Verlag: Books on Demand Kategorie: Wissenschaft und neue Technologien Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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Seitenzahl: 275

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E-Book-Beschreibung So isser brav! - Conny Sporrer

Mischlingsrüde Benji hat sich zu einem ziemlichen Terrorbolzen entwickelt. Menschen anspringen, Passanten verbellen, an der Leine ziehen, Ohren auf Durchzug stellen - all das beherrscht er in Perfektion. Als Frauchen trotz einer Odyssee durch fragwürdige Erziehungstheorien am Ende ihres Hundelateins ist, erfährt sie schließlich, wo in ihrer Beziehung zu Benji der Hund begraben liegt. In diesem Buch wird mit einer Reihe von Mythen und Irrtümern zum Thema Hundeerziehung aufgeräumt. Aus Perspektive der Hunde und ihrer Menschen wird der Leser in die Geheimnisse einer entspannten Mensch-Hund-Beziehung eingeführt. Warnhinweis: Nicht lesen, wenn Sie zerkratzte Oberschenkel, geschredderte Schuhe, Leinenpöbeleien, Bellkonzerte und ausgerenkte Schultergelenke vermissen würden. Mit einen Vorwort von Martin Rütter.

Meinungen über das E-Book So isser brav! - Conny Sporrer

E-Book-Leseprobe So isser brav! - Conny Sporrer

Conny

Für Abbey, die nicht nur in diesem Buch so viele wundervolle Spuren hinterlassen hat ...

Anna

Für Andi, die Liebe meines Lebens

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Hündinnen und Rüden:

Der Einfachheit halber wird im gesamten Text die männliche Form verwendet; die weibliche Form ist selbstverständlich eingeschlossen.

INHALT

VORWORT

WIE SIE DIESES BUCH NUTZEN KÖNNEN

KAPITEL 1 WER NICHT JAGT, DER NICHT GEWINNT

KAPITEL 2 DER EIERTANZ UM DOMINANZ

KAPITEL 3 DIE HOFFNUNG STIRBT ZULETZT

KAPITEL 4 WILLST DU GELTEN, MACH DICH SELTEN!

KAPITEL 5 ANGRIFF IST DIE BESTE VERTEIDIGUNG

KAPITEL 6 DER HUND VOM ANDEREN STERN

KAPITEL 7 DAS UNVERSTANDENE ENDE DER LEINE

KAPITEL 8 WAS HERRCHEN NICHT LERNT, LERNT HUND NIMMERMEHR

KAPITEL 9 DAS HAT SIE JA NOCH NIE GEMACHT!

KAPITEL 10 STILLE NACHT, STRESSIGE NACHT

KAPITEL 11 ZWISCHEN GENIE UND WAHNSINN

KAPITEL 12 VON SCHLECHTEN ANGEWOHNHEITEN UND GUTEN VORSÄTZEN

DANK

LITERATUR UND LESEEMPFEHLUNGEN

STICHWORTVERZEICHNIS

ZU DEN AUTOREN

VORWORT

«NUR WER EINANDER WIRKLICH VERSTEHT, KANN AUCH MITEINANDER GLÜCKLICH WERDEN.»

MARTIN RÜTTER

Seit über 15.000 Jahren leben wir Menschen mit dem Hund zusammen. Und trotzdem haben wir immer noch gehörige Schwierigkeiten, seine Sprache und Bedürfnisse richtig zu verstehen. Die Folge: Probleme aufgrund von Kommunikationsmissverständnissen, mangelnder Beschäftigung und ständiger Vermenschlichung.

Als Hundetrainer besteht meine wichtigste Aufgabe darin, einerseits als Dolmetscher zu fungieren und den Menschen das Verhalten von Hunden und deren Sprache zu übersetzen. Andererseits aber auch als "Anwalt der Hunde“ für ihr vermeintliches Fehlverhalten zu plädieren. Wenn ein Vierbeiner an der Leine zieht, Besucher anspringt, Passanten am Zaun verbellt oder jagen geht, handelt es sich um natürliches Hundeverhalten, das wir aber über Erziehung und Training umlenken können und sollten, nicht zuletzt, um dem Tier dadurch ein Höchstmaß an Freiheit gewähren zu können.

Hundeexpertin und Trainer-Kollegin Conny Sporrer ist gemeinsam mit ihrer Co-Autorin, Anna Maria Sanders, mit diesem Buch ein Spagat gelungen, den es so noch nicht gibt: Die Beiden haben einerseits die Höhen und Tiefen der Hundehaltung in eine wirklich unterhaltsame Story verpackt, gleichzeitig aber einen Ratgeber erschaffen, der grundlegende Erziehungstipps enthält und Hundeverhalten absolut verständlich erklärt.

Mit Sicherheit lässt Sie die sehr anschauliche Erzählweise der Hunde, die hier zu Wort kommen, Ihren Vierbeiner bald besser verstehen. Genau dieses Verständnis ist auch die Grundlage für eine gute Beziehung zu Ihrem Hund, die wiederum der Schlüssel für erfolgreiche Erziehung ist. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Spaß und noch mehr Aha-Momente beim Lesen,

Ihr Martin Rütter

WIE SIE DIESES BUCH NUTZEN KÖNNEN

Liebe Hundefreunde,

hier noch einige Hinweise, damit Sie sich mit unserem Buch nicht nur unterhalten fühlen, sondern auch ein Höchstmaß an Fachwissen mitnehmen können:

Obwohl sich die wichtigsten Grundprinzipien der Hundeerziehung wie ein roter Faden durch das gesamte Buch ziehen, sind die einzelnen Kapitel jeweils einem bestimmten Schwerpunkt zugeordnet.

