Skylark - Der eiserne Wald - Meagan Spooner - E-Book

Skylark - Der eiserne Wald E-Book

Meagan Spooner

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Beschreibung

Eine unglaubliche Welt, in der jeder Sonnenaufgang dein letzter sein könnte

Lark lebt in einer Welt, die nur durch eine Mauer vom sagenumwobenen Eisernen Wald getrennt ist. Innerhalb der Mauern haben die Menschen eine hoch entwickelte Zivilisation aufgebaut, zu der jeder seinen Teil beiträgt. Lark, die über magische Fähigkeiten verfügt, kann es kaum erwarten, ihren Platz in der Gesellschaft einzunehmen, sobald sie sechzehn ist. Als sie allerdings entdeckt, was genau sie nach ihrem Geburtstag erwartet, fasst sie einen unglaublichen Entschluss: Sie flieht in die Wildnis jenseits der Mauer, in deren Dunkel Gefahren lauern, von denen sich die Menschen nur hinter vorgehaltener Hand erzählen. Doch Lark ist nicht allein. Andere haben vor ihr bereits den Schritt gewagt. Jeden Tag riskieren sie aufs Neue ihr Leben für ihren großen Traum: Freiheit.

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Seitenzahl: 542

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Meagan Spooner

Skylark

Der eiserne Wald

Roman

Aus dem Amerikanischen

von Kirsten Borchardt

 

Die Originalausgabe erscheint unter dem Titel Skylark

bei Carolrhoda Books, a division of

Lerner Publishing Group Inc., Minneapolis

Copyright © 2012 by Meagan Spooner

Copyright © 2014 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München,

unter Verwendung eines Fotos von © shutterstock/Aleshyn Andrei

Redaktion: Rainer Michael Rahn

Satz: Christine Roithner Verlagsservice, Breitenaich

ISBN: 978-3-641-13189-0

www.heyne-fliegt.de

 

Für Amie, meine Magie,

ohne die ich ein Schatten wäre

 

 

TEIL I

 

 

1

Der Lärm des Morgendämmerungsgetriebes dröhnte in den alten Abwasserkanälen am lautesten: Die künstliche Sonne wärmte sich unter enormem Surren und Knirschen ihrer Zahnräder auf. Ich hielt inne, als sich ein paar Steinbrocken von der Decke lösten und klatschend in das Wasser zu meinen Füßen fielen. Erntetag. Dies könnte dein letzter Sonnenaufgang sein, sagte ich mir. Wenn du Glück hast.

Zwar konnte ich das Kreischen der Ressource hinter dem Sonnenaufgang hören, aber ich lief mit zusammengebissenen Zähnen weiter. Wenn ich die Namen dieser Ernte erfahren und dann noch rechtzeitig wieder nach Hause zurückkehren wollte, um unter der Dusche alle Spuren meines verbotenen Ausflugs abzuwaschen, musste ich mich beeilen. Nach kurzer Zeit ebbte der heftige Energiedruck ab, und die Sonnenscheibe trat ihren Weg über die Kuppel der Mauer an.

Zumindest würde es jetzt ein wenig heller werden. Zwar kannte ich den Weg durch diese Tunnel auch in völliger Finsternis, aber das hieß nicht, dass ich den gelegentlichen Schimmer von Sonnenlicht durch die Roste über mir nicht zu schätzen gewusst hätte. Mit einem Schlag wurde mir klar, dies könnte vielleicht das letzte Mal sein, dass ich überhaupt hierherkam. Mein letzter Sonnenaufgang, mein letzter Tag in der Schule, mein letzter kindlicher Ausflug durch die unter­irdischen Tunnel. Obwohl ich mich Basil hier unten näher fühlte als sonst irgendwo, wollte ich trotzdem kein Kind bleiben, im Gegenteil. Nach so vielen Jahren wollte ich einfach nur, dass es aufhörte. Sollte Basils Geist doch hier ruhen, ganz still.

Zwei nach links, einer nach rechts, dann nach unten. Ganz einfach. Mit der Stimme meines Bruders in den Ohren kletterte ich auf allen vieren in einen Gang, der zu den Lufttauschern unter der Schule führte. Die Mauersteine fühlten sich unter meinen Handflächen rau und trocken an. Die Luft war schwer in diesem Teil des Labyrinths, ungefiltert und abgestanden. Immerhin hatten diese Abwasserkanäle schon seit beinahe hundert Jahren nicht mehr ihrem eigentlichen Zweck gedient – es roch lediglich nach Schimmel und verrottendem Backstein. Ich versuchte, meinen Puls wieder in den Griff zu bekommen. Es ist nur ein Tunnel, hatte Basil immer gesagt. Wenn du hineinkommst, kommst du auch wieder heraus. Panik macht dich nur dumm.

Von irgendwoher hörte ich das leise Summen der Luftmaschinen. Dann weckte ein anderes Geräusch, das über dem normalen metallischen Rasseln und dem rauschenden, tropfenden Wasser der Tunnel lag, meine Aufmerksamkeit. Mein Herz schlug mir bis zum Hals, ich verharrte bewegungslos und lauschte angestrengt. Kobolde? Pure Angst ließ mir den Atem stocken und blendete mich einige Sekunden, bevor die Vernunft sich wieder zu Wort meldete. Kobolde bewegten sich geräuschlos; wenn ich sie gehört hätte, wäre es schon viel zu spät gewesen. Panik macht dich dumm.

Ein Schritt, platschend durch Wasser, in großer Entfernung. Dann also Caesar. Aber das war auch dumm. Selbst wenn Caesar es gewollt hätte, durch das Tunnellabyrinth hätte er mir nicht folgen können. Wenn er bei unseren Eltern vorbeigeschaut und meine Abwesenheit bemerkt hätte, dann hätte er mich gemeldet, und bis dahin wäre ich schon längst verschwunden gewesen. Außerdem wollte er doch wohl seine kleine Schwester nicht verpetzen?

Nun wurden die Geräusche deutlicher. Stimmen hallten durch die Tunnel: Eine war laut, während die andere sie zischend beschwor, leise zu sein. Noch ein leises, fernes Platschen, das langsam näher kam. Offenbar war ich nicht die Einzige, die sich in die Schule schleichen wollte.

