Snow Crash - Neal Stephenson - E-Book

Snow Crash E-Book

Neal Stephenson

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Beschreibung

Los Angeles, eines nicht zu fernen Tages: Hiro Protagonist, ein Starprogrammierer und Pizzakurier, kommt einer Verschwörung auf die Spur, die sowohl in der realen Welt als auch im virtuellen Raum immer mehr Todesopfer fordert. Hiro taucht als Schwertkämpfer in die Cyberwelt der Zukunft ein, um dort einen Schurken aus ferner Vergangenheit zu besiegen und die »Infokalypse« zu verhindern...



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Seitenzahl: 774

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Inhaltsverzeichnis
 
Buch
Autor
 
Kapitel 1
 
Kapitel 2
DAS WAR ABGESCHMACKT
GUTE ARBEIT, EX-LAX
 
Kapitel 3
 
Kapitel 4
 
Kapitel 5
 
Kapitel 6
 
Kapitel 7
 
Kapitel 8
 
Kapitel 9
 
Kapitel 10
MR. LEES GROSS-HONGKONG
 
Kapitel 11
 
Kapitel 12
 
Kapitel 13
 
Kapitel 14
 
Kapitel 15
 
Kapitel 16
 
Kapitel 17
 
Kapitel 18
 
Kapitel 19
 
Kapitel 20
 
Kapitel 21
 
Kapitel 22
 
Kapitel 23
 
Kapitel 24
 
Kapitel 25
 
Kapitel 26
 
Kapitel 27
 
Kapitel 28
 
Kapitel 29
 
Kapitel 30
 
Kapitel 31
 
Kapitel 32
 
Kapitel 33
 
Kapitel 34
 
Kapitel 35
 
Kapitel 36
 
Kapitel 37
 
Kapitel 38
 
Kapitel 39
 
Kapitel 40
 
Kapitel 41
 
Kapitel 42
 
Kapitel 43
 
Kapitel 44
 
Kapitel 45
 
Kapitel 46
 
Kapitel 47
 
Kapitel 48
 
Kapitel 49
 
Kapitel 50
 
Kapitel 51
 
Kapitel 52
 
Kapitel 53
 
Kapitel 54
 
Kapitel 55
 
Kapitel 56
 
Kapitel 57
 
Kapitel 58
 
Kapitel 59
 
Kapitel 60
 
Kapitel 61
 
Kapitel 62
 
Kapitel 63
 
Kapitel 64
 
Kapitel 65
 
Kapitel 66
 
Kapitel 67
 
Kapitel 68
 
Kapitel 69
 
Kapitel 70
 
Kapitel 71
 
Dank
Copyright
Buch
Los Angeles, irgendwann in der nicht mehr allzu fernen Zukunft: Hiro Protagonist ist Pizzalieferant in Diensten von Onkel Enzos Cosa Nostra Pizza, einem Mafia-Unternehmen, das jedem Anrufer garantiert, seine Bestellung innerhalb von genau dreißig Minuten zu liefern. Ein ziemlich normaler Job, mit einem Unterschied: Wer zu spät kommt, wird eliminiert – für immer. Hiro kommt dieser Nervenkitzel gerade recht. Denn er ist einer der letzten wirklichen Helden, neben seiner Tätigkeit als Auslieferator der letzte freiberufliche Hacker und größte Schwertkämpfer aller Zeiten, der über seinen Computer in die virtuelle Welt des »Metaversums« eintaucht, wo er als schwarzgewandeter Krieger gegen einen diabolischen Schurken ankämpfen muß, der das »Metaversum« in die »Infokalypse« zu stürzen droht.
 
Neal Stephenson verwischt in diesem großartigen Cyberspace-Roman die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Illusion, zwischen virtueller und »echter« Realität. Snow Crash – das ist Pflichtlektüre für alle, die heute schon wissen wollen, was der Kult von morgen sein wird.
Autor
Neal Stephenson wurde 1959 in Fort Meade, Maryland, geboren. Seit dem Erscheinen von »Snow Crash« gilt er als eines der größten Genies in der amerikanischen Literatur. Für »Diamond Age«, seinen weitsichtigen Roman über die Zukunft der Bücher, wurde ihm der Hugo Award verliehen, und bei der Ars Electronica 2000 erhielt er für sein bisheriges Gesamtwerk den »Goldenen Nica«. Sein Roman »Cryptonomicon« wurde ein internationaler Bestseller und stieß bei Kritikern und Lesern auf dieselbe Begeisterung wie seine monumentale »Barock-Trilogie«.
Von Neal Stephenson außerdem lieferbar:Diamond Age. Die Grenzwelt. Roman (45154) Cryptonomicon. Roman (45512)
 