Im Stichwortverzeichnis am Ende des Buches sind sämtliche Themen aufgelistet, die in diesem Ratgeber behandelt werden. So können Sie nochmals gezielt einzelne Probleme und Trainingsinhalte nachlesen.

Während des Lesens werden Sie immer wieder auf Informationssymbole mit QR-Codes stoßen. Diese verweisen auf Zusatzinformationen beziehungsweise anschauliche Trainingstipps zum jeweiligen Inhalt auf www.soisserbrav.com. Die QR-Codes können Sie mit einer entsprechenden App auf Ihrem Smartphone auslesen. Sie können aber auch die angegebene URL nutzen.

Ihnen ist beim Lesen etwas Wesentliches im Zusammenhang mit Ihrem Hund aufgefallen, das Sie keinesfalls vergessen wollen? Dafür bieten die "Notizen“ am Buchende Platz.

Und nun wünschen wir gute Unterhaltung beim Lesen und noch mehr Wissenszuwachs für Sie und den Umgang mit Ihrem Hund.

Conny Sporrer und Anna Maria Sanders

KAPITEL 1 WER NICHT JAGT, DER NICHT GEWINNT

DORIS, 3. OKTOBER

Murphy wäre ein treffenderer Name für diesen Rabauken gewesen. Bei unserem Hund scheint Gesetz zu sein, dass einfach alles schiefgeht, was nur schiefgehen kann. Oder Osama. Ein richtiger Terrorist ist aus ihm geworden. Allerdings: Conan der Barbar hätte es heute am allerbesten getroffen. Es war die reinste Schikane, was er bei unserem Nachmittagsspaziergang mit mir abgezogen hat. Meine Beine sind blutig wie nach einem Gemetzel, meine Unterarme völlig zerkratzt, wegen der Blasen an den Füßen werde ich mindestens eine Woche kaum gehen können und die neuen Sneakers sind nun reif für die Altkleidersammlung.

Dabei begann alles nach Plan, und der war, mit unserem Hund heute das Rückruftraining zu beginnen. In letzter Zeit macht er nämlich immer mehr Faxen und braucht auch von Tag zu Tag mehr „Benjis“ (eigentlich: „Beeeeeenjiiiiiis“), um zu kommen, wenn er gerufen wird. Also packte ich ein paar Leckerlis ein, schnappte mir das Lieblingsspielzeug unseres Hundes und hoffte, ich sei ausreichend gewappnet für das Training. Als Übungsleitfaden dienten mir einige Videos aus dem Internet.

Nachdem ich aber nicht wirklich wusste, wie gut das Training funktionieren würde, spazierte ich mit ihm in die Weinberge, fernab von Straßenverkehr, zu vielen Spaziergängern und anderen Hunden. Ich hatte zwar ein wenig Bauchschmerzen beim Gedanken, Benji frei laufen zu lassen, aber na ja: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

Bei einem Feld verdorrter Sonnenblumen angekommen, ging ich geistig noch mal die Tipps aus den Videos durch, öffnete den Karabiner der Leine … und der Albtraum begann. Denn plötzlich erstarrte Benji, spitzte die Ohren, streckte seine Nase kurz in die Luft und im nächsten Augenblick war er in dem Meer aus vertrockneten Blütenköpfen verschwunden. Sekunden später hörte auch ich, was er anscheinend schon vor mir wahrgenommen hatte: den Ruf irgendeines Vogels, wahrscheinlich eines Fasans. Kein Problem, dachte ich mir, soll er doch nach dem Federvieh suchen und das arme Tier vermutlich auch hochjagen, aber dann wird er sich bestimmt erinnern, mit wem er den Spaziergang begonnen hat und wer ihm abends immer brav die Dosen öffnet.

Da sollte ich mich aber mal gründlich getäuscht haben. Denn nach einigen Minuten wurde ich unruhig und rief den kleinen Jäger. Erst einmal, dann nochmals und dann auch ein drittes Mal – keine Reaktion. Also legte ich noch eins drauf und quietschte mit seinem Lieblingsspielzeug. Nichts. Schließlich raschelte ich mit der Leckerli-Packung und tat, was ich auf der Hundewiese schon oft bei anderen Hundehaltern gesehen und immer mit einem inneren Augenverdrehen kommentiert hatte.

„Leckerliiiii“, hörte ich mich in der Hoffnung rufen, damit irgendeine verlockende Assoziation auszulösen.

Keine Spur von unserem Vierbeiner. Als nach zehn Minuten immer noch kein Hund in Sicht war, dafür aber unzählige Fasanendamen aus ihren Verstecken geflohen waren, machte sich in mir Panik breit. Ich begann mich durch die kratzigen Halme zu kämpfen und meine Rufe nach unserem Terrorbolzen wurden mit jedem „Benji“ um einige Dezibel lauter.

Nach weiteren 20 Minuten und einer immer kraftloser werdenden Stimme verließen mich dann schließlich die Nerven – Katja hatte mir erst vor ein paar Tagen von einem Hund erzählt, der von einem Jäger erschossen worden war – und ich rief Harald an. Der war zwar nicht sehr erfreut über meine Bitte, sich ins Auto zu setzen und mir bei der Suche nach Benji zu helfen, da er noch einen Bericht fertig zu schreiben hatte. Aber offenbar bemerkte er meine Verzweiflung und sparte sich weitere Kommentare.

