So sollst du schweigen - Clara Salaman - E-Book

So sollst du schweigen E-Book

Clara Salaman

0,0
5,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Caroline Stern führt ein ganz normales Leben – so scheint es. Mit Freund Joe und Hund lebt sie in London, eine attraktive Mittdreißigerin und erfolgreiche Therapeutin. Was niemand weiß, auch Joe nicht, liegt vergraben und verdrängt in der Vergangenheit. Doch eines Tages bricht sich die Wahrheit Bahn, als Caroline zufällig einer Freundin aus Kindertagen begegnet. Ob sie will oder nicht, sie muss sich ihren Erinnerungen stellen. Erinnerungen an ein Ereignis vor zwanzig Jahren, das ihr gesamtes weiteres Leben auf dramatische Weise veränderte …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2013

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Ähnliche


Mehr über unsere Autoren und Bücher:

www.piper.de

Für Clement und Juliet Salaman, in Liebe

Übersetzung aus dem Englischen von Andrea Brandl

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe

1. Auflage 2010

ISBN 978-3-492-96440-1

© 2009 Clara Salaman Titel der englischen Originalausgabe: »Shame On You«, Penguin Books, London 2009 Deutschsprachige Ausgabe: © 2010 Piper Verlag GmbH, München Umschlaggestaltung: Cornelia Niere, München Umschlagmotiv: Yolande de Kort/Trevillion Images Datenkonvertierung: CPI – Clausen & Bosse, Leck

1

MrSteinberg war jung, unverbraucht und eine echte Augenweide. Wir alle waren schlicht und ergreifend hingerissen von ihm. An seinem ersten Tag an der Schule hatte er vor Zimmer 8 gestanden und seine schwarze Aktentasche mit beiden Händen wie einen Schild vor seinen Körper gehalten.

»Hi«, sagte er. Und allein anhand dieses Wortes wussten wir, dass er anders war. Es fühlte sich an, als würde plötzlich ein Hauch von der Welt da draußen zu uns hereinwehen.

Alles an ihm gehörte nicht hierher: seine makellosen Zähne, die moderne Brille mit den runden Gläsern, sein Lächeln, der Kugelschreiber, der aus seiner Hemdtasche ragte, der Ring an seinem Mittelfinger, das »Hi«. Ganz klar: Er wusste nicht, dass Kugelschreiber, Schmuck und lässige Anreden bei uns nicht erlaubt waren. Als ihn eine von uns nach seinem Alter fragte, errötete er und fuhr sich verlegen durch sein dunkles, gewelltes Haar. »Zweiundzwanzig«, antwortete er. Na ja, in Wahrheit sagte er »Zwei’n’zwanzig«. Das Tollste an MrSteinberg war nämlich, dass er Amerikaner war. Ich hatte noch nie einen Amerikaner kennengelernt, wusste allerdings, dass die meisten Dinge, die Amerikaner taten, verboten waren.

Ich fragte mich, was ihn hierher verschlagen hatte, über den großen Teich. Wahrscheinlich hatten sie ihm erzählt, er könne die Welt retten oder so; dass wir Kinder und die neue Schule die Zukunft seien und eines Tages die frohe Botschaft in die Welt hinaustragen würden. Die übrigens »Om« lautete. Und ich hatte keineswegs vor, sie zu verbreiten, sondern war fest entschlossen, den Mund zu halten. Schließlich erregten wir ohnehin schon genug ungewollte Aufmerksamkeit.

MrSteinberg war gekommen, um Altgriechisch zu unterrichten, was für uns eine moderne Sprache war, da wir bisher nur Sanskrit gelernt hatten, die älteste Sprache der Welt. Ich stellte mir vor, dass so wahrscheinlich die Höhlenmenschen gesprochen hatten: Bahbah dahdah gahgah, so hörte es sich jedenfalls an, irgendwie brabbelig und primitiv. Vor Tausenden von Jahren hatten die Sanskritmenschen die Veden geschrieben, das erste Gesetzesbuch der Menschheit überhaupt, und Miss Fowler hatte uns erzählt, dass das Sanskrit-Alphabet alle Geheimnisse des Universums enthielt. Was wohl auch der Grund war, warum wir es endlos wiederholen mussten, als würden sich uns besagte Geheimnisse dadurch irgendwann erschließen. Dabei waren wir es so leid, dass Altgriechisch nach einer angenehmen Abwechslung klang.

Am liebsten hätten wir MrSteinberg den ganzen Tag zugehört. Wir hingen geradezu an seinen Lippen. Wir mussten die ersten drei Verse der Odyssee auswendig aufsagen, und, Herrgott, wie laut wir sie aufsagten. Dabei imitierten wir seinen Akzent. Am Anfang bemerkte er es nicht, doch als es ihm schließlich auffiel, lachte er so sehr, dass er die Brille abnehmen und sich die Tränen aus den Augen wischen musste. Und für uns war es das Größte, ihm dabei zusehen zu dürfen.

Jede von uns hätte ihn sofort geheiratet. Wir waren alle verliebt in ihn – und dementsprechend gut in Griechisch. Selbst diejenigen, die sonst ein bisschen schwer von Begriff waren, strengten sich an. Für mich aber war Griechisch mehr als ein Schulfach. Ich war nicht nur gut darin, sondern die Beste. Und ich musste mich nicht einmal anstrengen, sondern konnte mir alles merken, als hätte ich es längst gewusst.

Daher war es ausgesprochen peinlich, dass ich im Schrank am anderen Ende des Klassenzimmers steckte, als MrSteinberg mit der Griechischstunde begann. Ich hatte mich vor Miss Fowler versteckt, war aber nicht rechtzeitig herausgekommen, und nun war es zu spät: Sie hatten bereits mit der Prozedur begonnen, saßen mit fest geschlossenen Augen, gerecktem Kinn und im Schoß ruhenden Händen da – die Handflächen wie gewölbte Blätter nach oben gerichtet –, während sie sich darauf konzentrierten, den Kopf freizubekommen und sich für neuen Unterrichtsstoff zu öffnen.

Vorsichtig zog ich die Schranktür vollends zu und fand mich mit der Tatsache ab, den Rest der Stunde in meinem Versteck zubringen zu müssen.

»Om paramatmanaynama attah.« Wie aus einem Munde murmelten sie das Gebet vom Ursprung allen Seins.

Eine Weile lauschte ich im Dunkeln, wie MrSteinberg die korrigierten Hausarbeiten austeilte, und kratzte den Lack von der Innenseite der Schranktür ab, während ich mich immer noch über mich selbst ärgerte.

»Wo ist Caroline?«, hörte ich ihn fragen und hielt inne. Es war schön, meinen Namen aus seinem Mund zu hören. Er hatte also bemerkt, dass ich nicht da war.

»Sie ist krank«, antwortete Megan.

Meine Lage war ziemlich beengt. In dem Schrank war gerade einmal Platz für zwei Menschen, auch wenn wir uns vor einiger Zeit zu sechst hineingequetscht hatten, alle übereinander, wie Smarties im Röhrchen.

Ich ertastete ein paar Pullover und beschloss, mir ein kleines Lager einzurichten. Ich ließ mich nieder und lehnte mich zurück. Offenbar hing Kates Blazer hinter mir, da mir plötzlich ihr Geruch in die Nase stieg. So hatte sie schon immer gerochen – leicht muffig und nach Mottenkugeln. Ich drehte mich zur anderen Seite und sog den Geruch einer Baumwollbluse ein. Teig und Milch. Meine leichteste Übung: Megan. Ich ging die Reihe durch. Birnenseife, das war Jane. Ich zog einen über mir hängenden Pullover näher heran und hielt ihn an meine Nase. Er roch nach Gras und leicht nach Urin; ja, er gehörte zweifellos Anna.

Wann immer meine Eltern auf Exerzitien waren, versuchte ich, die Woche bei so vielen Klassenkameraden zu verbringen, wie ich nur konnte, um zu sehen, wie sie lebten. Auf diese Weise lernte ich fast alle Familien kennen, auch wenn sich unsere Häuser kaum voneinander unterschieden: sie waren spartanisch eingerichtet, funktional und unserer Sache geweiht. Jedenfalls bemerkte ich, dass jede Familie einen eigenen Geruch hatte. Sobald man das Haus von Anna und ihren Eltern betrat, stieg einem unweigerlich ein Hauch von Urin in die Nase. Ich fragte mich, welcher Geruch von meiner Familie ausging. Probeweise schnupperte ich an meinem Knie – Chlor aus dem Schwimmbad. Ich leckte daran und schnupperte abermals. Roch ziemlich gut, fand ich.

Ich erinnerte mich, wie ich Miss Fowler früher – ich war etwa fünf gewesen, und wir hatten uns noch nicht aus tiefster Seele gehasst – mittags immer gebeten hatte, mir mein Butterbrot zu schmieren. Sie war stets um die auf Böcken ruhende Tischplatte herumgekommen, hatte ihre Arme über meine gelegt und Butter auf mein Brot gestrichen. Natürlich hätte ich es auch selbst machen können, aber ihre Hände rochen nach Dettol, was ich absolut unwiderstehlich fand. Inzwischen empfand ich den Gestank des Desinfektionsmittels allerdings als unerträglich.

Als ich es leid war, an fremder Kleidung zu riechen, ließ ich mich zurücksinken und wartete, während MrSteinberg Vokabeln abfragte. In Gedanken machte ich mit, fast ohne zu schummeln. Neunzehn Richtige von zwanzig.

