Sneyana - Julia A. Kris - E-Book
Beschreibung

Es war einmal eine junge Frau mit vernarbter Haut, so weiß wie Schnee, Lippen, so rot wie Blut, Haaren, so braun wie dunkles Holz, und einer obsessiven Vorliebe für Zimtschnecken. Sie lebte seit Kindertagen bei den sieben Zwerginnen, bis sie sich Hals über Kopf auf eine abenteuerliche Reise begab, an deren Ende unausweichlich ein vergifteter Apfel und die Entscheidung zwischen Leben und Tod auf sie warteten. Es ist ein ganzer Haufen Arbeit, den Menschen weiszumachen, dass eine kuchensüchtige Verrückte eine sanfte Prinzessin war. Jacob Grimm Das Buch ist in sich abgeschlossen.

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Sneyana

Über das BuchPrologKapitel IKapitel IIKapitel IIIKapitel IVKapitel VKapitel VIKapitel VIIKapitel VIIIKapitel IXKapitel XKapitel XIKapitel XIIKapitel XIIIKapitel XIVKapitel XVKapitel XVIKapitel XVIIKapitel XVIIIKapitel XIXKapitel XXKapitel XXIKapitel XXIIKapitel XXIIIKapitel XXIVKapitel XXVKapitel XXVIEpilogDanksagungImpressum

Über das Buch

Es war einmal eine junge Frau mit vernarbter Haut, so weiß wie Schnee, Lippen, so rot wie Blut, Haaren, so braun wie dunkles Holz, und einer obsessiven Vorliebe für Zimtschnecken. Sie lebte seit Kindertagen bei den sieben Zwerginnen, bis sie sich Hals über Kopf auf eine abenteuerliche Reise begab, an deren Ende unausweichlich ein vergifteter Apfel und die Entscheidung zwischen Leben und Tod auf sie warteten.

Es ist ein ganzer Haufen Arbeit, den Menschen weiszumachen, dass eine kuchensüchtige Verrückte eine sanfte Prinzessin war. Jacob Grimm

Prolog

So fühlt es sich also an, wenn man stirbt. Wie ein stetiger Regenschauer fielen Asche und glühende Holzspäne herab und bedeckten die Gestalt des reglos am Boden liegenden Mädchens. An den über ihm aufragenden Außenmauern der Burg züngelten die Flammen zum Nachthimmel empor und erleuchteten den Innenhof mit ihrem zuckenden Licht. Das Knacken des brennenden Holzes und die Schreie der wild durcheinander laufenden Menschen erfüllten die Luft. Für das Mädchen hatten sie jedoch jegliche Bedeutung verloren. Vielmehr folgten seine Augen fasziniert den züngelnden Flammen, die ihr zerstörerisches Werk trieben. Wie ein anmutiger Tanz, der nichts als Zerstörung zurücklässt. Welche Macht doch noch im kleinsten Funken steckt.Erschöpfung überrollte sie bei diesem Gedanken und langsam schloss sie die Augen, den zuckenden Reigen noch immer in Gedanken vor sich. Natürlich hatte sie gehadert, Tränen vergossen und gewartet. Gehofft, dass jemand sie retten würde. Mit der schwindenden Kraft ihres Körpers wurde ihr Geist jedoch zunehmend ruhiger, fand sich mit dem Unausweichlichen ab.Sicher wird man mich finden. Doch es wird zu spät sein und sie werden lediglich meinen steifgefrorenen Körper aus dem Schnee ausgraben können. Falls die Hunde mich nicht eher finden.Mit ihrer altklugen und bissigen Art war sie schon mehr als einmal unangenehm aufgefallen. Es war ihr auch bewusst, dass sie sich nicht so verhielt, wie man es von einer Siebenjährigen erwartete. Ihr Benehmen verwirrte die Leute und erfüllte sie häufig mit Unbehagen. Sie schaffte es jedoch nicht, gegen die kleine Rebellin in sich anzukommen, die umso mehr nach Freiheit lechzte, je mehr man sie in eine bestimmte Rolle quetschen wollte. Die Bewohner der Burg gaben ihr Bestes, über ihr vorlautes Mundwerk, ihre Vorliebe fürs Herumklettern auf Bäumen und die Tatsache, dass kein Kuchenstück vor ihr sicher war, hinwegzusehen. Sie bemühten sich insbesondere deswegen, weil sie bei ihrer Geburt ihre Mutter verloren hatte. Und als wäre das nicht genug gewesen, machte sich ihr Vater, kurz nachdem er ihre Stiefmutter geehelicht hatte, auf in die Ferne, wo er den Tod fand. Auch wenn sie noch sehr klein gewesen war, blieben ihr einige schöne Erinnerungen an gemeinsame Stunden mit ihm. Er hatte süßes Gebäck ebenso geliebt wie sie, und zusammen hatten sie vor Weihnachten Stunden damit zugebracht, sich durch die Köstlichkeiten der Köchin zu probieren. Häufig dachte sie mit einem Lächeln daran zurück, wenn sie in einen süßen Butterkuchen biss oder sich ein mit Nüssen gespicktes Plätzchen stibitzte. Es erinnerte sie jedes Mal an die Zeit, als alles noch normal war. Nachdem ihr Vater fort war, hatte sich alles verändert. Die Burgbewohner sahen nur noch ihren Verlust. Definierten sie darüber, ohne sie als Person wahrzunehmen. Es schien, als erwarteten sie von ihr, dass sie unglücklich sei. Dabei hätte ihr Vater ihr niemand Besseren als Isabail zur Seite stellen können. Auch wenn sie nicht ihre leibliche Mutter war, liebte ihre Stiefmutter sie genau so wild und vorlaut, wie sie war. Trotz des Verlustes hätte sie sogar glücklich sein können, wäre da nicht das ständige Mitleid in den Gesichtern der Bediensteten. Die mitfühlenden Blicke, die selbst nach Monaten nicht schwanden. All das ärgerte sie ungemein und stachelte sie noch mehr an, gegen alles zu rebellieren, was man von ihr erwartete. Trotz des Aufruhrs, den sie verursachte, war ihr aber immer bewusst gewesen, dass ihr Leben in festen Bahnen verlaufen würde. Wie das einer jeden Adeligen: Erwachsen werden, heiraten, Kinder bekommen und hoffen, dass der Ehemann möglichst bald das Zeitliche segnete.Das hat sich ja erledigt. Jetzt beiß ich wohl zuerst ins Gras.Irgendwann würde jemandem das zersplitterte Fenster, durch das sie gesprungen war, auffallen. Aber es wäre zu spät.Wenn ich nicht verblute, dann erfriere ich. So ein Mist. Wäre ich nicht gesprungen, wäre ich jedoch verbrannt. Ich bin mir aber nicht mehr sicher, ob das nicht besser gewesen wäre.Auf ihrem Bett aus Schnee, Blut und Asche liegend wusste sie, dass die Grenze zur nächsten Welt immer näher kam. Obwohl sie das Unvermeidliche akzeptierte, machte es sie traurig, denn sie hatte noch einiges vorgehabt: Erwachsen werden und Abenteuer erleben. Auf jeden Fall ein paar, bevor man sie verheiraten würde. Und irgendwann ein Leben als lustige und freie Witwe führen.Soviel zu den Träumen und Plänen. Mit Sicherheit lacht sich gerade eine höhere Macht ins Fäustchen, dass ich so viel Zeit darauf verschwendet habe, mir große Reisen, heldenhafte Prinzen und feuerspeiende Drachen auszumahlen. Aber wer weiß, was auf der anderen Seite auf mich wartet. Mit Sicherheit meine Eltern, und bestimmt wird es auch Kuchen geben! So schlecht wird es schon nicht sein, versuchte sie sich selbst aufzumuntern. Und es war tatsächlich ein Gedanke, der trotz des Schmerzes ein Lächeln auf ihre Mundwinkel zauberte. Die Köchin hatte immer erzählt, auf der anderen Seite gäbe es Gebäck, soviel man essen könne. Sie hoffte, dass Mathilda dies nicht nur gesagt hatte, weil diese wusste, dass die Möglichkeit, unbegrenzt süße Köstlichkeiten zu essen, ihrer Vorstellung des Paradieses ziemlich nahe kam. Schließlich waren ihre täglichen Kuchenstücke streng rationiert gewesen, damit sie nicht bald aussah wie der kleine, dicke Mops von Komtesse von Eibl, ihrer nächsten Nachbarin.Nein, bestimmt gibt es auf der anderen Seite Kuchen, und ich werde so viel davon essen, bis ich nicht mehr laufen kann.Verzweifelt klammerte sie sich an diesem Gedanken fest. Als ein verzweifelter Schrei über dem Tosen der Flammen hinweg die Nacht zerriss, versuchte sie noch ein letztes Mal, die Augen zu öffnen. Vergeblich.Isabail, es tut mir leid. Ich würde gerne noch etwas bleiben, aber der Kuchen wartet, waren die letzten Gedanken, bevor das Dunkel sie vollkommen in sich aufnahm.