Die »Barock-Trilogie«: Quicksilver. Roman (46183) Confusion. Roman (geb. 54604) (in Vorbereitung: Odaliske. Roman)
Die amerikanische Originalausgabe erschien 1992 unter dem Titel »Snow Crash« bei Bantam Books, New York.
Snow [Schnee] s... 2.a. Alles, das Ähnlichkeit mit Schnee hat. b. weiße Flecken auf einem Fernsehbildschirm, die auf schlechten Empfang zurückzuführen sind.
crash v... – intr... 5. plötzliches Zusammenbrechen v. e. Geschäft oder e. Volkswirtschaft.
- The American Heritage Dictionary
Virus... [L. virus schleimige Flüssigkeit, Gift, übler Geruch oder Geschmack.] 1. Gift, wie es von einem giftigen Tier verströmt wird. 2. Path. a. ein morbides Prinzip oder eine giftige Substanz, die infolge einer Krankheit im Körper produziert wird, speziell eine, die durch Impfung oder auf anderem Wege in die Körper anderer Menschen oder Tiere gelangt und dort dieselben Krankheiten hervorruft... 3. übertr. Ein moralisches oder intellektuelles Gift, ein schlechter Einfluß.
- The Oxford English Dictionary
1
Der Auslieferator gehört einem Eliteorden an, einer heiligen Subkategorie. Der Esprit steht ihm bis hier oben. Im Augenblick bereitet er sich gerade darauf vor, seinen dritten Auftrag des Abends auszuführen. Seine Uniform ist so schwarz wie Aktivkohle und filtert buchstäblich das Licht aus der Luft. Eine Kugel würde von ihrem Arachnofasergewebe abprallen wie ein Schraubenschlüssel von einer Verandatür, aber überschüssiger Schweiß weht hindurch wie eine Brise durch einen frisch napalmbombardierten Wald. Wo knochige Extremitäten am Körper des Jungen vorstehen, verfügt der Anzug über gesintertes Panzergel: fühlt sich an wie grobkörnige Gallerte, schützt wie ein Stapel Telefonbücher.
Als sie ihm den Job gaben, gaben sie ihm eine Waffe. Der Auslieferator liefert nie gegen Bargeld aus, trotzdem könnte es jemand auf ihn abgesehen haben – auf sein Auto oder seine Fracht. Die Waffe ist winzig, stromlinienförmig, leicht, eine Waffe, wie sie ein Modeschöpfer tragen würde; sie feuert winzige Pfeile, die fünfmal so schnell wie ein Spionageflugzeug SR-71 fliegen, und wenn man sie benützt hat, muß man sie in den Zigarettenanzünder stecken, weil sie mit Elektrizität betrieben wird.
Der Auslieferator zog diese Waffe niemals aus Wut oder Angst. Er hatte sie einmal in Gila Highlands gezückt. Ein paar Punks in Gila Highlands wollten eine Lieferung, aber nicht dafür bezahlen. Dachten, sie könnten den Auslieferator mit einem Baseballschläger beeindrucken. Der Auslieferator holte die Waffe heraus, justierte die Laserzieleinrichtung auf den erhobenen Baseballschläger Marke Louisville Slugger, drückte ab. Der Rückstoß war gewaltig, als wäre die Waffe in seiner Hand explodiert. Das mittlere Drittel des Baseballschlägers verwandelte sich in eine Säule brennender Sägespäne, die wie eine Supernova in alle Richtungen davonstoben. Zuletzt hielt der Punk den Griff des Schlägers mit einer milchigen Rauchsäule am Ende in der Hand. Dummes Gesicht. Bekam außer Ärger mit dem Auslieferator gar nichts.
Seither hat der Auslieferator die Waffe im Handschuhfach gelassen und verließ sich statt dessen auf ein Set passender Samuraischwerter, die irgendwie schon immer die Waffe seiner Wahl gewesen sind. Die Punks in Gila Highlands hatten keine Angst vor der Waffe, daher hatte der Auslieferator sie einsetzen müssen. Die Schwerter dagegen brauchten keine Vorführung.
Das Auto des Auslieferators hat genügend potentielle Energie in den Batterien stecken, daß man damit ein Pfund Speck in den Asteroidengürtel schießen könnte. Im Gegensatz zu einer Bimbo-Box oder einem Burbbeater setzt das Auto des Lieferanten diese Energie durch klaffende, glänzende, polierte Schließmuskeln frei. Wenn der Auslieferator auf die Tube drückt, ist die Kacke am Dampfen. Möchten Sie was über Kontaktflächen hören? Ihre Autoreifen haben winzige Kontaktflächen, haften an vier Stellen, so groß wie Ihre Zunge, auf dem Asphalt. Das Auto des Auslieferators hat große, haftende Kontaktflächen, so groß wie die Schenkel einer fetten Frau. Der Auslieferator hat Kontakt mit der Straße, geht ab wie der geölte Blitz, bremst wie ein Vorschlaghammer.
Warum der Auslieferator derartig ausgerüstet ist? Weil sich die Leute auf ihn verlassen. Er ist eine fahrende Zielscheibe. Dies ist Amerika. Die Leute tun, wonach ihnen Scheiße noch mal eben gerade zumute ist, haben Sie was dagegen? Weil sie das Recht dazu haben. Und weil sie Waffen haben und es ihnen niemand verbieten kann. Als Folge dessen besitzt dieses Land eine der schlechtesten Volkswirtschaften der Welt. Wenn es ans Eingemachte geht – und wir sprechen hier vom Außenhandelsgleichgewicht -, nachdem wir unsere gesamte Technologie ins Ausland abgeschoben haben, nachdem wir alles ausgeglichen haben – sie fertigen Autos in Bolivien und Mikrowellenherde in Tadschikistan und verkaufen sie hier -, nachdem unser Vorsprung an natürlichen Ressourcen durch gigantische Schiffe und Luftschiffe aus Hong Kong, die ganz North Dakota für einen Apfel und ein Ei nach Neuseeland verschiffen können, wertlos gemacht wurden -, nachdem die Unsichtbare Hand sämtliche historischen Ungerechtigkeiten ausgeglichen und zu einer breiten globalen Schicht von etwas verschmiert hat, das ein pakistanischer Ziegelbrenner wahrscheinlich als Wohlstand bezeichnen würde – wissen Sie was? nach alledem gibt es nur vier Dinge, die wir besser als alle anderen können:
Musik Filme Mikrocode (Software) schnellstmögliche Pizzalieferung frei Haus.
Der Auslieferator programmierte früher Software. Auch heute manchmal noch. Aber wenn das Leben eine lockere, von wohlmeinenden Lehrern geleitete Grundschule wäre, würde im Betragenszeugnis des Auslieferators stehen: »Hiro ist so begabt und kreativ, muß aber härter an seiner Kooperationsbereitschaft arbeiten.«
Darum hat er jetzt diesen anderen Job. Hier sind weder Begabung noch Kreativität erforderlich – aber auch keine Kooperation. Nur ein einziges Prinzip: Der Auslieferator steht zu seinem Wort – die Pizza binnen dreißig Minuten, sonst können Sie sie umsonst haben, den Fahrer erschießen, sein Auto nehmen und eine Schadenersatzklage einreichen. Der Lieferant arbeitet jetzt schon sechs Monate in diesem Job, nach seinen Maßstäben eine lange und erfüllte Zeit, und hat noch nie länger als einundzwanzig Minuten gebraucht, um eine Pizza zuzustellen.
Oh, sie stritten wegen der Zeit, und viele Fahrer der Firma blieben dabei auf der Strecke: Hausbesitzer, rote Gesichter und verschwitzt wegen ihrer eigenen Lügen, die nach Old Spice und Job-bedingtem Streß stanken, standen unter ihren gelb erleuchteten Türen, schwenkten ihre Seikos und winkten zur Uhr über der Spüle, ich schwöre es, habt ihr Jungs denn kein Zeitgefühl?
So was kam nicht mehr vor. Pizzalieferung frei Haus war ein bedeutender Industriezweig. Ein organisierter Industriezweig. Die Leute besuchten vier Jahre die Cosa Nostra Pizzauniversität, nur um das Fach zu studieren. Kamen zum Portal rein und konnten keinen englischen Satz sprechen, aus Abkhazien, Rwanda, Guanajuato, South Jersey, und wußten nach ihrem Abschluß mehr über Pizza als ein Beduine über Sand weiß. Und sie hatten dieses Problem studiert. Diagramme über die Häufigkeit von Beschwerden über die Zustellzeit an Haustüren erstellt. Die ersten Auslieferatoren mit Wanzen versehen, um die Taktik der Debatten aufzuzeichnen und zu analysieren, die Stimme-Streß-Histogramme, die spezifischen grammatikalischen Strukturen weißer Burbklavenbewohner Klasse A der Mittelschicht, die jeder Logik zum Trotz beschlossen hatten, daß dies der passende Ort war, ein Custersches letztes Gefecht gegen alles auszutragen, was in ihrem Leben schal und geisttötend war: sie hatten vor zu lügen oder sich selbst etwas vorzumachen, um eine Pizza gratis zu bekommen; nein, sie verdienten eine Pizza gratis, zusammen mit ihrem Leben, ihrer Freiheit und was auch immer sie suchten, das war verdammt noch mal ihr gutes Recht. Sie schickten Psychologen in die Häuser dieser Leute; gaben ihnen ein kostenloses Fernsehgerät, damit sie sich an einer anonymen Umfrage beteiligten; schlossen sie an Lügendetektoren an; studierten ihre Gehirnwellen, während sie ihnen bruchstückhafte, unerklärbare Filme mit Pornoköniginnen, mitternächtlichen Autounfällen und Sammy Davis Jr. zeigten; setzten sie in wohlriechende malvefarbene Zimmer und stellten ihnen so verwirrende Fragen über Ethik, daß nicht einmal ein Jesuit sie hätte beantworten können, ohne eine Todsünde zu begehen.
