So fühlt sich Leben an - Hagen Stoll - E-Book

So fühlt sich Leben an E-Book

Hagen Stoll

4,8
9,99 €

oder
Beschreibung

Mitreißend, ergreifend, außergewöhnlich – eine deutsche Geschichte

Er war 16, als die Mauer fiel. Den Kopf voller Träume, machten Hagen Stoll und seine Kumpels sich auf, die Welt neu zu entdecken. Als Rapper Joe Rilla wird er zum Sprachrohr der ostdeutschen Jugend aus der »Platte«, was in Marzahn jedoch nicht allen gefällt: Wegen seiner Vorliebe für »Negermusik« wird Hagen Stoll verprügelt, gerät ein anderes Mal ins Visier einer Motorradgang und fürchtet um sein Leben. Auch der kräftezehrende Kampf im Musikbusiness hält an. Doch Hagen spürt immer eine deutliche Zugkraft geradeaus. Beharrlich, unbestechlich und bereit zur Veränderung, macht sich Hagen auf den Weg zum Erfolg – und zu sich selbst.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 400




Hagen Stoll

mit Leo G.Linder

So fühlt sich Leben an

Wilhelm Heyne Verlag

München

Originalausgabe 03/2013

© 2013 by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung und Motiv: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich

Redaktion: Sabine Wünsch

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-09456-0

www.heyne.de

Ein paar Worte vorweg

Ein Buch zu schreiben heißt, sich seiner Vergangenheit zu stellen, und ich staune, was beim Erzählen alles wieder auftaucht: der Moment des Schreckens, die Stunden der Angst, das peinliche Gefühl der Niederlage, das berauschende Gefühl des Triumphs. Nichts ist vergangen, alles ist auf einmal wieder da– eine geballte Ladung Leben, und zwar das eigene. Dann weint man, weil es so schön oder so traurig war, man lacht, weil das Erfolgserlebnis von damals immer noch lebendig ist, und staunt, weil das Sinnlose plötzlich sinnvoll erscheint. Man steckt eben immer noch drin, im selben Leben, in derselben Haut, nur dass der Mensch inzwischen nicht mehr Razia und nicht mehr Joe Rilla heißt, nicht mehr Tischtennismeister der DDR, nicht mehr Sprüher, nicht mehr Rapper, nicht mehr Türsteher und auch nicht mehr Kleinganove ist, sondern Haudegen. Manchmal ist man sich selbst fremd, manchmal schüttelt man über sich selbst den Kopf, manchmal würde man sich lieber nicht so genau erinnern, aber am Ende, wenn alles erzählt und aufgeschrieben ist, spürt man: Es hat gutgetan, das Ganze einmal in allen Einzelheiten hervorgekramt und ausgesprochen zu haben; es war fast wie eine Therapie.

Im Grunde erzähle ich von einer langen Suche. Einer Suche nach einem Ziel, einer Lebensaufgabe, einer Bestimmung vielleicht. Einer Suche, auf der ich viele Umwege eingeschlagen habe und auf Abwege geraten bin. Es gibt so viele Geschichten, an die ich heute mit Schrecken und Scham zurückdenke, so vieles, was ich heute kaum noch nachvollziehen kann. Wer war dieser wütende junge Typ? Was war los mit uns, dass wir uns gegenseitig die Köppe eingeschlagen haben und ein krummes Ding nach dem anderen drehen mussten? Gewalt und Betrug gehören nicht mehr zu mir. Aber ich möchte mich diesem Typen von damals stellen, noch einmal er sein, um ihn zu verstehen. Dass sich die Geschichte meiner Suche über weite Strecken wie ein Kampf liest, liegt also an mir, daran, dass ich komplett in mein altes Leben eingetaucht bin und ehrlich davon berichten möchte, wie es sich damals angefühlt hat. Es liegt aber auch an den Umständen. Ich befand mich mittendrin in einem Abschnitt der deutschen Geschichte, der im Einzelnen noch kaum bekannt ist, über den ich hier vielleicht als Erster schreibe und den man so auch nur erleben konnte, wenn man die Jahre vor und nach der Wende im Ostberliner Arbeiterklassestadtteil Marzahn verbracht hat. Denn was als sozialistisches Utopia gedacht war, verwandelte sich in einen kapitalistischen Albtraum, der sich wiederum als fabelhafte Schule des Lebens herausstellte, sodass ich lange Zeit hin- und hergerissen war zwischen Hass und Liebe zu diesem kaputten, chaotischen und gleichzeitig lebensprühenden, energiegeladenen Ort. Heute sage ich: Marzahn ist wundervoll. Marzahn ist mein Zuhause.

