SKATRUNDE - Herbert H. T. Osenger - E-Book

SKATRUNDE E-Book

Herbert H. T. Osenger

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Beschreibung

Eine alte Villa, in der es zu spuken scheint.

Notar Engelbank lädt regelmäßig seine Freunde zum Skatabend ein. Die drei Männer hüten jedoch ein brisantes Geheimnis. Als Engelbanks Mitarbeiterin dahinterkommt, will sie daraus Kapital schlagen. Kurzerhand bringen die Skatbrüder sie um. Sie ahnen nicht, dass damit ihre Probleme erst beginnen – die Erpressung geht weiter, denn das Mordopfer scheint lebendig zu sein …

Ein atmosphärisch dichter Thriller für Leser*innen, die düstere Geschichten mit psychologischer Tiefe und übernatürlichem Schauer lieben.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Mörderisch überreizt

Ein dystopischer Mystery-Thriller

www.feuertanz-Verlag.de

Gewidmet, wie immer, H. S.

Inhaltsverzeichnis

Prolog – Ein Mann und sein Haus

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Epilog

Ein paar kleine Nachwörter des Autors

Impressum

Prolog – Ein Mann und sein Haus

Notar Engelbank lag wach auf seinem Bett. Er litt häufiger unter Schlaflosigkeit. Er lauschte auf die nächtlichen Geräusche, die zum Teil von außen kamen, denn der Herbststurm fegte um das Gebäude und durch den großen, fast entlaubten Park. Auch das alte Haus gab Laute von sich, als wäre es ein lebendiges Wesen. Vielleicht war es das tatsächlich.

Eine große, hochherrschaftliche Jugendstilvilla, erbaut von seinem Urgroßvater und seitdem der Stammsitz der Familie. Seit vier Generationen lebten die Engelbanks nun schon hier, und gewiss hatte jede ihre Spuren hinterlassen. Merkwürdiger Gedanke, dass dieses Haus aus einer Zeit stammte, da Automobile eine kuriose Seltenheit darstellten und für die meisten Leute die bequemste Art der Fortbewegung das Fahren in einer Kutsche war, die von einem oder zwei Pferden gezogen wurde.

Der Wind heulte laut; zusammen mit dem Knarren und Ächzen der alten Balken klang es für Engelbank unheimlich. Er hatte sich schon oft gefragt, ob seine verstorbenen Vorfahren noch in gewisser Weise zwischen diesen Mauern existierten. Von seinem Großvater, den er als Kind kennengelernt hatte, vermutete er es tatsächlich. Der alte Mann hatte sein Ende gefunden, als Engelbank ein Teenager gewesen war. Die Beziehung zwischen Opa und Enkel war alles andere als innig gewesen. Fast hatte der Junge den Alten gefürchtet, diesen seltsamen Mann, der eigentlich immer nur schwieg.

Er drehte sich auf die andere Seite und schob das Oberbett beiseite, weil ihm gerade zu warm war. Seine Gedanken machten sich selbstständig, ohne dass er es hätte verhindern können.

Wenn es möglich wäre, ein Gerät zu bauen, das höchstempfindliche Mikrofone besaß, war es dann möglich, damit Geräusche und Gespräche aufzufangen, deren Entstehung bereits sehr lange zurücklag? Oder konnten vielleicht Emotionen, die sehr stark empfunden worden waren, so etwas wie Echos zurücklassen? Zum Beispiel Emotionen wie die Angst eines allein gelassenen Kindes im Dunkeln. Oder der Ekel und Abscheu einer Frau bei einem erzwungenen Geschlechtsverkehr. Todesangst.

Engelbank wusste, dass der Erbauer des Hauses sein Leben in diesem Gebäude ausgehaucht hatte. Und das hatte lange gedauert, und es war ein schwerer Tod gewesen, den der Urgroßvater gestorben war. Ein Krebsleiden, und jedes Krebsleiden war in damaligen Zeiten unheilbar gewesen.

Wenn die menschliche Seele etwas aussandte, das vielleicht mit Schallwellen vergleichbar war, konnte dann ein von Menschenhand geschaffenes Gebilde die Echos, den Nachhall dieser Emotionen speichern? Engelbank hatte immer schon das Empfinden gehabt, dass zwischen dem Haus, in dem er lebte, und ihm selbst so etwas wie eine wechselseitige Beziehung existierte. In Nächten, da er keinen Schlaf fand, war dieses Erleben besonders stark. Er wusste, dass sich zu dieser Stunde außer seinem Diener, der in einer Dachkammer hauste, und ihm selbst kein Mensch in der Villa befand; und doch hatte er das Gefühl, von weiteren Anwesenheiten umgeben zu sein. Das war schon immer so gewesen, das hatte er als Kind bereits gespürt. Als Fünfjähriger hatte er mit einfachen Worten seine Eltern zu dem Thema befragt. Seine Mutter hatte lachend widersprochen; nein, so etwas gebe es nicht. Engelbank vergaß nie, dass sein Vater in jenem Augenblick geschwiegen hatte. Und der Blick, den der Mann damals über die Wände und Mauern schweifen ließ. Unbehagen, das er selbst nicht wahrhaben wollte, welches der kleine Sohn ihm aber angemerkt hatte. Vergebens der Versuch des Verbergens.

Die Gedanken machten sich selbstständig. Irgendwann würde er wieder Ruhe finden. Hoffentlich früh genug vor dem Morgengrauen.

Haus, lass mich schlafen …

1

„Herr Bärkraut ist soeben eingetroffen.“ Drinitzki verbeugte sich bei dieser Meldung devot.

Hinter ihm tauchte der Besucher auch schon auf. Eigentlich war die Ankündigung überflüssig, denn Bärkraut, von kleinem, rundlichem Wuchs und von Beruf Apotheker, war häufig zu Gast im Hause von Notar Engelbank. Er kannte sich aus und hätte den Raum, in dem jeden Mittwochabend Skat gespielt wurde, auch allein gefunden.

„Die Getränke und Speisen stehen wie gewohnt bereit.“

Engelbank, hochgewachsen und leicht füllig, Stirnglatze und die Restfrisur zurückgekämmt, kannte dieses Verhalten; hatte er ursprünglich versucht, seinem Diener das merkwürdige Bestreben, wie ein Butler zu wirken, abzugewöhnen, so akzeptierte er es schon längst. Drinitzki war eben Drinitzki, ein Unikum.