***

»Du musst sie zu ihnen bringen!« Wie Nebel waberte die von Tränen erstickte, weibliche Stimme in ihr Bewusstsein.Isabail? So ein Mist. Warum bin ich noch hier?Gerne wäre sie noch eine Weile ohnmächtig geblieben. Aber sie konnte nichts dagegen tun, dass die Stimme ihrer Stiefmutter, die sie als einzige Person in diesem Steinhaufen wirklich liebte, sie unaufhaltsam zurück in die Welt aus Schmerz zog. »Bist du dir sicher, dass diese verrückten Weiber ihr helfen können?«, antwortete eine unbekannte dunkle Stimme, die an das Brummen eines Bären erinnerte. »Sie sind die Einzigen, die ihr jetzt noch helfen können«, antwortete Isabail mit gepresster Stimme, der die Anspannung deutlich anzuhören war. »Ich habe meine Kleine so gut ich konnte versorgt, aber wenn sie hier bleibt, wird sie sterben. Bereits jetzt ist sie dem Tod näher als dem Leben. Bei der Göttin, das lasse ich nicht zu. Bring sie verdammt noch mal zu ihnen, egal was du von ihnen hältst!«Wer sind SIE?Gerne hätte sie laut gefragt und sich gestattet, an dem Funken Hoffnung festzuhalten, der kurz aufflackerte, die Ohnmacht zog sie jedoch erneut in ihre Umarmung.

***

Bin ich tot? Nein, weder gibt es hier kleine, dicke Engel, die auf einer Wolke Harfe spielen, noch Kuchen. Ich kann nicht tot sein. Trotzdem mochte sie diesen Ort. Es gab zwar kein süßes Gebäck, jedoch auch keine Schmerzen. Sie wunderte sich zwar, warum sie noch nicht auf der anderen Seite war, aber zugleich spürte sie, dass etwas sie hier festhielt.Was lässt mich nur am Leben festkleben wie Karamell an den Zähnen?Als hätte jemand ihre Frage gehört, glomm fast zögerlich ein schwaches Licht in der Finsternis auf. Neugierig wandte sie den Kopf, konnte aber zunächst nichts erkennen. Das auf- und abschwellende Glühen kam jedoch langsam näher, bis die Schwärze einen undeutlichen Umriss preisgab. Eine Ranke bestehend aus grünlichem Licht kam wie ein lebendes Wesen langsam auf sie zu geschlängelt. So etwas hatte sie noch nie gesehen.Irgendwie sieht es gruselig aus. Und eklig.Die Pflanze tastete sich vor und schien etwas zu suchen. Sie zu suchen. Das Gewächs kam immer näher, um dann, als sie das Mädchen endlich erreichte, fast zärtlich nach ihr zu greifen. Mit einem schrillen Quietschen, das einem Ferkel alle Ehre gemacht hätte, versuchte sie auszuweichen. Vergeblich. Die Pflanze stellte sich als ziemlich penetrant heraus und umschlang sie nur Augenblicke später mit festem Griff. Bei der Berührung durchfloss ein Gefühl von Wärme ihren Körper. Unwillkürlich verzog sich ihr Mund zu einem Lächeln.Gar nicht so schlimm, und überhaupt nicht glitschig ...Das Gefühl des Glücks hielt jedoch nur Sekunden an. Unvermittelt wurde ihr Geist in ihren fleischlichen Körper zurück katapultiert, und eine Welle aus Schmerz überrollte sie. Ein Stöhnen kam über ihre Lippen und sie wünschte sich sehnlichst, an den friedlichen Ort zurückzukehren, nur ohne Ranken!Elendes Teufelsgewächs, wie hast du das gemacht?Die ersten Augenblicke war sie vollkommen orientierungslos, als Qualen sie überwältigten. Erst nach und nach nahm sie den Boden unter sich wahr, und der Geruch von zerdrücktem Gras und Erde stieg ihr in die Nase. Kampflärm drang in ihr Bewusstsein und während eine neue Welle des Schmerzes sie überrollte, drang ein leidender Ton über ihre Lippen.Aua, tut das weh. Wenn das der Preis für die Hoffnung auf Leben ist, will ich sie nicht. Lasst mich bitte einfach sterben!»Silvian, nimm sie. Reite, so schnell du kannst!«, erklang atemlos die grollende Stimme, die zuvor mit ihrer Stiefmutter gesprochen hatte. »Aber Vater, ...« Diese Stimme war wesentlich jünger und noch nicht so tief. Nicht viel mehr als ein Junge, der gerade zum Mann wurde.Na klasse, ein Junge soll mich retten. Da hätten sie mich auch gleich liegen lassen können.Überraschend kräftige Arme umfassten sie und sie wurde angehoben. Ein Geruch nach Feuer und Zimt stieg ihr in die Nase und augenblicklich überkam sie ein Gefühl von Geborgenheit.Jemand, der wie Kuchen riecht, kann nicht so schlecht sein.Tief zog sie den angenehmen Geruch in ihre Lungen und wusste zugleich, dass sie ihn nie mehr vergessen würde. Schmerzhaft jedoch spürte sie umgehend den Widerhall jeder seiner Schritte in ihrem zerschundenen Körper. Der kurze Anflug von Wohlbefinden verflog und ließ erneut nur Leid zurück. Gerne hätte sie ihn angeschrien, ihm gesagt, er solle innehalten, damit die Qualen aufhörten. Ein Teil von ihr hasste ihn dafür, dass er den Weg unbeirrt weiterging. Und obwohl sie wusste, dass er es nur tat, um sie zu retten, suchte sie jedes Schimpfwort heraus, dass sie in ihrem jungen Leben gehört hatte, um ihn damit im Stillen zu betiteln. Wenig später hörte sie ein leises Schnauben und roch den intensiver werdenden Geruch nach Pferd. Unter Fluchen wurde sie nach oben gehoben und auf das Tier gelegt. Unruhig trat es einen Schritt zur Seite, als der Junge ebenfalls aufstieg, und ihre Welt explodierte in einer weiteren Welle aus Schmerz. Da ihr die Kraft fehlte, laut zu schreien, verfluchte sie ihn erneut im Stillen.Kannst du Idiot nicht etwas vorsichtiger sein? Ich sterbe hier.Fast hätte sie dabei die Worte des Mannes überhört, welcher dicht neben sie getreten sein musste: »Du musst sie mit deinem Leben beschützen, sie darf nicht sterben! Zu viel hängt von ihr ab.«Ich will aber sterben!Dann hörte sie ein lautes Klatschen, und augenblicklich galoppierte das Pferd los. Durch die Heftigkeit der Bewegung erbarmte sich ihr Körper endlich und schickte das Mädchen an den herbeigesehnten Ort jenseits der Schmerzen zurück.

***

Ein fiebriges Brennen verzehrte ihren geschundenen Leib, als sie erneut aus der Bewusstlosigkeit erwachte. Schon wieder hatte die Ranke sie hergebracht.Warum quält mich dieses verdammte Unkraut so?Tränen traten aus ihren Augenwinkeln und rannen über ihre heiße Haut.Warum lasst ihr mich nicht endlich gehen?In ihrer Qual schluchzte sie leise auf, nur um in eine schützende Umarmung gezogen zu werden. »Wir sind bald da«, flüsterte die Stimme des Jungen dicht an ihrem Ohr, und eine Hand strich ihr vorsichtig über ihren dunklen Schopf, der wie durch ein Wunder von den Flammen verschont geblieben war. »Bitte halte durch!«, flüsterte die Stimme des Jungen an ihrem Ohr.Ich will aber nicht durchhalten. Hast du eine Ahnung, wie sich das anfühlt? Ich verbrenne!Eine Mischung aus Wut und Erleichterung, dass er bei ihr war und sie nicht aufgab, durchströmte sie, zusammen mit seinem unverwechselbaren Geruch. Fieber und Schmerz verwirrten zunehmend ihren Geist, und Lichtpunkte tanzten vor ihren geschlossenen Augen.Bald bin ich auf der anderen Seite und bestimmt gibt es dort auch Kuchen, der riecht wie er. Ich werde ihn suchen und bis auf den letzten Krümel aufessen!Leise hörte sie seinen Herzschlag unter ihrem Ohr und versuchte, sich darauf zu konzentrieren, um sich etwas von dem in ihr wütenden Feuer abzulenken. Trotz ihrer Fieberfantasien gelang es ihr, einen halbwegs klaren Gedanken zu fassen.Silvian hatte der Mann ihn genannt.Mit letzter Kraft hielt sie sich an diesem Gedanken fest. Gerne hätte sie ihn gefragt, wer er war, oder die Augen geöffnet, um sein Gesicht zu sehen. Wenigstens herauszufinden, warum er so gut roch. Dafür fehlte ihr jedoch die Kraft. Sie spürte, wie sie erneut abdriftete und ihr Verstand sich immer weiter trübte. Als sie erneut das Bewusstsein verlor, nahm sie die Erinnerung an seine Stimme und den Gedanken an frischgebackene Zimtschnecken mit in ihre Zuflucht.