Im weiteren Sinne ist das heute natürlich ganz Berlin. Der Großstadtdschungel ist meine Heimat. Und ich werde in diesem Buch auch nur selten über die Grenzen dieser Stadt hinausgehen, denn ich schreibe zwar als Sänger von Haudegen, aber die Geschichte von Haudegen will ich mir für ein zweites Buch aufsparen. Man wird also diesmal noch nichts über mein Treffen mit dem Bundesinnenminister oder über den Überraschungserfolg unseres Debütalbums erfahren, dafür aber alles, was vorher geschah, was mich als Mensch wie als Musiker geprägt hat und den Erfahrungsschatz bildet, aus dem ich heute schöpfe. Dieses Buch hört also genau da auf, wo Haudegen anfängt, und wenn es euch damit genauso geht wie mir, dann werdet ihr auch eine Pause brauchen können.

Mit anderen Worten: Wir sehen uns wieder. Aber jetzt erst einmal mit einem kurzen Sprung zurück in die guten, alten, wilden Zeiten.

1| Aufbruchsstimmung

Ja, Marzahn.

Immer noch fahre ich manchmal hin. Auf der Landsberger Allee nach Osten, bis das vertraute Panorama vor mir auftaucht, Plattenbauriegel, mal elf, mal achtzehn, mal zweiundzwanzig Stockwerke hoch, heute bunt, früher grau. Grau mit einem Stich ins Schlammige. Alle aus demselben Baukasten. Das Paradebeispiel sozialistischen Wohnungsbaus.

Platte links, Platte rechts, auch auf der Allee der Kosmonauten. Triumph der Kastenform, Diktatur des Rechtwinkligen. Und plötzlich Kopfsteinpflaster. Niedrige Häuser aus der bäuerlichen Vorzeit, als Marzahn der Name eines winzigen Dorfes vor den Toren Berlins war. Alle um einen lang gestreckten Platz angeordnet, die alte Dorfkirche in der Mitte. Braunrote Ziegelmauern, in den Ritzen grün von Flechten oder Moos, und am Rand des Platzes die Fleischerei Genz. Eine meiner Anlaufstellen in Marzahn, seit jeher. Bezugsquelle der besten Rouladen, der leckersten und größten Schnitzel weit und breit. Und prompt sehe ich mich da stehen, ein kleiner Bengel mit einer Wiener in der Hand. Strahlend vor Glück, weil er das Würstchen gerade geschenkt bekommen hat.

Man kennt mich hier. Nicht wie an der Kasse im Supermarkt, wo die Leute mich ansprechen, weil sie mich vom Plattencover wiedererkennen. Sondern als einen von ihnen. Draußen vor dem Schaufenster mit den Wurst- und Fleischauslagen kommt es zu einem Schwätzchen von Tisch zu Tisch. »Wir haben letzte Woche deinen Auftritt beim Promi-Dinner gesehen.« Ich hatte Rouladen gemacht. Sie stammten von Genz in Alt-Marzahn. An den Rouladen lag es jedoch nicht, dass ich nicht besser abgeschnitten habe.

So fühlt sich Zuhause an. So sieht Kindheit aus. Plattenbauten, so weit das Auge reicht, dazwischen, aus einer anderen Zeit, eine Kirche, eine Dorfstraße, eine Fleischerei. Sogar die alte Windmühle auf ihrer Anhöhe außerhalb des Dorfes haben sie stehen gelassen. Und etwas weiter die Landsberger Allee hoch, Richtung Blumenberger Damm, hat das erste befreite Haus Berlins jede Wende überdauert. Das erste Haus, das die Rote Armee bei ihrem Vormarsch auf Berlin 1945 erreichte.

Marzahn.

