Sliochd - Tina Tannwald - E-Book

Sliochd E-Book

Tina Tannwald

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Beschreibung

Nutze die Kraft deiner Seele und überwinde den Tod! . Aus den Abgründen der Anderswelt taucht eine uralte Göttin auf, die Niall und ihren Sohn in der Geburtsnacht zu töten droht. Es sei denn, sie bittet persönlich um die Erlaubnis, das Kind zur Welt bringen zu dürfen. Ohne die Hilfe ihres neuen Clans muss sich Niall auf den Weg machen, um die geheimnisvolle Shela-na-Gig zu finden. Verfolgt vom dunklen Sendboten der Göttin, dem Pooka, der seine eigenen Rachepläne hegt. Doch das aufgezwungene Abenteuer bietet auch die Chance, Tiw zu suchen, der nie in Tà tir na n'òg angekommen ist. . 2.Auflage 2019 423 Taschenbuchseiten im Format 12,5 cm X 19 cm

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Tina Tannwald

Sliochd

Druidenseele Teil 3

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Prolog

Er folgte dem hochgewachsenen Mann bereits eine ganze Weile durch den Wald, wagte sich so nah an ihn heran, dass er ihm die Hand auf die Schulter hätte legen können.

Die edlen Gesichtszüge, sein muskulöser Körper, der stolze Gang, all das widerte ihn an. Er hasste ihn, diesen Gott, der eigentlich keiner war und diese Bezeichnung ganz gewiss nicht verdiente. Es war seine Schuld, dass sie ihn verstoßen und zu diesem elenden, stets zornigen Geschöpf gemacht hatte.

Immerhin, er war nun um einiges mächtiger und zauberkundiger als zuvor. Allein der Wächter der Schwelle war dazu in der Lage, seine Anwesenheit zu spüren, wenn er sich in die Dunkelheit hüllte, die er trug, wie einen Mantel.

Doch seine Zeit würde kommen, sehr bald schon.

Und weder dieser lächerliche Schönling, noch das Weib, zu dem er unterwegs war, ahnten, dass seine Rache ihnen alles nehmen würde, was sie liebten.

Er hielt inne und beobachtete, wie der Mann auf den kleinen Teich zuging, der ihn hinüberbringen würde in die Welt der Menschen.

Kaum war das Geräusch des aufspritzenden Wassers verklungen, tauchte eine Gestalt in einem langen, schwarzen Mantel zwischen den Felsen auf, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen.

Dass die Banshee ihm folgen durfte, war schwer zu ertragen. Doch es war kaum davon auszugehen, dass sie ihren Ausflug genoss oder gar auf die Idee kam, sich dort drüben ein wenig zu vergnügen. Ihr Kopf war so leer wie die Kürbisse, die die Menschen an Samhain aushöhlten, um das Böse zu bannen.

Sie überbrachte lediglich die erste Botschaft, er jedoch würde das Weib töten, sehr langsam und mit innigem Genuss.

Ein leiser, rauer Ruf erreichte sein Innerstes und er wandte sich widerwillig um. Er musste ihm gehorchen, auch wenn es ihn nicht gerade verlockte, der hässlichen Kreatur gegenüberzutreten, bei der er sich als williger Helfer eingeschmeichelt hatte. Doch auch sie war eine Göttin, ermahnte er sich, und weitaus gefährlicher als dieser überhebliche Dagda und seine Sippe.

Es brauchte nur einen Gedanken, dann tauschte er seine beiden Beine gegen vier ein, schüttelte das zottelige, schwarze Fell und machte sich auf den Weg.

 

 

Donnerstag, 25. Februar

 Ich überquerte die Wallstraße, zog das Rezept hervor, das ich gerade von meiner Frauenärztin bekommen hatte, und sah auf den Tagesstempel. Donnerstag, der fünfundzwanzigste Februar. Nach der Zeitrechnung in dieser Welt war ich erst gestern Abend vor den Revenants der Fir Bolg geflüchtet und in der Weide verschwunden.

Fröstelnd zog ich die Schultern hoch und stopfte das Rezept in die Manteltasche. Ich hatte ja gewusst, dass ich den Hochsommer in der Anderswelt gegen nasskaltes Recklinghäuser Schmuddelwetter im Februar eintauschte, doch der abrupte Temperatursturz setzte mir schlimmer zu als erwartet.

Mein erster Gang heute Morgen hatte mich zu meiner Frauenärztin geführt, wo ich für ziemlichen Aufruhr gesorgt hatte. Die Ärztin hatte sich ungefähr ein Dutzend Mal dafür entschuldigt, dass sie sich so verrechnet und die Ultraschalltechnik so schwer versagt hatte. Immerhin hatte sie mir ihrer Meinung nach erst vor zwei Tagen eröffnet, dass ich in der siebten Woche schwanger war, doch nun zeigte das Ultraschallbild plötzlich einen kleinen Menschen in der vierzehnten Woche.

Ich hatte sie quasi getröstet und ihr versichert, dass ich auf gar keinen Fall an ihrer Kompetenz zweifelte und alles in Ordnung war. Und ich war heilfroh, dass sie mir keine weiteren Fragen gestellt oder mich gar für eine medizinische Anomalie gehalten hatte.

Das würde sie jedoch zweifellos, wenn ich mich nach einem weiteren Besuch in der Anderswelt noch einmal bei ihr sehen ließ, und Lugh erneut sprunghaft gewachsen war.

Es sah ganz danach aus, als müsste ich mich entscheiden, wo ich die Zeit bis zur Geburt verbringen wollte. Oder aber jedes Mal den Arzt wechseln, wenn ich hierher zurückkehrte.

Ich verzog das Gesicht, der Gedanke war nicht gerade angenehm. Leider hatte ich es versäumt, Fea und Dian Cecht zu fragen, wie bewandert sie in Sachen Geburtsvorbereitung und Entbindung waren, also musste die Entscheidung ohnehin noch ein wenig warten.

Nun war ich erst einmal unterwegs, um Martin, dem Kommissar, einen Besuch abzustatten. Ich wollte mein Versprechen einlösen und ihm all die Fragen beantworten, die sich ihm sicherlich aufgetan hatten, seit ich in seiner Gegenwart aus einem Parkhaus voller Bären und Wölfe geflüchtet war und einen Revenant getötet hatte, um anschließend in der alten Weide zu verschwinden.

Ein schmerzhafter Stich durchfuhr mich, denn die Erinnerung daran führte mich auch zu Tiw.

Nach unserem Abschied unter dem ältesten der Bäume hatte ich eine schöne, heilsame Zeit mit Engilger in Ens Fort verbracht. Sie alle hatten mich gehegt und gepflegt wie eine kostbare Pflanze und so war der Schmerz um ihn kleiner geworden. Fort war er allerdings nicht, und ich bezweifelte, dass er je ganz verschwinden würde.

Heute Morgen war ich schließlich mit dem Gedanken aufgewacht, dass es Zeit war, zurückzugehen und die Dinge in meiner Welt zu regeln.

Mit aller Macht verdrängte ich die Erinnerung an die letzten Momente mit Tiw und schaute unnötigerweise noch einmal auf die Visitenkarte, die Martin mir gegeben hatte.

Inzwischen hatte ich den Wallring verlassen und bog ganz in der Nähe meiner eigenen Wohnung in eine ruhige Seitenstraße ein. Hier standen alte Stadtvillen aus der Gründerzeit und die Straßen waren dicht mit Bäumen gesäumt. In dieser Gegend wollte jeder gern wohnen, vorausgesetzt, er konnte sich die Mieten leisten.

Vor der Hausnummer, die auf Martins Visitenkarte stand, blieb ich stehen und stieg die breiten Steinstufen hinauf.

Sobald Suse und er sich kennengelernt hatten, sollten sie auch Engilger treffen. Er würde zu mir kommen und für eine Weile den Alltag mit mir teilen, so war es geplant. Wenn ich mit Lugh auch in dieser Welt leben wollte, brauchten wir Verbündete, mit denen wir unser Geheimnis teilen konnten.

Ich drückte auf den Klingelknopf und hoffte, dass er sich den heutigen Tag freigenommen hatte, um auf meinen für heute Morgen versprochenen Besuch zu warten. Ein Summton ertönte und ich drückte die schwere hölzerne Eingangstür auf.

 

Als ich die Treppe heraufkam, stand er bereits in der offenen Tür, dann stürmte er mir entgegen und drückte mich an sich.

»Niall, Gott sei Dank, du bist tatsächlich wieder da!«

Ich war ein wenig verblüfft, doch ich freute mich über seine Erleichterung und Herzlichkeit.

»Und welchen Gott meinst du genau?«, nuschelte ich erstickt.

Er stutzte, dann lachte er und hielt mich ein Stück von sich weg.

»Meine Güte, du siehst aus als hättest du in der Karibik überwintert! Komm rein.«

Er ließ mich an sich vorbeigehen und ich betrat einen langen Flur, der einladend hell gestrichen war. Dann nahm ich die Präsenz wahr, die verärgert registrierte, dass eine Frau herein kam. Instinktiv zog ich meine Aura nah an mich heran, hielt inne und wandte mich um.

»Du hast Besuch«, stellte ich fest und er sah mich erstaunt an.

