Snow Heart - Olivia Mikula - E-Book

Snow Heart E-Book

Olivia Mikula

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Beschreibung

Zwei wie Schnee und Feuer! Caspara steht kurz vor ihrem Studienabschluss und bestreitet ihr Leben wie jede andere junge Frau - bis auf einen Unterschied: Sie ist die Wiedergeburt einer Schneefrau. Jedoch führen die Eiskräfte auch unweigerlich zu ihrem Tod. Aus diesem Grund setzt sie ihre Fähigkeiten nur selten ein. Das ändert sich, als sie Wyatt kennenlernt. Mit ihm tauchen Wesen auf, die Casparas Macht erlangen wollen. Dringend braucht sie einen Plan, um ihre Feinde zu vernichten, ohne ihr Leben dabei zu verlieren. Doch lohnt es sich tatsächlich, für Wyatt zu sterben?

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Seitenzahl: 352

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Snowheart

Das Flüstern der Kälte

Olivia Mikula

Inhalt

Das Erwachen der Schneefrau

Prolog

1.Ein Herz aus Eis

2.Yuki-Onna

3.Eisige Kosmetik

4.XXL Neuzugänge

5.Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist kalt

6.Quickie

7.Bücherfreunde

8.Licht ins Dunkle

9.Wer ist Naoko?

10.Muffinkrümel

11.Schlechte Ideen haben? Kann ich!

12.Leuchtturm

13.Frostige Illusion

14.Rewind

15.Swimmingpool

16.Bilderbuchfamilie

17.Wolkig mit Aussicht auf Schnee

18.Klippen

19.Der große böse Rauch

20.Frostige Atmosphäre

21.Adelskälte

22.Der Outlander-Traum

23.Zeichnungen aus Staub und Kälte

24.Silberhaut

25.Dublin, deine Kinder

26.Chaosfrost

27.Alles muss versteckt sein

Der Schlaf der Schneefrau

28.Dunkelkalt

29.Book-Hangover

30.Eisige Wiederkehr

31.Dunkelfrost

32.Kleeblatt

33.Abendmahl

34.Operation am offenen Herzen

35.Dunkelschnee

36.Apfel, Zimt und Eisenstangen

37.Leere

38.Dunkeleis

39.Wurmloch

40.Dunkelkühl

41.Phoenix aus dem Schnee

42.Das große Geheimnis

43.Der Schrei der Kälte

44.Frostiges Ende

45.Kalter Traum

46.Comeback

Epilog

Danksagung

Über den Autor

Copyright © 2017 by

Drachenmond Verlag

Astrid Behrendt

Rheinstraße 60 – 51371 Leverkusen

http: www.drachenmond.de

E-Mail: [email protected]

Lektorat: Isabell Schmitt-Egner

Korrektorat: Michaela Retetzki

Layout: Michelle N. Weber

Rahmenillustration: So Lil’art

Coverdesign: Alexander Kopainski

www.alexanderkopainski.de

Bildmaterial: Shutterstock

ISBN 978-3-95991-112-2

Alle Rechte vorbehalten

Teil I

Das Erwachen der Schneefrau

Prolog

Andächtig hievten sie sich aus dem Boden. Wanden sich wie Schlangen aus der Erde, umgeben von schwarzem Rauch. Der Nebel des Todes. Die Stellen, an denen er ihre Gesichter vermutete, leuchteten. Gierig auf ihre neue Chance, sogen sie das Leben ein.

Die Gefahr, die von ihnen ausging, zog durch seinen Körper wie ein eiskalter Wind durch zu dünne Kleidung. Die Bäume standen umher wie schweigende Beobachter, als würden sie kahlen Hauptes ihre Wiederkunft erwarten.

Das Strahlen des goldenen Herzens versiegte. Es hörte auf zu pochen, färbte sich blutrot und wurde warm. Die Macht erlosch und das Herz starb.

Eines der Wesen schloss die Regeneration ab.

Siegessicher und stolz wartete er sein weiteres Vorgehen ab.

»Wer hat uns zurückgeholt?« Er hörte die Stimme direkt in seinem Kopf. Das Wispern der Hölle.

»Das war ich«, antwortete er in seinen Gedanken, ohne den Mund zu öffnen. Klappte es?

»Verstehe.«

Tatsächlich. Die Kommunikation funktionierte. Für einen Moment zögerte er, fasziniert von diesem Phänomen, dann setzte er schnell nach:

»Ich ganz allein.«

Knochige Hände streckten sich aus dem Rauch.

»Sag, wie lange wurden wir aufgehalten?«

Nervös verlagerte er sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Die Blätter und Zweige unter ihm knirschten und unterstrichen seine Angespanntheit.

»Es ist 2016«, sprach er laut aus und zuckte beim Klang seiner eigenen Stimme zusammen.

Die Wut des Wesens fuhr durch ihn wie ein Stromstoß. Als er nichts weiter hinzufügte, schien der schwarze Nebel zu erkennen, dass es ernst gemeint war.

Dann glaubte er, der Teufel selbst wäre in ihn gefahren. Es ging rasend schnell. Sein Arm fing von innen Feuer, blähte sich auf und platzte an einigen Stellen. Der Schock lähmte ihn für einen kurzen Moment, dann schottete er schnell sein Bewusstsein von dem ab, was mit seinem Körper geschah. Er musste verhandlungsfähig bleiben, um jeden Preis. Lava triefte aus den Wunden, und er sah wie ein Unbeteiligter zu, wie sein Arm zu Boden fiel und verglühte. Schwindel erfasste ihn, der Schmerz, der überwältigend sein musste, schaffte es, zu ihm durchzudringen. Er fiel auf die Knie und schrie aus vollem Halse.

Niemand würde ihn hier hören. Denn genau darauf hatte er geachtet: Abgeschiedenheit.

Sein Gegenüber, das fremde Geschöpf, verschloss seinen Armstumpf mit sengender Hitze und feuerte den unmenschlichen Schmerz aufs Neue an. Ohne den endlosen Hass in seiner Seele, der ihn aufrecht hielt, wäre er jetzt ohnmächtig geworden.

Das Gebrüll verlor sich in einem ekelhaften Gurgeln. Speichel und Erbrochenes rannen aus seinen Mund und Tränen aus seinen Augenwinkeln. Die Wesen, die sich nun vollständig vor ihm aufreihten, nahm er verschwommen wahr.

»Wo sind wir hier?«

Er hörte die Frage wie aus weiter Ferne. Seine Zunge hing aus seinem Mund. Erschöpft zwang er sich zu antworten. Nicht auszudenken, was sie mit ihm taten, sollte er ihnen die Auskunft verweigern.

»Irland.« Selbst in Gedanken klang seine Stimme bedauernswert.

»Warum?«

Er sammelte seine Kräfte für die Antwort. Rotz von seiner Nase sammelte sich an seiner Oberlippe. Schmeckte salzig.

»Weil es hier das Herz einer Schneefrau zu holen gibt. Wie das jener, die ich tötete, um euch zu holen.«

Dann kam das Feuer zurück und er ging.

Ein Herz aus Eis

»Ich sterbe«, hauchte ich.