Grundlegende Erfahrungen habe ich hier gemacht. Erfahrungen wie Angst haben, wie Mut beweisen, wie tapfer sein. Heranwachsen, das ist Actionfilm, Horrorfilm und Komödie in einem. Das größte Vergnügen, der größte Schrecken dicht beieinander. Wenn der Regen sie nicht weggewaschen hat, sieht man noch die Bremsspuren auf dem Blumenberger Damm, die das Ende einer Verfolgungsjagd markieren– ich in meinem Bertone und hinter mir dreimal Blaulicht. Unter einer der steinernen Tischtennisplatten im Hinterhof habe ich mit zwölf oder dreizehn die erste Zigarette geraucht, höchstwahrscheinlich eine Kenton blau– »Stasi-Zigarette« haben wir damals dazu gesagt, weil man »Kenton« auch wie »Keen Ton« lesen kann. An der Giebelseite einer Platte steht die Bank, von der mich ein Glatzkopf mit der Keule runtergeknüppelt hat– das Geräusch, wenn Metall auf Schädelknochen trifft, habe ich heute noch im Ohr. Wie eh und je liegt der Springpfuhl-Tümpel da in seinem Park– ein Sumpfloch für den unvoreingenommenen Betrachter, für mich als Springpfuhlpirat seinerzeit die Sieben Weltmeere. Und gleich dahinter der Helene-Weigel-Platz, nett gestaltet mit Springbrunnen und Bronzefiguren– damals Aufmarschplatz der Neonazis und Austragungsort der wüstesten Massenprügelei, die ich je erlebt habe.

Manches ist verschwunden. So wie die Trabis, nach Feierabend auf einer Linie entlang der Plattenbauten aufgereiht, hellgelbe, hellblaue, hellgrüne Farbkleckse im Einheitsgrau. Oder Adolf auf seinem Balkon vor dem Schulgelände, der so hieß, weil er stundenlang Hitlerreden rezitierte. Oder Frau Paschulke, die Stasibeauftragte unserer Platte am Murtzaner Ring, bald nach der Wende abgetaucht. Aber für mich ist Marzahn nach wie vor der Ort meiner Kindheit, meiner Jugend, an den ich gern zurückkehre. Denn egal, wie deine Kindheit war, wo sie sich abgespielt hat, wer dir das Leben dort leicht oder schwer gemacht hat– dieser Ort hat dir den Stoff geliefert, an dem du ein Leben lang kaust und würgst, von dem du aber auch ein Leben lang zehrst. Marzahn war mit diesem Stoff besonders freigebig.

So kam es zu mir. Hagen Stoll.

Hagen. Ein üblicher Name war das nicht. Die Vorliebe für ausgefallene Namen war im Osten allerdings verbreitet– Torsten, Sven, Kardo und eben Hagen. Ich sollte mich wohl einzigartig fühlen. Aber weder mein Vater noch meine Mutter hatten irgendwelche Ambitionen in Richtung deutsche Sagen. Erst in der Schule kam die Sprache auf die Nibelungen, erst da wurde mir klar, dass es einen Hagen von Tronje gibt. Ein Finsterling, aber unerschrocken, kühn. Obwohl er’s am Ende verkackt hat. Ich habe jedenfalls nie ein Problem mit diesem Namen gehabt, im Gegenteil. Ich finde ihn gut. Ich war immer stolz auf ihn. Ich habe mich auch oft wie Hagen von Tronje gefühlt.

Geboren bin ich aber nicht in Marzahn. Als ich zur Welt kam, existierte der Ort wahrscheinlich gerade mal auf dem Reißbrett. Geboren bin ich, als erstes und einziges Kind meiner Eltern, am 29.Januar1975 im Krankenhaus Friedrichshain. Das Ereignis ist unwiderlegbar bezeugt, und zwar durch eine selbst gefertigte Geburtsurkunde, die mein Onkel und meine Tante den glücklichen Eltern anschließend überreichten: »Am heutigen Tage, dem 29.Januar1975, gelang es den Menschen Edelgard und Walter Stoll, ihr Erstlingswerk zu produzieren…« Etwas in dieser Art, mit einem roten Wachssiegel versehen und beglaubigt. Die Urkunde hängt immer noch bei meinen Eltern; ein Erbstück, auf das ich ziemlich scharf bin.