***

Die grüne Ranke hatte ihr nur wenig Ruhe gegönnt. Viel zu schnell war sie zurückgekehrt, um ihren Geist aufs Neue in ihren Körper zurückzuschicken.Wie gerne würde ich das Ding einfach zerhacken!Der Augenblick, in dem sie erneut von Schmerz und Hitze überrollt wurde, ließ sie vor Wut und Frustration aufstöhnen.Ich hasse dieses Gewächs!»Gib sie mir, Junge!«, forderte eine weibliche Stimme energisch.Wer ist das? Silvian, lass mich nicht los. Bitte! Egal, was ich bisher gedacht habe und wie ich dich in Gedanken beschimpft habe, ich weiß nicht, ob ich es ohne dich schaffe.Gerne hätte sie aufgeschrien und verfluchte erneut die Schwäche ihres Körpers. Sie wollte bei Silvian bleiben. Bei ihm war der Schmerz etwas erträglicher. In seiner Nähe war es nicht ganz so schlimm, noch am Leben zu sein. Immerhin roch er zum Anbeißen, und das machte sie in ihrem momentanen Zustand wenigstens etwas glücklicher.Gönnt ihr mir dieses kleine Glück nicht?»Könnt ihr sie retten?«, hörte sie nun seine vor Erschöpfung raue Stimme und spürte, wie er sie etwas enger an sich zog, als wollte er sie vor allem beschützen. »Wir werden es versuchen«, kam die feste Antwort. Widerstrebend lockerte sich sein Griff, und das Mädchen spürte, wie sie in die Arme einer anderen Person gelegt wurde. Eine Haarsträhne wurde ihr aus dem Gesicht gestrichen und kitzelte ihr Ohr.Silvian, nein ...Sie wusste, das war ein Abschied, und aus einem Grund, den sie nicht genau benennen konnte, brach ihr Herz bei diesem Gedanken und bereitete ihr größere Schmerzen als ihr geschundener Körper. »Wen hat Isabail uns geschickt? Wie ist ihr Name?«, erklang wieder die Stimme der fremden Frau. »Sneyana, Sneyana von Schneestein« kam die etwas stockende Antwort, als wäre er aus tiefen Gedanken gerissen worden. »Göttin, steh uns bei!«, hörte sie die entsetzte Stimme der Fremden. Eilig setzte sich diese mit ihr in Bewegung. Sneyana spürte, dass Silvian ihnen nicht folgte, und fühlte mit jeder Faser ihres Körpers, wie der Abstand größer wurde. Tränen liefen ihre Wangen hinab und Schluchzen schüttelte ihren Leib. Sie versuchte, nach ihm zu rufen, doch trotz der Anstrengung kam nur ein Krächzen über ihre Lippen. »Es wird alles gut, meine Kleine«, raunte die Stimme der Frau dicht an ihrem Ohr. Doch Sneyana wusste: Nichts würde wieder gut werden.

