So nah die Angst - Thea Falken - E-Book

So nah die Angst E-Book

Thea Falken

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Beschreibung

Die Beamtin, die den Notruf entgegennimmt, ist schockiert. Denn die Anruferin erzählt ihr, auf welche Weise sie gleich ermordet wird. Die herbeieilenden Polizisten können jedoch nur noch die Leiche der Frau bergen. Indizien am Tatort führen Hauptkommissar Eric Weinsheim zu der Autorin Nina Sandner. Allerdings ist sie verschwunden und die Blutspur in ihrem Haus deutet darauf hin, dass Nina demselben Täter zum Opfer gefallen sein könnte. Oder lebt sie noch? Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt ...

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Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhalt

CoverÜber dieses BuchÜber die AutorinTitelImpressumProlog1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. Kapitel23. Kapitel24. Kapitel25. Kapitel26. Kapitel27. Kapitel28. Kapitel29. Kapitel30. Kapitel31. Kapitel32. Kapitel33. Kapitel34. Kapitel35. Kapitel36. Kapitel37. Kapitel38. Kapitel39. Kapitel40. Kapitel41. Kapitel42. KapitelEpilog

Über dieses Buch

Die Beamtin, die den Notruf entgegennimmt, ist schockiert. Denn die Anruferin erzählt ihr, auf welche Weise sie gleich ermordet wird. Die herbeieilenden Polizisten können jedoch nur noch die Leiche der Frau bergen. Indizien am Tatort führen Hauptkommissar Eric Weinsheim zu der Autorin Nina Sandner. Allerdings ist sie verschwunden und die Blutspur in ihrem Haus deutet darauf hin, dass Nina demselben Täter zum Opfer gefallen sein könnte. Oder lebt sie noch? Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt …

Über die Autorin

Thea Falken ist das Pseudonym der deutschen Autorin Astrid Freese. Die Autorin wurde 1969 in Sachsen geboren. Nach Lehre, Studium der Betriebswirtschaft und Familienzuwachs arbeitete sie als Datenerfasserin und schrieb für ihre Tochter zahlreiche Kurzgeschichten. Die erste Veröffentlichung ließ nicht lange auf sich warten. Mittlerweile hat sie über ein Dutzend Romane in verschiedenen Genres geschrieben.

Astrid Freese ist Mitglied der Autorenvereinigungen Das Sydikat, DeLiA und des Phantastik-Autoren-Netzwerkes PAN. Sie lebt zusammen mit ihrem Lebensgefährten in einem kleinen Ort in Sachsen-Anhalt. Mehr zu Astrid Freese und ihren Romanen finden Sie auf der Website der Autorin unter: www.astridfreese.de

THEA FALKEN

SO NAH DIE ANGST

THRILLER

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Originalausgabe

Dieses Werk wurde vermittelt durch die litmedia.agency, Offenburg.

Copyright © 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Sandra Lode, Speyer

Umschlaggestaltung: Manuela Städele-Monverde

Unter Verwendung von Motiven von © shutterstock: Preussmedia | hanohiki

eBook-Erstellung: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7325-7818-4

www.luebbe.de

www.lesejury.de

Prolog

Wach auf.

Du musst aufwachen!

Träge wie eine flüssige Wachsblase in einer Lavalampe sickerte der Gedanke in die Tiefen meines traumlosen Schlafs.

Wach endlich auf!

Ich stöhnte und versuchte, mich auf die Seite zu drehen – nur schaffte ich es nicht. Alles an mir fühlte sich verdammt schwer an. Meine Beine, meine Arme, meine Augenlider. Vermutlich war es noch mitten in der Nacht. Vielleicht eins, oder etwas später.

Gott, ich sollte abends wirklich nicht mehr so lange lesen. Ich musste um sechs raus.

Doch wenn es erst um eins war, konnte ich das drängende »Wach auf« getrost ignorieren und noch fünf Stunden schlafen.

Der Gedanke entlockte mir ein Geräusch, das sich wie ein zufriedenes Grunzen anhörte. Fünf Stunden … wie himmlisch! Glücklich versuchte ich erneut, mich auf die Seite zu drehen. Ich schlief nie auf dem Rücken, deshalb hatte ich mir ja dieses tolle Seitenschläferkissen gekauft.

Das nicht da war, wo es sein sollte.

Neben mir.

Dort war …

Keine Decke.

Kein langes Kissen.

Sondern kalte Luft, die über meine Haut strich.

Fröstelnd streckte ich die Finger aus. Bloß nicht die Augen aufmachen. Wenn ich das tat, meldete sich garantiert auch noch meine Blase, und an weiterschlafen war in der nächsten halben Stunde nicht mehr zu denken.

Wiederholt registrierte ich einen kalten Luftzug, der über meine verschwitzte Haut strich.

Verdammt, wo war meine Decke? Und warum war es derart kühl in meinem Schlafzimmer?

Verwirrt runzelte ich die Stirn.

Und wieso trage ich kein Nachthemd?

Und was zum Henker stinkt hier so?

Im gleichen Augenblick bohrte sich das helle Klappern von Metall in meine Ohren.

Erschrocken keuchte ich auf.

Was ist das?

Ich öffnete nun doch die Augen, allerdings nur einen winzigen Spalt. Denn das Licht einer trüben Glühbirne blendete mich. Ich blinzelte und sog modrige, nach verfaulten Essensresten, Urin und Dreck riechende Luft in meine Lungen.

Wo bin ich?

Nicht in meinem Bett!

Der Gedanke brachte mich dazu, die Lider vollständig zu öffnen.

Der perverse Gestank verursachte ein flaues Gefühl in meinem Magen. Übelkeit stieg in mir hoch, und ich fürchtete, dass ich mich übergeben würde – bis neben mir erneut das metallische Klappern erklang.

Ich drehte den Kopf und riss die Augen weit auf, als ich begriff, dass ich nackt an einen verrosteten Seziertisch gefesselt war.

Ich wollte schreien, doch kein Laut kam über meine Lippen.

Entsetzt bemerkte ich, warum ich sie nicht öffnen konnte. Sie waren zugenäht worden. Ich fühlte plötzlich den Schmerz jedes einzelnen Einstichs, ja selbst den rauen Faden, den der Irre beim Zunähen verwendet hatte. Der Irre, der neben mir stand. Mit einer Totenkopfmaske vor dem Gesicht und einem Skalpell in der Hand, das er von einem blutbesudelten Beistelltisch genommen hatte, um es mir unter die Augen zu halten.

Oh mein Gott!

»Mhmmmmmmmmmmmmm!« Ich zerrte an den Kabelbindern, die meine Arme und Beine an den Tisch fesselten. Der Kunststoff schnitt in mein Fleisch, Schmerz raste mir bis zu den Schultern und den Oberschenkeln hinauf. Ein Schmerz, der sich verglichen mit dem, was mich erwartete, vermutlich wie ein Pikser in den Finger anfühlte.

»Bitte, lass mich gehen«, wollte ich rufen – nur konnte ich nicht.

Er lachte, und ich wünschte mir, dass er mir das Skalpell tief ins Herz rammen würde. Ein schneller Tod, der mir die Qualen ersparen würde, die ich in seinen wässrig blauen Augen sah.

Wie viel Schmerz kann ein Mensch ertragen, bevor sein Körper den Notschalter betätigt?

Ich wollte die Antwort nicht wissen. Doch als der Irre die Schneide des Skalpells an meine Brustwarze setzte, ahnte ich, dass ich sie am eigenen Leib erfahren würde.

Ein dumpfes Poltern, das von nebenan zu kommen schien, ließ ihn innehalten. Die Glühbirne über mir flackerte ein paarmal und erlosch schließlich. Gnädige Dunkelheit senkte sich über mich und ersparte mir den Anblick des blutverschmierten Beistelltischs, auf dem neben diversen verrosteten Messern noch Instrumente lagen, die aussahen, als gehörten sie Dr. Frankenstein.

In der Hoffnung, dass die Polizei den Strom gekappt hatte und im nächsten Augenblick hereinstürmen würde, strampelte ich aus Leibeskräften – und fiel auf den Boden. Auf einen weichen Boden.

Verwirrt betrachtete ich sekundenlang meine nicht gefesselten Unterarme, ehe ich über einen dicken Teppich tastete. Ich fühlte Fasern unter meinen Fingern und eine Wolldecke zwischen meinen Beinen.

Blinzelnd fand ich mich in meinem Wohnzimmer wieder. Zwischen dem Sofa und dem kleinen Couchtisch, auf dem der Thriller lag, in dem ich am Abend gelesen hatte. Daneben glänzte ein leeres Glas im Licht meiner Leselampe. Offenbar war mir mein Lieblingswein zu Kopf gestiegen. Oder meine Bettlektüre.

Zischend atmete ich aus, gleich darauf hallte mein leises Lachen durch den Raum. Zuerst klang es etwas unsicher, dann glücklich.

»Himmel, Arsch und Zwirn. Was für ein verrückter Traum«, stöhnte ich und strich mir eine Haarsträhne aus der schweißnassen Stirn. Danach entwirrte ich meine Beine aus der Sofadecke. Zugegebenermaßen war das ein irrer Albtraum gewesen, aber immerhin nur ein …

Ein dumpfes Poltern, das aus meinem Flur zu kommen schien, unterbrach meine Gedanken. Es war das gleiche Geräusch, das mich aus dem perfiden Traum gerissen hatte.