Gewohnt haben wir damals in der Wichertstraße49 im Bezirk Prenzlauer Berg. Es war die erste Berliner Adresse meiner Eltern. Denn nach ihrer Herkunft sind sie Mecklenburger– mein Vater Walter wuchs in einem Dorf namens Luplow auf und meine Mutter Edelgard in dem Örtchen namens Tarnow, das eine nicht weit vom anderen entfernt und beide von Neubrandenburg in zwanzig Minuten zu erreichen. Weil sie vorankommen wollten, zogen sie vom Land in die Hauptstadt, nach Ostberlin, landeten im Prenzlauer Berg und richteten sich dort in einer Studentenbude auf vierunddreißig Quadratmetern ein. Altbau, Kohleofen, Fenster zum Innenhof, wenig Licht, etwas anderes als die weitläufigen Felder ihrer Jugend und etwas kümmerlicher als die Bauernhöfe, von denen sie kamen. Egal. Der Schritt in die Großstadt versprach ein besseres Leben.

Mein Vater hatte es mit dem Militär. Nach der vormilitärischen Ausbildung in der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) war er zum Wehrdienst in der NVA eingezogen worden und hatte eine Laufbahn bei der Luftwaffe angestrebt. Aus den Bomben und Raketen und russischen Kampfjets, die seine Erzählungen für mich als Kind so spannend machten, wurde aber nichts. Stattdessen verschlug es ihn zum Zoll. Anders gesagt: Als ich so weit war, dass ich mir ein erstes Bild von der Welt machen konnte, war mein Vater bereits Grenzer. Grenzsoldat. An der Marschallbrücke über die Spree stationiert, nur hundertfünfzig Meter Luftlinie vom Reichstag entfernt, also an vorderster Front. Dort kontrollierte er im Schichtdienst jeden Kahn, der unser Binnengewässer befuhr, bei der Einreise nach Ostberlin wie bei der Ausreise nach Westberlin. Mit anderen Worten, nämlich den Worten meines Vaters: Er beschützte unser Land und wehrte den Feind im Westen ab, der sich alles Erdenkliche einfallen ließ, um in unsere heile, sozialistische Welt einzubrechen.

Gut, das war jetzt nicht die Luftwaffe, aber schlecht war es auch nicht.

Nicht unbedingt wegen der Mauer, dem Stacheldraht und den Suchscheinwerfern, aber wegen seiner Uniform, seiner Dienstwaffe in ihrem Halfter an seinem Gürtel und ganz besonders wegen seiner Hunde. Wenn ich ihn ab und zu an seinem Arbeitsplatz besuchte, faszinierte mich nichts mehr als diese Hunde in ihrem Zwinger. Und ich muss sagen: Da wurde einem schon anders. Die konnten einem Angst machen. Die tiefschwarzen Riesenschnauzer, die bulligen Rottweiler und die Deutschen Schäferhunde, all diese kläffenden, hechelnden, wutgeladenen Vierbeiner, die nur darauf warteten, dem nächsten Kapitalisten den Arsch aufzureißen. Manchmal fuhr ich in dem Barkas mit, einem Ost-Lieferwagen, in dem die Hunde von einem Grenzposten zum anderen verfrachtet wurden, dann stießen sie knurrend vor ungehemmter Aggressivität ihre Schnauzen durch den Spalt unter der Sitzbank. Und jedes Mal, wenn ein Schiff unter der Marschallbrücke festmachte, hieß es für meinen Vater: Mit einem dieser Hunde an Bord gehen, alles durchsuchen und Eindringlinge aufspüren. Also– mein Vater hatte eine Aufgabe, mein Vater hatte Befugnisse, mein Vater war ein Held.

