Skinned - Robin Wasserman - E-Book

Skinned E-Book

Robin Wasserman

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Beschreibung

Der erste Band der mitreißenden Science-Fiction-Trilogie jetzt auch als eBook! Eine fesselnde Dystopie mit Tiefgang, die sich kritisch mit den Themen Menschlichkeit, Technologie und Moral auseinandersetzt. Lia Kahn ist reich, schön und beliebt - bis ein Unfall sie beinahe tötet. Im Krankenhaus wacht sie in einem perfekten, künstlichen Körper auf. Lia wird nie wieder Schmerz empfinden, sie wird nicht altern und nicht sterben. Doch der Preis dafür ist hoch: Ihre Freunde misstrauen ihr, ihr Freund betrügt sie und alles, was ihr wichtig war, wandelt sich in einen Albtraum.Hin- und hergerissen zwischen dem Leben, das sie einmal kannte, und einer neuen, aufregenden Existenz, lernt Lia bald die bitterste Lektion: Niemand kann ihr die Entscheidung abnehmen, die sie treffen muss, um ihre Liebsten zu schützen. "Skinned" ist der erste Band der Trilogie.

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Seitenzahl: 452

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Der erste Tag

»Was letzte Tage angeht, meiner war beschissen.«

Lia Kahn ist tot.

Ich bin Lia Kahn.

Deshalb – denn das ist ja wohl ein logisches Problem, das sogar ein minderbemitteltes Kind lösen könnte – bin ich tot.

Da ist nur eine Sache: Ich bin es nicht.

»Keine Angst.«

Es war die Stimme meines Vaters.

Sie war es – und war es auch nicht. Sie klang komisch. Gedämpft und blechern und gleichzeitig irgendwie zu klar und zu deutlich.

Ich hatte keine Schmerzen.

Aber ich wusste – und zwar bevor ich überhaupt begriff, was mit mir los war –, ich wusste, dass ich Schmerzen hätte haben müssen.

Etwas riss meine Augen auf. Die Welt war ein Kaleidoskop, Formen und Farben wirbelten durcheinander, sinnlos, ohne Muster, bis meine Augen schließlich ohne Vorwarnung wieder zuklappten; dann war alles vorbei. Kein Schmerz, kein Gefühl, keine Ahnung, ob ich lag oder stand. Es war nicht so, dass ich meine Beine nicht bewegen konnte. Es war nicht mal so, dass ich meine Beine nicht spüren konnte. Mit geschlossenen Augen konnte ich nicht mal sagen, ob ich überhaupt Beine hatte.

Oder Arme.

Oder irgendetwas anderes.

Ich denke, also bin ich, dachte ich in einem Anflug von Hysterie. Am liebsten hätte ich gekichert, aber ich konnte meinen Mund nicht spüren.

Ich bekam Panik.

Gelähmt.

Ich konnte mich an ein Auto erinnern. Und an ein kreischendes Geräusch, das wie ein Schrei klang, andererseits auch wieder nicht. Nicht Mensch, nicht Tier.

Und Feuer. Etwas brannte. Der Geruch von etwas Brennendem. Daran erinnerte ich mich.

Ich wollte mich nicht daran erinnern.

Ich konnte mich nicht bewegen. Ich konnte nicht sprechen. Ich konnte meine Augen nicht öffnen.

Sie wissen nicht, dass ich hier drin wach bin. In Gedanken hörte ich den hämmernden Herzschlag, den ich nicht mehr spüren konnte, fühlte, wie sich imaginäre Lungen vor Entsetzen zusammenzogen, schmeckte das Salz unsichtbarer Tränen. Sie können es einfach nichtwissen.

Für meinen Vater, für meine Mutter, die sich in meiner Vorstellung vor dem Krankenzimmer aneinanderklammerten und weinten, unfähig, hereinzukommen; für die Ärzte, die mein Vater sicherlich aus der ganzen Welt hatte einfliegen lassen; für Zoie, die eigentlich im Auto hätte sitzen sollen, die es eigentlich hätte treffen sollen –

Für sie alle schien ich bewusstlos zu sein. Ahnungslos.

Ich konnte mir vorstellen, wie die Zeit verging und die Stimme des Arztes das Schluchzen meiner Mutter übertönte. Noch immer keine Reaktion. Noch immer keine Bewegung, kein Laut, keine Augenreflexe. Noch immer kein Lebenszeichen.

Meine Augen wurden wieder geöffnet, dieses Mal für längere Zeit. Die Farben flossen ineinander, lösten sich in verschwommene Formen auf, eine Unterwasserwelt. Am oberen Rand meines Blickfeldes entdeckte ich etwas Knolliges, Fleischiges, Finger, die meine Augenlider auseinanderzerrten. Über mir schwebte eine dunkle, unscharfe Gestalt, die mit der Stimme meines Vaters sprach.

»Ich weiß nicht, ob du mich schon hören kannst.« Seine Stimme klang ruhig, seine Worte unbeholfen. »Es wird alles gut, ich verspreche es dir. Versuche, geduldig zu sein.«

Mein Vater nahm seine Hand von meinem Gesicht, meine Lider klappten wieder herunter und sperrten mich hinter einer schwarzen Wand ein. Er blieb. Ich wusste es, denn ich konnte ihn atmen hören – nur mich selbst nicht.

Was letzte Tage angeht, meiner war beschissen.

Hätte ich mir einen letzten Tag aussuchen können – einen letzten Tag, wie ich ihn wirklich verdient hätte –, wäre auf jeden Fall mehr Schokolade im Spiel gewesen. Wesentlich mehr. Dunkle. Vollmilch. Weiße. Zartbitter. Mit Olivenstückchen. Karamellgefüllt. Trüffel. Ganache. Und Käse hätte es gegeben, weich, schmelzend, die Sorte, die im ganzen Zimmer stinkt, während sie dir die Kehle hinunterrinnt. Ich hätte den ganzen Tag im Bett gelegen und all das gegessen, was ich jetzt nicht mehr essen kann, hätte die Musik gehört, die mir mittlerweile egal geworden ist, hätte gefühlt. Die kratzige Baumwolle des Bettlakens. Das Kopfkissen, bei der ersten Berührung kühl, aber nach einer Weile warm an meine Wange geschmiegt. Den Mief aus der Lüftung, der mir den Pony in die Stirn gepustet hätte. Und Walker – hätte ich gewusst, was passieren würde, dann hätte ich ihn gefragt, ob er herüberkommt. Ich hätte gesagt: »Scheiß auf meine Eltern, vergiss meine Schwester, sei einfach hier, bei mir, heute.« Ich hätte die flaumigen Haare auf seinen Armen gefühlt und die kratzigen Bartstoppeln an seinem Kinn, denn er war zu faul, sich mehr als einmal pro Woche zu rasieren, da konnte ich sagen, was ich wollte. Ich hätte seine Fingerspitzen auf meiner Haut gespürt, ein Kitzeln, ein Streicheln, so leicht, dass es fast wehtat, weil es nur versprach und nichts davon einhalten wollte. Ich hätte Pfefferminz auf seinen Lippen geschmeckt und gewusst, dass er an diesem Morgen wieder einmal den Kaugummi der Zahncreme vorgezogen hatte; ich hätte ihn dazu gebracht, seine kurzen Nägel in meine Haut zu graben, nicht nur weil ich wollte, dass er mich festhielt, sondern weil ich im letzten schönen Moment meines Lebens auch noch ein letztes Mal Schmerz hätte fühlen wollen.

Das kann einfach nicht passiert sein.

Nicht mir.

Da lag ich nun. Ich versuchte geduldig zu sein, wie mich mein Vater gebeten hatte. Ich wartete darauf aufzuwachen.

Jaja, ich weiß schon: voll das Klischee. Das muss ein Traum sein. Du redest es dir immer wieder ein, vielleicht kneifst du dich sogar, obwohl du weißt, es ist nur ein billiger Trick, denn schon der Versuch beweist schließlich, dass es kein Traum ist. In einem Traum stellst du die Wirklichkeit nie infrage. In einem Traum verschwinden Menschen, Gebäude tauchen auf, Schauplätze ändern sich, du fliegst. Du fällst. Und alles erscheint völlig logisch. Nur im Wachzustand wehrt man sich gegen seltsame Dinge.

Ich wartete also darauf, aufzuwachen.

Der große Schock: Ich wachte nicht auf.

Phase eins: Leugnen. Erledigt.