Kapitel I

Mit einem leisen Platschen glitt Sneyanas Körper in das Wasser des kleinen Sees.Was für eine angenehme Erfrischung, an diesem heißen Sommertag. Es ist so heiß, dass ich mir schon vorkam wie ein Huhn im Kochtopf. Das hier ist wesentlich besser.Sie genoss den Moment im dämmrigen Zwielicht des Wassers und ließ sich zum Grund des kleinen Sees hinabsinken. Wie in einem Bett ruhte ihr Körper auf dem weichen Grund. Mit weit geöffneten Augen sah sie zur Oberfläche und den Schemen des leuchtend blauen Himmels. Sie entließ etwas Luft aus ihren Lungen und beobachtete, wie die Bläschen zur Oberfläche aufstiegen.Wunderschön. Warum kann man sich keine Kiemen wachsen lassen und einfach hier unten bleiben?Viel zu schnell war der Moment der Stille vorbei. Ihre Lunge begann zu protestieren und verlangte nach Sauerstoff. Sie wollte sich nicht von dem Frieden trennen, den sie hier unten empfand.Bitte Göttin, gib mir Kiemen. Ich will noch nicht zurück.Weitere Augenblicke vergingen. Sneyana zögerte das Auftauchen bis zum letzten Moment hinaus, schließlich musste sie sich jedoch dem Unvermeidlichen fügen. Mit kräftigen Bewegungen tauchte sie nach oben. Ein Lächeln lag auf ihren Lippen, als sie die Wasseroberfläche durchbrach und die frische Waldluft einatmete. Träge ließ sie sich anschließend auf dem Wasser treiben und genoss die Strahlen der Sonne auf ihrer nackten Haut. Wie sie diese kurzen Verschnaufpausen in ihrem Alltag liebte. Um nichts in der Welt ließ sie sich ihr tägliches Bad im See nehmen, solange das Wetter es zuließ. Es gefiel ihr, die Welt mit all ihrer unermüdlichen Betriebsamkeit am Ufer zurückzulassen.Manchmal habe ich das Gefühl, ich lebe in einem Tollhaus. Mit lauter kleinen Frauen, die nur dazu da sind, mich in den Wahnsinn zu treiben.Trotz aller Geschäftigkeit liebte sie aber jede Einzelne von ihnen, sie waren in den letzten 14 Jahren zu ihrer Familie geworden. Dennoch hing der längst vergangene Tag wie eine schwere eiserne Kette an ihr. Bereits verrostet, aber dennoch so stark, dass es ihr nicht möglich war, sich von ihr zu befreien. Auch in der letzten Nacht hatten sie die Bilder verfolgt. Wieder einmal hatte sie das Funkeln der Sterne und das Tanzen der brennenden Holzspäne vor Augen gehabt.Es ist, als sei diese Nacht in meinem Kopf eingebrannt. Dabei möchte ich doch nichts anderes, als sie endlich zu vergessen.Denn nicht nur im Schlaf verfolgte sie dieses schicksalhafte Ereignis. Unzählige Narben zierten ihre helle Haut wie rosa Spinnweben, die für immer an ihr haften würden. Die feinen Linien überzogen jeden Zentimeter ihres Körpers. Eine stetig präsente Erinnerung, die sie für den Rest ihres Lebens begleiten würde.Ja ich weiß, ich sollte nicht jammern, schließlich könnte es bei weitem schlimmer sein. Doch es ist einfach nicht leicht, wie eine wandelnde Jahrmarktsattraktion rumzulaufen. Fehlt nur noch, dass ich einen Schwanz oder einen Bart hätte.Sneyana war klar, dass neben dem großen heilerischen Können von Magdalena viel Glück und die schützende Hand der Göttin im Spiel gewesen waren. Ihre Verletzungen und das Fieber waren einfach zu gravierend gewesen. Selbstredend waren die übrig gebliebenen Narben nichts im Vergleich zu dem, wie ihr Körper eigentlich hätte aussehen müssen. Statt wulstiger Narben waren lediglich noch helle Linien vorhanden.Ich danke dir, Göttin. Aber einen Mann werde ich mit diesem Gesicht wohl trotzdem nicht so schnell finden.Sie versuchte ihr Schicksal mit Fassung zu tragen. Was ihr an manchen Tagen besser gelang als an anderen. Heute war eindeutig einer der weniger guten Tage. Auch weil die Bilder ihrer Kindheit mal wieder besonders hartnäckig an ihr hafteten. Die Wochen der Genesung waren ihr nur schemenhaft in Erinnerung. Schmerzen und Albträume hatten ihre Tage und Nächte bestimmt.Die verdammten Träume kleben an mir wie Pech und vermiesen jeden meiner Schritte. Wären es wenigstens nur diese lästigen Erinnerungen ...Mit der Zeit kamen zu den Bildern des Feuers jedoch neue Träume hinzu. Sie sah Personen, denen sie noch nie begegnet war, und fand sich immer wieder an Orten wieder, die sie noch nie zuvor gesehen hatte. Dabei fühlte sie sich seltsam körperlos und wurde von der Angst gepackt, nie wieder zu erwachen. Sneyana wusste nicht, woher diese Bilder kamen. Ob sie nur ihrer Fantasie entsprangen und daher rührten, dass damals etwas tief in ihrem Geist zerbrochen war.Ich weiß nicht, was schlimmer ist: Das vernarbte Gesicht, das die Zwerginnen täglich zu sehen bekommen, oder die Frau, die ich dahinter verstecke.Sie hatte das Gefühl, die anderen zu enttäuschen, die sich solche Mühe gaben, damit sie sich wohlfühlte und ihr die Familie ersetzten.Ich muss mich einfach mehr zusammenreißen.Sneyana schüttelte den Kopf, um sich von dem beklemmenden Gefühl, das sie unweigerlich überfiel, zu befreien. Vergeblich. Viel zu klar standen ihr auch jetzt die Szenen des Traumes vor Augen, die sich nach den wiederkehrenden Bildern des Feuers in ihren Geist gedrängt hatten. Sie hatte von Isabail geträumt. Ihre Stiefmutter stand in ihren Gemächern vor einem Spiegel, in ein weißes Nachthemd gehüllt. Die langen blonden Haare flossen wie Gold über ihren Rücken. Auch wenn viel Zeit vergangen war, sah sie doch kaum älter aus als vor 14 Jahren. Sie unterhielt sich mit ihrem Spiegelbild, schien auf es einzureden. Ihre Hände gestikulierten wild und ließen erahnen, wie aufgebracht sie war. Sneyana konnte jedoch keines der gesprochenen Worte verstehen.Was macht sie da? Übt sie eine Rede?Erst im zweiten Augenblick war der jungen Frau aufgefallen, dass die Spiegelung die Bewegungen der Frau vor dem Spiegel nicht wiedergab. Auch das weiße Nachthemd war nicht das gleiche, welches Isabail vor dem Spiegel trug. Zwar ähnlich, dennoch eindeutig nicht dasselbe.DAS ist echt unheimlich ...Während sie im Traum noch überlegte, was es mit der Frau im Spiegel auf sich hatte, kam plötzlich Leben in diese. Ihre Stiefmutter sah zum Fenster und deutete, in ihre Rede vertieft, hinaus, doch sie hätte die Frau im Spiegel nicht aus den Augen lassen dürfen. Sneyanas Atem stockte und ihr Herz zog sich zusammen. Die Frau hinter dem Spiegelglas zog langsam ein Messer aus der Falte ihres Nachtgewandes. Sneyana schrie, im verzweifelten doch nutzlosen Versuch, ihre Stiefmutter zu warnen: »Isabail, dreh dich um! Verdammt noch mal, dreh dich um!« Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals, aber ihre Rufe verhallten ungehört. Die lange Klinge, welche aus zuckenden Blitzen zu bestehen schien, durchstieß die Oberfläche des Spiegels. Tief bohrte sich die Waffe in Isabails Seite. Das Letzte, was Sneyana sah, bevor sie schreiend aus ihrem Traum erwachte, waren das zufriedene Lächeln auf dem Gesicht der Frau im Spiegel und die Blutlache, die sich langsam um die am Boden liegende Gestalt ausbreitete.Der blöde Traum wird mich wieder durch den ganzen Tag verfolgen. Als hätte ich nicht schon genug andere Sorgen ...Seufzend machte Sneyana sich mit kräftigen Schwimmzügen zum Ufer auf. Heute könnte auch dieser friedliche Ort das schlechte Gefühl nicht gänzlich vertreiben. Wenigstens würde Karola bereits auf sie warten, um sie wieder einmal gnadenlos durch den Übungsraum zu treiben.Ich glaube, sie ist nicht glücklich, wenn sie mich nicht ein Mal am Tag mit dem Schwert verprügeln kann. Vielleicht gelang es ihr wenigstens dadurch, das Geträumte einen kurzen Moment aus ihrem Kopf zu verbannen. Am Ufer streifte Sneyana sich mit den Händen das Wasser vom Körper, um dann kurz mit den Fingern ihr schulterlanges Haar zu kämmen. Ihre dunkelbraune Mähne, deren von der Sonne gebleichten Spitzen eine schokoladige Note hatten, stand nach dieser Prozedur wieder in den üblichen unordentlichen Wellen von ihrem Kopf ab. Schnell schlüpfte sie in das kurzärmlige, zerschlissene Hemd, das schon lange nicht mehr richtig weiß war, und die grobe, dunkle Stoffhose. Anschließend machte sie sich barfuß auf den Weg zurück. Sie genoss das Gras und die Erde unter ihren nackten Zehen, da sie ihr jedes Mal das Gefühl gaben, ein Teil der sie umgebenden Natur zu sein. Stetig pulsierte das Erdreich, einem Herzschlag gleich, unter ihren Sohlen.Es ist, als wäre der Boden unter meinen Füßen lebendig. Der Gedanke ist schön und beängstigend zugleich.Magdalena hatte ihr einmal erklärt, sie spüre die Kraftströme, die durch den Boden flossen und wie ein großes Netz die ganze Welt überzogen. Sneyana konnte sich kaum mehr als den Wald, die Burg, in der sie früher lebte, und das Dorf vorstellen. Geschweige denn eine ganze Welt, die durch pulsierende Flüsse aus Energie verbunden sein sollte.Das ist einfach zu hoch für mich. Also warum darüber nachgrübeln? Es ist, wie es ist.Zügig trat sie in den Schatten der Bäume, als sie die Lichtung, auf welcher der See lag, verließ. Sie folgte dem Wildpfad, der sie unter riesigen Laubbäumen hindurch führte, und ihr so vertraut war wie die unauslöschlichen Linien auf ihrer Haut. Die unterschiedlichen Lieder der Vögel schallten durch den Wald und der Wind ließ die Blätter rascheln. Als einige Zeit später die ersten Ausläufer des Bodennebels ihre Knöchel streiften, bekam die Situation etwas Verwunschenes, und Sneyana konnte sich wie so oft ein Lächeln nicht verkneifen.Willkommen im Gruselkabinett. Fast zu Hause.Sie ließ ihren Blick an der abrupt vor ihr aufragenden Felswand emporgleiten, welche sich am Fuß eines kleinen Berges befand. Die Bäume standen hier so dicht, dass man die Wand erst wahrnahm, wenn man schon fast vor ihr stand. Für jemanden, der die Nebelpfade nicht kannte, hatte diese Mauer aus massivem Stein nichts Außergewöhnliches an sich. Dennoch ließ der graue Dunst, der hier nie ganz verschwand, die Menschen diesen Ort meiden. Er war ihnen unheimlich und beflügelte ihre durch Aberglauben geprägte Fantasie. Dennoch wirkte alles auf eine morbide Art schön. Ein paar trotzige Pflänzchen hielten sich in luftiger Höhe in den Spalten des Felsens und streckten ihre Blätter und Blüten der Sonne entgegen. Sie unterbrachen das triste Grau und erinnerten daran, dass selbst an den unwirklichsten Orten das Leben seinen Weg fand. Tief einatmend schloss die junge Frau die Augen. Im selben Moment ertastete ihr Geist den Nebel. Wie ein weicher Windhauch kroch er ihre Knöchel hinauf, über ihre Beine zu ihrem Bauch, bis er schließlich ihren Scheitel erreichte. Ohne Zögern drückte sie sich dagegen, bis die feinstoffliche Barriere nachgab und sie auf die andere Seite ließ. Wo eben noch massiver Fels zu sehen gewesen war, befanden sich jetzt eine Tür und einige Öffnungen, in denen bunte Glasfenster in der Sonne funkelten. Es hatte einige Zeit gedauert, von Margareta zu lernen, wie sie den Zaun ohne Hilfe überqueren konnte. Dieser Umstand wurde wohl durch ein paar Tropfen Zaunreiterblut ermöglicht, die sich irgendwo in ihrer Ahnenreihe versteckten. Vorher war immer eine der Frauen notwendig gewesen, um sie auf die andere Seite zu bringen.Bin ich froh, dass diese Zeit vorbei ist. Ich liebe den ganzen Haufen Weiber zwar, aber etwas Ruhe ist für meine Nerven überlebenswichtig.Nach Jahren der Übung gelang Sneyana der Übergang mittlerweile mühelos. Sie wusste, dass viele der Legenden, die man sich in den Dörfern erzählte, auf unvorsichtige Zaunreiter zurückzuführen waren. Personen wie sie, die den Nebel durchschritten und hinter die Illusion blickten. Die sich als Teil der sie umgebenden Natur auf der Grenze zwischen den Welten bewegten und auf dem Zaun ritten.Irgendwie hört sich das immer etwas pervers an, dachte sie innerlich lachend. Aber eine bessere Beschreibung fiel ihr beim besten Willen nicht ein. Es gab nicht viele Orte wie diesen. Die Illusion wurde mit Hilfe der Kraft der Natur geschaffen, und es erforderte große Macht, um sie zu lenken. Die Grimms wie auch die Zwerginnen waren nie sehr auskunftsfreudig, was die anderen Zufluchten anging, und wenn, waren es eher abfällige Bemerkungen gewesen.Auch wenn ich keine Ahnung habe, wer sich da so rumtreibt, aber scheinbar viele Idioten, wenn ich den anderen glauben darf.Um die Verborgenheit und damit Sicherheit dieser versteckten Orte zu gewährleisten, war es unvermeidlich, auf allzu neugierige Augen zu achten, was in der Vergangenheit leider nicht immer der Fall gewesen war. Dann mussten die Grimms versuchen, den Schaden zu begrenzen und den normalen Menschen eine mehr oder weniger harmlose Erklärung liefern. Nicht selten hatten die Männer bei ihren ohnehin spärlichen Besuchen bei den Zwerginnen eine Nachricht erreicht, die sie zu ihrem nächsten Auftrag rief.Auch wenn die Jungs viel zu sehen bekommen, ich beneide sie sicher nicht um ihre Arbeit.Ohne weiter zu zögern, durchschritt Sneyana die Eingangstür und streifte auf einem kleinen Teppich im Eingangsbereich den Dreck von ihren Füßen. Anschließend band sie ihre zwischenzeitlich fast trockenen Haare mit einem Lederband zu einem unordentlichen Zopf zusammen. Karola würde sicher schon warten. Im Laufschritt folgte sie dem langen Gang, um dann durch eine Holztür einen größeren Saal zu betreten. Im Vorbeigehen griff sie sich einen Becher und ein bereitliegendes kleines Törtchen.Der Trank ist zwar widerlich, aber wenn ich ihn nicht nehme, gibt es keinen Kuchen. Der ist wiederum einfach zu lecker. Himbeeren!Mit angeekeltem Gesicht kippte die junge Frau den Stärkungstrank hinunter und stellte den Becher achtlos auf den Boden. Anschließend biss sie genussvoll in die noch warme Süßspeise.Lecker! Dafür ertrage ich sogar diese Brühe.Immer noch kauend griff sie sich ein kurzes Schwert aus dem Waffenständer. Mit dem Handrücken wischte die junge Frau sich die letzten Krümel von ihren Lippen und ließ dann die Klinge gewohnheitsmäßig durch die Luft gleiten, um ein Gefühl für die Waffe zu bekommen. »Du kommst spät, Sneyana«, erklang die wie immer brummige Stimme von Karola. Mit einem entschuldigenden Gesichtsausdruck drehte sie sich zu der Zwergin mit den vereinzelt grauen Strähnen im Haar um. Sie konnte sich des schelmischen Grinsens, das sich auf ihre Lippen stahl, nicht gänzlich erwehren. Bevor sie jedoch zu einer Antwort ansetzen konnte, kam bereits die Klinge auf sie zu gesaust. Reflexartig parierte sie den Schlag und spürte das Vibrieren der Waffe in ihrer Hand.Das ist das Einzige, was fast an Kuchen herankommt. Karola hielt sich wie üblich nicht mit Nettigkeiten auf. Das Grinsen auf dem Gesicht der jungen Frau wurde breiter. Das Training würde hoffentlich auch die letzten Reste des düsteren Traumes aus ihren Gedanken verscheuchen und wenigstens vorübergehend ihren Kopf zur Ruhe kommen lassen.

