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Ein Mann mit Haarausfall, der seine Frau zurückgewinnen will und dadurch eine Kette mörderischer Ereignisse in Gang setzt. Eine Friseurin, die sich unversehens als Tatverdächtige und Geliebte des Ermittlers wiederfindet. Zwei lässige Kommissare, die erst spät begreifen, dass sie die eigentlichen Skalpjäger sind. Ein Spurensicherer, der nicht nur an der Flapsigkeit seiner Kollegen, sondern auch an der Spurlosigkeit des Täters verzweifelt. Als die Situation eskaliert und Politiker und Militärs den nationalen Notstand ausrufen, liegt es an dieser Handvoll Menschen, dem Schrecken ein Ende zu bereiten. Werden sie rechtzeitig einen Weg finden, die Bestie zu töten, die im Herzen der Stadt herangewachsen ist?
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Seitenzahl: 529
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Saven van Dorf
Skalpjäger
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Inhaltsverzeichnis
Titel
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EPILOG
Impressum neobooks
„Wichtigste sein: Niemals gehen zu Frisur.“
Mit zusammengekniffenen Augen starrte Peter Schoh in das Gesicht des alten Inders. Im flackernden Schein der antiken Funzel zwischen ihnen verwandelten sich dessen Falten in winzige schwarze Schlangen, die sich gegenseitig auffraßen. Mehrere Sekunden lang war nur das unablässige Mahlen der Klimaanlage zu hören, die draußen warme Sommerluft einfing, alles Leben aus ihr herausquetschte und hier im Innern nur die erkaltete Leiche zu Boden gleiten ließ.
Er fröstelte beim Gedanken an eine Grabkammer, dann half ihm sein nervöser Seitenblick auf ein paar Konserven in den Regalen zurück in die Realität. Schließlich verstand er.
„Friseur“, verbesserte er. „Ich soll niemals zum Friseur gehen. Das meinen Sie doch, oder?“ Ihm wurde die Tragweite des Gesagten bewusst. „Warum nicht, um Himmels willen? Soll ich das etwa selbst machen? Wenn ich endlich wieder Haare habe, will ich damit auch herumspielen, verschiedene Schnitte ausprobieren und so."
„Nein! Nein, nein, nein! Nicht Spiel! Nicht Spielsache, das ich Ihnen geben!“ Die im Schneidersitz auf einem Karton thronende Gestalt lehnte sich nach vorne. „Müssen gut hören: Niemals schneiden Haare. Müssen schwören. Wenn nicht schwören, ich nicht geben.“
„Bitte? Sehen Sie sich das doch mal an“, sagte Peter und deutete auf seinen Kopf. Er hielt ihn gesenkt und beugte sich vor, damit der Inder im trüben Licht der Petroleumlampe auch wirklich begriff, was er meinte. Außer seinem nach wie vor dichten Haarkranz war ihm von der alten Haarpracht nicht viel geblieben. Nur eine Handvoll dünner Haare genau in der Mitte seines Kopfes bildete eine stoppelige Insel. Einmal pro Woche stutze er all diese Reste auf ein erträgliches Maß von wenigen Millimetern. „Können Sie sich vorstellen, wie unglaublich dämlich es aussieht, wenn ich das lang wachsen lasse?“
„Das dämlich“, stimmte der Inder zu und zeigte ebenfalls auf Peters Kopf. „Aber nicht so bleiben. Neue Haare kommen. Und Haare wissen, wie lang sollen werden. Nicht müssen schneiden.“ Er sprach leiser. Dunkle Wolken zogen in seiner Stimme auf. „Müssen schwören: Niemals schneiden Haare.“
Zweifelnd blickte Peter erst ins Gesicht des Inders und dann auf die Flasche, die vor ihm auf dem kleinen Tisch stand. Nicht größer als ein Parfumflakon, braun, bauchig, mit einem Korken verschlossen. Ein Etikett fehlte. Der Alte bereitete diese Mittelchen angeblich selbst zu. Er sei ein uralter indischer Zaubermeister oder etwas ähnlich Obskures; zumindest hatte das der Typ aus der Pokerrunde behauptet. Aber nach allem, was Peter schon probiert hatte, war er an einem Punkt angelangt, an dem er auch auf eine Zeitungsanzeige „Der große Zampano heilt Haarausfall durch magisches Handauflegen“ geantwortet hätte.
Carola. Seine Carola mit ihrem süßen Lächeln, ihren großen, dunklen Augen und – natürlich – ihrem vollen, braunen Haar. Seine schlanke, überaus sportliche Carola, die es jetzt vermutlich gerade wieder mit ihrem Fitnesstrainer trieb, für den sie ihn verlassen hatte. Ein wütender Atemstoß dampfte in der kühlen Luft des Lagerraumes. Seine Hose beulte sich aus. Nicht vor lustvoller Erregung, wie es früher oft der Fall gewesen war, wenn er an seine Frau dachte. Jetzt waren es seine Hände, die sich in den Hosentaschen zu Fäusten ballten.
„Also gut. Sollte Ihr Zaubermittelchen tatsächlich wirken und mir wieder Haare wachsen, werde ich nicht zum Friseur gehen.“
„Müssen schwören“, beharrte der Inder. „Müssen schwören: Niemals schneiden Haare.“
„Ich schwören, niemals schneiden Haare.“
Der Inder sah ihn prüfend an. Peter erwiderte den Blick, ohne mit der Wimper zu zucken. Auch wenn ihm die Situation im Grunde lächerlich vorkam, der Gedanke an Carola hatte ihm jedes spöttische Lächeln aus dem Gesicht getrieben. Ernst hielt er der Musterung des alten Mannes stand, bis dieser zufrieden zu sein schien.
„Dann gehören dir“, sagte der Inder und nahm den Umschlag entgegen, den Peter ihm reichte. Statt hineinzusehen und das Geld nachzuzählen, hob er nochmals seinen dunklen, mahnenden Zeigefinger. „Benutzen alles auf einmal, dürfen kein Tropfen in Flasche bleiben. Alles auf Kopf, werden sehen. Wünschen Glück.“
Mit diesen Worten erhob sich der Alte, verbeugte sich lächelnd und deutete leicht auf die Tür. Froh, erfolgreich in die schützende Wärme des Vorsommerabends zurückkehren zu können, ließ Peter das Fläschchen vorsichtig in seine Jackentasche gleiten und verließ den kleinen Laden.
Nachdem sein Besucher gegangen war, löschte der Schamane die verbeulte Petroleumlampe und betätigte den Lichtschalter an der Wand. Flackernd erwachten die Neonröhren zum Leben und verströmten lebloses Kunstlicht über die Kisten und Kartons. Er hätte den Handel auch unter dieser Beleuchtung vornehmen können, aber das war nicht, was die Leute erwarteten. Die meisten wussten genau, dass die Erfüllung ihrer Wünsche nicht mit normalen Mitteln zu bewerkstelligen war, denn in den sonnigen Höhen der Wissenschaft suchten sie als Erstes ihre Antworten. Und wenn sie dann enttäuscht ins Zwielicht herabstiegen und zu ihm kamen, schuf er das passende Ambiente – soweit der Lagerraum des Lebensmittelladens seines Cousins dies zuließ. Er schämte sich nicht für dieses Theater. Es war eine gute Sache, es stärkte den Glauben der Leute. Es machte vielen auch ein wenig Angst, und das war nötig.
Denn sie alle bekamen mehr als sie wollten.
*
Zuhause begab sich Peter sofort ins Badezimmer. Er verspürte dieselbe hoffnungsvolle Ungeduld wie jedes Mal, wenn er ein neues, erfolgversprechendes Mittel in Händen hielt. In seinem Spiegelschrank stapelten sich Dutzende von kleinen Fläschchen, Ampullen und Dosen, gefüllt mit Flüssigkeiten, Cremes, Sprays, Gels, Pulvern, Tabletten. Auf dem Rand seiner Badewanne standen Shampoos, Spülungen, Haarkuren und ein paar von ihm selbst befüllte Gefäße. Wann immer er hörte, etwas sei „gut für die Haare“, testete er es sofort. Bier, Joghurt, Senf-Essig-Gemische, Cola, alle möglichen Fruchtsäfte und Teesorten. Sogar kalten Kaffee hatte er sich in die Kopfhaut massiert, in dem Glauben, das Koffein könnte die Haarwurzeln zu neuem Wuchs motivieren.
Alles umsonst, dachte er.Nein, nicht umsonst. Vergebens, ja, aber ganz gewiss nicht umsonst.
Er weigerte sich nachzurechnen, was er bisher für all seine Mittelchen ausgegeben hatte und weiterhin ausgab. Rogain, Mitrodextrin, Propecia, Dutasterid. Für das ganze Geld hätte er sich längst eine Haartransplantation leisten können, doch dafür war der Kahlschlag schon viel zu fortgeschritten.
Hoffnungslos.
Beinahe hoffnungslos.
Er seufzte und betrachtete die kleine Flasche, die warm und schwer in seiner Hand lag. 500 Euro hatte er dem Inder bezahlt. Es gab allerdings eine Geld-zurück-Garantie für den Fall, dass das Mittel nicht wirkte. Sofern er den alten Kerl richtig verstanden hatte.
Er versuchte, im Gegenlicht der Badezimmerlampe die Flüssigkeit im Innern zu erkennen, doch das dunkle Glas ließ dies nicht zu. An einer Seite erkannte er leichte Kratzer; vielleicht handelte es sich um eine eingeritzte Aufschrift in den seltsamen Schnörkeln, die man seines Wissens in Indien benutzte. Vorsichtig rüttelte er am winzigen Korken und zog ihn heraus, bemüht, keinen Tropfen des teuren Wundermittels zu verschütten, und roch am Flaschenhals. Ein scharfer, aber nicht unangenehmer Geruch strömte ihm in die Nase. Erinnerte an … Essen. Hoffentlich war ihm nicht versehentlich – oder absichtlich – eine Flasche Currysoße angedreht worden. Die hatte er nämlich vor ein paar Monaten schon einmal erfolglos ausprobiert.