In gewisser Weise war auch meine Mutter eine Heldin. Aber ihr Heldentum war von anderer Art. Sie stand nämlich als leitende OP-Schwester am Operationstisch im Krankenhaus Friedrichshain, Hals-Nasen-Ohren-Abteilung, reichte den Ärzten Skalpell und Tupfer an und sah tagaus, tagein Blut. Für mich eine gruselige Vorstellung, aber für sie die selbstverständlichste Sache der Welt. Eine Heldin aber auch deswegen, weil ich sie in all dem Ärger, den ich mit meinem Vater im Lauf der Zeit bekam, auf meiner Seite wusste. Diese eher verträumte, in sich gekehrte Frau hat mir jederzeit meine Freiheit gelassen, obwohl sie Angst um mich hatte. »Pass bloß auf«, hat sie gesagt, als ich später meine Graffiti machte und nächtelang an der Wand stand, »lass dich nicht erwischen.« Und ich habe aufgepasst, ich habe mich nicht erwischen lassen. Ihre Worte habe ich mir gern zu Herzen genommen. Sie hat viel mehr bei mir bewirkt als mein Vater mit seinem kategorischen Nein.

Sie war es auch, die mich in den Arm nahm, die mich lobte, die mich tröstete, und Trost war bald gefragt, denn Klein-Hagen war nicht perfekt geraten. Ich hatte X-Beine. Aber was für welche… Also mussten, als ich vier war, Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Die kleinen X-Beine kamen nachts in Schalen, um ihre Kniegelenke einzurenken. Sie wurden in diesen Blechschalen fixiert und auseinandergedrückt. Die Geradebiegerei tat weh, und solange sie dauerte– drei Jahre mindestens–, war an Umdrehen im Bett oder bequemes Liegen nicht zu denken. Mutter Edelgard kämpfte als Trösterin an vorderster Front.

Trotzdem habe ich oft geweint. Meine Knie schmerzten, und außerdem ging’s dreimal die Woche zum orthopädischen Unterricht. Ich hatte das Gefühl, neu laufen lernen zu müssen. Also das Ganze wieder von vorn, und zwischendurch immer mal auf einem alten Brett mit Rollen drunter in der Turnhalle durch die Gegend gedüst. Ich wollte laufen, aber auf dem Rollbrett musste ich knien; auch das war schmerzhaft, aber es ging wohl ums Gleichgewicht. Jedenfalls kam meine Mutter schon wieder in ihrer Hauptrolle zum Einsatz. Trotzdem war es auch lustig, mit all den Kindern, die mit von der Partie waren, meinen Leidens- und Spaßgenossen. Ganz so lustig wie auf meinem neuen Rädchen unterwegs zu sein fand ich’s aber dann doch nicht.

Es war ein ultrakrasses Bambirad, und ich war stolz wie Bolle. Aufgemotzt mit allerhand Plüschdraht und Fähnchen und Federn und Karten vom Skatspiel meiner Eltern, die mit Wäscheklammern so an Rahmen und Gabel befestigt waren, dass sie die Speichen streiften und beim Fahren ein rennwagenmäßiges Motorengeräusch erzeugten. Toll. Fahrradfahren war meine Leidenschaft. Irgendwann hat mein Vater die Stützräder hochgebogen, und siehe da, es ging auch ohne. Derartig motorisiert war ich der Knaller auf den Straßen und Plätzen rings um den Ostbahnhof, die Sensation von Friedrichshain.

Inzwischen waren wir nämlich umgezogen.

Die düstere Studentenbude in der Wichertstraße war nicht das Passende für die kleine Familie Stoll. Bilder aus dieser Zeit sind bei mir nicht hängen geblieben. Allenfalls der Märchenbrunnen, den meine Mutter gelegentlich ansteuerte, wenn sie mich im Kinderwagen spazieren fuhr, aber der kann sich auch aus ihren Erzählungen bei mir eingeschlichen haben. Ich glaube, ich habe mich damals um nüscht dergleichen gekümmert, in der Anfangszeit sind einem andere Dinge wichtiger. Jedenfalls ging es von der Wichertstraße49 in die Straße der Pariser Kommune13 im Bezirk Friedrichshain, und zwar in einen regelrechten Wolkenkratzer, eine Platte, wie sie im Buche steht, mit einundzwanzig Stockwerken fast so hoch wie der Fernsehturm, unglaublich. Die fünfundvierzig Quadratmeter Wohnfläche stellten zwar nur einen bescheidenen Geländegewinn dar, aber bei dem phänomenalen Ausblick über die Stadt wirkte das Ganze gleich viel größer.