Wieso höre ich es schon wieder?

Träume ich doch noch?

Die Fragen schossen wie Gewehrkugeln durch meinen Kopf und wühlten sich durch die Reste meines Albtraums, bis sie die Erkenntnis freilegten, dass ich hellwach war.

Ich hielt die Luft an und lauschte in die Stille, die auf beinahe unheimliche Weise durchs Haus kroch.

Nichts.

Ich lauschte noch einmal fünf Sekunden.

Wieder nichts.

Nur das gleichmäßige Ticken der Uhr über der Anbauwand links neben mir.

Langsam entwich die angehaltene Luft meinen Lungen. Dann fuhr ich zusammen, als hätte mir jemand eine Faust in die Magengrube gerammt.

Im Flur ertönte ein Knarzen. Laut und deutlich. Ein Knarzen, das mir vertraut war, seit ich zurückdenken konnte. Nur eine einzige Schwelle im Haus knarrte, die zur Küche. Und das, seit meine Eltern den Altbau vor knapp fünfundzwanzig Jahren gekauft hatten.

Jemand ist in meinem Haus.

Vor Angst bekam ich kaum Luft. Meine Hand bebte, als ich das Handy vom Couchtisch nahm und hochschnellte. Gott sei Dank gehorchten mir meine Muskeln. Zumindest die in den Beinen. Meine Finger jedoch zitterten derart, dass ich mehrere Anläufe benötigte, um mein S6 zu aktivieren.

Das Display wurde hell, als ich auf nackten Sohlen zur Anbauwand schlich. Während mein Vater ein Waffennarr gewesen war, reihte sich in den Schrankfächern eine bunte Mischung von Souvenirs aneinander, die meine Mutter in aller Herren Länder gekauft hatte. Mein Blick raste über die Andenken, die wegzuwerfen ich nach dem Tod meiner Eltern nicht übers Herz gebracht hatte. Sie waren Staubfänger, doch jetzt war ich froh über die Sammelleidenschaft meiner Mutter.

Besonders über den schmalen, in einem bestickten Lederetui steckenden Brieföffner, den sie auf irgendeinem Basar in Mexiko ergattert hatte.

Ich hatte ihn nur ein einziges Mal benutzt, um einen Brief zu öffnen, und dabei fast die Kuppe meines Daumens abgetrennt. Seitdem lag er ganz hinten im Fach der lateinamerikanischen Souvenirs.

Ich nahm den Brieföffner vom Regal, zog ihn aus der Lederscheide und lauschte erneut.

Stille erfüllte das alte Haus, in dem ich aufgewachsen war.

Für fünf oder vielleicht acht Sekunden hielt ich abermals die Luft an – doch ich hörte nur das Ticken der Wohnzimmeruhr.

Der Atem entwich in einem Zug meinem Mund.

Gott sei Dank.

Hier ist niemand. Das hast du dir nur eingebildet. Vermutlich wegen des verrückten Traums.

Welcher Dieb würde sich auch ein altes Haus mit windschiefem Gartentürchen und verrostetem Peugeot in der Einfahrt zum Ausrauben aussuchen? Das war doch idioti…

Plötzlich hallte das Knarzen erneut durch den Flur, und meine Finger krampften sich um den Griff des Brieföffners.

Da ist doch jemand.

Du musst die Polizei rufen.

Schnell tippte ich drei Zahlen in mein Smartphone. Während es im Hörer klingelte, schlich ich zur Wohnzimmertür und lehnte mich dort an die Wand. Mein Herz pochte derart laut, dass das Klopfen in meinen Ohren widerhallte und ich fürchtete, nichts zu verstehen, obwohl ich das Telefon fest ans Ohr presste.

»Polizeinotrufzentrale, guten Morgen.«

»Laura Rissmann«, wisperte ich und spähte um die Ecke in den Flur. Das Licht der Straßenlaterne von gegenüber fiel wie immer durch das Glas der Haustür und erhellte den vorderen Bereich bis hin zur Wohnzimmertür. »Ich glaube da … da ist jemand in meinem Haus.«

Unvermittelt fehlte mir die Kraft, den Arm oben zu halten. Meine Hand mit dem Handy sank herunter, als ich die beiden Objekte sah, die mitten auf dem Flurteppich lagen.

Das kann nicht sein.

Oh bitte, nein. Das ist ein böser Traum.

In dem ich die Frau von der Notrufzentrale wie aus weiter Ferne etwas sagen hörte.

Und in dem sich der Schatten eines Menschen langsam durch meinen Flur bewegte.

Ein spitzer Schrei entfuhr mir. Ich schlug die Hand auf den Mund und ritzte mir dabei mit dem vergessenen Brieföffner die Wange auf.

»Können Sie mir sagen, wo Sie sind?«, fragte die Frau, als der Schatten die Gegenstände auf meinem Flurläufer erreichte.

Die weiße Rose.

Und den blutigen Hammer.

»Helfen Sie mir«, keuchte ich, während sich eine brutale Erkenntnis aus meinen Achterbahn fahrenden Gedanken herauskristallisierte.

Ich werde sterben.

Jetzt!

Und ich weiß auch genau, wie.

Nein! Nein, nein, nein. Heftig schüttelte ich den Kopf. Ich schlafe noch. So wie vorhin.

Ja, genau. Erleichtert blinzelte ich. Das war nur ein weiterer böser Traum.

Kaum hatte sich diese Idee in meinen Kopf geschlichen, tönte eine rasselnde Stimme durch den Flur. Und mit jedem unheilschweren Wort, das der Fremde sprach, zerbarst meine Hoffnung, noch zu schlafen, in tausend Scherben.

»Süße Laura, wie findest du die Rose und den blutigen Hammer? Ist es so, wie du es dir vorgestellt hast?«

Um Himmels willen, schrie alles in mir stumm, als der Schatten näher rückte.

»Ich habe mir große Mühe gegeben, alles so zu arrangieren, wie du es vorgesehen hast.«

Aber doch nicht für mich!

»Sag etwas, Laura.« Ein Rascheln erklang, gefolgt von einem perfiden Lachen. »Ach komm, süße, kleine Laura. Lass dich nicht bitten. Ich weiß, dass du im Wohnzimmer bist.«

Leben kam in mich. Der letzte verzweifelte Versuch, mich zu retten. »Helfen Sie mir«, schrie ich in der Hoffnung, dass die Frau von der Notrufzentrale noch in der Leitung war. »Schnell, bitte.«

»Laura, Laura.« Der Schatten schüttelte den Kopf. »Du weißt doch besser als ich, was jetzt passieren wird.«

Nacktes Grauen packte mich, als ich begriff, dass jede Hilfe zu spät kommen würde.

Alles würde schnell gehen.

In fünf Minuten werde ich tot sein.

»Bitte nicht«, flehte ich und stolperte mit zitternden Beinen in den Flur. Nur ein Gedanke blieb in meinem Kopf haften. Ich musste es irgendwie nach oben in mein Schlafzimmer schaffen. In der obersten Schublade meines Nachtschranks lag eine Schreckschusspistole meines Vaters, die Reizgasmunition verschoss. »Bitte, ich tue alles, was Sie wollen.«

Der Schatten, der sich als schwarz gekleideter Mann mit Totenkopfmaske und Baseballschläger in der Hand entpuppte, lachte laut. »Genau deswegen bin ich hier, liebste Laura. Denn ich will, dass du stirbst. Jetzt.«

1. Kapitel

Nina Sandner

Berlin, 18. September, ein paar Stunden zuvor

»Endlich erwisch ich dich mal allein«, sagte eine Stimme hinter mir, von der ich gehofft hatte, sie hier nicht zu hören.

Kurz überlegte ich, so zu tun, als hätte ich Sabine wegen des Lärms, der über die Dachterrasse des Amano Hotels hallte, nicht verstanden. Doch der kindische Gedanke hielt sich nur für einen Augenblick in meinem Kopf. Eine Journalistin, vor allem eine wie Sabine Witt, drehte sich nicht um und ging, nur weil sie ignoriert wurde.

»Hallo, Sabine«, sagte ich. Mit einem wehmütigen Gefühl riss ich den Blick vom Fernsehturm los, dem man sich Auge in Auge gegenübersah, wenn man an der Rooftop-Bar des Amano Hotels stand, und drehte mich zu ihr. »Wir haben uns ja ewig nicht mehr gesehen.«

»Was nicht an mir liegt. Du gehst mir aus dem Weg.«

Wozu ich allen Grund hatte, doch ich hütete mich, das laut auszusprechen. Weil Sabine diesen Satz praktisch verkörperte, der in jeder Krimiserie mindestens einmal fiel: Alles, was Sie sagen, kann und wird gegen Sie verwendet werden.

»Ich arbeite viel«, redete ich mich heraus.