»Eine neue Nachbarin,«, erklärte er flüsternd. »Sie hat Probleme mit ihrem Exfreund, ich habe sie weinend im Hausflur gefunden.«

Ich betrachtete ihn skeptisch und griff nach seinem Handgelenk; er trug ein rotes Band.

»Sie ist keine von denen, bestimmt nicht,«, wisperte er und schüttelte den Kopf.

Er winkte mir und ich folgte ihm in ein geräumiges Wohnzimmer mit dunklem Parkettboden und großem, rotem Sofa. Dort saß eine sehr schöne, schlanke Frau mit langem braunen Haar, einem unschuldigen Engelsgesicht und der unverkennbar markanten Präsenz eines Revenants. Hungrig, jedoch nicht kalt und gierig, wie ich es bei den Häschern der Fir Bolg bemerkt hatte. Sie erhob sich und streckte mir die Hand hin, offenbar völlig ahnungslos, wen sie da vor sich hatte.

»Hallo, ich bin Sabine.«

Der Name war mit Sicherheit falsch, sie schienen inzwischen begriffen zu haben, dass ihre seltsamen, uralten Vornamen zu sehr auffielen. Ich sah auf ihre Hand hinab, dann entschloss ich mich, meinen Zorn darüber, dass sie Martin verfolgte, in meine Aura fließen zu lassen. Ich drückte ihre Finger und sah, wie es in ihren Augen flackerte.

»Ich bin Niall«, erwiderte ich und bohrte meinen Blick in den Ihren.

Sie hielt ihm nicht lange stand, sah sich nervös um und griff nach ihrer Handtasche.

»Ja, ähm, ich muss dann mal wieder! Danke für deinen Rat, Martin."

Martin stand mit einer Tasse Kaffee im Türrahmen, die Enttäuschung stand ihm ins Gesicht geschrieben.

»Ja, ähm, musst du denn wirklich schon gehen?«

Ich focht einen kurzen Kampf mit mir selbst aus, dann entschied ich, sie nicht so einfach davonkommen zu lassen.

»Setz dich wieder hin, ich habe mit dir zu sprechen!«

»Äh, wie?«, meinte sie irritiert, während Martin mich verständnislos ansah. »Vielleicht ein andermal, ich muss jetzt wirklich gehen.«

»Sheas, nighean na galladh[1]«, zischte ich und sie fuhr herum und funkelte mich zornig an.

»Na sieh mal an! Du reagierst also auf Beleidigungen, Revenant.«

Mit einem Sprung wollte sie an mir vorbei, doch damit hatte ich gerechnet. Mit gestrecktem Fuß erwischte ich sie in den Kniekehlen; sie stürzte und fing sich gerade noch mit den Händen ab. Sofort war ich über ihr, griff ihr ins lange Haar und riss ihren Kopf empor.

»Du wirst dich jetzt hinsetzen und mir meine Fragen beantworten oder willst du im Namen des Dagda sofort in die Schatten gehen?«

»Ähm, Niall, übertreibst du nicht etwas?«

Der Herr Kommissar blickte irritiert auf uns herab, offenbar hielt er die Szene für eine merkwürdige Auseinandersetzung zwischen zwei eifersüchtigen Frauen.

»Ich kann dich töten, Frau«, zischte die Revenant und versuchte, meinem Griff zu entkommen.

»Ach ja?« Ich griff mit der freien Hand in meine Tasche und zog den Eibenstock heraus. »Und was glaubst du, was ich hiermit tun kann?«

Ihre Augen weiteten sich. »Du bist die Bandrih«, flüsterte sie und ihr Blick wurde unsicher.

»Gut erkannt, Mädchen«, erwiderte ich und ließ ihr Haar los. »Und jetzt will ich wissen, ob die Fir Bolg dich geschickt haben.«

Ihr Gesicht verschloss sich wie eine Muschel, während sie sich aufrappelte.

 »Ich sage dir gar nichts!«

Ohne Zögern holte ich mit dem Eibenstock aus und ließ ihn auf ihre Schulter niedersausen. Das Schlüsselbein brach mit einem Knacken und sie schrie auf. Und Martin ebenso, mit einem Aufschrei fiel er mir in den Arm. Die Revenant erkannte ihre Chance, wirbelte herum, riss die Wohnungstür auf und rannte hinaus. Ich wollte ihr nach, doch Martin hielt mich fest.

»Niall, bist du total verrückt geworden!?«

Einen Moment wehrte ich mich gegen seinen Griff, dann ging mir auf, dass es nun ohnehin zu spät war. Sie würde sich draußen auf der Straße sofort in eine Nebelwolke verwandeln.

»Bei allen Göttern, Martin, wie verrückt bist du denn?« fuhr ich in an. »Sie war eine Revenant, verdammt noch mal! Jetzt wissen die Fir Bolg, dass ich zurück bin! Ich hätte sie töten müssen!«

»Du willst eine Frau töten, während ich daneben stehe? Hast du verdammt noch mal vergessen, dass ich Polizist bin?«

Er sah mich jetzt wirklich an, als sei ich verrückt geworden und ich bemühte mich, ruhig durchzuatmen. Er hatte zwar im Parkhaus gesehen, wie sich ein paar Männer in Wölfe und Bären verwandelt hatten, aber das waren eben keine engelsgesichtigen, zarten Frauen gewesen.

Endlich ließ er meinen Arm los und ich seufzte tief.

»Hast du denn so schnell vergessen, was ich dir gesagt habe? Wenn sich dir solche Frauen aufdrängen, sind es Revenants, auch wenn sie noch so nett und harmlos wirken!«

Zweifel schlichen sich in seinen Blick und er fuhr sich durchs sorgfältig verstrubbelte Haar.

»Das ist alles ziemlich verwirrend«, sagte er schließlich leise, und ließ sich auf das Sofa fallen. »Sie war doch einfach nur verzweifelt und sehr nett.«

Er hob hilflos die Hände und sah mich skeptisch an.

»Aber du hast gehört, was sie gesagt hat, oder? Sie hat mich von ganz allein die Bandrih genannt. Das bedeutet Druidin! Und woher sollte sie wohl wissen, was oder wer das ist, wenn sie nicht zu den Typen gehört, die sich vor deinen Augen in Bären und Wölfe verwandelt haben?«

Ich setzte mich neben ihn, starrte ihn unnachgiebig an und konnte sehen, wie es in seinem Kopf arbeitete. Schließlich lächelte er schief.

»Ich bin wohl etwas zu empfänglich für hübsche Frauen. Kann ich mir denn sicher sein, dass du nicht auch so ein merkwürdiges Wesen bist?«

Es war ihm deutlich anzusehen, dass sich hinter dem Scherz eine ernst gemeinte Frage verbarg.

»Es gibt einen einfachen Test«, sagte ich, nahm seine Hand und legte sie auf meine Halsgrube. »Revenants haben kein schlagendes Herz, denn sie sind eigentlich Geister, untote Seelen, die, ähm, die nicht ins Paradies hinein dürfen, weil sie schwere Verbrechen begangen haben.«

Martin musterte mich nachdenklich und ich ließ seine Hand sinken.

»Ich habe die Revenants aufgestöbert, weil ich genau so hartnäckig und neugierig war wie du. Und dann habe ich mich in einen verliebt.«

Er runzelte die Stirn. »In diesen Blonden mit den grünen Augen?«

»Ja«, erwiderte ich knapp und senkte den Blick.

Über Tiw wollte ich nicht sprechen, und am besten auch nicht an ihn denken.

»Wie sind diese ermordeten Frauen gestorben?«, fragte Martin und ich war mir sicher, dass er meine Befangenheit bemerkt hatte. »Was tun diese Revenants mit den Menschen?«

Ich hatte damit gerechnet, dass er nun endlich wissen wollte, wie die Frauen zu ihren Hirnschlägen gekommen waren, die mir erst Engilger und dann Mylentum quasi in den Weg gelegt hatten. Doch die ganze Wahrheit durfte er nicht erfahren, zumindest jetzt noch nicht.

»Nun …«, begann ich zögernd, »sie brauchen die Gefühle der Menschen, um ihre menschliche Gestalt zu behalten, am ehesten funktioniert das wohl mit Zuneigung, Liebe und Bewunderung. Das Problem dabei ist allerdings, dass sie viel davon wollen, so viel, dass es die Menschen schwächt, ihnen die Kraft raubt und einen Herzinfarkt oder Hirnschlag auslösen kann. Und wenn sie ihnen die Seele nehmen, bleiben viele verrückt oder apathisch zurück. Oder eben tot.«

»Sie müssen nicht töten, aber sie können es«, fügte ich schnell hinzu. »Und es kommt wohl auf den Charakter an, ob sie es tun.«

Es war still im Raum, Martin betrachtete mich nachdenklich und schien seine nächste Frage abzuwägen.

»Wie kommt es dann, dass du nicht tot bist, oder verrückt?

»Meine uralte Seele gibt mir die Kraft, ihnen zu widerstehen. Ich weiß ehrlich gesagt auch nicht wirklich, wie es funktioniert, aber ich habe einige besondere Fähigkeiten.«

Unsicher sah ich ihn an, das war ein heikler Punkt. Es konnte passieren, dass er mich nun tatsächlich für verrückt hielt und sich entschloss, ein paar Kollegen zu rufen, um mich ins nächste Krankenhaus bringen zu lassen.