„Wünschen Sie, dass ich noch ein wenig Holz nachlege?“, fragte der Diener.

Im Kamin, der die Bibliothek ein wenig erwärmte und beleuchtete, flackerte ein Feuerchen, das an diesem düsteren und feucht-windigen Novemberabend für eine gemütliche und angenehme Stimmung sorgte.

„Danke, mache ich bei Bedarf selbst.“ Engelbank schüttelte den Kopf. „Ich benötige Sie heute nicht mehr. Sorgen Sie nur dafür, dass wir ungestört bleiben.“

„Sehr wohl, Herr Engelbank.“ Drinitzki, im dreiteiligen schwarzen Anzug und weißem Hemd und schwarzer Fliege, war klein und bleich, mit dunklen Ringen unter den Augen. Die großen Ohren standen von seinem haarlosen Kopf ab. Er verbeugte sich erneut und zeigte dabei sein ewiges Lächeln, das stets leicht unterwürfig bis neutral wirkte. Lautlos entfernte er sich und schloss die Tür.

Der dritte Mann zum Skat war schon da: Makler Wagner, der längst ein Glas Bier in der Hand hielt. Er war das jüngste Mitglied der Runde, Anfang vierzig, groß und schlank mit leicht krauser Haarpracht und glatt rasiert. Wagner hatte einen etwas schwierigen Charakter; er konnte manchmal unangenehm werden, zum Beispiel, wenn er beim Kartenspielen verlor.

„Guten Abend, Jungs!“ Bärkraut rieb sich fröhlich die Hände. Er grinste breit die anderen beiden Männer an, die noch am Tresen der kleinen Hausbar standen. „Dann können wir ja wohl gleich loslegen.“

Auf dem runden, mit grünem Filz bezogenen Tisch in der Bibliothek lagen die Spielkarten parat; auf einem Servierwagen befanden sich Schnittchen und Bierflaschen in einer großen Schale mit Eis. Weiteres Bier befand sich im Kühlschrank hinter der kleinen Bar.

„O ja, loslegen sollten wir tatsächlich“, sagte Engelbank in einem etwas mürrischen Tonfall, während die drei Herren sich setzten. „Aber die Karten lassen wir heute mal sein.“

Bärkraut zog erstaunt die Augenbrauen hoch, sein Blick pendelte zwischen dem Gastgeber und Wagner. Dabei registrierte er, dass auch Wagner heute ernst wirkte. „Ich höre wohl nicht recht. Warum denn?“

Engelbank und Wagner tauschten einen kurzen Blick, dann erhob sich der Notar, ging zur Tür, öffnete sie und sah über den dahinterliegenden Flur. Er lauschte, war mit dem Ergebnis, nichts zu hören, zufrieden und schloss die Tür. Nachdem er seinen Platz am Tisch wieder eingenommen hatte, sagte er leise, aber deutlich: „Wir haben ein Problem. Und zwar ein gewaltig großes!“

Wagner schwieg.

Bärkraut sagte: „Nun verratet mir doch, was los ist.“

Engelbank antwortete kurz und knapp: „Wir werden erpresst!“

Bärkraut schwieg einen Moment, blickte verunsichert von einem zum anderen. Dann: „Wie, erpresst? Was soll denn das heißen?“

Der Notar wahrte die Fassung. „Genau das, was ich sagte. Unser Geschäftsmodell ist enttarnt worden und der Mensch, der es enttarnt hat, will für sein Schweigen bezahlt werden.“

Das musste Bärkraut einen Augenblick lang verdauen. Dann sagte er ehrlich und mit Inbrunst: „Scheiße!“

„So ist es!“, bestätigte Engelbank.

Das Geschäftsmodell, von dem Engelbank sprach, funktionierte folgendermaßen: Wann immer ein Immobilienbesitzer, der den aktuellen Marktpreis seines Objektes nicht kannte, bei Makler Wagner landete, taxierte dieser den verkaufswilligen Eigentümer des Hauses, des unbebauten Grundstücks oder der Eigentumswohnung. Kam er zu dem Schluss, dass dieser leicht hinters Licht zu führen war, schlug er Engelbank als abwickelnden Notar vor. Als Kaufwilliger trat regelmäßig Bärkraut in Erscheinung, der – nicht zuletzt durch seinen Beruf – gut betucht war und den vom Makler deutlich zu niedrig angesetzten Kaufpreis aus seinem Vermögen hinblättern konnte. Ein finanzierendes Kreditinstitut wurde also nicht benötigt. Der Apotheker hielt dann die Immobilie über einen Zeitraum von drei bis sechs Monaten, danach tauchte das Objekt im Bestand des Maklers Wagner wieder auf und wurde zu einem marktgerechten Preis angeboten. Die Spanne zwischen dem ursprünglichen Verkaufspreis und dem zweiten, deutlich höheren, vereinnahmten die Mitglieder der Skatrunde. Dieses Handeln betrieb das Trio nun schon seit gut zehn Jahren und insgesamt hatten die Herren mehr als fünf Millionen Euro unter sich brüderlich aufgeteilt.

Streng genommen war diese Vorgehensweise nicht unbedingt strafbar: Vertragsfreiheit bedeutete unter anderem, dass eine Sache auch zu einem zu niedrigen Preis verkauft werden darf. Dennoch war den Herren natürlich daran gelegen, dass ihr Geschäftsmodell nicht öffentlich bekannt wurde.

„Wer erpresst uns?“, fragte Bärkraut verstimmt.

„Ausgerechnet eines meiner Mädels“, antwortete der Notar. „Sonja Steiner, seit knapp dreizehn Jahren als Notargehilfin bei mir beschäftigt.“

„Scheiße!“, wiederholte Bärkraut. Nach einer Weile fragte er: „Kann sie etwas beweisen?“

Mit Bewegungen, die deutlich seinen Unmut erkennen ließen, griff sich Engelbank eine Zigarre und zündete diese an. „Kann man wohl sagen! Ich muss zugeben, dass das Mädel ganze Arbeit geleistet hat. Sie ist uns wohl ziemlich bald auf die Schliche gekommen, hat aber erst einmal das Maul gehalten, beobachtet und notiert. Daher hat sie fast alle Fälle, die wir nach unserem Geschäftsmodell abgewickelt haben, dokumentiert. Sie hat die Namen und Adressen der Veräußerer und der Enderwerber und die Kaufpreise. Und sie hat sich auch schon Gedanken gemacht, was sie damit tun will.“

„Und?“, fragte Bärkraut, dem das Unbehagen schon längst anzusehen war.