»Natürlich tust du das. Du warst schon immer ein Workaholic.« Mit einem Lächeln, das ebenso ehrlich wirkte wie das eines Kindes, schob sie sich neben mich an die Bar. »Aber jetzt sitzt du nicht an deinem Schreibtisch und kannst daher mit mir ein Glas Champagner trinken.«

Ich unterdrückte ein Gähnen und blickte auf meine Armbanduhr. »Ein anderes Mal gern, Sabine. Ich wollte gerade nach Hause …«

»Papperlapapp, jetzt doch noch nicht«, unterbrach sie mich. »Die Feier hat schließlich gerade erst richtig angefangen.« Sie stellte ein gut gefülltes Sektglas auf den Tresen, schob es in meine Richtung und lehnte sich an das Holz. Dabei strahlte sie einen Elan aus, der mir irgendwann an diesem sich endlos hinziehenden Abend verloren gegangen war.

Ich spürte einen Anflug von Neid, als ich vergeblich in ihrem schmalen Gesicht nach Anzeichen der Müdigkeit suchte, die mich vor zwei Stunden dazu veranlasst hatte, von Wein auf Kaffee umzusteigen. Ich entdeckte zwar ein paar feine Fältchen um ihre braunen Augen, jedoch keine Ermüdung.

»Du willst doch deinen Verleger nicht beleidigen, indem du die Party zu seinem sechzigsten Geburtstag schon verlässt, oder?«, fügte Sabine hinzu.

Ihr provokantes Oder hielt mich nicht von einem Gähnen hinter vorgehaltener Hand ab. Danach unterdrückte ich ein Stöhnen. Denn sie sah mit ihren achtundvierzig besser aus, als ich mich im Augenblick fühlte. Was daran liegen konnte, dass ich seit fast vierundzwanzig Stunden auf den Beinen war, oder daran, dass solche Partys einfach nicht mein Ding waren.

Sabine hob ihr Glas. »Auf deinen nächsten Bestseller.« Sie lächelte breit und prostete mir zu. Und ich geriet in Versuchung, ihr diese Herzlichkeit tatsächlich zu glauben. Denn sie wirkte wärmend, ehrlich und auch ansteckend.

»Danke«, erwiderte ich. Dabei musste ich an die Überschrift ihres letzten Artikels über mich denken. Nina Sandner,eine schreibende Witzfigur, die aus dem Dreck ihrer psychosomatischen Störungen Millionen scheffelt.

Okay, das war beim besten Willen nicht das Schlimmste, was je über mich geschrieben worden war. Deshalb und aus tausend anderen Gründen sollte ich darüberstehen, es abhaken. Oft konnte ich das auch. Aber manchmal, so wie in diesem Fall, nicht. Weil ich einmal an unsere Freundschaft geglaubt hatte.

»Warum hast du das getan?«, hatte ich sie nach dem Erscheinen des Artikels gefragt.

Sie hatte lapidar mit den Schultern gezuckt. »Ich bin Journalistin. Das ist mein Job.«

»Es ist dein Job, unsere Freundschaft mit Füßen zu treten?«

Sie hatte gelacht. Laut und schallend. Was nicht das war, was ich erwartet hatte, nachdem wir seit einem halben Jahr auf meiner Couch sitzend Schnulzen guckten und dabei Vanilleeis aus der Packung löffelten. Und das jeden zweiten Samstag im Monat.

Sie hatte mehrfach geblinzelt, als wäre sie vollkommen überrascht. »Freundschaft? Was kann ich dafür, wenn du in unsere Fernsehabende Freundschaft hineininterpretierst? Ich habe dir nie verheimlicht, dass ich Feuilletonredakteurin der Spree Aktuell bin.«

Ihr Lachen hatte mich noch verfolgt, als ich das Café am Alex verließ, und hallte selbst dann noch in meinen Ohren wider, als ich dreißig Minuten später meine Haustür in Dahlem hinter mir ins Schloss schob.

»Kein Problem«, sagte Sabine und holte mich damit ins Hier und Jetzt zurück. »Dafür musst du mir doch nicht danken. Du schreibst schließlich diese tollen Krimis, die Millionen begeistern.«

Ich zwang mich zu einem aufrichtigen Lächeln, das mich bis ins Innerste schmerzte. Aber Fehler mussten wehtun, damit man sie nicht wiederholte. »Das ist lieb von dir.«

Trotz der beinahe fünfundzwanzig Jahre Altersunterschied zwischen uns hatte ich geglaubt, wir wären Freundinnen. Auch dann noch, als ich erfuhr, dass sie für die Spree Aktuell arbeitete. Schließlich ging nicht jeder Journalist über Leichen, dachte ich jedenfalls damals noch.

Sabine schob sich ein weiteres Stückchen näher, dabei schien mich ihr Blick zu erdolchen. »Hör auf, mir Honig ums Maul zu schmieren. Ich weiß, dass du das nicht ehrlich meinst, nur verstehe ich nicht, warum du wütend auf mich bist. Denn wenn wir uns mal die Mühe machen und uns die Fakten anschauen, wird klar, dass du mir deine Karriere verdankst.«

Vor Überraschung stockte mir der Atem. Ich war bisher davon ausgegangen, dass ich die meinem Agenten und meinem Verlag verdankte. Und der ordentlichen Portion Glück, die man für einen Bestseller brauchte. Philipp meinte zwar, er hätte damit nichts zu tun, sondern nur ich selbst, aber das stimmte nicht. Meine Krimis waren nicht anders als die vieler anderer Autoren, die bei jeder Veröffentlichung auf den großen Durchbruch hofften – der nicht kam.

»Wie meinst du das?«

Sabine zählte einen Finger an ihrer Hand ab. »Erstens: Jeder meiner Leser hatte nach Erscheinen meines letzten Artikels über dich Mitleid mit dir. Zweitens: Alle haben sie danach deine Bücher gekauft.« Sie holte tief Luft, um dann etwas zu flüstern, was sich wie Faustschläge in meine Magengrube anfühlte: »Die Lügengeschichte, dass du mit sechs allein zehn Stunden in einem finsteren Keller eingesperrt warst, war die Werbung für dich, die dich ganz groß rausgebracht hat. Und das wusstest du genau, als du mir diese erfundene Story erzählt hast, nicht wahr, meine Liebe?«

Ich tastete nach der Kante des Tresens und schloss die Finger darum. Mein Magen schmerzte unvermittelt, als hätte mir Sabine tatsächlich ihre Faust hineingerammt.

Ich wollte, doch ich konnte ihr nicht sagen, wie sehr ich mir wünschte, es wäre eine Lügengeschichte. Ein Hirngespinst. Weil mich dann meine Vergangenheit nicht Tag und Nacht verfolgen würde. Diese eine Entscheidung, die mich verändert hatte. Die mein Leben verändert hatte.

»Du hast recht«, flüsterte ich und hörte in meinen Erinnerungen, wie ich die alte Kellertreppe hinabstieg.

Ich war sechs, vielleicht ahnte ich deshalb nicht, was für ein Albtraum dort unten in der Dunkelheit auf mich wartete. Ich verschwendete keinen Gedanken an die Gefahr, in die ich mich begab. Sicher, meine Hände, mit denen ich meinen Stoffbären Winnie Puuh umklammerte, waren vor Aufregung ganz feucht. Denn ich musste nur noch ein paar Schritte gehen, dann durfte ich endlich mit den großen Kindern in unserer Straße spielen.

Sobald ich meinen Namen mit Kreide an die Wand des Kellers geschrieben hatte, gehörte ich nicht mehr zu den Kleinen. Zu denen, die weinten, wenn sie hinfielen, oder zu denen, die Angst in der Dunkelheit hatten. Dann war ich endlich groß.

Ein Windzug ließ die alten Fenster des leeren Gebäudes klappern, bauschte mein Kleid und warf irgendwo über mir eine Tür ins Schloss. Erschrocken fuhr ich herum und hätte fast meinen Beschützer aus den Händen verloren. Ich drückte Puuh noch fester an mich und schmiegte mein Gesicht in sein weiches Fell. »Das war nur der Wind«, wisperte ich und stieg die nächste Stufe hinab. »Wir brauchen keine Angst zu haben. Die anderen Kinder haben das auch alle gemacht.«

Das hatte mir Justin von nebenan erzählt. Dass er sieben gewesen war, als er mit einem Stück Kreide in den Keller der alten Fabrik hinabgestiegen war und seinen vollständigen Namen an eine Wand geschrieben hatte.

»Ich bin erst sechseinhalb«, flüsterte ich Puuh ins Ohr und stieg die letzten beiden Stufen hinunter. »Aber du bist ja bei mir.« Mein starker Freund Puuh, ohne den ich nirgendwo hinging. Außer in die Schule, weil ich nicht wie Eva gehänselt werden wollte, die im Ranzen ihren Hasi versteckte.

Vor Aufregung schluckte ich trocken. »Da ist die Tür, von der Justin erzählt hat. Siehst du sie?« Fenster klapperten über mir, und ein paar Laubblätter segelten die Treppe hinab. »Da hinein müssen wir.«

In diese Dunkelheit. Vor der ich solche Angst habe.

Tränen stiegen mir in die Augen, aber ich wischte mir entschlossen das Gesicht am Ärmel meines Kleides trocken. Ich durfte nicht weinen. Schon gar nicht jetzt, wo ich bald zu den Großen gehörte.