***

Für eine Menschenfrau war Sneyana nicht groß, dennoch kam sie sich unter den Zwerginnen wie eine Riesin vor. Lächelnd blickte sie über die Tafel, an der sich wie jeden Abend alle Frauen versammelt hatten.Mein ganz persönlicher, nervender und trotzdem heiß geliebter Haufen von Verrückten.Barbara, die jüngste der sieben Frauen, saß neben Sneyana. Ihr Kopf reichte ihr gerade einmal bis zur Schulter, dafür nahm sie jedoch fast die doppelte Fläche auf dem Stuhl ein. Ihre Ohren zierten unzählige Ringe und in ihrem Nacken ließ sich der Beginn einer Tätowierung erkennen, die sich, wie Sneyana wusste, auf ihrem Rücken fortsetzte.Irgendwann sollte ich mir so was vielleicht auch zulegen, aber dann mit Sicherheit keine axtschwingende, nackte Berserkerin.Breit grinsend erzählte die Zwergin gerade von ihrem heutigen Ausflug in das nahegelegene Dorf. Dort hatte sie einige Vorräte besorgt. Wohlwissentlich, dass sie mit ihren leuchtend roten Haaren und ihrem ungewöhnlichen Äußeren auffiel, hatte sie dieses gut unter ihrem Schleier und der Tracht verborgen. Die unzähligen Klingen, ohne die sie ihr Schlafgemach nie verließ, gut verborgen in den Falten ihrer braunen Robe, die sie als Konventsschwester auswies. Für die Dorfbewohner gehörte sie zu den Nonnen aus dem Wald. Auch wenn keiner von ihnen genau wusste, wo dieses Kloster lag, stellte niemand Fragen. Bereits als sich die Zwerginnen hier vor fast zwei Jahrzehnten niederließen, hatte der alte Grimm mit seinen Gerüchten und Geschichten ganze Arbeit geleistet. Der Nebel tat das Übrige und sorgte dafür, dass sich keiner der abergläubischen Dorfbewohner zu tief in den Wald wagte. Thema des aktuellen Gesprächs der Frauen waren jedoch nicht die Einkäufe, sondern der Schmied. Er hatte Barbara beim heutigen Besuch wohl wieder einmal bekniet, das Klosterleben hinter sich zu lassen und zu ihm in seine Hütte zu ziehen. Er ahnte nicht, was sich unter ihrer sittsamen Robe verbarg. Die vor Schalk blitzenden braunen Augen der Zwergin hatten ihm dennoch bereits vor längerer Zeit den Kopf verdreht. Lediglich seiner Gottesfürchtigkeit und der Angst vor dem Wald war es zu verdanken, dass er noch nicht aufgebrochen war, um das Kloster zu erreichen, Barbara über die Schulter zu werfen und wegzuschleppen.Wobei ich mir den Versuch gerne ansehen würde. Es könnte ihr sogar gefallen.Sie alle mochten den Schmied, denn er war ein netter, aber vor allem gut gebauter Mann. Wäre nicht klar, dass die Zwergin ihn voraussichtlich um einige Jahrzehnte überleben würde, hätte sich die Jüngste im Bunde vielleicht sogar mit ihm eingelassen. Es war jedoch Vorsicht geboten. Auch dem letzten Dorfbewohner wäre mit der Zeit aufgefallen, dass die Jahre nahezu spurlos an der Zwergin vorbeigingen. So war ein dauerhafter Aufenthalt im Dorf undenkbar und nur kurze Besuche möglich, um Dinge einzutauschen, die sie nicht selbst herstellen konnten.Eigentlich bin ich aber auch ganz froh darüber. Ohne Barbara würde mir hier wirklich etwas fehlen.Entspannt lehnte Sneyana sich zurück und warf einen Blick in die Runde. Am Kopfende saß Margareta, die Älteste. Ihre Haare waren schon grau gewesen, solange sich die junge Frau erinnern konnte. Die klugen Augen waren von einem etwas wässrigen Blau, was ihrem wissenden Blick jedoch nichts an Intensität nahm. Eine stetige Ruhe ging vom Oberhaupt der Gemeinschaft aus, das sich eher durch Zuhören als durch Reden auszeichnete.Am Anfang habe ich mich wahnsinnig vor ihr gefürchtet. Ich hatte immer das Gefühl, sie blickt mir direkt in die Seele.Zu ihrer Rechten saß Karola, Sneyanas persönlicher Folterknecht. Niemand wollte ihr sagen, wo die Zwergin das Kämpfen gelernt hatte, aber nach den ersten Übungskämpfen war selbst dem damaligen Kind klar gewesen, dass man ihr besser nicht in einem richtigen Kampf begegnen sollte. Selbst nach Jahren des Trainings konnte sie ihr auch heute noch nicht das Wasser reichen. Karolas braune Haare waren mittlerweile von grauen Strähnen durchzogen und einige Falten hatten sich in ihr Gesicht eingegraben. Dennoch hatte sie nichts von ihrer Kraft und Agilität eingebüßt.Ich glaube, es macht ihr einfach Spaß, Leute zu verdreschen. Ohne die täglichen Prügel, die sie mir verabreicht, wäre sie einfach nicht glücklich.Gegenüber von Karola saß ihre jüngere Schwester, Juliana. Es gab wohl kaum gegensätzlichere Personen. Wo Karola mit jedem Schritt ihren Kampfwillen ausstrahlte, war Juliana sanft und zurückhaltend. Ähnlich wie Margareta vermittelte sie große Ruhe.Das ist wohl auch der Grund, warum sie sich um die Ziegen kümmert. Die Viecher laufen ihr hinterher, als wäre sie die aufgehende Sonne ihres Lebens. Dennoch weiß ich, dass auch sie besser mit dem Schwert umgehen kann als so mancher Mann.Direkt neben Juliana saß Gertrud, die dunkelblonde Schmiedin. Nachdem sie sich die Haare wohl einmal zu oft über dem Feuer angesengt hatte, trug sie diese nur noch wenige Handbreit kurz. Die brummige Frau mit den breiten Schultern neigte nicht selten zu derben Flüchen. Sie hatte jedoch ein gutes Herz und eine Engelsgeduld dabei, Sneyana alle Fragen zum Schmieden und der Herstellung der verschiedenen Waffen zu beantworten.Eigentlich ist sie mit ihrem Schmiedehammer verheiratet, und ich habe noch von keinem Mann gehört, der sich getraut hätte, diesen Platz einzunehmen.Am anderen Ende der Tafel saß die ewig quirlige Köchin Christina. Der Zwergin mit den hellblonden Locken sah man die Begeisterung für die Küche auf den ersten Blick an. Ihr Körper war gut gerundet und ihre vollen Wangen leuchteten in einem gesunden Rot. Es gab nichts, worüber sie sich mehr freute, als wenn ihre Speisen gelobt und vor allem restlos aufgegessen wurden.Die Frau kennt mehr Kuchenrezepte, als das Dorf Einwohner hat. Allein der Geruch, der aus ihrem Backofen gedrungen ist, hat mich damals dazu bewogen, mein Krankenlager zu verlassen. Sie ist auch die Einzige unter den Zwerginnen, die lieber ein Beil als ein Schwert schwingt, was sie aber nicht weniger gefährlich macht.Magdalena, welche nach Margareta die Älteste war, saß zu Sneyanas Linken. Ihre glatten Haare waren eine Mischung aus blond und grau, und Lachfältchen hatten sich tief um ihre Augen eingegraben. Ihr war die junge Frau zu ewigem Dank verpflichtet. Denn ihren heilenden Kräften war es, neben dem Willen der Göttin, zu verdanken, dass Sneyana heute noch am Leben war. Ebenso war es der älteren Frau geschuldet, dass die Narben zwar noch sichtbar, ihr Körper jedoch nicht vollkommen entstellt war. Magdalena hatte Stunde um Stunde an ihrem Bett gesessen, sie gepflegt, ihre Haut mit Salben behandelt und für sie gebetet. Sie hatte das Mädchen gestützt, als sie zum ersten Mal wieder das Bett verlassen konnte, um Richtung Küche zu schlurfen. In den Nächten, in denen Sneyana damals vor Schmerz nicht schlafen konnte, hatte sie ihr mit ihrer ruhigen Stimme Geschichten erzählt und die alten Lieder der Zwerge vorgesungen.Und sie weiß meinen Schwachpunkt für sich zu nutzen. Seither lockt sie mich jedes Mal mit einem Extrastück Kuchen, wenn sie etwas von mir will.Zufrieden nahm die junge Frau einen weiteren Schluck aus ihrem Krug, ließ das würzige Bier ihre Kehle hinabrinnen. Alle sieben Frauen am Tisch waren für Sneyana ihre Familie, und sie hätte sich keine bessere wünschen können. Mit einem Lächeln wandte sie sich wieder Barbara zu, um weiter ihrem amüsanten Bericht über die neuesten Ereignisse im Dorf zu lauschen, als plötzlich ein lautes Klopfen durch den Saal tönte. Überrascht wandten sich alle zur Tür. Nur die Wenigsten würden es wagen, den Nebel zu durchschreiten und unangekündigt bei den Zwerginnen aufzutauchen. Diese neigten nicht selten dazu, erst die Waffen zu schwingen und dann zu fragen, was die Besucher überhaupt wollten. Nur einen Wimpernschlag später hatte Karola sich bereits erhoben und hielt ihre Klinge in der Hand. Ihrem Gesicht war die Vorfreude auf einen möglichen Kampf jetzt schon anzusehen, und das Funkeln in ihren Augen grenzte schon an Wahnsinn. Auch die anderen Zwerginnen hatten bereits ihre bevorzugten Waffen gewählt und richteten ihre Aufmerksamkeit auf den einzigen Eingang im Raum. Die Entschlossenheit, eher zu sterben als zurückzuweichen, war ihnen deutlich anzusehen.Verrückte Zwergenweiber.Sneyana hielt ihren Dolch locker in der Hand. Schließlich war es unwahrscheinlich, dass ein möglicher Angreifer vorher anklopfen würde. Dennoch hofften die Zwerginnen anscheinend auf eine kleine Abwechslung in ihrem Alltag.Nicht gerade gastfreundlich,aber Vorsicht hat schon mehr als ein Leben gerettet. Und wer immer gleich durch diese Tür kommt, hat hoffentlich genug Eier, um dem Tod ins Gesicht zu blicken.Nur die Älteste, Margareta, saß ungerührt auf ihrem Stuhl, als wüsste sie bereits, wer auf der anderen Seite der Tür stand. Und so war es auch. »Kommt schon rein, Grimms«, ertönte die für ihr Alter noch volle Stimme und zerbrach damit die spannungsgeladene Stille.