Als mein Großvater starb, hörte ich zum ersten Mal von den fünf Phasen des Trauerns. Nicht dass ich sie wirklich durchlebt hätte. Nicht dass ich wirklich um einen Typ getrauert hätte, den ich nur zweimal getroffen hatte und den mein Vater ganz offensichtlich verabscheute und von dem meine Mutter, immerhin seine einzige Tochter, behauptete, sie könne sich kaum an ihn erinnern. Sie heulte trotzdem und mein Vater ertrug es, jedenfalls ein paar Tage lang. Wir ertrugen es alle. Er schenkte ihr Blumen. Ich verdrehte nicht einmal dann die Augen, wenn sie beim Abendessen ihr Glas zum dritten Mal mit diesem nervtötenden Ach-bin-ich-ungeschickt-Kichern umwarf. Zo stöberte im Network herum und entdeckte die fünf Phasen der Trauer.

Leugnen. Wut. Verhandeln. Depression. Akzeptanz.

Da ich also tot war – genau genommen toter als tot, nämlich lebendig in einem Körper begraben, der ebenso gut ein Sarg hätte sein können, auch wenn er mir die Freuden des Erstickens verweigerte –, kam ich zu dem Schluss, dass ich ein Recht darauf hatte, zu trauern.

Nein, nicht trauern. Das war das falsche Wort.

Wut.

Ich hasste jeden. Alles. Das Auto für den Unfall. Meinen Körper dafür, dass er verbrannte und kaputtging. Zo für die Tatsache, dass sie mich an ihrer Stelle geschickt hatte. Dass sie lebte, atmete, irgendwo Partys feierte, wo keine Dunkelheit herrschte, in einem funktionierenden Körper. Ich hasste Walker dafür, dass er mich vergessen würde, für die Mädchen, mit denen er ausgehen und die er vögeln würde, und das Mädchen, mit dem er eng umschlungen im Bett liegen würde, das er in seinen Armen halten würde, während er ihr flüsternd versprach, dass sie die Einzige für ihn sei. Ich hasste die Ärzte, die ein und aus gingen, meine Augen aufrissen, mich mit ihren Stableuchten blendeten, mir zuzwinkerten, mich anstarrten und auf ein Zeichen warteten, das ich ihnen nicht geben konnte, obwohl ich die ganze Zeit innerlich schrie: Ich bin wach Ich lebe Hört ihr mich Helft mir. Am Ende würden mich die Lider wieder in die Schwärze einsperren.

Mein Vater blieb bei mir. Er war der Einzige, der mit mir redete. Es war eine endlose, monotone Litanei: Hab Geduld, Lia. Versuche, aufzuwachen, Lia. Versuche dich zu bewegen, Lia. Alles wird gut, Lia. Streng dich an, Lia. Du schaffst es. Ich wollte ihm glauben, weil ich ihm immer geglaubt hatte. Ich wollte daran glauben, dass er alles in Ordnung bringen würde, so wie er immer alles in Ordnung gebracht hatte. Ich wollte ihm glauben, aber ich konnte es nicht, und dafür hasste ich ihn am meisten.

Danach kam die Phase des Verhandelns. Es gab zwar niemanden, den ich um etwas hätte bitten können, aber ich bettelte trotzdem. Zuerst bat ich darum, einfach aufzuwachen – meine Augen öffnen, mich aufsetzen und meine Beine aus dem Bett schwingen zu können. So wie es aussah, ging dieser Wunsch nicht in Erfüllung. Also versuchte ich es mit einem Kompromiss: Lass mich bloß die Augen öffnen, mach, dass ich sprechen und mich bewegen und etwas spüren kann. Lass das hier nicht für immer sein. Lass mich wieder gesund werden.

Später, als sich immer noch nichts geändert hatte, als es immer noch keinen Hoffnungsschimmer gab: Lass mich meine Augen öffnen. Lass mich sprechen. Verschone mich.

Das war, bevor der Schmerz kam.

Genau wie die Ärzte gab er sich keine Mühe, sich langsam an mich heranzupirschen. Er explodierte einfach, eine Supernova in der Schwärze. Ich lebte in diesem Schmerz, er war alles, was ich war, er war zeitlos, er war ewig – und dann war er plötzlich vorbei.

Das war der Anfang.

Ein unglaubliches Wohlbefinden, eine Wärme breitete sich aus, sie steigerte sich zu einem Feuer, das kaum zu ertragen war. Beißende Kälte. Glühende Hitze. Elend. Eine übersprudelnde Fröhlichkeit, die sich nach Lachen sehnte. Angst – nein, nacktes Grauen. Empfindungen tauchten aus dem Nichts auf und überfluteten mich, ebenso schnell verschwanden sie wieder, ohne Grund, ohne Muster, ohne Vorwarnung. Und schließlich – er verschwand nie für lange, bevor er mir den nächsten Besuch abstattete – der Schmerz.

Ich schlief niemals. Ich konnte fühlen, wie die Zeit verging, konnte von dem, was die Ärzte sich zuraunten, darauf schließen, dass die Tage verstrichen, aber ich verlor niemals das Bewusstsein. Wenn die Wellen kamen, verlor ich die Kontrolle, ich verlor den Verstand und verlor mich selbst in bodenlosen Empfindungen, doch sosehr ich es mir auch wünschte, sie rissen mich niemals mit sich fort. In den Momenten zwischen den Wellen, wenn die dunklen Wasser ruhig und ich ich selbst war, fing ich wieder an zu verhandeln.

Lass mich schlafen.

Lass mich sterben.

»Ich mach es – aber dann schuldest du mir etwas«, hatte ich zu Zo gesagt. Bevor es passierte.

Sie hatte mich ignoriert und ihr Haar zu einem lockeren Knoten gedreht und ihn im Nacken festgesteckt. Ihre Haare waren blond, wie meine, allerdings glänzten meine, sie waren dicht und wippten auf der Schulter, wenn ich lachte. Ihre hingegen wirkten struppig und kraftlos, und egal, was sie mit ihnen anstellte, sie sahen immer ungewaschen aus. Ich habe ihr immer gesagt, dass sie ebenso hübsch wäre wie ich, doch wir kannten beide die Wahrheit.

»Vergiss es. Du schuldest mir etwas«, sagte sie schließlich und zog ein ausgeblichenes braunes Sweatshirt an, in dem sie wie eine Kartoffel aussah. Ich sagte nichts dazu. Unsere Eltern hatten sich für Mädchen entschieden, für blondes Haar, blaue Augen; für einen niedrigen Body-Mass-Index und einen einigermaßen hohen Intelligenzquotienten hatten sie sogar zusätzlich bezahlt, aber Faulheit war nicht einfach ein Gen, das man hätte eliminieren können – kein noch so bedeutender Geldbetrag konnte eine Zo garantieren, die all die genetischen Vorzüge, die man ihr mit auf den Weg gegeben hatte, schätzen würde. »Du möchtest bestimmt nicht, dass ich Dad erzähle, wo du dieses Wochenende wirklich warst, oder? Er freut sich sicher, wenn er hört, dass du den Kopf nicht in die Schulbücher gesteckt hast, wie du behauptest, sondern zwischen Walkers –«

»Ich hab dir schon gesagt, dass ich es mache, Zoie.« Sie hasste den Namen. Ich riss ihr die Schlüsselkarte aus der Hand. »Dürfte ich vielleicht erfahren, wo du dich rumtreibst, während ich für dich Windeln wechsle und Rotz abwische?«

»Nein.«

Keine von uns musste arbeiten. In Anbetracht des Bonus auf dem Konto unserer Eltern würde keine von uns beiden jemals arbeiten müssen. Aber unser Vater war ein überzeugter Anhänger von Produktivität.

»Arbeit macht frei«, pflegte er zu zitieren, als wir Kinder waren. Meine Urururgroßeltern kamen aus Deutschland.

Ich war zwölf, als ich dies eines Tages einer Lehrerin gegenüber wiederholte. Sie gab mir eine Ohrfeige. Dann erklärte sie mir, woher der Spruch kam. Die Nazis hatten ihn den KZ-Häftlingen gepredigt. Bevor sie dafür sorgten, dass sie sich zu Tode schufteten.

»Längst vergangene Geschichte«, antwortete mein Vater, als ich ihm die Hiobsbotschaft überbrachte. »Die Verjährungsfrist für Befindlichkeiten beträgt hundert Jahre.« Er sorgte dafür, dass die Lehrerin gefeuert wurde.

Weil ich Sportlerin war, musste ich keinen Job annehmen. Eine Siegerin, bemerkte mein Vater jedes Mal, wenn ich nach einem Wettlauf einen weiteren Pokal nach Hause brachte. Eine Arbeiterin. Er kam nie zu den Wettkämpfen, aber die Pokale für den ersten Platz standen in Reih und Glied auf einem Bücherregal in seinem Büro. Die zweiten Plätze blieben in meinem Zimmer. Alle anderen wanderten in den Müll.