Manchmal, wenn wir besonders gut waren, trat MrSteinberg vor seinen Tisch, rieb sich die Hände, lächelte verschmitzt und setzte sich auf die Tischkante. »Na, wollt ihr die Geschichte von Medea hören?«, fragte er dann, oder: »Wer kennt die Geschichte von Theseus und dem Minotaurus?« Oder: »Habe ich euch schon mal von Ödipus erzählt?« Dann schlugen wir unsere Bücher zu, rutschten aufgeregt auf unseren Stühlen herum und hingen an seinen Lippen. Es waren Geschichten voller Blut, Mord, Inzest, Sex und Tod, denen wir mit offenen Mündern lauschten. Keine von uns erzählte zu Hause etwas davon. Diese Geschichten waren unser Geheimnis. MrSteinberg hatte offenbar keine Ahnung, wie die Organisation funktionierte. Und wir würden ihn ganz bestimmt nicht darüber aufklären.

Als ich hörte, wie meine Klassenkameradinnen aufgeregt miteinander tuschelten, wusste ich genau, was los war. Es war nicht fair, hier in diesem Schrank eingesperrt zu sein – ausgerechnet an einem Tag, an dem MrSteinberg eine Geschichte erzählte! Oh, wie ich mir wünschte, dabei sein zu können. Eilig setzte ich mich auf und öffnete die Tür einen Spaltbreit, um einen Blick auf ihn erhaschen zu können. Man musste ihm zusehen, wenn er seine Geschichten zum Besten gab.

Und da war er in all seiner lässigen Eleganz. Er trug seinen grauen Anzug und ein blaues Hemd. Er schob sich die Brille hoch, wie immer, wenn er aufgeregt war.

»Wer kennt die Geschichte von Orestes?«

»Ich nicht!«

»Ich auch nicht!«

Ich hörte, wie die anderen ihre Bücher zuschlugen.

»Ich auch nicht«, murmelte ich in meinem Versteck, öffnete die Tür noch ein bisschen weiter und wandte den Kopf, um ihn besser hören zu können. Anfangs flüsterte er beinahe, so dass ich Mühe hatte, ihn zu verstehen.

»Orestes – der Name bedeutet übrigens so viel wie ›Bergsteiger‹ oder ›Er, der Berge überwinden kann‹ – war der Sohn von Klytämnestra und Agamemnon. Er hatte einen Bruder und zwei Schwestern, Iphigenie und Elektra.«

Ich sah, wie Kate nervös mit den Knien wackelte.

»Also, als Orestes in eurem Alter war, etwa zwölf oder dreizehn, zog Agamemnon in den Krieg gegen die Trojaner. Um sich den Sieg zu sichern, opferte er seine Tochter Iphigenie der Göttin Artemis. Wovon seine Frau bestimmt alles andere als begeistert war. Aber schöne Frauen ziehen nun mal von Natur aus eine Menge Aufmerksamkeit auf sich …«

O Gott, wie inbrünstig ich hoffte, dass ich eine schöne Frau war.

»Jedenfalls vermute ich, dass Klytämnestra eine schöne Frau war, da Agamemnon seinen begabtesten Sänger damit beauftragte, sich ihrer während seiner Abwesenheit anzunehmen, vor allem, um sie von möglichen Freiern abzulenken.«

Was war ein Freier? Ich hoffte, dass jemand fragen würde.

»Was ist ein Freier?« Es war Amy.

»Ein Verehrer«, erwiderte er. »Und es kam, wie es kommen musste. Kaum war Agamemnon fort, nahm sich Klytämnestra einen Liebhaber.«

So leicht und herrlich kamen die Worte über seine Lippen, als handele es sich um die schönste Sache der Welt.

Ich öffnete die Schranktür noch ein wenig mehr, um bloß nichts zu verpassen. Und ich musste MrSteinberg richtig sehen.

»Und was war das für ein Sänger?«, fragte Deborah. Sie wollte immer alles bis ins kleinste Detail wissen.

»Tja«, meinte er. »Damals war ein Sänger wohl so etwas Ähnliches wie ein Radio. Aber statt das Radio anzustellen, sagte man einfach: ›Los, Sänger! Sing!‹« Steinberg schnippte mit den Fingern, neigte den Kopf nach vorn, so dass ihm das wellige Haar in die Stirn fiel, und sang: »I love rock and roll, put another record on the jukebox, baby …«

Alle lachten. Wir liebten es, wenn MrSteinberg solche Sachen machte und damit zeigte, dass er ein Außenseiter war; dass er aus der normalen Welt da draußen kam. Wir durften kein Radio hören. Sie sagten, das würde bloß Chaos in unseren Köpfen anrichten. Radios waren in unserer Gemeinschaft streng verboten, ebenso wie sämtliche Orte, an denen Radios liefen.

»Oh! Singen Sie uns noch mehr vor!«, wäre ich beinahe herausgeplatzt. Und wäre ich in der Klasse gewesen, hätte ich mich garantiert zu Wort gemeldet, und wer weiß, vielleicht wäre er meinem Wunsch nachgekommen. Er mochte mich.

Doch in diesem Moment schien sich MrSteinberg daran zu erinnern, vor wem er stand und dass er seine Vergangenheit besser hinter sich ließ. Man sah fast, wie ein Schatten über seine Miene huschte und seine Mundwinkel leicht herabsackten.

»Egal«, sagte er in beinahe mitleidigem Tonfall. »Jedenfalls kehrte Agamemnon schließlich aus dem Krieg zurück …«

MrSteinberg tat so, als sei er völlig erschöpft, und hielt sich den Arm, als sei er gebrochen. »Übrigens mit einer neuen Geliebten, Kassandra. Erinnert ihr euch an Kassandra?«

Ja, natürlich erinnerte ich mich an Kassandra. Sie besaß die Gabe der Vorsehung, doch Apollos Fluch hatte dafür gesorgt, dass ihr niemand glaubte.

»Na?« In gespielter Ungläubigkeit ließ er den Blick durchs Klassenzimmer schweifen. »Erinnert sich keine mehr an Kassandra?«

»Weissagung!«, flüsterte ich laut.

»Na? Kassandra? Die Gabe der Weissagung?«

Ich stieß einen leisen Seufzer aus. Wie gern hätte ich jetzt an meinen Platz gesessen und ihm gezeigt, dass ich es wusste. Ich wollte ihn beeindrucken, die Bewunderung in seinen Augen sehen. Als ich mich zurechtsetzte, knisterte eine Papiertüte unter mir, so dass ich seine nächsten Worte nicht mitbekam. Ich drückte mein Gesicht an den schmalen Türspalt.

»Tja … und Agamemnon nimmt erst mal ein Bad.« MrSteinberg pfiff vor sich hin und tat so, als würde er sich den Rücken mit einer Badebürste schrubben. Alle lachten. Ich auch.

»Und plötzlich kommen Klytämnestra und Aigisthos herein, werfen ein Netz über ihn und erschlagen ihn mit einer Axt!« Seine Stimme klang mörderisch, und seine Augen blitzten hinter der Brille. Er war so unglaublich toll. Dann verschwand er aus meinem Sichtfeld, so dass ich aufstehen musste.

»Und als Orestes zehn Jahre später nach Hause zurückkehrt, ist er ein Mann, ungefähr so alt wie ich.«

MrSteinberg stolzierte auf und ab, woraufhin wieder alle lachten. Ja, er war ein Mann, ein richtiger Mann.

»Zuerst tötet Orestes den Liebhaber seiner Mutter – und dann auch noch sie selbst! Tja, es gibt kein schlimmeres Verbrechen als Muttermord. So etwas darf nicht ungesühnt bleiben! Und schon rücken die Furien an! Stellt sie euch vor, Mädchen. Zwar hüten sie die sittliche Ordnung, aber es handelt sich um drei verrückte, furchterregende Frauen …«

Furien? Aha. Furios. Furor. Da musste irgendeine Verbindung bestehen. Na los, warum fragt denn keiner? Ich biss mir auf die Unterlippe.

»… schauerliche, dämonische Gestalten, die Klauen statt Fingernägeln und Schlangen statt Haaren haben. Und aus ihren Augen tropft Blut.«

»Und was wollen sie?«, fragte Amy.

»Sie wollen einen in den Wahnsinn treiben! Sie rücken einem so lange zu Leibe, bis man Selbstmord begeht!«

Wow!

MrSteinberg sah auf seine Uhr, und im selben Augenblick ging ein kollektives Raunen der Enttäuschung durchs Klassenzimmer.

»Oh, nein!«, flüsterte ich. Er durfte jetzt nicht aufhören! Hatten die Furien Orestes in den Wahnsinn getrieben? Was war geschehen?

»Wir haben schon überzogen, Mädchen.« Er klatschte in die Hände. »Tut mir leid, aber für heute ist Schluss.«

Ich wusste, dass er sich jede Sekunde wieder setzen und die Augen schließen würde – bevor alle zusammen das Sanskrit-Gebet sprachen, mit dem die Stunde beendet wurde.

Was bedeutete, dass wir die Geschichte nicht zu Ende hören würden.

»Okay, Entspannungspause«, sagte er. Als er sich auf seinem Stuhl niederließ, war alle Begeisterung von seinen Gesichtszügen verschwunden.

