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Ein Mann wacht aus tiefer Bewusstlosigkeit auf. Nichts in seinen Erinnerungen sagt, wer er ist und warum er hier auf dem Boden eines schwedischen Ferienhauses liegt. Noch schlimmer wird es, als er Minuten später im Boot auf dem Möckelnsee bei Älmhult eine schreckliche Entdeckung macht. In einem verstörenden Puzzlespiel beginnen die einzelnen Teile zusammenzurücken und enthüllen ein düsteres Geheimnis. Bruno Waldvogel-Frei führt die Leserschaft durch ein Labyrinth der Emotionen. Dabei spielt er geschickt Katz und Maus bis fast zur letzten Seite. Spannung pur bis zuletzt. Heftig, dunkel, rasant und doch hoffnungsvoll.
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Seitenzahl: 523
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Originalausgabe 2025
Copyright: Lighthouse Olten
© Bruno Waldvogel-Frei
Umschlagdesign: JacquelineWiehl/Firebird
Das Werk darf auch in einzelnen Teilen (inkl. KI)
ohne Erlaubnis des Autors nicht verwendet werden.
Bruno Waldvogel-Frei
Sol Atér – das Opfer
Ein Mystery-Thriller
1. Kapitel
Der Geruch nach Erbrochenem drängte ihn hinaus ans Licht. Die Apathie begann zu verdampfen. Benommen zog er seine Nase aus der schleimig klebrigen Masse. Diese musste irgendwann vor Stunden aus Mund und Riechorgan hervorgequollen sein. Die Bewegung seines Kopfes war zu schnell. Ein greller Blitz durchzuckte seinen Schädel von Schläfe zu Schläfe. Er stöhnte laut auf und hielt den schmerzenden Kopf sofort ruhig. Für einen Moment wurde ihm übel. Nach einer Weile atmete er durch. Jetzt war es etwas besser! Noch immer drückte er die Augen so fest zu, wie er konnte. Immer in der Hoffnung, dass kein Lichtschimmer bis zur Netzhaut vordringen würde. Vergeblich. Lichtflecken und Blitze tanzten vor ihm auf und ab. Irgendwann hielt er den Gestank nicht mehr aus und reckte den pulsierenden Hals in die Höhe. Langsam strömte Licht durch die verklebten Augenlider nach innen. Ein heiseres Grunzen entfuhr ihm. Er öffnete die Augen. Sein Blick kämpfte sich über die stinkende Pfütze hinweg dem schmuddeligen Bretterboden der Hütte entlang durch die offene Haustür nach draußen. Dort glitzerte der Himmel!
Luft! Wasser! Ein See! Langsam drehte er sich auf den Rücken und der See kippte nach unten. Gott, war ihm schlecht! Etwas gallige Flüssigkeit drückte aus dem Magen nach oben, quoll in den Rachen und dann zwischen den Zähnen nach draußen. Er spuckte und hustete. Als sein Blick wieder klarer wurde, kam ein gelbbraunes Etwas in sein Gesichtsfeld. Er fokussierte angestrengt, bis er das Ding scharf sehen konnte. Ein Strick! Dünn und faserig baumelte er von einem Deckenbalken herunter. Direkt darunter, hinter seinen Füßen, lag ein dreibeiniger Schemel. Daneben ein Stück Holz. Das vierte Stuhlbein. Abgebrochen. Hatte er das verursacht?!
Zwei schwankende Beine trugen ihn wie Fremdlinge aus der Hütte. Sie stolperten mit ihm den Abhang hinunter und kamen vor einem schaukelnden Bootssteg zum Stehen. Sie knickten ein. Die Knie meldeten sich schmerzhaft. Erst spürte er das linke Bein, dann das rechte. Sein verschleierter Blick machte sich auf die Suche nach den verklebten Händen. Da waren sie! Sie zitterten heftig. Unter großer Anstrengung ließ er sie so etwas wie eine Schale bilden. Schließlich holte er Luft, griff in das Wasser und stülpte es sich wie einen flüssigen Hut über den Kopf. Kalt! Verdammt, war das kalt! Der ganze Körper zog sich zusammen, als das Wasser über Rücken und Bauch hinunterperlte. Er stöhnte heiser, schüttelte sich wie ein nasser Hund. Ihm wurde erneut übel. Er kippte kopfüber in das angetäute Ruderboot und schlug sich den Schädel an der Ruderbank an, bis sein Gesicht in einer Wasserlache im Boot landete.
Der Kahn schaukelte heftig hin und her, und das brackige Wasser schwappte über Nase und Mund. Seine Hände ertasteten den Bootsrand und zogen sich daran hoch. Nach mehreren vergeblichen Versuchen konnten die klammen Finger endlich das Tau lösen. Es platschte leise ins Wasser und verscheuchte einen Schwarm von Wasserläufern. Das Boot geriet in Bewegung, trieb schaukelnd vom Steg weg. Eine leichte Brise erfasste es und ließ es in Richtung Seemitte gleiten. Er versuchte sich aufzusetzen. Der Kopf meldete sich stechend zurück. Wieder begann sich alles vor seinen Augen zu drehen. Er sank zurück in die Pfütze und starrte nach oben.
Graublau wölbte sich der Morgenhimmel über ihn. Ein feines Rot machte sich bemerkbar. Wolkenfetzen schwammen geschäftig über ihn hinweg. Das Boot verlor zusehends an Fahrt und trieb endlich leise glucksend mit der Strömung. Vorbei an einer kleinen, felsigen Insel. Deren Gesteinskanten zerschnitten wie ein scharfes Messer die Wellen. Mit wenigen Büschen und Bäumen bedeckt, schwebte sie nackt und leblos über dem Bootsrand an ihm vorbei. Ihm war das alles egal. Er stierte willenlos hinauf zum Himmel. Eine Möwe schien sich an diesen Fleck Himmel verirrt zu haben und zog zeternd über ihn hinweg. Dann wurde es still um ihn. Schlafen! Einfach nur schlafen! Doch das funktionierte nicht. Kälte kroch seinen Körper hoch. Seine Blase begann zu drücken. Wo war er? Was war geschehen? Wie kam er an diesen Ort? Ein lauwarmer Strom ergoss sich über seine Schenkel. Jetzt war der Druck weg. Was für ein erbärmliches Schauspiel!
Ein leichter Stoß gegen die Bootswand holte ihn zurück. „Verdammtes Treibholz!“ murmelte er. „Verdammte Pisse!“ Er richtete sich etwas auf, langte mit seinem rechten Arm über die Bootswand, um das Holz wegzuschieben. Doch statt auf Holz griff er in ein langfädiges Etwas. Im ersten Moment fühlte es sich wie Seegras an. Aber das war kein Seegras. Es waren Haare. Erschrocken und mit einem Schlag hellwach und nüchtern geworden, fuhr er hoch. Das war nicht gut! Er starrte über den Bootsrand hinaus nach unten auf einen angeschwemmten nackten, weißen Frauenkörper. Die Tote schwebte bäuchlings mit ausgestreckten Armen über dem rötlich gefärbten Seegrund. Der Heiligenschein ihrer langen Haare umrahmte den Hinterkopf und bewegte sich rhythmisch mit den Wellen. Wie in einem Ballett! schoss es ihm durch den Kopf. Ein grausiger Totentanz.
Endlich hatte er sich gefasst. „Hilfe!“, schrie er mit heiserer Stimme. Er richtete sich auf, fuchtelte mit den Armen und starrte suchend zum gegenüberliegenden Zeltplatz. Er kannte diesen Ort! Dieser See, diese Wälder… Die gelbweisse Flagge rief es ihm in die Erinnerung zurück: Sjöstugans, der Campingplatz von Älmhult am Möckelnsee! Älmhult – der Geburtsort von Ikea und Carl von Linné. Aber wen interessierte das in diesem Moment? „Hilfe!!“ Am Campingstrand regte sich nichts. Zu früh am Morgen! Das Innere des rot gestrichenen Restaurants mit der großen Veranda war ohne Licht, die Türen mit Läden verschlossen, der Badestrand leer. Irgendwo bellte einsam ein Hund. Ansonsten blieb es ruhig.