Der Atem gefror, wurde sichtbar wie ein Geist, der sich bei meinem Anblick in Luft auflöste.

Meine Augenlider flatterten und ich betrachtete die Welt wie unter Stroboskoplicht. Der menschenleere Korridor zog sich ins Unendliche. Ich schwankte von einer Wand zur anderen.

Warum hast du das getan, Caspara?

An einem Fenstersims fand ich Halt. Der erste Versuch, meine Augen geöffnet zu halten, misslang. Sofort verschwamm das Karomuster des Bodens zu einer türkis-weißen Spirale. Oder waren es zwei? Alles doppelt und dreifach zu sehen, hatte einen Vorteil: Ich wusste, mit meinem Körper stimmte etwas nicht. Mal wieder.

Selbst bei geschlossenen Lidern sah ich nicht schwarz, sondern ein Kaleidoskop an Farben, das mich noch mehr um den Verstand brachte.

Ohne Vorwarnung knickten meine Füße weg, ich fiel auf die Knie und stützte mich mit meinen Händen ab. Wie ein Bühnenvorhang fielen meine langen schwarzen Haare um mich. Doch die Aufführung ging gerade erst in den nächsten Akt über. Ein kalter Schweißfilm bedeckte meine Stirn. Meine Fingerkuppen kribbelten, als würden Hunderte Fliegen darin eine Party feiern.

Warum konntest du dich nicht beherrschen?

Der Boden unter mir wurde zu Eis.

Nein! Warum hört es nicht auf?

Obwohl ich mich schon öfter in diese Lage gebracht hatte, keimte in mir ein Gedanke. Ein böser Gedanke. War es dieses Mal zu viel gewesen?

Ein Schweißtropfen machte sich bereit, um sich von meiner Nasenspitze fallen zu lassen. Er wurde zu einem Eiszapfen.

Hör doch endlich auf!

»Reiß …« Ich unterbrach mich und holte tief Luft. »… dich zusammen, Caspara.« Langsam hob ich meinen rechten Arm, verlagerte mein Gewicht auf den linken. Für einen Moment spürte ich das Fensterbrett an meinen Fingerspitzen. Fast hätte ich es erwischt, als mich meine Kräfte verließen. Noch bevor ich seitlich auf dem Boden aufschlug, verlor ich mein Bewusstsein.

Der ermahnende Duft von Zigaretten und Kaffee wurde penetranter. Während ich mich fragte, was dieser Geruch zu bedeuten hatte, hörte ich das Kratzen eines Kugelschreibers die Stille durchbrechen. Mein Kopf dröhnte. Schlagartig wurde mir bewusst, wo ich lag, und ich versuchte krampfhaft, nicht aufzuwachen. Weiterhin die schlafende Eisprinzessin zu mimen.

»Ich weiß, dass du wach bist, Caspara«, sagte sie, wobei ich den strengen Unterton wahrnahm. Mürrisch drehte ich mich um. Die Hoffnung, ich könnte sie überlisten, währte nicht länger als der musikalische Erfolg von Lindsay Lohan.

Die kurz andauernde Stille wurde von einem »Steh auf! Jetzt!« ausgelöscht. Eliminiert. Nach ihrem Tigergebrüll schreckte ich hoch.

»Was zum …« Erst jetzt dachte ich darüber nach, warum ich eigentlich hier war.

»Sollte ich nicht in der Uni sein?«, fragte ich schlaftrunken. Ein Schwindelanfall überraschte mich. Mit ihm kamen die Erinnerungen. Sie prasselten auf mich ein wie ein irischer Regenschauer.

»Ah. Da war ja etwas«, gab ich zu und räusperte mich dann. Schneller als in jedem Beauty-Tutorial zog ich mein Haarband von meinem Handgelenk und formte meine Haare zu einem hohen Zopf. Die Ledercouch quietschte, als ich meine Beine von ihr herabschwang und mich erhob.

»Bis später, Oma. Ich …« Ein Zischgeräusch stoppte mich. Die Zigarette landete in einem mit Wasser gefüllten Gurkenglas. Seufzend stand sie auf. »Caspara.«

Ich kratzte mich am Hinterkopf und vermied jeglichen Blickkontakt. Plötzlich weckte jeder Gegenstand im Raum mein Interesse. Hauptsache, ich musste meine Großmutter nicht ansehen. Lange hielt ich es nicht aus. Ihr Blick, ebenso schwarz wie meiner, brannte sich in mein Gesicht und ich sah zu ihr auf.

Sie schnalzte mit der Zunge. Ich hustete. Es war wie in einem Western. Wer zog zuerst den Colt und feuerte? Wer fiel zuerst?

»Okay, das war’s jetzt.« War das ein Erdbeben oder zitterte ich vor Angst?

»Was hast du dir dabei gedacht, deine Kräfte einzusetzen? Was verstehst du an den Worten: Du wirst sterben, wenn du sie einsetzt, nicht?« Fassungslos schüttelte sie ihren Kopf. Ihr Blick verlor sich.

»Ich … er … es …«, stotterte ich vor mich hin.

»Was ist denn passiert?«, hakte sie nach.

»Ein Typ in der Uni. Er hat …«, begann ich. Wo waren die richtigen Begriffe? Hatte ich meinen Wortschatz verloren?

»Was? Er hat dir eine Athame in deinen Brustkorb rammen wollen, um dir deine Kräfte zu stehlen?« Natürlich erhoffte sie sich diese Antwort. Alles andere wäre kein Grund gewesen, meine Fähigkeiten zu verwenden.

»Fast genauso schlimm. Er meinte, dass Doctor Who doof ist und dann habe ich den Boden vor ihm vereist.« Nervös spielte ich mit meinem Zopf. »Nur ein ganz kleines bisschen. Er sollte nur ausrutschen. Woher sollte ich wissen, dass mich das so dahinrafft?« In meinem Kopf hatten die Ausflüchte besser geklungen.

Entrüstet runzelte sie die Stirn.

»Normalerweise machen mir derartige Kleinigkeiten …«

Hektisch riss meine Oma ihre Hände in die Höhe, um mich auszubremsen.

»Normalerweise?«, wiederholte sie und ihr Tonfall ließ keinen Zweifel zu, dass dies kein Spaß mehr war.

»Ähm.«

»Caspara, du bist kein Teenager mehr! Wieso fehlt es dir in dieser Hinsicht an jeglicher Ernsthaftigkeit?«, fragte sie und wirkte streng, aber auch ehrlich interessiert. Resigniert ließ ich mich auf das Sofa zurückfallen.

»Du hast recht und es tut mir auch leid. Ich dachte, ich kenne meine Grenzen.« Eigentlich vermieden wir dieses Thema und schwiegen mein kleines Problem tot. Dabei tat es gut, darüber zu sprechen.

»Wenn ich könnte, würde ich dir diese Last von den Schultern nehmen, aber es geht nicht anders. Deine Urgroßmutter hat als Schneefrau …« Der perfekte Zeitpunkt für mich, ihr ins Wort zu fallen.