Ich konnte nicht anders. Ich stieß die Schranktür auf. »Nein! Sie können nicht mittendrin aufhören, MrSteinberg! Die Geschichte ist doch noch gar nicht zu Ende! Was ist mit Orestes passiert? Was hat es mit der Bedeutung seines Namens auf sich?«

Alle wandten sich um. MrSteinberg musterte mich verblüfft.

»Was machst du denn in dem Schrank, Caroline?«

»Ich … ich …«, stammelte ich. »Ich habe mich vorhin hier versteckt … und dann fing plötzlich die nächste Stunde an … Bitte schicken Sie mich nicht zu Miss Fowler.«

Es war schwer zu sagen, was er unternehmen würde. Er sah mich an, während ich versuchte, ihn mit meinem Blick milde zu stimmen.

»Du hast uns also zugehört?«

Ich nickte.

»Die ganze Stunde über?«

Wieder nickte ich.

»Auch beim Vokabeltest?«

Ich nickte. »Ich hatte neunzehn richtig.«

»Welches Wort wusstest du nicht?«

»Grenze.«

Er starrte mich weiter an, offenbar unschlüssig, was er tun sollte. Bitte, lieber Gott, mach, dass er mich nicht zu Miss Fowler schickt. Dann sah ich, wie ein angedeutetes Lächeln um seine Lippen spielte. Langsam begann er den Kopf zu schütteln, während er mich weiterhin musterte und angestrengt versuchte, sein Lächeln zu unterdrücken.

»Schäm dich, Caroline Stern!«, sagte er. »Schäm dich!«

Es waren die aufregendsten Worte der gesamten englischen Sprache, und wann immer er sie aussprach, empfand ich alles andere als Scham. Es war das schönste Gefühl auf der ganzen Welt.

Es war Amys dreizehnter Geburtstag, und zur Feier des Tages hatte uns MrBaker erlaubt, in South Kensington Bäume zu studieren. Papier und Stifte durften wir nicht mitnehmen. Stattdessen sollten wir uns einfach einen Baum aussuchen und ihn vierzig Minuten lang betrachten – und zwar richtig betrachten, bis wir spürten, wie wir mit ihm eins wurden. Nach unserer Rückkehr sollten wir den Baum dann malen.

MrBaker, der normalerweise streng darauf achtete, dass die Regeln der Organisation eingehalten wurden, hatte offenbar vergessen, dass Megan und ich grundsätzlich nicht in derselben Gruppe sein durften, sondern strikt getrennt werden sollten. Aber er hatte Amy die Wahl überlassen, mit wem sie losziehen wollte; natürlich hatte sie sich Megan und mich ausgesucht. Also marschierten wir zusammen in den Frühlingssonnenschein.

Nachdem wir uns erst einmal damit abgefunden hatten, dass uns die anderen Fußgänger am Ende von Onslow Gardens wie üblich mit neugierigen Blicken anstarrten, wenn wir in unseren albernen lila Uniformen unsere Entspannungsübungen machten, begannen wir uns tatsächlich zu amüsieren.

Wir fühlten uns frei und waren guter Dinge. Schließlich stießen wir auf einen schönen Baum. Er stand auf dem Bürgersteig vor einem großen weißen Haus mit einer Souterrainwohnung, zu der eine Treppe mit schwarzem Geländer führte.

Amy und ich setzten uns auf die kleine Mauer und ließen die Beine baumeln, während Megan auf die andere Seite des Baums trat. Wir hatten zwar keine Ahnung, was für ein Baum es war, aber er hatte gerade zu blühen begonnen, und etwa achtzig Prozent der Blüten waren schon da. Blassrosa Blüten rekelten sich, als würden sie gerade aufwachen, während andere noch fest in ihren Knospen vor sich hinschlummerten. Man hatte das Gefühl, als würden sie sich urplötzlich öffnen und wie ein Feuerwerk sprühen, wenn man sie nur lange genug ansah. Die Blätter waren goldbraun, genau wie Megans Haar. Ihr Teint war ebenso blassrosa wie die Blüten, und wenn die Sonne auf sie schien, wirkte sie beinahe unsichtbar, abgesehen von der Uniform natürlich. Sie stand da und sah sich den Baum an.

Als sie meinen Blick bemerkte, lächelte sie mich an.

»Ist er nicht schön?«

Ja, das war er, besonders vor dem Hintergrund des mattblauen Himmels. Ich freute mich schon darauf, ihn zu malen. Über den Blüten war der Kondensstreifen eines Flugzeugs zu sehen. Dann erblickte ich MrBaker, der über die Straße auf uns zukam.

»Hier sind wir!« Amy winkte. Sie liebte MrBaker, obwohl er behaart war wie ein Affe. Er hatte sogar Haare an den Fingern. Sie hoffte, dass sie eines Tages, wenn sie viel, viel älter war, vielleicht sechzehn wie die anderen Mädchen, mit ihm verlobt werden würde. Amy war seit einer Ewigkeit in MrBaker verliebt. Schon mit sechs Jahren hatte sie sich gewünscht, beim Mittagessen neben ihm sitzen zu dürfen.

»Ah!«, sagte er und betrachtete den Baum. »Na, Mädchen? Was für eine wahre Pracht, nicht?«

Er trat neben mich, stellte einen Fuß auf die niedrige Mauer und richtete seine grauen Augen auf das Blattwerk über uns. Seine schwarzen Schuhe hatten zahllose kleine Löcher, und eine Socke war heruntergerutscht, so dass ich seine Wade sehen konnte. Sein Schienbein war von langen, dünnen schwarzen Haaren übersät, die wie Spinnenbeine aussahen.

»Ein echtes Naturwunder!«, verkündete er, fast den Tränen nahe. Ich sah mich vorsichtig um, aber Gott sei Dank waren keine normalen Menschen in der Nähe, die seinen peinlichen Gefühlsausbruch mitbekommen hätten.

»Lernt diesen Baum kennen, Mädchen. Lasst euch nichts entgehen, nicht das kleinste Detail. Würdigt die Geschenke des Absoluten! Seht euch genau an, wie die Äste wachsen! Wo entspringen sie? Wie sehen ihre Enden aus? Woher kommen die Blüten? Wie viele sind es? Findet seine Mitte. Verfolgt, wohin er sich krümmt und windet. Bedenkt seine Proportionen! Merkt euch alles ganz genau! Verschmelzt mit ihm! Macht seine Geheimnisse ausfindig, und vergesst sie nicht!«

Er legte einen Finger an die Nase und lächelte. »Wo sind Kate und Joanna?«

»Da vorn um die Ecke«, antwortete ich, woraufhin er seinen Fuß von der Mauer nahm und sich auf den Weg machte. Amy und ich sahen ihm hinterher. Auch seine Bewegungen hatten etwas von einem Affen – die Arme hingen an seinem Körper herab, während er die Straße entlangtrottete.

»Ich komme wieder!«, rief er uns zu.

Wir betrachteten den Baum. Megan zog einen Ast zu sich herab, brach einen Zweig ab und steckte ihn sich ins Haar. Amy hielt die Augen geschlossen, wohl um sich den Baum genau einzuprägen. Ich stand auf und zog einen niedrigen Ast zu mir hinunter, um mir die Blüten genauer ansehen zu können. Fünf symmetrisch um die dunkelrosa Mitte angeordnete Blätter: ganz akkurat, wunderbar filigran. Das Absolute hatte wirklich an alles gedacht und nicht die kleinste Einzelheit ausgelassen.

Eine Zeit lang saßen wir schweigend da und betrachteten den Baum.

Schließlich wandte ich mich Amy zu. »Wenn du das Absolute wärst«, sagte ich. »Was hättest du wohl vergessen, was glaubst du?«

»Was?«, fragte Megan. »Sie ist das Absolute.«

»Schon gut«, beschwichtigte ich. »Ich habe Gott gemeint, so wie ihn sich normale Leute vorstellen. Als etwas, das nicht in allem wohnt, sondern außen ist.«

Wieder zog Megan einen Ast herunter und vergrub ihre Nase in einer Blüte.

»Also, wenn du Gott wärst«, fuhr ich fort. »Würde dir irgendwas einfallen, was du bei der Schöpfung vergessen hast?«

Nachdenklich blickte Amy gen Himmel. Es gefiel mir, ihr dabei zuzusehen – es war, als wolle sie ihre Gedanken mit einem Blinzeln ihrer großen blauen Augen einfangen. Sie drehte das Ende ihres langen, perfekt geflochtenen Zopfs zwischen den Fingern hin und her. Ihr Haar war weißblond und glänzte wie die Nylonmähne einer Puppe. Amy war hochintelligent. Ich war clever und hatte eine schnelle Auffassungsgabe, doch mit Amy würde ich es nie aufnehmen können. Manchmal übertraf sie sogar unsere Lehrer.

»Den freien Willen«, erwiderte sie schließlich.

Mir war nicht ganz klar, was sie meinte. Ich wusste, dass »eigenwillig« etwas Schlechtes war – Miss Fowler bezichtigte mich andauernd, eigenwillig zu sein –, aber mit etwas Gutem hatte ich das Wort »Wille« bislang nicht in Verbindung gebracht.

»Was ist ›freier Wille‹?«, fragte Megan.