Zehn Minuten später tauchte Haralds Auto am Horizont auf, gefolgt von zwei olivgrünen Geländewagen. Mir schwante schon, wer sein Geleit darstellte ... Die Jägerschaft war anscheinend von einem selbst ernannten Zivil-Sheriff darüber informiert worden, dass am Feldweg hinter der Waldmeister-Siedlung ein Hund wildert. Jetzt war ich richtig sauer, denn die Männer in Grün mit ihren Gewehren sind noch nie mein Fall gewesen, und welche Weisheiten mich da in den nächsten Minuten erwarten würden, konnte ich mir gut vorstellen. Mittlerweile wollte ich statt Benjis Namen am liebsten nur noch Ausdrücke rufen, für die sich unsere beiden Jungs saftige Standpauken eingehandelt hätten.

Wie ist uns dieser Hund eigentlich so entglitten?, fragte ich mich resigniert und rief Harald und den Jägern zu, dass sich gerade etwa 30 Meter von ihnen entfernt etwas im Feld bewegt hätte.

Irgendwie häufen sich in letzter Zeit die Situationen, in denen ich mich hilflos und wütend fühle. Gestern hat Benji zum Beispiel Smarties neue Fußballschuhe komplett geschreddert, nachdem Harald und ich zur Arbeit gefahren waren, und auch sein Benehmen gegenüber anderen Hunden wird immer unmöglicher. Er führt sich in unserer Straße auf wie der Hausmeister, als ob er hier alle Rechte hätte, und bellt bei nahezu jedem Hundekontakt die Tonleiter rauf und runter.

Außerdem benimmt er sich den Kindern gegenüber rotzfrech, springt sie an und hat sie beim Fußballspielen im Garten kürzlich sogar in die Schuhe gezwickt, als sie ihm offenbar zu schnell rumliefen. Auch die Katzen trauen sich seit ein paar Tagen nicht mehr aus dem ersten Stock herunter, nachdem er sie letzte Woche – wie bei Tom und Jerry – quer durchs Wohnzimmer gejagt hat und ihn nur die rutschige Treppe nach oben daran gehindert hat, sie bis durch den Schornstein zu verfolgen.

Möglicherweise werden wir auch bald keinen Besuch mehr haben, denn vorgestern war Tante Alma da, an der er so oft hochgesprungen ist, dass in meinem Kopf seither ständig Bilder von … Nein, am besten gar nicht daran denken und diese absolut peinliche Situation unter dem Schlagwort „Strumpfhosen-Gate“ bei den Familiengeheimnissen begraben.

All das ging mir durch den Kopf, als ich zwischen den dicken Stängeln umherstapfte, und ich merkte, dass schon wieder 30 Minuten vergangen waren, es mittlerweile dunkel wurde und mir zum Rufen nun völlig die Kraft ausgegangen war. Außerdem machte die Wut nach und nach der Verzweiflung Platz.

Wir konnten Benji im Feld zwar immer wieder entdecken, wenn sich da und dort etwas bewegte und er auch hin und wieder mal ein hohes Bellen von sich gab. Aber es hatte den Anschein, als wäre er uns ständig um einige Nasenlängen voraus. Wir bekamen ihn einfach nicht zu fassen, als ob wir ihn wie mit dem Gegenpol eines Magneten ständig vor uns herschoben. Als die Jägerschaft dann Flutlichter auspackte und übers Feld schwenkte, sah ich mich am Ende meiner Möglichkeiten und ging erschöpft und völlig entmutigt zu Harald und den Herren im grünen Loden-Outfit.

„Der braucht aber mal einen ordentlichen Grundgehorsam. Von Unterordnung hat der wohl noch nichts gehört!“, herrschte mich einer der Jäger an.

Ich hob den Kopf, schaute ihn mit einem Blick an, der sogar einen bewaffneten Mann zum Schweigen bringt, und wollte ihm die Situation erklären. Doch gerade als ich mich mit den Worten zu rechtfertigen begann, dass ich ja ohnehin am Trainieren gewesen war, stand plötzlich Benji neben uns, die Zunge vor Erschöpfung fast am Boden. Seine Augen standen irgendwie quer und er wirkte berauscht und völlig neben der Spur. Über eine Stunde war er weg gewesen, es fühlte sich aber an wie mindestens drei.

Mit zittrigen Händen und meinem letzten bisschen Kraft klemmte ich mir den Ausreißer kommentarlos unter den Arm, rief den Jägern ein zynisches „Waidmannsdank“ zu und marschierte zu unserem Auto. Harald, dem die ganze Sache offenbar sehr unangenehm war, steckte den ungebetenen Helfern wohl noch was zu und ab ging es nach Hause.

Daheim angekommen, brauchte ich erst mal einen Beruhigungsschnaps, und Max und Smartie, die mich maximal mit einem Glas Sekt auf einer Feier kennen, wollten natürlich gleich wissen, was los war. Doch für lange Erklärungen hatte ich wirklich keinen Nerv mehr und schickte sie mit dem Versprechen, ihnen morgen alles zu erzählen, ins Bett.

Dort war Benji im Übrigen auch schon, denn nachdem er von der Garage ins Haus gewankt war, als hätte er irgendwo im Feld heimlich einen über den Durst getrunken, kollabierte er in seinem Körbchen, wo er nun seelenruhig schlief und aussah, als könnte er im Wachzustand Fasanen gerade mal zuwinken, sie aber keinesfalls jagen.