»Ich weiß, ich weiß …« Wahrscheinlich war Totschweigen die beste Lösung. Bevor wir unsere Diskussion fortführen konnten, verließ ich das Zimmer und sie hielt mich nicht auf. Ja, in diesem Moment benahm ich mich wie ein kleines Kind. Sehr zum Leidwesen meiner Großmutter, aber ich wollte sie nicht weiter beunruhigen.

Die Lösung, meine Kräfte nie wieder zu verwenden, war zu simpel. Denn seit einigen Monaten bemerkte ich, dass mein Körper ebenso dagegen rebellierte, wenn ich sie nicht einsetzte.

Als ich die Tür zu meinem Zimmer zuschlagen wollte, entschied ich mich dafür, mich wieder wie eine Erwachsene zu benehmen. Deshalb biss ich mir in die Unterlippe, drückte die Klinke vorsichtig hinunter und schloss sanft die Tür.

Wie eine verzweifelte Frau in einer dramatischen Komödie, rutschte ich mit meinem Rücken die Tür entlang, bis ich am Boden saß. Dass ich dabei mit dem meinem Hinterkopf über eine Holzverzierung der antiken Tür rattern würde, vergaß ich. Jedoch erinnerte mich dieses Stück Holz wieder an meine Kopfschmerzen.

Selbstverständlich hatte auch die Schneefrau in mir noch eine Überraschung auf Lager. Unbemerkt vereiste der Boden unter mir und breitete sich aus wie eine Pfütze. Gerade als ich mich fragte, warum mein Arsch fror, glitt ich vorwärts. Mit einem lauten »Uaaahh!« bettete sich mein Kopf auf die Eisfläche. Hallo, Migräneschub!

Meine Hände ertasteten die Kälte und ich blieb liegen. »Was willst du eigentlich von mir?«, rief ich in mich. »Scheiß Schneeweib.« Während das Eis unter mir allmählich den Aggregatzustand von fest zu flüssig änderte und es aussehen musste, als hätte ich mich angepisst, dachte ich darüber nach, wie ich meine Situation ändern konnte.

Schließlich musste es einen Grund geben, warum die Eismagie in mir von Woche zu Woche intensiver und der Drang, sie anzuwenden, unerträglich wurde. Die einzige Lösung, die mir einfiel, war: eine Bibliothek aufzusuchen. Nein, Spaß. Ich googelte natürlich.

Yuki-Onna

Mit meinen zweiundzwanzig Jahren kam mir die Idee zu recherchieren natürlich nicht erst jetzt. Meine Mutter hatte ich nie kennengelernt und nachdem mein Vater das Land verlassen hatte, verbrachte ich ganze Nächte damit, herauszufinden, wie ich mich von dieser Krankheit heilen konnte.

Leider war es unmöglich und das hatte meine Großmutter mir ständig versucht einzubläuen. Ihre Uroma war selbst eine Schneefrau gewesen. Es lag meiner Familie im Blut. Vor ihr hatte es in unserer Familie seit Jahrhunderten keine aktive Schneefrau mehr gegeben. Selbst wenn, hatte sie keine Probleme gehabt, da die Feinde der Yuki-Onnas längst ausgestorben waren.

Der einzige Vorteil daran war, dass meine Großmutter über all das Bescheid wusste. Wir besaßen sogar ein Book of Snow and Ice. Darin stand alles, was eine Schneefrau wissen musste. Okay, es war ein dünnes Schulheftchen, das sie führte, aber so klang es cooler.

Blöd nur, dass nirgends auch nur mit einem Wort erwähnt wurde, dass es jemals eine Frau – ja, wir waren ein dominantes Matriarchat  –  gegeben hatte, deren Kräfte auch verrücktspielten.

Warum gerade meine irische Familie O’Mahony davon betroffen war? Keine Ahnung. In unserem Buch stand: Sobald eine Schneefrau in die Blutlinie deiner Familie eingekehrt ist, wird sie auf ewig weitervererbt.

Das bedeutete nicht, dass jede weibliche Person auch eine Schneefrau war. Natürlich durfte ich dieses Glück mein Eigen nennen.

»Hallo, ich bin eine Schneefrau und meine Eiskräfte spielen verrückt. Hausmittel«, las ich laut vor, während ich in das Suchfeld tippte. Keine Treffer. Die normalen Seiten der Yuki-Onna-Erklärungen brachten mich auch nicht weiter, da der Großteil der niedergeschriebenen Mythen nicht stimmte. Dieser ganze Quatsch mit den Kindesentführungen.

Magische Kräfte im Ungleichgewicht, tippte ich. Es konnte nicht schaden, es mit Ernsthaftigkeit zu versuchen. Tatsächlich erschienen Seiten, die sich mit diesen Dingen beschäftigten.

»Yin und Yang im Ungleichgewicht. Die Lebensenergie – der Qi-Fluss – im Ungleichgewicht. Magische Kräfte fließen lassen.« Schockiert legte ich eine Hand auf meinen Mund und schüttelte den Kopf.

Ich fühlte mich wie eine Irre.

Da ich viel Zeit damit verbrachte, mein Schneefrauendasein zu unterdrücken, kam mir dieses Magiegeschwafel verrückt vor. Zu verlieren gab es nichts. Ich klickte brutal auf einen Link.

Die Seite wurde schwarz, bis sich eine Sekunde später eine himmelblaue Website öffnete und mein Gesicht wieder erhellte.

»Der Wunsch nach Veränderungen, die man nicht zulässt, blockiert die Magie.« Das Rädchen der Maus glühte förmlich, als ich weiter hinunterscrollte. »Baut man sich innerliche Blockaden gegen die eigenen Zauberkräfte, wird das eigene Gleichgewicht gestört, was sich in zunehmenden Krankheitsanzeichen äußert.« Auf diesen Hokuspokus-Seiten zu surfen fühlte sich falscher an, als Erotik-Websites zu öffnen.

»Das Qi bleibt als Lebensenergie, die alles Leben durchdringt, nur im Gleichgewicht, wenn …« Mir wurde es zu blöd. Mit ALT+F4 verabschiedete ich mich vom Internet und stieß ich mich von meinem Schreibtisch ab. Langsam rollte ich gegen meine Zimmertür und hielt dort an.

»Ich soll also meine Magie als einen Teil von mir annehmen. Aha, dann soll ich frostfröhlich herumzaubern und dann daran verrecken?«, jammerte ich.

Die fancy Wesen mit übernatürlichen Kräften in Serien konnten ihre Fähigkeiten verwenden, aber ich selbstredend wieder nicht. Ich fiel in Ohnmacht. Seit Wochen schwirrte in meinem Kopf dieselbe Frage: Warum war es das oberste Gebot der Schneefrauen, ihre Eismagie nicht einzusetzen, weil sie daran starben, wenn mein Körper ebenso litt, wenn ich sie nicht anwandte?

Auch meine Großmutter versicherte mir, dass ihre Uroma ihre Fähigkeit nur ein einziges Mal eingesetzt habe. Um zu beweisen, dass sie nicht log. Was stimmte nicht mit mir?