Einen Moment lang stand er unschlüssig da und fragte sich, ob er die Haare vorher waschen sollte oder nicht. Verdammt, warum war ihm diese Frage nicht früher eingefallen? Wenn das Mittel keinen Erfolg brachte, könnte sich der Inder damit rausreden, dass er es falsch angewendet hätte.
Wer wagt, gewinnt. Er goss sich ein wenig der Flüssigkeit in die Hand. Dunkelrot, warm und dickflüssig wie Quecksilber. Der Geruch verstärkte sich, widersetzte sich aber weiterhin einer Identifizierung.Vielleicht Mononatriumglutamat oder ein ähnlicher Nahrungsmittelzusatz.Und es gab noch eine Note, leicht metallisch. Alles in allem nicht so unangenehm wie manche der anderen Substanzen, die er seinen Haaren schon zugemutet hatte. Er begann, sich die Flüssigkeit in die Kopfhaut zu massieren. Dort, wo einst sein Haaransatz verlief.
Wo dieser sich auch noch befunden hatte, als er Carola kennenlernte. Doch während sie sich ineinander verliebten, hielten Geheimratsecken verstohlen Einzug im dichten Wald seiner Haare. Nach ihrer Heirat lichtete sich der Wald immer weiter. Zunächst noch schleichend, dass man es kaum bemerkte, aber dafür stetig und, wie sich herausstellen sollte, unaufhaltsam.
Dann, vor zwei Jahren, sagte ein Kollege in der Kantine zu ihm: „Na, Peter, du lässt dir wohl ein drittes Knie am Hinterkopf wachsen, was?“
Überrascht tastete er unter grinsenden Blicken an seinem Kopf herum und fühlte zu seinem Entsetzen viel zu viel Haut unter viel zu wenig Haaren. Zuhause schloss er sich im Badezimmer ein und verrenkte sich vor dem Spiegel, um den Schaden zu begutachten. Außerdem musste er nach eingehender Prüfung alter Fotos feststellen, dass sich auch seine Stirn in letzter Zeit sehr nach oben hin ausgebreitet hatte.
Er begann sofort mit der Gegenoffensive.
Die ersten Medikamente versteckte er vor Carola. Er wusste nicht, was ihm peinlicher sein sollte: dass er an Haarausfall litt oder dass er etwas dagegen nahm. Natürlich bemerkte sie es trotzdem und zog ihn damit auf. „Mach dir nichts draus, ein schönes Gesicht braucht eben Platz“, sagte sie. „Wenn der Verstand wächst, weichen die Haare.“ Und: „Du musst zwar mehr Gesicht waschen, aber dafür sparst du Shampoo.“
Er fand das alles gar nicht lustig. Sobald das Gespräch darauf kam, wechselte er gereizt das Thema. Mit der Zeit wuchs sein Frust; jedes Mal, wenn er seine Hoffnung (und sein Geld) in ein neues Mittel steckte, fand er sich enttäuscht. Er begann, auf Carolas Scherze mit Anspielungen auf ihre Figur und erste Anzeichen von Cellulite zu antworten. Sie stritten sich häufiger.
Vor sechs Monaten war es schließlich soweit. Der große Krach. Sie wollte die Scheidung. Zog bei ihm aus. Und bei ihrem Fitnesstrainer ein. Der hatte Haare. Zwar kurzgeschoren, aber sehr dicht.
Obwohl Carola es bestritt, war Peter sicher, dass es genau daran lag. Schließlich war die Welt noch in Ordnung gewesen, solange er Haare hatte. Er wusste, wenn er sie zurückgewinnen wollte, brauchte er ein Wunder.
Das Wunder kam in Gestalt eines Royal Flush.
Sie saßen wie jeden Dienstag nach der Arbeit in ihrer Stammkneipe beim Pokern. Björn litt an einer Sommergrippe, und für ihn sprang ein Kollege aus der Buchhaltung ein, den Peter nur vom Sehen kannte. Thomas oder Thorsten oder so ähnlich.
Beim letzten Spiel des Abends ging es nur noch um sie beide. Alle anderen waren schon ausgestiegen. Peter hielt zum zweiten Mal in seinem Leben einen Royal Flush in der Hand und konnte gar nicht verlieren. Er wusste nicht, was der andere hatte, aber der bot tapfer mit. Eigentlich konnte das kein Bluff sein, dafür war zu viel Geld im Topf. Andererseits hatte der Kerl ein Bier nach dem anderen gekippt.
„Ich setze noch mal zwanzig“, sagte Peter.
„Ich gehe mit und erhöhe um …“ Sein Mitspieler kramte in den Hosentaschen. „Verdammt, ich hab gar kein Geld mehr.“ Er deutete grinsend auf Peters Kopf. „Aber ich sag dir was: Ich setze Haare!“
Die anderen am Tisch brachen in grölendes Gelächter aus, während Peter die Zornesröte ins Gesicht stieg.
„Oh, pass bloß auf! Da versteht unser Peter keinen Spaß, nicht wahr?“
„Wenn das ein Scherz sein soll …“, begann er drohend.
„Kein Scherz“, beeilte sich der Neue zu sagen, aber sein Grinsen gefiel Peter gar nicht. „Ich hab da von jemandem gehört, der dir vielleicht helfen kann. Das setze ich. Ist eigentlich ein Geheimnis, aber wenn du gewinnst, sag ich’s dir.“
So kam es, wie es kommen musste. Sein Gegner konnte nur vier Siebenen vorweisen und gab Peter eine Adresse am Hafen, wo er den kleinen Lebensmittelladen fand.Exotische Spezialitätenhatte die abblätternde Schrift auf dem Schaufenster versprochen.
Und nun stand er hier in seinem Badezimmer. Die warme Flüssigkeit war fast sofort in die Kopfhaut eingezogen. Weder an seinen Händen noch in der Flasche sah er Reste der Substanz. Auch der Geruch war verschwunden. Dafür fühlte er, wie sich Wärme auf seinem Kopf ausbreitete, bis hinunter zu den Ohren, hinten bis zum Nacken. Das war schon mal ein gutes Zeichen, beschloss er; es schien auf jeden Fall die Durchblutung anzuregen.
Er sah sich noch einen alten Western im Fernsehen an und ging früh zu Bett.
*
Mitten in der Nacht schrak er schweißgebadet auf. Sein Herz schlug wild. Er brauchte einen Moment, um sich klarzuwerden, wo er sich befand. In seiner Wohnung. In seinem Bett.Alles in Ordnung, nur ein Alptraum …Sein überhitzter Körper entspannte sich. Dann strampelte er kurz, um die Bettdecke zu wenden. Von der angenehm kühlen Seite bedeckt, fiel er zurück in unruhigen Schlaf.
Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, als er am nächsten Morgen erwachte. Es war Samstag, er musste nicht arbeiten; neue Haarwuchsmittel probierte er immer am Wochenende aus, damit er notfalls ohne Probleme zu Hause bleiben konnte. Mittel zum Einnehmen konnten Übelkeit verursachen. Mittel zum Auftragen konnten Hautausschläge bewirken. Alles schon erlebt. Auch diesmal fühlte er sich seltsam. Eine Art Druckgefühl im Kopf. Keine Schmerzen, nur eine dumpfe Anspannung im Innern. Als wäre sein Schädel zwei Nummern zu klein für sein Gehirn. Das Denken fiel ihm schwer.
Er schlurfte ins Badezimmer und war schlagartig hellwach. Der Mann im Spiegel, der ihm gestern noch zweifelnd beim Auftragen der Tinktur zugesehen hatte, war nicht mehr derselbe.
Haare! Ihm waren über Nacht Haare gewachsen! Ungefähr vier, vielleicht sogar fünf Millimeter lang, und sie waren überall! Mit einer Mischung aus Freude und Skepsis betastete Peter vorsichtig seinen Kopf. Er wusste ziemlich genau, dass so etwas nicht möglich war. Wenn überhaupt, hätte er nach einigen Tagen auf zarte Flaumhärchen hoffen dürfen, aber diese Haare waren alles andere als flaumig. Sie fühlten sich dick und vital an. Prüfend strich er sich über den Kopf, dann nochmals, etwas fester. Die Haare bogen sich unter seiner Hand und sprangen kraftvoll in ihre ursprüngliche Position zurück. Er hatte befürchtet, sie würden sich sofort lösen. Mit leicht zitternden Fingern klappte er die Spiegeltüren des Badezimmerschrankes aus und besah sich von allen Seiten.
Nicht länger bedeckte nur eine vereinzelte Insel des Bewuchses seinen Kopf. Die Haare bildeten nun eine geschlossene Einheit, glänzten vor nie gekannter Stärke und Gesundheit. Der Haaransatz verlief genau dort, wo er gestern mit dem Auftragen der Flüssigkeit begonnen hatte. Diese seltsame, wunderbare Flüssigkeit! Er konnte es immer noch nicht fassen, starrte mit offenem Mund in den Spiegel. Er sah fünfzehn Jahre jünger aus als zuvor – was teilweise wohl daran lag, dass er mit seinem Haarausfall zehn Jahre älter ausgesehen hatte, als er tatsächlich war.
Freudig erregt versuchte er, einen klaren Kopf zu behalten. Er durfte jetzt nicht zu viel Hoffnung schöpfen. Durchaus denkbar, dass es sich nur um einen kurzzeitigen Effekt handelte und die Haare so schnell wieder verschwanden, wie sie gekommen waren.