Kapitel II

Fröhlich lachend sprang Sneyana auf und eilte zur Tür, die im gleichen Moment geöffnet wurde. Jacob betrat als Erster den Raum, ein breites Grinsen auf seinem jungen Gesicht. Braune Locken hingen ihm tief in die Stirn, bis zu seinen warmen karamellfarbenen Augen, und gaben ihm trotz seiner markanten Gesichtszüge etwas Jungenhaftes. Direkt nach ihm trat Wilhelm ein. Die zwei Brüder hätten nicht gegensätzlicher sein können. Wo Jacob dunkel und kantig war, stach Will durch seine blauen Augen und blonden Haare, die ihm wild vom Kopf abstanden, hervor. Das Einzige, was die Brüder äußerlich verband, waren ihr hoher Wuchs und die kräftige Statur, die sie sich mit hartem Training erarbeitet hatten. Mit Schwung warf sich Sneyana gegen Jacobs Brust, der beim Aufprall lachend aufkeuchte, bevor er sie fest in seine Arme zog. Er wirbelte sie durch die Luft, nur um sie anschließend an seinen Bruder weiterzureichen. Auch dieser ließ es sich nicht nehmen, sich mit ihr im Kreis zu drehen, bis Sneyana vor Vergnügen quietschte. Die Brüder, nur wenige Jahre älter als sie, waren früher häufig mit ihrem Vater zu Gast gewesen. Sneyana freute sich jedes Mal, wenn sie die zwei sah.Ich habe sie so schrecklich vermisst. Mit den Jungs wird es einfach nie langweilig.Zusammen mit Barbara hatten sie gemeinsam schon früher die Zwerginnen an die Grenzen ihrer Geduld gebracht. Der eigentliche Sinn ihres Aufenthaltes war jedoch ein anderer gewesen. Bevor die Brüder den Platz ihres Vaters einnehmen konnten, mussten sie einiges lernen. So hatten sie gemeinsam mit Sneyana in unzähligen Stunden den Belehrungen des alten Grimm gelauscht, und Etikette sowie Benehmen wurden ihnen eingebläut. Leider war das jedoch nicht alles gewesen. Sneyana dachte jetzt noch mit Grauen an den Tanzunterricht zurück. Sie hatte es gehasst.Lieber ein ganzer Tag Training mit Karola als eine Stunde blödes Herumhopsen. Das Rumgehampel ist zermürbender als jeder Kuchenentzug.Umso schöner waren hingegen die wenigen freien Stunden gewesen, in denen sie durch den Wald streunten und in kindlichem Übermut Felswände emporkletterten. Von den Brüdern hatte Sneyana auch das Schwimmen gelernt und möglichst lange die Luft anzuhalten. Die zwei hatten sie einige Male unter Wasser getunkt, um sie zu ärgern. Bis zu ihrem nächsten Besuch hatte das Mädchen mit Barbaras Hilfe jedoch den Trick herausgefunden, ruhig unter Wasser zu verharren, bis der Druck auf ihren Kopf nachließ.Mann, hatten die beiden die Hosen voll, weil sie dachten, ich wäre ertrunken.Während sich an der Wasseroberfläche Panik breitmachte, zog Sneyana Jacob, der ihr am nächsten Stand, die Füße weg. Anschließend schlang sie ihre Beine fest um dessen Körper, damit er nicht auftauchen konnte. Seine Lungen waren lange nicht so gut trainiert gewesen wie ihre, und schließlich war er es, der prustend und nach Luft ringend an die Wasseroberfläche zurückkehrte.Das Gesicht der Jungs war unbezahlbar. Seither begehen sie nicht mehr den Fehler, mich zu unterschätzen, vor allem nicht meine Dickköpfigkeit.»Was führt euch beide her?«, fragte sie etwas atemlos, aber mit einem glücklichen Lächeln auf den Lippen, nachdem sie endlich wieder festen Boden unter den Füßen hatte. Grinsend verwuschelte Will ihr die Haare. Trotz der liebevollen Geste und des herzlichen Empfangs sah Sneyana, wie bei ihrer Frage ein Schatten über die Gesichter der Brüder huschte. Sanft schob Will die wesentlich kleinere Frau zum Tisch. »Nur Geduld!«, sagte Jacob. »Lass uns erst einmal ankommen.« Schnell wurden zwei weitere Stühle an den Tisch gestellt und alle Waffen wieder verstaut. Christina beeilte sich, Bier und Essen aus der Küche zu bringen, um die Männer zu bewirten. Allen Zwerginnen stand die Freude über den Besuch der Brüder ins Gesicht geschrieben.Sie gehören zur Familie. Aber was ist mit den beiden los? Warum sind sie hier, und das, ohne uns vorher eine Nachricht zu schicken?Augenscheinlich war nur Sneyana aufgefallen, dass etwas nicht stimmte. Ungeduldig rutschte sie auf ihrem Stuhl herum. Sie wartete darauf, dass sich die Teller endlich leerten und die Brüder den Grund ihres Besuches verraten würden. Ein frustriertes Stöhnen entkam ihren Lippen, als Will sich dankend noch einmal einen Nachschlag von Christina geben ließ.Eigentlich müsste er die Statur eines Hefekloßes haben, bei dem, was er in sich reinstopft.Dieser warf ihr einen Seitenblick zu und lachte kurz auf, als er ihre genervte Miene sah, bevor er sich wieder seinem Essen widmete. Nach einer schier endlos scheinenden Zeit lehnten sich beide Brüder gesättigt zurück und schauten in die Runde. »Also, was führt euch her?«, fragte Sneyana, nicht länger in der Lage, ihre Neugierde im Zaum zu halten, und beugte sich gespannt nach vorne. Ihre Finger trommelten dabei rhythmisch auf die Tischplatte und zeigten deutlich ihre Ungeduld. Will räusperte sich und schaute Margareta etwas unsicher an, bevor er sich wieder Sneyana zuwandte. Ein Verhalten, das für ihn vollkommen untypisch war. Er schien nervös zu sein.Irgendwas stimmt hier nicht ...Dann begann er etwas widerstrebend zu reden: »Sney, wir wissen alle, dass du mächtige Feinde hast, die dich lieber heute als morgen unter der Erde verrotten sehen möchten. Bereits damals versuchten sie, dich in ein Häufchen Asche zu verwandeln.«Ach, habe ich das? Bei euch hörte sich das bisher eher so an, als wäre ich vollkommen sicher und hätte nichts mehr zu befürchten. Ich fühle mich gerade wie in einem seltsamen Traum.Kurz hielt Will inne, um dann zögernd weiterzusprechen: »Isabail bat damals einen engen Freund, Warand, um Hilfe. Er sollte dich hierher bringen. Nur wenige wissen, dass sie und Margareta schon seit Jahren befreundet waren. Selbst unser Vater wusste es nicht. Doch euer kleiner Trupp wurde auf dem Weg in die Zuflucht überfallen. Warand schickte dich mit seinem Sohn hierher und blieb selbst zurück, um die Angreifer aufzuhalten.« Für einen kurzen Augenblick stieg Sneyana eine Note von Zimt und Feuer in die Nase und sie versuchte angestrengt, sich zu erinnern. »Silvian«, kam es dann flüsternd über ihre Lippen. Der Junge, der so lecker nach Kuchen roch.Jacob hob überrascht die Augenbrauen, bevor er anstelle seines Bruders das Wort ergriff. »Genau, sein Name ist Silvian. Es überrascht mich, dass du dich an ihn erinnerst.« Kurz senkte Sneyana den Blick. Der Weg hierher lag für sie in einem fiebrigen Dunst. Sie war sich nie ganz sicher gewesen, welche Erinnerungen ihren Fieberträumen entsprungen und welche real waren.Wer glaubt schon daran, dass ein Junge, der wie eine Zimtschnecke riecht, wirklich existiert?Die Zwerginnen waren ihren Fragen immer ausgewichen, wie sie hergekommen war und was es mit den Feinden, die augenscheinlich ihren Tod wollten, auf sich hatte.Anscheinend holt mich die Vergangenheit nicht länger nur in meinen Träumen ein. Aber warum zum Henker jetzt?»Ja, ich erinnere mich undeutlich an ihn«, nahm sie das Gespräch wieder auf. Sie verschwieg, dass lediglich sein Geruch und seine Stimme sich in ihr Gedächtnis eingegraben hatten, sie aber nicht mehr wusste, wie er aussah. »Während Silvian dich herbrachte«, ergriff Jacob wieder das Wort, »überlebte Warand, sein Vater, und schaffte es, mit seinen Begleitern die Angreifer zu töten. Es war ihm jedoch klar, dass deine Verfolger nicht aufhören würden, nach dir zu suchen. Daher schnitt er einem von ihnen Herz und Lunge aus dem Körper und vergrub anschließend die Leichen. Dann kehrte er zu Isabail zurück und warf ihr vor versammeltem Hofstaat den Beutel mit den Organen vor die Füße. Er erklärte, dass dies das Einzige war, was die Angreifer von dir übrig gelassen hatten, nachdem sie deinen leblosen Körper wie wilde Tiere zerfetzt hatten.«Mann ist das eklig.Ich glaube, mehr Details brauche ich da echt nicht.Angewidert verzog Sneyana das Gesicht, und Barbara neben ihr gab ein gespieltes Würgegeräusch von sich. »Und die Menschen haben das geglaubt?«, fragte sie ungläubig. »Isabail wusste, dass es nur ein Trick war. Einige zartbesaitete Damen spien jedoch den Saal voll oder fielen in Ohnmacht«, antwortete Jacob. Erheiterung, aber auch Ekel waren seinem Gesicht anzusehen. »Seitdem war es so, dass du für tot gehalten wurdest. Bis jetzt ...« Ein Raunen erfüllte den Raum, bevor Margaretas leise Stimme erklang. »Was ist passiert?