Schlagartig kehrte dieses Gefühl in mir zurück. Die eisige Kälte, die drohte, aus mir herauszuplatzen. Hektisch krallte ich mich an die Lehnen meines Stuhls. Gefrorener Atmen stieg in die Luft. Mein Körper bäumte sich auf und ich wünschte mir, es wäre ein Orgasmus und nicht die tobende Schneefrau in mir.

Der Stuhl kippte und ich war kurz davor, erneut an diesem Tag auf dem Boden aufzuschlagen. Doch einen Fingerbreit vor dem Parkett blieb ich in der Luft hängen. Ein Schneesturm presste sich aus all meinen Poren und federte meinen Sturz ab.

»Was zum …«, flüsterte ich.

Einem Nasenbruch entging ich. Stattdessen machte mein Kreislauf wie erwartet schlapp. Wenige Augenblicke bevor sich mein Bewusstsein verabschiedete, formte der Schnee sich zu einem Gesicht. Obwohl ich alles verschwommen wahrnahm, verengte ich meine Augen zu Schlitzen und fokussierte meinen Blick. Die Erkenntnis darüber, wer diese Person war, blieb mir verwehrt. Stattdessen wurde alles um mich schwarz. Schon wieder.

Meine Wange klebte am Boden und ich wusste nicht, ob ich gesabbert hatte oder geschmolzenes Eis um mich herum fröhliche Zustände feierte. Meine Hände schafften es nicht, mich hochzustemmen, also blieb ich liegen und gähnte so ausgiebig, dass ich dachte, mein Unterkiefer würde abfallen.

Das Schneegesicht blitzte vor mir auf. Komischerweise erinnerte ich mich nicht daran, etwas gehört zu haben. Doch das Bild in meinen Gedanken bewegte den Mund. Als würde die pure Kälte zu mir flüstern.

Über die Jahrzehnte hatte ich mir eine harte Schale zugelegt. Hatte eine abgebrühte Maske entwickelt, die selten Furcht zeigte. Vor was sollte ich mich fürchten? Im Ernstfall konnte ich jede Pistolenkugel einfrieren, jeden Messerstecher ausrutschen und jedes Auto einschneien lassen. Aber diese Entwicklung in meinem Körper und meiner Fähigkeiten gefiel mir nicht. Zumindest in der Theorie.

Nun überkam mich zum ersten Mal in meinem Leben eine Form von Todesangst. Natürlich abgesehen von jener Furcht, dass ich sterben könnte, sobald ich Eismagie anwandte.

Jemand klopfte an meine Zimmertür.

»Caspara, willst du nicht endlich herauskommen? Es gibt Essen.«

Oma! Die Lebensgeister – mein Qi, wie Google sagen würde – fanden bei dem Wort Essen zurück zu mir. Mit einem Satz war ich wieder auf den Beinen und riss die Tür auf, hob sie beinahe aus den Angeln. Meine Oma zuckte zusammen und hielt sich schützend ihre Arme vors Gesicht.

»Übertreib noch mehr, Oma. Als würde ich dich zusammenschlagen. Eine alte Frau.« Ich schlenderte an ihr vorbei.

»Was heißt hier alte Frau? Ich bin achtundfünfzig!«, rief sie mir hinterher und nahm dann die Verfolgung auf.

»Ah, ja? Und wie lange bitte schon?«

Als ich den riesigen dunkelbraunen Tisch erspähte, konnte ich mit Sicherheit sagen, dass das Wasser in meinem Mund nicht von meinen Eiskräften stammte. Alles war darauf zu finden. Okay, kein James Lafferty, aber sonst wirklich alles. Pancakes mit Ahornsirup, Butter und unserer O’Mahony Geheimzutat: Baileys!

Weiter ging das Festmahl mit Stew – einem Eintopf, den meine Großmutter noch zusätzlich mit roter Bete machte – und so vielen anderen Köstlichkeiten.

»Was ist denn hier passiert? Hat dich der Geist von Mary Poppins überfallen? Oder Bree Van de Kamp?«, erkundigte ich mich.

»Ich bin keine verzweifelte Hausfrau. Trotzdem wollte ich dich nach deiner Ohnmachtsattacke ein bisschen verwöhnen und mich entschuldigen. Ich darf dich nicht ständig bevormunden.« Sie knetete ihre Finger.

Sofort tat sie mir leid, trotzdem verschwieg ich meinen aktuellsten Schneefrauen-Kollaps. Ihr weinrotes, langes Pulloverkleid fühlte sich vertraut an, als ich sie umarmte und über ihren Rücken streichelte. Dieses Kleid besaß sie in allen Farben. Mehrmals.

»Mir tut es auch leid. Teenager war noch untertrieben. Ich habe mich benommen, als wäre ich gestern eingeschult worden«, gab ich zu. Trotzdem behielt ich meine Sorgen zunächst für mich. Diesen Abend wollte ich uns nicht versauen.

»Wie hast du das überhaupt so schnell gezaubert?«

Kurz schürzte sie ihre Lippen und reckte eine Augenbraue in die Höhe. »Auch ich habe meine Oma-Magie.«

Wir prusteten beide laut los, warfen die DVD von Grand Hotel ein und setzten uns. Die heißblütigen spanischen Bediensteten in der Serie sollten meine Eisprobleme für heute Nacht im Zaum halten.

Eisige Kosmetik

Beim Umblättern der Buchseite überkam mich ein unbehagliches Gefühl. Der Blick der Aufseherin brannte in meinem Nacken. Sie hielt mich mit ihren Falkenaugen gefangen. Apropos gefangen. Mein Buch von Foucault Discipline and Punish – The Birth of the Prison hellte meine Stimmung nur bedingt auf.

Wenn es etwas gab, auf das ich im Moment verzichten konnte, war es das Recherchieren für meine Abschlussarbeit. Viel zu sehr beschäftigte mich mein unausgeglichener Magie-Haushalt. Außerdem machten mir die Streitigkeiten mit meiner Großmutter Sorgen. Wir stritten uns viel zu häufig. Was auch an meinen Lügen und unbesonnenen Handlungen lag. Ich musste aufhören, meine Kräfte einzusetzen. Aber der Grand Hotel-Abend hatte der Stimmung zwischen uns ein Upgrade verpasst, das immer noch nachwirkte. Das sollte ich jetzt tunlichst nicht wieder zerschlagen.

Erschöpft lehnte ich mich zurück und beobachtete die Studentengruppe auf dem violetten Sofa. Sie tuschelten, kritzelten auf ihre Notizblöcke und schrieben sich Nachrichten über das Smartphone. Gedanklich poppten Sprechblasen über ihren Köpfen auf und ich konnte mir bildlich vorstellen, was sie sich schrieben.

Wann treffen wir uns heute Abend?

Bei mir? Wir könnten vortrinken!

Ich dachte, das machen wir längst! In meiner Flasche ist Wodka.

Beobachtet uns die komische Caspara?

Hastig schüttelte ich meinen Kopf. Nicht nur, dass ich Gesichter im Schnee sah, jetzt mobbte ich mich auch noch selbst. Unerwartet stand einer von der Truppe auf, schmiss seine Hefte hin und stampfte aus dem Raum. Warum so aggressiv?