»Was kannst du noch, außer Jiu Jitsu und dieser merkwürdigen Sprache?«

Überrascht hob ich die Augenbrauen. »Das ist Jiu Jitsu? Das wusste ich gar nicht!«

Er grinste, aber locker ließ er nicht.

»Also, was noch?«

Ich seufzte, dann entschloss ich mich, es wie bei Suse zu machen und es ihm zu zeigen. Suchend sah ich mich im Raum um. Uns gegenüber standen ein Esstisch aus dunklem Holz und zwei passende Bänke. Das Ensemble erinnerte beinahe an Ens und Feas Tisch im Langhaus. Ich konzentrierte meine Aura auf die vordere Bank, dann zog ich sie über das Parkett hinweg, bis sie vor uns stand.

»Auramagie nennt man das«, erläuterte ich leise.

Und um die Sache komplett zu machen, öffnete ich meine Hände und ließ das Licht darin erscheinen. Martin zuckte zusammen und starrte die Kugel an, bis ich die Handflächen zusammenlegte und sie verschwand.

Schließlich räusperte er sich.

»Das ist, äh, der Hammer.«

»Neuerdings kann ich auch mit dem Eibenbogen schießen und treffe eine Zielscheibe auf sechzig Schritt Entfernung, aber das habe ich im üblichen Sinn richtig gelernt«, sagte ich und grinste schief.

Lange betrachtete er mich und schien darüber nachzudenken, wer oder was ich denn nun war.

»Jetzt wüsste ich aber auch gern, wer der Vater deines Kindes ist, dieser Krieger mit dem Schwert«, forderte er leise.

»Und du wirst mich nicht gleich abholen lassen, damit ich zwangseingewiesen werde?«

Er schmunzelte. »Nein, denn dann müsste ich ja auch gleich dableiben, diese Bären - und Wölfe - Verwandlungssache habe ich schließlich mit eigenen Augen gesehen. Mach dir darum keine Sorgen.«

»Du hast wahrscheinlich noch nie etwas von den mythischen Tuathà de Danann gehört?«

Er schüttelte den Kopf.

Also berichtete ich ihm, was der Dagda mir erzählt und was ich selbst über sie gelesen hatte.

Wieder war er lange still.

»Du wirst also einen Halbgott zur Welt bringen, wie bei den alten Griechen?«

»Ja«, bestätigte ich und lächelte schwach. »So muss man das wohl sehen."

Er musterte erst mein Gesicht, dann meinen Bauch, dann atmete er tief ein und aus und griff nach der Tasse, die vor ihm auf den Couchtisch stand.

»Nun, soweit ich das sehen konnte, hast du dir auf jeden Fall einen verdammt gutaussehenden Vater für dein Kind ausgesucht.«

»Ha!«, machte ich. »Ich hab ihn mir gar nicht ausgesucht, er hat mich eigentlich entführt, um mich zu töten.«

Martin verschluckte sich an seinem Kaffee, der inzwischen sicher eiskalt war, und ich musste lachen.

Also erzählte ich ihm auch noch, wie alles begonnen hatte und dass es genau genommen einem kleinen, giftigen Gnom zu verdanken war, dass Engilger sich in mich verliebt hatte und ich mich in ihn. Martin hing an meinen Lippen und sagte gar nichts, als ich still war.

»Es ist gefährlich, in diese Geschichte verstrickt zu werden, Martin. Das gilt jetzt auch für dich«, fügte ich hinzu.

Es dauerte ein wenig, bis meine Worte bei ihm ankamen.

»Für mich? Wieso?«                     

»Weil es in der Anderswelt ein weiteres mythisches Volk gibt, das mich und mein Kind unbedingt in die Finger kriegen will, um die Tuathà de Danann zu erpressen. Das sind die Fir Bolg und sie werden jeden beseitigen, der sich ihren Plänen in den Weg stellt. Du hast das bereits getan, als du mich vor diesen beiden Revenants beschützt hast.«

Ich musste kurz überlegen.

»Gestern in der Innenstadt. Und deshalb schicken sie dir diese niedlichen Revenant-Frauen. Sie sollen dich um den Verstand bringen oder töten. Oder beides.«

Wieder musterte er mich, diesmal sichtlich geschockt. Ich nahm es als gutes Zeichen, offenbar nahm er die Sache nun ernst.

»Und warum hast du dich entschlossen, mir nun die ganze Geschichte zu erzählen, wo du zuerst alles geleugnet hast?« wollte er schließlich wissen.

»Ich will mein Leben in dieser Welt nicht einfach aufgeben. Und ich möchte, dass mein Kind auch hier aufwachsen kann, nicht nur in der Anderswelt. Dafür brauche ich allerdings deine Hilfe, als Freund meine ich.«

Nun war es heraus und ich sah ihm vorsichtig in die Augen. Ich hatte nicht vergessen, dass er ein sehr privates Interesse an mir entwickelt und mich geküsst hatte, bevor ich in die Weide gestiegen war.

»Ich verstehe«, sagte er leise und ein wenig traurig, doch dann lächelte er. »Du kannst dich auf mich verlassen, ich werde für dich da sein.«

Erleichtert atmete ich auf. »Ich danke dir. Und ich möchte, dass du meine Freundin Suse kennenlernst, denn sie kennt die Geschichte auch, von Anfang an. Und sie ist eine tolle Frau.«

Ich zwinkerte ihm zu und lächelte vielsagend.

Martin hob die Augenbrauen. »Na dann, warum gehen wir heute Abend nicht zu dritt essen? Ich wollte mich schon immer mal von anderen Männern beneiden lassen, während ich zwischen zwei tollen Frauen sitze!«

 

Zwei Stunden später saß ich in meiner eigenen Wohnung auf dem Teppich und kraulte meinen Kater, der verdrießlich miaute, weil er die letzte Nacht allein hatte verbringen müssen. Wenn ich das nächste Mal zu En und Fea in die Anderswelt ging, würde ich ihn mitnehmen, das hatte ich bereits beschlossen. Es würde ihm mit Sicherheit gut gefallen im Hillfort zu leben, in einer Freiheit, die ich ihm hier nicht geben konnte.

Wieder einmal hinterließ ich Suse die Nachricht, dass ich zurück war und sie am Abend zum Essen eingeladen war, um Martin kennenzulernen.

Dann kochte ich mir einen Kaffee und ließ mich auf meinem geliebten Sofa nieder.

Das Gespräch mit Martin hatte mich zu dem Problem mit der Schwangerschaft zurückgebracht. Ich war sehr froh, dass er mir seine Unterstützung zugesagt hatte, doch die Revenants waren ihm bereits auf der Spur. Wenn sie nun erfuhren, dass ich wieder hier war, würde es wohl nicht lange dauern, bis sie erneut Jagd auf mich machten. Martin würde sich als Beschützer verstehen und in noch größere Gefahr geraten und Suse vermutlich auch. Und Engilger würde es niemals zulassen, dass ich hier blieb, wenn er von dieser Sabine erfuhr.

Irgendwie hatte ich gehofft, dass die Fir Bolg nun aufgaben, aber da hatte ich mich wohl getäuscht. Und es sah ganz danach aus, als wäre die einzige Möglichkeit, uns alle zu schützen, bei En und Fea zu bleiben, bis Lugh zur Welt kam, moderne Medizin hin oder her. Immerhin war Dian Cecht der legendäre Druide der Tuathà de Danann, ich hatte seine enorme Heilkraft am eigenen Leib gespürt. Es war also durchaus angemessen, ihm zuzutrauen, dass er auch Lugh gesund zur Welt bringen konnte.

Seufzend fuhr ich mir durchs Haar.

Also gut, dann würde ich meinen Chef morgen in der Dienstbesprechung um Sonderurlaub bis zum Beginn des Mutterschutzes bitten. Als Begründung würde ich einfach Probleme in der Schwangerschaft nennen. Welche das waren, musste ich mir allerdings noch ausdenken, denn er schien sich ganz gut damit auszukennen. Es war bedauerlich, ihn anlügen zu müssen, doch mir fiel keine andere Lösung ein.

Als hätte er meine Gedanken gehört, spürte ich Lughs kleine, lebendige Aura, die sich rekelte und versuchte, die unbekannte Umgebung zu erkunden, in der sich seine Mutter befand. Er bemerkte Moggedurs Anwesenheit und ich sah mir lächelnd an, wie der Kater meinen Bauch mit gespitzten Ohren betrachtete und schließlich ausgiebig beschnüffelte. Dann legte er seinen Kopf darauf ab und begann zu schnurren. Das Geräusch schien Lugh zu gefallen, ich vernahm eine leichte Bewegung und spürte sein Behagen.

Kurz entschlossen rollte ich mich auf dem Sofa zusammen und zog die Decke über mich und den Kater. Bis zum Essen mit Suse und Martin hatte ich nichts Besseres vor und so schloss ich die Augen, während Moggedur sich schnurrend an mich schmiegte.

 

Und ich träumte von Tiw.