Nachdem also Ruhe eingekehrt war, wollte ich mit Harald noch mal reflektieren, was genau passiert war. Aber der wollte nach der ganzen Action nur noch seinen Frieden haben, was mir wirklich sauer aufstieß, denn bei ihm gehorcht der Hund noch zehnmal weniger als bei mir. Will ich einem Benji-Problem aber gemeinsam mit Harald auf den Grund gehen, kommen immer nur Plattitüden wie „Das ist halt ein Hund“ oder „Lass ihn doch, das ist der Wolf in ihm“.

Aber sicher doch, ich lass ihn mal einfach die Zierkissen zerbeißen, auf den Wohnzimmerteppich pinkeln oder mit seinen scharfen Krallen Muster in die Türen ritzen. Da möchte ich sehen, ob ich ihn dann immer noch lassen soll und wie viel Wolf Harald ihm dann noch zugesteht. Denn genau in solchen Situationen wird mein lieber Mann ungeduldig mit Benji und denkt, er würde sein Fehlverhalten ändern, wenn er ihn anschnauzt oder nur laut genug schreit.

Bei unseren beiden Jungs ist es auch nicht anders. Harald schaut irgendwelchen Missständen ewig zu und wenn’s ihm dann zu bunt wird, brüllt er los. Das ist in den letzten Monaten zwar schon besser geworden, vor allem auch, weil er jetzt nicht nur von mir, sondern auch beim Elterntraining hört, wie wichtig Regeln, Grenzen und Konsequenz für Kinder – und besonders für solche wie Max – sind, aber dass das unser neues Familienmitglied offenbar auch zu brauchen scheint, will er nicht wahrhaben.

Ich weiß wirklich nicht, was ich mir dabei gedacht habe, mir bei unserem ohnehin recht verhaltensoriginellen Nachwuchs (sorry Max!) noch eine weitere Aufgabe aufzuhalsen. Aber dann fanden wir diesen süßen Vierbeiner ausgesetzt an einem Rasthof und nahmen ihn mit. Eigentlich, um ihn im Tierheim abzugeben, aber einer der Gründe, ihn doch zu behalten, war die Überlegung, dass der Hund unseren Jungs guttun könnte.

Aus den vielen Erziehungsbüchern, die ich wegen Max schon gelesen hatte, wusste ich ja bereits, dass gerade für impulsive Zappelphilippe wie ihn Tiere eine unheimliche Bereicherung sein können. Zum einen akzeptieren sie Kinder, ohne sie zu beurteilen – für hyperaktive Kinder, die aufgrund ihres für das Umfeld leider recht nervigen Verhaltens immer wieder verbal eins übergebraten bekommen, ist das Balsam für die Seele. Zum anderen sind Tiere immer dein Freund, selbst wenn du auf dem Pausenhof nicht das neueste Handy aus der Hosentasche ziehst. Und man kann sie kuscheln und ihnen von seinen Problemen erzählen, wenn mal wieder was nicht rund läuft. Gerade die Häufigkeit der unrunden Situationen wird sich bei Max in Zukunft vermutlich noch mal um ein paar Ticken steigern, da er ja erst vor Kurzem seinen zwölften Geburtstag gefeiert hat und die Pubertät nicht mehr lange auf sich warten lassen wird.

Darüber hinaus muss man für ein Tier auch Verantwortung übernehmen – etwas, das Kindern wie Max unheimlich schwerfällt. Das Interesse an einer Sache nur ein paar Minuten halten zu können und sie dann achtlos in einer Ecke liegen zu lassen, ist bei einem Playmobil-Teil nicht schlimm, bei einem Tier reden wir aber von vielen Jahren Engagement und Verpflichtung.

Auch Max’ ausgeprägte Impulsivität kann mit Tieren zurückgefahren werden. Denn wer eine Katze oder einen Hund zu ungestüm behandelt, erfährt in der direkten Reaktion des Vierbeiners die Konsequenzen seines unangepassten Verhaltens. Benji zeigt das Max zum Beispiel ganz eindeutig: Wenn unser Junior zu quirlig für ihn ist, weicht der Hund aus und entzieht sich der Situation. Daraus hat Max schon gelernt, sich vorsichtig zu nähern und sich auf sein Gegenüber einzustellen.

Aus all diesen Gründen hatten wir schon vor über einem Jahr die beiden Katzen zu uns genommen. Max blühte richtiggehend auf, als wir Sira und Moritz von unserem Biobauern holten. Doch auch wenn er und Smartie unsere beiden Stubentiger über alles lieben, haben sich die beiden eigentlich immer einen Hund gewünscht. Zum Toben und Spielen draußen. Und als ob sie den Wunsch ins Universum abgeschickt und es ganz genau hingehört hätte, hielten wir bei der Heimfahrt aus unserem Kroatienurlaub vor sechs Wochen exakt an dem Rasthof, an dem das Universum Benji für uns hinterlassen hatte. *esoterik off*

Ich werde nie vergessen, wie es der Mann und die Frau, die ich durch die dünnen Wände des Dixi-Klos hörte, doch tatsächlich fertigbrachten, den süßen Fellwuschel einfach an einer Metallstange angebunden zurückzulassen.