Trotzdem pfiff er unter der Dusche fröhlich vor sich hin. Den Kopf wusch er sich jedoch nicht. Das Wundermittel sollte so lange wie möglich einwirken.
Im Laufe des Tages betrachtete er sich in jeder spiegelnden Oberfläche seiner Wohnung. Er hatte das Gefühl, den Haaren fast beim Wachsen zusehen zu können. Vor lauter Aufregung vergaß er stundenlang das Essen. Erst gegen Abend meldete sich sein Magen und er briet ein Stück Putenbrust. Seine Haarlänge betrug zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Zentimeter.
Als er endlich ins Bett ging, waren sie fast so lang wie sein kleiner Finger und er begann, sich zu sorgen. Ein solches Wachstum war selbstverständlich nicht normal; was sollte er tun, wenn es nicht mehr aufhörte? Außerdem war etwas Seltsames an den Haaren, abgesehen von ihrer bloßen Existenz. Sie hatten immer noch dieselbe Farbe, dunkelblond, aber sie waren dicker und kräftiger als jemals zuvor. Vielleicht war das der Grund, warum sie sich fremd anfühlten, nicht wie ein Teil von ihm selbst. Außerdem hatte er weder Haarspray noch Gel benutzt, trotzdem lagen seine Haare nicht wirr auf dem Kopf, sondern sahen aus wie frisiert. Fuhr er mit den Händen hindurch, sprangen sie stets in ihre Form zurück.
Vermutlich lag es an dem Mittel, das er noch nicht herausgewaschen hatte, sagte er sich, während er seinen Körper vorsichtshalber nach weiterem unnatürlichen Haarwuchs absuchte. Dies alles war ihm nicht geheuer. Schon fürchtete er, als Wolfsmensch zu enden. Doch was immer es war, es betraf nur die Haare auf seinem Kopf; selbst seine Handflächen und Finger, mit denen er die Flüssigkeit einmassiert hatte, waren glatt und rosa wie zuvor. Vorsichtig bettete er sein Haupt auf das Kissen und fiel nach langer Zeit in abermals fiebrigen Schlaf.
*
Am Sonntagnachmittag stellten die Haare schließlich ihr Wachstum und Peter damit seine Panik ein. Sie reichten ihm fast bis auf die Schultern.
Er hatte noch nie derart lange Haare gehabt, fand aber, dass ihm das sehr gut stand. Er musste sich jedoch auch eingestehen, dass im Vergleich zu seinem vorherigen Zustand fast alles eine Verbesserung gewesen wäre. Mehrmals fuhr er sich durch die Haare und betrachtete danach seine Finger. Nichts. Wenn er das früher getan hatte, waren immer mindestens ein oder zwei Ausreißer in seiner Hand geblieben. Rasch ging er ins Schlafzimmer und untersuchte sein Kopfkissen. Auch dort fand er nichts. Kein einziges Haar hatte sich in der Nacht davongemacht. Er zupfte an einer Strähne, erst vorsichtig, dann etwas stärker. Er fühlte den Zug kaum, und kein Haar löste sich. Statt dessen rutschte die Strähne sofort wieder an ihren Platz, nachdem er sie losließ.
Fröhlich verließ er die Wohnung, um seine neue Haarpracht unter freiem Himmel zu genießen. Nicht eine Wolke zeigte sich, und obwohl es erst Mitte Mai war, herrschten schon hochsommerliche Temperaturen. Peter fühlte die Sonne und den Hauch einer Brise in seinem Gesicht, aber nicht mehr auf seiner Kopfhaut, worüber er sich freute wie ein frisch verliebter Teenager, der gerade den ersten Kuss von seiner Angebeteten erhalten hatte.
Carola. Sie würde ihn kaum wiedererkennen! Seine Finger berührten schon das Handy in seiner Hosentasche, dann kamen ihm Zweifel. Sollte er nicht zunächst abwarten, ob dieser Erfolg von Dauer war, bevor er sich mit ihr verabredete? Was, wenn seine neu gewonnenen Haare in ein paar Tagen wieder ausfielen? Oder sollte er eben deshalb keine Zeit verlieren und handeln, solange dieser Effekt anhielt? Er nagte an seiner Unterlippe.
Zwar trafen sie sich manchmal und sprachen über belanglose Dinge, beruhend auf seinem leicht durchschaubaren Vorschlag, Freunde zu bleiben. Doch ihr war klar, dass er sie zurückhaben wollte. Er konnte sich entsprechende Bemerkungen einfach nicht verkneifen. Von Mal zu Mal kostete es mehr Überredungskraft, sich mit ihr zu verabreden. Zumal ihr Neuer das wohl nicht gerne sah, doch ihr Herz war weich und sie wollte Peter offensichtlich die Trennung erleichtern. Trotzdem konnte sein nächster Zug bei ihr der letzte sein. Er beschloss, noch mindestens eine Woche zu warten.
Ein junges Mädchen im Minirock kam ihm entgegen und bemerkte seinen Blick. Peter stellte erstaunt fest, dass sie nicht wegschaute, wie er es eigentlich gewohnt war. Jetzt lächelte sie ihn sogar an! Etwas unbeholfen grinste er zurück, während er innerlich jubilierend an ihr vorbeiging und mit großen, beschwingten Schritten weiter durch die Stadt spazierte. Er hatte sich seit Ewigkeiten nicht mehr so gut gefühlt.
„Peter! Bist du’s wirklich?“ Carola erhob sich, um ihn zu umarmen und die obligatorischen Gute-Freunde-Begrüßungsküsschen auf die Wange vorzutäuschen.
„Ja, ich bin’s“, antwortete er lächelnd und nahm ihr gegenüber Platz. Er hatte einen Tisch in ihrem Lieblingsrestaurant reserviert, Don Giovanni. Leise Opernarien flossen aus versteckten Lautsprechern durch den Raum. Wie immer war die Beleuchtung sehr gedämpft; etwas, das ihm früher sehr entgegengekommen war, da er durch sein kleines Problem gelernt hatte, helles Licht von oben zu meiden. „Entschuldige die Verspätung, ich musste noch einige Dinge erledigen.“
„Kein Problem“, winkte sie ab, „die paar Minuten …“
Tatsächlich war er schon vor zwei Stunden bereit gewesen und in seiner Wohnung unruhig hin und her gewandert. Aber er hatte es für eine gute Idee gehalten, sie ein wenig warten zu lassen. Damit zerstreute er hoffentlich ihre Bedenken, dass sie ihm unangemessen viel bedeutete.
„Das ist also die versprochene Überraschung?“, fragte sie und konnte den skeptischen Blick nicht von seinen Haaren lassen.
„Ja. Wie findest du’s?“ Er drehte den Kopf in beide Richtungen.
„Phantastisch. Man merkt gar nicht, dass es eine Perücke ist.“
„Das liegt daran, dass es keine ist.“ Er grinste. Natürlich hatte er schon damals daran gedacht, sich ein Toupet zuzulegen, aber Carola hatte ihm diese Idee sofort wieder ausgeredet. Sie hasste Perücken. Ihre gerümpfte Nase sprach Bände. „Genau dasselbe haben meine Kollegen aber auch erst vermutet.“
„Willst du damit sagen, dass das dein eigenes Haar ist?“
„Ja.“
Sie sah ihn tadelnd an. „Vor drei Wochen haben wir uns das letzte Mal getroffen, und da sahst du noch genauso aus wie immer. Du willst mir doch nicht erzählen, dass du in der kurzen Zeit eine solche Matte bekommen hast? Das geht gar nicht.“
„Wie du siehst, geht es sehr wohl. Sogar innerhalb weniger Tage.“ Er beugte sich verschwörerisch vor und flüsterte: „Aber natürlich ist Magie mit im Spiel.“
Sie grinste ihn an. „Klar, Magie. Ich tippe ja eher auf Chemie. Hat die Wissenschaft also endlich die Gebete der erkahlenden Männer erhört.“
„Halleluja.“
„Phantastisch. Freut mich für dich. Und offenbar kostest du das nun voll aus, mit dieser Länge. Steht dir aber. Das gibt dir so etwas … Wildes.“
Ihre Augen funkelten ihn an.
Ich wusste es, dachte er und lehnte sich zurück. „Wie du siehst, geht es mir und meinen Haaren blendend. Und wie ist es dir in den letzten Wochen so ergangen? Dir und Christoph?“ Er wählte bewusst einen falschen Namen, um ihr zu zeigen, wie wenig ihn der Typ interessierte.
„Christian. Wir sind nicht mehr zusammen.“ Die Worte klangen beiläufig, sie sah dabei aber zur Seite. Offenbar war sie doch ziemlich verletzt. Peters Laune hob sich so schlagartig, wie sich seine Mundwinkel senkten.
„Oh. Das tut mir leid. Was ist denn passiert?“
„Vor zwei Wochen … Ach, ich würde lieber nicht darüber reden.“
„Klar. Entschuldige“, sagte er mit ehrlichem Bedauern und wechselte das Thema.
Ein paar Gläser Chianti und Kerzenschein hatten das Leuchten in Carolas Augen zurückgebracht. Auch Peter fühlte sich immer beschwingter. Er streckte seine Beine unter dem Tisch aus und berührte wie zufällig ihren Unterschenkel. Ihre Beine zuckten nicht zurück, wie sie es sonst getan hatten. Statt dessen lächelte sie ihn an. Sie beugte sich vor, um mit ihrem halbvollen Weinglas zu spielen, und gewährte ihm dadurch einen Blick in ihr Dekolleté. Auch etwas, das sie in den letzten Monaten vermieden hatte. Viel konnte er nicht sehen, dazu war ihr Sommerkleid nicht weit genug ausgeschnitten, doch was er sah, reichte aus, um ein Pochen in seiner Leistengegend zu erwecken. Das sanfte Licht ließ ihre Haut schimmern und erinnerte ihn daran, wie samtweich sie war. Carola trug selten einen BH, wenn sie ausging; ihre Brustwarzen zeichneten sich deutlich unter dem dünnen Stoff ab. Sein Atem ging schwerer und ließ die Flamme der Kerze erzittern.