Ich sah ihn tief im Wald auf einer kleinen Lichtung, splitterfasernackt pflückte er Blumen. Das Bild war so absurd, dass ich es sogar im Traum für eine lächerliche Fantasie hielt, offenbar war das meine klischeegeprägte Vorstellung von Tà tir na n’òg. Dann sah er auf, seine grünen Augen trafen meinen Blick und ich stellte erschrocken fest, dass er mehr als elend aussah.

»Niall?«

Die leise Stimme riss mich aus dem Schlaf und ich schlug sofort die Augen auf. Engilger lächelte mich an und hockte dabei vor meinem Sofa und nicht vor dem Bett im Gästehaus des Forts. Verwirrt stellte ich fest, dass ich nicht mehr wusste, ob ich wach war oder träumte, und schüttelte den Kopf.

»Ich bin kein Traumbild, Niall«, sagte er und strich mir über die Wange. »Ich bin tatsächlich hier. Und wer ist das?«

Er blickte an mir vorbei auf das Sofa.

Dort saß Moggedur und beobachtete ihn mit großen Augen, offenbar hatte er sein plötzliche Auftauchen mitbekommen und fand ihn ein wenig unheimlich.

Engilger streckte vorsichtig die Hand aus und murmelte einige Worte auf Gälisch. Moggedur antwortete mit einem leisen Miezen, schloss die Augen und schmiegte sich schnurrend an seine Finger.

»Das ist mein Hausgenosse«, erklärte ich endlich.

Engilger strich mir mit der anderen Hand schmunzelnd über den Kopf.

»Vielleicht sollte ich dich auch ein wenig kraulen, mo Cridhe, du siehst aus, als könntest du nicht fassen, dass ich hier bin. Ich habe dich vermisst«, murmelte er und drückte mir einen zarten Kuss auf die Lippen.

Immer noch wie in den Flitterwochen, schoss mir durch den Kopf und ich musste grinsen.

»Nun, dann willkommen in meiner Welt und in meinem Zuhause.«

Er hob den Blick und ließ ihn durch das Wohnzimmer gleiten, dann erhob er sich.

»Darf ich es mir ansehen?«

Langsam ging er in den Flur und mir fiel auf, dass er die keltische Kleidung trug, Hose und Tunika, die hohen geschnürten Stiefel und sogar das Schwertgehänge. So konnte ich mit ihm nicht vor die Tür gehen.

Ich schlüpfte unter der Decke hervor und folgte ihm.

Er stand im Türrahmen zum Schlafzimmer, sein Blick ruhte auf dem Bett. Es sah immer noch so aus, wie Tiw und ich es verlassen hatten; es schien unendlich lang her zu sein.

Ich ahnte, was ihm durch den Kopf ging und betrachtete ihn forschend. Er schluckte, dann zog er mich in seine Arme und schmiegte sein Gesicht in meine Locken.

»Es ist schön hier, Niall. Aber ich spüre die Erinnerungen an Tiw überall. Wirst du mich hier ertragen können?«

Ihn so unsicher zu erleben, beunruhigte mich. Ich hatte mich an seine unerschütterliche und doch charmante Überheblichkeit gewöhnt, es passte einfach nicht zu ihm, an sich zu zweifeln. Ich löste mich von ihm und ließ mich auf das Bett fallen.

»Komm her«, bat ich leise und klopfte neben mich auf das Laken.

Er hatte recht, Tiws Geruch hing immer noch in den Kissen und es war beinahe als wäre er anwesend. Doch nicht nur für Engilger war es nun wichtig, ihn nicht zum Gespenst zu machen, das zwischen uns stand.

Zögernd legte er das Schwert ab und lehnte es an die Wand. Dann kam er langsam zu mir ins Bett, legte sich neben mich, stützte den Kopf auf die Hand und betrachtete mich.

Mir fiel ein, was Martin über ihn gesagt hatte. Es stimmte, ich hatte mir einen verdammt gutaussehenden Mann als Vater für mein Kind ausgesucht. Tatsächlich war er auch jetzt, wo er mich so zweifelnd ansah, ein Ausbund männlicher Schönheit und Sinnlichkeit.

Vorsichtig hob ich die Hand und fuhr mit den Fingern zart die Konturen seines Gesichtes nach, die gerade Nase, die hohen Wangenknochen und den sinnlichen Mund. Er fing meine Finger mit den Lippen ein und küsste sie, ließ mich jedoch nicht aus den Augen. Schließlich rückte ich an ihn heran, drückte ihn sanft auf die Matratze und schob mich über ihn.

Es dauerte ein wenig, bis er sich meinem Kuss öffnete, ihn willig und innig erwiderte und seine Hände zärtlich über meinen Rücken glitten.

»Und?« fragte ich ihn flüsternd. »Ist es schön, in meinem Bett zu liegen?«

Er zögerte einen Moment.

»Es ist erstaunlich weich, so ein Bett. Aber es ist sehr angenehm.«

Irritiert sah ich ihn an. »Hast du noch nie in so einem Bett gelegen?« Eigentlich konnte das kaum möglich sein.

Er lächelte schräg und schüttelte den Kopf.

»Aber … .« Jetzt war ich ernsthaft verblüfft, aber die Frage, ob er nie mit einer seiner Eroberungen im Bett gelegen hatte, blieb mir doch im Hals stecken.

»Ich war nie länger in deiner Welt, Niall. Und ich habe keine der Frauen, die sich auf mich eingelassen haben, zu Hause besucht.«

Und mir ging endlich auf, dass man auch weniger Spuren hinterließ, wenn die toten Frauen nicht zu Hause in ihren Betten gefunden wurden. Verlegene Röte stieg mir ins Gesicht und ich suchte fieberhaft nach einer Möglichkeit, die Situation zu retten.

Ich schob meine Hand unter seine Tunika und strich mit den Fingerspitzen über seinen muskulösen Bauch, dann zog ich sie hoch und beugte meinen Kopf hinunter. Er zuckte seufzend zusammen, als meine Lippen seine Haut berührten und sanft hinunterstrichen, bis die Kordel seiner Hose mich aufhielt.

Mein Blick fiel auf seine Lenden und ich stellte schmunzelnd fest, dass sich seine Lanze bereits regte und unter dem Stoff zuckte, als wolle sie sich davon befreien. Den Gefallen tat ich ihr gern, löste den Knoten und schloss meine Finger um seinen Phallus.

Engilger stöhnte leise auf und seine Hände wühlten sich in meine Locken. Ich folgte seinem sanften Drängen und schob mich hinauf zu ihm.

»Dann wird es aber Zeit, dass du die Vorzüge einer weichen Matratze kennenlernst, mein Schöner«, wisperte ich und sah ihm tief in die Augen.

»Aye, mo Bean«, flüsterte er rau. «Das will ich gern.«

Er warf mich auf den Rücken, öffnete geschickt den Reißverschluss meiner Jeans und zog sie samt der Unterwäsche herunter. Mit einer wilden, entschlossenen Leidenschaft spreizte er mir die Schenkel, hob seine Tunika und drang in mich ein. Tief aufstöhnend streckte ich mich ihm entgegen und spürte instinktiv, dass er die Erinnerung an Tiw vertreiben wollte. Ich ließ ihn gewähren, denn ich brauchte es eben so sehr, sie zu verbannen.

 

»Ich liebe dich so sehr, Niall«, murmelte er zärtlich, als wir zitternd und aneinander geklammert wie zwei Ertrinkende wieder zu Atem kamen.

»Ich liebe dich auch, mo Fhear«, sagte ich leise. »Und ich will nicht, dass die Erinnerungen an Tiw uns beide quälen, also lass uns jetzt noch einmal über ihn sprechen und dann werden wir ihn nicht mehr erwähnen.«

Er erwiderte meinen Blick aufmerksam, dann nickte er.

»Das hier ist mein Zuhause, Engilger. Tiw hat es eine kurze Zeit mit mir geteilt und die Erinnerung an ihn wird vergehen.«

Ich musste schlucken, denn ich war mir selbst nicht sicher, ob das funktionieren würde.Immerhin hatte ich gerade erst von ihm geträumt.

»Du bist der Vater meines Kindes, das ist etwas anderes. Und es bedeutet sehr viel mehr! Ich gehöre jetzt zu dir und wenn du es willst, werde ich im nächsten Jahr mit dir über das Beltainefeuer springen und das Versprechen besiegeln.«

Engilger hatte aufmerksam zugehört, nun lächelte er leise und zog mich an sich.

»Das wünsche ich mir sehr, Niall. Und ich weiß, dass ein Stück deines Herzens immer bei Tiw sein wird. Ich werde lernen, es auszuhalten.« Er seufzte und strich mir durch die Locken.

»Ich will dich für immer bei mir haben, Niall und ich glaube, dir ist noch nicht klar, was das bedeutet. Irgendwann wirst du dich entscheiden müssen, ob du dieses Leben hier verlassen willst, oder bleiben.«

»Warum? Es geht doch auch beides«, wandte ich ein.