Leider konnte unsere Bibliothek nicht mit antikem Harry-Potter-Charme punkten. Dafür mit einigen neongrünen Bücherregalen.

Für heute beschloss ich, mein Studium Studium bleiben zu lassen und klappte das Buch zu. Ständig fragte ich mich, warum ich Soziologie studierte, wenn ich die Personifikation von Socially Awkward war. Lieber würde ich mir helfen anstatt anderen Menschen, aber darüber konnte ich mir nach meinem Studium den Kopf zerbrechen.

Der Stuhl knarrte, als ich zurückrutschte. Mit einer Größe von einem Meter achtzig passierte es mir des Öfteren, dass ich beim Aufstehen mit meinen Beinen gegen den Tisch stieß. Das machte sich nie gut in einer Bibliothek, in der es leiser war als in einer Leichenhalle.

Es kam, wie es kommen musste. Die Kälte kehrte zurück. Meine Kehle schnürte sich zu, als das Eis meinen Hals emporkroch. Es fühlte sich an, als würde meine Lunge einfrieren. Einige Millimeter tapste ich vorwärts. Eine Hand an meinem Hals. Die andere klammerte sich schützend an meinen weißen Hoodie.

Ein Gurgeln kam aus meinem Mund. Die Aufmerksamkeit der anderen war mir gewiss. Rasch presste ich meine Lippen zusammen.

»Alles klar, Cass?«, fragte ein Mädchen, die mein Migrations-Seminar besuchte. Ein Nicken schaffte ich noch. Tief ein- und ausatmend nahm ich meine Hand vom Hals und ballte sie zur Faust. Dann erschien es wieder. Das Schneegesicht.

Augenblicklich ging es mir wieder besser. Es war an der Zeit, der Sache auf den Grund zu gehen. Das hatte oberste Priorität. Schnellen Schrittes hastete ich aus dem Raum in die Frauentoilette. Zuerst blickte ich mich um, dann machte ich auf der Stelle kehrt und vereiste die Türklinke samt Schloss. Dicke Eiszapfen hingen nun daran.

Dieser kleine Zauber genügte, damit der kalte Druck in mir verschwand. Anschließend blickte ich unter die ersten beiden Kabinen, um sicherzugehen, dass niemand hier war. Kurz vor der dritten materialisierte sich das Schneegesicht im Spiegel.

»Was willst du von mir?«, fragte ich und biss dabei die Zähne zusammen, um nicht loszubrüllen.

»Vorsicht«, flüsterte die Kälte.

Eine Million Fragen explodierten in meinem Kopf. Schwindel überkam mich. Nicht aufgrund der Schneefrau in mir, sondern wegen diesem sonderbaren Moment.

Eine Toilettentür schwang auf. Meine zur Faust geballte Hand öffnete sich wieder. Die Finger hielt ich gespreizt, als hätte ich meine Krallen ausgefahren. Statt Krallen hafteten kleine Eisspitzen an meinen Fingernägeln.

»Wer ist da?«, rief ich hysterisch. Die verdammte letzte Kabine wurde mir zum Verhängnis. Ich durfte mich nicht wundern, wenn jemand auf einer öffentlichen Toilette war.

Eine junge Frau trat heraus. Eine rothaarige Asiatin. Sie wirkte, als würde sie gleich losheulen. »W-was ist das auf deinen Fingern?«

Mein Mund öffnete sich mehrmals, doch eine Antwort verwehrte ich ihr. Was hatte ich mir dabei gedacht? Warum eröffnete ich keinen Blog, damit alle bezüglich meiner Eismagie auf dem Laufenden waren. Ich Idiotin!

»Ach, das!«, entgegnete ich ihr, deutete auf meine Eiszapfen-Fingernägel und lachte so laut, dass ich mich am liebsten selbst mit diesen Dingern aufgespießt hätte.

»So ein neuer Trend aus Japan. Fingernägel aus Eis. Habe es ausprobiert, aber Blödsinn. Die schmelzen ja«, fuhr ich fort. »Na ja, die spinnen eben – Die Japaner, nicht wahr?« Ich schlug mir auf den Oberschenkel.

»Ich komme aus Tokio«, antwortete sie mit einer leisen, aber hohen Piepsstimme.

»Ich auch.« Etwas Besseres fiel mir beim besten Willen nicht ein. Ihre gepiercte Augenbraue sauste hoch.

»Selbst wenn, ist deine Aussage als Soziologin höchst unprofessionell«, konterte sie und war drauf und dran, die Frauentoilette zu verlassen.

»Warum ist das zugefroren?« Rotschopf deutete auf die Türklinke.

Meine Hände begannen zu schwitzen. Zögerlich zeigte ich mit meinem Eiszapfen zum Spülbecken. »Warum liegt da Stroh?« Als sie hinsah, ließ ich die Erfrierung verschwinden.

»Ist doch gar nicht zugefroren«, sagte ich hektisch, riss die Tür auf und verschwand.

Als ich das Gebäude verlassen hatte, bedeckte ich mit der Kapuze meinen Kopf. Mir blieb keine andere Wahl. Meine Großmutter musste eingeweiht werden.

Wovor sollte ich mich vorsehen?

Ratlos passierte ich das Sportfeld. Der Wind toste heute ziemlich stark. Nicht ungewöhnlich für Dublin, aber doch intensiver, als meine Wetter-App vorausgesagt hatte.

»Vorsicht«, wisperte der Wind. Bildete ich mir das ein?

»Vorsicht.« Schon wieder!

Ich schlang die Arme um meinen Körper und zog die Schnüre meiner Hoodie-Kapuze enger. Diese Situation brachte mich um den Verstand. Bald wusste ich nicht mehr, was Realität war und was nicht.

»Vorsicht«, hauchte der Wind in mein Ohr. Als würden unzählige Spinnen meinen Rücken hochkrabbeln, ahnte ich die Anwesenheit einer anderen Person hinter mir.

Wie eine Eiskunstläuferin drehte ich mich blitzschnell um. »Was zum Teufel willst …« Ein Mädchen. Ein rothaariges Mädchen.

Sie grinste mich über ihre Nerdbrille hinweg an. Ich zog meine Augenbrauen zusammen und musterte sie von oben bis unten. Rotschopf drückte ihre pinke Mütze hinunter und strich sich die gelbe Daunenjacke zurecht.

»Ist dir gar nicht kalt?«

»Warum verfolgst du mich?«

Ihre Jacke quietschte beim Gehen, als ihre Arme daran rieben, und ich ging neben ihr her.

»Ich bin Naoko, du?«

Komisches Weib. Was wollte sie von mir? Warnte mich der Schnee vor ihr?

»Caspara. Beantwortest du meine Frage auch noch?«, hakte ich nochmals nach.

»Ich verfolge dich nicht. Ich wohne hier bei Ballsbridge.«

Wahrheit oder Lüge?

»Dich habe ich hier noch nie gesehen.«

Meine hüftlangen Haare peitschten vor meinem Gesicht herum. »Muss bisschen abschalten«, antwortete ich zaghaft.