„Ich würde sie gerne mal anfassen.“
„Was?“ Ein wenig irritiert sah er ihr wieder ins Gesicht.
„Deine Haare. Ich bin neugierig, wie sie sich wohl anfühlen.“ Sie streckte spielerisch die Hand nach seinem Kopf aus, genauso spielerisch wich er zurück.
„Du möchtest doch nicht hier vor allen Leuten an mir herumfummeln“, sagte er mit einem breiten Grinsen und setzte nach, bevor sie antworten konnte. „Das sieht doch komisch aus. Aber wenn du noch ein paar Minuten Zeit hast, kannst du ja kurz mit hochkommen und dir meine Haare in aller Ruhe ansehen.“
Er hoffte, dass es belanglos klang. Nicht so verzweifelt wie einige seiner Anrufe damals, in denen er sie angefleht hatte, zu ihm zurückzukehren.
Sie kräuselte einen Moment in nachdenklicher Pose ihre Stirn und lachte ihn dann an. „Okay. Aber wehe, es ist doch eine Perücke. Wenn das nur ein Trick ist, um mich in deine Wohnung zu kriegen …“ Sie drohte mit dem Zeigefinger. Beschwipster, als er gedacht hatte.
„Selbstverständlich nicht.“ Er nahm ihre Hand und drückte sie.
„Zahlen, bitte!“
Den kurzen Weg zu seiner Wohnung, die bis vor einigen Monaten noch ihre gemeinsame Wohnung gewesen war, gingen sie Arm in Arm. Oben angekommen, legte er eine Terence-Trent-D’Arby-CD auf, die sie todsicher in romantische Stimmung versetzte. Sie hatte es sich bereits auf dem Sofa bequem gemacht. Die Beine angewinkelt auf der Sitzfläche, kuschelte sie sich an die Rückenlehne, das Kinn auf die Hand gestützt. Er setzte sich neben sie, rutschte dann noch ein wenig näher und sah sie an.
Wortlos begann sie, ihm durch die Haare zu streichen. Von vorne nach hinten, über die Seiten, er spürte ihre Finger überall. Er genoss das Gefühl einige Momente, bevor er seine Hand hob und ihren Nacken kraulte. Sie schloss die Augen und beugte den Kopf vor.
Nach einer kleinen, wohligen Ewigkeit zog er sie zu sich heran und küsste sie auf die Stirn. Sie sah auf und er hauchte einen Kuss auf ihren Mund, den sie ihm leicht geöffnet darbot. Seine Zungenspitze fuhr kurz über ihre Lippen, bevor er in sie eintauchte. Zärtlich spielten ihre Zungen miteinander. Noch während des Kusses beugte er sich über sie, und sie ließ sich zurückdrängen, rutschte seitwärts an der Lehne des Sofas hinab, bis sie unter ihm lag.
Er löste sich von ihren Lippen und küsste ihren Hals, schmeckte ihre leicht salzige Haut, strich mit der Hand über ihre Brüste, ihre Taille, fasste den Hintern. Sanft knetete er ihn, wobei er mit jedem Griff ein wenig näher an sein eigentliches Ziel rückte. Endlich spürten seine Fingerspitzen die Hitze des nassen Feuers zwischen ihren Schenkeln.
Carola hob ihre Hand von seinem Nacken, und für einen Moment fürchtete er, sie könnte ihn von sich drücken oder seine Hand festhalten; irgendetwas tun, das die knisternde Elektrizität verpuffen lassen würde. Aber dann sah er ihren Blick. Sie hatte nicht die Absicht, sich zu schützen. Sie wollte, dass der Blitz einschlug, zwischen ihren Beinen. Wurden Blitze nicht von feuchten Stellen angezogen? Falls das stimmte, würde er genau da landen, wo sie ihn haben wollte.
„Mach’s mir“, hauchte sie ihm dorthin, wo sich unter der langen, kräftigen Mähne sein Ohr verbarg. „Mach’s mir mit deinen Haaren.“
Nackt lag sie vor ihm auf dem Bett, die Arme zum Kopfende ausgestreckt, die Beine leicht gespreizt. Es hatte nur wenige Sekunden gedauert, ihr Kleid und Höschen abzustreifen, und er war fast genauso schnell ausgezogen. Seine Erektion trug er wie eine Lanze vor sich her, als er auf das Bett kletterte und sich über sie beugte. Mit einem leichten Kuss auf die Stirn sorgte er dafür, dass sie ihre Augen schloss, ließ dann seine herabhängenden Haare über ihr Gesicht streichen, über ihre Augenlider, ihre Nase, ihre geöffneten Lippen, ihre Wangen. Er wanderte tiefer und sie hob das Kinn, um jede Stelle ihres Halses der Berührung preiszugeben. Seine Haare glitten sanft über ihre Schultern und folgten kurz den Innenseiten ihrer Arme, was ihr eine Gänsehaut verursachte. Doch selbst in den Achselhöhlen, in denen sie sonst sehr kitzlig war, schien sie den Reiz als angenehm zu empfinden.
Es ging weiter hinunter. Sie schien es kaum erwarten zu können, ihn auf ihren Brüsten zu spüren, bog sich ihm entgegen. Er strich über die weichen Hügel und die festen Türme in ihrem Zentrum. Ein leichtes Stöhnen entfloh ihrem Mund und sie reckte sich noch weiter empor. Sein Atem traf auf ihre Haut, während er ein paarmal kurz über ihre Brustwarzen leckte. Nach dieser kurzen Rast setzte er seine Reise über ihren Bauch fort, ließ ihren Venushügel aus und widmete sich den Beinen. Sie spreizte sie weit und drehte die Füße nach außen, wollte ihn auf den Innenseiten ihrer Schenkel spüren. Er ließ sich Zeit damit.
Endlich gelangte er an das heiße Zentrum ihres Körpers. Mit einer Hand zog er die ohnehin schon leicht geöffneten, vollen Lippen noch weiter auseinander und ließ seine Haare über das rosige Fleisch streichen. Zärtlich küsste er ihre Klitoris und fasste ein Bündel seiner Haare. Selbst diese schienen eine Erektion zu haben, es kam ihm vor, als versteiften sie sich in seiner Hand. Umso leichter konnte er mit ihnen jeden Winkel der feucht glänzenden Öffnung verwöhnen. Sie ließen sich sogar ein paar Zentimeter tief hineinstecken. Nach all den traurigen Monaten war er endlich wieder mit seiner Frau verbunden. Er küsste ihre Schenkel. Dann küsste er seine Haare.
Wie mit einem Pinsel strich er über den kleinen rosafarbenen Knubbel, der sich ihm entgegenreckte wie der Kopf eines Regenwurms, den die einsetzende Feuchtigkeit aus seinem unterirdischen Versteck lockte. Er hörte, wie Carola immer schwerer atmete und stöhnte. Dann war es soweit. Keuchend bäumte sie sich auf, ihr Körper zuckte, und erst, als ihre glühenden Schenkel wieder auf das Laken sanken, löste er sich von ihr.
Er legte sich neben sie. Während sie seinen Schwanz streichelte, küssten sie sich, wobei kein einziges seiner Haare im Wege war; nur Carola musste eine ihrer Strähnen aus ihrem Mund entfernen. Nach ein paar Minuten schwang sie sich auf ihn und revanchierte sich mit einem leidenschaftlichen Ritt.
*
Am nächsten Morgen fühlte sich Peter, als könnte er Bäume ausreißen. Als vermöchte er, heranrasende Güterzüge mit bloßer Hand zu stoppen. Als könnte er alles tun, alles erreichen, was er wollte. Er kam sich vor, als wäre er Gott. Jetzt wusste er, wie sich der Präsident der Vereinigten Staaten fühlen musste.
Nach all den einsamen Nächten, nach all den Tränen, die sein Kopfkissen hatte aufsaugen müssen, waren er und Carola wieder ein Paar.
Er brachte seine Arbeit beschwingt hinter sich, in Gedanken bei ihr, im Bett. „Ich ruf dich an“, klangen ihre Abschiedsworte noch in seinen Ohren, also wartete er geduldig. Die Zeit bis dahin nutzte er, um ihren ehemaligen Bereich im Kleiderschrank freizuräumen, in den er sich ausgebreitet hatte. Er freute sich darauf, mit ihr zu besprechen, wie sie wieder zusammenziehen und ihre gemeinsame Zukunft gestalten würden. Sich zusammensetzen und die Differenzen der Vergangenheit aus der Welt schaffen. Kompromisse erarbeiten. Lösungen finden. Das volle Programm.
Endlich, am späten Abend, klingelte das Telefon.
„Carola! Wie geht’s dir, Liebling?“
„Hallo. Gut. Danke.“ Sie zögerte.
Peter lächelte verständnisvoll. Er wusste, dass es keine angenehme Situation für sie sein konnte. Immerhin hatte sie einen schweren Fehler begangen, als sie ihn verließ. Es war sicher nicht leicht, das einzugestehen und sich bei ihm zu entschuldigen. Ihn zu bitten, sie wieder aufzunehmen. Er entschied sich, ihr entgegenzukommen.