Die Fachleute der Cosa Nostra Pizzauniversität kamen zum Ergebnis, daß es einfach an der menschlichen Natur lag und nicht behoben werden konnte, und daher dachten sie sich ein rasches, billiges technisches Hilfsmittel aus: die Smartbox. Der moderne Pizzakarton besteht jetzt aus einem Plastikbehälter, dem eine Wellung zusätzliche Stabilität verleiht, mit einer leuchtenden digitalen LED-Anzeige auf der Seite, die dem Auslieferator verrät, wie viele Herstellungs- und Auslieferungsminuten seit dem schicksalshaften Telefonanruf verstrichen sind. Es sind Chips und Elektronik in der Box. Die Pizzas liegen als kleiner Stapel in Fächern hinter dem Kopf des Lieferanten. Jede Pizza gleitet in einen Schlitz wie eine Stechkarte in einen Computer und rastet ein, wenn die Smartbox sich ins Bordsystem im Auto des Lieferanten einklinkt. Die Adresse des Bestellers wurde bereits anhand der Telefonnummer ermittelt und in den eingebauten RAM der Smartbox übermittelt. Von da wird er dem Auto zugeleitet, das den optimalen Fahrtweg berechnet und auf einem Display darstellt, eine leuchtende bunte Karte, die auf der Windschutzscheibe abgebildet wird, damit der Fahrer nicht einmal nach unten sehen muß.
Sollte die Frist von dreißig Minuten verstreichen, wird die Nachricht von dieser Katastrophe an das Cosa Nostra Pizzahauptquartier gemeldet und von dort persönlich weitergeleitet an Onkel Enzo – den sizilianischen Colonel Sanders, den Andy Griffith von Bensonhurst, die rasiermesserschwingende Ausgeburt manch eines Auslieferatoralptraums, Capo und Galionsfigur von Cosa Nostra Pizza Incorporated – der innerhalb von fünf Minuten bei dem Kunden anruft und sich tausendmal entschuldigt. Am nächsten Tag landet Onkel Enzo mit einem Jethelikopter im Garten des Kunden und entschuldigt sich nochmals und überreicht ihm eine kostenlose Reise nach Italien – er muß nur ein paar Verträge unterschreiben, die ihn zur öffentlichen Figur und zum Sprecher von Cosa Nostra Pizza machen und im Grunde genommen seinem Privatleben, wie er es kennt, ein Ende bereiten. Er wird, wenn die ganze Aktion vorbei ist, den Eindruck haben, daß er der Mafia einen Gefallen schuldet.
Der Auslieferator weiß nicht genau, was in so einem Fall mit dem Fahrer passiert, aber er hat Gerüchte gehört. Die meisten Pizzalieferungen finden in den Abendstunden statt, die Onkel Enzo als seine Freizeit betrachtet. Und wie wäre Ihnen zumute, wenn Sie das Abendessen mit Ihrer Familie unterbrechen müßten, um einen ungebärdigen Trottel in einer Burbklave anzurufen und Kratzfüße wegen einer verspäteten Scheißpizza zu machen? Onkel Enzo hat nicht fünfzig Jahre lang seiner Familie und seinem Land gedient, damit er in einem Alter, in dem die meisten Golf spielen oder ihre Enkeltöchter auf den Knien wiegen, tropfnaß aus der Badewanne steigen und sich hinknien und die Füße eines sechzehnjährigen Skatepunks küssen muß, dessen Peperonipizza erst nach einunddreißig Minuten zugestellt wurde. O Gott. Der Auslieferator atmet ein bißchen flacher, wenn er nur daran denkt.
Aber wenn es anders wäre, würde er gar nicht für Cosa Nostra Pizza fahren. Wissen Sie warum? Weil es etwas hat, wenn man sein Leben aufs Spiel setzt. Es ist, als wäre man ein Kamikazepilot. Das Denken ist klar. Andere Menschen – Verkäufer, Burgerbrater, Softwareingenieure, die ganze Palette sinnloser Jobs, die das Leben in Amerika ausmachen -, andere Menschen verlassen sich einfach auf die gute alte Konkurrenz. Lieber die Burger schneller wenden und die Programmabläufe schneller korrigieren, als dein Klassenkamerad von der High School zwei Blocks weiter die Straße runter sie wendet oder korrigiert, weil diese Typen unsere Konkurrenz sind, und die Leute achten auf so was.
Was ist das doch für eine Scheißtretmühle. Cosa Nostra Pizza hat keine Konkurrenz. Konkurrenz verstößt gegen die Ethik der Mafia. Man arbeitet nicht schwerer, weil man gegen einen identischen Laden weiter unten an der Straße konkurriert. Man arbeitet schwerer, weil alles auf dem Spiel steht. Der Name, Ehre, Familie, das Leben. Diese Burgerbrater haben vielleicht eine höhere Lebenserwartung- aber man muß sich natürlich fragen, was das überhaupt für ein Leben ist. Darum kann niemand, nicht einmal die Japaner, Pizzas schneller ausliefern als die Cosa Nostra. Der Auslieferator ist stolz darauf, daß er die Uniform trägt, stolz darauf, daß er das Auto fährt, stolz darauf, daß er auf den Gehwegen zahlloser Burbklavenhäuser spazierengehen darf, eine grimmige Vision in Ninjaschwarz, eine Pizza auf der Schulter, deren rote LED-Anzeige stolz Ziffern in die Nacht strahlt: 12:32 oder 15:15 oder gelegentlich auch einmal 20:43.
Der Auslieferator ist Cosa Nostra Pizza # 3569 im Valley zugeteilt. Südkalifornien weiß nicht, ob es geschäftig sein oder sich auf der Stelle erwürgen soll. Nicht genügend Straßen für die vielen Menschen. Fairlanes Inc. baut ständig neue. Dazu müssen sie eine Menge Stadtviertel plattwalzen, aber diese Baugebiete aus den siebziger und achtziger Jahren existieren ja nur, um plattgewalzt zu werden, richtig? Keine Bürgersteige, keine Schulen, kein gar nichts. Haben keine eigene Polizeitruppe, keine Einwanderungskontrolle – unerwünschte Elemente können einfach reinspazieren, ohne kontrolliert oder auch nur angesprochen zu werden. Eine Burbklave dagegen, da kann man leben. Ein Stadtstaat mit eigener Verfassung, einer Grenze, Gesetzen, Polizisten, allem.
Früher einmal war der Auslieferator eine Zeitlang Corporal bei der Staatsschutzpolizei in den Farms of Merryvale. Wurde gefeuert, weil er das Schwert gegen einen nachweislichen Brecher gezückt hatte. Stieß es direkt durch das Hemd des Kerls, glitt mit der flachen Seite der Klinge an seinem Halsansatz entlang und spießte ihn an einem verzogenen und blasenschlagenden Stück Vinylverkleidung an der Seitenwand des Hauses fest, in das er einbrechen wollte. Er hielt es für eine ziemlich angemessene Festnahme. Aber sie feuerten ihn trotzdem, weil sich herausstellte, daß der Brecher der Sohn des Vizekanzlers der Farms of Merryvale war. Oh, diese Wiesel hatten eine Ausrede: sagten, daß ein achtzig Zentimeter langes Samuraischwert nicht dem Waffenprotokoll entsprach. Sagten, er hätte den MEIC – den Mutmaßlichen Einbrecher Inhaftierungs-Code – verletzt. Sagten, der Brecher hätte ein psychologisches Trauma erlitten. Jetzt habe er Angst vor Buttermessern; er müßte sich die Marmelade mit der Rückseite eines Teelöffels aufs Brot streichen. Sie sagten, er hätte eine Schadenersatzklage gegen sie ermöglicht.
Der Auslieferator hatte sich etwas Geld borgen müssen, um dafür zu bezahlen. Hatte es tatsächlich von der Mafia borgen müssen. Damit ist er jetzt in ihrer Datenbank gespeichert – Netzhautmuster, DNS, Stimmdiagramm, Fingerabdrücke, Fußabdrücke, Handabdrücke, Handgelenkabdrücke, jeden Scheißteil seines Körpers mit Runzeln – nun, fast jeden – haben diese Dreckskerle in Tinte getaucht und einen Abdruck gemacht und digital im Computer gespeichert. Aber es ist ihr Geld – logisch, daß sie Vorsichtsmaßnahmen treffen, wenn sie es verleihen. Und als er sich um den Job eines Auslieferators beworben hatte, haben sie ihn mit Freuden genommen, weil sie ihn kannten. Als er das Darlehen bekam, hatte er sich plötzlich mit den Assistenten des Vizecapo des Valley unterhalten müssen, der ihn später für den Job des Auslieferators empfahl. Es war wie in einer Familie. Einer echt furchteinflößenden, verdrehten, perversen Familie.