Ich wich in einen Seitengang aus und nahm einen weniger bekannten Weg. Meine Schultern schrammten auf beiden Seiten gegen die Mauersteine, aber davon ließ ich mich nicht beirren. Besser ein paar Kratzer, als hier unten anderen Kindern zu begegnen.

Vor mir zeigte ein Lichtschimmer das Ende des Tunnels an. Ich beeilte mich ein wenig und kroch schließlich auf allen vieren durch etwa zwanzig Zentimeter hohes, schlam­miges Wasser nach draußen.

Dann erhob ich mich und watete weiter, trocknete die schlammigen Hände an meinem Hemd. Der Lärm des Lufttauschers unter der Schule übertönte jedes Geräusch, das ich verursachte. Jetzt war es nicht mehr weit.

Mein Weg führte mich in einen weiteren engen Tunnel, der gerade breit genug war, dass meine Schultern hindurchpassten. Ich konnte mich nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Mal hier hindurchgekrochen war. Ich bückte mich und spähte in die Röhre, konnte aber höchstens zwei Meter weit sehen, dahinter lauerte Dunkelheit. Nur ein Tunnel. Und ich musste doch unbedingt die Namen erfahren und wissen, ob heute alles zu Ende sein würde. Ich kroch hinein.

Mit ausgestreckten Armen tastete ich mich voran, und das Rauschen des Lufttauschers lotste mich weiter. Die raue Oberfläche der Mauersteine schabte über meine ohnehin schon wunden Arme, und die abgestandene Luft roch nach Fäulnis und Feuchtigkeit. Der Tunnel war so schmal, dass ich mich tief ducken musste und mich nur mit den Fuß- und Fingerspitzen weiter voranschieben konnte. Kein Wunder, dass sonst niemand von diesem Weg wusste.

Plötzlich hielt etwas mein Hosenbein fest, und ich kam nicht mehr weiter. Ich zog daran, und mir schnürte sich die Kehle zu, als ich merkte, dass der Stoff sich verhakt hatte. Der Tunnel schränkte mich in meiner Bewegungsfreiheit so sehr ein, dass ich mich nicht einmal umdrehen und nachschauen konnte, was mich festhielt. Nun drückte ich mein Bein gegen die Tunnelwand und spürte etwas Hartes, Scharfkantiges, das sich in meinen Schenkel bohrte. Vielleicht irgendeine Eisenverstrebung, die sich allmählich durch den Putz grub. Ich zog noch einmal. Nichts.

Niemand wusste, wo ich war. Auch wenn Caesar auf den Gedanken kam, dass ich mich in die Schule schleichen wollte, dann würde man doch nur auf den allseits bekannten Wegen nach mir suchen. Ich wusste nicht, ob überhaupt jemand diesen Gang kannte, außer Basil, und er war nicht mehr da. Ich konnte hier tagelang festsitzen. Wochenlang. Ich werde nicht hier unten sterben.

Unwillkürlich schrie ich um Hilfe, und meine Stimme hallte durch die Tunnel. Inzwischen war mir egal, ob ich geschnappt wurde. Die Vorstellung, in einem unterirdischen Gang allmählich zu verhungern, war schlimmer als alles, was mir als Strafe dafür blühte, dass ich mich in die Schule geschlichen hatte. Ich wusste, dass noch andere Kinder hier unterwegs waren. Vielleicht hörten sie mich und konnten mir helfen.

Die Luft war ganz still, abgesehen vom Dröhnen des Lufttauschers über mir, das mich beinahe zu verspotten schien. Es fühlte sich an, als würde mich der enge Gang erdrücken; jeden Atemzug musste ich mir mühsam abringen. Mit aller Kraft versuchte ich, vor mir in der Dunkelheit irgendetwas zu erkennen, bis mir die Augen tränten. Kleine Punkte begannen vor meinen Augen zu tanzen. Dann verschwamm mir die Sicht, als sich ein brüllender Nebel auf meine Ohren senkte und einen Schwindel mit sich brachte, der so stark war, dass ich wohl gestürzt wäre, wenn ich mich hätte bewegen können.

Ich wusste, was geschah.

»Wenn wir spüren, dass uns die Ressource überwältigt«, intonierte der Lehrer stets mit gelangweilter Stimme, »was tun wir dann?«

»Wir fangen an zu zählen und stellen uns eine Mauer aus Eisen vor«, erwiderte die Hälfte der Klasse im Chor. Die andere Hälfte machte sich in der Regel nicht die Mühe, im Unterricht aufzupassen.

Ich rang weiter nach Luft und versuchte mich im Kopf an Zahlen festzuhalten. Nein, schrien meine Gedanken mir entgegen. Nicht jetzt. Aber war es besser, als hier unten zu verrotten? Die Alternative war unvorstellbar. Die illegale Nutzung der Ressource war das einzige Vergehen, für das ein Kind neu ausgerichtet werden konnte.

Der Nebel wurde dicker, der Schwindel stärker, und es fiel mir immer schwerer, mich zu konzentrieren. Die Panik ergriff immer mehr Besitz von mir.

Eisen, dachte ich voller Verzweiflung. Bilder gingen mir durch den Kopf, aber es war nichts Brauchbares dabei. Ich brauchte kaltes Eisen, so mächtig, dass der Gedanke daran die Ressource würde aufhalten können.

Eisen, wie das scharfe Ding, das sich in mein Bein bohrte. Ich drückte dagegen und versuchte zu ignorieren, was in mir brannte. Der Schwindel ließ nach, und ich konnte die verwischten Lichtfunken wegblinzeln, die meine Sicht behinderten.

Ich zwang mich, tief Luft zu holen. Denk an Basil. Die Röhre war nicht so eng, dass ich nicht hätte atmen können. Das bildete ich mir nur ein. Ich steckte nur fest. Aber ich war hier hineingekommen, also konnte ich auch wieder herauskommen. Keine Panik.