„Ich weiß, was du jetzt sagen willst. Ich verstehe, dass das nicht einfach ist. Aber du kannst mir vertrauen, ich verurteile dich nicht. Wir haben beide Fehler gemacht, das weiß ich. Ich bin an der ganzen Sache ja auch nicht völlig schuldlos. Aber ich bin sicher, wir können so was in Zukunft vermeiden.“
„Wow“, sagte sie, und er konnte deutlich den Stein hören, der ihr vom Herzen fiel. „Ich hätte nicht gedacht, dass du das so locker siehst. Ich bin echt überrascht. Genau dasselbe habe ich mir nämlich auch gedacht. Das war ein einmaliger Ausrutscher, der nicht wieder vorkommen wird, das sollten wir uns beide versprechen.“
„Ein Mordsausrutscher war das“, lachte er. So leicht würde er sie nun aber auch wieder nicht davonkommen lassen. „Ein sechsmonatiger Ausrutscher.“
„Wieso sechs Monate?“
„Na, falls du nicht mitgezählt hast: So lange ist es her, dass du diesen kleinen Fehler begangen hast.“
„Welchen Fehler?“
„Na, dein Auszug. Und dieser … Kerl.“
Einen Moment lang herrschte Stille in der Leitung.
„Peter, ich rede von letzter Nacht. Das war der einmalige Ausrutscher, der nicht mehr vorkommen wird.“
„Aber wieso … das war, das war doch …“ Er brauchte einen Moment, um seine Gedanken zu sortieren. Seine Eingeweide zogen sich zusammen. Er konnte nicht atmen. Aus dem Telefonhörer drang nur luftloses Schweigen. „Du kommst nicht zu mir zurück?“
„Ganz bestimmt nicht! Entschuldige, das sollte nicht so hart klingen. Nein, ich komme nicht zurück. Das haben wir doch alles schon besprochen. Es hat sich doch nichts geändert und das wird es auch nicht.“
„Ich hab jetzt Haare!“
Sie stöhnte genervt auf. „Das liegt doch nicht an den Haaren! Das habe ich dir auch schon gesagt. Du mit deinen Haaren! Das ist zu einer fixen Idee geworden, Peter, hör auf damit. Du hast jetzt Haare, schön, aber du bist immer noch derselbe. Und ich bin auch immer noch dieselbe. Und wir passen immer noch nicht zueinander. Das ist meine Meinung, und daran wird sich auch nichts ändern, Haare hin oder her.“
„Was war das dann gestern, hm? Nachdem du mich mit meinen Haaren gesehen hast, wolltest du doch gleich mit mir ins Bett!“
„Das stimmt doch gar nicht! Das war der Wein. Oder das Sommerwetter, da gehen schon mal die Hormone mit einem durch. Vielleicht brauchte ich auch nur ein bisschen Trost nach dieser Scheiße mit Christian. Ich weiß es nicht. Deine Haare sehen gut aus, Peter. Aber es lag nicht an deinen Haaren, dass wir gestern im Bett gelandet sind. Und es liegt auch nicht an deinen Haaren, dass das nicht mehr vorkommen wird. Verstehst du das?“
„Nein, das verstehe ich nicht! Du kannst doch nicht einfach …“ Er schluckte und wusste nicht, wie er den Satz zu Ende führen sollte. Die Schwerkraft war aufgehoben, er trieb haltlos mit dem Hörer am Ohr durch das Zimmer. Wie ein Stück Weltraumschrott. Der einzig klare Gedanke war, dass er nicht am Telefon weinen wollte.
Ihre Stimme wurde weicher. „Hey, es tut mir leid. Es tut mir wirklich leid. Ich hätte das gestern nicht tun sollen, und wenn ich könnte, würde ich es ungeschehen machen. Ich habe einfach nicht nachgedacht. Entschuldige. Pass auf dich auf.“
Er hörte nicht einmal ein Klicken, dann war sie weg.
Dini Leuwarden war jung, hübsch und verzweifelt.
Der Grund ihrer Verzweiflung saß in Form einer älteren Frau vor ihr auf dem Frisierstuhl und warf ihr im Spiegel einen weiteren giftigen Blick zu. Würde dieses Biest nicht jede ihrer Bewegungen verfolgen, Dini hätte ihr schon längst die Schere in den Rücken gerammt. Mehrmals.
„Ach Gott! Nein, nein, nein. Das sieht ja schlimm aus. Junges Fräulein, Ihre Kollegin hat das immer viel, viel besser gemacht als Sie!“
Dini ahnte, was jetzt kam. Sie hatte der Zicke zweimal die Haare färben müssen, weil der erste Braunton nicht so aussah, wie sie es sich vorgestellt hatte. Anschließend musste sie ihr mehrmals die Haare waschen, weil sie behauptete, dass sie ein unangenehmes Gefühl auf der Kopfhaut hätte. Und nun beschwerte sich die Kundin auch noch über den Haarschnitt, obwohl sie Dini kaum freie Hand ließ, sondern ständig Anweisungen gab.
„Sandra ist ja nun mal leider krank“, sagte sie und versuchte, ruhig zu bleiben. „Es tut mir leid, wenn Sie unzufrieden sind.“
„Oh ja, ich bin unzufrieden! Und das zu Recht!“
Beide starrten sich im Spiegel an. Schließlich gab Dini auf und verdrehte die Augen. Sie bemühte sich, nicht zu aufsässig zu klingen. „Also schön, ich werde noch mal nachschneiden.“ Sie legte den Handspiegel beiseite und griff nach der Schere.
„Um Gottes willen, dann machen Sie alles nur noch schlimmer! Sie haben viel zu viel weggenommen, und Sie können wohl kaum die Haare einen Zentimeter länger schneiden!“
Nein, aber ich könnte dich einen Kopf kürzer machen, dachte Dini, damit wäre uns beiden geholfen.
„Los, los, lassen Sie mich bloß raus hier!“, fauchte die Meckerliese und zerrte am Kragen des Umhangs herum. Dini befreite sie und folgte ihr zur Kasse.
„Eigentlich sollte ich Sie verklagen!“ Die Frau wühlte ihre Geldbörse aus der Handtasche hervor. „Ich weiß nicht, ob ich hier noch mal herkomme!“
Damit drehte sie sich um und stolzierte aus der Tür.
„Das klang nicht nach Trinkgeld.“ Tanja stand neben ihr und grinste sie an.
„Nach fünf Minuten hätte ich der Kuh Geld gegeben, wenn sie dann verschwunden wäre.“ Sie sprach leise, damit die wartenden Kunden sie nicht hören konnten.
„Mach dir nix draus. Sandra ist die Einzige, mit der sie kann. Alle anderen versucht sie zum Weinen zu bringen, glaube ich. Blöde Fotze.“
„Tanja! Nicht so laut! Aber du hast recht, sie ist ein Miststück. Naja, ist ja Gott sei Dank bald Feierabend.“
Sie holte den Besen, fegte die abgeschnittenen Haare des fleischgewordenen Alptraums zusammen und kehrte sie zu einer langen, schmalen Öffnung, die sich in Bodenhöhe in der Wand befand. Ein stetiger leichter Luftzug saugte die Haare ein. Dann trat sie zu den wartenden Kunden. Eigentlich wäre ein kleiner Junge als Nächster dran, der neben seiner Mutter in seinem Sessel herumzappelte; aber er schien keine Sekunde stillsitzen zu können, und dafür hatte sie jetzt gerade absolut keine Nerven. Sie wandte sich statt dessen an einen gutaussehenden Mann. Ein gutes Stück älter als sie, aber darauf kam es schließlich nicht an.
„Sie sind der Nächste“, entschied sie, winkte ihn zu sich und führte ihn zu ihrem Platz. Behutsam legte sie ihm den Umhang an. „Wie hätten Sie’s denn gerne?“
„Kürzer.“
Er schien nicht allzu guter Laune zu sein. Die Hoffnung auf ein lockeres Gespräch oder gar einen aufbauenden Flirt konnte sie wohl fahren lassen. Was war heute bloß los mit den Leuten?
„Nur die Spitzen?“
„Nein, richtig kurz. Keine Ahnung. So ungefähr“, sagte der Mann lustlos und deutete auf ein Plakat, auf dem ein männliches Model mit einer Kurzhaarfrisur abgebildet war.
„Oha, so kurz? Sind Sie sicher? Ich frage lieber, denn wenn die Haare erstmal ab sind, dann dauert es Jahre, bis sie wieder diese Länge haben.“
„Mir egal“, antwortete er.
Nach etwas über zwanzig Minuten war Peter Schoh seine letzte Nacht, seine letzte vertane Chance auf ein Leben mit Carola los. Natürlich konnte er die Ereignisse nicht aus seinem Gedächtnis schneiden, aber nun wurde er zumindest nicht bei jedem Blick in den Spiegel daran erinnert. Er sah nun ganz anders aus. Besser. Anders. Das war wieder einmal gleichbedeutend für ihn. Er verließ den Friseursalon mit dem trotzigen, flauen Gefühl einer letzten siegreichen Schlacht in einem längst verlorenen Krieg.
Dini sah ihm etwas länger als nötig nach. Das Haar dieses Mannes war wunderbar voll und kräftig, so kräftig, dass selbst ihre schärfste Schere ihre liebe Not mit dem Durchtrennen gehabt hatte. Außerdem sprangen die Haare immer wieder zurück in ihre Form, jedenfalls bis sie geschnitten waren. Danach ließen sie sich problemlos in eine Frisur wie bei dem Vorbild auf dem Poster formen, sie hatte weder Gel noch Schaumfestiger benutzen müssen. Sie hätte den Typen fragen sollen, ob er etwas Spezielles benutzte, ein Shampoo oder so was. Solche Haare hätte sie auch gerne.