„Zunächst droht sie, mit unserem Geschäftsmodell an die örtliche Presse, den Lokalfunk und das Lokalfernsehen zu gehen. Das bedeutet, dass wir erledigt sind. Und ob deine Apotheke dann noch so gut läuft wie bisher, wage ich zu bezweifeln.“

„Oh weh“, jammerte Bärkraut, „das käme einer Katastrophe gleich.“

„Warte nur, es kommt noch besser.“ Engelbank paffte an seiner Zigarre. „Sie wird an die geprellten Verkäufer herantreten und ihnen vorschlagen, mit einer Art Sammelklage gerichtlich gegen uns vorzugehen. Und glaube mir, so eine Sache hätte absolut Aussicht auf Erfolg. Die Anwälte würden nichts unversucht lassen, uns gewerbsmäßigen Betrug nachzuweisen.“

Bärkraut schwieg, begann aber sichtbar zu schwitzen.

Engelbank fuhr fort: „Und zu guter Letzt will sie es dem Finanzamt stecken; wir haben schließlich die Kohle eingenommen, aber nie versteuert, genauso wenig die Erträge daraus. Typischer Fall von Schwarzgeld.“

„Oh Gott, oh Gott!“ Nun setzte Bärkraut wieder sein Jammern fort. „Die hat aber auch an alles gedacht.“

„Ja, das stimmt“, entgegnete Engelbank grimmig, „ich muss zugeben, dass ich der Dame eine solche Energie und vor allem eine solche Intelligenz nicht zugetraut hätte. Jedenfalls nicht diese Intelligenz, denn schließlich und endlich ist es eine der kriminellen Art.“

„Ja, verdammt noch mal, was machen wir denn jetzt?“

„Darüber müssen wir jetzt beraten“, sagte Wagner und meldete sich damit erstmals zu Wort.

„Wie viel will sie?“

Engelbank verdarb weiterhin mit seinem Tabaksqualm die Luft. „Drei Millionen Euro“, sagte er langsam und knurrend.

Bärkraut verlor die Fassung. „Die ist doch verrückt!“

Engelbank empfand die Äußerung des Apothekers als zu laut. „Mäßige deine Lautstärke, es fehlt noch, dass jemand anderes von dieser Sache Wind bekommt. Und verrückt ist die ganz und gar nicht.“

Bärkraut war die Verzweiflung, mit der er nach einem Ausweg aus der miserablen Situation suchte, anzusehen. Schließlich fragte er: „Könnte es nicht sein, dass die blufft? Hat die denn wirklich etwas gegen uns in der Hand?“

„Mensch, Bärkraut, denk doch mal nach!“ Engelbank verlor langsam die Geduld. „Sie hat die Fakten gesammelt. Sie hat sogar die Urkundennummern der Kaufverträge. Und ich als Notar bin doch verpflichtet, den ganzen Schriftkram für ewig und drei Tage aufzubewahren. Wenn eine Meute von Rechtsanwälten die Polizei in Gang setzt, werden die doch sofort bei mir fündig.“

Bärkraut zog ein Stofftaschentuch hervor und wischte sich damit den Schweiß von der Stirn. „Was machen wir jetzt?“

Wagner schien die Ruhe selbst zu sein. In sachlichem Tonfall, als diktierte er einer Schreibkraft die Eckdaten einer zu verkaufenden Eigentumswohnung, sagte er: „Wir sind uns ja wohl einig, dass wir keinen Cent zahlen werden. Denn wir können nicht einmal sicher sein, dass wir nicht noch einmal zur Kasse gebeten werden. Erpresser sind fast immer Wiederholungstäter.“

„Na ja, wir sind es ja auch“, stammelte Bärkraut.

„Also“, fuhr Wagner mit neutraler Stimme fort, „muss die Dame vom Erdboden verschwinden.“

Eine Sekunde dauerte es, bis Bärkraut begriff, was das heißen sollte. Entsetzt starrte der Apotheker den Makler an. Der verzog keine Miene. Bärkraut sah zu Engelbank. Der paffte an seiner Zigarre und verzog ebenfalls keine Miene.

„Das soll doch wohl nicht heißen, dass ihr einen Mord begehen wollt?“

Wagner schüttelte den Kopf. „Du solltest dich korrekt ausdrücken, mein Lieber. Wir werden einen Mord begehen, wir alle drei gemeinsam.“

Bärkraut brauste empört auf. „Oh nein, da mache ich nicht mit! Mit einem Mord will ich nichts zu tun haben. Kein Wort mehr davon!“

Engelbank sagte leise, aber aggressiv: „Du sollst hier nicht herumbrüllen. Wir haben schon genug Ärger am Hals.“

Wagner setzte hinzu: „Und wir werden dich aus dieser Sache nicht rauslassen! Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen! Du wirst sogar eine entscheidende Rolle spielen.“

Bärkraut brach der Schweiß noch intensiver aus. Ein wahrer Sturzbach ergoss sich über sein Gesicht. „Was soll das heißen?“

„Du wirst K.-o.-Tropfen zur Verfügung stellen.“

Fassungslos starrte der Apotheker auf die Männer. „Was?“

Wagner blieb die Ruhe selbst. „Du hast mich schon verstanden.“

Engelbank versuchte, seiner Stimme einen beruhigenden und überzeugenden Tonfall zu geben; er gab eine Ruhe vor, die er in Wirklichkeit gar nicht empfand. So sprach er wie der Großvater zum Enkel, der etwas unbedingt einsehen und akzeptieren muss. „Schau doch mal, die Sache muss sauber und schmerzfrei ablaufen. Es dürfen keine Spuren zu finden sein. Also geben wir meiner guten Frau Steiner Betäubungstropfen. Sie wird das Bewusstsein verlieren und dann ziehen wir ihr eine Plastiktüte über den Kopf. Sie wird ersticken, ohne dass sie davon etwas mitbekommt. Und dann werden wir sie auf einem Acker, der gerade umgepflügt wurde, tief genug verscharren. Bei Nacht und Nebel, wenn du so willst. Die taucht nie wieder auf. Und wir haben unsere Ruhe und behalten unser Geld. Wagner hat recht, wenn er sagt, dass die sich mit den drei Millionen nicht zufriedengeben wird. Wir haben also überhaupt keine andere Wahl. Ich sehe das als einen Akt der Selbstverteidigung an.“