»Ich brauch keine Angst zu haben, stimmt’s?«,hauchte ich mitbebenden Lippen. »Weil ich dich und die hier habe.« Ich tastete nach der Taschenlampe, die ich aus Papas Nachtschränkchen genommen und in der Tasche meines Kleides versteckt hatte. »Gleich ist es hell, dann schreibe ich ganz fix meinen Namen an die Wand. Du wirst sehen, in einer Minute sind wir wieder oben.« Meine feuchten Finger rutschten vom Schalter der Taschenlampe ab. »Und Marie und Tobias können uns nicht mehr wegschicken, wenn wir mit ihnen spielen wollen.«

Und vielleicht lässt mich Papa dann auch allein zur Schule gehen.

Licht flammte auf und erhellte den Keller. Erleichtert schniefte ich und ging auf die große verwitterte Holztür mit dem altmodischen Riegel zu, den ich von Opas Schuppen kannte. Er drückte ihn immer hoch, wenn er den Rasenmäher holte, und verschloss ihn dann später mit einem Vorhängeschloss.

Dreck, von der Decke herabgefallener Putz und vertrocknete Blätter knirschten unter meinen Schuhen. Käfer huschten in die Dunkelheit, und irgendwo hinter mir hörte ich viele kleine Krallen über den Boden kratzen.

»Mäuse«, wisperte ich erschrocken und fuhr herum. Der Lichtkegel meiner Taschenlampe erfasste schwarze Knopfaugen und graues Fell, bevor ich einen langen Schwanz zwischen Steinen verschwinden sah.

Ratten!

Oh nein!

Vor Angst stieß ich einen spitzen Schrei aus, und die Taschenlampe rutschte mir aus den Fingern. Sie kullerte über den Boden, und ihr Licht erfasste ein paar weitere schwarze Knopfaugen.

»Das ist der böse Rattenkönig mit seiner Armee.« Erst gestern Abend hatte ich Der Nussknackerprinz geguckt, während Papa und Mama in der Küche stritten.

Zitternd drehte ich mich um, rannte auf die Holztür zu, riss sie auf und stolperte in den dunklen Raum, in dem es furchtbar stank.

Erneut schrie ich auf, als hinter mir ein Knall ertönte. Die Tür war gegen die Wand gestoßen. Puuh an mich pressend, fuhr ich mit weit aufgerissenen Augen herum. Im schwindenden Licht der Taschenlampe sah ich gerade noch, wie die Holztür, die offenbar an der Wand abgeprallt war, ins Schloss fiel. Dann hörte ich ein seltsames metallisches Schaben, und einen Augenblick später hüllte Puuh und mich vollkommene Dunkelheit ein.

Gellend schrie ich auf und erstarrte in der Finsternis, die sich wie Mauern auf mich zubewegte. Mein Schrei hallte an den Wänden wieder, während ich mich nicht zu bewegen wagte. Bis etwas über meine Füße trippelte.

Kleine Krallen.

Vor lauter Angst rannte ich zur Tür, knallte in der Dunkelheit gegen das Holz und stieß mir den Kopf. Bunte Sterne tanzten vor meinen Augen, wie die, die manchmal im Traumland zu mir kamen. Von der guten Fee, die ihren Zauberstab für mich schwang.

Aber ich schlief nicht. Ganz deutlich sah ich durch eine kleine Lücke zwischen den Holzlatten Licht von draußen. Von meiner Taschenlampe? Oder war jemand gekommen, um mir zu helfen?

»Ich bin hier«, rief ich und rüttelte an der Tür. Wieder und wieder. Viele, viele Male grub ich meine Finger in das Holz und klopfte dagegen, bevor ich begriff, dass ich allein in dieser Finsternis gefangen war.

Dass ich vollkommen allein war und niemand wusste, wo ich hingegangen war.

Meine Lippen bebten, als ich in die Gegenwart zurückfand. Ich holte tief Luft und vertrieb die Erinnerungen an jene Stunden im Keller. Meistens gelang es mir, das Trauma mit einer Art Nebel zu umhüllen, wenn ich wie jetzt unter Menschen war. Sobald ich jedoch allein in meinem Bett lag, verflüchtigte sich die Nebelbank und entließ die Erinnerung aus dem diffusen Gefängnis, das ich für sie geschaffen hatte.

Sabine lehnte nach wie vor neben mir am Tresen. Sie nippte an ihrem Sektglas und schien rundherum mit sich zufrieden zu sein. Vermutlich hatte ich während meines Erinnerungstrips etwas von dem überhört, was sie noch zu mir gesagt hatte. Allerdings war ich darüber nicht wirklich traurig. Mein Magen schmerzte ohnehin noch von ihren Schlägen.

»Ich bin dir für alles, was du für mich getan hast, sehr dankbar«, zwang ich mich zu sagen. Es gab viel, was ich stattdessen sagen könnte. Fragen, auf die ich mir von ihr eine Antwort erhoffte. Nur wollte ich nicht noch einmal hören, dass ich mir unsere Freundschaft nur eingebildet hatte.

Ich nahm einen tiefen Atemzug und schluckte die Worte herunter. Keins von ihnen würde etwas ändern. Weder daran, dass Sabine das schlimmste Erlebnis meiner Kindheit in ihrer Zeitung ausgeschlachtet hatte, noch ihre Meinung, dass ich jenes Trauma frei erfunden hätte. Wahrscheinlich würde auch meine Beteuerung, dass ich das Mitleid ihrer Leser nie wollte, nichts ändern. Weil Sabine vermutlich meine Gefühle nicht verstand, derentwegen ich nach Erscheinen des Artikels tagelang das Haus nicht verlassen hatte.

Die Scham, als erwachsene Frau unter Achluophobie zu leiden – unter der Angst vor der Dunkelheit. Ich wusste nicht, wie viele Leser Sabine hatte. Nur spielte das auch keine Rolle für meine Verlegenheit. Niemand las gern in der Zeitung, wie verrückt er war. Wie durchgeknallt. Und ich musste mit der Gewissheit leben, dass alle Leser des Artikels über meine Phobie Bescheid wussten.

Als wäre alles völlig normal – und das war es in Sabines Augen sicherlich –, zwinkerte sie mir verschwörerisch zu. »Umfasst deine Dankbarkeit auch eine kleine Information?«, fragte sie lächelnd.

»Welche?«, wollte ich misstrauisch wissen.

»Ob das Gerücht der Wahrheit entspricht, natürlich.«

»Von welchem Gerücht sprichst du?«

»Ich habe gehört, dass dein erster Bestseller jetzt verfilmt werden soll. Stimmt das?« Sie strich sich eine blond gefärbte Locke hinters Ohr, in dem ein Smaragd-Ohrring funkelte. Die Farbe des Juwels passte perfekt zu ihrem hautengen Etuikleid, das ihre Traumfigur betonte.

Ich lachte verhalten und nippte an meinem Glas. Der Champagner schmeckte leicht säuerlich und prickelte unangenehm auf meiner Zunge. »Nein«, log ich, denn die Unterschriften auf dem Lizenzvertrag waren noch nicht mal richtig trocken. »Wo hast du das denn gehört?«

Sie verdrehte die Augen. »Ach komm schon, streite es nicht ab. Die Spatzen pfeifen es ja praktisch von den Dächern, dass Marcus Bernstein deinen Krimi unbedingt haben wollte.« Sie beugte sich zu meinem Ohr. »Ist er wirklich so, wie alle behaupten?«

»Gut aussehend, charmant, heiß?«, fasste ich zusammen, was in den Boulevardzeitungen über Bernstein geschrieben wurde. Danach schnippte ich einen Krümel von meiner schwarzen Stoffhose, der sich dorthin verirrt haben musste, als ich vorhin ein paar Salzstangen gegessen hatte. »Möglicherweise«, murmelte ich, wurde jedoch von einem Klingeln unterbrochen.

»Oh Mist, da muss ich rangehen.« Sabine öffnete ihre schwarze Clutch und nahm ihr Handy heraus. »Entschuldigst du mich kurz? Aber lauf nicht weg, okay? Ich bin gleich wieder da.«

Ich sah ihr nach, als sie in eine ruhigere Ecke der Dachterrasse eilte, um dort zu telefonieren. Dabei fiel mir auf, dass schon einige der Loungesessel frei waren. Im Gegensatz zu Sabines Meinung neigte sich die Party dem Ende entgegen.

Glücklicherweise.

Grund genug für mich, endlich nach Hause zu gehen.

Ich griff nach meiner Tasse und trank sie in kleinen Schlucken leer. Dabei schweiften meine Gedanken zu Bernstein. Ich hatte ihn erst einmal getroffen. In seiner Villa, vor rund drei Monaten. Er war Mitte dreißig und der aufstrebende Stern am deutschen Filmhimmel. Doch er drehte sich in seinen Entscheidungen auch wie eine Wetterfahne im Wind. Was der Grund für meine Bitte um ein Treffen gewesen war.

Ein paar Wochen vor unserer Begegnung wollte er unbedingt den Bestseller-Thriller meines Agenten verfilmen. Er hatte ihn gelesen und war von dem Buch völlig begeistert gewesen. Philipp Grunenwald, mein Agent, war vor Freude völlig aus dem Häuschen, und ich hatte mich mit ihm gefreut. Lagen doch seine Schreiberfolge Jahrzehnte zurück. Und dann, kurz vor Unterzeichnung des Lizenzvertrags, machte Bernstein einen Rückzieher. Einfach so entschied er sich um und verkündete, dass er meinen ersten Krimi statt Philipps Thriller verfilmen wolle.