*
Dem kleinen Flittchen werde ich’s schon noch zeigen, dachte Hildegard Waszciewski noch Stunden später, während sie sich ärgerlich im Spiegel betrachtete. Die Frisur ließ sie alt aussehen und ihr Gesicht feist wirken. Sie war tatsächlich alt und hatte ein feistes Gesicht, aber es war der Job dieser kleinen Schlampe gewesen, das zu vertuschen. Wie sie schon rumgelaufen war, mit diesem Minirock und dem viel zu engen T-Shirt. Vermutlich hatte sie bis in die Morgenstunden in irgendwelchen zwielichtigen Tanzlokalen mit Kerlen rumgemacht.
Hildegard würde sich rächen. Sie wusste zwar nicht, wo diese Schickse wohnte, aber sie wusste, wo sie arbeitete.
„Wir gehen“, sagte sie zu Nestor, der bereits sehnsüchtig an der Tür wartete.
Als tierlieb konnte sie sich nicht bezeichnen; doch nach dem Tod ihres Mannes hatte sie jemand anderen zum Herumkommandieren gebraucht. Heute Abend hatte der kleine Yorkshireterrier die dreifache Portion Hundefutter essen müssen. Immer wieder hatte sie sich gezwungen gesehen, sein kleines Schnäuzchen in den Napf zu drücken, bis er alles hinuntergewürgt hatte. Schließlich sollte er gleich einen richtig großen Haufen machen, direkt vor die Eingangstür dieses miserablen Friseursalons. Sie malte sich aus, wie diese kleine Nutte, die für ihre Frisur verantwortlich war, den Haufen dann morgen früh wegmachen musste. Vielleicht würde sie sogar mit ihren modischen Luderschuhen mitten hineintreten, wenn sie zur Arbeit kam. Der Gedanke ließ Hildegard selig lächeln.
Seit fast einer Stunde winselte Nestor schon an der Tür, aber erst jetzt bot die einsetzende Dunkelheit ausreichend Schutz. Zwar lag der Salon in einer ruhigen Straße, ein Risiko wollte sie dennoch nicht eingehen. Schließlich musste sie auf ihren Ruf achten.
Unterwegs versuchte Nestor bei jedem Baum erfolglos, sein Geschäft zu verrichten. Jedes Mal zischte Hildegard: „Hier nicht!“, und riss abrupt an der Leine. Sie konnte ihr Ziel schon sehen, zum Greifen nah. Doch kurz bevor sie die Eingangstür des Ladens erreichte, trat ein Pärchen aus einem weiter hinten gelegenen Haus und schlenderte ihr entgegen.
Innerlich fluchend ging sie weiter, an der Tür vorbei. Dem jungen Paar warf sie einen missgünstigen Blick zu, dann bog sie in die kleine Seitengasse neben dem Friseurgeschäft. Sie würde einen Moment warten, bis die beiden verschwunden waren, und anschließend zurückkehren, um ihren Racheplan in die Tat umzusetzen. Heftig rüttelte sie an der Leine, damit Nestor nicht auf den Gedanken kam, sich hier Erleichterung zu verschaffen, und zählte in Gedanken langsam bis zehn.
Kaum damit fertig, den Fuß bereits zum Gehen gehoben, ließ sie ein leises Geräusch zusammenfahren. Sie fasste die Leine fester. Im Falle eines Angriffs wollte sie Nestor, der alles andere als ein Kampfhund war, an seiner Leine wie ein Lasso über ihrem Kopf schwingen und mit ihm auf den Bösewicht einprügeln. Ausgemalt hatte sie sich ein solches Szenario schon des Öfteren. Sie war vorbereitet.
Blitzartig wirbelte sie herum.
Doch hinter ihr stand niemand. Sie kniff die Augen zusammen. Im trüben Licht, das von einer verschmutzten Lampe über dem Hinterausgang des Friseursalons kam, waren lediglich drei Müllcontainer zu sehen. Die Klappe des letzten zitterte leicht, als sich das Geräusch wiederholte.
Es raschelte.
Ratten!, dachte sie erfreut. Das sind Ratten!
Sie kannte keine Angst vor Ratten, Spinnen, Schlangen und ähnlichem Getier, ganz im Gegenteil, sie war dankbar, wenn sie den Weg dieses Ungeziefers kreuzte. Wann immer sich ihr die Gelegenheit bot, ein solches Wesen vor seinen Schöpfer zu schicken, nutzte sie diese. Und in diesem speziellen Fall konnte sie den Friseurladen vielleicht wegen Hygienemängeln anzeigen! Das wäre ja fast noch besser als ihr ursprünglicher Plan!
Sie musterte den Container prüfend, öffnete den Deckel einen Spalt und blinzelte hinein. Es war viel zu dunkel darin, um etwas zu erkennen.
Nestor nutzte die Pause, um endlich seinen Darm zu erleichtern. Stolz beschnupperte er seinen Haufen, während sein Frauchen mit der freien Hand den Deckel hob, bis er an der Hauswand lehnte.
Hildegard sah nun ebenfalls einen Haufen. Einen großen Haufen Haare.
Und zwar einen, der sich plötzlich bewegte. Nicht so, als huschte ein kleines Tier unter dem Haarberg herum – der Haufen Haare bewegte sich als Ganzes.
Ein Hund! Einer von diesen Hunden, bei denen man vor lauter Fell nicht weiß, wo vorne und hinten ist, wie heißen die noch gleich? Bobtail! Da hat jemand einen lebenden Bobtail weggeworfen!
Sie verwarf den Gedanken sofort als Blödsinn. Das Vieh war vermutlich auf der Suche nach etwas Essbarem in den Müllcontainer geklettert und nicht mehr herausgekommen. Also würde sie einfach den Deckel wieder schließen und den Hundefänger rufen.
„Und wenn du kein Halsband hast, war’s das für dich“, sagte sie.
Das Ding in der Tonne änderte seine Form. Verblüfft sah sie zu, wie sich ein Arm aus der Mitte des Haarhaufens formte. Ein Tentakel aus Fell, das sich aufrecht vor ihr erhob, bis es ungefähr auf Augenhöhe vor ihrem Gesicht schwebte. Wie eine Kobra, die sich zu den Tönen eines Schlangenbeschwörers aus ihrem Korb gehoben hatte. Sie kannte das aus dem Fernsehen.
„Was, äh …“, murmelte sie.
Dann schoss das Tentakel auf sie zu und wickelte sich um eine Strähne ihrer verunstalteten Frisur. Eine Sekunde lang war sie erleichtert, dass es wohl doch Zeugen dieses unerhörten Vorfalls gab. Doch als der heiße Schmerz einsetzte, begriff sie, dass das Blitzlicht eines Fotoapparates nur eine Täuschung, das gleißende Licht nur vor ihrem inneren Auge aufgeblitzt war. Sie jaulte und presste ihre Hand dorthin, wo sich eben noch die Handvoll Haare befunden hatte, die nun von diesem Tentakel gehalten vor ihren Augen baumelte.
Egal, um was es sich bei diesem Vieh handelte, es war bösartig. Sie musste weglaufen und Hilfe holen, und dann würde irgendjemand dafür bezahlen.
Sie machte einen schnellen Schritt zurück und wollte sich umdrehen, doch sie trat in etwas Feuchtes, Weiches und rutschte aus. Rücklings schlug sie auf das Pflaster. Für einen Moment sah sie Sterne, die kalt und teilnahmslos herabschienen, dann kam das Ding aus dem Müll über sie. Letztlich panisch, öffnete sie den Mund um zu schreien, aber der haarige Arm fuhr ihr direkt in die Kehle. Sie griff nach ihm, doch ein Seil wand sich um ihre Hände und Füße und hielt sie fest.
Während sie langsam erstickte, begann es, ihr auch die übrigen Haare auszureißen.
Kriminalhauptkommissar Ferdinand Krüger zeigte ein besonders grimmiges Gesicht, als er sich den Tatort ansah, denn das Erste, was ihm ins Auge fiel, war Beckmanns Visage. Beckmann von der Spurensicherung, dieser unerträgliche Spießer. Im Moment stocherte der mit gerümpfter Nase in irgendwelchen Müllcontainern. Obwohl Krüger eine entsprechende Bemerkung auf der Zunge lag, nahm er sich vor, den Kerl vorerst zu ignorieren. Statt dessen schlurfte er zu seinem Kollegen, der in sicherer Entfernung um einen wie üblich leblosen Körper auf dem Pflaster herumstromerte.
„Morgen Alex“, gähnte er.
„Morgen, alter Junge. Wie geht’s?“
„Frag mich das noch mal, wenn ich aufgewacht bin. Was haben wir hier?“
„Eine weibliche Tote, Todesursache noch unbekannt, gegen sechs Uhr dreißig von einem Fußgänger entdeckt. Halt dich fest: Man hat ihr sämtliche Haare ausgerissen. Sie ist praktisch skalpiert worden, oder wie man das nennt. Du weißt schon, was die Indianer früher immer gemacht haben.“
„Indianer, hm? Und wo sind die Haare? Beziehungsweise der Skalp?“
„Sieht so aus, als hätte der Mörder sie mitgenommen. Bisher haben wir jedenfalls nichts gefunden.“
„Oh Mann.“ Er sah sich in der fensterlosen Gasse um. „Zeugen?“
„Bis jetzt hat sich niemand gemeldet.“
„Dann müssen wir nachher Klinken putzen gehen.“
„Die Gegend sieht nicht so aus, als wenn abends hier noch viel los wäre.“
„Wenigstens kommen wir so bei dem schönen Wetter auch mal raus. Und vielleicht hat doch jemand was gehört oder gesehen.“ Krüger sah zur Leiche hinüber und trat zwei Schritte näher, um einen genaueren Blick auf das Opfer zu werfen.