„Hätten wir den Köter doch nie aus Rumänien mitgenommen!“, herrschte Benjis damaliges „Herrchen“ seine Frau an. „Der hat zu lange auf der Straße gelebt, um zu kapieren, dass ein Auto kein Hundeklo ist!“

„Du musstest ihn ja unbedingt haben. Ich wollte einen Welpen vom Züchter, dem kann man das von Anfang an beibringen. Da siehst du mal, dass es nichts bringt, an der falschen Stelle zu sparen. Im Gegenteil, jetzt kannst du auch noch die Wageninnenreinigung bezahlen. Am besten, du lässt ihn einfach hier. Soll sich doch jemand anderes über den Wagenpinkler ärgern.“

Und das war’s. Einfach so! Ließen den Hund zurück, als ob es sich um ein unbequem gewordenes Paar Schuhe handelte. Ich lief noch raus, um mir die Autonummer zu notieren, doch es war zu spät. Beim fluchtartigen Verlassen der Toilette war mir mein Handy in eine Pfütze gefallen und bis ich es notdürftig abgetrocknet hatte, waren die beiden weg.

Da stand er nun, ein vier oder fünf Monate alter Fellball mit riesigen bernsteinfarbenen Augen und einer Schnauze, wie man sie von diesen herzigen Stoffhunden mit Knopf im Ohr kennt. Harald und die Jungs saßen schon wieder im Auto und ich wusste nicht, ob ich den Hund einfach losbinden und mitnehmen oder doch besser die Polizei rufen sollte. Doch als er mich mit seinen großen Augen fragend ansah, beschloss ich Herz über Kopf, ihn einfach mitzunehmen, wie es meine Männer auch getan hätten.

Am Auto angekommen, waren natürlich alle entzückt von dem kleinen Kerl. Doch so herzallerliebst er auch war, musste ich uns alle daran erinnern, dass wir zwei Katzen daheim hatten und das möglicherweise nicht gut gehen würde. Außerdem war da noch die viel dringlichere Frage, wer sich um das Tier kümmern würde. Denn auch wenn ich noch nie einen Hund gehabt hatte, war klar, dass da bei Weitem mehr Arbeit dranhängen würde als mit Katzen, die ihr Geschäft alleine irgendwo im Freien oder auf dem Katzenklo verrichten und denen man zweimal am Tag eine Dose öffnet.

Eine innere Hochrechnung sagte mir nämlich, dass realistisch betrachtet ich den Großteil der Verantwortung für den Hund übernehmen müsste, wenn er denn tatsächlich bei uns bliebe. Smartie mit seinen dreizehneinhalb Jahren würde in ein bis zwei Jahren wohl eher die Mädels ausführen als den Hund. Außerdem spricht er schon lange davon, mit 15 ein Austauschjahr in den USA verbringen zu wollen, was Harald und ich durchaus unterstützen würden.

Und Max würde zwar ständig mit dem Tier kuscheln und sicher auch versuchen, ihm irgendwelche Tricks beizubringen, aber dass er täglich mit ihm Gassi geht, könnte ich mir gerade bei unserem Jüngeren mit Sicherheit abschminken. Wörter wie „regelmäßig“ und „Verpflichtung“ lassen sich kaum im selben Satz wie „Max“ aussprechen. Er ist zwar für das Füttern von Sira und Moritz am Morgen zuständig, aber kurz mal eine Dose zu öffnen, bevor er sich selbst an den Frühstückstisch setzt, ist eine andere Nummer, als Gassirunden zwischen Hausaufgaben, Fußballtraining und Skatepark unterzubringen.

Bliebe noch Harald. Aber als ich mir vorstellte, was für ein steiniger Weg es gewesen war, ihn in puncto Regeln und Konsequenzen bei den Jungs mit ins Boot zu holen, war unschwer zu erraten, dass er mich beim Erziehen eines Hundes nicht wirklich unterstützen würde. Klar hatte auch er beim Anblick des kleinen Kerls sofort Herzen in den Augen gehabt und wollte ihn genau wie die Jungs unbedingt behalten. Aber sicher nur, weil er genau wusste, dass er mit dem neuen Familienzuwachs maximal ein paar Runden laufen und toben würde, schlussendlich ich aber die Arbeit mit ihm hätte – obwohl ich genau wie er einen Vierzig-Stunden-Job habe.

Nach wie vor unschlüssig, wie es mit uns und dem kleinen Struppi weitergehen sollte, beschlossen wir, ihn erst mal mit nach Hause zu nehmen, denn bis wir beim nächsten vernünftigen Tierheim angekommen wären, wäre es ohnehin schon zehn Uhr am Abend gewesen. Die Katzen würden einfach vorerst mal im oberen Stockwerk bleiben und ich hätte eine Nacht Zeit, um über diese wichtige Entscheidung zu schlafen.

Nachdem die erste Begegnung mit unseren Samtpfoten am nächsten Morgen dann aber überaus erfreulich verlief, und der kleine Kerl auch noch mit seinen treuherzigen Augen am Frühstückstisch zu uns hochblickte, war uns allen nur durch Austausch eines Blickes klar: Wir würden das süße Waisenkind behalten.

Spätestens nach meinem unfreiwilligen Ausflug durch die kratzigen Sonnenblumenstängel heute weiß ich allerdings nicht, ob ich diese Entscheidung wieder treffen würde. Klar bin ich absolut vernarrt in unseren Vierbeiner, aber wenn ich gewusst hätte, wie viel Erziehungsarbeit ein Hund bedeutet, hätte ich diesen Schritt möglicherweise nicht gewagt.