«, fragte sie ruhig.Wie kann sie nur so gelassen bleiben?, fragte Sneyana sich aufgewühlt. Was hat das alles zu bedeuten?»Wir wissen es nicht«, sagte Will und wandte sich Sneyana zu. »Nur, dass Menschen nach dir fragen und wohl der Überzeugung sind, dass du lebst.« Sneyana sah zwischen den Brüdern hin und her.Die ganze Zeit hieß es, ich bin hier sicher und soll die Vergangenheit vergessen. Na klasse ... Jetzt klopft sie laut an die Tür, und alle machen sich fast in die Hosen.Den Brüdern war die Sorge deutlich anzusehen. Erneut ergriff Will das Wort: »Nur eins ist klar: Wenn sie dich finden, werden sie erneut versuchen, dich zu töten.«Überraschung? Das kann nicht euer Ernst sein! Seid ihr denn bescheuert? Ihr wusstet es doch all die Jahre und habt mich einfach im Dunkeln tappen lassen.Mühsam riss Sneyana sich zusammen, um Will nicht genau das an den Kopf zu werfen. Eine Frage wurde in ihren Gedanken dabei immer lauter, bis sie gepresst über ihre Lippen kam: »Warum, verdammt, sagt ihr mir nicht endlich, was hier los ist? Glaubt ihr nicht, es wird langsam Zeit?« Alle Augen hefteten sich auf sie, und unangenehmes Schweigen breitete sich aus. Es war klar, dass ihr keiner diese Frage beantworten wollte. »Die Jagd auf mich wird erneut eröffnet und keiner von euch möchte mir den Grund dafür sagen? Wollt ihr mich verarschen? Die ganze Zeit lügt ihr mich an, dass alles in Ordnung ist, wusstet aber alle, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis man sich wieder an meine Fersen heftet. Wollt ihr mich lieber mit aufgeschlitzter Kehle im Wald finden, als mir die Wahrheit zu sagen?« Wütend sprang die junge Frau von ihrem Stuhl auf, um anschließend in der Halle auf und ab zu gehen. »Ihr habt mich trainiert. Ihr habt mich ausgebildet ... Aber keiner von euch wollte mir sagen, warum das alles notwendig war.« Mit bemüht heiterem Tonfall ahmte sie die Zwerginnen nach: »Das ist doch längst Schnee von gestern. Mach dir keine Sorgen und vergiss die Vergangenheit! Wir wollen einfach, dass deine Ausbildung umfassend ist.« Aufgebracht strich Sneyana sich die Haare aus dem Gesicht und zerzauste ihre Mähne damit noch mehr. »Ihr habt mich ausgebildet, als müsste ich in den Krieg ziehen. Aber verdammt noch mal, keiner hat den Schneid, mir zu sagen, was hier gespielt wird?« Die letzten Worte schrie sie heraus, nicht länger in der Lage, ihre Frustration im Zaum zu halten. »Sneyana, es steht uns nicht zu ...«, erklang Barbaras zögerliche Stimme. »Sogar du? Selbst du weißt es und willst es mir nicht sagen?« Wütend fuhr die junge Frau ihre Freundin an und ihre Augen funkelten vor Rage. Ein Gefühl von Verrat breitete sich in ihr aus.Sie wissen es alle und haben sich die ganzen Jahre dumm gestellt ... Ich habe so oft nachgefragt und sie haben mir immer wieder versichert, es wäre alles in Ordnung.»Was habt ihr mir sonst noch alles verschwiegen? Ich bin kein Kind mehr, das man auf diese Weise bevormunden kann!«, brüllte sie, dass es laut von den Wänden widerhallte. »Beruhig dich, es ist alles nicht so ...«, wollte Jacob sie beschwichtigen, doch Sneyana ließ ihn nicht ausreden. »Halt‘ doch einfach die Klappe, wenn du mir eh keine Antworten geben willst!«, fauchte sie ihn an.Ich dachte, ihr wärt meine Familie. Meine Freunde. Aber ihr nehmt es eher in Kauf, dass ich umgebracht werde, als mir die Wahrheit zu sagen. Warum? Ich fühle mich, als würde ich euch gar nicht wirklich kennen.Die junge Frau hatte plötzlich das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. »Wie konnte ich mich nur so in euch täuschen? Ich ertrage es einfach nicht, mit so vielen Lügnern in einem Raum zu sein und mir noch mehr fadenscheinige Ausreden anzuhören«, knurrte Sneyana wütend und stürmte zur Tür. Laut fiel diese hinter ihr ins Schloss, und die Stimmen, die sie aufhalten wollten, verklangen von ihr ungehört.Ich muss hier weg. Brauche frische Luft zum Atmen ...Gehetzt rannte Sneyana hinaus, durchschritt den Nebel und stürmte in den Wald. Der volle Mond stand hoch am Himmel und beleuchtete ihre ziellose Flucht.Als wäre ich nicht stark genug, auf mich selbst zu achten, wenn ich weiß, dass Gefahr droht. Dafür müsste ich nur endlich wissen, was hier los ist. Diese verdammten Klugscheißer, die denken, sie könnten einfach so über mein Leben bestimmen. Sie kennen den Grund, aber keiner hat die Eier, mir zu sagen, was los ist. Stattdessen haben sie mir weisgemacht, es wäre alles in Ordnung und ich soll die ganze Scheiße vergessen. Ich wäre lediglich bei ihnen, weil ich auf der Burg, unter den Blicken der Menschen, nicht alles lernen könnte. Zudem würde Isabail nach dem Tod meines Vaters wollen, dass ich hier ausgebildet werde. Was war ich doch für eine Närrin, dass ich es einfach hingenommen habe. Hätte ich mehr darüber nachgedacht, wäre ich jetzt wohl nicht so überrascht.Sneyana ärgerte sich ungemein, dass sie sich in all den Jahren so hatte abspeisen lassen. Sie hatte nicht undankbar erscheinen oder die Freundlichkeit, die man ihr entgegengebrachte, mit zu heftigem Nachbohren vergiften wollen. Irgendwann verdrängte sie das Thema dann einfach.Warum bin ich nicht dran geblieben?Warum habe ich nicht nachgehakt, bis sie endlich den Mund aufmachen? Ich bin selber schuld und habe es ihnen die ganzen Jahre viel zu leicht gemacht, mir die Wahrheit vorzuenthalten.Sie hatte so oft keine Antworten auf ihre Fragen erhalten, bis sie sich selbst einredete, es sei nicht mehr wichtig. Schließlich lebte sie ein sicheres, wenn auch etwas eintöniges Leben. Von ihren Träumen einmal abgesehen. Je häufiger diese jedoch auftraten, und das taten sie in letzter Zeit zunehmend, desto ruheloser war sie geworden. Trotzdem war sie sich dumm vorgekommen, wieder die alten Fragen zu stellen, und hatte den Mund gehalten.Ich bin doch mittlerweile kein Kind mehr und habe ein Recht auf die Wahrheit. Es geht hier schließlich um mein Leben. Nun klebt mir die Vergangenheit am Arsch und der ganze Haufen führt sich auf, als wäre es die Überraschung des Jahrzehnts.Schwer atmend blieb Sneyana stehen und hatte das Gefühl, in ihrer Wut und Frustration zu ertrinken. Laut schrie sie ihren ganzen Zorn in die Stille des Waldes hinaus: »Ihr verdammten Arschlöcher!« Ihre Lungen schmerzten und Schweiß rann ihren Rücken hinab.Ihr Verräter, ich habe euch vertraut.Tränen liefen ihr über die Wangen und tropften auf den mit altem Laub bedeckten Waldboden, während sie laut schluchzte. Sie schlang die Arme um ihren Oberkörper und versuchte, dem Gefühl von Verlust Herr zu werden. Nur langsam beruhigte sie sich wieder, und ihr Verstand klärte sich etwas.Ich muss mich zusammenreißen.Mit verquollenen Augen und einem leichten Schluckauf versuchte sie, ihre Umgebung zu erkennen. Sneyana konnte sich nicht erinnern, schon einmal so weit gelaufen zu sein.Wo, bei der Göttin, bin ich hier?Ihr kopfloser Lauf hatte sie vorwärts getrieben, während ihr Verstand mit dem Verrat ihrer Ziehfamilie beschäftigt war. Erschöpft lehnte sie sich gegen einen Baum.Na toll! Jetzt hab ich mich auch noch verlaufen. Der Tag kann nur noch besser werden ...Seufzend drehte sie sich um und presste ihre Stirn gegen die kühle Rinde eines Baumes. Je mehr sich ihr Puls beruhigte, desto deutlicher nahm sie das Pulsieren im Stamm war. Tief zog sie die Luft in die Lungen, schloss die Augen und sah statt der erwarteten Dunkelheit einen grünen Strom unter der Rinde hinaufgleiten.Nein, es geht nicht nur hinauf, bemerkte sie. Es war ein Auf und Ab, im stetigen Pochen eines Pulses.Dreh ich jetzt durch? Bin ich durch giftige Pilzsporen gelaufen?Das leuchtende Grün erinnerte sie an etwas, und ungeduldig versuchte sie, diese Erinnerung aus den Spinnweben ihres Gedächtnisses zu befreien. Sie hatte dieses grüne Pulsieren schon einmal gesehen. Nur wo? Bevor sie sich jedoch weiter damit befassen konnte, hörte sie plötzlich eine Stimme hinter sich, die sie zusammenfahren ließ. »Sneyana! Schatz, was machst du hier?« Erschrocken fuhr die Angesprochene herum. »Isabail?« Ihr Gesicht drückte die ganze Überraschung aus, die sie empfand, und sie hickste laut auf. Mit einem breiten Lächeln kam ihre Stiefmutter auf sie zu und schloss sie fest in die Arme. »Wie hast du mich gefunden? Haben die Zwerginnen dich geschickt?«, fragte Sneyana mit rauer Stimme an der Schulter Isabails.