Nach einem dritten Ruf kapitulierte er und ließ die Arme sinken. Zitternd beugte er sich wieder über den Bootsrand und blickte hinunter auf die schwebende Frau. Schließlich konnte er sich überwinden und griff nach einem der schmalen Handgelenke. Ein kalter Schauer überkam ihn, als er die nasse Haut zwischen den Fingern spürte. Sie war glitschig wie ein Aal und rutschte ihm gleich wieder aus der Hand. Er stöhnte und rief noch einmal schwach um Hilfe. Der Wind zerstäubte seine heisere Stimme in alle Richtungen. Die Möwe flog spottend über ihn hinweg und blickte neugierig auf das menschliche Treibgut im Wasser. Hoffte sie auf eine Mahlzeit? Er sank kraftlos zurück auf den Bootsboden. Sein Magen drehte sich um und mit letzter Kraft konnte er sich über den anderen Bootsrand hinausbeugen, bevor pizzaartige Stückchen und scharfe Magensäure aus dem Mund in den See hinausquollen. Er stöhnte und ächzte in kurzen Stößen. Schließlich griff er in sauberes Wasser, schöpfte es mit der Hand heraus und spülte sich die klebrigen Reste aus dem Gesicht.
Wie lange er so über den Planken gehangen hatte, wusste er nicht. Aber da war etwas auf der anderen Seite, egal, wie lange er hier lag! Er sammelte neue Kräfte und wandte sich der Backbord-Seite zu. Da schwebte sie wieder, diese weiße, fast gläsern erscheinende Tänzerin. Er biss sich auf die Unterlippe und zog erneut am Handgelenk der Toten. Diesmal mit aller Kraft. Es knackte laut. Für einen Moment fürchtete er, er würde nur noch die abgerissene Hand halten. Aber das Gelenk war fest, und der Körper wurde mit einem Ruck an die Bootswand herangedrückt. Er beugte sich noch weiter vor und griff unter die linke Achsel der Toten, drehte den Körper im Wasser mit dem Rücken zur Bootswand, ließ das Handgelenk los und griff nun auch unter die rechte Achselhöhle. Die Beine der Leiche sanken nach unten, während sich ihr Oberkörper wie ein Korkzapfen im Wasser aufrichtete. Als er die Frau hochziehen wollte, geriet das Boot in eine gefährliche Schieflage. Der Kopf der Toten sank nach unten auf die Brust. Für einen Moment hielt er inne und stöhnte vor Anstrengung. Sein Blick fiel auf den reglosen schlanken Nacken. „Hilfe! Hört mich denn niemand!?“
Endlich konnte er das Boot wieder in Balance bringen. Seine Hände fassten nach, dann glitten die Arme von hinten unter die Achseln der Toten und umfingen sie mit festem Griff. Er verschränkte seine Hände über ihrem Brustbein und zog den Körper kräftig nach oben. Das war zu heftig gewesen! Er verlor das Gleichgewicht und fiel nach hinten ins Boot zurück, mitten in die Pfütze, direkt auf seinen Rücken. Die Tote flutschte ihm wie ein Aal über die Reling ins Boot hinterher und kam rücklings auf ihn zu liegen. Ihr Kopf drehte sich nach hinten, so als wollte sie ihm direkt ins Gesicht starren. Er schloss die Augen und schaute weg. Diesen Anblick aus nächster Nähe wollte er sich ersparen. Eine Wasserleiche war hässlich! Das Boot schwankte immer noch etwas, dann wurde es still. Totenstill. Er begann, das Gewicht und die Kälte der Toten auf sich zu spüren. Irgendwann schickte er sich ins Unvermeidliche. Er richtete sich etwas auf. Sein Blick tastete sich vorsichtig nach unten über ihren Körper. Sie war noch jung! Vielleicht achtzehn, neunzehn Jahre? Lange konnte sie noch nicht tot sein. Die Leichenstarre hatte jedenfalls noch nicht eingesetzt. Vermutlich hatte das kühle Wasser daran Schuld.
Er setzte sich etwas auf. Die Tote rutschte nach unten in seinen Schoss. Ihre Unterarme begannen zwischen ihre Beine zu gleiten. Instinktiv fing er eine der schmalen Hände auf und hielt sie in die Höhe. Am Handgelenk hatte sich ein glitzerndes Kettchen verheddert. Mit größter Selbstverständlichkeit hielt er die Hand vorsichtig fest, entwirrte den Schmuck, formte ihre kalten Finger zur Faust und umschloss sie sanft mit seiner Rechten. Er zuckte zusammen. Wie kam er dazu?! Was machte er da?! Seine ruckartige Bewegung ließ ihren Kopf nach hinten zur Seite kippen. Und nun starrte ihn die Tote von unten herauf direkt an. Er hielt für einen Moment den Atem an. Keine aufgedunsene Wasserleiche! Ein junges, fein geschnittenes Gesicht lag in seinem Arm. Er formte seine Finger zu einem Kamm und strich das lange blonde Haar zurück über die Schläfen nach hinten. Der Mund mit den vollen Lippen der Toten war halb geöffnet, ihre Augen geschlossen. So als würde sie in einem tiefen schweren Traum versunken schlafen. Vorsichtig zog er mit der Linken ein Büschel Seegras zwischen den weißen Zahnreihen heraus und warf es ins Wasser. Seine Augen glitten über ihren schlanken, glatten Körper. Seine Linke begann zu zittern, wollte sie streicheln. So als würden sie sich schon lange kennen und lieben. Etwas Dunkles, Finsteres kroch in ihm hoch: Gier, Lust! Doch dann überkam ihn ein Schrecken: „Was machst du da?!“, murmelte er leise. Er fühlte sich beobachtet, ertappt. Hastig blickte er sich um. Aber da war niemand. Niemand hatte etwas gesehen oder gehört. Er ließ von ihr ab, griff mit der Linken über den Bootsrand ins Wasser und spritzte sich erneut Wasser ins Gesicht. Das kalte Wasser half. Die Anspannung war vorbei.
Er setzte sich gerade auf, rutschte etwas beiseite und ließ den Kopf der Toten auf den Bootsboden sinken. Dann hockte er sich auf die Ruderbank und betrachtete sie nüchtern von allen Seiten. Kannte er sie? Alles an ihr schien ihm so vertraut. Das kleine Nasenpiercing mit dem silbernen Knopf. Die runden Ohren. Die fast unsichtbaren kecken Sommersprossen. Die kleine Narbe oberhalb der Augenbraue. Der Leberfleck an der linken Brust. Der leicht nach außen gewölbte Nabel. Das kleine Sonnentattoo mit dem verkehrten Kreuz unterhalb der Leiste. Die Silberkettchen um Handgelenk und Knöchel. Wie aus dem Nichts schoss ein Gedanke in ihm hoch: Waren sie ein Paar gewesen?! Was war geschehen? Hatte er etwas mit ihrem Tod zu tun gehabt?
Er begann zu zittern. Mit fahrigen Händen griff er in seine Jacken-tasche, spürte etwas Festes und zog schließlich ein Handy hervor. Er hatte Glück. Der Akku war noch nicht leer. Ganz automatisch gab er das Passwort ein und schoss ein paar Bilder von der Toten. Gesicht, Hals, Tattoo, Hüften, Rumpf, Beine, Hände… Er hielt inne und erstarrte. War das unmoralisch? Wie kam er auf diese Idee?! Durfte er das überhaupt? Mit klopfendem Herzen blickte er sich erneut schuldbewusst um und schob das Gerät rasch wieder in die Tasche. Sein Herz klopfte. Er atmete durch und versuchte klar zu denken. Das war grenzwertig gewesen! Das Zittern verstärkte sich.
Simona! Die Tote erinnerte ihn an Simona! Der Name war ganz selbstverständlich in ihm hochgepoppt. Jetzt wunderte er sich. Simona? Wer um alles in der Welt war Simona?! Verwirrt wühlte er in seinen Erinnerungen. Tochter! Hatte er eine Tochter?! Sein Bauchgefühl sagte ja. Simona! War das seine Tochter? Dumpf starrte er vor sich hin. Er hatte kein inneres Bild zu diesem Namen. Nur eines spürte er deutlich: Die Tote im Boot war nicht Simona. Und doch: Dieses Mädchen erinnerte ihn stark an seine Tochter. Warum konnte er sich nicht an Simona erinnern? Er atmete einen Moment tief durch und schloss die Augen. Ein Gefühl übermannte seinen Körper. Trauer! Schreckliche Trauer! Seine Tochter Simona – etwas war geschehen… Es war damals, als…. Damals als…. Er konnte sich nicht erinnern! Seine Gedanken flogen hinauf zu der Möwe und begann mit ihr zu kreisen.