Er seufzte noch einmal. »Ich glaube nicht, Niall. Du wirst nicht wirklich älter, wenn du so oft in der Anderswelt bist und irgendwann werden die Menschen das bemerken. Du wirst dich entscheiden müssen, ob du die Unsterblichkeit des Clanns willst oder die Sterblichkeit der Menschen.«

»Oh«, machte ich und versuchte zu begreifen, was er da sagte.

Hatte er tatsächlich von Unsterblichkeit gesprochen? Er schien meinem Gesicht abzulesen, was in mir vorging und nickte.

»Wie geht das, dass ein Mensch die Unsterblichkeit bekommt?«, fragte ich und mein Puls beschleunigte sich.

»Nun, man bekommt sie von den Göttern. Im Augenblick des Todes.«

Mein Herz setzte einen Schlag aus; das Ausmaß seiner Worte war schier unfassbar.

»Du meinst, ich muss sterben, um unsterblich zu werden?«

»Ich glaube, der Dagda hat es dir gesagt, Niall, dass er vor sehr langer Zeit ein Mensch war, wie wir alle. Und wir sind alle gestorben, bevor wir Götter wurden. Sin mar a bhios an saoghal, Niall, so ist das Leben.«

Was er mir da erzählte, war absurd. Ich hatte inzwischen viele Dinge erlebt, die ich noch vor wenigen Wochen für unmöglich und verrückt gehalten hatte, aber über meinen eigenen Tod nachzudenken, damit ich ein ewiges Leben erhielt, war mehr als ich verkraften oder verstehen konnte. Ich wusste nicht im Geringsten, was ich dazu sagen sollte und eigentlich war mir danach, ihn herzhaft auszulachen.

»Das hat noch Zeit, Niall, du wirst dich an das Leben in der Anderswelt gewöhnen. Dann wird es nicht mehr so schwer sein, über die Ewigkeit nachzudenken.«

Stumm lag ich neben ihm und spürte, wie die Angst in mir aufstieg. Er konnte doch nicht ernsthaft von mir erwarten, dass ich freiwillig in den Tod ging, um diese Unsterblichkeit zu bekommen. Wie sollte das überhaupt vor sich gehen? Und wenn es gar nicht funktionierte?

Lughs Aura regte sich unruhig, die Angst seiner Mutter behagte ihm gar nicht. Ich holte tief Luft und verdrängte die Gedanken an Tod und Ewigkeit und Unsterblichkeit. Zunächst einmal musste ich Lugh auf die Welt bringen und dafür war es notwendig, ein Mensch zu sein.

»Niall? Geht es dir gut, mo Cridhe?«

»Ja, sicher«, erwiderte ich. »Ich war nur etwas … überrollt von der Sache mit der Ewigkeit.«

Ich versuchte ein Grinsen und Engilger erwiderte es.

»Vergiss es wieder, ich war wohl etwas zu schnell. Es hat Zeit, viel Zeit.« Für einen Moment flackerte sein Blick.

»Was machen wir heute noch, in deiner Welt?« fragte er munter und grinste, als hätte er das Wort Unsterblichkeit nie erwähnt.

Ich musste mich sammeln, bevor es mir gelang, die Sache endgültig abzuschütteln.

»Wir gehen in die Kneipe, du wirst Suse und Martin kennenlernen«, antwortete ich. »Mit den beiden bin ich nämlich verabredet.«

Er sah mich überrascht an, doch dann lächelte er breit. »Nun gut, dann lerne ich also heute deine Ambracti kennen.«

Ich runzelte die Stirn, dann fiel mir wieder ein, was es bedeutete, ein Ambractus zu sein.

»Sie sind meine Freunde, Engilger, nicht meine Gefolgsleute. Und Martin kenne ich noch nicht sehr gut, aber ich glaube, er wird ein guter Freund sein.«

Ich hatte ihm von dem Polizisten erzählt und er konnte sich dunkel daran erinnern, dass bei dem Kampf im Parkhaus ein Mann an einem Auto gestanden hatte. Er hatte ihn allerdings ebenso wie ich zunächst für einen weiteren Revenant der Fir Bolg gehalten.   

»Aber so kann ich dich nicht mitnehmen, du brauchst passende Kleider«, fügte ich hinzu und sah an ihm hinab.

»So würde ich auch nicht vor die Tür gehen, mo annsachd, ich will meine Lanze ja nicht jedem präsentieren«, erwiderte er und grinste frech. »Auch wenn ich damit wohl einigen Eindruck machen könnte.«

Ich knuffte ihn spielerisch und war froh, dass seine charmante Überheblichkeit wieder da war.

»Bild dir bloß nicht ein, es gäbe hier keinen Mann, der dich in dem Punkt übertreffen könnte!«

Mit funkelnden Augen zog er mich an sich. »Und selbst wenn, müsste er sich immer noch mit meiner Schönheit und meinem Charme messen. Das wird schwierig!«

»Das Schlimme ist, dass du vermutlich recht hast«, erwiderte ich und wand mich aus seinen Armen heraus. »Und deshalb werde ich jetzt losgehen und dir die hässlichsten Kleider besorgen, die man in Recklinghausen kriegen kann, damit du nicht so auffällst.«

»Das ist nicht notwendig, Niall, auch wenn ich sehr neugierig bin, was du mir bereit wärst anzutun. Ich habe immer noch den Schlüssel zu der Wohnung, die Hreodborth und die anderen Revenants hier benutzt haben. Dort werde ich schon etwas Passendes finden.«

Er wies auf das Schwertgehänge, dort hing ein einzelner moderner Schlüssel an einem Lederband. Vielleicht sollte ich ihn begleiten, sicher gab es in dieser Wohnung etwas, das ich als Erinnerung an Tiw mitnehmen konnte. Das Klingeln meines Telefons störte den unseligen Gedanken, ich sprang auf und lief ins Wohnzimmer.

 

Suse war am Apparat.

»Hallo Süße, wie ich sehe, oder besser höre, hast du mal wieder alles überlebt und bist zurück!«

»Und wie ich sehe, bist du erfolgreich allen schönen Revenants aus dem Weg gegangen und bei guter Gesundheit«, konterte ich.

»In der Tat«, erwiderte sie. »Und meine Belohnung dafür ist, dass ich heute Abend einen menschlichen Mann kennenlernen soll?«

Ich musste lachen. Engilger erschien, lehnte sich lässig in den Türrahmen und sah mir amüsiert zu.

»Ja, Martin wird dir gefallen. Er ist intelligent, gutaussehend und charmant."

Ich warf meinem Gatten auf Probe einen Blick zu; er runzelte die Stirn.

»Und Engilger bringe ich auch mit, ich möchte, dass du ihn kennenlernst«, fügte ich hinzu, bevor Suse antworten konnte.

Es war still in der Leitung.

»In Ordnung,«, erwiderte sie zögernd. »Das hört sich an wie das Treffen der Verschwörer, die sich gegen ihre Feinde verbünden und ihre Strategie planen.«

»Ja, da ist was dran«, erwiderte ich und suchte Engilgers Blick, der sich zu Moggedur hinuntergebeugt hatte. »Ich bin heute bei Martin einer Revenant begegnet, die sich als hilflose Nachbarin bei ihm eingeschlichen hatte, aber sie ist mir entkommen.«

Ich hatte ihm noch nichts von der Begegnung erzählt und er sah mich nun aus schmalen Augen an.

»Es ist besser, wenn du und Martin in Zukunft aufeinander aufpassen und euch gegenseitig beisteht«, fügte ich leise hinzu.

Wieder war es still in der Leitung und ich wusste, dass sie über meine Worte nachdachte.

»In Ordnung, wann treffen wir uns?« fragte sie knapp.

»Um sieben, ich werde pünktlich sein.«

Ich legte auf und sah Engilger an. »Sie wollen Martin aus dem Weg räumen, das kann ich nicht zulassen.«

Er betrachtete mich forschend, erhob sich und strich mir über die Wange.

»Natürlich nicht, mo Cridhe. Ich gehe jetzt in die Wohnung und sehe mich dann etwas um in der Stadt, mal sehen, ob ich die Revenants auftreiben kann. Dann komme ich in diese Kneipe.« Er beugte sich herab und küsste mich zart. »Und ich bin sehr froh, dass mich der Blick dieser Bandrih mit den Locken und den blauen Augen diesmal nicht in Streifen schneiden wird.«

 

Um Punkt neunzehn Uhr zog ich den schweren Wollvorhang in meiner Lieblingskneipe beiseite und blieb im Eingang stehen. Auch hier überfiel mich die Erinnerung an Tiw und an den Abend, als Perigher und Engilger durch die Tür gekommen waren, um ihn zum Kampf zu fordern. Ich holte tief Luft und ging weiter, da griff mir jemand in den Arm.

»Du willst doch nicht etwa an mir vorbeigehen, Niall. Bin ich so unauffällig?«

Die Hand auf meinem Arm gehörte zu Martin, der an der Theke auf mich gewartet hatte.

»Nein, ich war nur etwas in Gedanken«, erwiderte ich und bemühte mich, ihn anzulächeln.

»Hallo erstmal«, sagte er leise, beugte sich zu mir herab und gab mir einen Kuss auf die Wange.

Seine braunen Augen unter dem Strubbelhaar funkelten und ich wandte verlegen den Blick ab.