Zo trieb keinen Sport. Soweit ich es beurteilen konnte, hing sie den ganzen Tag mit ihren Loserfreunden auf Parkplätzen ab und dröhnte sich mit Dozers zu. Sie nahmen irgendeine neue Sorte, die stinkende Rauchwolken aufsteigen ließ, wenn man sie lutschte; auf die Art konnte man sich wie ein Retro aus den guten alten Tagen vor dem Nikotinverbot fühlen. »Erklär mir, warum es cool ist, wie Oma auszusehen«, fragte ich sie einmal.

»Ich mache Dinge nicht, weil sie cool sind«, gab Zo patzig zurück. »Dafür bist du zuständig.«

Nur um das mal festzuhalten, ich tat nichts, nur weil es cool war.

Dinge waren cool, weil ich sie tat.

Ich rannte also jeden Tag zehn Meilen, während Zo ihre von Dad verordnete Schicht in der Kindertagesstätte schob, Rotznasen abwischte und vollgeschissene Windeln wechselte; die Tage, an denen sie mich rumkriegte, für sie zu arbeiten, natürlich ausgenommen.

»Schon gut«, besänftigte ich Zo. »Aber ich schwör dir, es ist das letzte Mal.«

Es war das letzte Mal.

Das Ziel war schon im Auto einprogrammiert. Unser Vater würde abends kontrollieren, ob es das vorgegebene Ziel angesteuert hatte, er konnte jedoch nicht herausfinden, welche von uns Schwestern gefahren war. Ich gab »KinderParadies« ein und warf mich auf die Rückbank. Walker konnte es kaum erwarten, achtzehn zu werden, damit er endlich manuell fahren durfte, was ich echt nicht verstehen konnte. Es war doch viel bequemer, sich auszustrecken, während sich der Sitz meinem Körper anpasste, ein Magazin zu hören, mich mit Walker zu verlinken und ihn an die Party abends zu erinnern, durchs Network zu zappen und mich zu vergewissern, dass keiner meiner Freunde Bilder von irgendetwas gepostet hatte, was ich auf keinen Fall hätte verpassen sollen (eigentlich war das unmöglich, denn es bestand allgemeine Übereinstimmung, dass alles, was ich verpasste, sowieso nicht zählte).

An diesem Tag aber unterbrach ich den Link. Keine Chats, keine Links, keine Vids, keine Musik, absolut nichts. Stille. Ich schloss die Augen.

Dieses Gefühl hatte ich sonst nur, wenn ich schon ein paar Meilen gerannt war und die erste Welle der Erschöpfung nachgelassen hatte, wenn die Welt zusammenschrumpfte auf das Laufgeräusch meiner Füße auf dem Asphalt und das Summen in meinen Ohren und die Luft, die durch meine Lungen pfiff – es war eigentlich kein Gefühl, sondern das Fehlen eines Gefühls, das Fehlen eines Ichs. So als existierte ich nicht mehr. Jedenfalls nicht als Lia Kahn; als sei ich nur noch eine verschwommene Masse aus Armen und Beinen, Röcheln, pulsierendem Blut, bis zum Reißen angespannten Muskeln, Wind. Nur Körper, keine Gedanken. Als ich an jenem Tag mit geschlossenen Augen dort lag, hätte sich dieses Gefühl eigentlich nicht einstellen sollen, aber aus irgendeinem Grund war es da. Aus irgendeinem Grund war ich – leer. Frei von Sorgen, frei von Gedanken. Versunken in der Schwärze hinter meinen Lidern.

Als ob ein Teil von mir geahnt hätte, was passieren würde.

Als ob es mich nicht überrascht hätte, als plötzlich alles durcheinanderflog und das kreischende Geräusch von Metall auf Metall die Stille zerriss, als die Welt um mich herumwirbelte, Erde über Himmel über Erde über Himmel, und als mich schließlich ein zerbeultes Dach mit einem gewaltigen Schlag und dem Knirschen von Glas und Stahl auf den völlig ausgebrannten Boden schmetterte.

Ich erzähle den Leuten, dass ich mich nicht erinnern kann, was danach geschah. Ich erzähle ihnen, dass ich mit dem Kopf aufschlug und danach alles schwarz wurde. Sie glauben mir. Sie wollen mir glauben.

Sie wollen nichts davon hören, wie ich dort eingeklemmt lag, wie sich Metallkrallen knirschend in meine Haut gruben; die Beine taub, abwesend, als endete das Universum an meiner Taille; die Arme aus den Gelenken gerissen, verdreht, weißglühend vor Schmerz. Sie wollen nicht hören, dass hinter all dem Blut mein eines Auge blind war, das andere jedoch alles deutlich erkennen konnte: schwarzen Rauch, einen Streifen Blau durch das zerborstene Fenster, sommersprossige Haut mit roten Spritzern, das weiße Schimmern von Knochen. Ein orangefarbenes Flimmern.

Sie wollen nicht hören, wie es sich anfühlte, als ich anfing zu brennen.

Ich wünschte, ich könnte behaupten, dass mein Leben im Zeitraffer vor meinen Augen ablief, als ich an jenes Bett gefesselt war. Vielleicht hätte das die ganze Sache interessanter gemacht. Ich versuchte es zu erzwingen. Ich dachte, wenn ich mich an alles erinnern könnte, was bisher in meinem Leben passiert war, an jeden einzelnen Augenblick, dann würde es sich vielleicht anfühlen, als lebte ich wieder. Wenn ich Lia Kahns Glanzmomente noch einmal durchleben würde, könnte ich immerhin ein paar Stunden totschlagen, vielleicht sogar ein paar Tage. Aber es war sinnlos. Jedes Mal begann ich mit dem ersten Ereignis, an das ich mich erinnern konnte – nämlich wie mich das schmerzhafte Piken der Lanzette bei meinem ersten morgendlichen MedCheck dazu gebracht hatte, wie am Spieß zu brüllen, weil mein kindlicher Verstand fest davon überzeugt gewesen war, die winzige Silberspitze würde mein ganzes Blut aussaugen, wie mir meine Mutter dabei über das Haar strich, mich bat, mit dem Weinen aufzuhören, und mir einen Keks, einen Lutscher, einen Welpen versprach, Hauptsache, ich würde zu heulen aufhören, bevor mein Vater kam. Ich erinnerte mich daran, wie die Tränen über mein Gesicht rannen, und an den Abscheu, der meinem Vater ins Gesicht geschrieben stand. Ich dachte darüber nach, dass tägliche MedChecks und DNA-personalisierte Medikamente uns eigentlich Gesundheit, Sicherheit und ein nahezu ewiges Leben garantieren sollten, dass dieses »Nahezu« allerdings nicht ausreichte, wenn das Navigationssystem in deinem Auto den Geist aufgab und dich in einen Laster oder gegen einen Baum rammte, dich in die Luft schleuderte und anschließend Hackfleisch aus dir machte. Immer wieder erinnerte ich mich an die Hand meiner Mutter auf meiner Stirn und fragte mich, warum ich ihre Stimme nie in meinem Zimmer hörte.

Tage vergingen.

Ich machte Listen. Von Leuten, die ich kannte. Von Leuten, die ich nicht leiden konnte. Von Wörtern, die mit dem Buchstaben Q begannen. Ich versuchte, eine Liste aller ViMs aufzustellen, die ich je besessen hatte, angefangen bei meiner allerersten pinkfarbenen VirtualMachine mit den übergroßen Knöpfen und dem kindersicheren Bildschirm bis hin zu meinem momentanen Favoriten, der neonblauen NanoViM, die man an der Kleidung befestigen konnte oder am Handgelenk oder sogar am Hintern, falls man gerade in der Stimmung war, Vids abzuspielen, während man den Gang hinuntertänzelte. Nicht dass ich das ausprobiert hätte – nach diesem einen Mal. Aber etwa bei der Hälfte der Liste wurde es immer schwammig. Es waren zu viele ViMs gewesen, um sich an jede einzelne zu erinnern, denn wenn man wie ich genügend Bonus hatte, konnte man aus fast allem einen virtuellen Computer bauen, mit dem man sich ins Network einlinkte.

Ich sang mir selbst Lieder vor. Ich übte die Verse, die ich für den Englischunterricht hatte auswendig lernen müssen, denn nach Ansicht meines Lehrers, der null Ahnung hatte, »mag das Theater tot sein, Shakespeare jedoch ist unsterblich«.

Sterben – schlafen –

nichts weiter! – Und zu wissen, daß ein Schlaf

das Herzweh und die tausend Stöße endet,

die unsers Fleisches Erbteil – ’s ist ein Ziel,

aufs innigste zu wünschen.

Was auch immer das bedeutete. Walker hatte mit Happy Tanzen, die die Julia spielte, eine Stelle aus Romeo und Julia vorgetragen und ich fragte mich, ob Happy wohl diejenige – oder, wenn man ihre D-Körbchen mitzählte, die drei – wäre, die meinen Platz einnehmen würde.