„He, Kommissar, zurück bitte!“, bellte Beckmann ihn sofort an.
„Was denn, hier ist doch nichts.“
„Das können Sie gar nicht beurteilen! Es ist unsere Aufgabe, Spuren zu sichern, und da hilft es nicht, wenn Sie überall herumtrampeln!“
„Jaja.“ Übertrieben vorsichtig machte er zwei Schritte rückwärts, dann wandte er sich an einen Streifenbeamten.
„Ein paar Häuser weiter ist eine Bäckerei, könnten Sie mir da einen Becher Kaffee besorgen? Schwarz?“, flüsterte er, allerdings nicht leise genug.
„Das müssen Sie nicht tun!“, rief Beckmann dem Polizisten zu. „Der Herr Kommissar hat gar kein Recht dazu, Sie zum Kaffeeholen zu schicken!“
„Kein Problem“, antwortete der Beamte grinsend, zwinkerte seinem Vorgesetzten zu und würdigte Beckmann keines Blickes.
„Vielen Dank. So wie ich unseren Kollegen von der SpuSi kenne, kann das nämlich noch Stunden dauern. Da muss man doch irgendwie wach bleiben.“
„Ich arbeite eben gründlich. Und Sie sollten vielleicht früher ins Bett gehen, dann sind Sie morgens auch früher frisch.“
„Ich muss bis spät in die Nacht Mörder fangen, ich habe da keine Zeit zum Schlafen.“
„Wenn Sie gründlicher arbeiten würden, könnten Sie Ihre Fälle auch schneller lösen, und um so mehr Zeit haben Sie für Ihre Nickerchen.“
„Die habe ich ja jetzt.“
„Sie irren sich, Kommissar, wie so oft.“ Beckmann ließ den Blick noch ein letztes Mal umherschweifen und zog seine Latexhandschuhe aus. „Wir sind fertig.“
„Na endlich. Dann können Sie mir vielleicht jetzt mal ein paar Details liefern.“ Er trat an den Tatort. Der Teint der Toten war bläulich-wächsern, die Kopfhaut eine mit dunklen Klecksen verzierte Glatze.
„Also, was ist hier passiert?“
„Wer weiß. Keine eindeutigen Spuren, abgesehen von der Leiche. Man hat ihr sämtliche Haare ausgerissen, mit Teilen der Kopfhaut. Hautabschürfungen an Armen und Beinen, offenbar Fesselspuren. Geldbörse und Schmuck sind noch vorhanden, also wohl kein Raub.“
„Todesursache?“
„Unbekannt.“
„Ersticken?“
„Hören Sie mir eigentlich zu? Todesursache unbekannt! Ich werde hier mit Sicherheit nichts sagen, worauf Sie mich später irgendwie festnageln können. Warten Sie auf die Gerichtsmedizin.“
„Jaja, schon gut. Aber die Frau ist blau wie ’n Schlumpf, was soll das denn anderes sein?“, murmelte er mehr zu sich selbst und sah sich weiter um. Sein Zeigefinger schoss vor. „Was ist das da?“
Eine schwarze Schnur verlief von irgendwo unter der Leiche zu einem kleinen weißen Häufchen ein paar Meter weiter, das Alex gerade mit seiner Schuhspitze anstupste.
„Das ist ihr Hund“, rief er herüber. „Und jetzt kommt’s: Dem hat man auch alle Haare ausgerissen. Zuerst dachte ich, es wäre einer von diesen Nackthunden, wie heißen die doch gleich? Diese kleinen Hunde ohne Fell?“
„Weiß ich nicht. Ist doch egal.“
„Ja, so kennen wir unseren Kommissar Krüger. Ein Musterbeispiel an Unwissenheit und Desinteresse“, mischte sich Beckmann ein.
„Ach ja? Was ist das dort am Schuh der Toten?“
„Ich tippe auf Hundescheiße, Herr Kommissar.“
„Ich denke, ich bekomme Fakten und keine Vermutungen von Ihnen? Ich will eine vollständige Analyse. Ich will wissen, von welchem Hund dieser Haufen stammt. Ich kann nämlich nicht glauben, dass der kleine Pinscher so einen Riesenberg produziert haben soll.“
„Der sieht bestimmt nur so klein aus, weil das Fell ab ist“, warf Alex ein und sah zwischen den beiden Männern hin und her, die sich wütend anfunkelten.
„Ich glaube nicht, dass das den Ermittlungen dienlich wäre, Herr Kommissar“, schnappte Beckmann.
„Das können Sie gar nicht beurteilen. Ich arbeite eben doch gründlich. Was, wenn der Mörder nun auch mit einem Hund unterwegs war und dieser Haufen uns auf seine Spur bringen könnte? Zeigen Sie mal ein wenig Phantasie, Beckmann.“ Er schob das mehr schlecht als recht rasierte Kinn vor, richtete sich zu seiner vollen Größe von einem Meter fünfundachtzig auf und bemühte sich, aus seinen blauen Augen einen eiskalten und harten Blick abzuschießen, musste dabei jedoch blinzeln, weil gerade in diesem Moment die Morgensonne über ein Hausdach trat und ihn blendete.
Wutschnaubend füllte der Spurensicherer mit einem winzigen Schäufelchen eine Probe in einen Plastikbeutel und stapfte davon.
„Du zeigst auf jeden Fall viel Phantasie“, lobte Alex.
„Klar. Wenn ich diesem Kerl eins auswischen kann, wachse ich über mich selbst hinaus.“ Sie grinsten sich an.
„Wie lange geht das eigentlich schon so mit euch?“
„Das klingt ja, als hätte ich eine Affäre mit dem Arschloch.“
„Es ist so eine Art Hassliebe, oder?“
„Das trifft es schon eher, ist aber nur halbwahr.“
„Und welche Hälfte davon ist wahr?“
„Die erste natürlich.“
„Dachte ich mir. Ich finde das jedenfalls toll, wie ihr euch immer anzickt.“
„Du findest das toll?“
„Ja, dagegen kommt mir meine Ehe fast normal vor.“
„Ich bin immer froh, wenn ich helfen kann.“ Krüger blickte auf die sterblichen Überreste zu seinen Füßen. „Hat die Tote einen Namen?“
„Und was für einen. Hildegard Waschinski, nein, Moment, ich hab’s mir aufgeschrieben. Hier ist es: Waszciewski.“ Er buchstabierte und Ferdinand seufzte.
„Es sollte verboten werden, Leute mit komplizierten Namen umzubringen.“
„Du sagst es.“
„Wir nennen sie ab jetzt nur noch Hildegard.“
„Oder vielleicht nur Hilde?“
„Ist okay für mich. Wissen wir, wo sie wohnt? Wohnte?“
„Jupp.“
„Dann warten wir jetzt noch kurz auf meinen Kaffee und machen uns auf den Weg.“
*
Die Durchsuchung der Wohnung brachte außer einer beunruhigenden Vorliebe des Opfers für lebensechte Kinderpuppen keinerlei Hinweise. Eine Befragung der Nachbarn über Hildes Leben skizzierte das Bild einer älteren, zurückgezogen lebenden Frau, deren soziale Kontakte sich auf gelegentliche Streitereien beschränkte. Sicher wurden irgendwo Leute wegen eines zu lauten Fernsehers ermordet, hier jedoch zweifelten die Ermittler an einem derartigen Motiv. Gewissenhaft notierten sie trotzdem alles, bevor sie ins Büro zurückkehrten. Der vorläufige Obduktionsbericht wartete bereits in Krügers E-Mail-Postfach. Er leitete ihn die drei Meter zu seinem Kollegen weiter, und gemeinsam gingen sie durch die Angaben, jeder an seinem Schreibtisch sitzend.
„Entfernung der Kopfhaare durch starken Zug.“
„Hautabschürfungen, hauptsächlich im Bereich der Hand- und Fußgelenke.“
„Zum Zeitpunkt dieser Verletzungen war sie noch am Leben.“
„Autsch. Und dann: Todeszeitpunkt vermutlich zwischen 23.30 Uhr und 1.30 Uhr. Todesursache: Einführung eines bislang unbekannten Objektes in den Hals des Opfers, was zum Erstickungstod führte.“
„Denkst du dasselbe wie ich?“
„Schwein.“
„Und das hier ist auch seltsam. Man hat in Hildes Hals und Lunge diverse Haare gefunden, und zwar offenbar nicht ihre eigenen. Zwar steht die Analyse noch aus, aber sie scheinen von verschiedenen Personen zu stammen.“
„Du meinst, eine Horde Zombies hat sie umgebracht?“
„Nein. Ich meine verschieden im Sinne von unterschiedlich.“
„Ach so. Sieh mal, auch an den Hautabschürfungen sind Haare gefunden worden.“
„Mysteriös.“
„Nicht, wenn man bedenkt, dass direkt neben der Gasse ein Friseursalon ist. Und in den Müllcontainern, bei denen wir Hilde gefunden haben, könnten Haarabfälle aus dem Salon sein. Beim Kampf mit dem Mörder sind vielleicht ein paar herumgeweht und sie hat welche eingeatmet. Da liegen bestimmt überall Haarschnipsel rum.“
„Klingt logisch. Warten wir mal, was Beckmann zum Tatort zu sagen hat.“
Krüger stand auf und dehnte seinen Rücken. Endlich wieder ein interessanter Fall. Das Geheimnis seltsamer Umstände, die es zu entschlüsseln galt. Oft genug entpuppten sie sich als bizarre Zufälle, doch diesmal sagte ihm sein Gefühl, dass mehr dahintersteckte. Er trat ans Fenster, spähte hinaus in den wolkenlosen Himmel, dann nach unten auf die Straße. Irgendwo dort draußen wusste er seine Beute.
