Frisör und konnte sich nichts Schöneres vorstellen, als Menschen mit einem neuen Haarschnitt glücklich zu machen. Wenn ein Kunde zufrieden lächelnd den Salon verließ, war das für ihn wie ein Geschenk.

„Da solltest du erst Detlef, meinen Chef, sehen. Der läuft wie ein Paradiesvogel herum. Er meint, das fördere den Umsatz. Ich soll mich, nach seiner Ansicht, auch bunter kleiden und meine Haare blondieren.“

„Warte. Ich muss kurz den da zufriedenstellen“, murmelte Leroy, nickte zu einem Gast, der an der Bar stand und angestrengt in ihre Richtung spähte und huschte davon.

Zufriedenstellen? Billy grinste in sich rein. Was Doppeldeutigkeiten betraf, war Leroy offenbar genauso wenig sensibilisiert wie er. Aber vielleicht legte er einfach alles zu sehr auf die Waagschale. Er begann sich zu entspannen und musterte Leroys Gestalt mit einem begehrlichen Blick.

Der Kerl war sowohl von vorn, als auch von hinten ein echter Hingucker. Die ausgewaschene Jeans ließ keinen Zweifel daran, dass darin ein kerniger Arsch steckte. Apfelförmig, mit seitlichen Kerbungen, wie sie bei derart sehnigen Männern oft vorkamen. Billy lief das Wasser im Mund zusammen. Er griff nach seinem Glas, trank einen Schluck und zwang seine Augen woanders hin. Schließlich wollte er nicht mit einem Ständer herumhocken. Das wäre peinlich, zudem behinderte es sein Denkvermögen.

Leroy kehrte zurück, lehnte sich gegen die Theke und murmelte: „Wo waren wir stehengeblieben?“

„Bei Detlef.“

„Ach ja. Was für ein Klischee. Spreizt er beim Haareschneiden den kleinen Finger ab?“

„Soweit geht’s dann doch nicht. Nur beim Käffchen trinken.“ Billy lachte leise auf. „Privat ist er allerdings alles andere als tuntig. Da pflegt er einen Lederfetisch.“

„Das nenn ich mal geschäftstüchtig. Ich hätte keine Lust mich so zu verstellen, nur um Kundschaft anzulocken.“

„Heißt das, du bist immer so wie jetzt?“

Leroy zog die Augenbrauen zusammen und ließ sich mit einer Antwort Zeit. „Ich denke schon. Kann das nicht genau beurteilen.“

„Sag mal … Meinst du … hättest du vielleicht Lust … könntest du dir vorstellen, mich mal außerhalb des Kronjuwels zu treffen?“

Wieder dauerte es einen Moment, bevor Leroy erwiderte: „Generell schon. Lass uns ein anderes Mal darüber reden, okay? Ich muss mich um die Gäste kümmern.“

„Ist das ein: Nette Idee, aber nein danke?“

„Das ist so gemeint, wie ich’s gesagt habe.“ Leroy streckte den Arm aus, schnappte sich seine Hand und drückte sie kurz. „Pausierst du eigentlich nur, was deine häufigen Besuche im Darkroom angeht oder ist das ein klarer Trend?“

„Das hab ich doch nur …“, begann Billy, biss sich auf die Zunge und kramte in seinem Kopf nach einer geschickteren Erklärung als der, die ihn als Naivling outete. „Das gehört der Vergangenheit an.“

Einen Augenblick sah Leroy ihn prüfend an, dann bogen sich dessen Mundwinkel zu einem hinreißenden Lächeln hoch. „Wenn das so ist, sollten wir uns echt bald mal irgendwo anders treffen.“

Einige Stunden später fuhr Billy nach Hause, die Lippen zu einem Dauergrinsen erstarrt und ein kribbelndes Gefühl im Bauch. Er hätte die ganze Welt umarmen können. Noch viel lieber würde er dieses Bedürfnis an Leroy austoben, doch davon waren sie bestimmt noch meilenweit entfernt. Ein Silberstreif am Horizont war dennoch erkennbar. Irgendetwas gab ihm die Gewissheit, dass seine Wünsche in Erfüllung gehen würden. Vielleicht wegen der warmen Blicke, die Leroy ihm im Verlaufe des Abends immer wieder zugeworfen hatte.

Wirklich schade, dass er keine Zeitmaschine besaß. Ihn dürstete danach, endlich seine Sehnsüchte zu befriedigen. So sehr, dass er bereit wäre, dafür seine Seele zu verkaufen. Sogar an jeden Dahergelaufenen, der ihm einigermaßen glaubhaft verklickerte, die nötige Kompetenz für eine Verschiebung des Raum-Zeit-Kontinuums zu besitzen. Leider schienen gerade alle, die für einen derartigen Quantensprung infrage kamen, anderweitig beschäftigt. Sein stummes Tauschangebot verhallte ungehört im Universum.