Bis heute konnte ich mich nicht wirklich über Bernsteins Entscheidung freuen. Ich hatte alles versucht, um ihn bei unserem Treffen umzustimmen, weil ich wusste, wie traurig Philipp seit der Bekanntgabe des Regisseurs war. Mein Agent sagte zwar nichts und verbarg seinen Kummer, doch ich kannte ihn besser.

Er war es, der nach Sabine Witts Artikel über mich mitten in der Nacht mit einem großen Becher Schokoladeneis und einer Packung Kleenex bei mir aufgetaucht war und meine Tränen getrocknet hatte. Wäre Philipp nicht gewesen, wäre ich vielleicht meinen ersten Impuls gefolgt, nie wieder einen Roman zu schreiben. Aber er blieb bei mir und half mir, vom Boden aufzustehen, wo Sabine mich hingetreten hatte.

Er behauptete damals, als mein Agent wäre es sein Job, sich um mich zu kümmern. Das behauptete er auch dann, wenn ich ihn nachts aus dem Bett klingelte, weil ich an einer Stelle meines aktuellen Manuskripts nicht weiterkam. Aber das war nur die halbe Wahrheit. Ich war für ihn die Tochter, die er nicht hatte. Und ich ließ zu, dass er sich beinahe wie ein Vater um mich kümmerte, weil ich meinen seit sieben Jahren schmerzlich vermisste.

Noch heute, wenn ich die Augen schloss, sah ich mich mit bebender Hand eine weiße Lilie auf den Sarg meines Vaters legen. Seit ich zurückdenken konnte, hatte ich ihn aus Angst angefleht, sein Motorrad zu verkaufen. Diese getunte Höllenmaschine, auf die er sich stets setzte, wenn es zu Hause Krach gab.

Dann zog er seine Lederklamotten an, strich mir übers Haar und versprach mir, bald zurück zu sein. Sobald die Wohnungstür hinter ihm zufiel, lehnte ich mich gegen das Holz und wartete auf meinen Vater, bis er zurückkam. Meine Mutter hingegen sah mich nicht einmal an, wenn ich sie bat, sich nicht immer mit ihm zu streiten. Sie zündete sich eine Zigarette in der Küche an, goss sich ein Glas Wein ein und telefonierte mit ihrer Freundin.

An jenem Tag, als die Polizei bei uns klingelte, war ich im Flur eingeschlafen, während meine Mutter ihren Koffer im Schlafzimmer packte. Doch das erfuhr ich erst eine Stunde nach der Beerdigung meines Vaters. Dass sie uns verlassen wollte, weil sie einen neuen Kerl hatte.

»Hier steckst du also.« Philipps Stimme holte mich in die Wirklichkeit zurück. Er lehnte sich wie noch vor wenigen Minuten Sabine Witt neben mich an die Bar und stellte sein Whiskyglas auf den Tresen. Dabei fiel sein Blick auf die inzwischen leere Tasse in meiner Hand.

»Ich dachte, du wärst schon nach Hause gefahren.«

Er blinzelte verwirrt. »Um die Uhrzeit? Im Gegensatz zu dir liebe ich Partys.«

»Und warum kümmerst du dich dann erst jetzt wieder um mich?«, fragte ich mit einem kleinen Lachen in der Stimme. Seit wir nach meiner Lesung im Amano angekommen waren, hatte er mich der Partymeute überlassen.

Er seufzte. »Weil ich wollte, dass du dich amüsierst und nicht immer über die Arbeit sprichst. Aber wie ich sehe, hat mein Plan nicht funktioniert. Auf einer Party Kaffee zu trinken, ist wieder mal typisch für dich.« Lachend strich er sich durch sein immer noch volles mokkafarbenes Haar. Mit seiner leicht schiefen Nase und seinem kantigen Gesicht war er ein Mann, nach dem sich nicht viele Frauen auf der Straße umdrehten. Allerdings besaß er weit mehr Herz und Verstand als dieser George-Clooney-Verschnitt Bernstein.

»Du weißt doch, in meinen Schreibphasen trinke ich so gut wie keinen Alkohol.« Vor allem dann nicht, wenn ein Abgabetermin näher rückte.

»Wie war deine Lesung im Schlosspark Theater?«, fragte Philipp.

Ich knuffte ihn gegen den Oberarm. »Das weißt du doch, du warst dabei.«

»Ich wollte es von dir hören.«

»Wie immer.« Ich grinste schief. »Lampenfieber wirkt sich nicht gut auf meinen Puls aus. Und auch nicht auf meine Zunge. Dreimal hab ich mich verlesen.«

»Was niemand mitbekommen hat.«

Ich lachte leise. »Einer der anwesenden Blogger wird meine Verleser schon erwähnen.«

»Apropos Blogger.« Philipp stützte den Ellbogen auf den Tresen und legte den Kopf in seine Hand. Irgendwie wirkte er dadurch wie ein Schuljunge, der verträumt vor sich hin blickte. »Wie war die anschließende Gesprächsrunde?«

Ich spürte, wie sich meine Schultern anspannten und mein Blick einen Punkt hinter Philipp fixierte. »Informativ.«

»Ach komm …«, begann er, doch ich unterbrach ihn.

»Sie hassen mich.«

»Das ist nicht wahr, und das weißt du. Du musst nur etwas lockerer werden.«

»Auch. Aber ich habe einen von ihnen beim Plagiieren erwischt. Ich glaube, das schwebt immer irgendwie zwischen uns.«

Philipp seufzte. »Du hast einen Blogger überführt, stimmt. Aber zum einen ist das schon ein Jahr her. Und zum anderen darfst du dir deswegen nicht mehr deinen hübschen Kopf zerbrechen. Denn die Sache ist längst Geschichte. Niemand spricht mehr darüber.«

»Was nicht heißt, dass die Angelegenheit vergessen ist.«

»Ist sie«, erwiderte Philipp mit einem scharfen Unterton. »Du hast nichts Falsches getan.«

»Ach ja?« Ich senkte den Blick und musterte meine schwarzen High Heels. »Und warum fühlt es sich dann so an?«

Philipp legte einen Finger unter mein Kinn und hob meinen Kopf an, bis ich ihm in die Augen sah. »Nicht du hast plagiiert, sondern er. Das darfst du nicht vergessen. Und jetzt reden wir nie wieder über diese Sache, okay? Diese Schuldgefühle, die du da auf deine zarten Schultern lädst, sollte er haben, nicht du. Einverstanden?«

»Okay«, murmelte ich und sah zu Sabine, die nach wie vor telefonierte. Für mich war die Party vorbei. Deshalb reichte ich dem Barkeeper mein noch immer gut gefülltes Sektglas und gab ihm die Kaffeetasse. »Zeit für mich, zu gehen.«

Philipp bot mir seinen Arm. »Ich bring dich zum Taxi.«

»Das ist lieb, aber das musst du nicht. Ein Spaziergang wird mir guttun.«

Er bekam große Augen. »Um die Uhrzeit?«, fragte er, was jedoch eher nach »Bist du völlig verrückt?« klang. »Du brauchst mindestens zwei Stunden bis nach Hause.«

Vermutlich zweieinhalb, wenn ich die knapp dreizehn Kilometer laufen würde. »Ich will nur ein Stück gehen, danach nehm ich mir ein Taxi, versprochen. Ich muss meinen Kopf frei bekommen«, antwortete ich und schlängelte mich zwischen den restlichen Partygästen hindurch zum Ausgang. Philipp folgte mir die halbe Treppe hinab, wo ich an einer mobilen Garderobe meinen Mantel aufgehängt hatte.

»Dann spring meinetwegen in deinen Pool und schwimm ein paar Runden. Aber jetzt zu laufen, wäre Selbstmord«, protestierte er und half mir in meinen Trenchcoat. Lächelnd eilte ich die paar Stufen bis zum Fahrstuhl hinab. Dabei griff ich in meine Manteltasche, in der ich das Pfefferspray aufbewahrte. Ich zog es heraus, drehte mich zu Philipp und hielt es ihm unter die Nase. »Ohne das hier gehe ich doch nicht aus dem …«

Ich verstummte, denn sein Blick verließ mein Gesicht und folgte einem Stück Papier, das mir offenbar aus der Tasche gefallen war. Es segelte vor mir zu Boden und rutschte dann über den Teppich bis vor seine Füße. »Was ist das?«

Irritiert verengte ich die Augen. »Sieht wie ein Polaroidfoto aus.« Aber was hatte es in meiner Manteltasche verloren?

Mein Handy begann zu klingeln, während ich mich bückte, das Foto aufhob und umdrehte. Von einer Sekunde auf die andere verschwamm alles um mich herum, und Angst kroch mir wie eine Ameisenkolonie über die Haut. Ich hörte das Klingeln nur noch wie durch Watte gefiltert, als ich die Worte auf dem Bild las.

In schnörkellosen Druckbuchstaben stand unter dem Foto eines offenen Grabes:

Ich wünschte, du lägst dort.

2. Kapitel

Als das Taxi in die Altensteinstraße bog, legte Philipp eine Hand auf meine. »Kleines, ist alles okay? Du zitterst ja.«

»Mir geht’s gut«, murmelte ich und bemerkte, dass ich an den Knöpfen meines Trenchcoats nestelte. Wegen des dummen Polaroids, das mich völlig aus der Bahn geworfen hatte.