»Das Beste von allem«, erwiderte Amy. »Es bedeutet, dass man denken kann, was immer einem gerade durch den Kopf geht. Man muss nicht mal an Gott glauben, wenn man nicht will.«

»Wirklich?«, fragte Megan erstaunt. »Gibt es denn Menschen, die nicht an Gott glauben?« Amy hatte nicht nur einen Zwillingsbruder, Marcus, mit dem sie über alle möglichen persönlichen Dinge reden konnte, sondern auch einen Onkel, der Schimpfwörter benutzte und nicht in der Organisation war. Er spielte Gitarre und sang Lieder von den Beatles. Sie wusste ihre Titel und auch sonst alles über die Band. Seine Freundin hatte Amy eine wunderschöne Haarspange geschenkt, die schimmerte, wenn man sie ins Licht hielt, doch Miss Fowler hatte sie umgehend konfisziert. Miss Fowler mochte keine Sachen, die glitzerten.

»Glaubt dein Onkel an Gott?«, fragte ich neugierig – wir alle brannten darauf, Informationen von der Welt da draußen zu bekommen.

»Nein.«

»Und wieso erlauben sie dir, ihn zu sehen?«

»Wir fahren sowieso fast nie zu ihm. Er und mein Dad zanken sich jedes Mal.«

»Wenn er nicht an Gott glaubt, woran dann?«, fragte ich gespannt.

»An gar nichts.«

»An nichts? Man kann nicht an nichts glauben.«

Megan und ich lachten.

»Und ob!«

»Wie kann man nicht an Gott glauben?« Megan strich sich mit einer Blüte über die Oberlippe. Ich war froh, dass sie fragte, weil ich genau dasselbe dachte, aber nicht wie ein Baby klingen wollte.

»Meinst du, es gibt Menschen, die nicht an die Wiedergeburt glauben?«, fragte ich verblüfft – allein die Vorstellung erschien mir völlig abwegig.

Die Organisation hatte eine eindeutige Position zur Reinkarnation, ebenso wie ich selbst, bis zu diesem Tag jedenfalls. Jedes Lebewesen existierte mit dem Ziel, zum Absoluten, dem Selbst zurückzukehren, was viele Lebenszeiten in Anspruch nehmen konnte – insbesondere, wenn man nicht der Organisation angehörte. In jedem Leben lernte man neue Lektionen, doch letztlich ging es darum, sich von seinem Ego zu befreien und materiellen Dingen zu entsagen. Miss Fowler hatte einmal gesagt, wir wären wie Kleidungsstücke, die wieder und wieder und wieder im Ganges gewaschen werden müssten, bis sie endlich rein seien. Ich hatte mich gemeldet und erwidert, der Ganges sei doch aber einer der schmutzigsten Flüsse der Welt, sie hatte mir jedoch nur einen ihrer berühmten Blicke zugeworfen, woraufhin ich lieber den Mund gehalten hatte. Das Meditieren, die Sanskrit-Gebete und dieses ganze Veda-Zeug dienten dazu, sich innerlich zu reinigen. Und wenn man in seinem Leben Schlechtes tat, wurde man vielleicht als Skorpion oder Regenwurm wiedergeboren. Die genauen Regeln standen anscheinend in den Veden.

»Ich weiß nicht«, meinte Amy skeptisch. »Wenn man nicht an die Wiedergeburt glaubt, ist das Leben doch irgendwie sinnlos, oder?«

»Und was soll das mit dem freien Willen?«, fragte Megan. »Wenn ich Gott wäre, hätte ich mir so etwas nicht ausgedacht.«

»Mein Vater hat zu Onkel John gesagt, dass der freie Wille Gottes größtes Geschenk ist.«

»Warum?«

»Weil Gott sich nichts beweisen muss«, antwortete Amy, kniff ein Auge zu und maß den Baum mit dem Daumen ab.

Schweigend saßen wir da und ließen den Blick über den blühenden Baum schweifen.

»Wäre ich Gott, hätte ich vergessen, uns mit einer wasserdichten Haut auszustatten.« Ich stand auf und trat zwischen zwei parkende Autos, um eine bessere Perspektive zu haben.

»Stellt euch das mal vor! Dann wären wir nach dem Baden total vollgesogen!« Amy lachte, legte die Hände ums Geländer und beugte sich vor.

»Wie nennt man einen Swimmingpool voller Leprakranker?«, fragte ich.

»Was muss ich da hören, Caroline Stern?«

MrBaker war zurück. Er verschränkte die Arme. »Wie nennst du denn einen Swimmingpool voller Leprakranker, Caroline?«

Er wollte uns beweisen, dass er Sinn für Humor hatte, was mir irgendwie den Spaß verdarb.

»Porridge!«, sagte ich, während ich Höhe und Breite des Baums verglich.

Wir erschufen das Universum. Soeben hatten wir die Früchte vom Baum der Erkenntnis gepflückt und riefen gerade die vier Winde herbei, als Joanna Kate versehentlich mit dem Westwind anstieß. Woraufhin Joanna Megan versehentlich mit dem Ostwind schubste und Megan eine volle Blumenvase in den Kamin stieß.

»Tay tattah tay tattah tattah tattah tay«, sangen wir und knallten unsere Absätze rhythmisch auf den Boden, während wir tanzten. Unsere Handflächen glitten durch die Luft, und die Glöckchen an unseren Fußgelenken klingelten, während wir die Himmel von der Erde trennten. Megan gelang es, die Vase wieder richtig hinzustellen, ohne dass MrsGentle etwas bemerkte.

Mit MrsGentle war nicht zu spaßen. Nach Miss Fowler fürchteten wir MrsGentle am meisten. Einmal hatte sie mich übers Knie gelegt und mir den nackten Hintern versohlt – direkt vor dem Fenster zur Straße, sodass jederzeit Passanten hätten hereinsehen können. Wann immer wir vedischen Tanz übten, überwachte sie uns mit dem Tafelschwamm in der Hand, mit dem sie uns beim geringsten Anlass bewarf.

Sie stand am Pult vor den großen Fenstern. Das einfallende Licht war so grell, dass wir ihre Gesichtszüge nicht erkennen konnten, doch stand außer Frage, dass sie eine strenge Miene verzog. Sie war fast zwergenhaft klein, dürr wie eine Bohnenstange und besaß lediglich zwei furchterregende, vorwurfsvoll hervortretende Warzen anstelle von Brüsten. Ihr rotes Haar, das die Geschmeidigkeit von Stahlwolle besaß, hatte sie zum obligatorischen straffen Knoten im Nacken frisiert. Ihr Mund war nicht mehr als ein Schlitz, und die dicken Brillengläser vergrößerten ihre Augen wie ein Goldfischglas. Trotzdem musste sie irgendetwas Anziehendes an sich haben, da sie bereits zum dritten Mal verheiratet war. Wenn man sie allerdings mit einem ihrer früheren Namen ansprach, verlor sie die Beherrschung.

Außerdem war sie Janes Tante. Wir hatten keine richtigen Lehrer in St.Augustine’s, sondern die meisten waren mit uns verwandt und hatten ihre Fächer mehr oder minder zufällig zugeteilt bekommen. Nur MrSteinberg war ein echter Lehrer. Von den anderen hatten lediglich ein oder zwei Erfahrung im Unterrichten, und ich bezweifelte, dass uns jemand gern vedischen Tanz beibringen wollte. Unsere Eltern arbeiteten allesamt mit, ob sie nun putzten, unterrichteten oder Uniformen nähten – dadurch sparten sie die Schulgebühren. Die Lehrer bekamen kein Gehalt, sondern wurden mit dem entlohnt, »was sie benötigten«. Was wiederum dazu führte, dass sich alle gegenseitig mit ihren Forderungen unterboten. Ich hasste meinen Vater dafür. Bei uns gab es oft nur Rice Crispies zum Abendessen.

»Die Nächste, die sich danebenbenimmt, kann sich direkt bei Miss Fowler melden!«

Instinktiv wusste ich, dass ich diejenige sein würde. Es war so unabwendbar wie die nächste Meditation. Obwohl sie mich nicht direkt ansprach, war mir klar, dass ich gemeint war. Blieb nur die Frage, wann es so weit sein würde.

MrsGentle schnippte mit den Fingern. »Kreise«, sagte sie. Rasch bildeten wir einen inneren und einen äußeren Kreis und warteten auf das nächste Kommando. Das Beste am vedischen Tanz waren unsere langen, farbenprächtigen Tanzröcke aus Satin, die mit Abstand schicksten Sachen, die wir besaßen. Wir genossen es, uns in ihnen zu drehen und zuzusehen, wie der bunte Stoff um uns herumwirbelte.

»Lolitum!«, befahl sie auf Sanskrit.

»Lolitum!«, skandierten wir und begannen uns zu drehen, der äußere Kreis im Uhrzeigersinn, der innere andersherum.

Lolitum war ein schwieriger Tanzschritt. Man trat einen Schritt vor, dann einen zurück und ließ die Zehen des einen Fußes kreisen, ehe man sich wieder vorwärtsbewegte. Die Glöckchen an unseren Knöcheln klingelten, während hundertzwanzig Zehen im Takt kreisten.

»Lolitum«, riefen wir.

Am schlimmsten war es, wenn man sich im äußeren Kreis befand, da man ein paar Schritte am Fenster vorbeitanzen musste. Das konnte fürchterlich peinlich werden, wenn jemand von der Straße hereinsah. Die Tatsache, dass wir uns zum Gespött der Leute machten, festigte nur meinen Argwohn gegenüber der Organisation.