Noch dazu, wo es von Harald dahingehend wie befürchtet null Unterstützung gibt. Und nicht nur, dass Harald Benji kein bisschen erzieht, boykottiert er auch immer wieder meine Versuche, dies zu tun. Denn kurz nach seiner Aussage, er brauche nach dieser ganzen Hunde-Suchaktion heute Ruhe, tauchte er doch glatt mit einem Kauknochen im Wohnzimmer auf.

„Benjiiii“, rief er frohlockend, traute sich aber nicht, in meine Richtung zu schauen, weil er wusste, welche Blicke ihn da erwarten würden.

Unser Vierbeiner hob aber, noch immer völlig erschöpft in seinem Körbchen liegend, gerade mal die rechte Augenbraue. Eigentlich wäre es wohl an mir gewesen, Harald klarzumachen, wie kontraproduktiv es ist, wenn dieser Rabauke nun auch noch mit einer besonderen Leckerei belohnt wird. Aber ich war einfach zu fertig, eine weitere unserer in der Zwischenzeit legendär gewordenen Benji-Diskussionen zu starten.

Harald hatte allerdings meinen „Das darf doch jetzt nicht wahr sein“-Blick gesehen und erklärte mir, dass sein Arbeitskollege Peter auf Spaziergängen mit seinem Hund immer eine besondere Beute wie ein Fläschchen Hirschblut dabeihat, um zu vermitteln, dass er der beste Jäger ist und es keinen Anlass gibt, neue Beute zu machen. Das will er nun auch mal probieren ...

Über diese bescheuerte Theorie konnte ich nur den Kopf schütteln und verließ wortlos den Raum, um nach oben zu gehen, wo ich unter der Dusche weiter über unseren Hund nachdachte. Mir dämmerte, dass Benji ja noch nicht mal im Haus kommt, wenn er gerufen wird. Wie sollte das dann – ob mit oder ohne „Beute“ in Herrchens Hand – draußen funktionieren?

Wahrscheinlich habe ich Benjis Jagdambitionen auch unterschätzt, weil er anfänglich bei Sira und Moritz kein Interesse hatte, den beiden hinterherzuhetzen. Na ja, vielleicht sollte ich die Latte mal tiefer legen und nicht gleich in der Königsdisziplin „Erfolgreicher Rückruf im Fasanenfeld“ antreten?

Fest steht, es muss sich etwas ändern! Als ersten Schritt rufe ich morgen bei der Hundeschule an, an der ich immer vorbeifahre, und statte denen mit unserem Schlawiner mal einen Besuch ab.

BENJI, 4. OKTOBER

Gestern hatte ich die Sause meines Lebens. Nach einem echt langweiligen Tag drehte Frauchen mit mir die große Runde bis in die Weinberge. Am Anfang war ich noch wirklich guter Dinge, weil ich diese langen Spaziergänge einfach liebe. Doch schon bald merkte ich, dass mit Frauchen heute nicht wirklich was anzufangen war. Vergeblich versuchte ich ein paarmal, ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich hob immer wieder meinen Kopf, schaute zu ihr hoch, zog an der Leine – immer in der Hoffnung, dass sie sich mit mir beschäftigen würde.

Mir war nämlich nicht entgangen, dass sie meinen Lieblingsquietschball dabeihatte. Doch egal, was ich machte, sie tat, als wäre ich Luft! Alles, was da kam, waren ihre üblichen unverständlichen Laute, die sie öfter mal von sich gibt, wenn sie sich dieses Ding ans Ohr hält.

Da sie meine Kooperationsangebote und Aufforderungen nach Action also verschmähte, widmete ich mich den spannenden Gerüchen am Boden, verfolgte Spuren, buddelte Löcher und lauschte den vielen Rufen der Wildnis. Bis Frauchen plötzlich die beste Idee überhaupt hatte: mich endlich von diesem lästigen Leinending zu befreien. Just in dem Augenblick quiekte es irgendwo und wie auf Knopfdruck hetzte ich los. Meine Pfoten gruben sich in den weichen Boden, Gras, Dreck und Staub flogen mir um die Nase und ich zischte im Zickzack durchs Gelände – ein paradiesisches Gefühl war das und alles rundherum war wie ausgeblendet.

Dann stand ich plötzlich vor dem quietschenden Verursacher des Geräuschs und war etwas baff, denn so einen riesigen Vogel hatte ich noch nie gesehen. Und er offenbar noch keinen Hund. Panisch flatterte er hoch und versuchte, sich aus dem Staub zu machen. Wunderbar, er hatte das Spiel begriffen! Denn seine hektischen Flügelschläge gaben mir wiederum Anlass, hinterher zu sprinten. Mittlerweile waren auch seine Verwandten da, alle hüpften und flatterten wie wild auf und nieder und die Party war in vollem Gange.

Natürlich wollte ich keiner dieser lustigen Gestalten was antun, aber die sprangen echt hektisch rum und klar wollte ich die dann fangen. Fressen allerdings nicht. Wozu auch? Frauchen präsentiert mir zweimal täglich ein perfektes Mahl mit allem, was mein Herz begehrt. Da werd ich mir nicht die Mühe machen, diese fedrigen Dinger zu filetieren. Nö, es machte einfach nur echt Laune, die ein wenig rumzuscheuchen.