Geräusche vom andern Ufer holten ihn ins Boot zurück. Jetzt war nicht die Zeit, um irgendwelchen Namen, inneren Bildern und Rätseln nachzuhängen! Die Tote vor ihm war keine verblasste Erinnerung! Sie war real, weiss und kalt. Eben hatte er sie aus dem Wasser gefischt, und schon sehr bald würde alles sehr schwierig und hektisch werden. Er atmete tief durch. Ein leichtes Stechen im Herzen mahnte ihn, noch einen Moment der Sammlung einzulegen, bevor das ganze Theater losging. Er schielte verstohlen zum Ufer. Dort hatten sich erste Touristen aus ihren Zelten geschält, schlurften müde in ihren Gummischlappen mit Handtuch und Shampoo zur Toilettenanlage. Ein alter blasser Labrador-Hund spritzte verspielt durchs seichte Wasser an den schlafenden Kanus vorbei. Wasserfontänen umhüllten ihn und weckten die Boote. Für einen Augenblick hielt das Tier inne und starrte zu ihm hinüber. Sekundenlang schienen sich seine Augen in ihn hineinzubohren. Wie wenn er ihn auf frischer Tat ertappt hätte. Aber dann schüttelte er sein Fell und jagte davon. So als wollte er sagen: Mit dem will ich nichts zu tun haben! Doch plötzlich blieb das Tier erneut im Wasser stehen, starrte zu ihm herüber und bellte heiser.
Das war das Zeichen! Er richtete sich im Boot auf und schrie: „Hilfe! – Hjälp! Polis!!“ Dabei fuchtelte er wie wild mit den Armen. Jetzt erst kam ihm sein Handy wieder in den Sinn. Hastig zog er es hervor, wählte die Hundertzwölf und überflutete die Stimme am anderen Ende mit einem Wortschwall. Inzwischen hatten sich ein paar Leute aus den Zelten und Ferienhäuschen am Ufer angesammelt und blickten zu ihm hinüber. Wieder fuchtelte er mit den Armen und deutete in sein Boot. Ein Angestellter des Campingplatzes eilte den Kiesstrand herunter, sprang in ein kleines Boot und ließ den Außenbordmotor aufheulen. Er stieß ab und steuerte geradewegs auf ihn zu.
Etwas später saß er, eingehüllt in eine warme Decke, auf einer Holzbank neben dem Camping-Empfang. Välkommen! stand auf einem Schild. Gebannt starrte er auf den schwarzen Leichensack, der eben auf einer Bahre in den Ambulanzwagen hineingeschoben wurde. Die Hecktür wurde zugeschletzt. Ein Polizist schob genervt Touristen mit Kameras und Handys beiseite und bellte sie mit ein paar schwedischen Brocken an. Kurz darauf rauschte der Wagen mit Blaulicht den Kiesweg hoch und verschwand hinter der nächsten Graskuppe. Die Menschentraube der neugierigen Camper begann sich aufzulösen.
Inspektor Peer Bomann verscheuchte einen kleinen Jungen, der neugierig die ganze Zeit dagestanden hatte. Er hatte sich wohl ein paar spannende Sätze erhofft. Aber daraus wurde nichts. Während der Junge lamentierend davonlief, setzte sich Bomann ohne Eile hin. Seine eisblauen Augen versuchten warm und mitfühlend zu wirken: „Na, Hannes, das muss Sie ja ganz schön hergenommen haben! Wie haben Sie sie denn gefunden?“
Hannes?! Er umklammerte seine Decke und zog sie etwas enger an seinen Körper. Er hieß also Hannes! Kannten Hannes und der Inspektor sich? So wie er redete, offensichtlich. Er versuchte Haltung zu bewahren und antwortete in bewusst vertrauensseligem Ton: „Ich bin mit dem Boot hinausgefahren und dachte zuerst, es wäre ein Stück Treibholz.“
Was machen Sie denn so früh am Morgen auf dem See?“ Der kam aber schnell zur Sache! Hannes, so wie er genannt wurde, dachte einen Augenblick fieberhaft nach. Die Frage schien anzudeuten, dass er nicht gerade als Morgenmensch bekannt war. „Nun, ich…“, stammelte er, „ich brauchte etwas frische Luft…“ Er stockte innerlich. Das stimmte zwar, aber war das jetzt ein Verhör?! Ein Verhör unter Menschen, die sich offensichtlich recht gut kannten? War das heikel? Waren seine Sätze gefährlich für ihn?
Die Augen des Inspektors wurden zu engen Schlitzen, als ein Grinsen über sein Gesicht huschte: „So wie Sie riechen, scheint mir das zu stimmen. Sie haben wohl wieder mal etwas über den Durst getrunken?“
Hannes versuchte diese Spitze zu ignorieren und meinte in lockerem Ton: „Na, Sie wissen doch, wie das so ist.“ Das heißt alles und nichts! Wie würde sein Gegenüber darauf eingehen? Gar nicht!
„Hannes Pauli: Welcher Tag ist heute?“
Hannes Pauli – das klang nach deutschem Traditionsnamen - also sein ganzer Name?! Ja natürlich! Hier lag keine Verwechslung vor. Zweifellos: Hannes Pauli und er waren derselbe. Jetzt kamen ein paar Fetzen Erinnerungen hoch. Das Datum! Er will das Datum wissen! „Heute ist…“ Hannes blickte sich verunsichert um und wollte sein Handy hervorziehen. Aber irgendetwas riet ihm davon ab. „Montag?“
„Mittwoch, 7. Juli! Schulferienzeit!“
„Oh, tut mir leid. Aber nach der letzten Nacht und den Ereignissen von heute Morgen bin ich wohl etwas von der Rolle. Am besten werde ich mich hinlegen und meinen Kater etwas auskurieren.“ „Hannes, Sie fahren mit einer nackten Frauenleiche im Boot über den See und wollen sich etwas hinlegen?! Finden Sie das nicht etwas …seltsam…?“ Hannes Pauli biss sich auf die Lippen. „Ja, Sie haben völlig recht! Ich plappere lauter Unsinn!“ Er starrte zerknirscht zu Boden. Sein Alibi hatte Löcher, so groß wie bei einem Emmentaler Käse. Er wusste zwar nicht, wie und warum er in diese Lage gekommen war. Aber er ahnte, dass dieses Gespräch nichts Gutes für ihn bedeutete.
„Kennen Sie die Tote? Ihren Namen?“ „Ähm… Moment, warten Sie!“ Er starrte blöde vor sich hin. Irgendetwas warnte ihn, die Gedanken im Boot vorhin zu wiederholen. Er dachte nach: Da stieg kein Name im Gedächtnis auf!
„Anna! Anna Lindström! Bestens bekannt in der Stadt.“ Die Stimme des Polizisten erlöste Hannes von den vergeblichen Anstrengungen. Bomanns Ton war kalt und sarkastisch. Pauli schluckte leer: Das alles hier lief nicht gut!
Dann versuchte er seinen einzigen Trumpf auszuspielen. Eine Erinnerung, die in ihm mitten im Gespräch hochgeschossen war. Vielleicht verlieh ihm das etwas Glaubwürdigkeit. „Hören Sie doch, Inspektor. Ich hatte eine schlechte Nacht und die Ereignisse haben mich ziemlich fertig gemacht! Bloß weil ich Johannes Pauli heiße, lange Jahre als Pastor in Hamburg in einer bekannten Kirche gearbeitet habe, und diese junge Frau mich an meine eigene Tochter Simona erinnert, bedeutet das ja noch lange nicht, dass ich in gewissen Situationen auch nur wie ein …. verstörter Mensch reagiere!“
Der Inspektor nickte zustimmend. Paulis Versuch, mit den Wörtern Hamburg, Pastor und Tochter Simona so etwas wie ein Alibi zu zimmern, war sehr gewagt gewesen. Aber er beeindruckte damit ganz offensichtlich. Zumindest schien er damit sein Gegenüber etwas zufriedenzustellen. Die Erinnerung war also korrekt gewesen und gab – vermischt mit ein paar mutigen Verknüpfungen – ein glaubhaftes Bild ab. Nur: Glaubhaft, wofür?