Probeweise versuchte ich mein Bein zur Seite zu bewegen, aber meine Hose bremste mich. Dann streckte ich die Hände aus und suchte nach einem Loch oder einer Ritze im Mauerwerk, an der ich mich festklammern konnte, um mich vorwärtsziehen zu können. Da, ein kleines Stück abbröckelnder Stein. Ich wischte die losen Krümel mit den Fingerspitzen beiseite, kratzte mit den Nägeln über den Stein, bis die Lücke groß genug war, dass sie mir Halt bot.

Wieder holte ich tief Luft und atmete dann genauso tief aus, machte mich so klein wie möglich … und zog.

Mit einem schrecklich lang anhaltenden Geräusch reißenden Stoffs kam mein Bein endlich frei. Ich schob mich voran, schrammte mit den Nägeln über die Steine, zog die Füße nach. Vor mir gähnte die Lufttauscherkammer, und mit letzter Anstrengung kugelte ich dort auf den Boden, wobei der Rand der Röhre mir einige Hautschichten von den Armen abschmirgelte.

Luft. Ich brauchte Luft, aber nicht die grässliche, Ressource-­getränkte Luft aus der Röhre.

Auch wenn sich die Techniker noch so viel Mühe gaben, es entstanden immer wieder Lecks in den riesigen Blasebälgen, mit denen die Luft bewegt wurde. Ich kroch weiter, bis ich eins fand, und dann ließ ich mich fallen und lag da, sog die Luft in die Lunge, die Augen geschlossen. Frische Luftströme glitten über mein Gesicht, ließen mein Haar flattern.

In Sicherheit.

Nach einiger Zeit ließ das Zittern meiner Arme und Beine nach, und das Brennen in der Lunge verschwand. Ich lag ein paar Zentimeter tief im Wasser und war völlig durchnässt. Erschöpft schlug ich die Augen auf.

Die Kammer, in der sich der Lufttauscher befand, war beinahe kugelförmig, und die rotierende Maschine nahm den größten Teil der Bodenfläche ein. Zahnräder, die größer waren als ich, drehten sich in schwerfälligen, endlosen Runden, wobei ihre Unterseiten in Gräben verschwanden, die den Steinboden durchzogen. Der riesige Blasebalg in der Mitte des Ganzen hielt die Luft in Bewegung und pumpte sie nach der Wiederaufbereitung wieder in die Schule. Der Lärm war ohrenbetäubend.

Am liebsten wäre ich noch eine Stunde im Dreck liegen geblieben, aber das konnte ich mir nicht leisten. Zwar konnte ich die Sonnenscheibe nicht mehr hören und hatte von daher keinerlei Anhaltspunkte, um abzuschätzen, wie viel Zeit vergangen sein mochte. Aber ich war schon so weit gekommen – jetzt wollte ich auf keinen Fall mehr zurück, ohne die Liste gesehen zu haben, selbst wenn das bedeutete, dass Caesar mich noch ganz und gar mit Abwasserschlamm beschmiert erwischen würde.

Ich holte ein paarmal tief Luft, bis meine Arme nicht mehr zitterten, und reckte mich dann nach der Wartungsleiter, von der ich gerade die unterste Stufe erreichen konnte. Zentimeter um Zentimeter zog ich mich dann nach oben, trat mit den Füßen gegen die Wand dahinter, bis ich sie endlich auf die Leiter bekam.

Die Luke schwang im Abstellraum des Hausmeisters auf. Vorsichtig ließ ich sie wieder hinter mir einschnappen und wandte meine Aufmerksamkeit der Tür zu: abgeschlossen, wie immer. Aber auch das hatte Basil mir beigebracht, und in jahrelanger Übung hatte ich es gut verinnerlicht. Ich musste den Türgriff packen und nach oben ziehen, die Hüfte tief unterhalb des Schlosses gegen das Furnierholz rammen.

Klack. Der Zylinder des Schlosses rastete ein.

Die Tür schwang auf, und ich schlich mich in die Schule.

Zwar hatte ich das in den letzten fünf Jahren fast an jedem Erntetag gemacht und dabei zu allem, was mir zuhören mochte, gebetet, dass ich bei der nächsten Ernte dabei sein würde, aber der Anblick meiner so leer und dunkel vor mir liegenden Schule ließ mir dennoch einen seltsamen Schauer über den Rücken rinnen. Leise lief ich den Korridor entlang und hielt mich dabei immer vorsichtig in den Schatten. Meine Schuhe schmatzten leicht und hinterließen feuchte Spuren auf dem makellosen Fliesenboden. Wer auch immer die anderen gewesen waren, die ich in den Gängen gehört hatte, sie waren mir nicht zuvorgekommen. Der Gedanke weckte einen seltsamen Anflug von Stolz in mir. Basil war mir ein guter Lehrmeister gewesen.

Das Büro des Schulleiters lag ganz in der Nähe der Klassenräume. Der Schließmechanismus hatte dieselbe Schwäche wie das Schloss des Abstellraums, und nach einem lauten Wumm, das durch die Flure hallte, betrat ich das Zimmer. Das schwache Morgenlicht drang durch die Fenster und beleuchtete die Möbel.

Auf dem Schreibtisch lag ein ledergebundener Ordner. Plötzlich trat alles andere beiseite, der Raum wurde eng, und es dröhnte in meinen Ohren. Nichts spielte mehr eine Rolle, abgesehen davon, dass hier vor mir der Fahrschein lag, der mich aus diesem endlosen Schwebezustand erlösen würde.

Dieses Mal war ich mir sicher, dass mein Name auf dem Papier stand. Es musste einfach so sein. Es war, als könnten meine Augen durch den Aktendeckel blicken und die Buchstaben sehen, die dort so klar und deutlich prangten, als wären sie eingebrannt: Ainsley, Lark.

Meine Finger bebten, als ich den Ordner in die Hand nahm. Mir war egal, dass meine feuchte Haut überall auf dem Umschlag und dem Papier darin Flecken hinterließ. Es dauerte ewig, bis meine Augen sich auf die Schrift fokussiert hatten. Die Buchstaben, die dort in ordentlichen, sauberen Reihen standen, bildeten ein unverständliches Kauderwelsch, bis ich meinen Verstand endlich zwingen konnte, sie zu ordnen.

Blaker, Zekiel, las ich, und das Blut rauschte in meinen Ohren. Dalton, Margaret. Kennedy, Tam. Smithson, James.