Bärkraut senkte den Blick und schüttelte den Kopf. „Ihr seid verrückt!“

Wagner schüttelte gleichfalls den Kopf, wenn auch aus einem anderen Grund. „Sind wir nicht!“

„Sagt mal, wie lange habt ihr schon die Sache unter euch beiden verhackstückt? Ihr habt doch alles schon geplant, wie ich sehe!“

„Du hast recht, wir reden bereits seit einer guten Stunde über dieses Thema.“ Engelbank ließ seine Zigarre kalt werden und legte sie in einen Aschenbecher. „Und wir sind sehr schnell zu dem Schluss gekommen, dass uns nichts anderes übrig bleibt, als das Mädel um die Ecke zu bringen.“

Der Apotheker schüttelte nach wie vor den Kopf. „Nein, das mache ich nicht. Das kann ich nicht! Habt ihr schon mal was vom Eid des Hippokrates gehört?“

„Der gilt nur für Ärzte, und das bist du nicht“, sagte Engelbank trocken.

„Und falls du dich weigerst“, sagte Wagner mit einem leicht bedrohlichen Unterton, „werden wir im Falle des Auffliegens unseres Geschäftsmodells aussagen, dass du der Initiator des Ganzen warst. Wir werden alle Schuld auf dich abladen.“

„Ihr seid verrückt!“, wiederholte Bärkraut.

Die Blicke Wagners und Engelbanks ruhten auf ihm. Gnadenlos und unerbittlich. Engelbank spürte, dass der Widerstand des Apothekers zu schwinden begann.

„Wann wollt ihr es machen?“

2

Die Besucher waren gegangen. Wenn man von Drinitzki absah, der in einer Dachkammer hauste, war Engelbank allein in der Villa, die schon seinem Urgroßvater gehört hatte. Tagsüber kam noch eine Frau, die sich auf Kochen und Haushaltsführung verstand. Ein rundliches Muttchen mit Namen Neumayer.

Engelbank war unverheiratet; während seiner gut fünf Jahrzehnte hatte es Liebschaften gegeben, aber er scheute immer vor einer festen Bindung zurück. Kinder hatte er ohnehin nie gewollt.

Er hielt sich noch in der Bibliothek auf, in der auch der runde Kartentisch stand. Die Wände voller Bücherregale, der offene Kamin, die kleine Theke der Hausbar mit den drei lederbezogenen Barhockern davor und dem Flaschen- und Gläserregal dahinter, der runde Spieltisch, all das strahlte eine gediegene Atmosphäre der Ruhe und Beständigkeit aus. Engelbank ging langsam auf und ab, rauchte dabei seine Zigarre und hing seinen Gedanken nach.

Mit seinen zweiundfünfzig Jahren war er ein Menschenkenner; das hatte auch sein Beruf mit sich gebracht. Erwartungsgemäß war Bärkraut, als er mit dem Mordplan konfrontiert worden war, anfangs bis auf die Knochen schockiert gewesen, dann aber unter dem psychischen Druck von Makler Wagner und ihm schnell eingeknickt. Er würde mitmachen, kein Zweifel.

Auch in Wagner hatte er sich nicht getäuscht; habgierig und geldgeil, wie er war, musste er nicht lange überredet werden, um dem tödlichen Vorhaben zuzustimmen. Er verfügte über eine Skrupellosigkeit, um die ihn der Notar fast schon beneidete. Denn die beiden anderen Mitglieder der Skatrunde wären erstaunt gewesen, hätten sie gewusst, wie es in Engelbanks Innerem aussah.

Weder Bärkraut noch Wagner wussten, dass Sonja Steiner nicht nur eine Angestellte in Engelbanks Notariat war, sondern auch zu seinen verflossenen Liebschaften zählte.

Sonja Steiner war jetzt Ende vierzig, dunkelblond und blauäugig, drall, aber gute Figur, lebenshungrig. Nicht dumm, selbstbewusst, in jeder Situation und auf jedem Parkett mit sicherem Auftreten.

Ihre Beziehung hatten sie immer verdeckt gehalten, anfangs war ihnen das beiden recht gewesen. Aber mit der Zeit wollte Sonja Steiner mehr; typisch Frau eben. Sie wollte geehelicht werden, mit allem Drum und Dran: Standesamt und dann Trauung in Weiß vor einem Geistlichen und einer Kirche voller Besucher. Sie wollte den ganzen Pomp, das volle Programm. Und das, obwohl Engelbank schon als Teenager aus der Kirche ausgetreten war.

Für einen kurzen Zeitraum hatte er damals mit dem Gedanken gespielt, ihrem Verlangen nachzugeben. Zugegeben, Sonja war eine heiße Partnerin im Bett und eine vorzeigbare Gattin und Hausherrin hätte sie gleichfalls abgegeben. Aber noch während er nachdachte, ob er zustimmen oder ablehnen sollte, begann sie, die Ehefrau zu spielen. Sie wollte Änderungen in seinem privaten Leben herbeiführen, ihm Vorschriften machen; sie hatte im Notariat ohnehin schon das Kommando übernommen und die beiden anderen Angestellten – eine junge Frau und einen gleichfalls jungen Mann – terrorisiert. Er hatte es hingenommen, denn er wusste, dass auf diese Weise der Laden lief. Aber sie zeigte von Anfang an, was Engelbank blühen würde, wenn er sie heiratete. Und so hatte er die Reißleine gezogen und die Beziehung beendet.