„Verstört – das Wort drückt es wohl treffend aus! Und Ihre Situation - ja, das weiss ich doch! Das wissen wir doch alle!“, lenkte der Inspektor ein. „Ich kann das auch gut verstehen. Aber:“ – die Stimme des Polizisten schnitt das Bedauern wie mit einer scharfen Schere ab – „Seit Sie hier sind, allein in Ihrem kleinen Ferienhaus, haben Sie schon ziemlich übel über die Stränge gehauen! Ganz Älmhult hat das wahrgenommen. Und sich dabei gewundert, zu welchen Handlungen ein Gottesmann fähig sein kann. Den allgemein bekannten Reizen von Anna Lindström waren bestimmt auch Sie nicht abgeneigt, Herr Pastor?“
Hannes Pauli fühlte sich so, als hätte man ihm mit einer Keule auf dem Kopf einen Scheitel gezogen. „Wie soll die Schlagzeile denn heißen?“, fuhr der Inspektor fort. „Geiler Pastor verführt junge Ikea-Angestellte? Oder: Rückfälliger Geistlicher mit Teenager auf Abwegen? Kommen Sie: Sie müssen meine Nachforschungen schon ein bisschen besser unterstützen!“
„Ich will ja! Aber klären Sie mich auf!“, stammelte Pauli mit weit aufgerissenen Augen.
„Geht doch!“ - die Stimme des Polizisten wurde etwas freundlicher. „Seit Sie vor fünf Wochen aus der Schweiz angereist sind in unser idyllisches kleines Niemandsland mit der berühmtesten Möbelfabrik der Welt… Also: Seit Sie hier angereist sind, hat man Sie kaum mehr wiedererkennen können. Alkohol, junge Frauen, Partys. Für einen Geistlichen - auch in unserem freien Schweden - eher ungewöhnlich. Die Tote, Anna Lindström, war stadtbekannt. Tagsüber arbeitete sie bei Ikea, nachts in einer Rotlicht-Bar, wo sie ihren jungen Körper gerne auch älteren Herren auslieh. Älteren Herren, wie Ihnen, Hannes! Sie wissen schon: Die bösen alten weißen Männer! Sind Sie sich sicher, dass Sie Anna nicht gekannt oder ihre Dienste in Anspruch genommen haben?“
Paulis Entsetzen war nicht gespielt: „Bei allem, was mir heilig ist: Ich weiss es nicht! Ich weiss es einfach nicht mehr!“ Er wischte sich zornig ein paar Tränen aus den Augen und zitterte am ganzen Leib. „Ich weiss ja nicht mal Ihren Namen!“ Bomann wirkte für einen Augenblick etwas überrascht. Dann nickte er erneut. Diesmal verständnisvoll. „Bomann. Inspektor Peer Bomann, Polizeichef! Tut mir leid, Hannes. Aber ich musste Ihnen diese Fragen stellen. Sind Sie sicher, dass es Ihnen gut geht, Hannes?“ Pauli blickt leer vor sich hin und zuckte hilflos mit den Schultern. „Ich glaube“, fuhr Bomann fort, „Sie haben in der letzten Nacht eine Amnesie erlitten. Könnte es sein, dass Sie heute morgen – anders als sonst – völlig ohne Erinnerungen aufgewacht sind?“ Pauli nickte stumm. „Wenn es Ihnen Recht ist, lasse ich Sie vom Arzt einem kurzen Test unterziehen? Einverstanden?“ Pauli starrte vor sich hin: „Wenn Sie meinen, dass das wichtig ist, selbstverständlich.“ Er streifte die Wolldecke ab und erhob sich. Als Bomann ihm zum Abschied die Hand reichte, hielt Hannes für einen Augenblick inne: „Was denken Sie, ist die Ursache ihres Todes? War ich das?“
Bomann blickte ihn lange an: „Müssten wir davon ausgehen?“ Pauli biss sich ängstlich auf die Unterlippe. Schließlich grinste Bomann und schüttelte verneinend den Kopf: „Nein. Da kann ich Sie beruhigen. Wie ich es sehe, war es starker Alkoholkonsum mit anschließendem Ertrinken. Vermutlich waren Drogen im Spiel. Ich bin mir sogar ziemlich sicher. Diese jungen Dinger pumpen sich damit voll, um den Ekel vor den dicken Bäuchen alter Männer zu überwinden. Traurig, nicht wahr?“
„Ja, sehr traurig. Danke, Kommissar Bomann... Danke Peer!“
Sie schüttelten sich die Hände. Pauli versuchte, sein Frösteln zu verbergen, das von dieser kalten Hand ausging, als er sie berührte. Er versuchte professionell und doch warmherzig zu klingen: „Der Herr hat’s gegeben, Peer, der Herr hat’s genommen.“
„Der Herr?“ Bomanns Blick wirkte leer: „Ach, da kommt ja Doktor Nyquist!“
Björn Nyquist legte die schlanke silberne Lampe beiseite und lehnte sich etwas zurück. Hannes Pauli war froh, den Geruch von Desinfektionsmittel und Aftershave nicht mehr im Gesicht zu haben. Nach einer kurzen Dusche in der Waschanlage des Camps fühlte sich alles ganz ordentlich an. Der Arzt machte sich ein paar kurze Notizen für die Krankenakte und meinte dann mit ruhiger Stimme: „Die Reaktionen der Pupillen sind in Ordnung, Hannes. Die neuronalen Verbindungen einwandfrei.“ Er schob den weißen Kittel etwas zurecht und setzte sich wieder. Hannes beobachtete ihn heimlich. Ein Arzt wie aus dem Bilderbuch: Groß, schlank, energisches Kinn, wache Augen – die perfekte Mischung aus professioneller Sachlichkeit und menschlicher Nähe.
„Inspektor Bomann hat mich gebeten, seinen Verdacht auf Amnesie zu überprüfen. Sie wissen, was eine Amnesie ist?“
Pauli versuchte locker zu bleiben: „Wenn ich mich richtig erinnere, ist damit ein Gedächtnisverlust gemeint, oder?“
„Richtig. Keine Sorge, meine Fragen sind reine Routinesache.“
„Na dann los.“
„Was haben Sie gestern Abend gemacht?“
„Ich war…. im Ferienhaus.“
„Sind Sie sicher?“
„Ja.“
„Was haben Sie dort gemacht?“
„Ich habe gegessen. Und bin dann zu Bett gegangen.“
„Sind Sie sicher? Was haben Sie gegessen?“
„Ich…“ Pauli versuchte seine Anstrengung zu verbergen. „Pizza?“
„Haben Sie getrunken?“
„Natürlich. Wer trinkt schon nicht was zu einer Pizza?“
„Was haben Sie getrunken? Scotch? Wein? Bier?“
„…Wasser?“
„Wasser…!“ - Nyquists Augenbrauen gingen für einen Moment in die Höhe während er sachlich seine Notizen machte: „Waren Sie allein, gestern Abend? Hatten Sie Besuch? Begleitung?“
Pauli erstarrte. War er allein gewesen? Was sollte er darauf antworten? Etwas in ihm riet ihn zur Vorsicht: „Ich weiss es ehrlich gesagt nicht mehr.“
„Sind Sie verheiratet?“
„Ja. Mit meiner Frau, Jutta. Und wir haben eine Tochter - Simona. Wir wohnen in Hamburg. Wir kommen jedes Jahr hierher in die Ferien.“ Er stockte. Jutta war einfach so aus ihm herausgeflutscht. Jutta?! Das war seine Frau? Aber er hatte keinerlei Bilder dazu.
„Dieses Jahr sind Sie aber allein gekommen. Aus der Schweiz! Warum?“
„Nicht von Hamburg…?“ Pauli starrte leer vor sich hin und schüttelte dann hilflos den Kopf.
Nyquist nickte stumm und sah ihm direkt und prüfend in die Augen: „Noch einmal zu gestern Nacht: Waren Sie allein im Haus?“
„Ich weiss es nicht. Ich weiss es wirklich nicht!“
„Warum sind Sie dieses Jahr ohne Begleitung nach Älmhult gekommen? Wo ist Ihre Familie?“
Pauli blickte verloren aus dem Fenster des kleinen Büros hinaus zum See: „Sagen Sie es mir!“
„Sie sind alleine hier! Und Sie haben in den letzten Wochen ein eher ungewöhnliches Verhalten an den Tag gelegt. Nicht gerade das, was man von einem Mann Ihres Standes erwarten würde. So, als wären Sie eine andere Person. Aber das geht mich ja nichts an.“
„Wie schätzen Sie meinen Zustand ein, Herr Nyquist?“
„Ich gehe davon aus, dass Sie eine retrograde Amnesie mittleren Grades erlitten haben, Herr Pauli.“
„Können Sie das dem betroffenen Laien noch etwas einfacher erklären?“
„Ein Gedächtnisverlust, meist ausgelöst durch ein traumatisches Erlebnis. Das Gehirn blendet gewisse Ereignisse aus. Aber ich denke, dass die Erinnerung vermutlich schrittweise zurückkommen wird. Fühlen Sie sich manchmal als andere Person?“
„Wie soll ich das verstehen?“
„Nun ja, wie ich schon sagte: Ihr Verhalten ist in gewissen Situationen sehr von einem üblichen Verhalten einer Person Ihres Standes abgewichen. So wie ein zweites Ich.“
„Ich kann mich nicht erinnern. Muss ich mir Sorgen machen?“
Nyquist versuchte die Bedenken mit einer Handbewegung klein zu machen: „Ja und nein. Am besten bleiben Sie jetzt in Ihrem vertrauten Umfeld in Ihrer Stuga und versuchen sich an einen geregelten Tagesablauf zu halten. Vermeiden Sie Aufregungen und größere Anstrengungen oder Reisen. Da Sie ja keine schwedische Sozialnummer und Krankenkasse haben, können wir sie leider nicht ohne erheblichen Kostenaufwand in unserer psychogeriatrischen Abteilung behandeln. Ich denke aber, das sollte auch nicht nötig sein. Wir behandeln Sie ambulant. Ich schlage vor, dass Greta Gustafsson, unsere städtische Krankenschwester, regelmäßig bei Ihnen vorbeischaut. Sie hat auch noch andere Hausbesuche in Ihrer Nachbarschaft zu erledigen. Und für den Fall, dass sich etwas Ungewöhnliches bei Ihnen tut, rufen Sie diese Nummer hier auf meiner Karte an.“
„Ungewöhnliches… Aehm, ja. Das schaff‘ ich schon! Keine Sorge!“, murmelte Pauli.