Meine Hand bebte, als ich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht strich. »Es ist alles gut«, flüsterte ich, weil ich bemerkte, dass mir Philipp nicht glaubte. »Mach dir keine Sorgen, okay?«

Sein Blick sprach Bände, dennoch bezahlte er ohne ein weiteres Wort den Taxifahrer, während ich aus dem Wagen stieg. Trotz der milden achtzehn Grad wickelte ich mich fester in meinen Mantel und ging auf mein Gartentürchen zu. Davor blieb ich stehen und drehte mich zu Philipp um.

»Du hättest das Taxi nicht wegschicken sollen. Die paar Schritte durch den Vorgarten bis zur Tür schaff ich schon.« Und dann … dann konnte ich die DVD von Dan Browns Illuminati einlegen, mich auf dem Sofa in eine warme Decke wickeln und bei meinem Lieblingsfilm das Polaroid vergessen.

Hoffentlich.

»Nichts da«, lehnte Philipp zum dritten Mal ab, seit er mir auf der Fahrt hierher gesagt hatte, dass er mich ins Haus begleiten wollte. »Wir wissen immer noch nicht, wer dein irrer Stalker ist, ich würde aber auf den Blogger tippen.« Eine gewisse Schärfe lag in seiner Stimme, was vermutlich daran lag, dass er diese Vermutung nicht zum ersten Mal äußerte. Und jedes Mal hatte ich mich geweigert, ihm den Namen des Bloggers zu verraten, weil ich es gewesen war, die ihn in Verruf gebracht hatte. Okay, nur in Bloggerkreisen, wirklich öffentlich hatte ich ihn des Abschreibens nicht bezichtigt. Trotzdem hatte ich Schuldgefühle, aber durfte ich deswegen noch länger schweigen? Eigentlich nicht. Ich musste die Sache endlich beenden, jedoch auf meine Weise.

»Nina, er war auf der Party, um das Foto in deine Manteltasche zu schmuggeln.«

»Ich weiß.«

Philipps Gesicht verdunkelte sich. »Das heißt, dass du nirgendwo mehr sicher bist. Noch ein Grund mehr, dich ins Haus zu begleiten.«

Ich seufzte.

»Was?«, fragte er scharf, ehe ich etwas erwidern konnte.

»Schon gut.« Abwehrend hob ich die Hände. »Du hast gewonnen. Ich sag nichts mehr, okay?«

»Dein Glück.« Er grinste breit. »Ich hätte eh keine Ruhe gegeben.«

»Ich weiß.« Lächelnd hakte ich mich bei ihm unter. »Danke. Für alles.«

»Unsinn, das ist reiner Selbstschutz. Du bist sozusagen mein bestes Pferd im Stall. Das hütet man wie einen Schatz.«

»Du vergleichst mich mit einem Araber?«

Er legte den Kopf schief. »Das sind edle Tiere.«

»Trotzdem vergleichst du mich mit einem Pferd. Ich weiß noch nicht genau, wie ich das auffassen soll.«

»So, wie ich es gesagt habe.« Er öffnete das gusseiserne Gartentürchen und ließ mir den Vortritt. Sensoren erfassten meine Anwesenheit, und Licht flammte auf. Ich hatte keine Alarmanlage im Haus, dafür jede Menge Bewegungsmelder. Im Garten, auf dem Dachboden, im Keller, überall. Wegen des dunklen Geheimnisses, das Sabine in ihrer Zeitung ausgeschlachtet hatte.

Philipp trat vor mich. »Du bist mein Schatz, das weißt du doch.«

»Gollum, Gollum.« Ich grinste und nahm einen tiefen Atemzug. Die Luft roch nach Herbst und Regen. Und irgendwie nach Erleichterung. Nach meiner Erleichterung. Ich fühlte mich besser, weil Philipp bei mir war.

Er schaffte es immer wieder, mich zu beruhigen. Mit simplen Worten oder Gesten. »Ich bin froh, dass du hier bist.«

»Das freut mich zu hören. Denn ich hätte dich auch unter Protest bis ins Haus begleitet.« Mitten auf dem gepflasterten Weg zur Haustür hielt er mich fest. »Gleich morgen früh melden wir das der Polizei. Du kannst den Irren nicht mehr länger unter den Teppich kehren.«

»Wen kümmert dort ein Stalker?«

Philipp griff nach meinen Oberarmen und schüttelte mich. »Nina, das in deiner Tasche ist eine Todesdrohung. Die auf die leichte Schulter zu nehmen grenzt an …«

»Wahnsinn?«

»Das wollte ich nicht sagen, sondern Selbstmord. Bislang hat er dir nur widerwärtige Briefe geschrieben, aber das jetzt …« Er suchte nach Worten. »Nur obszön zu sein, genügt ihm offenbar nicht mehr. Er will mehr.«

Ich schluckte trocken, denn Philipp hatte recht. Bislang hatte sich der Stalker damit begnügt, mir Drohbriefe mit einer grotesken Ansammlung von Schimpfwörtern zu schicken. Er hatte mir bereits mehrfach gedroht, aber noch nie auf diese Weise.

»Vielleicht sollte ich die Sache in die eigenen Hände nehmen?«

»Du willst mit ihm reden? Ist das dein Ernst?«

Ich nickte, langsam. Denn ich fühlte mit jeder Faser, dass Philipp mit meinem Plan nicht einverstanden war.

»Das wirst du nicht, schon gar nicht allein. Der Typ ist gefährlich.«

Offenbar war er tatsächlich gefährlicher, als wir, oder besser gesagt ich, bislang angenommen hatten.

Philipp sah mich bittend an. »Wir gehen morgen zur Polizei. Das hätten wir schon längst tun sollen. Bevor …« Er brach ab und schloss fest den Mund, doch ich ahnte die Worte, die er beinah angefügt hätte.

Bevor es zu spät ist.

Ein eisiger Schauder lief mir über den Rücken. »Okay«, flüsterte ich, kramte aus meiner Handtasche den Schlüssel und ging die wenigen Stufen zur Haustür hinauf. Dabei fiel es mir schwer, mich nicht umzudrehen, um zu prüfen, ob der Stalker uns beobachtete. Von der gegenüberliegenden Straßenseite, aus einem parkenden Auto heraus oder von einem der Bäume am Straßenrand.

Ich zog die Schultern hoch und schloss die Haustür auf. Meine Worte von vor sechs Monaten, als der erste Zettel in meinem Briefkasten lag, hallten in mir wider. »Das ist nur ein dummer Scherz.«

Philipp hatte mich damals bereits gewarnt, die Angelegenheit nicht als Spaß abzutun, doch ich hatte seine Worte abgewehrt. Weil ich von Anfang an den Blogger hinter dem Stalker vermutet hatte, doch ich konnte ihn wegen meiner Schuldgefühle nicht anzeigen. Ich versteckte mich wegen dieser Gewissensbisse hinter der Hoffnung, er würde von allein aufhören, denn ich war doch nur eine Schriftstellerin, die nichts anderes als Schreiben im Kopf hatte.

»Du bist eine Bestsellerautorin«, hörte ich Philipp in meinen Gedanken erwidern, als das Licht im Flur automatisch anging und ich meinen Schlüsselbund an den Haken rechts von mir hängte. »Da sind Neider vorprogrammiert. So was gibt’s nicht nur in deinen Krimis, sondern auch im wahren Leben.«

Am Anfang glaubte er noch an einen Neider, und ich beließ es dabei. Denn ich wollte mich nicht wegen eines Stalkers sorgen, den ich selbst zu verantworten hatte. Doch meine Hoffnung, dass er aufhören würde, wenn ich nichts unternahm, erfüllte sich nicht. Der Ton in seinen Briefen wurde immer drohender, und ich vergrub mich daraufhin mehr und mehr in meine Bücher. Weil sie mich von meinen Schuldgefühlen ablenkten. Stattdessen hätte ich schon damals mit Philipp über meine Vermutung reden sollen oder mit meiner Freundin Anna, die gleichzeitig meine Lektorin war. Beide waren die einzige Familie, die ich hatte, obwohl meine Mutter in Berlin wohnte. In einer schicken Villa, deren Nebenkosten zusammen mit ihren Wettschulden ihr Vermögen schneller aufgebraucht hatten, als sich ein Schwamm mit Wasser vollsaugen konnte.

Ein Geräusch schreckte mich aus meinen Gedanken.

Es klang wie das Piepsen meines Anrufbeantworters, gefolgt von einem scharfen Einatmen.

Ich blinzelte und blickte auf. Hin zu Philipp, der unbemerkt von mir das Haus betreten hatte und an mir vorbei zu meiner Flurgarderobe gegangen war. Seine Hand schwebte über meinem Anrufbeantworter auf dem Garderobenschrank.

»Hast du meine Nachrichten abgehört?«, fragte ich irritiert.

»Ich weiß, das hätte ich nicht tun sollen, aber …« Er stockte kurz. »Nina, es ist etwas passiert.«

»Was?« Etwas Kaltes strich mir über den Rücken. Ich wusste nicht, ob es ein Windzug war, der durch die offene Tür hereinwehte, oder ein Schauder, der mich bei Philipps Anblick erfasste. Denn in seinem Gesicht bewegte sich kein Muskel. Er blinzelte nicht und zuckte auch nicht mit einem Mundwinkel. Wie eine Statue stand er da.