Cosa Nostra Pizza # 3569 liegt in der Vista Road gerade um die Ecke der Kings Park Mall. Vista Road gehörte einmal dem Staat Kalifornien, heißt heute aber Fairlane Inc. Route CSV-5. Ihr Hauptkonkurrent war ein US-Highway, der inzwischen Cruiseways Inc. Route Kal-12 heißt. Tiefer im Inneren des Tals kreuzen sich die beiden Konkurrenzstraßen sogar. Früher hatte das zu erbitterten Disputen geführt, und die Kreuzung mußte ab und zu wegen sporadischem Beschuß durch Heckenschützen geschlossen werden. Schließlich kaufte eine große Baugesellschaft die ganze Kreuzung und machte daraus ein riesiges Autoeinkaufszentrum. Jetzt führen die Straßen einfach nur in ein Parksystem – kein Parkplatz, keine Garage, sondern ein System – und verlieren ihre Identität. Wenn man die Kreuzung überwinden will, muß man Fahrspuren durch das gesamte Parksystem suchen, viele verflochtene Wege in alle Richtungen, wie der Ho-Tschi-Minh-Pfad. CSV-5 ist direkter, aber Kal-12 besser asphaltiert. Das ist typisch – die Straßen von Fairlanes bringen einen schnell ans Ziel, für Fahrer Typ A, Cruiseways legt mehr Wert auf den Fahrkomfort, für Fahrer Typ B.
Der Auslieferator ist ein Fahrer Typ A mit Tollwut. Er nähert sich seinem Stützpunkt, Cosa Nostra Pizza # 3569, und rast mit hundertzwanzig Stundenkilometern auf der linken Spur der CSV-5 dahin. Sein Auto ist eine unsichtbare schwarze Raute, nur ein dunkler Fleck, der den Tunnel der Reklameschilder reflektiert- das Loglo. Eine Reihe orangeroter Lichter blinkt und flimmern an der Vorderseite, wo sich der Kühler befinden würde, wäre dies ein luftgekühltes Auto. Die orangeroten Lichter sehen wie ein Benzinfeuer aus. Es leuchtet zu den Heckscheiben der ben der Leute hinein, reflektiert in ihren Rückspiegeln, projiziert eine feurige Maske über ihre Augen, greift direkt in ihr Unterbewußtsein und löst schreckliche Ängste aus, bei vollem Bewußtsein unter einem Benzintank eingeklemmt zu sein, so daß sie an den Straßenrand fahren und den Auslieferator mit seiner schwarzen Kutsche des Peperonifeuers überholen lassen wollen.
Das Loglo oben, das die CSV-5 wie ein doppelter Kondensstreifen begleitet, ist eine Wand elektrischer Lichter aus zahllosen Zellen, und jede Zelle wurde in Manhattan von Graphikern gestaltet, die für ein einziges Logo mehr bekommen als der Ausliefrator in seinem ganzen Leben. Obwohl sie alle um Aufmerksamkeit heischen, verschwimmen sie ineinander, besonders bei hundertzwanzig Stundenkilometern. Dennoch kann man Cosa Nostra Pizza # 3569 mühelos erkennen-wegen der Reklametafel, die selbst nach den gegenwärtigen inflationären Maßstäben breit und hoch ist. Tatsächlich sieht der gedrungene Laden selbst lediglich wie eine tiefliegende Basis für die gewaltigen Aramidfibersäulen aus, die die Reklametafel hoch ans Markenzeichenfirmament halten. Marca Registrada, Baby.
Die Reklametafel ist ein Klassiker; eine Zugnummer, keine Ausgeburt einer vorübergehenden Werbekampagne der Mafia. Sie ist ein Monument, ein Standbild dauerhafter als Erz. Schlicht und elegant. Sie zeigt Onkel Enzo in einem seiner steifen italienischen Anzüge. Die Nadelstreifen glitzern und spannen sich wie Sehnen. Das Taschentuch in der Brusttasche ist blütenweiß. Sein Haar ist perfekt, mit etwas pomadisiert, das nie abgeht, jede Strähne am Ende von Onkel Enzos Vetter Art, dem Barbier, der die zweitgrößte Kette billiger Frisiersalons der Welt leitet, schnurgerade abgeschnitten. Onkel Enzo steht da, er lächelt nicht gerade, hat aber auf jeden Fall ein humorvolles Funkeln in den Augen, er posiert nicht wie ein Model, sondern steht da, wie es jeder Onkel tun würde, und darunter steht:
Die MafiaSie haben einen Freund in der Familie! bezahlt durch die Our Thing Foundation
Die Reklametafel dient dem Auslieferator als Orientierungshilfe. Er weiß, wenn er die Stelle der CSV-5 erreicht, wo die untere Ecke der Tafel von den pseudogotischen Buntglasbögen der Pearly-Gates-Werbung des hiesigen Reverend Wayne verdeckt wird, ist es Zeit, auf die rechten Fahrspuren zu wechseln, wo die Bremser und Bimbo-Boxen dahintuckern, wahllos, unentschlossen, und die Ausfahrt jedes einzelnen Geschäfts betrachten, die sie passieren, als wüßten sie nicht, ob sie eine Bedrohung oder ein Versprechen darstellt.
Er schneidet eine Bimbo-Box – einen Familien-Kleintransporter -, schlittert am Buy ’n Fly nebenan vorbei und schert zu Cosa Nostra Pizza # 3569 aus. Die dicken, fetten Kontaktflächen beschweren sich, quietschen ein kleines bißchen, halten aber auf dem patentierten Bodenhaftungsbelag von Fairlanes Inc. und bringen ihn in den Tunnel. Keine anderen Auslieferatoren warten im Tunnel. Das ist gut, für ihn bedeutet das schnelle Bedienung, rasche Abfertigung, immer in Bewegung mit der ’za. Als er mit quietschenden Reifen hält, öffnet sich die elektromagnetische Klappe an der Flanke seines Autos bereits und präsentiert die leeren Pizzafächer, und die Tür klickt und klappt zusammen wie der Flügel eines Käfers. Die Fächer warten. Warten auf heiße Pizza.
Und warten. Der Auslieferator hupt. Dies entspricht nicht der üblichen Vorgehensweise.
Fenster werden geöffnet. Das dürfte nie passieren. Man kann den Ringhefter der Cosa Nostra Pizzauniversität aufschlagen, im Stichwortregister unter Fenster, Tunnel, Ausgabe nachsehen und erfährt dort sämtliche Prozeduren für dieses Fenster – und auch, daß es nie geöffnet werden sollte. Es sei denn, es ist etwas schiefgegangen.
Das Fenster gleitet zur Seite und – sitzen Sie? – Rauch quillt darunter hervor. Der Auslieferator hört ein mißtönendes Plärren über den Heavy Metal-Hurrikan seines Soundsystems und begreift, daß es sich um einen Rauchalarm aus dem Inneren der Anlage handelt.
Aus-Taste der Stereoanlage. Erdrückendes Schweigen – seine Trommelfelle entkrampfen sich -, hinter dem Fenster summt der Schrei des Rauchalarms. Das Auto wartet im Leerlauf. Die Luke ist schon zu lange offen, Giftstoffe aus der Atmosphäre schlagen sich auf den elektrischen Kontakten im hinteren Teil der Pizzafächer nieder, er wird sie außerplanmäßig reinigen müssen, und alles läuft genau so, wie es laut dem Ringhefter, der den Rhythmus des Pizzauniversums erklärt, nicht laufen sollte.
Drinnen läuft ein footballförmiger abkhazianischer Mann hin und her, hält einen Ringhefter offen und benutzt seinen Rettungsring als Stütze, damit dieser nicht zuklappt; er läuft mit den Bewegungen eines Mannes, der ein Ei auf einem Löffel trägt. Er brüllt im abkhazianischen Dialekt; alle Leute, die in diesem Teil des Tals in Pizzaniederlassungen der Cosa Nostra arbeiten, sind abkhazianische Einwanderer.
Sieht nicht nach einem ernsten Feuer aus. Der Auslieferator hat einmal ein richtiges Feuer gesehen, in den Farms of Merryvale, und da konnte man außer Rauch gar nichts erkennen. Mehr war es nicht: Rauch, der aus dem Nichts wallte, gelegentlich ein Aufflackern orangefarbenen Lichts ganz unten wie Wetterleuchten in hohen Wolken. So ein Feuer ist dies hier nicht. Es ist ein Feuer, das gerade eben ausreichend Rauch erzeugt, daß die Rauchmelder ansprechen. Und wegen dieser Scheiße verliert er Zeit.
Der Auslieferator drückt auf die Hupe. Der abkhazianische Geschäftsführer kommt ans Fenster. Er soll über Hausfunk mit den Fahrern sprechen, er könnte sagen, was er wollte, und es würde direkt in das Auto des Auslieferators übertragen werden, aber nein, er muß ihm dabei ins Gesicht sehen, als wäre der Auslieferator ein beschissener Ochsenkarrenkutscher. Sein Gesicht ist rot, er schwitzt und verdreht die Augen, während er nach den englischen Worten sucht.
»Ein Feuer, ein kleines«, sagt er.
Der Auslieferator sagt nichts. Er weiß, daß dies alles auf Videoband aufgezeichnet wird. Das Band wird, wie es sich verhält, zur Cosa Nostra Pizzauniversität übermittelt, wo es in einem wissenschaftlichen Labor des Pizzamanagements untersucht werden wird. Es wird Studenten der Pizzauniversität gezeigt werden – möglicherweise genau den Studenten, die diesen Mann ersetzen, wenn er gefeuert wird -, als Bilderbuchbeispiel, wie man sich sein Leben versauen kann.
»Neuer Angestellter – hat sein Essen in die Mikrowelle gestellt – Metallfolie darin – Bumm!« sagt der Geschäftsführer.