„Und nicht über die Stränge hauen, Herr Pastor!“ Nyquists Grinsen, das wohl gutgemeinte Ironie sein sollte, entblößte markant große Zähne und ließ Pauli erschauern: „Wir werden gut auf Sie aufpassen!“ Der Arzt verstaute seine Utensilien in einer großen Ledertasche und verließ das Büro des Campingplatzes. Kurze Zeit später zog sein großer Rover vom nahen Parkplatz mit einer raschen Kurve davon und verschwand in der Ferne. Auch das Polizeiauto von Bomann war inzwischen wieder fort. Wir werden gut auf Sie aufpassen! – der Satz hallte noch lange in Pauli nach. Er hatte etwas Beunruhigendes an sich.
Eine Weile lang saß Pauli mit leerem Blick reglos da. Das Gesicht des Campingplatzverwalters tauchte fragend unter der offenen Tür auf. Pauli verstand sofort, nickte ihm kurz zu, erhob sich, streckte sein steifes Kreuz, verließ den Raum und stakste die kleine Böschung zum Strand hinunter zum Boot. Verdammter Rücken! Immer dieses Stechen! Er hätte sich mehr Sorge tragen müssen! Aber spielte das noch eine Rolle? Ein paar Camper starrten ihm hinterher. Er bemerkte ihre Blicke nicht. Die Begegnungen von vorhin gingen ihm nach. War er der Einzige, der Trauer verspürte über den Tod dieser jungen Frau, Anna Lindström? Hatte er, Johannes Pauli, verheirateter Pastor und Vater einer Tochter, einen persönlichen Grund, warum er trauerte und die andern nicht? War er tatsächlich ein Pastor? Wie um alles in der Welt konnte man einen so bescheuerten Beruf haben? Das war doch bestimmt ein Irrtum! Pauli war überrascht, wie heftig er auf den Gedanken, ein Geistlicher zu sein, reagierte. Das Wort „Pastor“ roch nach Seniorenheim, peruanischem Hungertuch, Kamillentee aus fairem Handel und Stuhlkreis. Aber es gab Schlimmeres. Was also war das Schlimmere?
Pauli fühlte sich schockiert, erschüttert, wütend. Schockiert über sich selbst. Schockiert über das, was er gehört und gesehen hatte. Schockiert über seine Handlungen. Das alles klang nach einem sehr verkommenen alten lüsternen Mann! Das war nicht er! Oder doch? Die Gedanken drehten sich im Kreis. Er fühlte sich ausgeliefert an etwas, das ihn wie eine schwarze Wolke umhüllte. Eine Zigarette oder ein Glas Scotch wären jetzt genau das Richtige! Zittrig kletterte er in sein Boot, stieß ab und ruderte die gut fünfhundert Meter über den See zurück zu seiner Stuga, dem Familienferienhaus.
2. Kapitel
Das Ferienhaus von Pauli – ein Saustall! Wie lange hatte er hier schon so gehaust? Der Boden war mit leeren Wein-, Bier- und Schnapsflaschen übersät. Vergammelte Pizzastücke auf verklebten Tellern im schmuddeligen Spültrog. Dreckige Kaffeetassen gefüllt mit Wasser und Zigarettenkippe. Die Toilette: Angefüllt mit Fäkalien, dreckigem Toilettenpapier und Unmengen von Fliegen. Eine verkrustete Lache von Erbrochenem am Boden. Schubladen und Schranktüren aufgerissen. Und dann mitten im Raum ein umgefallener Schemel mit einem abgebrochenen Bein. Oben am dunkelbraunen Tragbalken hing - wie die übergroße Silhouette einer Glühbirne - ein Galgenstrick. Fachgerecht geknüpft. Pauli wunderte sich. Er hatte keine Ahnung, wie man so etwas flechten konnte. Aber das Seil hing dort oben wie ein stummes Mahnmal. Seil und Schemel erzählten eine Geschichte. Sie schien logisch. Aber war sie das? Pauli seufzte. Dann sank er erschöpft ins schmuddelige Ikea-Sofa. Rasch stürzte er in einen traumlosen dunklen Schlaf.
Plötzlich schreckte er hoch. Wie lange hatte er geschlafen? Ein Blick auf die Uhr gab die Antwort: Vier Stunden! Ächzend drückte er sein stechendes Kreuz durch und richtete sich auf. Er ging ins Badezimmer, schaute in den Spiegel. Ein unrasiertes, aufgedunsenes Gesicht mit großen Tränensäcken und schütterem, grausträhnigem Haar starrte ihn an. Er wusch sich das Gesicht und rasierte sich. Er drückte die Spüle. Sie war verstopft, und rasch stieg eine stinkende Kloake hoch. Fluchend griff er nach einer kleinen Bürste und tauchte mit dem Arm in die Brühe, stopfte und drückte, bis schließlich alles mit einem lauten Gurgeln im Siphon entschwand. Er wartete bis sich der Wasserkasten wieder gefüllt hatte und spülte erneut. Dabei hielt er den verdreckten Arm in den Wasserstrom und ließ sich das Gröbste abwaschen. Er riss das kleine Fenster auf und lüftete. Zuletzt stellte er sich unter die Dusche. Das warme Wasser tat gut. Hatte er nicht schon drüben beim Campingplatz geduscht?! Doch, hatte er! Aber er fühlte sich immer noch schmutzig, mit Seegras verklebt. Daran änderte auch das aufdringliche Rasierwasser nichts, mit dem er sich nun überschüttete. Die feuchtkalte Haut der Toten schien sich wie eine unsichtbare, klebrige Schicht auf ihn gelegt zu haben. Er schlurfte zurück zur Toilette, setzte sich auf die Schüssel. Lange starrte er vor sich hin. Ein paar Bilder blitzten in der Erinnerung auf, verschwanden aber sogleich wieder. Er versuchte sie wie scheue Pferde einzufangen. Schließlich hatte er eines an der Leine und zog es vorsichtig heran. Die junge Tote: Anna! Ja, jetzt tauchte ihr Gesicht ganz deutlich vor ihm auf! Er kannte sie!
Pauli spülte und wusch sich die Hände. Zum x-ten Mal. So musste sich Pontius Pilatus nach dem Urteilspruch gefühlt haben. Ein flüchtiges Grinsen huschte über sein Gesicht. Ein Klempner hätte diesen Vergleich wohl kaum verwendet. Also musste doch etwas dran sein am Pastor. Während das Wasser über seine Hände rann, begannen sich Erinnerungen aneinander zu reihen. Bei Ikea war es gewesen! Er hatte wieder einmal eine lange Nacht mit vielen Drinks hinter sich gebracht. Hatte er das?! Doch, so fühlte es sich an! Eine lange Nacht mit vielen Drinks… Zur Ausnüchterung am Morgen war er zu Ikea gegangen. Oben im trendigen Restaurant hatte er sich einen starken Kaffee geholt und sich mit bleiernem Kopf in eines der bequemen Sofas fallen lassen. Paulis Gedanken tauchten in die Szene ein. Dann war er mittendrin.