Menschenkenner hin oder her, eines hatte er nicht bedacht: dass sie rachsüchtig werden würde. Und sie war offensichtlich klug genug, ihre Revanche von langer Hand zu planen. Er hätte es sich denken können, dass eine zurückgewiesene Frau gefährlich werden konnte. Wo hatte er da seinen Verstand gehabt? Andererseits hatte er sie nicht ohne Grund entlassen können und sie ließ sich nichts zuschulden kommen. Nach wie vor zuverlässige Arbeitskraft durch und durch. So war er in diese Misere hineingeschlittert. Schicksal!

Er hatte auch schon überlegt, ob er nicht lieber das geforderte Geld zahlen sollte. Jeder Mann der Skatrunde gab eine Million, ärgerlich, aber zu verschmerzen! Immerhin mussten sie sich dann nicht einen Mord aufs Gewissen laden. Aber Engelbank hegte den Verdacht, dass es Sonja Steiner – Initialen SS, wie schön – darauf ankam, ihn zu ruinieren. Sie wäre durchaus imstande, hatte er überlegt, das Geld zu kassieren, eine Weile abzuwarten und eine Million Euro im Spielkasino zu verzocken und dann doch mit ihrem Wissen über das Geschäftsmodell der Skatrunde an die Öffentlichkeit und die Geschädigten zu gehen. Wenn er dann seine Kohle zurückverlangte, könnte sie immer noch behaupten, sie habe das Geld nicht mehr. Keiner in der Spielbank hätte nachgehalten, wie viel sie tatsächlich verloren hatte. Und Sonja Steiner hatte während ihrer gemeinsamen Zeit einige Male unter Beweis gestellt, dass sie der Faszination des Roulettes unterlag. Sie war schon häufiger in Spielkasinos gewesen.

Nein, verdammt noch mal, nein: Es blieb dabei! Sonja Steiner musste aus dem Weg geräumt werden. Ein Mord fiel Engelbank nicht leicht, und der Gedanke, dass er mit der Frau geschlafen hatte, die getötet werden musste, machte die Sache noch schlimmer. So versuchte er, ein Feindbild aufzubauen und Hass auf die Frau zu entwickeln. Sonja Steiner, die verdammte Zicke, die ihn vernichten wollte! Also schön, eher vernichte ich dich! Oh ja, er hatte Bärkraut gegenüber nicht einmal etwas Falsches gesagt, wenn er von einem Akt der Selbstverteidigung gesprochen hatte.

Das Gedankenexperiment gelang. Er bereute sowieso schon lange, jemals mit diesem Weib das Bett geteilt zu haben. Ihr Erpressungsversuch machte sie zu jemandem, der Engelbank wegnehmen wollte, was ihm gehörte. Und die Gefahr, seine Existenz als Notar zu vernichten und ihn zu einem abgeurteilten Verbrecher zu machen, perfektionierte das Unterfangen, diese alte Hexe zu töten. Oh ja, sie sollte jämmerlich ums Leben kommen …

Er wanderte ruhelos auf und ab, produzierte dabei Tabakqualm. Immer noch keine Müdigkeit vor lauter schweren Gedanken. Wie sollte er so heute Nacht Schlaf finden? Da half nur ein tüchtiger Schlummertrunk. Engelbank öffnete ein weiteres Bier und nahm sich einen doppelten Cognac dazu.

Aus dem Eingangsbereich hörte er die alte Standuhr mit ihrem Westminsterschlag.

3

Gleich am nächsten Abend trafen sich die drei Herren erneut in Engelbanks Bibliothek. Drinitzki genoss wie gewohnt seine Rolle als Butler. Wie vierundzwanzig Stunden zuvor wartete der Notar einen Augenblick, schlich dann zur Tür und vergewisserte sich, dass sein Diener und Kammerherr verschwunden war. Dann nahm er seinen Platz am Tisch ein, wo bereits ein gespannt dreinblickender Wagner und ein betrübt-verzweifelter Bärkraut auf ihn warteten.

„Also“, begann der Gastgeber. „Ich habe ihr heute gesagt, dass wir ihrer Forderung nachkommen würden. Ich habe mir allerdings Zeit ausbedungen und das damit begründet, dass ich erst das Geld locker machen müsste. Würden wir tatsächlich zahlen wollen, stimmte das ja auch. Ich müsste die Kohle aus den USA zurückholen und zuvor die dortigen Anlagen verkaufen. Und das bei dem derzeitigen Dollarkurs, Mann Gottes! Sie hat es akzeptiert, allerdings nicht, ohne mir die Pistole auf die Brust zu setzen. Sie würde maximal eine Woche warten, hat dieses Miststück gesagt.“

Wagner nickte dazu mit grimmig entschlossener Miene, Bärkraut sah nach wie vor belämmert drein.

„Ich habe weiter gesagt, dass ich einen Abfindungsvertrag aufsetzen würde, denn sie könnte unter diesen Umständen nicht erwarten, dass ich sie weiter beschäftigen würde. Auch das hat sie geschluckt; es war ihr sogar recht. Wir haben also eine Woche Zeit. Innerhalb dieser Zeitspanne muss die Sache über die Bühne gelaufen sein.“

„Kriegen wir hin!“, bekräftigte Wagner. Sein Blick wanderte zum Apotheker.

Der griff mit leidender Miene in sein Jackett. Mit bebenden Fingern holte er ein kleines, braunes Glasbehältnis hervor, das mit einer Pipette verschlossen war. Er stellte es in die Mitte des Tisches.

„Hier sind die Tropfen. Geruchlos, geschmacksneutral, farblos. Eine sehr kleine Menge wirkt euphorisierend und enthemmend. Etwas mehr bewirkt Ohnmacht und Bewusstlosigkeit. Wenn jemals herauskommt, dass ich dieses Mittel zur Verfügung stelle, dann kann ich meiner Existenz als Apotheker Lebewohl sagen.“

Aggressiv und genervt zischte Wagner: „Sag mal, hast du denn immer noch nicht begriffen, dass es nicht nur um deinen Arsch geht? Wir stecken alle in der Tinte.“

Engelbank schlug einen beruhigenden Ton an. „Schon gut, Jungs, jetzt kriegt euch mal nicht in die Haare, damit ist keinem gedient. Wir müssen zusammenhalten.“

Zustimmendes und bekräftigendes Nicken von Wagner, trauriges Nicken von Bärkraut.