Abkhazien war einmal Teil der Scheißsowjetunion. Ein frischgebackener Einwanderer aus Abkhazien, der versucht, einen Mikrowellenherd zu bedienen, ist etwa so wie Tiefseespulwurm, der Gehirnchirurgie versucht. Wo haben sie diese Typen bloß her? Gab es keine Amerikaner, die eine Scheißpizza backen konnten?
»Geben Sie mir nur eine Pizza«, sagt der Auslieferator. Das Wort Pizza holt den Burschen in das gegenwärtige Jahrhundert zurück. Er reißt sich zusammen. Er schlägt das Fenster zu und erstickt damit das unablässige Plärren des Rauchalarms.
Ein nipponesischer Roboterarm schiebt die Pizza heraus in das oberste Fach. Die Klappe schließt sich, um sie zu schützen.
Als der Auslieferator aus dem Tunnel fährt, beschleunigt, die Adresse überprüft, die auf seiner Windschutzscheibe aufleuchtet, um zu entscheiden, ob er rechts oder links abbiegt, passiert es. Seine Stereoanlage schaltet wieder ab – auf Empfehlung des Bordsystems. Die Cockpitlichter werden rot. Rot. Ein wiederholter Summton erklingt. Die Digitalanzeige der Windschutzscheibe, die der an der Pizzabox entspricht, leuchtet auf: 20:00.
Sie haben dem Auslieferator gerade eine zwanzig Minuten alte Pizza gegeben. Er überprüft die Adresse; sie ist zwölf Meilen entfernt.
2
Der Auslieferator stößt ein unwillkürliches Brüllen aus und läßt den Hammer runter. Seine Emotionen sagen ihm, er soll umkehren und den Geschäftsführer umbringen, seine Schwester aus dem Kofferraum holen, wie ein Ninja durch das kleine Schiebefenster springen, den Geschäftsführer durch das Tollhaus des mikrowellengeschädigten Ladens jagen und ihm als Höhepunkt in einer dick aufgetragenen Apokalypse gegenübertreten. Aber dasselbe denkt er, wenn ihn jemand auf dem Freeway ausbremst, und bis jetzt hat er es nie gemacht – noch nicht.
Er wird es schon schaffen. Er dreht die Warnlichter auf Maximum auf, schaltet die Scheinwerfer auf Autoflash. Er achtet nicht auf den warnenden Summton, rammt die Stereoanlage auf Taxiscan, das sämtliche Frequenzen der Taxifahrer nach interessanten Verkehrsmeldungen absucht. Kann kein Scheißwort verstehen. Man konnte sich Tonbänder kaufen, sich beim Fahren weiterbilden und die Taxilingua lernen. In der Branche war das erforderlich, um einen Job zu bekommen. Sie behaupteten, daß es auf Englisch basierte, trotzdem konnte man nicht ein Wort unter hundert erkennen. Aber eine ungefähre Ahnung bekam man. Wenn es Ärger auf dieser Straße gab, würden sie sich in Taxilingua davon erzählen, ihm eine Warnung geben, damit er eine alternative Route einschlagen konnte und nicht
er umklammert das Lenkrad im Verkehr steckenbliebseine Augen werden groß, er kann spüren, wie der Druck sie in den Schädel zurück zwängt oder hinter einem mobilen Heim hertuckern mußteseine Blase ist sehr voll und die PizzaO Gott, O Gott zu spät zustellte22:06 klebt an der Windschutzscheibe; er kann nur eines sehen, an eines denken: 30:01.
Die Taxifahrer tratschen über etwas. Taxilingua ist ein geschmeidiges Brabbeln mit einigen schroffen ausländischen Lauten, wie mit Glasscherben gespickte Butter. Er hört immer wieder »Fahrgast«. Dauernd brabbeln sie über ihre Fahrgäste. Tolle Geschichte. Was passiert, wenn ihr eure Fahrgäste
zu spätabliefert, bekommt ihr nicht soviel Trinkgeld? Tolle Story.
Großer Stau an der Kreuzung CSV-5 und Oahu Road, wie üblich, man kann ihn nur umgehen, indem man durch The Mews in Windsor Heights abkürzt.
TMIWHs besitzen alle denselben Grundriß. Wenn die Baufirma TMIWH Corporation eine neue Burbklave entwirft, trägt sie Berge ab und leitet den Lauf der größten Flüsse um, damit dieser Straßenplan nicht gefährdet wird, wurde er doch ergonomisch entworfen, die Fahrsicherheit zu erhöhen. Ein Auslieferator kann von überall her in eine Mews in Windsor Heights einfahren, von Fairbanks bis Yaroslavl bis zur speziellen ökonomischen Zone von Shenzhen, und findet sich zurecht.
Aber wenn man ein paarmal einen Kuchen in jedes einzelne Haus in einem TMIWH geliefert hat, kennt man seine kleinen Geheimnisse. Der Auslieferator ist so ein Mann. Er weiß, daß es in einem Standard-TMIWH nur einen Garten gibt – einen Garten -, der einen daran hindert, schnurgerade zu einer Einfahrt hinein, quer durch die Burbklave und zur anderen wieder hinaus zu fahren. Wenn man Scheu hat, über Gras zu fahren, braucht man eventuell zehn Minuten, bis man sich durch das TMJWH geschlängelt hat. Aber wenn man den Mumm aufbringt, eine Reifenspur durch diesen einen Rasen zu ziehen, schießt man schnurgerade durch das Zentrum.
Der Auslieferator kennt diesen Garten. Er hat schon Pizzas dorthin geliefert. Er hat ihn angesehen, sondiert, sich die Standorte von Schuppen und Picknicktisch eingeprägt, er könnte sie im Dunkeln finden – er weiß, sollte es jemals so weit kommen, eine dreiundzwanzig Minuten alte Pizza, Meilen zu fahren und ein Stau Ecke CSV-5 und Oahu, dann könnte er bei The Mews in Windsor Heights einfahren (sein elektronisches Auslieferervisum würde das Tor automatisch heben), den Heritage Boulevard entlang kreischen, scharf in den Strawbridge Place abbiegen (ohne auf das Schild SACKGASSE, die Geschwindigkeitsbegrenzungen und die SPIELSTRASSE-Symbole zu achten, die so großzügig im TMIWH verteilt sind), die Bremskuppen mit seinen gigantischen Speichen zertrümmern, durch die Einfahrt von Strawbridge Circle Nummer 15 donnern, hart links um den Schuppen im Garten herum, dem Picknicktisch ausweichen (schwierig), über die vordere Einfahrt auf die Mayapple, die ihn zur Bellewood Valley Road bringen würde, die wiederum schnurgerade zur Ausfahrt der Burbklave führt. Die Schutzpolizei von TMIWH würde ihn wahrscheinlich an der Ausfahrt erwarten, aber deren SRS-Vorrichtungen – Schwere Reifenschäden – zeigen nur in eine Richtung – sie können verhindern, daß Leute reinkommen, aber nicht, daß sie wieder rausfahren.
Dieses Auto fährt so scheißschnell – würde ein Polyp von einem Krapfen abbeißen, wenn der Auslieferator auf den Heritage Boulevard fährt, könnte er wahrscheinlich erst schlucken, wenn der Auslieferator schon auf der Oahu ist.
Plopp. Weitere rote Lichter auf der Windschutzscheibe leuchten auf: der Sicherheitsbereich des Autos wurde verletzt.
Nein. Das kann nicht sein.
Jemand beschattet ihn. Gleich neben der linken Flanke. Eine Person auf einem Skatebord rollt direkt hinter ihm, als er gerade die Anfahrtsvektoren zum Heritage Boulevard festlegt.
Der Auslieferator hat in seinem hektischen Zustand zugelassen, daß er puniert worden ist. Wie in harpuniert. Von einem großen, runden, gepolsterten Elektromagnet am Ende eines Arachnofiberkabels. Der ist gerade auf das Heck des Autos des Auslieferators geploppt und haften geblieben. Drei Meter hinter ihm surft der Besitzer dieses vermaledeiten Dings, läßt sich mitnehmen, saust auf seinem Skateboard dahin wie ein Wasserskiläufer hinter einem Boot.
Im Rückspiegel Aufblitzen von Orange und Blau. Der Parasit ist nicht nur ein Punk, der die Sau rausläßt. Er ist ein Geschäftsmann, der Geld verdient. Der orange-blaue Overall, der durch das gesinterte Panzergel völlig aufgedunsen wirkt, ist die Uniform eines Kuriers. Eines Kuriers von RadiKS, Radikal Kurier Systems. Wie ein Fahrradbote, nur hundertmal nervtötender, weil sie nicht aus eigener Kraft in die Pedale steigen – sie hängen sich einfach an und machen einen langsamer.
Logisch. Der Auslieferator hat es eilig, Blinklichter eingeschaltet, läßt die Kontaktflächen quietschen. Das schnellste Geschoß auf der Straße. Logisch, daß sich der Kurier an ihn angehängt hat.
Kein Grund durchzudrehen. Mit der Abkürzung durch TMIWH bleibt ihm genügend Zeit. Er überholt ein langsameres Auto auf der mittleren Spur und schert direkt vor ihm wieder ein. Der Kurier muß sich entpunen, andernfalls wird er seitlich gegen das langsamere Fahrzeug geklatscht.
Geschafft. Der Kurier ist keine dreieinhalb Meter mehr hinter ihm – er ist direkt da und schaut zur Heckscheibe herein. Der Kurier, der das Manöver vorausgesehen hatte, hat das Seil eingerollt, das an einem Griff mit elektrischer Spule befestigt ist, und fährt nun direkt hinter dem Pizzamobil, der Vorderreifen seines Skateboards tatsächlich unter der Heckstoßstange des Auslieferators.
 