Er rührt umständlich in der Kaffeetasse. Eine junge Frau stolpert über seine ausgestreckten Beine und schüttet mit leisem Quietschen ihren Tomatensaft über seine Hose. Er springt auf, will losfluchen. Doch dann erhascht er streden Blick der erschrockenen Frau. Er ist einen Moment lang wie vom Donner gerührt. Der Ärger löst sich augenblicklich auf. Dieses Gesicht! „Oh, verzeihen Sie!», stottert sie. Er steht immer noch wie eine Salzsäule da. Was für eine frappante Ähnlichkeit mit Simona! Eine unwiderstehliche Mischung aus Unschuld und Verführung. Schlank, sportlich, sonnengebräunt, makellos weiße Zähne, blondes Haar und leuchtend blaue Augen. Das perfekte Schwedenklischee! So hat er doch Simona immer genannt: Mein kleines Schwedenmädchen! Der Tomatensaft ist vergessen, und endlich kommt er in Bewegung. Er macht eine einladende Handbewegung: „Nicht so schlimm! Ich muss heute sowieso noch eine Wäsche waschen. Wollen wir uns setzen?» Sie blickt etwas unschlüssig hin und her, wirkt gestresst. Er setzt sich, wischt sich mit einer Serviette das Gröbste von der Hose. Zurück bleibt ein großer, dunkler Fleck. Schließlich nimmt sie schräg gegenüber ebenfalls Platz. „Hannes Pauli!», stellt er sich vor und streckt ihr die Große, breite Hand entgegen. Sie schaut sich wieder nach allen Seiten um und gibt ihm die Hand: „Anna. Anna Lindström! Ich arbeite hier. Meine Schicht ist eben zu Ende gegangen.»
Ihre Stimme klingt gequält. Er nickt, legt die feuchte Serviette beiseite: „Freut mich, Anna!» Er schlürft seinen Kaffee und setzt dann sein bestes Lächeln auf. Doch dann wird es ihm doch etwas peinlich. Versucht er gerade zu flirten?! „Herr Pauli!» - Sie blickt ihn verängstigt an - „Ich weiss, wer Sie sind. Eigentlich weiss das jeder hier. Linda Holm, die Personalchefin, hat mir von Ihnen erzählt. Sie engagiert sich sehr in der Kirche. Sie meinte, Sie könnten mir vielleicht helfen.»
„Ich? Ihnen helfen?»
„Ja.» Ihre Stimme wird leise und angestrengt. „Ich arbeite tagsüber hier bei Ikea, nachts im Röd Tjur, in der Innenstadt.»
„Der Rote Stier, die Kontaktbar?»
Sie senkt den Blick etwas. „Ich bin mit fünfzehn von zuhause abgehauen. Meine Alten sind Trinker. Ich brauchte Geld. Der Boss im Roten Stier wollte mit mir in der Kontaktbar richtig viel Kohle machen. Aber Linda Holm hatte mit der vermeintlichen Unschuld vom Land Mitleid gehabt und mir diese Stelle hier verschafft. Wegen ihrer christlichen Einstellung halt. Nur leider funktioniert das alles nicht wirklich. Auf dieser Erde braucht man Knete! Ich habe Schulden. Der Job hier reicht nicht. Und wenn ich meine Schulden nicht zurückbezahle, werden sie mich fertig machen!» Für einen Moment schlürft sie nervös den übriggebliebenen Bodensatz ihres Saftes aus dem Glas. Hannes weiss nicht, was er davon halten soll. Als ob sie seinen Zweifel spüren würde, beugt sie sich etwas vor. Er starrt auf ihren runden und weiten Ausschnitt. Sie bedeckt ihn gespielt zögerlich mit der linken Hand: „Sehen Sie, so einfach ist das! Das mache ich im Röd Tjur! Und je nach Geldbeutel mehr. Viel mehr.» Hannes wird rot, räuspert sich und rutscht etwas von ihr weg. „Verzeihen Sie,» fährt sie halblaut fort, „so läuft das Geschäft nun mal. Im Normalfall würde ich Ihnen jetzt weiter den Kopf verdrehen, Ihnen meine Telefonnummer geben und Sie dann irgendwo auf ein Zimmer lotsen. Dort gäbe es dann ein nettes Programm mit ein paar kleinen Extras. Und Sie wären glücklich und um ein paar Hundert Kronen leichter. Es gibt hier viele wie mich.»
„Und viele wie mich…» murmelt Hannes tonlos. „Was wollen Sie jetzt von mir?» Anna nippt am Glas: „Die meisten Mädchen kommen aus der Ukraine, aus Polen, Bulgarien oder Rumänien. Schengen-Dublin, Sie wissen schon! Und ein paar Wenige von hier aus der Gegend. Sie arbeiten alle im Tjur.» „Und deswegen schickt Linda Holm Sie nun zu mir? Zur Finanzierung eines schwarzen Schafes?» Pauli schüttelt leicht verärgert den Kopf. Anna ergreift beschwichtigend seine Hand: „Fällen Sie Ihr Urteil nicht zu schnell!» Hannes Blick ist skeptisch. Ihre Stimme wird nun sehr leise: „Es verschwinden immer wieder Mädchen. Aber nicht, weil sie weitervermittelt werden. Es gibt da diese großen Szenen-Partys…»
Hannes ist verwirrt. Das, was er hört und sieht, mitten in der heilen Ikea-Welt, passt so gar nicht zusammen. Und irgendwie doch auch wieder. Er zwingt sich zurück ins Gespräch: „Szenen-Partys? Was muss ich mir darunter verstehen?» Sie nähert sich seinem Gesicht, so dass sie sich fast berühren. Ihr herbsüßes Parfüm umnebelt ihn. Es erinnert ihn an etwas, kann es aber nicht richtig einordnen. Ihre blauen Augen bohren sich in seinen Blick, so dass er für einen Augenblick alles um sich herum vergisst. Er kennt diese Augen von irgendwoher. Ein kleines verängstigtes Mädchen starrt ihn an. „Ich brauche Hilfe!», flüstert sie und berührt mit ihren weichen Nasenflügeln seine Wange. „Bitte wehren Sie meine Berührungen nicht ab! Oder nur sehr zögerlich! Ich muss das tun! Ich bin in Todesangst!»
Für einen Moment löst sie sich von ihm und lächelt ihn wie durch eine Totenmaske an: „Nehmen Sie mich zu Ihnen nach Hause! Bitte! Sie können alles von mir haben. Alles, was Sie wollen! Aber bitte helfen Sie mir! Ich werde dann abtauchen, und Sie sehen mich nie wieder!» Sie nähert sich ihm wieder, und plötzlich spürt er ihre Hand unterm Tisch auf seinem Oberschenkel. Für einen Moment schließt er die Augen. Sie ist süß! Meine Sklavin! Irritiert schüttelt er diese Gedanken ab. Ist das Sünde?! Etwas Unreines kriecht in ihm hoch und flüstert: Nein, es ist geil! Seine linke Hand verschwindet nun auch unterm Tisch.
Mit einem Schrei schreckte Pauli aus seinen Erinnerungen hoch. Das Wasser in seiner Stuga rann immer noch über seine Hände und war inzwischen kochend heiß geworden. „Herrgott nochmal!“ schrie er laut und zog die verbrannten Hände weg. Er hatte es die ganze Zeit über nichts gespürt. Zu mächtig waren die Bilder von Anna gewesen. Fluchend drehte er das kalte Wasser auf und hielt die zitternden Hände darunter. Langsam begann sich das gerötete Fleisch abzukühlen. Wieder tauchte er in die Szene bei Ikea ein.