»Komm mit, ich weiß, wo wir meine Freundin Suse finden.«

Ich zog ihn vom Barhocker und er griff hastig nach seinem Bierglas.

Suse, die an unserem Tisch in der Ecke saß, ließ den Blick über die Gäste schweifen. Sie hob grüßend die Hand, dann entdeckte sie Martin und ich sah sofort, dass sie ihn sehr ansprechend fand. Ich trat an den Tisch und ließ Martins Ärmel los, damit es nicht so aussah als hätte ich ihn zwangsweise mit gezerrt.

»Suse, das ist Martin, der neugierigste Kommissar der Welt; und Martin, das ist Suse, die liebste Frau mit dem schärfsten Verstand der Welt«, stellte ich die beiden einander vor und fand, dass ich es großartig formuliert hatte.

Verlegen grinsend gaben sich die beiden die Hand und ich überließ sie diesem ersten Moment, zog meine Lederjacke aus und setzte mich neben Suse. Dann sah ich mich aufmerksam im Gastraum um und ließ meine Aura schweifen.

Und tatsächlich spürte ich eine fremde Präsenz, die nur zu einer Revenant gehören konnte. Sie war hungrig und siegessicher, aber so sehr ich mich auch umschaute, ich konnte sie in der Menschenmenge keinem Gesicht zuordnen.

»Was ist los?« fragte Suse, ihr Blick war aufmerksam und alarmiert.

»Eine Revenant ist hier irgendwo, aber ich kann sie nicht entdecken,«, erwiderte ich leise und mein Blick fiel auf ihr Handgelenk.

»Wie ich sehe trägst du auch eine Lebensversicherung«, bemerkte Martin und hob die Hand.

Suse grinste schief. »Es ist besser, Niall zu vertrauen. Außerdem bin ich diesen Typen schon begegnet und sie scheinen sehr viel weniger nett zu sein als sie aussehen.«

»Das kann ich bestätigen«, erwiderte Martin, »denn ich war dabei, als sie sich in Wölfe und Bären verwandelten und Niall und ihren Freund angriffen.«

Suse sah ihn verblüfft an, dann warf sie mir einen fragenden Blick zu.

»Tiw ist fort«, sagte ich langsam. »Seine Seele ist erlöst und …. . Er durfte gehen, für immer.«

Ich wusste, dass sie im Gegensatz zu Martin verstand, was meine Worte bedeuteten und hoffte, dass unser neuer Freund sensibel genug war, nicht weiter nachzufragen.

Suse legte ihre Hand auf meine.

»Das tut mir sehr leid. Aber ich vermutete, du wolltest, dass er geht?«

Ich nickte und war froh, dass die Bedienung in diesem Moment an unseren Tisch trat.

 

»Und was war das für ein Angriff mit Wölfen und Bären?«, fragte Suse, als die Kellnerin gegangen war.

Martin berichtete ihr, was er in dem Parkhaus gesehen hatte und ich ergänzte seinen Bericht und erzählte von den Fir Bolg und ihren Plänen, entweder mich oder den kleinen Lugh in die Finger zu kriegen.

Unsere Getränke kamen und wir warteten still, bis die Kellnerin verschwand.

Martin und Suse maßen sich mit Blicken.

»Und glaubst du Nialls Geschichte?« fragte sie ihn.

»Ich traue meinen eigenen Augen und ich habe viel Übung damit, herauszuhören, wann jemand lügt. Und Niall lügt nicht«, antwortete er ruhig.

»Natürlich lügt sie nicht«, warf Suse sehr bestimmt ein und funkelte ihn an.

Ich sah zu Martin hinüber. Er würde sich nun entscheiden müssen, ob er zu den Verschwörern gehören wollte, oder nicht. Wenn er Suse weiterhin auswich, riskierte er jedenfalls, ohne Kopf nach Hause zu gehen.

Martin sah sie skeptisch an, dann lächelte er.

»Ich glaube ihr jedes Wort. Und dir auch, Suse, denn ich vermute, dass du irgendwo einen Dolch versteckt hast, den ich ansonsten gleich in den Rippen spüre.«

Suse war baff, dann musste sie schmunzeln, denn er hatte sie erstaunlich charmant entwaffnet.

Plötzlich wurde es stiller in der Kneipe, das Stimmengewirr verebbte, dann brandeten die Gespräche wieder auf, als hätte jemand für einen Moment die Lautstärke herunter gedreht und es sich dann anders überlegt.

Martin und Suse sahen sich irritiert um, ich jedoch musste grinsen, denn die kurze Stille konnte eigentlich nur eine Ursache haben. Und tatsächlich öffnete sich an der Theke eine Gasse und Engilger kam auf uns zu.

Er trug eine verwaschene Jeans, die eine Nummer zu groß so lässig auf seinen schmalen Hüften saß, dass selbst ich vergaß, ihm ins Gesicht zu schauen. Dazu trug er ein offenes Holzfällerhemd und darunter ein weißes T-Shirt, das allerdings perfekt saß und dem Spiel seiner Muskeln folgte.

Suse und Martin waren nicht die Einzigen, die ihn verblüfft anstarrten, sämtliche Männer und Frauen in der Kneipe folgten ihm mehr oder weniger verstohlen mit den Augen.

Engilger kam direkt zu mir, beugte sich herunter, funkelte mich stolz an und gab mir einen Kuss, der für eine Begrüßung ein wenig zu lange dauerte. Dann setzte er sich neben mich und wandte sich Martin und Suse zu. Und ich saß verlegen und rot wie eine Tomate auf meinem Stuhl und versuchte, die verblüfften Blicke der Gäste zu ignorieren, die mit Sicherheit nicht glauben konnten, dass ich seine Auserwählte war.

Engilger streckte Suse die Hand hin. »Hallo Suse, ich freue mich, Nialls Vertraute in dieser Welt kennenzulernen.«

Meine Freundin beäugte seine Hand, dann warf sie mir einen fragenden Blick zu.

»Bis auf den Schock, den er auslöst, ist er völlig ungefährlich, zumindest im Moment«, sagte ich leise und wusste nicht, ob ich nicht lieber im Boden versinken wollte.

Zögernd ergriff sie seine Hand, doch Engilger griff nach ihrem Ellenbogen. Sie konnte es nicht wissen, aber die Clannbegrüßung war eine Ehre, die zeigte, dass er sie akzeptierte und ihr tatsächlich den Status einer Vertrauten gab.

Dann wandte er sich Martin zu.

»Und du musst Martin sein. Ich stehe in deiner Schuld, denn du hast Niall beigestanden, dafür danke ich dir, mo duine uasal.«

Er drückte ihm fest die Hand und der Kommissar wirkte ein wenig verwirrt.

»Und was heißt dieses dün…?«

»Oh, das bedeutet so etwas wie wertvoller Mann, es ist eine Ehrenbezeichnung in meiner Welt«, sagte Engilger leichthin.

Sehr viel schneller als gewöhnlich trat die Bedienung zu uns und fragte ihn geradezu begeistert, was er trinken wolle. Er warf mir einen fragenden Blick zu.

»Wenn du keinen Whisky trinken willst, nimm ein Pils, unser Bier ist das beste der Welt«, schlug ich vor und sah mir dann stirnrunzelnd an, wie die Hand der Kellnerin leicht bebte, als sie die Bestellung notierte.

Engilger ignorierte es und sah sich stattdessen aufmerksam um. Es dauerte nur wenige Augenblicke, dann suchte er meinen Blick.

»Hast du sie schon entdeckt?«

»Nein«, erwiderte ich ruhig.

Er nickte und blickte noch einmal forschend umher.

»Sie scheint ihr Opfer fest an der Angel zu haben. Wir finden sie später, mo Cridhe.«

Suse und Martin hatten der kurzen Unterhaltung mit großen Augen gelauscht.

»Und was passiert, wenn ihr die Revenant findet?« fragte Suse leise.

»Wenn es Martins angebliche Nachbarin ist, wird sie mir ein paar Fragen beantworten müssen. Dann wird sie sterben, weil sie mich ganz sicher angreifen wird«, antwortete ich ebenso leise und bohrte meinen Blick in ihre Augen.

Es machte wirklich keinen Sinn mehr, die Dinge nicht beim Namen zu nennen.

Suse nickte, doch Martin rutschte unruhig auf seinem Stuhl herum.

»Bist du dir sicher, dass sie so ein Revenant ist? Ich meine, wenn du dir nicht sicher bist, dann ... .«

»Niall spürt die Revenants ebenso wie ich anhand ihrer Aura auf, Martin«, sagte Engilger gelassen und sah ihn eindringlich an. »Sie wird keinen sterblichen Menschen umbringen, sondern einen Geist in die Schatten schicken, wie es die Druiden schon vor mehr als zweitausend Jahren getan haben, denn die Revenants schaden den Menschen.«

Martin betrachtete ihn stirnrunzelnd und schien mit sich zu kämpfen.