Eine der elementaren Regeln beim vedischen Tanz bestand darin, die Lider gesenkt zu halten. Die Augen sollten nur bei bestimmten Figuren ganz geöffnet werden. Sobald ein Augapfel aufblitzte, war das verdächtig. Und so drehten und drehten wir uns, während wir die Augen niederschlugen, dass wir davon regelrecht Kopfschmerzen bekamen.

Die Füße meiner Mitschülerinnen kannte ich ebenso gut wie ihre Gerüche. Kates kleine rosa Zehen tanzten an mir vorbei, gefolgt von Emmas riesigen Adlerklauen und Sophies eleganten dunkelbraunen Füßen, gefolgt von Megans vertrauten, leicht gespreizten Zehen. O nein! Ich hatte gehofft, dass sie sich im inneren Kreis hinter mir befand.

Megan war der einzige Mensch auf der Welt, der mich zum Lachen bringen konnte, wenn er mich nur ansah. Es war eine Frage des Timings, wer MrsGentle zugewandt sein würde, wenn sich unsere Wege kreuzten. Ich merkte, wie wir beide unsere Schritte beschleunigten, doch dann hatte ich Amy vor mir, die sich im Schneckentempo bewegte, ganz darauf konzentriert, ihre Schritte zu perfektionieren. Verdammt! Damit wäre ich diejenige, die MrsGentle gegenüberstand.

Ich hielt den Blick eisern auf den Boden gerichtet, als Megan auf mich zukam, einen Schritt zurücktrat und ihre Zehen kreisen ließ. Einen Moment lang ging ich aufs Ganze und berührte Megans Fuß mit meinem großen Zeh, als wir aufeinander zutraten. Ich wusste, dass sie kurz davor war loszuprusten, konnte mir jedoch einen Blick auf ihr Gesicht nicht verkneifen. Da sie mit dem Rücken zu MrsGentle stand, war sie auf der sicheren Seite. Sie schnitt eine Idioten-Grimmasse, schielte, wölbte die Oberlippe mit der Zunge vor und gab einen nur für mich hörbaren Spastikerlaut von sich, als sie auf mich zutanzte.

Die Kunst, mein Lachen zu unterdrücken, hatte ich noch nie beherrscht. So übel die Folgen auch sein mochten, erschienen sie mir in der Wonne des Moments stets unbedeutend. Und diesmal war es doppelt lustig wegen des dämlichen Tanzschritts; jedenfalls wusste ich, dass Megan gleich wieder vor mir auftauchen und die nächste Fratze schneiden würde.

Ich spürte, wie meine Schultern zu beben begannen und ich unkontrolliert mit dem Kopf wackelte.

»Was ist denn so komisch, Caroline?« Als ich die Lider hob, sah ich MrsGentles Hände. Sie spielte mit dem Tafelschwamm, warf ihn von einer Hand in die andere.

Ich gab mir alle Mühe, das Grinsen zu unterdrücken. Ich dachte an tote Babys und daran, mehrere Leben als Schmeißfliege verbringen zu müssen.

Ich machte den nächsten Schritt.

»Hör auf zu tanzen, wenn ich mit dir rede!«

Ich hielt inne. Jemand tanzte um mich herum.

»Irgendetwas amüsiert dich offenbar. Was ist denn so lustig?«

Sie trat hinter dem Pult hervor und ging mit in die Hüften gestützten Händen um den äußeren Kreis herum zum Kamin. Ihre Nippel zeichneten sich wie die Spitzen von Stacheldraht unter der Bluse ab.

»Hierher, Caroline!«

Als ich mir den Weg durch die Tanzenden bahnte, stieß ich mit Catherine zusammen.

»Glaubst du nicht, Miss Fowler hat Besseres zu tun, als sich mit albernen Gören herumzuschlagen?«

Auf diese Frage gab es keine richtige Antwort. Ich biss mir auf die Unterlippe, wie immer, wenn ich nicht wusste, was ich tun sollte.

Zu allem Überfluss stand MrsGentle genau an der Stelle, wo die Vase umgefallen war. Ein kleines Rinnsal floss in Richtung ihres nackten Fußes.

»Was ist denn das?«, stieß sie hervor. Ihre Goldfischaugen traten aus den Höhlen, als sie den Blick wieder auf mich richtete. »Wer hat das getan?«

Ich zuckte die Achseln.

»Du sagst mir sofort, wer das war!«

Ich schwieg.

»Dann gehe ich davon aus, dass du es warst. Du gehst nach unten, und zwar schnurstracks!«

Das Herz schlug mir bis zum Hals.

»Nein! Bitte nicht!«

»Schluss jetzt, Caroline. Du gehst runter zu Miss Fowler, und zwar sofort!«

Mit dem Gesicht zur Wand stand ich in der Ecke von Miss Fowlers Büro. Über zwei Stunden waren vergangen, und allmählich war mir flau vor Hunger. Vedische Mathematik hatte ich bereits verpasst, und die Sanskritstunde war auch fast vorbei. Sanskrit war mir egal, aber vedische Mathematik mochte ich, weil man dort jede Menge Rechentricks lernte. Das vedische Volk hatte die Mathematik Tausende von Jahren vor den Ägyptern entwickelt. Immerhin waren sie auch diejenigen gewesen, die die Null erfunden hatten.

Ich hörte die leisen Schritte von sechzig schweigenden Mädchen, die in den Speisesaal gingen. Das Kratzen von Miss Fowlers Schreibfeder setzte einen Augenblick lang aus, als mein Magen ein neidisches Knurren von sich gab. Ich hörte, wie sie die Feder in das Tintenfass tauchte, gefolgt von einem anderen Kratzen, als sie die überschüssige Tinte am Rand abstreifte. Kurz darauf wechselte sie ihr Schreibgerät und griff nach ihrer Sanskrit-Feder – Schreiben war eine Form der Verehrung und jedes Utensil außer Feder und Tinte reinster Frevel. Ich hörte, wie sie schwungvoll Worte zu Papier brachte, und fragte mich, was sie wohl schrieb.

In Zeitlupe lehnte ich mich mit der Stirn an die Wand, ohne dass sie es bemerkte, und begann wie üblich meine Zungenspitze an die Wand zu pressen. Wenn man es lange genug machte, löste sich die Farbe. Die kleinen weißen Markierungen im moosgrünen Anstrich zeigten mir, wie groß ich mittlerweile geworden war. Unglaublich, wie sehr ich gewachsen war, seit ich zum ersten Mal an dieser Wand geleckt hatte. Allerdings deprimierte mich der Anblick. Dreißig Zentimeter später, und nichts hatte sich geändert.

Mit dem Lecken hatte ich angefangen, als ich ungefähr neun gewesen war. Bis dahin waren Miss Fowler und ich gut miteinander ausgekommen. Ich war klug, hatte eine rasche Auffassungsgabe und war immer bester Laune, eine perfekte Schülerin. Manchmal fragte sie mich sogar, ob ich beim Mittagessen neben ihr sitzen wollte, und das war keineswegs als Bestrafung gemeint. Bald darauf aber war es vorbei. Bei einen Ausflug mit dem Bus, als wir an einer Lesung des Mahabharata teilnehmen sollten, erwischte sie mich dabei, wie ich unanständige Bilder in ein selbst gebasteltes Heft zeichnete: einen Esel, der Pipi auf MrsGentles Kopf machte; einen Räuber, der MrBaker den Schniedel abhackte, und ähnlichen Unsinn. Miss Fowler nahm mir das Heft weg, zerrte mich durch den Bus hinter sich her, schubste mich auf einen Sitz, setzte sich neben mich und blätterte langsam die Bilder durch. Danach fand ich sie nicht mehr so witzig. Obwohl mich Joanna und Megan dazu angestiftet hatten, nahm ich die Schuld allein auf mich. Seither sah mich Miss Fowler mit anderen Augen: als verdorbenes Stück, das einen schlechten Einfluss auf die anderen Mädchen ausübte. Es sah ganz so aus, als müsste ich noch jede Menge Waschgänge im Ganges absolvieren. Seit diesem Tag verabscheute sie mich und witterte hinter allem, was ich tat, ein unlauteres Motiv. Und somit war ich Teil ihrer freudlosen Büroeinrichtung geworden.

Im Messing der Türklinke spiegelte sich das Gemälde von Masaccio, das über dem Kaminsims hing – überall im Gebäude hingen solche Bilder, ebenso wie in den meisten unserer Häuser, wahrscheinlich mit der Absicht, unsere Gedanken auf das Göttliche zu lenken. Es spielte keine Rolle, welcher Religion jemand angehörte oder angehört hatte. In der Organisation waren Christen, Juden, Hindus, und so weiter. Alle meditierten sie, um ins Nirwana zu kommen. Soweit ich verstand, bediente sich die Organisation bei allen Religionen. Mit der Bibel hatten wir lesen gelernt – sie war voller kurzer, einfacher Wörter –, wobei auf Himmel und Hölle nicht weiter eingegangen wurde. Von Ramakrishna konnten sie nicht genug bekommen, aber Megan und ich hatten nur zufällig herausgefunden, was es mit dem Kamasutra auf sich hatte. Jesus, Buddha und die anderen wurden gutgeheißen, doch blieb nie Zeit, zu ihnen zu beten oder sie sonst irgendwie zu würdigen, da die Organisation einen rund um die Uhr beschäftigt hielt, während der Woche ebenso wie an den Wochenenden. Theoretisch war alles erlaubt, was Erhabenheit in die Gedanken brachte. Renaissancegemälde waren der letzte Schrei. So wie Laura-Ashley-Tapeten.