Ich hatte sowieso Glück. Mein Vater funktionierte nämlich die Abstellkammer zum Elternschlafzimmer um und quetschte ein Ehebett hinein, damit der Sohnemann ein Zimmer für sich allein hatte. Und jetzt erinnere ich mich gut: Auf diesen vier mal vier Metern habe ich mir mein eigenes, grenzenloses Reich zusammengeträumt, ungestört von irgendwelchen Geschwistern, ich war ja Einzelkind. Die Mitte des Raums zierte ein dicker Teppich, von meiner Mutter selbst geknüpft; auf dem saß ich, spielte mit meinen Autos und hob ab, flog davon, flog, wann immer ich wollte, wie der kleine Muck über die Dächer der Stadt und immer weiter, denn es war ein fliegender Teppich. Ein handgeknüpfter, fliegender Teppich, blau mit orangefarbenen Blättern und mit einem grünen OP-Tuch aus der Friedrichshainer Hals-Nasen-Ohren-Klinik auf der Unterseite. Wer weiß, ob ich je abgehoben hätte, wenn ich die Abstellkammer bekommen hätte? Im Nachhinein denke ich: War ja nicht selbstverständlich. War richtig nett von meinem Vater.

Ich war also rundum zufrieden. Zufrieden mit meinem gelben, ferngesteuerten Auto, einem Chevy oder Dodge (aus Polen oder der Tschechoslowakei), der gar nicht ferngesteuert war, sich aber über eine Schnur, die hinten rauskam, immerhin lenken ließ. Zufrieden aber auch mit dem ganzen Rest. Mit Papas Aquarium im Wohnzimmer, in dem sich Guppys und Scalare tummelten– oft saß ich davor und schaute den Fischen einfach nur beim Schwimmen zu, während der Wasserfilter blubberte. Mit dem Badezimmer, das eine Wanne besaß, obwohl es mit Sicherheit das kleinste Badezimmer der Welt war, und eine Mischbatterie, die jederzeit brav warmes Wasser spuckte. Auch mit der Heizung, die einwandfrei funktionierte, wobei ich mir die Sache mit der Fernwärme nach den Beschreibungen meiner Eltern so zusammenreimte, dass sie direkt aus Russland zu uns kam. Selbst mit dem Müllschlucker, der bequem auf dem Weg zum Fahrstuhl lag, allerdings immer ekelhaft nach Moder und Kotze stank und wohl auch für die Armee von Kakerlaken in unserer Küche verantwortlich war. Das absolut Größte aber war der Fahrstuhl, weil es so lange dauerte, bis man auf unserer Etage ankam, und einem unterwegs so ganz allmählich immer klarer wurde, wie weit oben unsere Wohnung lag. Nämlich hoch über allem.

Ja, und eben mein Bambirad.

Nach dem Kindergarten bin ich oft stundenlang um unseren Block gecruist. An den Schaufenstern des ungeheuer großen Kaufhauses entlang, in dessen Kellerräumen der Weihnachtsmann mit seinen Helfern wohnte und das ganze Jahr über Weihnachtsgeschenke zusammenstellte und in Geschenkpapier einwickelte, wenn ich den Worten meiner Eltern glauben durfte. Und weiter bis zu diesem Riesenteil von Ostbahnhof mit seiner Glaskuppel. Und die ganze Zeit war in meinem Kiez was los. Lkws belieferten das Kaufhaus, und ich sah stundenlang den Brummis zu, wie sie ein- und ausparkten, und grüßte die Trucker, winkte ihnen zu und erntete hin und wieder ein verschwörerisches Augenzwinkern. Noch glücklicher machte mich, wenn sie zum Abschied laut hupten. Ich war also einer von ihnen. Männer unter sich…

Eine großartige Zeit. Und ich ein hochzufriedener kleiner Knirps, der nichts als Abenteuer im Kopf hatte und immer auf der Suche war nach neuen Wegen, neuen Ecken und neuen Plätzen– übrigens selten allein, meist in einem Pulk von Kumpeln, die die Straßen mit mir zusammen unsicher machten, bis es dunkel wurde und der Fahrstuhl mich erwartete. Den Knopf gedrückt, und ab ging’s, aufwärts, aufwärts, aufwärts, ins nächste Reich der Träume.