Ich hörte den Ärzten zu und hoffte, sie würden zufällig etwas aus ihrem Privatleben ausplaudern oder wenigstens irgendetwas anderes sagen als »Deltawellen abfallend«, »Anstieg Alphafrequenz«, »Rhythmus im Normalbereich« oder einen der anderen Ausdrücke, mit denen sie ständig um sich warfen. Ich versuchte meine Arme und Beine zu bewegen; ich versuchte sie zu spüren. Wenn sie meine Augen öffneten, merkte ich, dass ich auf dem Rücken lag. Das hieß, unter mir mussten ein Bett und irgendwelche Laken sein. Also versuchte ich mir vorzustellen, dass meine Finger auf der kratzigen Baumwolle lagen. Aber je mehr Zeit verging, umso weniger konnte ich mir vorstellen, dass ich überhaupt Finger hatte. Soweit ich es beurteilen konnte, hatte ich keine.

Ich gab jeden Versuch auf.

Ich hörte auf zu denken. Ich schwebte in einer grauen Wolke durch die Tage, wach und doch nicht wach, reglos, aber gleichgültig.

Als es schließlich passierte, geschah es ohne mein Zutun. Ich hatte es nicht versucht. Mir war nicht einmal klar, was ich da eigentlich tat. Es passierte einfach. Augen geschlossen, Augen geschlossen, Augen geschlossen –

Augen geöffnet.

Jemand schrie, vielleicht einer der Ärzte, vielleicht mein Vater, ich konnte es nicht unterscheiden, denn ich starrte an die graue Decke, aber ich hatte es getan, ich hatte irgendwie meine Augen selbstständig geöffnet und sie blieben geöffnet.

Noch etwas anderes bewegte sich. Ein Arm.

Mein Arm. Für einen Augenblick vergaß ich in dieser Welle grenzenloser Erleichterung alles andere: mein Arm. Unversehrt. Ich konnte ihn nicht fühlen, unternahm auch keinen Versuch, ihn zu bewegen, aber ich sah ihn. Sah, wie er durch mein Blickfeld nach oben schnellte und schließlich mit einem dumpfen Schlag hart aufs Bett zurückfiel. Dann der andere Arm. Hoch. Runter. Dumpfer Schlag. Und meine Beine … Es mussten meine Beine gewesen sein. Ich konnte sie nicht fühlen, ich konnte sie auch nicht sehen, aber ich hörte, wie sie auf die Matratze knallten, wie Trommelschläge, bumm, bumm, bumm. Mein Hals bog sich nach hinten und die Decke begann sich zu drehen, ich flog, und schließlich ein dumpfes Geräusch, laut, als poltere ein Körper auf den Boden. Klong, klong, klong, als mein Kopf auf die Fliesen knallte, immer und immer wieder aufprallte. Es verursachte viel Krach, aber es tat nicht weh. Und dann stürmten zwei Füße auf mich zu und ich wollte eigentlich nur wieder reglos im Dunkeln liegen, aber nun konnte ich meine Augen nicht mehr schließen. Zwei dickliche weiße, weiche Hände packten meinen Kopf und hielten ihn fest, und zum ersten Mal, seitdem ich aufgewacht war, kam alles zum Stillstand.

Schlafen. Vielleicht auch träumen.

Augen weit geöffnet

»Eine Art Megafreak?«

Ich träumte nicht.

Ich öffnete die Augen.

Ich öffnete die Augen. Es war ein Triumph. Hätte ich lächeln können, ich hätte es bestimmt getan.

Ich konnte es nicht.

Ich schloss die Augen, einfach nur, weil ich es konnte. Dann öffnete ich sie wieder. Auf. Zu. Auf. Zu. Viel war es nicht.

Aber es war immerhin etwas.

»Lia, kannst du mich hören?« Es war eine neue Stimme, die ich nicht erkannte. Dann tauchte das dazugehörige Gesicht auf. Kleiner Mund, große Nase, schielende braune Augen, dazwischen eine tiefe Stirnfalte. Seine Eltern hatten offensichtlich keine Lust gehabt, ihren Bonus in gutes Aussehen zu investieren, entschied ich. Entweder war das der Grund, oder aber in seinem Genpool hatte sich so viel Hässlichkeit angesammelt, dass sie es einfach nicht besser hinbekommen hatten. »Lia, ich möchte, dass du mir zuhörst. Versuche, mir zu antworten, wenn du mich verstehst.«

Wie soll ich denn antworten?, fragte ich mich. Für einen Arzt schien er die ganze Sache nicht gerade im Griff zu haben.

»Unsere Geräte zeigen an, dass du wieder Kontrolle über einige wichtige Gesichtsmuskeln hast, Lia. Du solltest in der Lage sein, zu blinzeln. Falls du mich verstanden hast, kannst du dann einmal blinzeln? Nur einmal, schön langsam.«

Ich schloss die Augen. Ich zählte bis drei. Dann öffnete ich sie wieder.

Ich hatte lediglich geblinzelt, aber der Arzt strahlte, als hätte ich einen Meisterschaftswettkampf gewonnen. Normalerweise hätte ich das ziemlich daneben gefunden. Aber ich fühlte mich tatsächlich so. Es fühlte sich ziemlich gut an, allerdings nur so lange, bis ich anfing, darüber nachzudenken, warum ich zwar blinzeln, aber weder sprechen noch mich bewegen konnte. Ich fragte mich, wie lange das noch anhalten würde.

Ich überlegte, wie wohl der Blinzelcode für »Bring mich um« aussehen könnte.

»Du hattest einen Unfall«, sagte er. Ein leises Zögern schwang in seiner Stimme mit, als erzähle er mir etwas, was ich noch nicht wusste. Als ob er Angst hätte, ich würde austicken. Was glaubte er denn – wie sollte eine lebende Leiche denn austicken?

»Du hast bestimmt einige Fragen. Ich denke, wir haben eine Methode, mit der wir dir helfen können, Fragen zu stellen. Aber zuerst müssen wir eine kognitive Basis finden. In Ordnung? Blinzle einmal für Ja, zweimal für Nein.«

Nein. Nicht in Ordnung. In Ordnung wäre gewesen, wenn er mir genau erklärt hätte, was mir fehlte und wie er es in den Griff zu kriegen gedachte. Und wann. Leider konnte ich ihm das nicht klarmachen. Ich konnte lediglich zwischen zwei Optionen wählen: Ja oder Nein. Ich blinzelte einmal.

Es war immerhin etwas.

»Hast du momentan Schmerzen?«

Zweimal blinzeln. Nein.

»Warst du vorher schon einmal bei Bewusstsein?«

Ein Blinzeln.

»Hattest du Schmerzen?«

Ein Blinzeln. Ich schloss die Augen eine ganze Weile und hoffte, dass er dieses Zeichen begreifen würde. Sein Gesichtsausdruck blieb unverändert.

»Kannst du irgendeinen Teil deines Körpers bewegen?«

Zweimal blinzeln.

Ich fragte mich plötzlich, ob ich weinte. Vielleicht hätte ich weinen sollen.

»Ich werde jetzt ein bisschen zudrücken, und sobald du etwas spürst, blinzelst du, ja? Möglicherweise tut es etwas weh.«

Ich starrte an die Decke. Ich wartete.

Kein Blinzeln.

Kein Blinzeln.

Das kann mir einfach nicht passiert sein.

Der Arzt runzelte die Stirn. »Interessant.«

Interessant? Die Sache mit dem Umbringenlassen vergaß ich wohl besser. Lieber wollte ich ihn tot sehen. Sein Gesicht verschwand aus meinem Blickfeld und wurde durch ein großes weißes Blatt Papier ersetzt, auf dem alphabetisch angeordnete Druckbuchstaben Zeile um Zeile füllten.

»Wir werden es auf die altmodische Art versuchen, Lia. Ich deute auf die Buchstaben, und wenn du einen auswählen möchtest, blinzelst du. Verstanden?«

Ein Blinzeln.

»Weißt du, wie du heißt?« Das kam aus dem Munde des Idioten, der mich von dem Augenblick an, als er das Zimmer betreten hatte, mit Lia angesprochen hatte.

Sein Wurstfinger glitt über die Buchstaben. Als er auf L zeigte, blinzelte ich. Er fing von vorne an und ich blinzelte erneut, als er zu Ikam. Und wieder bei A.

»Gut, sehr gut. Und dein Nachname?«

Buchstabe für Buchstabe schafften wir es schließlich. Aber es dauerte eine Ewigkeit.