»Was ist los?«, wisperte ich, denn mein Hals verengte sich ganz plötzlich. Ich eilte zu Philipp und legte ihm eine Hand auf den Oberarm.

Er zuckte zusammen. »Tim hat angerufen, weil er dich auf dem Handy nicht erreichen konnte. Anna ist noch nicht nach Hause gekommen.«

Er sprach so leise, dass ich einen Augenblick benötigte, um die Worte zu verstehen.

»Wieso nicht?« Meine Brust verengte sich aus Sorge. »Haben sich Anna und Tim gestritten?« Das wäre nicht das erste Mal. Doch dann kam sie zu mir und schlief ein paar Tage im Gästezimmer. Um den Kopf frei zu bekommen, sagte sie dann immer. Anna war total lieb, aber auch hitzköpfig und sturer als ein Esel.

»Tim meinte, Anna hätte ihn von der Party aus angerufen und gesagt, sie würde sich noch kurz mit einer Bekannten treffen und käme dann gleich nach Hause. Doch sie kam nicht. Nun wollte er wissen, ob sie bei dir ist.«

»Aber sie hat doch schon gegen elf die Party verlassen«, rief ich.

Philipps Hand sank herab. »Sie war schon weg, als wir am Hotel angekommen sind, möchte ich meinen.«

Stimmt. Großer Gott! Dann müsste sie längst zu Hause sein. »Ich muss sie anrufen.«

Philipp nickte und drehte sich zu mir. »Mach das, ich check nur noch mal deine …« Mitten im Satz brach er ab und wurde blass, was ich auf Annas Verschwinden schob. »Was … ist das?«, stammelte er.

Ich hörte zwar seine Worte, doch mein Kopf war mit der Frage beschäftigt, ob Tim bereits die Polizei verständigt hatte, während ich in meiner Handtasche nach dem Handy kramte.

»Nina, was zum Henker ist das?«

»Was denn?«, fragte ich zerstreut, denn ich fand in dem Wirrwarr meiner Tasche mein iPhone nicht.

Er griff nach meinem Ellbogen und drehte mich, bis ich ins Wohnzimmer sehen konnte. »Das meine ich.«

Das Blut gefror mir in den Adern.

Nichts stand mehr an seinem Platz.

Zeitschriften, Bücher, Sofakissen, Kerzenständer … alles lag in einem wilden Durcheinander auf dem Fußboden. Auf meinem cremefarbenen Teppich, den in der Mitte rote Flecken zierten.

»Ist das …?«, begann Philipp.

»Nein«, unterbrach ich ihn und schüttelte energisch den Kopf. »Das ist kein Blut«, fügte ich keuchend hinzu. »Sag es. Dass das kein Blut ist.« Doch dann schmeckte ich es, als ich durch den Mund einatmete. Ein Würgreflex auslösendes Aroma von Verwesung vermischt mit Blut legte sich auf meine Zunge.

Mein Magen überschlug sich.

»Ruf die Polizei!« In Philipp kam Leben, während ich durch mehrmaliges Schlucken versuchte, das Salzstangen-Kaffee-Gemisch im Bauch zu behalten.

»Beeil dich.« Er schob mich rechter Hand in meine Küche, wo eins meiner schnurlosen Telefone in der Ladestation neben der Spüle stand, und drückte es mir in die Hand.

»Wer …?« Wer um Himmels willen tat so etwas?

Philipp hörte mich nicht mehr, denn er hatte sich bereits umgedreht und eilte zurück in den Flur. Aber ich kannte die Antwort auf meine Frage auch so.

»Bevor es zu spät ist.«

Mit bebenden Fingern wählte ich den Notruf. Philipps Schritte verhallten im Flur, und ich umklammerte das Telefon fester, aus Angst, es könnte mir aus der Hand fallen.

Hatte ich zu lange mit der Anzeige gegen meinen Stalker gewartet?

Hast du, denn wie du siehst, ist er sehr krank.

»Polizeinotrufzentr…«

Ein Scheppern hallte durchs Wohnzimmer, dem ein erstickter Hilferuf folgte.

Schreck fuhr mir in die Glieder. »Philipp?«

Stille.

»Philipp!« Ich rannte aus der Küche, im gleichen Moment erlosch das Licht.

Dunkelheit hüllte mich ein.

»Nina Sandner, Altensteinstraße«, wollte ich rufen, doch die Worte blieben mir in der Kehle stecken.

Nackte Angst kroch mir durch die Venen.

Das Telefon glitt mir wie damals die Taschenlampe aus den Fingern und rutschte über den Boden.

»Bitte, wir brauchen Hilfe.« Ich legte alle Kraft, zu der ich im Moment in der Lage war, in meine Stimme. In der Hoffnung, dass die Frau in der Notrufzentrale mich trotzdem hörte. Doch es kam nur ein Flüstern über meine Lippen. »Nina San…«

Da roch ich es.

Diesen süßlichen Geruch.

Finger, hart wie Stahlseile, packten meinen Nacken. Weicher Stoff berührte mein Gesicht, wurde auf meine Nase und meinen Mund gedrückt.

»Nein, bitte nicht«, wollte ich rufen, doch meine Stimme versagte.

Unbarmherzig drückten die Finger zu, und ich spürte den Körper eines Mannes an meinem Rücken.

Des Mannes, der mir ein mit Chloroform getränktes Tuch aufs Gesicht presste.

Mit meinem letzten klaren Gedanken schickte ich ein Stoßgebet in den Himmel, dass dieser Albtraum vorbei sein würde, wenn ich erwachte.

Aber niemand erhörte mich.

3. Kapitel

Eric Weinsheim

18. September, 6:55 Uhr

Das große weiße Schild an der schmalen Gartentür ließ mich mitten in der Bewegung erstarren.

Vorsicht, bissiger Hund

Wie magisch zogen die Worte meinen Blick an. Was an den Bildern in meinem Kopf liegen konnte, die mir einen süßen braun-weiß-schwarzen Beaglewelpen zeigten, der heute auf den Tag zwanzig Wochen alt geworden war.

Luna als bissig zu bezeichnen konnte auch nur dem Anwalt Schrägstrich Freund meiner Ex-Frau einfallen. Die kleine Fellnase hatte außer fressen, schlafen und toben nur noch kuscheln mit ihrem sechs Jahre alten Frauchen im Kopf. Meine Tochter Nele liebte Luna abgöttisch, und Luna war seit drei Wochen dort, wo Nele war. Abgesehen von den Stunden, die ihr Frauchen in der Schule verbrachte. Luna hasste diese Zeit inbrünstig und ließ ihren Frust an jedem Schuh aus, den sie im Haus fand.

Kopfschüttelnd öffnete ich das Gartentürchen, an dem bis vor einem Jahr noch Familie Weinsheim gestanden hatte. Jetzt war aus der Familie ein Kathrin geworden und ein Schild mit der Aufschrift: Vorsicht, bissiger Hund.

Sonnenstrahlen brachen durch die Zweige der alten Linde, während ich durch den kleinen Vorgarten auf das Backsteinhaus mit den weißen Fensterläden zuging. Vor vier Jahren hatte ich am stärksten Ast der Steinlinde eine Schaukel für Nele befestigt. Sie hing noch dort, aber meine Tochter schaukelte nicht mehr.

Ich stieg die Stufen zur Haustür hinauf, doch diese flog auf, bevor ich die Klingel betätigen konnte.

»Tausend Dank, dass du Nele in die Schule bringst«, rief Kathrin und schlüpfte in eine schwarze Kostümjacke. »Pechmann meinte, ich soll sofort ins Büro kommen. Gott, ich hoffe nur, dass er nicht wieder was Dummes angestellt hat.«

Ich nickte, mehr gelang mir nicht. Sie an diesem Montagmorgen unverhofft zu sehen, und dann auch noch in schwarzen High Heels und einem fünf Zentimeter über den Knien endenden engen Rock, raubte mir für einen Augenblick die Stimme.

Kathrin fuhr sich mit den Fingern durch ihre langen blonden Locken. Das tat sie immer, wenn sie nervös oder gestresst war. Der Anruf ihres Assistenten musste sie kalt erwischt haben.

»Guten Morgen«, sagte ich etwas verspätet, als sie diverse Utensilien in ihre Handtasche packte, und lehnte mich an den Türrahmen. »Das ist kein Problem, das weißt du doch. Nele ist auch meine Tochter.«

Ihrem Handy folgten mehrere Kugelschreiber, zwei Müsliriegel, Taschentücher, ein Kosmetiktäschchen, Deoroller, Regenschirm und ein Notizbuch. Brauchte Frau das wirklich alles?

»Ja, natürlich«, nuschelte Kathrin. »Aber es ist gegen unsere Abmachung.«

Gegen deine Abmachung. Die angeblich gut für Nele war. Damit sie lernte, sich an Regeln zu halten. Was, gelinde gesagt, völliger Schwachsinn war. Meine viel zu kluge Tochter war die einzige Vernünftige in dieser Familie … Ex-Familie.

Der Grund für Kathrins Abmachung war Neles Abneigung gegen Georg von Haberstrohm, Fachanwalt für Erbrecht, mit einer Finca auf Gran Canaria. Damit sich beide anfreunden konnten, sollte ich etwas in den Hintergrund treten und mit Nele zwischen unseren Vater-Tochter-Wochenenden nur noch telefonieren.