„Ich werde einen Moment abpassen müssen, da ich mit dem Weib im Notariat allein bin“, sagte Engelbank. „Ihr müsst euch an dem Tag zur Verfügung halten. Ich gebe ihr am Nachmittag eine kleine Dosis. Sie hat immer ein Glas Mineralwasser auf ihrem Schreibtisch stehen. Sie soll erst mal nur leichtsinnig werden. Dann werde ich ihr sagen, dass sie nach der Arbeit in mein Büro kommen soll, um dort den Aufhebungsvertrag zu unterschreiben. Ich muss dann eine große Schauspielerei abziehen. Hoffentlich kriege ich das hin. Wenn sie unterschrieben hat, werde ich vorschlagen, ihre Kündigung mit einem Glas Sekt zu begießen. Mit Sicherheit lässt sie sich darauf ein, weil sie dann schon eine geringe Menge der Tropfen intus hat. Außerdem ist dieses Weib für Sekt immer zu haben.“

Der Apotheker nickte. „Gib ihr anfangs nur drei Tropfen. Sie wird leichtsinnig werden, strahlende Laune bekommen und Bedenken werden ihr in dem Zustand fremd sein.“

„Gut! Und wie groß sollte die Menge sein, die ich in den Champagner tun soll, damit sie aus den Latschen kippt?“

„Um alle Risiken auszuschalten, gib ihr das Doppelte, also sechs Tropfen. Nein, besser acht. Zusammen mit dem Alkohol sollte das ausreichen. Sie wird dann ohnmächtig werden. Ohnmächtig und vor allem bewusstlos.“

„Wie lange wird das dauern?“, hakte Engelbank nach.

In einer Weiß-ich-nicht-genau-Geste hob Bärkraut die leeren Handflächen nach oben. „Das kann man nicht genau sagen, das ist individuell verschieden. Bei mindestens weiteren acht Tropfen sollte es allerdings recht schnell wirken.“

„Na gut.“ Der Notar fuhr in seinen Ausführungen fort. „Wenn sie erst das Bewusstsein verloren hat, brauche ich eure Hilfe. Ihr müsst also in unmittelbarer Nähe parat stehen. Ihr kommt dann ins Notariat und dann … Na ja, dann machen wir sie eben kalt!“

Bärkraut schluckte hart, Wagner blieb ruhig.

„Einer von euch muss große Plastiksäcke besorgen. Groß genug, dass ein Mensch darin verschwindet.“

„Nicht nötig!“, warf Wagner ein. „So etwas habe ich im Bestand. Hat mal ein Maler und Anstreicher in einer Wohnung liegen lassen, die renoviert wurde und die ich dann vermakelt habe.“

„Wie viele sind es?“

Wagner machte eine unbestimmte Handbewegung. „Vier oder fünf.“

Engelbank nickte. „Dürfte genügen. Da packen wir sie rein. Aber dann: Wir müssen die Leiche unauffällig in einen Wagen schaffen. Das heißt, wir benötigen erstens einen Lieferwagen oder so etwas. Und dann ein Behältnis, in das die Tote hineinpasst, das aber nicht zu sehr nach Sarg aussehen darf. Das könnten eventuelle Passanten bemerken und im Gedächtnis behalten.“

„Ich kann eine Holzkiste besorgen, die mehr oder weniger würfelförmig ist“, sagte Wagner.

„Geräumig genug?“

„Ja, auf jeden Fall!“

„Gut. Zweitens müssen wir noch einen Acker finden, der für unsere Zwecke geeignet ist. Wer macht das?“, fragte Engelbank.

Wagner nickte beruhigend. „Ich kümmere mich darum. Ich habe da schon so eine vage Idee. Schließlich komme ich als Makler viel herum.“

„Das musst du aber auch bis morgen Abend erledigt haben, denn innerhalb der nächsten drei oder vier Tage müssen wir handeln.“

Wagner nickte zuversichtlich, zumindest äußerlich vollkommen ruhig. „Verlass dich auf mich.“

„Gut. Haben wir an alles gedacht?“, fragte Engelbank und blickte in die Runde.

„Wir müssen uns noch drauf einigen, wann es passieren wird“, warf Wagner ein.

Engelbank versuchte, sich seinen Terminkalender in Erinnerung zu rufen. Wann war was los in seinem Notariat? „Ich denke, dass ich kurzfristig die Entscheidung über den endgültigen Zeitpunkt treffen muss. Haltet euch für jeden der nächsten Tage bereit.“

4

Wie ein Panther um das in der Falle zappelnde Zicklein strich Engelbank pausenlos durch sein Notariat. Wie der Panther, der einerseits die Falle wittert, andererseits aber auch die Beute, spazierte er scheinbar arglos zwischen den Arbeitsplätzen seiner Angestellten umher. Die Tür zu seinem Büro stand offen, der Sessel war vom Schreibtisch weit zurückgeschoben. Er wusste nicht einmal, ob er heute überhaupt schon seinen Hintern in das für ihn reservierte Sitzmöbel platziert hatte. Er konnte sich ohnehin nicht auf seine Arbeit konzentrieren. Er lauerte auf die Gelegenheit, Sonja Steiner die ersten Tropfen ins Wasserglas schmuggeln zu können. Aber es war zum Aus-der-Haut-Fahren, ständig, wenn er eine Chance witterte, kam etwas dazwischen.

Jetzt, da Frau Baas die Toilette aufsuchte und der junge Notargehilfe Breuer telefonierte, behielt ihn die verdammte Hexe Steiner pausenlos im Blick und lächelte ihn höhnisch an. Nicht zu fassen, jetzt schüttelte sie sogar noch den Zeigefinger drohend in seine Richtung. Es fehlte nur noch, dass sie „Du, du, du!“ sagte. Und da kam die Baas auch schon wieder vom Klo zurück und Breuer legte den Telefonhörer auf. So eine Scheiße, schon wieder nicht geklappt. Seine Klienten, die bei ihm ein Testament aufsetzen wollten und in seinem Büro auf ihn warteten, wirkten schon reichlich irritiert und schienen sich zu fragen, wie lange sie noch warten mussten, bis sich der Herr Notar Engelbank endlich um sie kümmerte.