Eine Hand im orange-blauen Handschuh, die eine durchsichtige Plastikfolie hält, wird ausgestreckt und klatscht gegen das Fenster der Fahrerseite. Der Auslieferator ist soeben plakettiert worden. Die Plakette hat einen Durchmesser von dreißig Zentimetern, und darauf steht in großen, orangefarbenen Buchstaben, rückwärts gedruckt, damit man sie von innen lesen kann:

DAS WAR ABGESCHMACKT

Er verpaßt um ein Haar die Ausfahrt zu The Mews in Windsor Heights. Er muß auf die Bremse treten, den Verkehr vorbeilassen und über die Bordsteinspur, damit er in die Burbklave hinein kann. Der Grenzposten ist hell erleuchtet, die Grenzer bereit, sämtliche Ankömmlinge zu kontrollieren – zu filzen, wenn es sich um die falschen Leute handelt -, aber das Tor wird wie durch Zauberhand geöffnet, die Sensoren des Sicherheitssystems erkennen, daß es sich hier um ein Pizzafahrzeug der Cosa Nostra handelt, das gerade eine Lieferung zustellt, Sir. Und als er durchfährt, winkt der Kurier – diese Zecke im Arsch – der Grenzpolizei zu. Was für ein Wichser! Als würde er ständig hier reinkommen!
 
Wahrscheinlich kommt er auch ständig hier rein. Holt wichtige Scheiße für wichtige TMIWH-Leute ab, liefert sie in anderen FOQNEs – Franchise-Organisierten Quasi-Nationalen Einheiten – ab, schafft sie durch den Zoll. Das ist die Aufgabe von Kurieren. Noch.
Er fährt zu langsam, hat jeglichen Schwung verloren, sein Zeitplan ist durcheinander. Wo steckt der Kurier? Ah, hat etwas Seil ausgekurbelt, folgt wieder hinterher. Der Auslieferator weiß, daß diesem Pisser eine große Überraschung bevorsteht. Kann er auf seinem Scheißskateboard stehenbleiben, während er mit hundert Stundenkilometern über die plattgewalzten Plastiktrümmer eines Kinderfahrrads gezogen wird? Wir werden es herausfinden.
Der Kurier lehnt sich zurück – der Auslieferator beobachtet ihn im Rückspiegel, er kann nicht anders -, lehnt sich zurück wie ein Wasserskiläufer, stößt sich mit seinem Board ab, schwenkt zur Seite und neben den Auslieferator, rast Seite an Seite mit diesem den Heritage Boulevard entlang, und klatsch landet eine neue Plakette, diese auf der Windschutzscheibe! Darauf steht:

GUTE ARBEIT, EX-LAX

Der Auslieferator hat von diesen Plaketten gehört. Dauert Stunden, die wieder abzukriegen. Man muß das Auto in die Werkstatt bringen, Trillionen Dollar bezahlen. Jetzt stehen nur noch zwei Dinge auf dem Terminplan des Auflieferators: Er wird diesen Straßenabschaum abhängen, koste es was es wolle, und er wird die Scheißpizza zustellen, und das alles in den nächsten
24:23
fünf Minuten und siebenunddreißig Sekunden.
Hier ist es – muß sich mehr auf die Straße konzentrieren – er schwenkt in eine Seitenstraße, keine Vorwarnung, und hofft, daß er den Kurier möglicherweise gegen das Straßenschild an der Ecke schnalzen kann. Klappt nicht. Die Gewitzten achten auf die Vorderreifen, sie sehen, wenn man abbiegt, die kann man nicht überraschen. Den Strawbridge Place runter! Der scheint so lang zu sein, länger als er ihn in Erinnerung hat – logisch, wenn man es eilig hat. Sieht Autos voraus funkeln, seitlich zur Straße geparkte Autos. Und da ist das Haus. Hellblaue Vinylfassade, einstöckig, Garage daneben. Er macht die Einfahrt zum Mittelpunkt seines Universums, verdrängt den Kurier aus seinem Denken, versucht, nicht an Onkel Enzo zu denken, was der gerade tun mag – im Bad, möglicherweise, oder beim Scheißen, oder er schläft gerade mit einer Schauspielerin oder bringt einer seiner sechsundzwanzig Enkelinnen sizilianische Lieder bei.
Der Bordstein der Einfahrt rammt seinen Stoßdämpfer halb in den Motorraum, aber dazu sind Stoßdämpfer ja da. Er weicht dem Auto in der Einfahrt aus – müssen heute abend Besucher haben, kann sich nicht dran erinnern, daß diese Leute einen Luxus fahren -, prescht durch die Hecke in den Garten, hält nach diesem Schuppen Ausschau, diesem Schuppen, in den er unter gar keinen Umständen hineinrasen darf
ist nicht da, sie haben ihn abgenommen nächstes Problem der Picknicktisch im nächsten Garten bleib dran, da ist ein Zaun, wann haben sie denn einen Zaun aufgestellt?
Keine Zeit, auf die Bremse zu treten. Beschleunigen, ihn niederfahren, ohne den ganzen Schwung zu verlieren. Es ist nur ein einszwanzig hohes Holzding.
Der Zaun kippt mühelos um, der Auslieferator büßt möglicherweise zehn Prozent seiner Geschwindigkeit ein. Aber seltsamerweise hat das Ding wie ein alter Zaun ausgesehen, möglicherweise ist er irgendwo falsch abgebogen – überlegt er sich, als er in einen leeren Swimmingpool im Garten katapultiert wird.
 