Er wollte weitere Belanglosigkeiten wissen: die Namen meiner Eltern, welches Jahr wir schrieben, meinen Geburtstag, den Namen der Präsidentin, alles mühselig buchstabiert, Buchstabe für Buchstabe, Blinzeln für Blinzeln. Ich hatte so lange darauf gewartet, Kontakt aufzunehmen – trotzdem wünschte ich mir nach kurzer Zeit, er würde endlich verschwinden. Es war zu kompliziert. Ich wagte nicht, darüber nachzudenken, was passieren würde, wenn das alles wäre, was ich je erreichen könnte. Ein weißes Blatt Papier, schwarze Buchstaben, sein Wurstfinger. Blinzel, blinzel.

»Da du nun diese Stufe erreicht hast, können wir zur nächsten übergehen. Es wird allerdings ein bisschen länger dauern, bis du es wirklich beherrschst. Möchtest du in der Zwischenzeit irgendetwas fragen?«

Ein Blinzeln.

Die Buchstaben tauchten wieder auf und sein Finger kroch über das Papier.

W. Blinzeln.

A. Blinzeln.

S. Blinzeln.

IST MIT MIR LOS.

Blinzeln.

Seinem Gesichtsausdruck nach zu schließen, war es die falsche Frage.

»Wie ich dir schon sagte, Lia, du hattest einen Unfall. Dein Körper wurde ziemlich schwer verletzt. Aber ich versichere dir, wir haben das wieder hingekriegt. Das fehlende Bewegungsvermögen und die Taubheit sind unter den gegebenen Umständen normal, denn dein Nervensystem muss sich erst an sein neues … Umfeld gewöhnen. Die Schmerzen und die anderen Empfindungen, die du möglicherweise hattest, seitdem du hier bist, sind ein gutes Zeichen, ein Anzeichen dafür, dass dein Gehirn seine neuen Nervenbahnen erkundet und wieder lernt, sensorische Informationen zu verarbeiten. Es wird eine Weile dauern und dich einige Anstrengungen kosten, Lia, und vielleicht gibt es auch einige … Komplikationen, mit denen du fertig werden musst, aber wir werden es schaffen, dass du wieder laufen und sprechen kannst.«

Er sagte noch mehr, aber ich hörte nicht mehr zu. Nach »wieder laufen und sprechen« hörte ich nichts mehr. Sie würden mich wieder gesund machen. Welche Komplikationen es auch immer geben würde, wie lange es auch dauern mochte, ich würde mein Leben zurückbekommen.

»Möchtest du noch etwas wissen?«

Zweimal blinzeln. Nach dem zweiten Blinzeln schloss ich so lange die Augen, bis er gegangen war.

Das Bett funktionierte mechanisch. Es surrte leise, die Decke verschwand immer weiter aus meinem Blickfeld, bis ich schließlich aufrecht saß. Ich konnte zum ersten Mal das Zimmer sehen. Das war nicht viel, aber es war immerhin mal eine andere Aussicht, besser als die Decke, deren glatter, makellos grauer Putz noch langweiliger war als die Schwärze hinter meinen Lidern. Es ähnelte keinem der Krankenzimmer, die ich bisher gesehen hatte. Es gab keine Maschinen, keine medizinischen Geräte, kein Waschbecken und kein Badezimmer. Ich konnte die verräterische Krankenhausmischung aus Desinfektionsmittel und Kotze nicht riechen. Aber dann wurde mir bewusst, dass ich überhaupt nichts riechen konnte. Es gab eine Kommode, die wie meine eigene Kommode aussah, obwohl ich wusste, dass sie es nicht sein konnte. Einen Tisch, der wie mein Tisch aussah. Lautsprecher und einen VidScreen, auf dem wahllos flimmernde Bilder von Freunden und Familienmitgliedern aufleuchteten. Keinen Spiegel.

Offensichtlich hatte sich jemand ziemlich viel Mühe gegeben, um diesen Raum wie ein Zuhause aussehen zu lassen.

Anscheinend ging jemand davon aus, dass ich eine Weile hierbleiben würde.

Um mich herum versammelte sich eine Horde, die mich anstarrte. Ich starrte zurück. Obwohl keiner von ihnen einen weißen Kittel trug, vermutete ich, dass es sich um Ärzte handelte. Am Fußende des Bettes hielten sich meine Mutter und mein Vater umklammert. Um es genau zu sagen, klammerte sich nur meine Mutter an, sie war in Tränen aufgelöst und zitterte. Mein Vater stand da, als hätte er einen Stock verschluckt, seine Arme hingen herunter. Er hielt die Augen starr auf meine Stirn gerichtet; ein alter Trick, den er mir beigebracht hatte. Die meisten Leute würden vermuten, dass er mir in die Augen sah. Die meisten Leute sahen eben nicht genau hin.

Meine Mutter presste ihren Kopf an seine Schulter und umklammerte seine Taille, mit der anderen Hand tätschelte sie meinen Fuß, vorsichtig, als habe sie Angst, mir wehzutun. Offenbar hatte ihr niemand gesagt, dass ich weder ihre Berührung noch sonst etwas spüren konnte. Es war allerdings wahrscheinlicher, dass sie mal wieder auf selektiven Gedächtnismodus geschaltet hatte und alles verdrängte, was ihr unangenehm war.

»Wir haben eine neuronale Verbindung vom Sprachzentrum in dein Gehirn geschaltet, Lia«, sagte der Arzt mit dem Silberblick. Nun, da ich eine bessere Sicht hatte, fiel mir auf, dass er zu allem Überfluss auch noch klein war. Ich hoffte – für ihn wie für mich –, dass seine Eltern ihren gesamten Bonus in seinen Intelligenzquotienten gesteckt hatten. Denn ehrlich gesagt hatten sie bei allem anderen schon genug gegeizt. »Wenn du die Worte in Gedanken deutlich artikulierst, wird der Computer sie für dich aussprechen.« Danach schien der ganze Raum in eine Art Starre zu verfallen, alle warteten.

Hallo.

Stille.

»Es erfordert ein bisschen Übung, die Worte hervorzubringen«, sagte er. »Ich kann dir leider nicht sagen, was du genau machen musst, aber es funktioniert genau wie das Anheben eines Arm oder das Hochziehen einer Augenbraue. Du musst einfach einen Weg finden, Gedanken in Laute umzuwandeln.«

Hätte ich sprechen können, hätte ich vielleicht darauf hingewiesen, dass ich weder meinen Arm noch meine Augenbrauen bewegen konnte. Und ihm anschließend dafür gedankt, dass er mir das noch mal richtig unter die Nase gerieben hatte.

Hallo.

Hallo.

Hört mich jemand?

Funktioniert dieses Scheißding irgendwann auch mal oder steht ihr hier alle nur blöd herum und glotzt mich an, als wäre ich

»EINE ART MEGAFREAK?«

Meine Mutter stieß ein wimmerndes Quieken aus und vergrub ihr Gesicht an der Brust meines Vaters. Er ließ sie gewähren.

»Sehr gut, Lia.« Der Arzt nickte. »Ganz ausgezeichnet.«

Die Stimme war weiblich, ein elektronischer Altton. Sie hatte diesen künstlich beruhigenden Ton, den man in stecken gebliebenen Aufzügen hört, wenn sie einem versichert, dass schon »ein Techniker unterwegs ist«. Sie rieselte irgendwo hinter meinem Kopf aus einem Lautsprecher.

Hallo, dachte ich, um es zu testen. Das Wort schoss sofort heraus.

»Hallo«, antwortete mein Vater, als hätte ich mit ihm geredet. Vielleicht hatte ich das ja. Seine Augen blieben weiterhin auf meine Stirn gerichtet.

»Alles wird wieder gut, Liebes«, flüsterte meine Mutter. Sie drückte den fußähnlichen Klumpen am Bettende. »Ich verspreche es dir. Wir schaffen das.«

»KANN MIR JEMAND SAGEN, WAS LOS IST?«, fragte der Lautsprecher.

Fragte ich.

»WIE SCHWER SIND MEINE VERLETZUNGEN? SEIT WANN BIN ICH HIER? WAS PASSIERT ALS NÄCHSTES? WARUM KANN ICH NICHT –« Ich stockte. »ICH WERDE MICH WIEDER BEWEGEN KÖNNEN, ODER? LAUFEN UND ALLES? DAS HABEN SIE GESAGT. WANN?«

Ich fragte nicht, warum Zo nicht dabei war.

»Seit dem Unfall sind mehrere Wochen vergangen«, antwortete mein Vater. »Beinahe vier.« Seine Stimme klang fast so monoton wie die des Computers.

Seit einem Monat ans Bett gefesselt, in der Dunkelheit eingeschlossen. Ich hatte drei Klassenarbeiten verpasst, einen Wettkampf, wer weiß wie viele Partys, Nächte mit Walker und Stunde um Stunde meiner liebsten VidLifes. Einen Monat meines Lebens.