»Du bist ganz schön abgedreht, Caspara«, kommentierte sie das Offensichtliche. Ihr Blick aus braunen Augen wanderte auf meine Finger. »Keine Eisfingernägel mehr?« Naoko zwinkerte mir zu und kicherte.

Wusste sie etwas?

Ohne auf ihre Frage einzugehen, trotteten wir weiterhin nebeneinander her. Mir war bewusst, dass mein Kälteempfinden nicht stark ausgeprägt war, aber Naokos Kleidung wirkte übertrieben.

»Du bist nicht in Irland geboren, oder?«, lenkte ich ab.

»Nein, wie gesagt, meine Eltern stammen aus Tokio und da bin ich auch geboren. Ich bin nur für ein Austauschsemester hier.«

Mit einem lauten, den Wind übertönenden »Hm« signalisierte ich ihr, dass ich verstanden hatte.

»Hast du von dem Flugzeugabsturz gehört? Schrecklich – mitten über dem Meer. Die Passagiere waren auf dem Weg nach Dublin.«

»Ja, schlimm.« Kurz und knapp. So kam sie nicht an mich ran, das würde sie sicher bis zur nächsten Straßenecke auch gemerkt haben.

»Na gut. Ich muss hier nach rechts. Wollen wir Nummern austauschen?«

Wollte ich das?

»Vorsicht!« Der Wind wurde eindringlicher. Meine Augen weiteten sich.

»Nein danke.« Ich bog nach links ab, spürte ihren Blick aber weiterhin auf mir.

Was war mit diesem Mädchen los?

Mit meinem neuen Lebensabschnittsgefährten – Mr Paranoid – schlenderte ich die Richmond Avenue South zur Straßenbahnstation Milltown hoch. Betont unauffällig legte ich meinen Kopf zur Seite und kratzte mich am Nacken. Meine eigentliche Intention: hinter meine Schultern blicken, um potentielle Mörder zu entdecken.

Sobald ich jemanden sah, blieb ich stehen, richtete meine Schuhe, holte etwas aus meiner Tasche oder suchte andere Gründe, um die Menschen an mir vorbeigehen zu lassen.

Nach dem grauen Mülleimer mit dem gelben Graffiti bog ich zur Luas-Haltestelle ein. Dies durfte kein Dauerzustand werden. Inständig hoffe ich, meine Großmutter hätte die passende Lösung parat. Auf keinen Fall wollte ich sie umsonst beunruhigen.

Als der graue, gelbe Blitz – die Bahn – eintraf, zog ich meine Studentenkarte aus der Tasche und näherte mich der Straßenbahn. An der Schwelle zwischen Bahn und Haltestelle hörte ich es wieder.

»Vorsicht.«

Bilder, in denen die Straßenbahn entgleiste, erschienen vor meinem geistigen Auge. Kurz überlegte ich, ob ich einen Rückzieher machen sollte. Kopfschüttelnd entschied ich mich dagegen.

Du bist nicht bei Final Destination, Caspara. Die Tür schloss sich hinter mir und die Fahrt begann.

XXL Neuzugänge

»Hallo, Oma. Ich glaube, ich verrecke nicht nur, wenn ich meine Kräfte verwende, sondern auch, wenn ich sie nicht einsetze. Gibt es da einen Tee für?«, verkündete ich an mein Spiegelbild gewandt.

Nachdem ich die Fahrt nach Hause überlebt hatte, überlegte ich, wie ich meine Oma am besten einweihen sollte. Dieser Weg fühlte sich nicht richtig an. Die Warnungen aus der Bahn machten mir immer noch Angst.

»Hallo, Oma. Es gibt Neuigkeiten …« Ein Schatten hinter mir.

»Ich höre?« Warum konnten sich Großeltern so gut anschleichen?

»Also … ich …« Sie verschränkte ihre Arme vor der Brust. »Bin schwanger! Party!« Grinsend schüttelte ich imaginäre Pompons.

»Caspara O’Mahony.« Sie hatte mich durchschaut. Was nicht schwer war, wenn man meine Tenniefilm-Ansprachen-Probe-vor-dem-Spiegel bedachte.

»Setz dich lieber«, sagte ich vorbereitend.

Eine kleine Kette an ihrem goldenen Gürtel wackelte. »Ich bevorzuge es, stehen zu bleiben.«

Schwierige Geburt. »Meinem Körper wird nicht nur Kraft entzogen, wenn ich meine Eismagie anwende, sondern auch, wenn ich sie nicht einsetze«, erzählte ich ihr ganz ruhig.

Die Kette rasselte noch heftiger, als sie einen Schritt zurückmachte und mit ihrer Hand nach einer Sitzmöglichkeit tastete.

»Seit wann … wie … woher …« Noch nie hatte ich sie so aufgebracht erlebt. Selbst als meine Fähigkeiten zum Vorschein kamen, war sie gefasst gewesen.

Einige Schritte taumelte sie noch zurück, ehe sie sich auf mein Bett fallen ließ. Als würde ihr senfgelbes Pulloverkleid sie erdrosseln, zog sie sich den Kragen vom Hals.

»Was ist denn los? Weißt du etwas?«, überfiel ich meine Großmutter.

»Besser wäre: Wie lange weißt du das bereits?«, antwortete sie mir mit einer Gegenfrage. Misstrauisch verengte ich die Augen. Mein Zögern verriet mich.

»Wie lange!« Es war keine Frage mehr, sondern eine Aufforderung.

»Nicht so lange. Zwei, drei Tage.« Ich räusperte mich. »Wochen.« Der erwartete Sturm kam nicht. Was blieb, war Schweigen, und das verhieß nichts Gutes.

»Ich wollte dich nicht beunruhigen. Außerdem stand nichts in deinem Buch darüber.« Ob ich die Situation damit rettete?

Längst hatte meine Großmutter ihr Gesicht von mir abgewandt. Wie immer, wenn sie nervös war, umklammerte sie mit ihrer faltigen Hand die Brosche über ihrem Herzen.

»Oma?« Schlagartig fixierte mich das Schwarz ihrer Augen wieder.

»Oma mich nicht!« Laut seufzend erhob sie sich.

»Jetzt sag mir, was du weißt«, wiederholte ich mich. Einen Moment lang sah sie mich an, als würde sie mit einer Entscheidung ringen, dann gab sie mir einen Wink, ihr aus dem Zimmer zu folgen, und ich trottete hinter ihr her. Sie öffnete die beiden Türen zu unserem kleinen Balkon aus Beton und lehnte sich draußen gegen das verrostete Geländer.

Tief sog sie die kalte Luft Dublins in ihre Brust.

»Du erinnerst dich an die Feinde der Schneefrauen, von denen ich dir erzählt habe?«, begann sie ihre Geschichte und ich wusste, worauf dieses Gespräch hinauslaufen sollte. Schließlich las ich an die hundert Bücher im Jahr.

»Nein, das ist unmöglich. Du hast gesagt, sie wären ausgelöscht.«

Ohne sich umzudrehen, fuhr sie fort.

»Das dachte ich auch. Meine Urgroßmutter hat mir davon erzählt. Wahrscheinlich ahnte ich es nach deiner ersten Ohnmachtsattacke.« Während sie die richtigen Worte suchte, gesellte ich mich zu ihr.