Das Bild in Miss Fowlers Büro zeigte die Jungfrau Maria, die in einem blauen Kleid auf einer Art Terrasse saß, zusammen mit einem rosa gewandeten Engel, der zu nörgeln schien. Maria sah aus, als hätte sie genug davon. »Schluss jetzt, Engel«, schien sie zu sagen. »Ich tue, was ich kann, und jetzt lass mich in Ruhe.« Dem Engel jedoch schien das völlig gleichgültig zu sein. Er hielt den Zeigefinger auf Maria gerichtet und sah sie vorwurfsvoll an. Im Hintergrund sah man ein paar Leute, die ein elendes, zerlumptes Paar vor sich hertrieben, die aussahen, als steckten sie in Schwierigkeiten. Die Blumen im Vordergrund hatte ich Dutzende von Malen gezählt, ohne je auf dieselbe Zahl zu kommen. Dreihundert und ein paar Zerquetschte.

Ich hasste das Gemälde.

Plötzlich hielt Miss Fowler inne. Eilig zog ich meine Zunge wieder ein. Der Gas-Kaminofen knisterte leise und gab das gewohnte asthmatische Zischen von sich. Ich hörte die anderen unten im Speisesaal. Kein Wort fiel, nur das leise Klappern von Messern und Gabeln drang an meine Ohren. Mein rechtes Bein war völlig taub geworden. Ich verlagerte mein Gewicht und schüttelte es. Die Glöckchen an meinem Fußgelenk klingelten.

»Wag es nicht, dich zu rühren!« Ihre eisige Stimme klang, als hätte sie nur darauf gewartet. »So lange, bis du dich entschuldigt hast!«

Ich schüttelte den Kopf.

»Entschuldige dich, dann kannst du in deine Klasse zurückkehren.«

»Ich habe die Vase nicht umgeworfen«, sagte ich zur Wand.

»Ach ja? Wer soll es denn sonst gewesen sein?« Sie glaubte mir nicht. Sie verzieh genauso wenig wie der Engel auf dem Bild. Ich hörte, wie sie ihre Unterlagen ordnete.

»Ich weiß es nicht.«

Sie stapelte die Papiere ordentlich aufeinander, dann hörte ich, wie sie den Reißverschluss ihrer Aktentasche aufzog. »Dann bleibst du eben so lange dort stehen, bis es dir wieder einfällt.«

Ich spürte, wie mir Tränen in die Augen schossen, hielt sie jedoch mit aller Macht zurück. Meine Beine taten weh. Rotz lief mir aus der Nase und über die Lippen, aber ich wischte ihn nicht weg. Das wäre ein kleiner Sieg für sie gewesen. Nein, wenn es sein musste, würde ich den ganzen Nachmittag durchhalten.

Ich erschrak, als es an der Tür klopfte.

»Herein!«, keifte sie in ihrem gewohnten Tonfall, als hätte sie das Wort höchstpersönlich erfunden. Die Tür ging auf. Ich schielte hinüber, ohne mich zu bewegen. Es war der Direktor der Schule für die Jungen. MrMercer.

Es war mir peinlich, dass er mich in meiner vedischen Tanzkluft sah, barfuß und mit Tanzglöckchen an den Füßen. Doch MrMercer schenkte mir keine Beachtung. Er kam herein, schloss die Tür und lehnte sich dagegen.

Im selben Moment ging eine merkwürdige Verwandlung mit ihr vor. Ich spürte es, noch bevor sie etwas sagte. Plötzlich gab sie winzige japsende Laute von sich wie ein neugeborener Welpe. »Treten Sie doch näher«, flötete sie mit widerwärtig aufreizender Stimme, als wäre sie Gastgeberin einer Party. Ich hörte, wie ihr langes Kleid den Papierkorb streifte, als sie um den Schreibtisch herumkam.

»Entschuldigen Sie die Störung. Ich wollte mit Ihnen über das neue Material von Seiner Heiligkeit sprechen«, sagte MrMercer. Wenn ich die Augen nach oben verdrehte, konnte ich sehen, wie sein Adamsapfel auf und ab hüpfte. Meinem Empfinden nach war er nicht halb so schlimm wie Miss Fowler, aber die Jungs sagten, dass er einen beinahe totschlug, wenn er erst einmal zum Rohrstock griff.

»Aber nein! Sie stören mich doch nicht. Nicht im Geringsten! Setzen Sie sich doch, MrMercer.« Aus irgendeinem unerfindlichen Grund begann sie zu lachen, doch es klang schrecklich unecht. Ich nutzte die Gelegenheit, mir die Nase abzuwischen.

»Du gehst jetzt zurück in deine Klasse, Caroline!«, befahl sie. Ich wandte mich um und erkannte sie kaum wieder. Da sie niemals lächelte, bekam man ihre Zähne so gut wie nie zu sehen – sie waren klein, gerade und gepflegt. Sie säuberte ihre Tintenfinger mit einem Papiertaschentuch, strich sich eine verirrte Strähne aus dem Gesicht und befestigte sie klammheimlich in dem ergrauenden Knoten an ihrem Hinterkopf. Dann beugte sie ihren stocksteifen Körper vornüber, um die Gaszufuhr im Kamin zu drosseln, als wäre ihr plötzlich zu heiß geworden.

»Ich hatte aber noch kein Mittagessen«, sagte ich, in der Hoffnung, auf diese Weise doch noch an etwas Essbares zu kommen.

Sie sah mich an, und zu meiner Erleichterung verschwand das Lächeln von ihren Zügen, so dass ihr Gesicht wieder wie ein Totenschädel aussah. Der Direktor stützte sich auf ihren Schreibtisch und wandte sich mir zu. Im Lauf der Jahre hatte er eine gewisse Zuneigung zu mir entwickelt. Ich stand so oft in jener Ecke, dass er mich offenbar als eine Art Haustier betrachtete.

Miss Fowler trat zur Tür, öffnete sie und fixierte mich, nun mit dem Rücken zu MrMercer, mit hasserfülltem Blick.

Ich wollte gehen, doch er hielt mich auf. »Caroline«, sagte er, als würde er einem Affen ein paar Nüsse hinwerfen. Natürlich sah er die Tränen in meinen Augen. »Wärst du so nett, uns Tee zu bringen?«

Er lächelte mich an, und sie setzte ebenfalls sofort wieder ein Grinsen auf, auch wenn es ziemlich gequält aussah.

»Ich habe Pfefferminztee da«, sagte sie süßlich.

»Danke, aber ich nehme lieber ganz normalen.«

»Aber selbstverständlich! Also, Tee!« Sie schubste mich beinahe durch die Tür.

Ich ging nach unten. Die Küche befand sich hinter dem Speisesaal. Der Korridor verband unser Gebäude mit dem von nebenan, in dem die Schule für die Jungen untergebracht war.

In der Küche herrschte hektische Betriebsamkeit – eifrig wuselten unsere Mütter umher, allesamt in langen Kleidern und den identischen, zu strengen Knoten im Nacken frisierten Haaren, als wollten sie sich gegenseitig als graue Mäuse überbieten. Kein Make-up, kein Schmuck, keine bunten Farben, keine erhobenen Stimmen, nichts, was irgendwie Aufmerksamkeit erregen könnte. Sie sollten kein Aufhebens um sich selbst machen, sondern still der Gemeinschaft dienen. Leicht gebückt huschten sie in ihren flachen Schuhen herum, demütig in ihre Aufgaben vertieft. Manchmal fragte ich mich, ob sie überhaupt Beine hatten oder auf Kufen dahinglitten. Selig lächelnd schwebten sie durch den Speisesaal, in dem die Mädchen zu Mittag aßen, trugen Körbe mit frisch gebackenem Brot, Käseplatten, Äpfel und Honiggläser herein. Ich hoffte, dass meine Mum nicht da war, denn sie würde sofort wittern, dass ich mal wieder Ärger hatte.

Ich bahnte mir den Weg durch die Frauen, vorbei an einem Riesenbottich mit Joghurt, bei dessen Anblick mir fast übel wurde – eine gelblich glänzende Pampe, die an eine schleimige Meereskreatur erinnerte –, und schlich mich in die Vorratskammer, wo ich mir ein Brötchen mopste und es mir gleich in den Mund stopfte.

»Kann ich dir helfen?«, ertönte eine sanfte, leicht atemlose Stimme hinter mir. Jemand schien mir ins Dunkel der Vorratskammer gefolgt zu sein. Unmöglich zu sagen, wer es war, da alle Mütter hart an ihren sanft gehauchten Stimmen gearbeitet hatten, um ihre spirituelle Erleuchtung unter Beweis zu stellen.

Es war Kates Mum, die mich mit missbilligend hochgezogener Augenbraue musterte. Sie glaubte alles, was über mich erzählt wurde, und das nahm ich ihr übel.

»Ich soll Tee machen«, sagte ich. »Für Miss Fowler und MrMercer.«

Das schien sie zutiefst zu beeindrucken – ein Ausdruck braver Ergebenheit breitete sich auf ihren Zügen aus. »Dann tu das auch, bitte.« Ein stählerner Unterton hatte sich in ihr Hauchen geschlichen.