Er sitzt in der Kantine, spürt die schmale Hand auf seinem Oberschenkel und ist plötzlich hellwach. Er öffnet die Augen, schaut Anna ins Gesicht, und eine Frage schießt in ihm hoch: Warum gerade ich? Wie kann Linda Holm, die ich ja nicht mal kenne, nur auf mich verweisen? Und woher kenne ich diese Frau?! Er versucht sich nichts anmerken zu lassen und spielt das Spiel mit den Händen unterm Tisch mit. Sie berühren sich, dann schiebt er ihre Hand sanft beiseite: „Ein heruntergekommener Pastor mit einer Lolita – was soll das? Wer hat von so einer Sache etwas davon?!“ „Bitte!“ Ihre Worte klingen so furchterregend ängstlich, dass jedes andere Gefühl in ihm rasch verfliegt: „Was denn!?“
„Wir werden beobachtet! Ich soll Sie in eine Falle locken! Das mit dem Tomatensaft war Absicht. Bitte, nehmen Sie mich jetzt in Gottes Namen mit!“
„In eine Falle?? Von wem?!“
„Von sehr gefährlichen Leuten! Wenn Sie jetzt nicht mitspielen, werden die mir sehr weh tun! Und Ihnen auch!“ Anna lächelt wieder auffällig und wirft dabei einen flüchtigen Blick hinüber zur Ausgabetheke des Restaurants. Seine Stimme belegt sich und er flüstert: „Was habe ich mit Ihren Problemen zu schaffen?“ „Mehr, als Sie vermuten!“ „Ah, ja?!“ Er denkt fieberhaft nach, kommt aber zu keinem vernünftigen Schluss: „Also gut. Gehen wir!“
Er steht auf und will das Tablett zurückstellen. „Nicht da lang!“, zischt sie lächelnd zwischen den Zähnen hindurch. „Dort rüber! Lassen Sie alles stehen!“ Ihm wird langsam mulmig zumute. Wenn das nur ein Schauspiel sein sollte, um ihn irgendwohin locken zu wollen, spielt sie ihr Spiel perfekt. Aber das hier scheint blutiger Ernst zu sein. Andererseits: Was hat er zu verlieren? Zwischen seinen ängstlichen Gedanken meldet sich leise die Neugier. Der Köder – wenn sie denn einer ist – gefällt ihm. „Lassen Sie uns gehen“, flüstert sie. „Sie gehen dort zur Tür. Ich nehme einen anderen Ausgang. Wir sehen uns unten auf dem Parkplatz.“ „Warum nicht zusammen? Sie sollen mich doch in eine Falle locken?!“ Sie lächelt: „Ihnen ist doch bekannt, dass hier Prostitution und Kuppelei in der Öffentlichkeit verboten ist. Ikea hat ein paar tüchtige Hausdetektive, die die Szene hier genau beobachten.“
„Noch mehr Beobachter?!“ „Ja, Herr Pauli! Mehr als Ihnen bewusst ist. Haben Sie ein Auto?“ „Einen alten Volvo 2000 Kombi. Rubinrot. Beim Eingang links bei den Flaggen.“
„Gut, bei den Flaggen!“
Sie steht auf und schlendert auf den gegenüberliegenden Ausgang mit dem Toiletten-Schild. Er blickt ihr nach. Gefährlich und unwiderstehlich! schießt es ihm durch den Kopf. Sein Herz klopft. Er wendet sich wieder dem Kaffee zu und schlürft ihn nach einer Weile mit erzwungener Ruhe. Dann geht er zur anderen Tür. Niemand scheint ihm zu folgen. Hastig eilt er die Treppe hinunter ins Untergeschoss, vorbei am Småland, dem Kinderspielparadies, entlang der langen Fassade bis zum Haupteingang. Endlich ist er draußen, bei den Flaggen, öffnet mit zitternder Hand sein Auto und nimmt am Steuer Platz.
Er dreht den Autoschlüssel in der Zündung. Verflixte Karre: Immer dieses Gewürge! Nach dem dritten Versuch spuckt das Auto eine schwarze Wolke aus dem Auspuff und röchelt dann ruhig vor sich hin. Noch ehe er es sich versieht, wird die Beifahrertür aufgerissen, und Anna gleitet geschmeidig wie eine Katze tief hinunter in den abgenutzten Ledersitz. „Fahren Sie los!“ Er blickt sich kurz um. Pauli sieht im Rückspiegel, wie etwas weiter hinten eine dunkel gekleidete Gestalt in einen schicken Mercedes einsteigt. Zufall?
Er legt den Gang ein, fährt los, sucht sich den Weg zum Ausgang des Parkplatzes, nimmt die erste Abzweigung nach rechts. Der Blick in den Rückspiegel zeigt, dass ihnen die schwarze Limousine folgt. Auch Anna hat ihn entdeckt. „Fahren Sie ruhig und unaufgeregt, aber nicht in die Östra Esplanaden! Richtung Handelsvägen. Sie wissen schon, dort beim Maxi vorbei.“ „Sind sie noch hinter uns?“, erkundigt sich Pauli. „Sie halten Abstand. Aber ich denke schon. Es sind Profis. Gut so! Fahren Sie mich in aller Ruhe zu Ihnen nach Hause! Ich bleibe nicht lange, versprochen! Dann verschwinde ich aus der Stadt. Irgendwohin.“ „Das sagten Sie schon! Und Sie sind sicher, dass man mich in Ruhe lässt?“ „Ich hoffe es. Bei diesen Leuten weiss man nie. „ „Na wenn das mal kein Optimismus ist?!“, knurrt er leise. „Was wollen die von mir?!“ „Erklär ich Ihnen später! Und hören Sie auf, dauernd in den Rückspiegel zu starren! Das fällt auf!“ Pauli knirscht mit den Zähnen und drückt aufs Gaspedal. Irgendwann haben sie den kleinen Stadtkern hinter sich gelassen, Sie überqueren die Hauptstraße und die Bahnlinie und biegen zuletzt in den Strandvägen ein. Die ganze Zeit über wird kein Wort mehr gesprochen. Zu ihrer Linken schimmern dichte Seerosenblätter in einer kleinen Bucht. Auf der rechten Seite rumpelt lautstark ein klobiger blauroter Güterzug über dem nahegelegenen Schienenstrang vorbei. Die Fahrt geht an ein paar stattlichen Steinhäusern vorbei, bis die ersten typischen Ferienhäuschen auftauchen.
Endlich rollt der Volvo über den knirschenden Kiesweg hinunter zur Ferien-Stuga der Familie Pauli, wo er stehen bleibt. Er dreht den Zündschlüssel. Der Motor hustet ein letztes Mal. Wieder ist es still. Sie starren durch die Frontscheibe hinunter zum Häuschen. Er hört ihre leisen, schnellen Atemzüge neben sich. Sie werden ruhiger. „Danke. Das haben Sie gut gemacht!“, haucht sie tonlos und ein verlegenes Lächeln blitzt auf. Er hat sich sofort in dieses Lächeln verliebt. Es erinnert ihn an Simona.
„Sind wir allein?“, murmelt er. „Du kannst mir Hannes sagen, Anna Lindström. Anna?!“ Anna ist nicht bei der Sache. Sie blickt sich um und schüttelt den Kopf: „Nein! Wir sind nicht allein!“
„Wie?! Wo?!“
„Dort hinten! Sehen Sie nicht hin!“
Er wendet ihr das Gesicht zu und schielt unauffällig an ihr vorbei in den Seitenspiegel. Bewegt sich dort etwas bei der kleinen Fichtengruppe? Anna ergreift seine Hand: „Gut, ziehen wir es durch! Wir spielen das angefangene Spiel weiter.“ „Und das Spiel heißt?“ fährt Hannes dazwischen. „Alter, einsamer Mann nimmt verführerische Lolita zu sich nach Hause! Wir gehen jetzt zu dir ins Haus, Hannes. Ich werde dich jetzt küssen, du wirst mich streicheln und dann gebe ich hinter deinem Rücken ein unauffälliges Zeichen.“ Er schluckt leer. „Was soll ich tun?!“ „Streichle mich!“ „Ich werde dich jetzt…“ Weiter kommt er nicht. Sie nimmt seine rechte Hand, schiebt sie in ihren Ausschnitt, beugt sich zu ihm hinüber und küsst ihn. Er ist wie gelähmt. Ihr Parfüm riecht betörend. Ihre Zunge schiebt sich zwischen seinen Zähnen hindurch. Sie berühren sich. Da – sie gibt unauffällig ein Zeichen hinter seinem Rücken!
Endlich lockert sie ihren Griff etwas, lässt ihre Zunge verschwinden und schmiegt ihre Wange an die seine. Sie beginnt ihren Körper rhythmisch zu bewegen. Dabei flüstert sie in sein Ohr: „Ich schwöre dir bei Gott: Sobald wir im Haus drinnen sind, werde ich dich meiden wie die Pest! Ich mache das nicht freiwillig! Bringen wir es zu Ende! Bitte!“ „Also gut, bis wir drinnen sind!“, murmelt er verwirrt. „Du kannst meine Brüste wieder loslassen, Hannes.“ Seine Ohren werden rot: „Oh, entschuldige!“ Langsam lösen sie sich voneinander. Sie blickt ihm direkt in die Augen und lächelt. Wie ein alter Profi! Es ist, aus der Nähe betrachtet, ein gestelltes Lächeln, hinter dem sich ein unendlich trauriger Mensch verbirgt. Er spielt mit und lächelt zurück.