Mein Gehirn konnte nicht einmal verarbeiten, dass die Na­men in alphabetischer Reihenfolge aufgelistet waren und dass mit der ersten Zeile schon alles vorbei gewesen war. Meine Augen fuhren zweimal über jeden der vier Namen. Ich drehte die Seite um, aber dort blickte mir nur weißes Papier entgegen. Leer.

Wasser tropfte aufs Papier, durchscheinende Flecken ließen die Schrift verschwimmen. Einen seltsamen Augenblick lang fragte sich ein von mir abgespaltener Teil meines Verstandes, ob ich zu weinen begonnen hatte. Dann merkte ich, dass mir das schmutzige Wasser aus dem Haar tropfte, das mir über die Schulter gefallen war.

Als das Summen in meinem Kopf allmählich leiser wurde, drang ein anderes Geräusch in die unnatürliche Ruhe, die in der leeren Schule herrschte. Erst war es ganz leise, als ob mein eigenes Blut gegen meine Trommelfelle klopfte. Dann filterte ich ein Summen heraus, beinahe mechanisch, das abwechselnd lauter und leiser wurde. Ein paar lange, kost­bare Augenblicke stand ich lauschend da und weigerte mich zu glauben, was ich da hörte.

Kobolde.

 

 

2

Ich warf den Ordner wieder auf den Schreibtisch und machte mir nicht die Mühe, ihn wieder genauso hinzulegen, wie ich ihn vorgefunden hatte. Das Papier im Innern war ohnehin schon wasserfleckig und zerknittert, und meine Anwesenheit war nicht mehr zu verbergen. Mit zwei Schritten war ich an der Tür, schob sie auf und schaute vorsichtig durch den Spalt auf das kleine Stückchen Korridor, das ich einsehen konnte.

Dunkel, still, schweigend. Außer … da. Ein kupfernes Blitzen, das von einem Raum zum anderen glitt. Ein kaum wahrnehmbares Surren, das Geräusch der Ressource, verwoben mit einem Getriebe.

Ich erstarrte. Tausende halb erfundene Geschichten, die man sich flüsternd über die Kobolde erzählte, schossen mir durch den Kopf. Kurz hatte ich gehofft, dass ich mir das nur eingebildet hatte, dass ich eigentlich etwas anderes gespürt und nur die falschen Schlüsse gezogen hatte. Stumm zählte ich wartend die Sekunden. Wieder huschte etwas aus einem Raum hinaus und in einen anderen auf der gegenüberliegenden Seite des Flurs hinein. Zwanzig Sekunden verbrachte dieses Ding in jedem Raum, man hätte die Uhr danach stellen können. Zwanzig Sekunden, in denen der Flur frei war.

Es gab insgesamt zehn Räume, auf jeder Seite fünf. Die Abstellkammer lag zwischen dem zweiten und dritten Klassenraum zur Linken. Ich versuchte, die Entfernung vom Schulleiterzimmer bis dorthin abzuschätzen.

Als der Kobold in den nächsten Raum hineinhuschte, holte ich so oft tief Luft, bis mir schwindlig wurde. Kaum war er dann wieder draußen und in das Zimmer auf der anderen Seite hineingeschossen, da rannte ich zur Abstellkammer.

Meine nassen Schuhe quietschten über den Boden. Zwar hatten Kobolde angeblich keine Ohren, nur einen Sensor für die Ressource, aber meine Haut prickelte trotzdem, als ob ich Blicke auf mir spürte. Fast wäre ich ausgerutscht, und mir blieb beinahe das Herz stehen, dann prallte ich gegen die Tür der Abstellkammer, fingerte an der Klinke herum, riss sie schließlich auf und glitt in den kleinen Raum. Hastig zog ich die Tür wieder zu und blieb dann stehen, presste eine Gesichtshälfte und mein Ohr gegen das Holz und lauschte angestrengt.

Eine Stimme. »Verdammte Scheiße.«

Als ich herumwirbelte, sah ich drei Paar weit aufgerissener Augen, die mich durch die Düsternis anstarrten und das schwache Licht reflektierten, das durch den Spalt unter der Tür drang.

Die anderen Kinder, die ich in den Tunneln gehört hatte.

»Was ist denn das für ein Lärm?«, war nun ein anderer zu hören. Ohne Licht konnte ich nicht erkennen, wer es war. Außerdem hatte ich mir schon lange nicht mehr die Mühe gemacht, meine Klassenkameraden besser kennenzulernen. Sie wurden alle irgendwann geerntet. »Willst du, dass wir alle erwischt werden?«

»Entschuldigung. Ich habe mich erschreckt.« Die Worte waren heraus, bevor ich mich bremsen konnte. Ich blinzelte ins Dunkel. Wieso hatte ich nichts von dem Kobold erzählt?

»Ist das Lark?«, fragte nun dieselbe Stimme. Sie gehörte wohl dem Anführer der kleinen Expedition.

»Wer ist Lark?«, ertönte nun eine andere Stimme, die jünger klang.

»Die Blindgängerin, du Idiot.« Der Anführer grinste; leicht unregelmäßige Zähne blitzten in der Dunkelheit.

Natürlich kannten sie mich alle. Jedenfalls wussten sie, was ich war, wenn vielleicht auch nicht, wie ich hieß. Ich war die bei jeder Ernte aufs Neue verschmähte Missgeburt. Selbst Leute am anderen Ende der Stadt wussten über mich Bescheid. Ich wurde einfach nur älter und älter und musste zusehen, wie Kinder, die drei, vier oder fünf Jahre jünger waren als ich, ihrer Erntezeremonie entgegensahen.

»Warst du das, die da unten in den Tunneln wie am Spieß geschrien hat?« Der erste Junge klang, als wollte er vor Lachen platzen.

Sie hatten mich gehört. Als ich mich gefangen glaubte und fürchtete, in einem Tunnel unter der Stadt dem Tod geweiht zu sein, da hatten sie gehört, wie ich um Hilfe rief. Und niemand war gekommen.

»Ja«, murmelte ich und ballte die Hände zu Fäusten.