Ich biss mir auf die Unterlippe. Bei ihrem Mann, Kates Dad, hatten wir Geometrie. Als ich vor ein paar Wochen bei ihnen zu Hause gewesen war, hatten Kate und ich einen Stapel Sexhefte in seinem Arbeitszimmer gefunden, mit Bildern von Frauen mit weit gespreizten Beinen und gigantischen Brüsten, die alle möglichen Sachen mit sich anstellten. Ich starrte sie an und versuchte, ihr mit meinem Blick zu verstehen zu geben, dass ich ihren Mann in der Hand hatte, doch sie scheuchte mich mit dem Ellbogen aus der Kammer.

In diesem Augenblick schienen alle mitten in der Bewegung innezuhalten. Das Mittagessen war vorüber. Die Frauen unterbrachen ihre Tätigkeiten, stellten die Körbe ab, unterbrachen den Abwasch, hörten auf, den Boden zu wischen und Teig zu kneten. Durch die Glastür des Speisesaals sah ich, wie die Mädchen ihre Bestecke niederlegten, die Hände zum Gebet an die Stirn brachten, wobei sie mit den Daumen ihr drittes Auge berührten. Die Mütter in der Küche machten dasselbe, nur besser; sie hoben die Ellbogen noch höher an, ohne ihr drittes Auge zu streifen. Ich hob ebenfalls die Hände und spähte an meinen Unterarmen vorbei. Ich fand es widerwärtig, wie die Mütter die Augen schlossen, als seien sie Reptilien, und die unteren Lider hochzogen, sodass sie zitterten, als würden sie eine transzendente Erfahrung machen.

»Wir danken dir, Govinda, für unsere Mahlzeit, und wandeln in deiner Wahrheit.« Dann folgte der Sanskrit-Singsang, dessen Bedeutung niemand von uns kannte, obwohl wir ihn schon unser ganzes Leben lang bei jeder sich bietenden Gelegenheit herunterbeten mussten.

Durch die Glasscheibe traf sich mein Blick mit Megans. Inzwischen waren wir Spezialistinnen im Lippenlesen. Sie erklärte, dass sie und Amy, die neben ihr saß, mir etwas zu essen mitbringen würden. Ich sagte ein lautloses Danke, woraufhin sie mit dem Kopf wackelte und Schielaugen machte, um mich zum Lachen zu bringen. MrsGentle, die es mitbekam, verpasste ihr prompt einen Klaps auf den Hinterkopf.

Ich hatte keine Ahnung, wie man Tee zubereitete, da wir zu Hause keinen tranken. Aber ich hatte schon Dutzende von Malen beobachtet, wie Teetabletts durchs Haus getragen wurden, und war mir deshalb meiner Sache ziemlich sicher. Ich nahm eine kleine weiße Teekanne und stellte sie auf ein Tablett. Ich fand eine Dose mit Teeblättern und nahm den Kessel von der Herdplatte. Da ich nicht an den Wasserhahn herankam, füllte Kates Mum Wasser in den Kessel und stellte ihn wieder auf den Herd. Der Herd war pure Verschwendung, denn er wurde lediglich benutzt, um Wasser zu erhitzen. Es war uns nicht erlaubt, Essen zu kochen oder Nahrungsmittel miteinander zu vermischen – das sei schlecht für die Seele, stand in den Veden. Auch Fleischesser hatten bei uns nichts zu suchen. Und so waren wir dazu verdammt, rund um die Uhr spirituell bereichernde Nahrung zu uns zu nehmen – braunes Brot, Joghurt und all das andere widerwärtige Zeug.

Ich konnte kein Teesieb finden, dafür aber ein großes Abtropfsieb unter der Spüle, das für meine Zwecke ebenso geeignet schien. Die Tassen wurden im anderen Gebäude aufbewahrt, also ging ich durch den Korridor nach drüben. Vor der anderen Mensa hatten sich die Jungs aufgereiht. Mein Dad war ebenfalls da und inspizierte ihre Hände. Wie immer war er besonders penibel. Er beugte sich vor, besah sich genau, wer schmutzige Finger hatte, und schickte den einen oder anderen zum Händewaschen. Rasch nahm ich zwei Tassen vom Regal, aber es war zu spät. Er hatte mich bemerkt.

»Caroline?«

Die Jungs wandten sich um. Marcus lächelte mich an. Ich liebte Marcus, und Marcus liebte mich. Letzte Woche hatten wir uns auf Gleis 2 in der U-Bahnstation Gloucester Road sieben Sekunden lang geküsst.

Ich erhaschte Jason Winters Blick und warf ihm ein bedauerndes Lächeln zu. Seine Schwester war zu Beginn des Schuljahrs ums Leben gekommen. Sie war vom Dach eines Parkhauses gesprungen. Es musste ausgesehen haben, als hätte jemand ein Fass Erdbeermarmelade auf den Asphalt fallen lassen. Achtzehn war sie gewesen. Die Erwachsenen sagten, ihr hätte der innere Halt gefehlt. Ich stellte sie mir wie eine Tür vor, die im Wind knarrend hin und her schwang. Trotzdem wussten wir alle, warum sie sich in Wahrheit umgebracht hatte. Sie war gerade einmal ein halbes Jahr verheiratet gewesen, mit MrGates, unserem Rechtskundelehrer – einem absoluten Widerling, dem Haare aus der Nase sprossen. Außerdem war er schon über vierzig. Jeder hätte ihr das sagen können, aber keiner machte den Mund auf. Stattdessen taten sie so, als wäre es ihre eigene Schuld, und waren besonders nett zu MrGates. Tatsächlich aber ging der Vorfall allein auf MrWapinskis Konto. Es war seine Idee gewesen. Er war der Kopf der Organisation und seit Neuestem geradezu versessen darauf, Mitglieder unserer Gemeinschaft miteinander zu verloben. Mir kam es so vor, als würde er die Regeln nach seinem Gutdünken zurechtbiegen, denn Miss Fowler erzählte uns bereits seit Jahren, vor unserem vierundzwanzigsten Lebensjahr dürften wir Jungs noch nicht einmal ansehen. Aber nun wurden wir Mädchen plötzlich bereits mit sechzehn verbandelt – mit Lehrern und alten Männern aus der Organisation. Niemand wurde gezwungen, doch wir wussten alle, was das in Wahrheit bedeutete. Niemand stellte sich gegen MrWapinski. Und uns blieben gerade noch drei Jahre, bis wir selbst an die Reihe kamen. Hannah und Kate kicherten ständig und schienen es kaum erwarten zu können, wohingegen es für mich eine klare Sache war, dass ich es genauso wie Helen Winters machen würde, wenn er mich verkuppeln wollte. Ein älterer Mann kam für mich unter keinen Umständen infrage. Außer MrSteinberg natürlich.

Jason Winters schien nicht recht zu wissen, wie er mein Lächeln deuten sollte, und wandte den Blick ab. Dad schickte die Jungs in den Speisesaal und kam zu mir herüber. Er verhielt sich mir gegenüber kein bisschen anders als ihnen gegenüber.

»Was machst du denn hier?«

»Ich soll für Miss Fowler und MrMercer Tee machen.«

Er musterte mich argwöhnisch. »Hast du schon wieder Ärger?« Er sah mich so böse an, dass ich den Kopf schüttelte.

Ich eilte zurück, arrangierte alles ordentlich auf dem Tablett und wartete darauf, dass das Wasser endlich kochte. Mein Blick fiel auf Jason Winters’ Mutter, die Geschirr abtrocknete. Sie hatte dunkle Tränensäcke unter den Augen. Ich versuchte, sie nicht allzu auffällig anzustarren. Es tat mir leid, dass ihre Tochter tot war, aber gleichzeitig hoffte ich, dass sie Schuldgefühle hatte. Ich hätte jedenfalls nie im Leben eine Ehe zwischen meiner Tochter und MrGates zugelassen.

Vorsichtig trug ich das Tablett die Treppe hinauf und über die schwarzbraunen Fliesen, die zu Miss Fowlers Büro führten, stellte das Tablett auf den Boden und klopfte an.

»Herein!«

Ich öffnete die Tür und hielt sie mit dem Fuß auf, während ich das Tablett aufhob. Miss Fowler und MrMercer saßen sich am Schreibtisch gegenüber und studierten irgendwelche Unterlagen. Sie grinste immer noch auf diese falsche, verzerrte Art, allerdings entglitten ihr die Gesichtszüge bei meinem Anblick. MrMercer machte Platz auf dem Schreibtisch, sodass ich das Tablett abstellen konnte. Ich wandte mich zum Gehen.

MrMercer hielt das Abtropfsieb in die Höhe. »Was ist denn das, Caroline?«

Jetzt erst wurde mir die absurde Größe des Siebs bewusst. Es war doppelt so groß wie die Teekanne.

»Ich konnte kein Teesieb finden«, sagte ich verlegen.

Er musterte mich, als hätte er mich noch nie im Leben gesehen, dann lächelte er und hielt Miss Fowler das Sieb entgegen, um sie an seiner Belustigung teilhaben zu lassen. Sie versuchte, sein Lächeln zu erwidern, doch konnte ich genau sehen, dass sie verärgert war. Sie hatte mich quälen wollen, und er hatte ihr den Spaß verdorben.