»Allerdings bist du erst seit letzter Woche oder so wieder bei Bewusstsein«, sagte der Arzt. »Wie ich schon sagte, dein Gehirn hat diese Erholungsphase gebraucht, um sich an das neue Umfeld zu gewöhnen. Unwillkürliche Bewegungen haben angezeigt, dass die erste Stufe erreicht wurde. Wir hatten zwar erwartet, dass du diese Stufe ein bisschen früher schaffen würdest, aber das ist natürlich bei jedem anders, das lässt sich nicht beschleunigen, vor allem nicht in Fällen wie diesem. Wenn man die Schwere deiner Verletzungen bedenkt, hattest du wirklich Glück, das solltest du wissen.«

Richtig. Glück. Ich fühlte mich, als hätte ich den Jackpot geknackt.

Oder als hätte mich der Blitz getroffen.

»Bewusste Bewegung der Augenlider bedeutet Stufe zwei. Nach und nach wirst du die Kontrolle über deinen ganzen Körper erlangen. Vielleicht bist du schon auf dem besten Weg dorthin. Nach deinem … Zwischenfall haben wir deinen übrigen Körper momentan ruhig gestellt. Zu deiner eigenen Sicherheit. Aber wenn du so weit bist, werden deine Reha-Therapeuten mit dir arbeiten und einzelne Bereiche gezielt behandeln. Wenn alles glattläuft, sollte auch das Empfindungsvermögen wieder zurückkehren.«

Er erwähnte nicht, was passieren würde, wenn nicht alles glattlief, oder wie wahrscheinlich dieses »Wenn« war. Ich hakte nicht nach.

»WIE SCHLIMM?«

Der Arzt runzelte die Stirn. »Wie bitte?«

»SIE SAGTEN ›SCHWER‹ WIE SCHWER?« Ich hasste es, dass dieser Mann, ein Fremder, meinen Körper besser kannte als ich selbst.

»Als du nach dem Unfall hier eingeliefert wurdest … Du hast zwar nicht danach gefragt, aber du willst bestimmt wissen, wie es passiert ist, oder? Soweit ich weiß, fiel bei einem Speditionslaster ein Chip aus. Er war auf dem satellitengesteuerten Navigationssystem nicht mehr zu sehen, gleichzeitig fiel das Ersatzwarnsystem in deinem Wagen aus und meldete eine freie Straße. Es war eine Verkettung vollkommen unwahrscheinlicher Zufälle.« Er sagte das nüchtern, beiläufig, als handele es sich lediglich um eine statistische Abweichung, die er in seiner Freizeit gern einmal näher untersuchen würde. »Als du nach dem Unfall hier eingeliefert wurdest, hattest du schwere Verletzungen. Verbrennungen bedeckten –«

»Hören Sie bitte auf!« Das war meine Mutter. Wer sonst. »Sie braucht das nicht zu wissen. Nicht jetzt. Sie ist noch zu schwach.« Womit sie meinte: Ich bin zu schwach.

»Sie hat gefragt«, antwortete mein Vater. »Sie hat ein Recht, es zu erfahren.«

Der Arzt zögerte, als wolle er ihnen Gelegenheit geben, sich zu einigen. Er hatte einen Monat mit meinen Eltern zugebracht und glaubte tatsächlich noch immer, die Familie Kahn wäre eine Demokratie?

Mein Vater nickte. »Fahren Sie fort.«

Der Arzt, offensichtlich klüger, als er aussah, gehorchte. »Siebzig Prozent deiner Körperoberfläche hatten Verbrennungen dritten Grades. Dies war die unmittelbarste Gefahr. Hauttransplantationen sind natürlich kein Problem, aber in vielen Fällen enden Infektionen tödlich, bevor wir irgendetwas unternehmen können. Quetschwunden an den Beinen und im Beckenbereich. Rückenmarksverletzungen. Lungenkollaps. Verletzungen an der Halsschlagader machten einen umgehenden Bypass notwendig, möglicherweise wäre letzten Endes eine Transplantation unvermeidlich gewesen. Innere Blutungen. Was die Sekundärverletzungen anbelangt, waren wir zur Amputation gezwungen –«

»BITTE«, unterbrach der Computer. Er klang so gelassen.

Mein Vater sah auf und wartete. Er glaubte offensichtlich, dass ich es aushalten würde.

Reden Sie weiter, zwang ich mich zu denken. Die Worte standen im Raum, bevor ich sie zurücknehmen konnte.

»Wir mussten das linke Bein kurz über dem Knie amputieren. Wir haben mehrere Stunden lang versucht, wenigstens den linken Arm zu retten, aber es war vergeblich.«

Unter der Decke lagen zwei Füße. Zwei Beine. Ich konnte sie sehen. Ich konnte sie vielleicht nicht spüren oder bewegen, aber ich wusste, sie waren da.

Prothesen, schoss es mir durch den Kopf. Ich verkroch mich in einen Winkel meines Gehirns, wo mich der Computer nicht hören konnte. Sie können alles Mögliche durch Prothesen ersetzen. Sie bauten künstliche Beine, die sich bewegten, die bedingt sogar etwas fühlten. Die fast normal aussahen. Fast.

Der Arzt hatte versprochen, dass ich wieder laufen können würde. Allerdings hatte er nicht gesagt, wie. Er hatte auch nicht gesagt, womit.

Das kann mir einfach nicht passiert sein.

Wie konnte es passieren – wie konnte es immernoch passieren – und mir trotzdem so unwirklich vorkommen?

Auf der anderen Seite: Wie könnte es jemals wirklich sein? Wie könnte ich, Lia Kahn, jemals ein einarmiger, einbeiniger, verbrannter, vernarbter, durchbohrter Klumpen sein?

»ICH MUSS ES SEHEN.«

»Was denn, Lia?«, flüsterte meine Mutter. Was glaubte sie wohl?

»SEHEN. ICH MUSS WISSEN, WIE ICH AUSSEHE. ICH BRAUCHE EINEN SPIEGEL.« In meinem Kopf brüllte ich. Die Stimme brüllte nicht.

»Zum momentanen Zeitpunkt halte ich das nicht für empfehlenswert«, wandte der Arzt ein. »Ich habe deine Verletzungen nur aufgezählt, damit dir klar wird, wie froh du sein kannst, dass du wieder vollkommen gesund werden wirst. Damit du verstehst, dass bestimmte Entscheidungen nur zu deinem Besten getroffen wurden. Allerdings mussten wir auch einige Opfer in Kauf nehmen, um dein Leben zu retten.«

Einige Opfer. Ein Arm und ein Bein zum Beispiel?

»ICH WILL ES SEHEN.«

Der Arzt runzelte die Stirn. »Wir sollten wirklich warten, bis die endgültigen kosmetischen Maßnahmen abgeschlossen sind. Zum momentanen Zeitpunkt wäre es unklug –«

»Lassen Sie sie«, mischte sich ein Mann ein, der bisher nichts gesagt hatte. Er stand direkt neben meinen Eltern. Sein grauer Anzug blinkte sehr subtil im Takt seines Herzschlags. Dieser Look war vor ein paar Jahren total angesagt und dann total out gewesen, aber irgendwie passte er zu ihm. Andererseits hätte zu seinem Gesicht – markante Wangenknochen, braune Augen mit langen Wimpern, ein Grübchen im Kinn, fast, aber eben doch nicht ganz weibliche Lippen – einfach alles gepasst. »Sie muss es sowieso erfahren. Warum also nicht jetzt?«

Ich bedauerte, dass ich ihm nicht zulächeln konnte.

Doch dann fiel mir ein, dass dieses Lächeln von blasigen Lippen gekommen wäre, die geöffneten Lippen hätten abgebrochene Zähne oder dunkle, leere Lücken im blutigen Zahnfleisch zum Vorschein gebracht. Und das blonde Haar, das ich gern über die Schulter geworfen hätte, nur ganz kurz, sodass er den schwachen Lavendelduft wahrgenommen hätte? Wahrscheinlich gab es das auch nicht mehr. Ich hatte gerochen, wie es verbrannt war. Meine Augen waren beide noch da, so viel war klar. Und wenigstens noch eines meiner Ohren. Aber mein Mund funktionierte nicht mehr, ebenso wenig wie meine Nase … Woher sollte ich wissen, ob sie unversehrt oder nur eingefallene Fleischhöhlen waren? Ich rief mir in Erinnerung, dass der hübsche Arzt nicht die hübsche Lia Kahn sah. Er sah den Klumpen.

Er fand einen Spiegel.

Der Spiegel war klein, ungefähr so groß wie eine Handfläche, wenn man die Finger aneinanderlegte. Er hatte einen schwarzen Plastikrahmen, der wohl glänzen sollte, aber das tat er nicht, jedenfalls nicht mehr. Der Arzt zögerte und deutete mit einem Kopfnicken in die Richtung meines Vaters. »Vielleicht möchten Sie …?«

Mein Vater schüttelte den Kopf.