»Ich muss es wissen«, fügte Engilger bitter lächelnd hinzu, »denn ich habe lange genug unter ihnen gelebt. Einige töten gar nicht, andere nehmen es in Kauf und einige haben Freude daran. Ich habe viele Menschen getötet, als ich ihnen die Seele nahm, und meist waren es Frauen. Zwei davon hast du selbst gesehen. Das solltest du wissen, denke ich und dich entscheiden.«

Martin schluckte und umklammerte das Bierglas so fest, dass ich fürchtete, es würde zerspringen. Es wäre vielleicht besser gewesen, ihm das sehr viel später, irgendwann einmal, zu eröffnen, doch nun war es heraus. Vor ihm saß der Mörder, den er gesucht hatte und ich erwartete von ihm, dass er sein Geheimnis bewahrte und ihn schützte, um mich zu schützen.

Engilger blickte ernst von Martin zu Suse. »Ich möchte, dass ihr beide noch eines wisst. Ich habe Niall in meine Welt entführt, um sie zu besitzen und dann zu töten. Ich war grausam und voller Hass und ein Menschenleben bedeutete mir gar nichts.« Sein Blick traf meinen und ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.

»Aber Niall und ein kleiner gerissener Gnom haben alles verändert. Ich habe ausgerechnet unter euch Menschen das Kostbarste gefunden, das ein Mann finden kann, die Liebe seines Lebens und die Mutter seines Kindes. Da Niall die Menschen liebt, werde ich es auch wieder lernen. Und mein Sohn wird immerhin zur Hälfte ein Mensch sein.«

Er griff nach meiner Hand und drückte sie, dann sah er die beiden noch einmal grimmig an.

»Ich werde sie und Lugh gegen alles und jeden verteidigen und wenn ich das Volk der Fir Bolg dafür ausrotten muss; oder die  Bewohner dieser Stadt!«

Er nahm einen großen Schluck aus seinem Glas und mir wurde langsam bange davor, dass Suse und Martin gleich aufstehen würden, um dem Dämon zu entkommen, der da an meiner Seite saß. Aber was sollte ich schon dazu sagen, er meinte jedes Wort ernst und ihn davon abbringen zu wollen hätte den denselben Effekt wie auf eine Backsteinmauer einzuschlagen.

»Also sagt mir, ob ihr Niall  beistehen werdet, oder sogar uns beiden, als Freunde und Vertraute, oder ob Niall und ich gehen müssen und ihr uns nie wieder seht«, wollte Engilger schließlich wissen und ich spürte deutlich, wie der Zorn sich in mir regte, denn ich hatte garantiert nicht vor, meine beste Freundin zu verlassen.

»Jetzt hör mir mal gut zu, du …. ich- weiß- nicht- was«, fauchte Suse leise. »Ich kenne Niall schon sehr viel länger als du, wir sind seit fast zwanzig Jahren befreundet und ich werde ihr natürlich beistehen, egal, um was es geht! Und ob du es wert bist, dir auch beizustehen, muss sich noch zeigen. Erst mal bist du mir ehrlich gesagt völlig egal bei der Sache! Ich rate dir nur, Niall nicht weh zu tun.«

Engilger hob verblüfft eine Augenbraue und ich befürchtete, dass er sie auslachen würde, doch er nickte ihr zu.

»Aye, mo neaghan. Ich sehe, du hast die Seele einer Kriegerin und ich werde dich piuthair-cèile, nennen, Schwester meiner Frau. Ich bitte dich um Verzeihung, wenn ich deinen Stolz verletzt habe und ich nehme deine Warnung sehr ernst.«

Jetzt war Suse mehr als verblüfft und ihr Ärger verpuffte so schnell, dass ich erleichtert aufatmete. Es ließ sich kaum vermeiden, dass wir uns nun zu dritt Martin zuwandten und ihn erwartungsvoll ansahen.

Er starrte auf sein Bierglas hinab und ich war mir nicht sicher, ob er den Wortwechsel zwischen Suse und Engilger überhaupt mitbekommen hatte. Ich konnte mir ungefähr vorstellen, dass er mit seinem Pflichtbewusstsein kämpfte, und mit seinem Gewissen.

»Du kannst aufstehen und gehen, Martin und wirst nie wieder von mir behelligt«, sagte ich sehr leise. »Aber ich werde nicht zulassen, dass du versuchst, Engilger zu verhaften. Es würde dir auch nicht gelingen, glaub mir. Und vergiss nicht, dass deine unstillbare Neugier dich in diese Situation gebracht hat, du hattest die Chance, mich und diese Geschichte zu vergessen, bevor du so tief hinein geraten bist.«

Er sah auf und betrachtete mich nachdenklich, schließlich seufzte er.

»Ja, du hast recht, Niall. Es ist meine Schuld, dass ich nun so tief drin hänge. Und mein Gefühl sagt mir, dass ich sogar noch viel tiefer hinein gerate, wenn dein Kind erst geboren ist.«

Er warf Engilger einen langen Blick zu.

»Und mein Gefühl sagt mir außerdem, dass meine menschlichen Maßstäbe nicht ganz ausreichen, um dich zu beurteilen, oder die Geschichte an sich. Immerhin habe ich gesehen, wie du aus dem Nichts aufgetaucht bist, mit einem Schwert in der Hand, und ich vermute, dass du genauso auch wieder verschwinden kannst, im Nichts.«

Es war still am Tisch und ich bemerkte, dass zwei Frauen am Nebentisch neugierig zu uns rüber sahen und offensichtlich versuchten zu lauschen.

Spontan stand ich auf und ging zu ihnen hinüber.

Die beiden sahen schuldbewusst zu mir auf, wappneten sich aber bereits mit einem hochmütigen Gesichtsausdruck.

»Für dreihundert pro Stunde vermiete ich ihn«, sagte ich leise und die Gesichtszüge der beiden entgleisten. »Ansonsten stehe ich nicht drauf belauscht zu werden. Solltet ihr mir noch mal unangenehm auffallen, gibt’s Ärger, verstanden?«

»Also wirklich,«, brauste die eine auf, doch ich griff ihr blitzschnell an die Kehle und presste ihr den Daumen in die Halsgrube.

»Ich meine richtigen Ärger«, sagte ich ebenso leise und lächelte freundlich, bevor ich ihren Hals losließ.

Dann drehte ich mich um und ging zurück zu den anderen.

Suse musterte mich, als ich mich setzte, während Engilger erstaunt die beiden Frauen betrachtete, die gerade aufstanden und ihre Jacken anzogen.

»Was war denn, Niall?« wollte er wissen.

»Oh, ich habe ihnen nur gesagt, dass ich dich für dreihundert Euro die Stunde wohl vermieten würde."

Er stutzte, dann brach er in schallendes Gelächter aus.

»Sicher«, sagte Suse mit einem wissenden Lächeln. »Und das ist auf keinen Fall der Abdruck deiner Hand, den die eine da am Hals trägt!«

Ich grinste schief und zuckte die Schultern. »Sie haben gelauscht.«

Martin schüttelte den Kopf und schmunzelte. »Wenn ich öfter in deiner Nähe bin, finde ich wahrscheinlich hundert Gründe, dich ins Präsidium vorzuladen, Niall. Also werde ich in Zukunft nicht mehr so genau hinschauen und dir beistehen. Und dir auch«, sagte er zu Engilger und hob sein Glas. »Darauf sollten wir trinken, oder?«

»Das ist ein Wort, Martin. An Lamh Diathan seall ort! Die Götter mögen über dich wachen. Und über dich natürlich auch, Suse."

Erleichtert hob auch ich mein Glas, die Sache war entschieden und sie war gut ausgegangen.

Als wir gerade die Gläser absetzten, sah Martin mit großen Augen an mir vorbei.

»Da ist Sabine«, sagte er leise und ich drehte mich um.

Tatsächlich ging sie gerade in Richtung Toiletten, an der Hand einen Mann um die dreißig, der sie so gierig anstarrte, dass klar war, was sie vorhatten.

»Bin gleich zurück«, murmelte ich und erhob mich.

 

Ich bemerkte gerade noch, wie die beiden im Männerklo verschwanden, und sah mich um, der Flur war leer. Dann betrat ich die Toilette und blieb lauschend stehen. Hinter einer der beiden Kabinentüren war ein leises Seufzen zu hören.

»Hallo Sabine«, sagte ich halblaut. »Die Bandrih ist hier und möchte mir dir reden. Lass dem armen Mann seine Seele und komm raus.«

Ein leises Fluchen ertönte hinter der Tür, die abrupt aufflog. Der Mann stürmte mit hochrotem Kopf an mir vorbei. Sabine jedoch trat betont langsam aus der Kabine und ging zum Waschbecken, um ihr Haar zu richten.

Mit einem Schritt war ich hinter ihr, griff ihr in den Nacken und stieß ihren Kopf vor den Spiegel. Nicht sehr fest, doch sie schrie erschrocken auf und ich presste ihr die andere Hand auf den Mund.

»Wir gehen hinten raus, Revenant. Und wenn du einen Mucks von dir gibst, macht dein Kopf Bekanntschaft mit der Betonwand«, zischte ich ihr ins Ohr und schob sie aus der Toilette heraus.

Sie versuchte, sich zu befreien und ich stieß sie vor die Hintertür, die weit aufsprang, sodass wir hinaus stolperten.

Der Zorn, der mich gepackt hatte, drohte zu explodieren und ich kämpfte ihn mühsam nieder. Ohne wirklich zu wissen, was ich da tat, zeichnete ich ihr die Triskele auf die Stirn.