Nach einiger Zeit war ich allerdings ziemlich k. o. und versuchte mich irgendwie zu orientieren, als ich plötzlich Menschen reden hörte. Ups, ich war ja mit Frauchen hergekommen, das hatte ich ganz vergessen. Abgehetzt lief ich ihr entgegen, doch ihr Blick verhieß nichts Gutes. Ziemlich ruppig hob sie mich hoch, sagte noch was zu Herrchen und stieg mit mir ins Auto, wo ich mich im Fußraum verkroch und sofort eindöste. Daheim angekommen, schaffte ich es gerade noch bis zu meinem Körbchen, in das ich völlig ausgepowert reinkippte.

Doch gerade als ich in meinen Träumen gleich noch mal ein paar von den riesigen Vögeln ein wenig Dampf unterm Gefieder machen konnte, rief Herrchen mich, um mir einen riesigen Kauknochen zu geben. Ich wäre aber viel zu kaputt gewesen, um mich dem Ding zu widmen. Und satt war ich ja auch noch von meiner letzten Ration aus dem Napf. Also schloss ich wieder die Augen, um zu dem Federvieh im Land meiner Träume zurückzukehren und die Kollegen dort weiter rumzuscheuchen.

Denn: Wer nicht jagt, der nicht gewinnt!

KAPITEL 2 DER EIERTANZ UM DOMINANZ

DORIS, 5. OKTOBER

Eigentlich hatte ich mit dem Besuch in einer Hundeschule auf etwas Entspannung gehofft, aber ich bin heute fast genauso kaputt wie nach dem Fasanen-Gau von gestern – insgesamt war das nämlich ganz schön anstrengend.

Dabei war ich voller Tatendrang, denn Benji zeigte mir schon auf der Fahrt, dass Veränderung dringend nötig war. Durchs Autofenster hatte er einen anderen Hund gesehen und bellte sich so sehr die Seele aus dem Leib, dass mir nichts anderes übrig blieb, als das Telefonat mit meinem Vater vorzeitig abzubrechen. Was der nach dem Gespräch von sich geben würde, weil er mir nicht in Ruhe von seiner gestrigen Fernsehsendung und seiner Verdauung erzählen konnte, war nicht schwer zu erraten: dasselbe, das er über die Jungs ständig lästert, die ich ja seiner Meinung nach ebenfalls nicht im Griff habe. Vor allem nicht Max, den Zappelphilipp.

Klar ist Max anstrengend, aber was mich ärgert, ist, dass dann immer in der Mehrzahl gesprochen und Smartie auch als unerzogen bezeichnet wird, obwohl der für sein Alter schon relativ reif ist und mit seinem aufgedrehten Bruder wirklich eine Engelsgeduld hat. Oder sagen wir mal: bis vor Kurzem gehabt hat. Denn seit einigen Monaten liegen sich die beiden ständig in den Haaren. Smartie hat diesen Sommer sogar mal gedroht, er würde von daheim wegrennen, wenn nicht bald mal jemand in Max’ Oberstübchen an einigen Rädchen drehen und ihn auf „normal“ einstellen würde.

Auch deshalb hatte ich gehofft, dass ein Vierbeiner da ein bisschen Erleichterung schaffen würde, denn dann muss man nicht immer was mit dem Bruder unternehmen, sondern kann sich auch mit dem Hund beschäftigen. Quasi mit einem vierbeinigen Kumpel. Aber irgendwie ist diese Rechnung nicht aufgegangen, denn meistens vereinnahmt Max unseren neuen Familienzuwachs.

Ständig ist er mit ihm im Haus oder Garten unterwegs, und ich muss sagen, dass er echt viel Feingefühl für unseren Vierbeiner hat. Außerdem ist Max, der bei sich selbst so überhaupt nichts von Regeln hält, bei Benji interessanterweise extrem konsequent. Da weiß er offenbar genau, dass liebevolle Strenge doch einen Sinn hat. Auf jeden Fall „funktioniert“ der Hund bei ihm noch hundertmal besser als bei Harald. Dabei hat mir Katja vor ein paar Tagen erzählt, dass nur Erwachsene Hunde erziehen können. Hunde würden nämlich schon am Geruch erkennen, dass Kinder noch nicht geschlechtsreif sind und daher für die Führung eines Rudels nicht infrage kommen.

Aber Max scheint hier – wie bei so vielem im Leben – eine Ausnahme zu sein. Vielleicht wäre er heute besser mit in die Hundeschule gekommen, dann hätte er den dauerkläffenden Benji möglicherweise zur Räson bringen können. Wenn sich an der ständigen Bellerei unseres Vierbeiners nicht bald etwas ändert, werde ich in Zukunft nur noch mit Gehörschutz Auto fahren, denn lange macht das mein Trommelfell nicht mehr mit.

Keinen Tag zu früh hier, dachte ich mir also bei der Ankunft am Abrichteplatz, fühlte mich allerdings ein wenig unwohl und beobachtet, als ich das Gelände mit einem lautstark bellenden und an der Leine zerrenden Benji betrat. In einer Hundertstelsekunde hatte der natürlich die anderen Hunde vor Ort wahrgenommen und gebärdete sich nun wie der Hund von Baskerville.