Eines der anderen Kinder kicherte, und ich biss die Zähne zusammen. Der erste Junge sagte: »Und? Hast du die Liste gesehen?«

Ich holte tief Luft. »Nein«, sagte ich ganz ruhig. »Hab ich nicht. Aber ihr beeilt euch besser, wenn ihr sie sehen wollt, bevor jemand kommt.«

Ohne auf eine Antwort zu warten, schob ich mich durch die Falltür und zog sie durch mein eigenes Gewicht über mir zu. Kurz baumelte ich an der Klappe, bevor ich die Beine auf die Leiter schwang. Dann griff ich noch einmal nach dem Riegel, und meine zitternden Hände schlossen sich um den roten Griff.

Tu’s einfach, sagte ich mir, und fast tat mir schon der Kopf weh, weil ich die Zähne so fest zusammenbiss. Sie hätten es mit dir genauso gemacht.

Mich mit einem Kobold eingeschlossen. Mein Magen krampfte sich bei dem Gedanken zusammen, und ein Schauer erinnerten Schreckens durchfuhr mich. Ich starrte die Klappe lange an, dann seufzte ich tief und ließ mich auf den Boden fallen, ohne den Riegel vorgelegt zu haben.

Mein Herz klopfte noch immer laut, als ich nun in den größeren Tunnel kroch und jenen links liegen ließ, in dem ich beinahe stecken geblieben war. Meine Nerven lagen blank, und ich musste den Gedanken daran, wie knapp ich einer Entdeckung entronnen war, mit aller Kraft von mir schieben. Auf das unerlaubte Betreten der Schule standen schwere Strafen – die Essensrationen wurden auf ein Minimum gekürzt, man wurde isoliert und bekam später eine Lehrstelle von niedererem Status, wenn man geerntet und zum Erwachsenen geworden war. Außerdem war es eine Frage des Stolzes. In all den Jahren war ich nie erwischt worden. Ich verlor mich in Gedanken, die um die verschiedenen Strafen kreisten, und eine Mischung aus Angst und Erleichterung beherrschte weiter meinen Kopf, während ich nach Hause eilte.

Ich hätte gleich merken sollen, dass etwas nicht stimmte. Obwohl ich die Lufttauscherkammer immer weiter hinter mir zurückließ, blieb der Lärm der Maschinen konstant. Das Brummen wurde lauter, während ich weiterging, aber ich war so erleichtert über meine Flucht, dass ich keinen Augenblick darüber nachdachte.

Und als ich dann an eine Kreuzung kam, um die Ecke bog und plötzlich einem Kobold direkt gegenüberstand, konnte ich nichts anderes tun, als ihn blöd anzuglotzen.

Er hatte keine Augen, keinen Mund, nur einen gestalt­losen, runden Kopf, der nicht größer als der Nagel meines kleinen Fingers war. Winzige Kupferflügel hielten ihn so schnell schwirrend in der Luft, dass sie kaum zu sehen waren, und der mehrgliedrige Körper gab diesem Wesen etwas Insektenhaftes. Kobolde zählten zu den kleinsten Mechano-­Tieren, die in den dekadenten Zeiten vor den Kriegen er­funden worden waren, und ihr Betrieb erforderte so wenig Ressource, dass sie nun als Einzige vom Institut noch eingesetzt wurden. Damals waren sie reine Hobbybasteleien gewesen, aber inzwischen dienten sie dem Institut in der ganzen Stadt als Augen, und sie konnten jeden illegalen Einsatz der Ressource sofort erkennen. Von Kindern wurde nicht erwartet, dass sie Funktionsfehler meldeten und sich neu ausrichten ließen – schließlich konnte man von Kindern kein verantwortungsbewusstes Handeln erwarten. Sie mussten überwacht werden.

Einen Augenblick verharrten wir beide. Ich starrte den Kobold an, und der Kobold beobachtete auf seine blicklose Weise mich. Das einzige Geräusch, das ich wahrnahm, war das Schwirren der Flügel, das Surren der Zahnrädchen und das knirschende, dissonante Knarren der Ressource, die mit diesem Mechanismus verbunden war.

Dann gab der Kobold ein bösartiges, quengeliges Triumphgeheul von sich und flog so schnell auf mein Gesicht zu, dass ich die Bewegung kaum wahrnahm. Ohne nachzudenken riss ich schützend die Hände empor, und all die Panik, Erleichterung, Verzweiflung und Wut, die ich in der letzten halben Stunde empfunden hatte, explodierten, ohne dass ich die Zeit gehabt hätte, bis zehn zu zählen oder an Eisen zu denken.

Der Kobold knallte mit einer solchen Wucht an die gegenüberliegende Tunnelwand, dass er in Stücke zerbrach. Die kleinen Einzelteile flogen klimpernd gegen die Mauersteine und fielen dann ins Wasser.

Benommen machte ich ein paar Schritte, und ein Nebel senkte sich über meine Augen. Ein kurzer Schwindelanfall warf mich beinahe um, und ich stolperte zu der Stelle, wo ich den Kobold hatte aufprallen sehen. Dort sank ich auf die Knie und tastete im schlammigen Wasser umher.

Es war nichts mehr übrig außer ein paar hohlen Kupferstückchen.

Zitternd zwang ich mich aufzustehen. Die Ressource. Ich hatte sie verwendet. Und dabei hatte ich nicht nur einen kleinen Zauber benutzt, um mir in einem Tunnel das Leben zu retten. Ich hatte einen Kobold beschädigt, eine kostbare Maschine, ein Auge des Instituts. Nein, nicht nur beschädigt. Vernichtet.

Das hätte gar nicht möglich sein sollen. Selbst der stärkste Strom der Ressource reichte kaum, um einen Bleistift anzu­heben, wenn er nicht maschinell verstärkt wurde. Es handelte sich um eine Kraftquelle – wie die gespannte Feder in einer Uhr – und mehr nicht. So hatte es uns das Institut stets gelehrt. Dass die Architekten sich geirrt haben könnten, das war undenkbar.

Zumindest hatte ich herausgefunden, dass ich keine Blindgängerin war.

Aber um welchen Preis?