»Ich wollte es nicht wahrhaben.« Sie ließ den Kopf hängen.

»Sie sind wieder da?«, sprach ich aus und es fiel mir unsäglich schwer, diesen Satz über meine Lippen zu bringen. Sie nickte.

»Ein Gesicht aus Schnee verfolgt mich seit zwei Tagen und warnt mich. Nur ahnte ich nicht, wovor.« Jetzt wusste ich es. Diese Information schockierte meine Großmutter nicht mehr.

»Aber ich verstehe es nicht«, nuschelte sie mehr zu sich selbst als zu mir. Mein Blick fiel auf ihre Hände, die sich krampfhaft an das Geländer klammerten. Die Adern traten hervor.

»Dein Körper warnt dich vor ihnen. Dennoch ist es mir ein Rätsel, wie sie zurückkehren konnten. Es ist … Es sollte unmöglich sein.«

Ich fasste an ihre Schulter, doch sie riss sich los.

»Wer sind diese Feinde? Du hast mir nie Genaueres von ihnen erzählt. Diese Nekrinos?«

»Nekromanten.« Es kostete sie viel Überwindung, dieses Wort auszusprechen. Das spürte ich. »Oder Höllenhunde.«

»Wenn es mich auch gibt, wie kann es dann unmöglich sein, dass diese Nekromanten lebendig sind?«, hakte ich nach. Bei dem Wort lebendig kicherte sie. Endlich drehte meine Oma sich zu mir um.

»Das ist es ja. Nekromanten sind Geister, die Tote beschwören und von ihrer Energie leben. Du als Trägerin einer Schneefrau bist eine gewaltige Quelle der Macht für diese Wesen«, erklärte sie. Da ich selbst übernatürliche Kräfte hatte, sollte es für mich normal sein, solche Dinge zu hören. Dennoch klang das alles merkwürdig.

»Sie wurden damals ausgelöscht von einer Gruppe Schneefrauen. Allesamt opferten sie ihre Leben. Damit brachten sie genug Energie auf und gewannen. Und da Nekromanten selbst Geister waren, wurden sie vollkommen beseitigt. Ein Geist, der stirbt, wird nicht wieder zu einem Geist. Er ist … Er sollte für alle Zeiten verschwunden sein. Sollten sie …«

Mir ging ein Licht auf, weswegen ich ihren Gedanken beenden konnte.

»Sollten sie einen Weg gefunden haben, zurückzukehren, wären sie unbesiegbar.« Großartig. Gegen Unsterblichkeit hatte selbst meine Eismagie keine Chance.

Eine Welle der Verzweiflung kam auf, schwappte von meiner Großmutter zu mir und überrollte mich unvorbereitet. Die Todesangst, die seit Tagen in mir aufkeimte, war in voller Pracht erblüht, schlug ihre Wurzeln tief in mir und verankerte sich fest in meinem Herzen.

»Warum steht so was Wichtiges nicht in unserem Buch?«, hakte ich nach.

»Weil sie als nicht mehr existent galten. Seit vielen Jahrhunderten. Meine Urgroßmutter hat sich darüber keine Sorgen mehr gemacht, Caspara.« Sie umfasste meine Unterarme. »Du musst weg von hier! Du musst dich verstecken!« Panik glühte in ihren Augen.

Meine Gedanken überschlugen sich. »Was? Nein! Wohin sollte ich auch gehen? Und wenn ich einen Weg finde, wie ich sie besiegen kann?«

Ihre Finger verschränkten sich ineinander. Begann die größte Atheistin der Welt zu beten?

»Diese Schneefrauen besiegten die Höllenhunde, indem sie ihre Eiskräfte aus ihren Herzen befreiten und starben. Außerdem waren es mehrere und du bist allein«, wiederholte sie.

»Das war also die selbstlose Tat der Schneefrauen, von der du ständig gesprochen hast. Sie ließen ihr Leben für das Leben der Menschen und erhielten als Geschenk die ständige Wiedergeburt.«

Mussten diese Viecher ausgerechnet jetzt wieder aus ihren Löchern gekrochen kommen wie Take That? Nein, sie tauchten auf, weil ich hier war. Selbstverständlich taten sie das.

»Was machen wir jetzt?«

»Ich weiß es nicht, mein Schatz. Ich weiß es nicht.«

Meine Kamera funkelte mich böse an, ehe ich die Verschlusskappe auf das Objektiv packte und mich wieder meinem Laptop zuwandte. Meinen Blog hatte ich die letzten Tage schleifen lassen, dabei war ich in der Buchbloggerszene kein unbeschriebenes Blatt. Wenn man außer Acht ließ, dass man in Dublin schnell kein Unbekannter mehr war, wenn man überhaupt irgendwas außer der Reihe machte.

Bevor ich meinen Blogbeitrag mit den passenden Hashtags ausstattete, beendete ich noch die letzten Sätze:

Schreibt mir gerne, wie euch »Written in Red« von Anne Bishop gefallen hat. Leider ist die Reihe bisher total an mir vorbeigegangen, aber zum Glück kann ich das jetzt aufholen. Zu den anderen Büchern, die bei mir eingezogen sind, könnt ihr gerne auch Kommentare schreiben.

Eure Cass-TheBookMess

PS: Falls jemand von euch eine Schneefrau ist und mir helfen kann, die Nekromanten auszulöschen, meldet euch.

Den letzten Satz löschte ich selbstverständlich wieder. Kein besonders guter Blogartikel, aber besser als nichts. Ein Klick auf veröffentlichen und er war online. Sichtbar für all die Bücherfreunde da draußen. Sofort ereilte mich die Benachrichtigung über meinen ersten Kommentar.

»Erster«, las ich laut vor. Ich rollte mit den Augen und meldete mich von meinem Server ab. Das Licht meiner goldenen Schreibtischlampe wurde von der grünen Abdeckung darüber gedimmt und stimmte mich müde.

Nach stundenlanger Diskussion mit meiner Großmutter kamen wir beide auf keine Lösung meines Problems. Obwohl mich ihre Sorgen, die sie sich um mich machte, mehr beschäftigten. Umso glücklicher war ich, als ich sie nach dem Duschen schlafend vorfand.

Wenigstens überraschten mich heute keine neuen Schwächeanfälle mehr. Ich schaltete das Licht aus, verkroch mich unter meine Bettdecke und hoffte, eine Überdosis an Baldrian-Tabletten würde mich die Nacht durchschlafen lassen.

Mein Körper wurde schwer, die Muskeln entspannten sich und zuckten mehrmals, erleichtert, die Last des Tages überstanden zu haben. Leider kam sie mit dem Morgengrauen zurück.

Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist kalt

Mit meinen Fingern hielt ich meine Augen auf, um nicht einzuschlafen. Als in mir der Gedanke aufblitzte, die lustige Schneefrau in mir könnte meine Augäpfel vereisen, ließ ich von ihnen ab.

Die Existenz meiner geschwollenen Tränensäcke spürte ich deutlicher als die Aggression gegenüber dem langweiligsten Menschen auf Erden: meinem Professor, der das Migrations-Seminar leitete.