Er hob den Deckel der Teekanne und spähte hinein. O Gott! Ich hatte vergessen, Tee hineinzugeben. Was ihn noch mehr zu belustigen schien.

»Hast du überhaupt schon mal Tee zubereitet?« Er zwinkerte mir zu. Ich schüttelte den Kopf.

»Wie gesagt, ich kann Ihnen gern Pfefferminztee anbieten«, erbot sich Miss Fowler. Würde diese Frau doch zur Abwechslung nur mal den Mund halten.

Aber MrMercer hörte ihr gar nicht zu, sondern musterte mich nach wie vor. Offenbar hatte er sich schon lange nicht mehr so prächtig amüsiert. Abwechselnd sah er auf das Sieb und in die Teekanne, als hätte ich einen besonders eindrucksvollen Zaubertrick vorgeführt. Er lachte, wischte sich die Tränen aus den Augen und schüttelte den Kopf. Dann packte er mein Handgelenk, als müsse er sich irgendwo festhalten. Miss Fowler sah ihn erstaunt an, dann wanderte ihr Blick zu mir. Ich erstarrte.

Ich war an ihren Zorn und ihren Hass gewöhnt, doch nun bekam das Ganze eine völlig neue Dimension. Es lag auf der Hand, dass ich eine Grenze überschritten hatte, nur wusste ich nicht, welche. In ihrem Blick stand blanke Abscheu. Sie sah mich an, als wäre ich eine dieser Frauen, die in Sexheftchen die Beine spreizten. Die Kälte ihres Blicks ging mir durch Mark und Bein, und ich spürte, wie sich meine Nackenhaare aufstellten.

2

Seit Jahren hatte ich keine Albträume mehr gehabt. Doch plötzlich weckte mich ein Schrei aus meinem eigenen Mund. Ich war schweißgebadet, das T-Shirt klebte an meinem Rücken, und meine Kehle fühlte sich an wie Schmirgelpapier.

Ich war auf einer Party gewesen, in einem großen weißen, vertraut aussehenden Raum mit glänzendem Boden. Ich hatte das Gefühl, einige der Gäste zu kennen. Sie waren keine vollkommen Fremden. Die Atmosphäre war entspannt, und alle schienen sich blendend zu amüsieren, aber irgendwann hatte ich genug. Als ich zur Tür ging, informierte mich ein Mann in weißem Anzug freundlich darüber, dass dieser Ausgang nicht genutzt würde. Ich bahnte mir einen Weg durch den vollen Raum und ging zu einer anderen Tür, wo mir eine Frau in weißem Kleid lächelnd erklärte, dass auch dieser Ausgang verschlossen sei. Als mir an der dritten und letzten Tür dasselbe mitgeteilt wurde, dämmerte mir, dass ich in der Falle saß und das Haus nicht verlassen konnte. Panik keimte in mir auf, doch dann ertönte eine laute Glocke, und Schweigen senkte sich über den Raum. Wir wurden in einen Speisesaal geführt und gebeten, an den sorgfältig arrangierten, festlich gedeckten Tischen Platz zu nehmen. Alles war perfekt: Die weißen Servietten waren wie Lotosblumen gefaltet, die Gläser funkelten, und das Besteck war so makellos poliert, dass sich das Licht darin spiegelte. Doch als ich näher hinsah, merkte ich, dass etwas nicht stimmte. Die ganze Pracht diente einem bestimmten Zweck. Die Gläser standen allesamt auf dem Kopf, und neben jedem befanden sich ein leeres Reagenzglas und ein Schlauch mit Kohlenmonoxid. Die nach Origami-Tradition gefalteten Servietten waren mit Chloroform getränkt. Auf allen blau-weiß gemusterten Tellern lagen vier rote, diamantförmige Tabletten, und die Messer waren groß und scharf wie Skalpelle. Es war ein Selbstmordfest. Jemand drückte mich auf meinen Platz auf der Bank. Dann saßen alle still, niemand sprach mehr ein Wort. Plötzlich hoben alle Anwesenden, ich eingeschlossen, die Hände zum Gebet, legten die Daumen an die Stirn. Om Paramatmanaynama. Ich wollte etwas sagen, konnte jedoch auf einmal nicht mehr sprechen. Hilflos musste ich mit ansehen, wie die Gäste ihrem Leben ein Ende setzten, die Augen schlossen, das Gift schluckten oder das tödliche Gas einatmeten. Eine Frau schlitzte sich fröhlich die Pulsadern auf: Die Klinge glitt durch ihr Fleisch, als wäre es Butter, und ich sah, wie das Blut auf den Tisch spritzte. Einer nach dem anderen sackte vornüber. Ich sprang abrupt auf und wollte weglaufen, doch an den verschlossenen Türen lehnten die weiß gekleideten, noch immer lächelnden Diener. Schlagartig wurde mir klar, dass es kein Entkommen gab. Und dann begann ich zu schreien.

Im ersten Moment erkannte ich Joe nicht, sein dunkles Gesicht, den kahlen Kopf. Da war nur irgendjemand, ein Fremder, der mich in den Armen hielt und immer wieder sagte: »Hey, hey, Lol. Alles in Ordnung, Liebes. Es war nur ein Traum.«

Lol? Lorrie? Das war ich. Ja, ich war hier, zu Hause, in meinem Bett. Ich blinzelte. Meine Augen fühlten sich ebenso trocken an wie meine Kehle. Ich brauchte dringend frische Luft. Ich wand mich aus seiner Umarmung, sprang aus dem Bett, riss das Fenster auf und sog die kühle Westlondoner Luft tief in meine Lungen. Aus der Ferne drang das Heulen einer Sirene an meine Ohren.

Joe knipste die Nachttischlampe an und warf einen Blick auf den Wecker, dann stand er auf und ging nach unten. Ich hörte ein leises Rasseln und sah, wie Tilly, unsere Hündin, schläfrig und leicht verdutzt über die Holzdielen trottete. Vorsichtig wedelte sie mit dem Schwanz, für den Fall, dass vielleicht ein nächtliches Abenteuer anstand.

Ich machte das Licht wieder aus, fegte meine Sachen vom Korbstuhl und zog ihn zum Fenster. Tilly legte den Kopf in meinen Schoß. Ich strich ihr über die glatten Schläfen und atmete tief und langsam ein und aus. Ich warf einen Blick auf meine Hände. Sie waren wund und zerkratzt. Das war mir seit einer Ewigkeit nicht mehr passiert. O nein, ich würde mir Schlaftabletten verschreiben lassen müssen. Ich schob Tilly weg, lehnte mich aufs Fensterbrett und sah hinaus auf die im orangefarbenen Zwielicht liegende Straße.

Ein Fuchs flitzte über den Asphalt und verschwand hinter einer Mülltonne.

Joe kam wieder herein und stellte eine Tasse Tee aufs Fensterbrett.

»Danke«, sagte ich. Meine Stimme klang schwach.

Ich sah zu ihm auf – er war nackt, und seine dunkle Haut schimmerte wie Kupfer im Licht der Straßenlaterne –, brachte es jedoch nicht über mich, seinem Blick zu begegnen. Er fröstelte und nahm einen Morgenmantel vom Haken an der Tür, ehe er sich hinter mir auf die Bettkante setzte. Tilly hatte sich inzwischen unter die Bettdecke verkrochen. Eine ganze Weile saßen wir nur da und tranken schweigend unseren Tee. Ich blickte hinaus auf die Autos am Straßenrand.

»Was war los, Lorrie?«, fragte er leise. »Du hast mir echt Angst eingejagt.«

Ich nahm noch einen Schluck Tee, ohne mich zu ihm umzuwenden.

»Ehrlich«, sagte er. »Mir ist es eiskalt den Rücken hinuntergelaufen. Du hast die Augen ganz weit aufgerissen vor Angst, und ich musste dir eine Ohrfeige geben. Du meine Güte, was hast du geträumt?«

Ich pustete über meinen Tee.

»Jetzt sag schon, Liebling.«

»Oh«, erwiderte ich, während ich weiter Ausschau nach dem Fuchs hielt. »Ich weiß es nicht mehr.«

Er schwieg einen Moment, ging zu seiner Hose und kramte in den Taschen herum. Dann zündete er sich eine Zigarette an, öffnete den anderen Fensterflügel, stützte sich aufs Fensterbrett und blies den Rauch hinaus in die Nacht. Irgendwo am Ende der Harrow Road ging ein Alarm los.

»Jetzt rück schon raus damit, Lorrie«, sagte er mit leiser, ernster Stimme.

Ich schwieg.

»Du machst es einem echt schwer.«

»Was denn?«, gab ich zurück, trotzig und aggressiv zugleich. Ich konnte einfach nicht aus meiner Haut. Ein klassischer Fall von schlechtem Gewissen.

»Dich zu lieben.«

Wortlos starrte ich in meinen Tee.

»Wenn du mich weiter so aus deinem Leben ausschließt, bin ich irgendwann weg, Lorrie. Ich ertrage das einfach nicht.«

Ich verspürte Panik und zugleich Erleichterung, sagte jedoch nach wie vor nichts.

»Was ist bloß mit dir los?«, fuhr er fort, aber es klang nicht vorwurfsvoll, sondern eher so, als würde er Selbstgespräche führen.

Ende der Leseprobe