Eines Tages, ich muss fünf gewesen sein, eröffneten mir meine Eltern, dass wir umziehen würden. In eine viel schönere Gegend. Nach Marzahn. Und wenn sie davon sprachen, klang es nach attraktivem Wohnen in einem kompletten Neubauviertel und allen Annehmlichkeiten, die Fortschritt und Sozialismus auf dem Gebiet des Wohnungsbaus zu bieten hatten. Außerdem sollte ich dort eingeschult werden und freute mich auf diesen Tag wie alle Kinder meines Alters. Also setzten wir uns irgendwann in unseren Lada und brausten genau dort hin, nach Marzahn am Rand von Ostberlin, um die neue Heimat mal in Augenschein zu nehmen. Heia Safari! Ich war gespannt.

Wo wir ausstiegen, deutete nichts, aber auch gar nichts auf attraktives Wohnen hin. Was sich meinen Augen bot, war eine gigantische Baustelle, aus der sich, nachdem die erste Verwirrung abgeklungen war, folgende Bestandteile herausfiltern ließen: Acker, Modder, Pfützen, Bauarbeiter, Baugruben, riesige Sandberge, riesige Kabeltrommeln, riesige Kräne sowie halbfertige Rohbauten aus grauen Betonplatten mit ausgestanzten Rechtecken, immer an der gleichen Stelle, immer im selben Format– Plattenbau eben, das Legosystem des Ostens. Und jeder Arbeiter hier hatte schlechte Laune, schraubte sich ein Bier nach dem anderen an den Hals, beäugte uns grimmig, pöbelte seinesgleichen an oder pfiff meiner Mutter hinterher. Na ja. Meine Eltern würden schon wissen, was sie taten.

So, und das sollte also unsere neue Bleibe werden. Eine elfstöckige Platte am Murtzaner Ring. Wir staksten über Holzpaletten und dreckbeschmierte Styroporplatten an Schlammlöchern vorbei zum Eingang, nahmen uns das kahle Treppenhaus vor und standen kurz darauf in unserer Wohnung im neunten Stock. Hm. Ich war alles andere als überzeugt. Bis zum Einzug müsste hier noch viel passieren. Auch der Ausblick war ernüchternd. Ich trat auf den Balkon hinaus und sah– Baustelle. Nichts als Baustelle.

Komische Gegend, dachte ich.

2| Pionierarbeit a. D.

Meine Vorbehalte waren begründet. Sie überstanden unseren Umzug trotzdem nicht. Ich brauchte ein paar Wochen, um die Situation zu erfassen, aber dann war ich mit Marzahn restlos versöhnt. Erstens, weil eine Baustelle von diesen Ausmaßen für ein Kind wie mich das Paradies auf Erden war– und gebaut wurde ja weiter, nichts war hier fertig und ein Ende der sozialistischen Aufbautätigkeit in weiter Ferne. Zweitens, weil auch die Schule vollkommen okay war– anfangs zumindest. Und drittens, weil meine Eltern im siebten Himmel schwebten. Marzahn, das war der real existierende Luxus, das Symbol für einen glänzenden Etappensieg der Arbeiterklasse.

Wir bezogen eine Wohnung auf dem Murtzaner Ring12 im neunten Stock. Und in kürzester Zeit füllte sich das Haus mit Menschen, die sich vor allem in den Abendstunden durch Lachen, Weinen, Zanken und Gestöhne mehr oder minder lautstark bemerkbar machten, denn die Wände waren dünn und dementsprechend geräuschdurchlässig. Durchlässigkeit war sowieso ein Grundprinzip unserer Platte. Ständig standen Nachbarn abends vor unserer Tür, und dann wurde es lustig. Meine Eltern bewirteten ihre Gäste mit dem griechischen Edelbranntwein Metaxa, es wurde gelacht und getrunken, und ich lag derweil nebenan im Bett und pennte langsam, aber sicher ein, von den glücklichsten Gefühlen beseelt, denn so viel Party war ich von unserer alten Wohnung am Ostbahnhof nicht gewöhnt. Ich fand’s super. Zumal sich die Dinge für mich auch unabhängig von der lebhaften Nachbarschaft prima entwickelten.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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