Ich sehnte mich danach, ausgiebig zu duschen und zusammen mit dem ganzen Tunneldreck auch die Angst abzuwaschen. Schon vor langer Zeit hatte ich gelernt, meine Duschration für die Tage aufzusparen, an denen ich Tunnelausflüge machen wollte, aber selbst damit hatte ich höchstens ein paar Minuten fließendes Wasser. Es hatte beinahe eine Stunde gedauert, durch die Gänge zurückzulaufen und dann einen Umweg zu suchen, auf dem ich nach Hause gelangen konnte, ohne dass mich jemand sah, so nass, verdreckt und blutig, wie ich war.

Ich schrubbte mir den Dreck und das Schmutzwasser ab, und meine abgeschürften Arme brannten. So gut ich konnte, spülte ich mir auch die Haare aus, hatte es aber viel zu eilig, als dass ich darauf geachtet hätte, die billige, zugeteilte Seife richtig herauszuwaschen. Anschließend stand ich tropfnass am Fenster. Die Sonnenscheibe schob sich gerade über die Gebäude.

Mit geschlossenen Augen ließ ich das Licht durch das armselige Fenster in der Wohnung meiner Eltern über mein Gesicht gleiten. Wäre ich doch nur in der Röhre stecken geblieben, dann hätte ich nicht den Kobold zerschmettert. In der Röhre hatte ich noch geglaubt, es sei besser, geschnappt zu werden, als dort zu verfaulen. Jetzt, da ich die Ressource eingesetzt hatte, würde ich mich neu ausrichten lassen müssen, wenn man mich erwischte.

Inzwischen hätte ich längst in der Schule sein sollen, wo man nun sicherlich die Namen jener verlas, die geerntet werden sollten. Um dann wieder die gleiche ewig lange Zeremonie über mich ergehen zu lassen. Die dicke, zuckersüße Ernteverwalterin in ihrer roten Jacke würde inzwischen vor Ort sein und den Kindern etwas über Opferbereitschaft und Effizienz und den Weg zum Erwachsenwerden erzählen. Sie hatte mir trotz ihrer angenehmen Erscheinung immer Angst gemacht. Ich war es nicht gewöhnt, dicke Menschen zu sehen, und sie schien jedes Jahr mehr in die Breite zu gehen. Früher hatte schon allein die Angst vor der Verwalterin gereicht, damit ich zu jedem Erntetag erschien.

Aber ich wusste, dass ich nicht auf der Liste stand, und niemandem würde auffallen, dass ich verschwunden war. Alle Aufmerksamkeit würde auf jene Kinder gerichtet sein, die aufgerufen wurden. Nach dem, was ich gerade getan hatte, summte noch alles in mir, und kleine Ressource-Blitze drangen aus meinen Fingerspitzen und aus meinem nassen Haar, wenn ich mich bewegte. In diesem Zustand wollte ich nicht in der Klasse erscheinen. Was, wenn das jemand bemerkte? Was, wenn es an mir hing wie der leichte Hauch Tunnelgestank, der sich noch an mein Haar klammerte?

Bebend atmete ich ganz bewusst ein und wandte mich vom Fenster ab. Dann zog ich mich langsam an und ging ins Wohnzimmer. In der Kiste mit meinen Sachen, die neben dem Ausziehsofa stand, auf dem ich schlief, fand ich den Papiervogel, den Basil für mich gemacht hatte, bevor er verschwand.

»Geh nicht!«, hatte ich ihn angefleht.

»Du bist nicht dafür geschaffen, in einem Käfig zu leben, kleiner Vogel.« Er sprach mit leiser, ruhiger Stimme. Beruhigend. Aber hinter seinem Blick lauerte eine Anspannung, die mir Angst machte. »Jemand muss die ersten Schritte aus diesem Käfig hinaus machen.«

»Aber wer wird mich dann vor Caesar beschützen?« Mein Bruder Caesar war fünf Jahre älter als ich und zwei Jahre älter als Basil. Für mich war er beinahe ein Fremder, vor dessen barscher Art ich mich stets fürchtete.

Basil kniete sich hin, bis er mir direkt in die Augen sah. Auch damals war ich klein und dürr. »Und wenn ich dir einen Freund bastele, der dir Gesellschaft leistet?« Es war schon Jahre her, dass er mir eines seiner Papiertierchen gemacht hatte. Wie das ging, hatte er sich selbst in der Schule beigebracht, wo er kleine Fitzelchen Recyclingpapier stahl und sie faltete, bis ihre Form an die Wesen aus den Geschichtsbüchern erinnerte. Elefanten, Tiger, Hunde, Eichhörnchen, einmal sogar ein Adler.

»Ich bin kein kleines Kind mehr«, protestierte ich.

»Ich weiß«, sagte Basil. »Das hier wäre aber ein ganz besonderer Freund, anders als alle anderen. Dieses Stück Papier«, er zog ein kleines, gelbgraues Blatt aus seiner Schulmappe, »wartet nun schon ein paar Wochen darauf. Das Tier ist schon drinnen und wartet auf den Augenblick, in dem es freigelassen wird. Du musst es nur erkennen.« Er blickte nun zu mir hoch. Ernst. »Aber es muss sich jemand um dieses Tier kümmern. Willst du das übernehmen, bis ich wiederkomme?«

Ich wusste, was er beabsichtigte, durchschaute seine Ablenkungsversuche, aber ich nickte trotzdem. Er zwinkerte mir zu und konzentrierte sich dann auf das Papier. Seine Finger flogen geradezu, formten Winkel und Linien, indem er das Blatt mal in die eine, dann wieder in die andere Richtung faltete, aufeinanderlegte und mit Knicken die Mitte markierte. »Langsamer!«, bat ich ihn, weil ich so gern ge­sehen hätte, wie er vorging, aber er lachte nur und machte weiter.

Ich erkannte erst, was es war, als er schon fast fertig war, und da stockte mir fast der Atem.

»Eine Lerche«, sagte er, »der Vogel, nach dem du benannt bist.« Er bog die Flügel zurück, bis sie die richtige Haltung hatten, und legte dann den Papiervogel auf seine Handfläche. »Eine Lerche wie du, Lark.« Er grinste wieder und beugte sich zu mir, bis unsere Schultern sich berührten.