Ich versuchte dennoch, souverän zu bleiben und sah mich nach jemandem um, der aussah, als würde er sich hier auskennen und mir sagen können, wo man sich anmeldet. Da mich die meisten anderen Menschen auf dem Platz entweder kritisch beäugten oder aber selbst mit ihrem Hund zu kämpfen hatten, fiel meine Wahl auf einen Herrn mit Bierbauch in einer Multifunktionsweste mit Vereinslogo. Kurz tauchten vor meinem geistigen Auge die Jäger von vorgestern auf, doch ehe ich darüber nachdenken konnte, verschlug das laute „Uschiiii“, das auf meine Frage nach der Anmeldung folgte, nicht nur mir die Sprache, sondern erstaunlicherweise auch Benji.

Eine Minute später marschierte eine stämmige rothaarige Dame auf uns zu, die sich nach einem kurzen „Hallo“ in meine Richtung mit den Worten „Das Halsband sitzt falsch rum!“ über Benji beugte, woraufhin der plötzlich das erste Mal in seinem Leben auch einen Menschen ordentlich anbellte.

soisserbrav.com/begruessung

Dass sich Uschis Augenbrauen wegen Benjis Bellen merklich hoben, war mir nicht entgangen. Es stand ihr richtig ins Gesicht geschrieben, dass sie genau wie die Jäger bei Benji einen fehlenden „Grundgehorsam“ ortete. Nun ja, ich ja eigentlich auch, denn sonst wäre ich nicht hier, dachte ich. Als sie mir dann aber erklärte, dass sie mir ohnehin zu einem Kettengliederhalsband raten würde, weil das Pflicht für die Prüfungen sei, zuckte ich richtig zusammen. Ich wollte Benji nicht mit Gewalt dazu bringen, gefügig zu werden, und schon gar nicht hatte ich vor, mit ihm in irgendwelchen Leistungsdisziplinen anzutreten.

Mit dem Prüfungsstress der Jungs habe ich schon genug um die Ohren, da ist die Vorstellung von stundenlangen Sitz-Platz-Übungen oder Ähnlichem mit unserem Energiebündel nicht gerade prickelnd. Und ein Kettengliederhalsband schien mir im ersten Moment ebenfalls sehr ungemütlich, wenngleich es genau zum Outfit von Uschis Mann und der ganzen Stimmung auf diesem Abrichteplatz passte.

Nun gut, ich war hier, um etwas zu verändern, und dazu gehört es manchmal eben auch, die Komfortzone zu verlassen.

Um Punkt 11:00 Uhr war es dann so weit und ich fand mich mit neun anderen halbstarken Hunden und deren Haltern auf dem Platz ein. Uschi, die offenbar nicht nur die Leitung der Hundeschule, sondern auch das Kommando bei Welpen- und Junghundegruppen hatte, stellte sich in ihrer Camoufl age-Trainingsweste und mit Megafon vor uns auf und fragte in einem Ton, der kein „Nein“ zuließ und die Sinnhaftigkeit des Megafons infrage stellte, ob denn auch alle ihr „Spieli“ und viele kleine Wurststückchen dabeihätten. Da ich dazu bei unserem Telefonat bereits angehalten worden war, fühlte ich mich perfekt vorbereitet und startklar für Benji 2.0.

Die Teilnehmer der Gruppe mussten nun, dem Ruf des Megafons folgend, quadratische Runden um Uschi patrouillieren, dabei Wurststückchen vor die Nase ihres Hundes halten und immer wieder laut „Fussss“ sagen, wobei der Hund ausschließlich links zu gehen hatte. Da sich mir der Sinn des verpflichtenden Linkslauf-Gebotes nicht erschloss, fragte ich vorsichtig nach.

Uschi erklärte, dass bei der Begleithundeprüfung nur die linke Seite gestattet sei. Die strenge Seitenordnung stamme aus der Jagdhundeausbildung, da Jäger in aller Regel ihr Gewehr rechts tragen und dort dann auch schießen können, ohne dass der Hund stört. Dass ich weder vorhatte, besagte Prüfung zu absolvieren, noch mit Benji unseren nächsten Sonntagsbraten zu erjagen, behielt ich lieber für mich.

Unserem Vierbeiner schien es jedenfalls egal zu sein, auf welcher Seite er den Wurststücken hinterherlief. Binnen Minuten entwickelte er sich zum Musterschüler und piaffierte wie ein Dressurhengst über den Platz, von Bellattacken gegenüber anderen Hunden keine Spur mehr. Sein Blick war so steif auf meinen Leckerlibeutel fixiert, dass ich Sorge hatte, seine Halswirbelsäule könnte mittelfristig Schaden nehmen. Nach der vierten Runde strich ich geistig schon mal Benjis Abendessen, denn der schaufelte gerade die Kalorien für die ganze nächste Woche in sich hinein.

Plötzlich brach ein Mischling aus der defilierenden Kolonne aus, der entweder bereits zu viel gefrühstückt oder dessen Frauchen nicht genug Wurststücke eingepackt hatte. Jedenfalls hatte Flummi – sein Name war Programm – offenbar genug vom Bei-Fussss-Gehen, war wie Houdini im Rückwärtsgang aus seinem Halsband geschlüpft und jagte einer Krähe nach, die liegengebliebene Leckerlis aufpicken wollte. Sofort stieg mein Trauma von vorgestern wieder in mir hoch.

„Genau das passiert, wenn das Halsband falsch rum sitzt!“, donnerte es über den Platz.

Da ich immer noch nicht verstanden hatte, wo genau das Problem mit dem Halsband war, hoffte ich, dass Benji nicht auf dieselbe dumme Idee wie Flummi kommen würde.