Da, jetzt! Auf der Straße hupte ein Lastkraftwagen, dem durch ein falsch geparktes Auto die Durchfahrt versperrt wurde. Alles gaffte nach draußen. Jetzt schnell die Phiole und dann …

Verdammt, wo war die Phiole? Er griff erfolglos in die Taschen seiner Kleidung. Nichts im Jackett, und die Hosentaschen waren auch leer. Und wieso fühlte sich die Hose nass an? Er hatte doch nicht etwa wie ein kleiner Junge … Verdammt, alles schien nass zu sein. Wieso? Jetzt tastete er auf Kopfkissen und Laken hin und her, seine Hände patschten auf die schweißfeuchten Stoffe und suchten nach dem Betäubungsmittel. Es war weg! Konnte denn so viel auf einmal schiefgehen? Engelbank kam langsam zu sich, schüttelte den Traum ab und realisierte endlich, dass er sich in seinem Schlafzimmer befand. Ein Aufstöhnen löste die Flucherei aus seinem Albtraum ab. Er öffnete die Augen, blieb noch einen Moment entkräftet liegen, dann setzte er sich mühsam in seinem Bett auf und atmete schwer, als hätte er einen Geländelauf hinter sich.

Dunkelheit umgab ihn. Was nervte denn da so grausig? Das elektronische Geräusch des Weckers, das er in seinem Albtraum als die Hupe eines Fahrzeugs identifiziert hatte, peinigte sein Gehör und seinen Geist. Mit einem heftigen Schlag auf die Oberfläche des nervenden Chronometers machte er dem Tuten ein Ende. Dann versuchte er, Herzschlag und Atmung unter Kontrolle zu bringen. Oh Gott, was ein Martyrium! Für morgen früh würde er den Wecker auf ein Radioprogramm schalten, das ihn wecken sollte. Aber sanft bitte, am besten mit einem Sender für klassische Musik.

Er barg kurz sein Gesicht in den Händen, dann ließ er sich auf das Kissen zurückfallen. Alles war dermaßen durchgeschwitzt und nass, dass sein auftreffender Hinterkopf ein Klatschen verursachte. Ein unangenehmes, ekelerregendes Gefühl, auf so etwas zu liegen, aber im Moment fehlte ihm die Kraft, sich zu erheben.

Es war kurz vor sechs Uhr; um diese Zeit wurde Engelbank von Montag bis Freitag geweckt, es sei denn, das Notariat war wegen Urlaub geschlossen. Er sehnte den Tag herbei, da es mit diesem frühen Aufstehen vorbei sein würde. Gerade jetzt, in der dunklen Jahreszeit, empfand er das morgens als besonders schwierig. Kein Wunder, draußen war es so düster, dass es noch mitten in der Nacht hätte sein können. Ein böiger Wind pfiff um die Ecken der alten Villa. Dazu heulte es ab und zu in den Ästen und Zweigen der fast blattlosen Bäume und Sträucher des großen Grundstücks, als jage der Teufel ein paar arme Seelen.

Passender Vergleich! Ächzend machte er Anstalten, sich von seiner Lagerstatt zu lösen. Was fiel ihm das heute schwer! Er hatte am Abend zuvor erst nicht einschlafen können, dann war er immer wieder aufgewacht. Somit war die Nacht kurz gewesen und hatte ihm nur wenig Schlaf gebracht. Das war auch kein Wunder, denn heute war der Tag, an dem es geschehen musste. Breuer hatte sich einen grippalen Infekt zugezogen und war für den Rest der Woche krankgeschrieben. Für den Nachmittag waren – im Gegensatz zu den weiteren Werktagen – noch keine Termine mit Klienten vereinbart; erfahrungsgemäß kamen kurzfristig auch keine mehr zustande. Die Leute planten Besuche beim Notar von langer Hand. Er würde also die kleine Baas auf eine Besorgung am Nachmittag losschicken, irgendeinen Botengang, vielleicht zur Bank. Danach könne sie Feierabend machen, würde er ihr sagen. Seine Skatfreunde hatte er schon instruiert, dass sie am Nachmittag Gewehr bei Fuß stehen müssten. Heute war der Tag. Heute sollte das geplante Vorhaben in die Tat umgesetzt werden.

Das hieß aber auch: Heute würde er zum Mörder werden! Dieser Gedanke verursachte ihm Übelkeit. Er spürte, wie sein Innenleben verrücktspielte. Nur mühsam beherrschte er sich. Er lebte nun seit einer knappen Woche mit dem Bewusstsein, erpresst zu werden. Die letzten Tage waren eine Qual gewesen. Er hatte immer wieder mit dem Gedanken gespielt, das Ganze abzublasen oder zumindest zu verschieben. Gleichzeitig war ihm klar, dass ein Aufschub nicht zu machen war, denn dann würde die Steiner, diese dreimal verfluchte Hexe, ihre Drohung wahrmachen. Ging also nicht!

Und wenn er doch zahlte? Bloß kein Mord, nur der Verlust des Geldes? War das die Lösung?

Die Dämonen des Zweifels und des Wankelmutes folterten ihn mehr oder weniger ununterbrochen. Welcher normale Mensch wollte denn schon einen Mord begehen? Wenn er wenigstens einen Auftragskiller für so etwas anheuern könnte! Aber solche Leute wusste er nicht zu finden. Und wer konnte wissen, was die für so eine Untat verlangen würden? Und dann bestand immer noch die Möglichkeit, dass es sich bei dem Beauftragten um einen Dummkopf handelte, der sich erwischen ließ und dann den beziehungsweise die Auftraggeber verpfiff. Auch so eine Sache!

Das ungemütliche Herbstwetter da draußen, die Dunkelheit, die Aussicht auf das, was er sich für diesen Tag vorgenommen hatte, all das ließ ihn für einen Moment in Erwägung ziehen, einfach wieder ins Bett zu sinken, die Augen zu schließen und den Verstand auszuschalten. Einfach an nichts mehr denken; so tun, als wäre die Welt in Ordnung und alle Konsequenzen vergessen. Aber das war ihm nicht möglich.