Es war also der gut aussehende Arzt, der mit dem Spiegel in der Hand näher kam; er war genau der Typ Mann, zu dem sich Walker eines Tages entwickeln würde, vorausgesetzt, er rasierte sich irgendwann regelmäßig und fiel nicht ständig in Gentechnik durch. Er achtete darauf, dass ich nur die Rückseite sah. »Bist du bereit?«

Als ob es darauf ankäme. Ich schloss die Augen.

Der Computer bejahte.

Sie werden alles in Ordnung bringen, redete ich mir zu. Egal, wie viel es kostet, egal, wie lange es dauert. Wenn meine Mutter es schaffte, dass ihre Haut noch immer wie die einer Fünfundzwanzigjährigen aussah, wenn Happy Tanzen ständig mit einer neuen Nase aufkreuzen konnte, die jede Saison perfekt zu den neuesten Trends passte, dann waren ein paar Narben kein Problem. Vielleicht würde ich sogar einige behalten. Becca Mai hatte eine feine weiße künstliche Narbe auf ihrem Wangenknochen, die sie angeblich der näheren Bekanntschaft mit Glassplittern bei einem unerlaubten Trip in die Stadt verdankte. Jeder wusste, dass Becca Mai viel zu brav war, um sich aus dem Haus zu schleichen, und viel zu ängstlich, um heimlich in die Stadt zu fahren. Außerdem hatte Happy eins dieser Tätowiersets für den Hausgebrauch auf Beccas ShopLog gesehen, und zwar kurz bevor er mysteriöserweise gelöscht wurde. Die Jungs fuhren allerdings ziemlich darauf ab, dass sie sexy erschauderte, wenn sie mit den Fingern über die Narbe strichen. Becca konnte super schaudern.

Ich würde es noch besser können.

»Lia, wenn du dich sehen möchtest, musst du die Augen öffnen.« Die Stimme des Arztes war nicht ganz so attraktiv wie sein Gesicht. Ich mochte tiefere Stimmen, die ein bisschen heiser klangen. Na ja, Walker hatte nur einen Tenor. Aber für markante Wangenknochen und ein knackiges Sixpack nimmt ein Mädchen fast alles in Kauf.

Alles, machte ich mir Mut. Dann holte ich tief Luft.

Augen weit geöffnet.

Ich wusste nicht, dass Computer schreien können.

Nichts

»Ich war ein Geist in der Maschine.«

Die Lippen, dachte ich. Konzentriere dich auf die Lippen.

Die sahen wenigstens normal aus. Blassrosa, blutleer. Zu einem leichten Schmollmund verzogen. Eine Andeutung weißer, kaum sichtbarer Zähne, ebenmäßig und vollständig. Es war ein Mund, ein ganz normaler Mund.

Nur eben nicht mein Mund.

Mit der Nase war es dasselbe. Es war eine Nase. Schmal, fast ein bisschen spitz, aber keineswegs unattraktiv, kein Höcker, keine Hakennase. Sie hatte fein geformte Nasenlöcher, war leicht nach oben gewölbt, in Richtung –

Nein, nicht die Augen.

Sieh nicht in die Augen.

Keine Narben. Keine Verbrennungen. Es war nicht die gruselige Halloweenmaske, die ich erwartet hatte. Es war … perfekt. Die Haut war unverletzt; glatt und weich spannte sie sich über das Gesicht. Es war das Gesicht einer Fremden.

Die Augen. Die Augen, die nicht meine Augen waren. Eine helle wässrig blaue Iris ohne Sprenkel, eine schwarze, reglose Pupille und in der Mitte ein hauchfeiner bernsteinfarbener Ring. Starr. Tot.

Aber als ich ein Auge zumachte, schloss sich das Auge im Spiegel ebenfalls. Braune Wimpern streiften eine allzu glatte Wange. Ich öffnete das Auge und das Spiegelauge öffnete sich ebenfalls. Es war tot. Es gehörte mir.

Das bedeutete, dass auch alles über dem Auge zu mir gehörte. Blond schimmernde Augenbrauen, die zu einem perfekten Bogen gezupft waren und wie aufgemalt aussahen. Eine faltenlose Stirn. Und darüber?

Die Maschine.

Die Kopfhaut war nach hinten gezogen. Es war ein Durcheinander von Schaltkreisen, so wie damals, als Zo meine neue VirtualMachine aufgebrochen hatte, weil ich ihr verboten hatte, sie zu benutzen. Kabel spulten sich aus meinem Kopf. Kabel führten in meinen Kopf. Durch eine wächserne fleischfarbene Basis zogen sich silbrige Drähte.

Erst als der Computer verstummte, wurde mir bewusst, dass ich immer noch schrie. Allerdings hallten die Schreie jetzt nur noch in meinem Kopf wider.

Was steckte noch alles in meinem Kopf?

»Versuche, dich zu beruhigen«, beschwichtigte der erste Arzt, der hässliche. Der Spiegel war zwar nicht mehr da, trotzdem sah ich das Gesicht immer noch vor mir. »Ich schalte den Lautsprecher wieder ein, aber versuche in deinem eigenen Interesse, ruhig zu bleiben. Dann werden wir dir alles erklären. Schaffst du das?«

Als ob ich die Wahl gehabt hätte.

Einmal blinzeln.

Ich zwang die Schreie in mein Inneres zurück.

»Aus diesem Grund wollte ich nicht, dass du dich in diesem Stadium siehst«, sagte der Arzt gereizt. »Das Freilegen des Gehirns ist nur so lange notwendig, bis wir eine neurologische Stabilität feststellen können. Sobald die Schädeldecke montiert ist und das Haar –«

»WAS HABEN SIE MIT MIR GEMACHT?«

Dr.Hübsch warf dem hässlicheren Typ einen Blick zu und ich verstand, wer hier das Sagen hatte. Er antwortete auch schließlich auf meine Frage. »Wir haben dir das Leben gerettet.«

»WAS HABEN SIE GEMACHT?«

Keiner sagte etwas.

Meine Mutter hob den Kopf von der Schulter meines Vaters. Sie sah mir in die Augen. Nicht auf die Stirn, sondern in die Augen. Sie weinte nicht mehr. »Du hast sicher schon von BioMax gehört«, sagte sie. »Du erinnerst dich bestimmt.«

Mein Wissen war ungefähr so groß wie mein Interesse. Kaum vorhanden. Das war nicht gerade viel. BioMax, irgendeine Tochterfirma im Konzern meines Vaters, hatte letztes Jahr mit irgendeiner neuen abgefahrenen Technik einen ziemlichen Hype in den Vids verursacht –

»NEIN.«

Schlagartig wurde mir alles klar.

»Wir mussten es tun«, flehte meine Mutter. »Wir hatten keine andere Wahl.«

»NEIN.«

»Liebes, du hast doch gehört, was die Ärzte gesagt haben, du wärst sonst gestorben. Es war die einzige Möglichkeit.«

»NEIN.«

»Lia.« Mein Vater ballte die Fäuste und schob sie in die Hosentasche. »Doch.«

»Wir haben alles versucht«, warf der gut aussehende Arzt ein. Ich hatte das Gefühl, als werfe er mir anzügliche Blicke zu, als wäre ich eine Art mechanisches Puzzle, das er am liebsten auseinandernehmen und anschließend wieder zusammensetzen würde. Auch wenn er das ja schon gemacht hatte. »Dr.Dreyson …«, er deutete mit einem Kopfnicken auf seinen koboldähnlichen Kollegen, »… hatte dich siebzehn Stunden auf dem OP-Tisch liegen, bevor wir die endgültige Entscheidung gefällt haben.«

»BEVOR SIE AUFGEGEBEN HABEN.«

»Wir würden dich niemals aufgeben«, sagte meine Mutter.

Mein Vater runzelte die Stirn. »Nur deshalb bist du noch hier.«

Aber das war ich nicht.

Ich war nur ein Geist in der Maschine.

Ein MechHead, ein Kabelhirn. Ein Frankenstein. Ein Hautdieb.

Ein Skinner.

»Der Download war ein voller Erfolg«, kommentierte Dr.Hübsch. »Dein Gehirn hat den Unfall unbeschadet überstanden und wir konnten einen vollständigen Transfer durchführen. Ich befürchte, der Körper ist nicht die Maßanfertigung, die du dir unter weniger kritischen Umständen ausgesucht hättest, aber wir haben unser Bestes versucht und ein Modell ausgewählt, das deinen Grundvorgaben wie Größe, Gewicht und Farbgebung am nächsten kam.«

Er redete, als wäre ich ein Neuwagen.