Wäre der voll mit Wasser gewesen, wäre es wahrscheinlich gar nicht so schlimm geworden, möglicherweise hätte man das Auto retten können und er würde Cosa Nostra Pizza kein neues Auto schulden. Aber nein, er macht einen Stuka in die gegenüberliegende Mauer des Pools, hört sich mehr nach einer Explosion als nach einem Autounfall an. Der Airbag bläst sich auf, fällt eine Sekunde später wieder in sich zusammen wie ein Vorhang und gibt den Blick auf die Struktur seines neuen Lebens frei: er steckt in einem toten Auto in einem leeren Pool in einem TMIWH, die Sirenen der Polizei der Burbklave kommen näher, und hinter seinem Kopf wartet eine Pizza wie die Schneide einer Guillotine, und die Anzeige lautet 25:17.
»Wohin muß die?« sagt jemand. Eine Frau.
Er schaut durch den verbogenen Rahmen des Fensters auf, das jetzt von einem Fraktalmuster kristallisierten Sicherheitsglases überzogen ist. Der Kurier redet mit ihm. Der Kurier ist kein Mann, sonder eine junge Frau. Ein verfluchtes Teenagermädchen. Sie ist makellos, unverletzt. Sie ist einfach in den Pool hinein geskatet und pendelt jetzt zwischen einer Seite und der anderen hin und her, wobei sie ein Ufer fast bis zum Rand hinauf skatet, umdreht, nach unten, durch den Pool und auf der anderen Seite wieder hinauf. Die Pune hält sie in einer Hand, der Elektromagnet ist bis zum Griff zurückgespult, so daß das Ganze aussieht wie eine Art seltsamer intergalaktischer Weitwinkel-Todesstrahl. Auf ihrer Brust flimmern Hunderte kleiner Bänder und Orden wie bei einem General, aber die Rechtecke sind keine Bänder, sondern Zugangscodes. Zugangscodes mit einer ID-Nummer, die sie in ein anderes Gewerbe, einen anderen Highway oder eine andere FOQNE bringen.
»Yo!« sagte sie. »Wohin muß diese Pizza?«
Er wird sterben und sie macht einen Jux!
»White Columns. Oglethorpe Circle 5«, sagt er.
»Das schaffe ich. Mach die Klappe auf.«
Sein Herz schwillt zu doppelter Größe an. Tränen treten ihm in die Augen. Vielleicht kommt er doch mit dem Leben davon. Er drückt einen Knopf, worauf die Klappe sich öffnet.
Bei ihrer nächsten Durchquerung des Poolbodens reißt die Kurierin die Pizza aus dem Fach. Der Auslieferator zuckt zusammen, als er sich vorstellt, wie der knoblauchgewürzte Belag gegen die Rückwand der Box geschleudert wird. Dann klemmt sie sie seitlich unter den Arm. Dieser Anblick ist mehr als ein Auslieferator ertragen kann.
Aber sie wird sie abliefern. Onkel Enzo muß sich nicht für häßliche, ruinierte, kalte Pizzas entschuldigen, nur für zu spät gelieferte.
»He«, sagt er, »nimm das.«
Der Auslieferator streckt den schwarzgekleideten Arm zum zertrümmerten Fenster hinaus. Ein weißes Rechteck leuchtet im trüben Gartenlicht: eine Visitenkarte. Die Kurierin entreißt sie ihm bei der nächsten Durchquerung, liest sie. Darauf steht:
HIRO PROTAGONIST
Letzter freiberuflicher Hackergrößter Schwertkampfer der WeltStringer Central Intelligence CorporationSpezialisiert auf Software-Fälle(Musik, Filme & Mikrocode)
 
 
 