„Wir machen uns jetzt auf die Suche nach Zeugen in der Nähe des Tatorts. Es war eine laue Sommernacht, vielleicht spazierte da doch jemand herum und hat was gesehen.“
Alex erhob sich ebenfalls. „Welches Foto sollen wir nehmen, um es den Leuten zu zeigen? Eins aus dem Fotoalbum aus Hildes Wohnung oder eins aus dem Obduktionsbericht?“
„Sehr witzig. Such mal ein hübsches aus dem Album raus.“
„Das wird schwer, auf den meisten guckt sie so böse.“
„Hilde hat wohl nicht viel zu Lachen gehabt. Nimm ruhig eines von den Fotos, auf denen sie böse guckt. Die Leute sollen sie schließlich auch erkennen.“
*
Krüger betrachtete mit Wohlgefallen das junge Mädchen, das auf ihn zukam. Anfang zwanzig, blonde Locken, ein hübsches Gesicht mit Stupsnase, und ihre Kleidung ließ keinen Zweifel an ihrer guten Figur. Manchmal bot sein Leben als ewiger Junggeselle doch ein paar Lichtblicke, Raum für Träumereien – und mehr. Gelegenheiten für eine andere Art von Jagd, die er nicht missen mochte, selbst wenn er sie nicht immer nutzte. Vor allem nicht unter solchen Umständen.
Nervös blickte sie ihn aus grünen Augen an. Als ob sie wüsste, was ihre Chefin ihm gerade erzählt hatte.
„Sie wollten mich sprechen?“
„Ja. Ferdinand Krüger, Kriminalpolizei.“ Er steckte seinen Ausweis weg, nachdem er sicher war, dass sie das schmeichelhafte Bild von ihm darauf zur Kenntnis genommen hatte. „Sie sind Dini Leuwarden?“
„Ja. Worum geht es?“
„Kennen Sie diese Frau?“
Sie betrachtete das Foto und senkte dann kurz den Blick. „Oh. Verstehe. Sie war gestern hier.“
„Und was wollte sie?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Nichts Besonderes. Färben und Schneiden. Normalerweise wird sie von einer Kollegin bedient, Sandra, aber die ist gerade krank.“
„Das geht zur Zeit um.“
„Was?“
„Eine Sommergrippe. Bei uns sind auch eine Menge Kollegen krank.“ Ein paar alltägliche Bemerkungen halfen stets, die Situation etwas aufzulockern.
„Aha.“
„Ihre Chefin sagte mir, dass Sie sich mit dieser speziellen Kundin nicht so gut verstanden haben?“
Dini stemmte die Hände in die Seiten und nahm einen herausfordernden Gesichtsausdruck an. „Hören Sie, worauf wollen Sie eigentlich hinaus? Lassen Sie doch diese Spielchen! Hat dieses Miststück mich tatsächlich angezeigt? Wegen was? Körperverletzung? Ich habe mich höchstens übermenschlicher Geduld schuldig gemacht, so wie die herumgezickt hat.“ Sie wurde ein wenig unsicherer. „Brauche ich jetzt einen Anwalt?“
„Ich weiß nicht, ob Sie einen brauchen. Ist aber Ihr gutes Recht, einen einzuschalten, wenn Sie möchten. Aber Sie helfen mir mehr, wenn Sie meine Fragen beantworten. Wann haben Sie Hilde … also diese Frau zuletzt gesehen?“
„Gestern Nachmittag, als sie aus dem Laden ging.“
„Ist Ihnen irgendetwas Ungewöhnliches aufgefallen?“
„Wie meinen Sie das, ungewöhnlich? Nein. Sie war extrem unfreundlich, aber das ist bei dieser Person offenbar normal.“
„Wo waren Sie gestern Nacht zwischen 23.30 Uhr und 1.30 Uhr?“
„Was hat das denn damit zu tun? Ich war zu Hause.“
„Allein?“
„Sie gehen ganz schön ran, was, Herr Kommissar? Ja, ich war allein zu Hause.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust und sah ihn trotzig an. „Hat sie mich nun angezeigt, oder was?“
„Nein, sie hat Sie nicht angezeigt.“
Er konnte sehen, wie sie erleichtert aufatmete.
„Frau Leuwarden, Sie stehen unter Mordverdacht.“
*
Alex grinste ihn an und legte die Füße auf den Schreibtisch. „Du bist ein fieser Hund.“
„Naja, immerhin habe ich sie gleich darauf beruhigt und ihr gesagt, dass für mich sowieso erstmal grundsätzlich jeder Mensch verdächtig ist.“
„Ich auch?“
„Kommt drauf an. Wo warst du gestern in der fraglichen Zeit?“
„Zuhause und hab meine Frau gebumst.“
„Gibt’s dafür Zeugen?“
„Ja. Meine Frau. Sie ist zwischendurch aufgewacht, hat auf die Uhr gesehen und gesagt: ‚Du bist ja immer noch dabei, und wir haben schon Mitternacht!‘ Ist das Beweis genug?“
„Das beweist sogar mehr, als ich wissen wollte.“
„Also, was ist jetzt mit dieser Friseuse? Sie hat Zoff mit Hilde. Hilde droht sogar, sie zu verklagen oder anzuzeigen. Abends wird Hilde genau neben diesem Friseursalon umgebracht. Und der Mörder klaut ihr die Haare. Ich meine, das ergibt schon einen Sinn. Auf eine abartige Weise.“
„Ich glaube nicht, dass sie es getan hat.“
„Warum nicht?“
„Sie ist süß.“
„Die Gefängnisse sind voll von süßen Mörderinnen.“
Ferdinand schüttelte den Kopf. „Aber so, wie sie reagiert hat … Sie hat nicht gewusst, dass Hilde tot ist. Da bin ich mir ziemlich sicher. Sie hatte natürlich von dem Mord gehört, schien aber ehrlich überrascht, als sie erfuhr, wer das Opfer ist. Außerdem wurde erhebliche Gewalt angewendet. Der Mörder muss ziemlich stark gewesen sein.“
„Passt! Die Kleine hat doch einen starken Eindruck auf dich gemacht.“
„Stimmt. Aber besonders kräftig wirkte sie nicht.“
„Unterschätze Frauen nicht“, warnte Alex und wedelte mit dem Ausdruck des Obduktionsbericht herum. „Haare in Büscheln herausgerissen? Blutergüsse und Abschürfungen? Früher, als ich noch jedes Wochenende auf die Piste gegangen bin, haben sich die Mädels ständig so um mich geprügelt. Außerdem: Wenn sie tatsächlich eine so scharfe Braut ist, hat sie vermutlich einen Freund. Sie kommt nach Hause, heult sich bei ihm aus, wie ungerecht sie von Hilde behandelt wurde und so weiter, und die beiden beschließen, Hilde umzubringen.“
Ferdinand rieb sich das Kinn. „Klingt ziemlich weit hergeholt. Vielleicht wollten sie ihr nur ein wenig Angst machen und die Situation ist außer Kontrolle geraten? Möglich wär’s. Ich habe sie für morgen früh herbestellt, dann werden wir sie in Ruhe in die Mangel nehmen.“
„Super. Dann kann ich mir die Kleine ja mal persönlich anschauen.“
„Anschauen, aber nicht anfassen.“
„Ich fasse doch keine Beweismittel an, nachher verwische ich noch irgendwelche Fingerabdrücke.“
„Du weißt hoffentlich, wenn es heißt: ‚Wir nehmen von der Verdächtigen Fingerabdrücke‘, dann meint man: von den Fingern der Verdächtigen. Man sucht nicht auf dem Körper der Verdächtigen nach Fingerabdrücken.“
„Du nimmst mir den ganzen Spaß bei der Arbeit.“
„Aber ich rette dir das Leben. Stell dir vor, deine Frau würde von so einer Aktion erfahren. Du wärst in Nullkommanichts auf dem Seziertisch.“
„Auch wieder wahr. Und ich wäre wesentlich übler zugerichtet als Hilde.“
Ferdinand schenkte sich noch etwas Kaffee nach und hockte sich hinter seinen Schreibtisch. „Also hast du bei deiner Befragung der Anwohner auch nichts Neues herausgefunden?“
„Ein Paar, das zwei Häuser weiter wohnt, hat letzte Nacht nur eine Frau mit Hund gesehen. Sie sind sich aber nicht sicher, ob es sich dabei um Hilde gehandelt hat, und sie wissen auch nicht genau, wann das war. So gegen Mitternacht, meinten sie, aber genau konnten sie es nicht sagen. Das ist alles, oder besser gesagt: nichts. So wie’s aussieht, ist deine kleine Friseuse im Moment die einzige heiße Spur.“
„Im wahrsten Sinne des Wortes.“
„Solange dir die letzten paar Gehirnzellen nicht wegschmelzen.“
Übertrieben langsam lehnte sich Krüger zurück, nahm die Sonnenbrille aus der Brusttasche seines Hemdes und setzte sie auf. „Ich bin cool. Ganz cool.“
„Ist auch besser so, bei hohen Temperaturen ticken die Leute aus.“ Alex deutete mit dem Daumen zum Fenster. „Ich sage dir, wenn das Wetter so bleibt, werden wir in nächster Zeit ’ne Menge zu tun haben. Das wird ein ganz heißer Sommer.“
Inga und Mika konnten kaum glücklicher sein. Hand in Hand spazierten sie durch die nächtlichen Straßen. Ihnen war es egal, ob sie unterwegs jemandem begegneten, sie ließen nicht sofort die Hand des anderen los. Ihre Herzen schlugen nicht schneller, nur weil man sie zusammen sah. Hier mussten sie sich nicht verstecken.