Als ich gerade nach dem Vogel fassen wollte, zog er die Hand zurück, neigte den Kopf und sah sein Werk höchst konzentriert an. Ich fühlte ein Kribbeln, das von meinem Nacken ausging, und mich überkam ein leichter Schwindel, bei dem mir seltsame Funken vor den Augen flimmerten und das Blut in meinen Ohren rauschte. Zwar wusste ich, dass das, was ich spürte, nicht wahr sein konnte, aber mein Atem ging trotzdem schneller. Basil holte Luft und atmete dann sanft wieder aus, wobei er vorsichtig über den Vogel und dessen Flügel blies. Ich hörte ein ganz leises Geräusch, wie das Klingeln eines weit entfernten Glöckchens. Der Papiervogel schlug mit den Flügeln, stieg von Basils Hand empor und flog dann in einem kleinen, mühelosen Kreis bis zu mir.

Entsetzt starrte ich meinen Bruder an, und ein Schauer des Verbotenen kroch über meine Wirbelsäule. Noch nie zuvor hatte ich erlebt, wie jemand die Ressource benutzte. Angeblich war das auch gar nicht möglich, wenn man nicht die jahrelange Ausbildung eines Alchemisten absolviert hatte.

»Wie hast du das gemacht?«, hauchte ich.

Basil lächelte breit. »Magie.«

Mir klappte die Kinnlade herunter. Ich versuchte mich daran zu erinnern, wie lange es her war, dass ich dieses Wort auch nur gehört hatte. In der Schule war es streng verboten.

Er zwinkerte, strich mir leicht über das Kinn und schob meinen Mund wieder zu. »Es ist in Ordnung, dieses Wort auszusprechen, weißt du. Das ist es nun einmal. Und sie glauben, sie könnten es kontrollieren – uns kontrollieren –, aber sie täuschen sich.«

Magie hatte den Vogel von seiner Hand emporfliegen lassen. Ich hatte immer angenommen, dass er den Vogel auf dieselbe Weise in Bewegung setzte, wie die Architekten Maschinen – die Kobolde etwa – zum Leben erweckten, indem sie ein wenig Ressource einsetzten, um einen Mechanismus anzutreiben, der speziell zu diesem Zweck entwickelt worden war. Aber ich hätte es besser wissen sollen. Schließlich war es nichts weiter als ein Stück Papier – die Flügel waren nicht zum Fliegen gedacht, der Körper war zu gedrungen und der Schwanz zu lang. Es gab keine Zahnrädchen, die von der Ressource hätten bewegt werden können. Sein Zauberspruch hatte völlig mühelos gewirkt – und wesentlich mehr beeindruckend, als hätte er einen Bleistift schweben lassen.

Aber das war immer noch etwas anderes, als einen Kobold mit bloßer Gedankenkraft zu zerstören.

Ich hatte den Papiervogel schon viele Jahre nicht mehr in die Hand genommen, nicht, seit Basil verschwunden war, aber ich sehnte mich danach, dass mein Bruder einfach zur Tür hereinspazierte und mir sagte, was ich tun sollte. Er hätte mir gesagt, ich sollte keine Angst vor den Kobolden haben, weil sie letztlich kaum mehr waren als Papiervögel, denen das Institut Leben eingehaucht hatte. Er hätte mir gesagt, dass es die Angst war, die winzige Blechkäfer zu Monstern werden ließ. Ich durfte nicht zulassen, dass mich die Angst überwältigte.

Zitternd dachte ich über die Erklärung nach, die mein Bruder mir für sein Opfer gegeben hatte. Du bist nicht dafür geschaffen, in einem Käfig zu leben, kleiner Vogel. So viel schien zumindest wahr zu sein.

In einer Stadt, in der alles darauf abgestellt war, dass jeder Bürger seine Pflicht erfüllte und wie ein Uhrwerk funktionierte, wo blieb da Raum für mich?

Während ich den Vogel noch in Händen hielt, pulsierte weiterhin die Ressource – die Magie, verbesserte ich mich – durch meinen Körper. Ich holte tief Luft, zwang mein klopfendes Herz, sich wieder zu beruhigen, und atmete langsam aus.

Mein Atem streifte den Vogel und strich über die Papierflügel. Es glich so sehr jenem Augenblick vor sechs Jahren, als der Vogel zum Leben erwacht war und zu fliegen begann, dass mir wieder der Atem stockte und mein Herz wie verrückt schlug. Hatte ich es zufällig noch einmal getan? Die Flügel rührten sich nicht mehr, aber bevor ich mich entspannen konnte, legte der kleine Vogel den Kopf schief – und begann zu singen.

Drei klare Töne gingen in ausgedehntes Gezwitscher über, und hastig streckte ich die Hände aus, um ihn zum Schweigen zu bringen. Ich konnte mich gerade noch zurückhalten, das kleine Ding dabei zu zerdrücken, aber nun blies ich verzweifelt wieder über seinen Körper und betete, dass niemand in der Nachbarwohnung war, der etwas hörte. Vögel waren ausgestorben, soweit allgemein bekannt war, seit während der Kriege die meisten Tierarten ausgerottet wurden und die wenigen überlebenden mutiert waren.

Zuerst schüttelte der Vogel sich, als wollte er ungehalten protestieren, aber dann blies ich ihn noch einige Male an, und dann war er wieder ruhig. In meinem Kopf drehte sich alles, und ich hockte mich neben dem Sofa auf den Boden und lauschte.

Kurze Zeit hörte ich nichts. Langsam richtete ich mich wieder auf, und meine Beine zitterten.

Dann ertönte ein lautes Klopfen von der Tür. Ich fiel auf die Knie. Wieder klopfte es, laut und drängend, die lauten Schläge eines Stadtbeamten. Wie hatten sie mich so schnell gefunden?

Ich klappte die Flügel des Vogels flach zusammen und schob die Papierfigur tief in meine Hosentasche. Dann rappelte ich mich auf, während mein Herz wie wild gegen meine Rippen schlug. Hastig nahm ich eine Rationspackung Kekse vom Tisch und steckte sie ebenfalls ein, weil mir gerade noch rechtzeitig einfiel, dass ich etwas zu essen brauchen würde, ganz egal, wohin ich floh. Außer der Wohnungstür gab es nur einen anderen Weg aus der Wohnung – die Feuertreppe vor dem Wohnzimmerfenster. Ich sprang über die Armlehne des Sofas, lief zum Fenster und machte mich am Riegel zu schaffen.