Jeder hatte schon von den Downloadfreaks gehört, zumindest wussten wir, dass sie sich irgendwo da draußen herumtrieben, Computergehirne, die man in handgefertigte Körper gesteckt hatte, die in der Gegend herumliefen und wie echte, lebende Menschen aussahen. Mehr oder weniger. Die ersten waren eine Zeit lang in sämtlichen Vids zu sehen gewesen, aber bald verloren die Leute das Interesse an ihnen und beschäftigten sich mit anderen Dingen, die genauso unwichtig waren, zum Beispiel mit Wetten, wie lange es dauern würde, bis sich unsere Präsidentin mal wieder unerlaubt aus der Reha davonmachen würde.

»IHR HABT EINEN SKINNER AUS MIR GEMACHT.«

Dr.Kobold zog seine dicke Nase kraus. »Wir ziehen es vor, dieses Wort nicht zu benutzen.«

Aber so wurden sie nun mal genannt, denn genau das machten sie schließlich.

Skinner. Sie waren Computer – Maschinen –, die menschliche Identitäten klauten und sich unter einer menschlichen Haut versteckten. Allerdings war die Haut genauso künstlich wie alles darunter. Ein Skinner war nichts weiter als ein Computer, der eine menschliche Maske trug und die Kabel und Schaltkreise unter einem Kostüm aus synthetischem Fleisch versteckte. Ein mechanisches Gehirn, dem man einredete, es wäre echt.

Oder, in diesem Fall: ein mechanisches Gehirn, das man glauben gemacht hatte, es wäre Lia Kahn.

»Du bist Lia«, sagte der abstoßend Gutaussehende. »Wir haben lediglich all deine Erinnerungen, all deine Erfahrungen, alles, was du bist, in ein robusteres Gehäuse übertragen. Es ist, als kopiere man eine Datei. Daran ist weiter nichts Geheimnisvolles.«

»ICH WILL ZURÜCK.«

»Lia …« Meine Mutter presste ihre linke Hand auf die Augen und massierte sich die Lider.

»Sobald sich das neuronale Netzwerk in der neuen körperlichen Umgebung zurechtfindet, kannst du vermutlich genau dort weitermachen, wo du aufgehört hast.« Dr.Hübsch war nicht zu bremsen. »Du wirst sehen, wir haben wirklich bemerkenswerte Dinge im Hinblick auf Sinneswahrnehmung und Bewegung erreicht … Natürlich gibt es auch einige Dinge, an die man sich erst gewöhnen muss, viele unserer Kunden finden jedoch, dass sich ihr Leben nach dem Download kaum von dem unterscheidet, wie sie es vor dem Eingriff erlebt haben. Und die Lebensqualität wird zweifellos so viel höher sein als alles, was du in Anbetracht der Schwere deiner Verletzungen gehabt hättest –«

»MACHEN SIE MICH WIEDER, WIE ICH WAR. DIE VERLETZUNGEN SIND MIR EGAL. SIE INTERESSIEREN MICH NICHT. MACHEN SIE ES RÜCKGÄNGIG.«

Ein Bein, ein Arm, keine Haut, es war mir egal. Hauptsache, ich war wieder ein Mensch. Hauptsache, ich war ich.

»Das ist nicht möglich.«

»ALLES IST MÖGLICH, SIE MÜSSEN ES NUR WIRKLICH WOLLEN.«

Noch einer der Lieblingssprüche meines Vaters.

Die Stimme des Arztes klang kalt. »Es gibt kein Zurück. Es gibt keinen Körper, in den du zurückkehren könntest. Der Körper von Lia Kahn ist tot. Sei dankbar, dass du nicht mit ihm gestorben bist.«

Als ich mich weigerte, ihm zu glauben, bot er an, den Beweis zu liefern. Die Kabel wurden entfernt. Maschinen weggeschoben. Zwei Männer – keine Ärzte, die Ärzte rührten mich niemals an – fassten mich links und rechts unter. Sie hievten mich in eine aufrechte Sitzhaltung. Mein Kopf kippte nach vorn und ich sah zum ersten Mal meine Hände. Sie hingen schlaff in meinem Schoß, die Finger leicht gekrümmt, die Nägel rund und glatt. Nutzlos. Es waren die Hände von jemand anderem, sie lagen auf den Beinen von jemand anderem. Die Haut war genauso unnatürlich glatt wie die Gesichtshaut. Sie hatte weder Falten noch Rillen, keine leichten Verfärbungen, kein Geflecht feiner blauer Venen unter der Hautoberfläche. Ich fragte mich, ob diese Hände wohl Fingerabdrücke hinterlassen würden.

Einer der Männer packte mich unter den Achseln und zerrte mich aus dem Bett. Er sah aus, als habe er Mundgeruch, und für einen Augenblick war sein Mund meinem so nahe, dass ich es hätte riechen können, wenn ich denn einen Geruchssinn gehabt hätte. Ich trug einen ärmellosen, hauchdünnen Kittel, der die Arme nur lose umschloss. Seine Hände berührten bloße Haut oder was es auch immer war. Wenn er es darauf anlegte, konnte er mir vermutlich in den Ausschnitt sehen. Es war mir egal. Schließlich war das darunter nicht mein Körper. Es war ein Ding. Ein Ding, das ich nicht fühlen und nicht bewegen konnte, ein Ding, in dem ich gefangen war. Das war nicht ich.

Er riskierte keinen Blick. Stattdessen ließ er mich in einen Rollstuhl fallen und zurrte einen Gurt um meine Taille. Dann befestigte er einen weiteren um meine Stirn, sodass mein Kopf gegen die Lehne gedrückt wurde und ich nur starr geradeaus sehen konnte. Während der ganzen Prozedur sah er mich nicht an.

Der gut aussehende Arzt, der mit jeder Bemerkung zunehmend unattraktiver wurde, schlug mir vor, ihn Ben zu nennen. Er stellte klar, dass er genau genommen kein Arzt war. Das ergab einen gewissen Sinn. Ärzte kümmerten sich schließlich um Menschen, oder? Kranke Menschen, verletzte Menschen. Menschen. Das war ich nicht, nicht mehr. Dank Ben. Meinem Mechaniker.

Nenn-mich-Ben schob mich den Flur hinunter. Ich konnte den Körper nicht fühlen, auch die Sitzfläche spürte ich nicht. Ich hatte das Gefühl, den Korridor hinunterzuschweben, nichts als ein Augenpaar, nur Gedanken, nur ein Gespenst. Meine Eltern kamen nicht mit. Meine Mutter sagte, sie ertrage es nicht, es noch einmal zu sehen. Es, so formulierte sie es. Mein Vater sagte nichts, aber er blieb bei ihr.

»Wir haben es im Kühlraum für dich aufbewahrt«, sagte Ben hinter mir. »Die meisten Patienten wollen es noch einmal sehen.«

Es.

Er schob mich in einen schmalen Raum, in dessen weiß gekachelte Wände silberne Platten eingelassen waren. Ben presste seine Handfläche auf eine der Platten, daraufhin schnellte ein längliches Metallfach aus der Wand, auf dem ein Klumpen lag, der mit einem Tuch bedeckt war. Ein körperähnlicher Klumpen.

»Willst du es wirklich sehen?«, fragte Ben und brachte den Rollstuhl in Position. »Das ist bestimmt nicht einfach.«

Ich konnte es nicht ertragen, den Computer für mich sprechen zu hören, nicht hier. Nicht in diesem Moment.

Ich blinzelte einmal.

Er fing mit den Füßen an. Dem Fuß.

Das Fleisch war rot, zerquetscht und durchbohrt. Bedeckt mit dickem schwarzen Schorf. Man sah breite perlweiße Streifen, als wäre die Haut mit Kalk bedeckt. Vielleicht hatte man auch die Haut abgezogen, und was ich sah, war der Knochen. Das Knie war verdreht, das andere Bein fehlte, es hörte kurz über dem Knie auf. Wirbel aus getrocknetem Blut und verkohltem Fleisch wanden sich umeinander wie die Jahresringe eines gefällten Baumstumpfes.

Das Tuch wurde noch weiter zurückgezogen.

Ich wünschte, ich könnte sagen, ich hätte es nicht erkannt, es wäre einfach nur ein ekelhafter Haufen Haut und Knochen gewesen, zerbrochen und unidentifizierbar.

Einerseits war es das ja auch. Doch zum anderen war ich das.

Ich erkannte die Hüftknochen, die etwas unterhalb der Taille hervorstanden. Für meinen Geschmack waren sie schon immer ein wenig zu knochig gewesen. Auf einem Stück Haut, das das Feuer verschont hatte, waren noch immer die dunklen Sommersprossen auf meinem Schlüsselbein zu erkennen. Mein verkrümmter Ringfinger an dem unversehrten Arm war ein Markenzeichen meiner Familie, das meine Eltern nicht hatten entfernen lassen, sozusagen die genetische Visitenkarte der Familie Kahn.

Mein Gesicht.