»Stad, a tannasg[2]! Du wirst dich nicht verwandeln, bis ich dich gehen lasse«, zischte ich und sie erstarrte an der Hauswand. »Woher weißt du, dass ich die Bandrih bin? Und was willst du von Martin?«

Sie funkelte mich zornig an und sagte nichts. Also stieß ich ihren Kopf tatsächlich vor die Hausmauer und sie keuchte auf.

»Ich habe inzwischen einige Revenants getötet, also vergeude nicht meine Zeit«, flüsterte ich drohend. »Perigher, Sunnigfu und Mylentum sind durch meine Hand in den Schatten gegangen, falls dir die Namen etwas sagen!«

»Mylentum ist tot?«

Der Schock stand in ihren Augen, dann sackte sie wimmernd in sich zusammen.

»Du kannst ihm sehr schnell folgen, wenn du willst«, drohte ich und zog sie auf die Beine.

In ihrer Aura war zu spüren, dass sie Mylentum sehr nahe gestanden hatte und ihr liefen die Tränen über das Gesicht, als sie den Kopf hob.

»Hrothgar hat mir viel Gold geboten, wenn ich dem Polizistenmann die Seele nehme und ihn töte,«, presste sie hervor und ich erstarrte.

»Hrothgar aus Rig?«

Sie nickte.

Verblüfft starrte ich sie an. »Wieso wollte er seinen Tod?«

Ich schüttelte sie, begierig darauf, zu erfahren, was dieser elende versoffene Revenant im Schilde führte.

»Ich weiß es nicht«, keuchte sie. »Ich weiß nur, dass dieser Tiw bei ihm war!«

»Was??«

»Und dieser Hreodborth war auch dort! Bitte, mehr weiß ich wirklich nicht! Mylentum hat mich da reingezogen, ich weiß nicht, was dahinter steckt.«

Fieberhaft überlegte ich, was ihr wirres Gerede zu bedeuten hatte und wurde nicht schlau daraus.

»Hast du alle drei zusammen in Rig gesehen?« fragte ich hin und her gerissen zwischen Hoffnung und Skepsis.

Sie nickte. »Aber Hreodborth ist bald verschwunden, nachdem Tiw ankam.«

Es verlangte mich verzweifelt danach, zu erfahren, ob sie Tiw nach unserem Abschied am Ältesten der Bäume in Rig gesehen hatte, oder vorher, doch wie sollte ich das herausfinden?

»Hast du mit Tiw gesprochen oder gehört, was er mit Hrothgar zu besprechen hatte? Hat Tiw dir berichtet, wo er hin wollte?«

Sie schüttelte den Kopf. »Sie haben immer die Köpfe zusammen gesteckt und niemand durfte dabei sein. Und dieser Tiw hat mich total ignoriert.«

Unentschlossen starrte ich sie an, mehr war wohl nicht von ihr zu erfahren und meinem wirren Kopf fiel keine kluge Frage ein, die mir hätte Klarheit verschaffen können. Doch mir kam ein anderer Gedanke.

»Dann wirst du jetzt zurückgehen nach Rig und Hrothgar von mir ausrichten, dass ich kommen werde, um seinen Kopf an sein Langhaus zu nageln und die Götter mögen ihm gnädig sein, wenn er Tiw irgendetwas angetan hat. Und du …. .«

Ich schüttelte sie noch einmal kräftig.

»Du wirst dich fernhalten von Martin oder ich finde dich! Und vielleicht nehme ich dir dann gar nicht die Seele sondern biete dich den Formorii als kleines Gastgeschenk an.«

Die Wirkung dieser Drohung war weit effektiver als ich vermutet hatte.

»Bei allen Göttern, nein«, hauchte sie entsetzt und ging auf die Knie. »Ich schwöre bei meiner unwürdigen Seele, dass ich sofort gehen und nie mehr hierher zurückkehren werde, wenn du mich verschonst, Bandrih.«

Ich ließ sie los. »Dann geh! Und halte dich an deinen Schwur, die Badb soll deine Zeugin sein!«

Sie schien kaum fassen zu können, dass ich sie freiließ, und löste sich augenblicklich in eine Nebelwolke auf, die schnell in die Höhe stieg und in Richtung der alten Weide davon wehte. Einen Moment starrte ich ihr nach, dann wirbelte ich herum und stürmte zurück in den Schankraum.

 

Suse und Martin waren in ein Gespräch vertieft, als ich zurückkehrte, und neben Engilger lehnte eine junge, hübsche Frau an der Wand und gestikulierte hektisch, während sie auf ihn einredete. Ich runzelte die Stirn, beschloss jedoch, das zu ignorieren und ließ mich auf meinen Stuhl fallen. Martin und Suse fuhren auseinander und sahen mich aufmerksam an.

»Ich weiß jetzt, dass jemand deinen Tod in Auftrag gegeben hat, Martin, aber ich weiß nicht, warum oder wie er in die Geschichte verstrickt ist«, sagte ich leise und bemerkte aus dem Augenwinkel, dass Engilger mich gehört hatte.

»Entschuldige«, hörte ich ihn sagen. »Aber ich muss mit meiner Frau sprechen."

»Oh«, machte die junge Frau überrascht und hörbar enttäuscht, »Ach so.«

Dann ging sie, verdrehte sich jedoch den Hals, um noch einen schmachtenden Blick auf Engilger zu werfen.

Martin runzelte die Stirn und wartete auf eine Erklärung.

»Es war Hrothgar«, sagte ich leise. »Er hat dieser Revenant viel Gold geboten, damit sie Martin tötet.«

Engilger sah mich verblüfft an und ich wandte mich Suse und Martin zu.

»Hrothgar ist ein versoffener Revenant, der eine kleine elende Gefolgschaft um sich versammelt hat und mich wohl ganz gern bei sich behalten hätte, als ich mit Engilger in der Anderswelt war. Was er mit den Fir Bolg zu schaffen hat, weiß ich nicht. Aber vielleicht hat Mylentum ihn auf die Idee gebracht, sich zu ihrem Handlanger zu machen.«

Martin betrachtete mich nachdenklich. »Und ist Sabine, ich meine diese Revenant, nun tot?«

»Nein«, erwiderte ich und lächelte grimmig. »Ich habe sie zu Hrothgar geschickt, damit sie ihm ausrichtet, dass ich zu ihm kommen werde, um seinen Kopf an eine Hütte zu nageln. Und vorher wird er mir verraten, wie er in die Sache verwickelt ist!«

Engilger neben mir runzelte die Stirn. »Er wird sich ein wenig schmutziges Gold verdienen wollen, Niall, mehr nicht. Das passt zu ihm! Und ich glaube nicht, dass du noch in Gefahr bist, Martin, denn mehr als diese eine Revenant scheint nicht hier zu sein.«

Ich sah auf meine Hände hinab und ballte sie langsam zu Fäusten.

»Das allein würde schon reichen, um Hrothgars Treiben ein Ende zu setzen, aber ich habe noch etwas von ihr erfahren. Sie hat Tiw dort gesehen, in Rig.«

Suses Augen wurden groß und ich war mir sicher, dass sie sofort begriff, wie sehr mich diese Information aufwühlte.

Engilger legte seine Hand sacht auf meinen Arm.

»Vielleicht hat er sich von Hrothgar verabschiedet, oder von jemand anderem.«

»Ja vielleicht«, sagte ich rau und bemühte mich um eine ruhige Stimme. »Aber vielleicht hat Hrothgar sich noch eine weitere Schweinerei ausgedacht und Tiw daran gehindert, nach Tà tir na n’òg zu gehen. Das würde auch zu ihm passen!«

Ich griff nach meinem Wasserglas und nahm einen tiefen Schluck.

»Das würde er nicht wagen, Niall«, erwiderte Engilger sanft.

»Er ist ein verschlagener und versoffener Hund, aber er würde es nicht riskieren, sich den Zorn des Dagda zuzuziehen.

Vermutlich hatte er recht und meine Sorge war unbegründet und entsprang einer abstrusen, dummen Hoffnung.

Aber Tiws unglückliches Gesicht in meinem Traum ging mir nicht aus dem Kopf. Er war vielleicht nicht mehr in Rig, aber er war an einem Ort, an dem er leiden musste und das war kaum möglich, wenn er in Tà tir na n’òg an Dagdas Tafel saß.

Ich beschloss, nicht mehr darüber zu sprechen. Doch ich würde herausfinden, wo er tatsächlich geblieben war.

Als ich aufsah, musterten sie mich, und ich bemühte ich mich um ein Lächeln.

»Sabine wird gewiss nicht zurückkommen«, sagte ich an Martin gewandt. »Aber du musst unbedingt misstrauischer sein gegenüber hübschen Frauen.«

Er grinste. »Also, wenn ich mir Suse so anschaue, dann fällt es mir das bei ihr ehrlich gesagt sehr schwer.«

»Oh«, machte ich und nun musste ich wirklich schmunzeln. »Suse ist da ausgenommen, ihr kannst du ruhig dein Leben anvertrauen.«

»Keine schlechte Idee«, erwiderte Martin und ich fand, dass er ziemlich gut war im Komplimente machen.