Während ich dann am Fenster zog und es zu öffnen versuchte, rief eine Stimme von der Tür: »Lark, was zum Teufel soll das? Mach die Tür auf!«

Diese Stimme kannte ich. Ich lief zur Tür, und nun zitterten meine Hände eher vor Erleichterung als vor Panik, während ich die Verriegelung löste und die Tür aufriss.

»Caesar!«

Mein Bruder war ein großer Mann, und seine imposante Statur kam ihm bei seiner Arbeit als Regulator sehr zugute. Um besser ins Bild zu passen und von den höheren Beamten ernst genommen zu werden, hatte er versucht, sich einen Schnurrbart zu züchten, der ihm wegen seines struppigen Aussehens allerdings nichts anderes eingebracht hatte als jahrelangen Spott. Seine Augen waren in ihrer Form und Farbe ganz ähnlich wie Basils, hatten jedoch einen völlig anderen Ausdruck.

»Was hast du angestellt?«, rief er. Meine Erleichterung verpuffte. Caesar wohnte inzwischen am anderen Ende der Stadt mit den anderen Regulatoren zusammen, obwohl er noch immer einen Schlüssel zur Wohnung unserer Eltern hatte. Was wollte er hier? Er machte einen Schritt in die Wohnung, und ich ging einen Schritt zurück.

»W-was?«, stieß ich hervor. »Nein, Caesar … ich wollte das nicht, ich schwöre. Bitte.«

Caesar runzelte die Stirn, und die herabhängenden Schnurrbartspitzen bekamen etwas Dramatisches. »Was? Nein, ich meinte, wieso hast du die Einbruchsicherung aktiviert? Ich konnte auch mit Schlüssel nicht hinein.«

Ich starrte ihn mit offenem Mund an. »Oh«, brachte ich schließlich heraus.

»Wieso bist du nicht in der Schule?« Er drängte sich an mir vorbei ins Wohnzimmer, hob die Hände über den Kopf und reckte sich, bis seine Wirbelsäule knackte.

Ich schüttelte den Kopf und versuchte noch immer, das Gehörte zu verarbeiten. Er war nicht gekommen, um mich für den illegalen Einsatz der Ressource zu verhaften. Er wusste weder von dem Kobold noch von dem Papiervogel.

»Falls du so weitermachst, wirst du nicht mehr als geeignet betrachtet werden, wenn über deine Ernennung entschieden wird. Ich würde nun wirklich ungern den Namen meiner eigenen kleinen Schwester an die Regulationsbehörde melden. Hör mal, ich wurde losgeschickt, um dich ausfindig zu machen, weil du nicht in deiner Klasse warst. Ich dachte mir schon, dass du in der Wohnung von Mama und Papa sein würdest. Dein Name wurde aufgerufen.«

Das ließ mich zusammenfahren, und die Panik setzte kurz aus, während ich meinen Bruder verblüfft ansah. »Mein Name wurde was?«

»Aufgerufen«, wiederholte Caesar in gleichmütigem Ton. Er wusste aber natürlich, was das für mich bedeutete. Seine Augen schimmerten. »Du wirst geerntet werden, der Teufel weiß, wieso. Du bist ja nun wirklich so ein mickriges Ding, dass man dich eher an die Schatten jenseits der Mauer verfüttern sollte, damit dann Ruhe wäre.«

»Geerntet«, wiederholte ich, und meine Gedanken bewegten sich so langsam, als ob ich durch Sirup schwamm. Trotz der Welle von Aufregung, die mich kurz gepackt hatte, wusste ich doch nur zu gut, dass mein Name nicht auf der Liste gewesen war. Hier stimmte etwas nicht.

»Unten wartet ein Wagen auf dich. Zwar ein ziemlich übler Fahrer, wenn du mich fragst, aber er hat versprochen, dass er dich zum Institut bringen kann. Zumindest hast du so alles für dich allein.«

Ich schluckte. »Aber … aber die anderen Kinder?«

Caesar schüttelte den Kopf. »Du bist die Einzige, die dieses Mal genannt wurde.«

Alle Freude floss aus mir heraus und ließ bittere Kälte zurück. Mit einem Mal waren meine Gedanken glasklar. Ich sah das Papier so deutlich vor meinem inneren Auge, als ob es wieder vor mir läge. Ich schloss die Augen.

Sie wussten es. Irgendwie hatten sie herausbekommen, dass ich Magie eingesetzt hatte. Man wollte mich nicht zum Institut bringen, damit ich geerntet würde – es ging vielmehr um eine Bestrafung. Und für den illegalen Einsatz der Ressource gab es nur eine Strafe: die Neuausrichtung.

»Herzlichen Glückwunsch, Schwesterchen«, sagte mein Bruder und fuhr mir mit der Hand durchs Haar.

 

3

Der Fahrer war ein dürrer Junge, ein paar Jahre jünger als ich, mit enorm großen Ohren und unerhört orange­farbenem Haar. Er schwang das Bein über sein Fahrrad, und Muskelstränge zeichneten sich unter der Haut seiner hageren Waden ab. Die Anhängerkupplung zwischen Fahrrad und Wagen knarrte, als er sein Gewicht auf den Sattel sinken ließ.

Am liebsten wäre ich weggelaufen – aber wohin konnte ich fliehen? Es gab in der ganzen Stadt keinen Ort, an dem mich die Kobolde nicht finden würden.

Über meine Schulter sah ich noch einmal zu Caesar und hoffte auf einen Aufschub in letzter Minute. Wie gerne hätte ich ihm erzählt, dass ich in Schwierigkeiten steckte, aber meine Zunge lag dick und schwer in meinem Mund. Caesar konzentrierte sich außerdem bereits auf das Sprechfunkgerät in seiner Hand, mit dem er Kontakt zu den anderen Polizisten hielt, und würdigte mich keines Blickes mehr.

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