Auf der Rückseite steht ein Gekrakel, wie er zu erreichen ist: eine Telefonnummer. Ein universeller Stimmtelefonsuchcode. Ein Postfach. Seine Adresse in einem halben Dutzend elektronischer Kommunikationsnetze. Und eine Adresse im Metaversum.
»Dummer Name«, sagt sie und steckt die Karte in eine der hundert Taschen ihres Overall.
»Aber man vergißt ihn nie«, sagt Hiro.
»Wenn du ein Hacker bist...«
»Wie kommt es dann, daß ich Pizzas ausliefere?«
»Genau.«
»Weil ich ein freiberuflicher Hacker bin. Hör zu, wie immer du auch heißen magst, ich bin dir was schuldig.«
»Ich heiße Y.T.«, sagt sie, stößt sich mehrmals mit dem Fuß auf dem Poolboden ab, baut Energie auf. Sie schießt wie aus einem Katapult aus dem Pool hinaus, und fort ist sie. Die Smarträder ihres Skateboards, viele, viele Speichen, die aus- und eingefahren werden und sich der Bodenbeschaffenheit anpassen, befördern sie über den Rasen wie ein Butterflöckchen über heißes Teflon.
Hiro, der seit dreißig Sekunden nicht mehr der Auslieferator ist, steigt aus dem Auto aus, zieht seine Schwerter aus dem Kofferraum, schnallt sie sich um, bereitet sich auf eine atemberaubende nächtliche Flucht durch das TMIWH-Territorium vor. Die Grenze zu Oakwood Estates ist nur Minuten entfernt, er hat sich den Lageplan eingeprägt (mehr oder weniger), und er weiß, wie diese Polizisten der Burbklaven vorgehen, weil er selber mal einer war. Daher stehen seine Chancen nicht schlecht, daß er es schafft. Aber es wird interessant werden.
Über ihm, in dem Haus, zu dem der Pool gehört, ist Licht angegangen, und Kinder sehen aus ihren Schlafzimmerfenstern zu ihm herunter, warm und kuschelig in ihren Li’l Crips und Ninja-Krieger-Pyjamas, die entweder feuerfest oder nichtkrebserzeugend sein können, aber nicht beides zusammen. Dad kommt zur Hintertür heraus und zieht ein Jackett an. Es ist eine nette Familie, eine sichere Familie in einem Haus voller Licht, genau wie die Familie, der auch er bis vor dreißig Sekunden noch angehört hat.
3
Hiro Protagonist und Vitaly Tschernobyl, Zimmergenossen, kühlen sich in ihrem Zuhause ab, einem geräumigen 20 x 30 in einem »U-Stor-It«-Lagerhaus in Ingelwood, Kalifornien. Das Zimmer verfügt über einen betonierten Boden, Wellblechwände, die es von den anderen Wohneinheiten abtrennen, und – dies ist ein herausragendes Zeichen von Luxus – eine Stahltür zum Hochrollen nach Nordosten, wodurch sie um diese Zeit, wenn die Sonne über LAX untergeht, ein paar rote Strahlen abbekommen. Von Zeit zu Zeit rollen eine 777 oder ein Überschalltransporter von Sukhoi/Kawasaki vor die Sonne und verdecken den Sonnenuntergang mit dem Ruder oder verderben das rote Licht einfach nur mit ihren Abgasen, so daß die parallelen Strahlen zu einem scheckigen Muster an der Wand zerfallen.
Aber es gibt schlimmere Orte zum Leben als diesen. Sogar viel schlimmere Orte genau hier in diesem U-Stor-It. Nur die großen Einheiten wie diese besitzen eine eigene Tür. Die meisten betritt man über ein kommunales Ladedock, das zu einem Irrgarten von breiten Wellblechfluren und Lastenaufzügen führt. Das sind die Elendsviertel, 5 x 10 und 10 x 10, wo Yanoama-Stammesglieder über Bergen brennender Lotterielose Bohnen kochen und ganze Fäuste voll Kokablättern garen.
Man munkelt, daß in alten Zeiten, als das »U-Stor-It«-Lagerhaus tatsächlich noch für seinen tatsächlichen Verwendungszweck benutzt wurde (nämlich billigen Lagerplatz für Kalifornier mit zuviel materiellen Gütern bereitzustellen) gewisse Unternehmer ins Büro kamen, mit gefälschten Ausweisen 10 x 10er mieteten, diese mit Fässern voll toxischer Abfallstoffe vollstellten, sich aus dem Staub machten und das Problem der Firma U-Stor-It überließen. Die Gerüchte behaupten weiterhin, das U-Stor-It diese Apartments einfach abgeschlossen und abgeschrieben haben soll. Jetzt, behaupten die Einwanderer, werden einige Einheiten bis auf den heutigen Tag von diesen chemischen Gespenstern heimgesucht. Es ist eine Geschichte, die sie ihren Kindern erzählen, damit diese nicht in die mit Vorhängeschlössern gesicherten Einheiten einbrechen.
Niemand hat je versucht, in Hiros und Vitalys Einheit einzubrechen, weil es nichts zu stehlen gibt, und in dieser Phase ihres Lebens ist keiner so wichtig, daß man sie töten, entführen oder verhören müßte. Hiro besitzt zwei hübsche japanische Schwerter, aber die trägt er immer bei sich, und allein die Vorstellung, solche Waffen zu stehlen, stellt den potentiellen Brecher automatisch vor gewisse Gefahren und Widersprüche: Wenn man um den Besitz eines Schwerts kämpft, gewinnt immer derjenige, der den Griff hält. Hiro besitzt darüber hinaus einen richtig tollen Computer, den er normalerweise mitnimmt, wenn er irgendwo hingeht. Vitaly besitzt eine halbe Stange Lucky Strike, eine elektrische Gitarre und einen permanenten Kater.
Im Augenblick liegt Vitaly ausgestreckt auf einem Futon, und Hiro Protagonist sitzt mit überkreuzten Beinen an einem flachen Tisch im japanischen Stil, der aus einer Frachtpalette auf Hohlblocksteinen besteht.
Als die Sonne untergeht, weicht ihr Licht dem zahlreicher Neonlogos, die aus dem Firmengetto erstrahlen, welches die natürliche Umwelt dieses U-Stor-It bildet. Dieses Licht, das als Loglo bekannt ist, erfüllt die schattigen Ecken der Einheit mit kümmerlichen, übersättigten Farben.
Hiro hat eine cappuccinofarbene Haut und stachlige, geschnittene Dreadlocks. Sein Haar bedeckt den Kopf nicht mehr ganz so voll wie früher, aber er ist ein junger Mann, und der leicht zurückgewichene Haaransatz betont nur die hohen Wangenknochen. Er trägt eine funkelnde Brille, die halb um den Kopf herumreicht; die Bügel der Brille sind mit kleinen Kopfhörern versehen, die er in die Ohrmuscheln gesteckt hat.
Diese Kopfhörer wiederum verfügen über gewisse eingebaute Geräuschfilter. Die wirken am besten bei konstanten Geräuschen. Wenn Jumbo Jets von der Startbahn auf der anderen Straßenseite starten, wird deren Lärm zu einem leisen, anhaltenden Summen reduziert. Aber wenn Vitaly Tschernobyl ein experimentelles Gitarrensolo herunterfetzt, tut es Hiro dennoch in den Ohren weh.
Die Brille legt einen schwachen, rauchigen Dunst über seine Augen und spiegelt eine verzerrte Weitwinkelansicht auf einen strahlend hell erleuchteten Boulevard, das sich in eine unendliche Schwärze erstreckt. Dieser Boulevard existiert nicht in der Wirklichkeit; er ist das computergenerierte Bild eines imaginären Ortes.
Unter diesem Bild kann man Hiros Augen sehen, die einen asiatischen Einschlag haben. Die hat er von seiner Mutter, die Koreanerin aus Japan war. Der Rest von ihm hat mehr Ähnlichkeit mit seinem Vater, einem Afrikaner aus Texas, aus der Armee – zu der Zeit, bevor diese in eine Vielzahl rivalisierender Organisationen wie etwa General Jims Verteidigungssystem oder Admiral Bobs Nationale Sicherheit zerfiel.
Vier Gegenstände stehen auf der Palette: eine Flasche teures Bier aus der Gegend um Pudget Sound, die sich Hiro eigentlich gar nicht leisten kann; ein langes Schwert, das in Japan Katana genannt wird, und ein kurzes Schwert namens Wakizasbi - Hiros Vater hat sie in Japan mitgehen lassen, nachdem der Zweite Weltkrieg atomar wurde – und ein Computer.
Der Computer ist ein konturloser schwarzer Kasten. Er hat keine Stromkabel, aber eine enge durchsichtige Plastikröhre ragt aus einer Klappe an der Rückseite heraus und ist in eine behelfsmäßig angebrachte Fiberoptiksteckdose über dem Kopf des schlafenden Vitaly Tschernobyl gesteckt. In der Mitte dieser Plastikröhre verläuft ein haarfeines Fiberoptikkabel. Dieses Kabel übermittelt eine Unmenge Informationen zwischen Hiros Computer und dem Rest der Welt hin und her. Um dieselbe Informationsmenge auf Papier zu transportieren, müßte eine 747 Frachtmaschine, vollgepackt mit Telefonbüchern und Lexika, bis in alle Ewigkeit alle paar Minuten in ihre Wohneinheit stürzen.
Hiro kann sich eigentlich auch den Computer nicht leisten, aber er muß einen haben. Er ist ein Markenzeichen seines Fachs. In der weltweiten Gemeinschaft der Hacker ist Hiro ein begabter Drifter. Diese Art von Lebensstil hatte bis vor fünf Jahren noch den Hauch von Romantik für ihn. Aber im nüchternen Licht des Erwachsenseins, das den Jahren Anfang zwanzig folgt wie der Sonntagmorgen auf eine durchtanzte Samstagnacht, ist ihm deutlich bewußt, worauf es tatsächlich hinausläuft: Er ist pleite und arbeitslos. Und vor wenigen kurzen Wochen war auch seine Zeit als Pizzaauslieferer zu Ende – der einzige sinnlose Sackgassenjob, der ihm je Spaß gemacht hat. Seither hat er viel mehr Aufmerksamkeit auf seinen Notfall-Aushilfsjob verwendet – freiberuflicher Stringer für die CIC, die Central Intelligence Corporation, in Langley, Virginia.
Das Geschäft ist einfach. Hiro bekommt Informationen. Dabei kann es sich um Gerüchte, Videobänder, Audiobänder, das Bruchstück einer Diskette, die Fotokopie eines Dokuments handeln. Möglicherweise sogar nur um einen Witz über die jüngste, in aller Öffentlichkeit breitgetretene Katastrophe.
Diese übermittelt er an die CIC Datenbank – die Bibliothek, früher Library of Congress -, aber so nennt sie niemand mehr. Den meisten Menschen ist nicht einmal ganz klar, was das Wort »Kongreß« eigentlich bedeutet. Und selbst das Wort »Bibliothek« wird immer verschwommener. Das war ein Haus voller Bücher, überwiegend alter Bücher. Dann nahmen sie auch Videobänder, Schallplatten und Zeitschriften auf. Dann wurden sämtliche Informationen in maschinenlesbare Form übertragen, was heißen soll: Einser und Nullen. Und da die Zahl der Medien wuchs, wurde das Material immer aktueller, und die Methoden, die Bibliothek zu durchsuchen, immer komplexer, bis der Punkt erreicht war, an dem kein substantieller Unterschied mehr zwischen der Kongreßbibliothek und der Central Intelligence Agency bestand. Zufälligerweise spielte sich das alles gerade dann ab, als die Regierung sowieso zerfiel. Daher verschmolzen sie miteinander und stießen einen dicken, fetten Batzen Altpapier ab.
Millionen andere CIC Stringer übermitteln gleichzeitig Millionen anderer Informationen. Die Kunden der CIC, überwiegend Großkonzerne und Souveräne, durchwühlen die Bibliothek auf der Suche nach wichtigen Informationen, und wenn sie für etwas Verwendung finden, das Hiro eingegeben hat, wird Hiro dafür bezahlt.
Vor einem Jahr hat er die vollständige Rohfassung eines Drehbuchs eingegeben, das er aus dem Mülleimer eines Agenten in Burbank gestohlen hatte. Ein halbes Dutzend Studios wollten es sehen. Allein davon konnte er ein halbes Jahr essen und Ferien machen.
Seitdem sind die Zeiten magerer geworden. Er hat auf schmerzliche Weise lernen müssen, daß neunundneunzig Prozent der Informationen in der Bibliothek überhaupt nie benutzt werden.
Beispiel: Nachdem ein gewisser Kurier ihm den Tip von Vitaly Tschernobyls Existenz gegeben hat, verwendete er ein paar Wochen auf die Erforschung eines neuen musikalischen Phänomens – die Entstehung ukrainischer Nuklear-Punk-Grunge-Kollektive in L. A. Er hat erschöpfende Notizen zu diesem neuen Trend in der Bibliothek hinterlassen, einschließlich Videoclips und Demos. Keine einzige Plattenfirma, kein Agent und kein Rockkritiker hat sich je die Mühe gemacht, sie abzurufen.
Die Oberfläche des Computers ist glatt, abgesehen von einer Fischaugenlinse, einer polierten Glaskuppel mit purpurnem optischem Überzug. Wann immer Hiro die Maschine benutzt, taucht diese Linse auf und rastet ein, der Ansatz auf einer Höhe mit dem Gehäuse des Computers. Das Loglo der Nachbarschaft spiegelt sich verzerrt und geschrumpft auf der Oberfläche.
Hiro findet das erotisch. Was teilweise daran liegt, daß er seit mehreren Wochen keine anständige Nummer mehr geschoben hat. Aber das ist nicht alles. Hiros Vater, der mehrere Jahre in Japan stationiert war, war besessen von Kameras gewesen. Er brachte immer welche von seinen Aufenthalten im Fernen Osten mit zurück, in viele schützende Lagen eingewickelt, so daß es aussah, als würde man einen exquisiten Striptease sehen, wenn er sie aus dem schwarzen Leder und Nylon, den Reißverschlüssen und Gurten, herausschälte und Hiro zeigte. Und wenn die Linse entblößt war, eine Gestalt gewordene, reine geometrische Kleidung, so mächtig und zugleich so verwundbar, da konnte Hiro nur denken, es sei, als taste man sich unter Röcke und Unterwäsche zu den äußeren und inneren Schamlippen vor... Er kam sich nackt und schwach und tapfer dabei vor.

ENDE DER LESEPROBE

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3. Auflage Taschenbuchausgabe 6/2002
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