Engelbank plante, sich in spätestens zwei Jahren zur Ruhe zu setzen. Keine Arbeit mehr, keine langweilige Routine, nur noch das Leben genießen. Das konnte er nur, wenn er sein Geld behielt. Die Steiner versuchte, seine Pläne zu durchkreuzen. Deshalb musste sie sterben. Keine andere Möglichkeit. Aus und fertig!

Er riss sich zusammen und schleppte sich ins Badezimmer. Dort schaltete er das Licht ein und kniff die Augen gegen die plötzliche Helligkeit zusammen. So begann er den entscheidenden Tag. Auch wenn es ihm noch so schwerfiel.

* * *

Er griff zum Hörer des Haustelefons, drückte die Taste für den Apparat in der Küche und bestellte bei Drinitzki wie jeden Morgen sein Frühstück, das dieser bereitete, da die Köchin und Haushälterin erst später kam.

„Heute nur ein Brötchen und etwas Aufschnitt. Eine Tasse Kaffee.“

Er hörte noch das „Sehr wohl, Herr Engelbank!“, während er schon auflegte. Er hatte aus dem Badezimmer das Handtuch mitgebracht, denn heute hatte er beträchtliche Probleme, nach dem Duschen wieder trocken zu werden. Aufgrund der Aufregung brach ihm ständig der Schweiß aus. Er wusste, dass er kurz davor war, die Nerven zu verlieren. In seinem ganzen Leben hatte er sich noch nicht so elend gefühlt. Er rieb den Frotteestoff über sein Gesicht und die Haare, atmete dabei tief durch. Dann ließ er das Handtuch auf den Boden des Ankleidezimmers fallen.

Er redete sich selbst gut zu. Was sollte schon passieren? Die blöde Schlampe würde heute sterben. Na und? Und wenn irgendetwas schiefging, dann starb sie eben morgen oder übermorgen. Und im allerschlimmsten Fall würde er eben doch zahlen, wie Wagner und Bärkraut auch. Was regte er sich so auf?

Ich bin der Notar Engelbank. Ich bin ein angesehener Bürger dieser Stadt. Ich bin reich. Ich verfüge über Einfluss und Macht. Ich bin ein Mann, mit dem man sich besser nicht anlegt. Wer es doch tut, ist geliefert. Jeder, auch die Steiner.

Es wirkte. Das Beben der Hände ließ nach. Er wurde ruhiger. Er fand die Kraft, die von Drinitzki am Tag zuvor bereitgelegte Kleidung anzuziehen: Dunkelgrauer, zweireihiger Anzug ohne Weste, weißes Hemd, dezent gemusterte Krawatte, heute mal in weinrot. Die auf Hochglanz polierten, schwarzen Schuhe. Er betrachtete sich im mannshohen Spiegel: So sahen Gewinner aus! Gerade Haltung, klarer Blick, seriöser Habitus, positive Ausstrahlung. Stärke durch und durch! Tadelloser Ehrenmann.

Bleib so, Junge!

Er verließ die Ankleide und begab sich zum Treppenhaus, das in eine geräumige Eingangshalle mündete. Tja, damals hatte man noch Häuser gebaut! Sein Urgroßvater hatte die Dynastie begründet, jede weitere Generation hatte sie erhalten und hinzugefügt. Er war unangreifbar! Kurz kam ihm der Gedanke, dass er es seinen Vorfahren vielleicht doch schuldig war, einen Sohn zu zeugen und die Linie ‚derer von Engelbank‘ fortzusetzen. Na ja, das war ein Thema für einen anderen Zeitpunkt.

Im Speisezimmer musste er erneut um Haltung kämpfen. Der Duft des Kaffees, sonst am Morgen stets willkommen, schlug ihm auf den Magen.

„Guten Morgen, Herr Engelbank.“

„Morgen, Drinitzki.“

Er ließ sich nieder, bemüht, sich sein erneutes Unwohlsein nicht anmerken zu lassen. Der Tisch war gedeckt, die Tageszeitung lag bereit. Drinitzki goss Kaffee ein und zog sich dann in die Küche zurück. Die Zeitung blieb unbeachtet, denn weder das internationale Geschehen noch die Lokalnachrichten weckten zurzeit sein Interesse. Mit Mühe würgte er das mit Aufschnitt belegte Brötchen hinunter. Er schaffte die eine Tasse Kaffee, die er in Auftrag gegeben hatte. Engelbank erhob sich, schlüpfte in sein Jackett, nahm seinen Mantel und ging in die Garage. Von Unruhe und Zweifeln erfüllt, stieg er in seinen Mercedes und fuhr in Richtung Innenstadt. Das Steuern des Autos war Routine, eingeübt in langen Jahren; die Gedanken waren ganz woanders. Wie jeden Tag stellte er seinen Wagen im Parkhaus ab und ging die wenigen Schritte zu seinen Büroräumen.

Seine beiden angestellten Damen saßen bereits an ihren Arbeitsplätzen und Breuer fehlte erwartungsgemäß. Die Frauen grüßten ihren Chef, als dieser eintrat. Er erwiderte mit absichtlich mürrischem Ton; schließlich konnte eine gewisse Hexe namens Steiner nicht erwarten, dass er beim Verlust einer großen Summe Geldes fröhlich gestimmt war. Gute Laune hätte sie misstrauisch gemacht, Nervosität vielleicht auch. Er vermied es, Blickkontakt aufzunehmen und betrat den Raum, in dem sein Schreibtisch stand.

Er war froh, dass nach einer halben Stunde Klienten auftauchten; er musste einen Immobilienhandel beurkunden und wandte seine gesamte Selbstbeherrschung auf, sich auf seine Aufgabe zu konzentrieren. Die zur Routine gewordene Handlung gelang so gut, dass er kurzfristig vergaß, was er an diesem Tag noch zu tun plante. Darüber hinaus war der Vertrag umfangreich, denn er hing mit einer Erbschaftssache zusammen, in die auch noch das Vormundschaftsgericht eingebunden war. So war der Vormittag mit dieser einen Angelegenheit schon verbracht. Es gab noch ein wenig Smalltalk, bevor er die Kunden verabschiedete und hinauskomplimentierte. Das machte man eben so.

---ENDE DER LESEPROBE---