Nachdem ich mich viermal vertippt hatte, öffnete ich die Notizzettel-App und schrieb: Keine Überdosis Baldrian mehr.

Bald bin ich fertig mit dem Studium. Bald bin ich fertig mit dem Studium. Dieses Mantra half mir, nicht verrückt zu werden.

Außer ich sterbe noch vorher und habe unzählige, gendergerechte Hausarbeiten umsonst geschrieben.

Nach der siebzehn – nicht fünfzehn, nein, siebzehnminütigen Pause, die uns Professor Hazel gewährt hatte, stolzierte er in den Raum. Allerdings war er nicht allein. Zum ersten Mal in seiner Laufbahn erweckte er das Interesse seiner Studenten.

»Ein Junge«, hörte ich jemanden hinter mir tuscheln.

»Wie ihr seht, bin ich nicht alleine zurückgekommen. Ich habe einen fleißigen und strebsamen Austauschstudenten mitgebracht: Wyatt Chris Atkins. Er ist zwar mit seinem Soziologiestudium fertig, muss aber noch einige Kurse besuchen, um auch bei uns weitermachen zu können.«

Komischerweise hätte ich schwören können, dass ich diesem Typen bereits auf den Straßen Dublins begegnet war. Irgendwann war man jedem Menschen in Dublin begegnet. Da er aber nicht von hier stammte, musste ich mich täuschen.

»Stelle dich doch kurz vor, Wyatt«, forderte Hazel den Neuen auf.

»Okay.« Seine Stimme klang samtweich, begleitet von einem rauen, gebieterischen Unterton. Eine merkwürdige Kombination. Wie Popcorn mit Schokolade – ein freudige Überraschung. Zwar nicht für jeden, aber für mich. Dennoch passte sie nicht zu seinem Äußeren, das wiederum nicht zu seiner Geschichte passte. Ein Austauschjahr in Irland. Das bedeutet, er war nicht von hier. Gleichzeitig sah er aus wie ein Klischee-Ire.

Verwuscheltes orange-rotes Haar umrahmte mitsamt dem Bart seine Augen, die das satte Grün der irischen Pflanzenlandschaft in sich trugen. Selbst den muskulösen Körper zierte ein Holzfäller-Hemd. Er wirkte wie das Bild eines Comic-Zeichners, der einen Iren darstellen wollte. Einzig sein perfekt getrimmter Bart über Wange, Mund und Kinn fiel aus der Reihe und wirkte gegen den Wildwuchs-Trend an.

Wyatt zog seine schwarze Mütze zurück und räusperte sich. Beinahe schüchtern schweifte sein Blick oberflächlich über die Seminarteilnehmer.

»Meinen Namen kennt ihr ja. Ich bin fünfundzwanzig Jahre alt und komme aus Bar Harbour, stamme aber eigentlich aus Irland. Meine Großeltern wanderten nach Amerika aus und jetzt wollte ich wieder zurück zu meinen Wurzeln«, stellte er sich vor.

Daher sein Aussehen. Er versuchte, so irisch wie möglich zu wirken.

»Bisher liebe ich mein Herkunftsland«, betonte er und reckte stolz das Kinn seines kantigen Gesichts hervor. Seinen Worten lauschend stützte ich meinen Ellbogen am Tisch ab und bettete meinen Kopf auf meine Faust. Irgendwas störte mich an ihm.

Ebenso unerwartet wie Wyatt prasselten die Schmerzen auf mich ein. Meine Augen verlernten das Fokussieren. Stellten Wyatt scharf, obwohl ich meine Finger betrachten wollte. Ließen den Hintergrund verschwimmen, als ich den Ausgang suchte.

Angestrengt kniff ich die Augen zusammen und hoffte, dass der Anfall vorüberging, auch ohne Komplikationen. Der Druck in meinem Kopf ließ nach und ich öffnete meine Lider wieder. Es dauerte einen Moment, doch dann entdeckte ich es.

Das Schneegesicht formte sich an der Tafel neben Wyatt.

»Verschwinde«, zischte ich, nur für meine Ohren bestimmt. Tatsächlich hatte ich die Aufmerksamkeit aller Studenten gewiss. Auch die Wyatts.

Dann erkannte ich es. Darum kam mir Wyatt bekannt vor. Als er mich direkt anblickte, fragte ich mich, warum es mir nicht gleich aufgefallen war.

Er war mein Schneegesicht. Beide starrten sie mich höhnisch nebeneinander an. Unkontrollierbare Wut kroch meine Kehle empor. Mit einem lauten Ruckeln schob ich den Stuhl zurück, als ich mich erhob.

»Was willst du von mir?«, fragte ich, die Hand zur Faust geballt. Eiskrallen schlichen sich scheu aus meinen Fingern, drückten gegen meine Haut.

»Sie kennen sich?«, fragte Hazel nach. Das wäre die naheliegendste Erklärung für mein Verhalten gewesen.

Wyatts Mimik verriet seine Verwirrtheit, während das Schneegesicht mich verspottete. Endlich fiel mir ein, dass sich die Fratze der Kälte nur mir zeigte.

»Ich … Nein. Also, …« Mein Kopf war völlig leer. Ich seufzte lediglich und setzte mich. Es hatte ja doch keinen Sinn, mich zu erklären. »Fehlalarm«, setzte ich nach, doch da war ich schon wieder vergessen. Schließlich war ich sowieso die merkwürdige Caspara mit den langen schwarzen Haaren und dem geraden Pony, der bis über meine Augenbrauen reichte.

Wyatt klärte uns weiter über seine Person auf, ließ mich dabei jedoch nicht aus den Augen. Ungeniert starrte, nein, glotzte ich zurück. Dass er attraktiv war, stritt ich nicht ab, doch hierbei ging es um mein Leben. Warum erschien sein Abbild, um mich zu warnen?

Die Frostmaske löste sich schmatzend von der Tafel und setzte sich selbst Wyatt auf. Dieser Mistkerl provozierte mich, während ich tatenlos zusehen musste. Trotzdem beherrschte ich mich. Zweimal innerhalb eines Tages unangenehm auffallen lag zwar im Mittelfeld meiner normalen Quote, aber ich versuchte trotzdem, mich ansatzweise am Riemen zu reißen.

Nach seinem unendlich langen Monolog machte er einen Schritt vorwärts, als er überlegte, wo er sich hinsetzen wollte. Innerlich jubelte ich, da ich sein Antlitz los war. Ein kalter Schauer sauste über meinen Rücken. Meine Kräfte trugen keine Schuld. Es war Wyatt, der mich abermals angaffte.

Nein … wage es nicht!

Er wagte es. Holzfäller-Typ näherte sich mir und setzte sich neben mich. Und neben mir waren fünf Plätze frei. Generell war der ganze verdammte Hörsaal frei. Am liebsten wäre ich im penetrant blauen Linoleumboden versunken.

Ein Blick zu ihm genügte, um zu bemerken, dass er mich nicht aus den Augen ließ. Natürlich wusste er etwas. Sein Blick brachte mich zum Schwitzen und Hitze breitete sich über mein Blut in meinem Körper aus.