Als Kathrin mit dieser Bitte an mich herantrat, appellierte sie an meine Vernunft, doch die schaltete sich naturgegeben aus, wenn es um meine Tochter ging. Meine Ex erwischte mich dann mit dem Vorwurf, dass Neles Abneigung gegen Georg von mir auf meine Tochter abgefärbt hätte. Was, so musste ich zugeben, stimmte. Nele mochte den Neuen ihrer Mutter, bis sie mitbekam, dass er vorhatte, meinen Platz einzunehmen.

»Wo steckt Nele eigentlich?«, fragte ich und verdrehte die Augen, als Kathrin versuchte, den Reißverschluss ihrer randvollen Handtasche zu schließen.

»Im Bad. Sie kommt gleich.« Kathrin pustete sich eine Locke aus dem Gesicht, was meine Gedanken kurzfristig zu einem Abend vor sieben Jahren zurückwandern ließ.

»Du willst das Kinderzimmer blau und rosa streichen?«, hörte ich sie in meiner Erinnerung fragen.

Ich setzte den Farbroller unterhalb der Decke an und sah zu ihr. Mit einem bunten Tuch hatte sie ihr Haar zurückgebunden, weiße Farbkleckse zierten ihre Nase. Ihre Latzhose verbarg den kleinen Babybauch, auf den ich so gern die Hand legte, wenn sie sich an mich kuschelte.

»Ja, klar. Rosa Streifen für ein Mädchen und blaue für einen Jungen«, erwiderte ich.

Die Augen verdrehend tauchte Kathrin einen Finger in den blauen Farbeimer, trat neben mich und malte eine Schlangenlinie auf meinen Oberarm. »Du könntest aber auch eine Seite rosa streichen, und ich male blaue Blumen an die Wand. Und die andere Seite streichst du blau.«

»Und dann?« Ich lehnte den Roller an die Wand und zog meine Frau an mich. »Malst du darauf rosa Fußbälle?«

Sie lachte, und ich zog ihr das bunte Tuch vom Kopf. Denn ich mochte es, wenn ihr eine Locke frech vor den Augen auf und ab wippte. »Nein, ich male ein paar rosa Schäfchenwolken als Bordüre an die Wand.«

»Sehr männlich«, grummelte ich.

Sie schmiegte sich an mich. »Vielleicht sollten wir doch fragen, was es wird?«, murmelte sie und wickelte sich eine Haarsträhne um den Finger, den sie in den Farbeimer getaucht hatte.

»Es wird ein Mädchen.«

»Warum glaubst du das?«

Ich lachte leise. »Weil wir uns auf keinen Jungennamen einigen können.«

Sie stöhnte und legte eine Hand auf ihren Bauch. »Dann sollte ich statt der blauen Blumen lieber blaue Bälle malen. So wie sie tritt, wird sie Kapitänin der deutschen Frauenfußballnationalmannschaft.«

»Gut, dann mal schon mal einen Weltmeisterpokal zwischen die Bälle.«

Ein auf der Straße hupendes Auto riss mich aus meiner Erinnerung. Ich fuhr mir durchs Haar und sah zu Kathrin. Sie hatte den Reißverschluss ihrer Handtasche inzwischen zubekommen und ihre Locken zu einem Zopf gebunden.

Damals, vor sieben Jahren, hatte sie mir vertraut. Und damals gab es nicht diese Kluft zwischen uns, die mich jetzt daran hinderte, sie an mich zu ziehen und zu küssen.

Kathrin sah in den Spiegel neben der Garderobe. Ich könnte ihr sagen, dass sie hübsch aussah, aber ich wollte nicht hier, wo Nele jeden Augenblick aus dem Bad kommen konnte, einen Streit vom Zaun brechen.

»Packst du bitte noch Neles Schulbrote ein? Die liegen auf dem Küchentisch.«

»Mach ich.«

Kathrin griff nach ihrer Handtasche und ihrem Autoschlüssel. Dann trat sie vor mich, stellte sich auf die Zehenspitzen und gab mir einen Kuss auf die Wange. »Danke.«

Meine erste Reaktion war, den Arm zu heben, um ihn um sie zu legen. Ich konnte mich zwar in letzter Sekunde davon abhalten, sie zu umarmen, aber nicht von meinen Worten. »Du siehst gut aus.« Was nicht einmal annähernd dem entsprach, was ich eigentlich sagen wollte. Oder besser, was ich in dieser Situation sagen sollte. Schließlich war ich nur hier, um meine Tochter zur Schule zu bringen, und nicht, um meine Ex-Frau zu einem Date abzuholen.

Doch ihre Lippen auf meiner Haut zu spüren war nicht gerade hilfreich beim Denken. Ihr Duft in meiner Nase tat sein Übriges.

»Du auch.« Sie legte ihre Hand an meine Wange, und ich Idiot hielt den Atem an. Weil ich glaubte, in ihren Augen etwas zu sehen, was seit vielen Monaten nicht mehr da war. »Tut mir leid, ich muss los. Gott, ich hoffe, Pechmann hat nicht wieder Termine durcheinandergebracht.«

Was nicht das erste Mal wäre, und der Grund dafür war, dass er nie länger als sechs Monate einen Job behielt. Bis auf seinen jetzigen. Wegen seiner hervorragenden Kontakte in der Szene hatte ihn Kathrin als Assistenten eingestellt. Ihr Auftragsbuch als Eventmanagerin quoll seitdem über. Aber Stars mochten es überhaupt nicht, wenn nicht alles nach ihren Wünschen verlief.

Kathrin ließ den Arm sinken und trat zurück. Und ich konnte nicht anders, als ihr hinterherzuschauen, während sie die Stufen hinabeilte. Es war Ewigkeiten her, dass ich diesen Anblick genießen konnte, ohne dass mich das laute Räuspern ihres Anwalts Schrägstrich Freundes daran erinnerte, dass er jetzt mit dieser Frau ins Bett ging, die einmal meine gewesen war.

»Papa!«

Ich schaffte es, den Blick rechtzeitig vom knackigen Hintern meiner Ex-Frau zu lösen und mich umzudrehen, ehe mir Nele in die ausgebreiteten Arme sprang. »Guten Morgen, Kätzchen. Bereit für die Schule?«

Ein braun-weiß-schwarzer Fellball hüpfte bellend an meinen Beinen hoch, während Nele ihre schmalen Arme um meinen Nacken schlang und mir einen dicken Schmatzer auf die Nasenspitze drückte. »Mama hat noch Kaffee übrig gelassen. Magst du welchen?«

Täuschte ich mich, oder war das der kindliche Versuch einer Ablenkung? »Ich hatte schon welchen, danke.« Was eine glatte Lüge war. Denn Kathrins Anruf mit der Bitte, Nele zur Schule zu bringen, hatte mich unter der Dusche erreicht. Inzwischen waren die Wassertropfen auf meinem Rücken getrocknet, jedoch beschwerte sich mein Magen über das verpasste Frühstück.

»Mama sagt, wir sollen deine Schulbrote nicht vergessen.« Ich stellte meine Tochter auf die Beine, was Luna zum Anlass nahm, ihrem Frauchen einen rosa Quietscheball vor die Füße zu legen.

Mein Handy begann zu zwitschern, während Nele hinter vorgehaltener Hand trocken hustete. Dabei sah sie zu Luna, die schwanzwedelnd dem Ball hinterhersprang.

»Papa, ich glaub, mir geht’s heute nicht so gut«, nuschelte sie und sah mich mit feuchten Augen und einem Blick an, der einen Granitblock erweicht hätte. Ganz klar, sie wollte bei Luna bleiben, und ich musste nun über meinen Schatten springen, ob ich wollte oder nicht. Denn Nele einen Wunsch abzuschlagen lag mir einfach nicht.

Ich nahm meine Tochter auf den Arm und legte mein Handy ans Ohr. »Weinsheim.«

»Guten Morgen, Chef. Wir haben einen neuen Fall«, sagte meine Kollegin, als ich ins Haus ging. Luna folgte uns schwanzwedelnd mit ihrem Quietscheball. »Ich bin in fünf Minuten bei Ihnen.«

»Guten Morgen, Reuss«, erwiderte ich und schloss die Haustür. »Können Sie mich von meiner Ex-Frau abholen?«

Falls Julie überrascht war, verbarg sie das gut, denn sie ging mit keinem Wort darauf ein. »In zehn Minuten bin ich bei Ihnen.«

»Danke. Würden Sie bitte einen Moment am Telefon bleiben? Ich muss noch kurz was mit meiner Tochter klären«, sagte ich und ging in die Küche, wo ich Nele auf den Tisch setzte, der noch wie zu meiner Zeit unter dem Fenster stand.

»Mach ich, Chef.«

»Danke«, entgegnete ich und prüfte Neles Stirn, die kalt war. Anschließend zog ich mir einen Stuhl heran, auf den ich mich fallen ließ.

»Kannst du dich noch an den Nachmittag letztes Jahr erinnern, als wir beide auf der Hollywoodschaukel im Garten Erdbeereis gegessen haben?«, fragte ich.

Nele nickte und senkte den Kopf. »Ja, Papa.«