Sie steigen aus. „Komm Simona!“ murmelt er. „Anna! Ich heiße Anna!“ antwortet die junge Frau und schmiegt sich an seine Schulter. Ihr linker Arm legt sich auf seine Hüfte. Sie schlendern zur Tür des Ferienhäuschen, und er öffnet sie umständlich. Unter der Tür umarmt sie ihn plötzlich erneut und drückt ihn mit dem Rücken an den rot bemalten Holzrahmen. Sie küsst ihn lange, umschlingt ihn mit einem ihrer langen schlanken Beine und schiebt ihn dann lustvoll ins Haus. Endlich, nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen haben, bleiben sie einen Moment lang unbewegt Hand in Hand stehen. Sie löst sich demonstrativ von ihm und macht einen Schritt zur Seite. Er winkt ab: „Ach, lassen wir das! Es ist mir… ja nicht… unangenehm. Und was jetzt? Sind wir hier drin wenigstens unbeobachtet?“
Sie stellt sich mit dem Rücken zur Wand neben das Fenster, schiebt die Gardine ein wenig beiseite, wirft einen scheinbar zufälligen Blick nach draußen und macht ein seltsames schnelles Handzeichen. Sie wendet sich ihm wieder zu: „Nein.“
Er schluckt leer: „Was für ein Zeichen war das?“ „Alles nach Plan. Das hatten wir so abgemacht.“ Er schüttelt den Kopf. Die Sache wird ihm immer unglaubwürdiger. Was, wenn das alles nur eine Schmierenkomödie ist? Wenn sie ihn ausnehmen will oder sonst wie etwas Hinterhältiges im Sinne hat? „Du glaubst mir nicht, nicht wahr!?“, sagt sie. Er hebt ein paar leere Schokoladepackungen auf dem Salontisch auf und entsorgt sie im Müllsack. Er muss sich etwas Zeit herausschinden, um sich aus diesem Nebel zu befreien.
Verdammt, hätte er doch bloß seinen alten Armeerevolver nicht vor ein paar Wochen entsorgt! Ein Messer? Und was, wenn sie in ihrer Handtasche eine Waffe hat?! „Tut mir leid, dass es hier so unordentlich aussieht. Aber ich habe schwierige Zeiten durchlebt… Nein, wenn ich ehrlich bin, glaub ich dir nicht, Anna – oder wie auch immer du heißt! Kein Wort! Wir kennen uns seit einer Stunde, und jetzt hast du bereits mit mir geknutscht, mich geküsst, meine Hände an deine Brüste geschoben, mit deiner Zunge in meinem Mund rumgemacht, in meinen Hosenschlitz gegriffen. Und jetzt stehen wir in meinem Haus und duzen uns. Du ziehst du dich wohl aus oder zückst eine Pistole, um mich auszurauben.“ Sie grinst, zielt mit Zeige- und Mittelfinger auf ihn: „Bäng! Du bist tot! Und was das Ausziehen betrifft: Ja, wir können noch gerne weitermachen!“ Er runzelt die Stirn. Wie lange soll das ganze Theater noch gehen? Ihm fällt auf, wie ihre Stimme plötzlich anders klingt. Nicht mehr quietschig teenagerhaft, sondern viel älter und reifer. Ist sie wirklich erst sechzehn?
Sie scheint seine Gedanken zu erraten und blickt ihn direkt an. „Ich bin sechzehn, wenn du dich das gerade gefragt hast! Oder auch nicht.“ Wieder dieses Lächeln! Er weicht ihr aus, wischt ein paar leere Bierdosen von der Anrichte: „Kann ich das rausstellen?“ „Warum nicht? Mach es einfach nicht auffällig!“ Er öffnet die Tür und stellt den Müllsack nach draußen. Einen Moment lang bleibt er in der offenen Tür stehen und blickt sich nach allen Seiten um: „Sind wir allein?“ Er redet laut, aber nicht auffällig oder übertrieben. Anna folgt ihm, lächelt unter der Tür und bündelt sich das lange blonde Haar mit einem Gummiband: „Nur du und ich! Es sei denn, du erwartest deine Frau.“ Sie sagt es gut hörbar und streicht mit ihren Fingern durch sein Haar, drückt ihn an die Wand und küsst ihn erneut. Er lässt es über sich ergehen und drückt ihre schlanke Taille an sich.
Einen Moment lang sind sie eng umschlungen. Ihre Lippen schmecken nach Erdbeeren. „Wir sollten nicht hier so in aller Öffentlichkeit…“ sagt Hannes jetzt gespielt peinlich berührt. „Hast du Hunger, Hannes?“ „Großen Hunger sogar!“ Er schiebt sie wieder hinein. Hinter sich schließt er die Tür und dreht den Schlüssel. Anna bleibt bei der Tür stehen: „So, jetzt kommt die Bettgeschichte. Die wollen, dass ich die Nacht bei dir und mit dir verbringe!“ Er will nachhaken, doch sie schüttelte unmerklich den Kopf und blickt verstohlen zu den Fenstern. Offensichtlich werden sie aus einem Versteck durch das offene Fenster beobachtet. Er geht ans große Fenster, blickt hinunter zum See und zieht dann die Gardinen zu.
Er bietet ihr einen Platz in einem der breiten Sessel an. Sie setzen sich. „Magst du ein Bier? Scotch?“ „Wasser. Ein Glas Wasser wäre wunderbar!“ Er geht zum Kühlschrank und holt eine halbleere Flasche Ramlösa hervor. Für sich schenkt er ein Bier ein. „Skål!“ „Till förmån!“ Sie trinken, stellen sich ans kleinere Fenster und blicken hinaus auf den See. Die Sonne hat sich blutrot gefärbt und beginnt ihren Abstieg hinunter zu den Baumspitzen auf der andern Seite des Sees. Es wird dunkel. Die Lichter des Campingplatzes gegenüber werden heller.
Hannes öffnet die Fenster, atmet noch einmal den Geruch des Sees ein, zieht dann die Läden zu und verschließt zuletzt jedes der Fenster. Dann schafft er sich Luft: „Eine Falle?! Beobachtet?! Die Nacht bei mir?! Fabelhaft! Und was genau sollst du bei mir anrichten? Wie lautet der Deal? Ermorden? Bestehlen? Klartext, bitte! Wozu? Für wen?! Warum?!“
Sie blickt ihm direkt in die Augen. Ihr Blick ist unheimlich: „Du hast ja keine Ahnung, mit wem du es zu tun hast, Pastor!“ „Ich war Pastor!“ unterbricht er sie ärgerlich. „Meinetwegen. Du bist in deinem Herzen immer noch ein Pastor. Und genau das ist das Problem. Ich habe dich oft beobachtet in unserem Restaurant. Mir war immer klar, dass hinter dieser kaputten Fassade ein weiches und verletztes Herz steckt.“
„Was hat ein weiches und verletztes Herz mit einer Falle zu tun?!“schnauzt er sie an.
„Ich riskiere mein Leben, wenn ich dir das sage! Lass uns wenigstens so tun, als ob alles nach Plan läuft.“
„Ach ja, der Plan! Und der wäre?!“
„Ich verführe dich, schlafe mit dir und klage dich dann an, mich vergewaltigt zu haben. Sie will, dass ich ein paar heimliche Filmaufnahmen mache. Sex mit einer Minderjährigen. Die Androhung eines öffentlichen Medienskandals wird dich ihnen gefügig machen, me too sei es gedankt!“
Er ist sprachlos. Er weiss nicht, soll er lachen oder in Wut ausbrechen. Schließlich steht er ruckartig auf und macht einen Schritt weg von ihr: „Wer ist sie?“ Für einen Augenblick starrt Anna ihn durchdringend an: „Du hast wirklich keine Ahnung? Oder?“ Hannes blick sie an wie ein dummes Schaf. „Nein, hast du wirklich nicht!“, murmelt Anna. Hannes ist verwirrt: „Sollte ich?! Was wollt ihr von mir? Ich bin ein alter bedeutungsloser Sack, ein ausrangierter Geistlicher! Warum sollte ich für die Leute von irgendwelchem Interesse sein?“
Anna schweigt. Hannes geht unruhig auf und ab: „ Hör mal, ein klein bisschen Stolz ist mir trotz allem geblieben! Streck deine Brüste irgendwohin und spreize deine Beine bei irgendwem! Aber nicht hier! Darf ich dich bitten, sofort zu gehen?! Es ist genug!“ „Wenn du das tust, bin ich tot. Und ich schwöre dir, dann wird die Schlagzeile nicht ‚Vergewaltigung einer Minderjährigen‘ heißen, sondern ‚Lustmord im Wald!‘„ Hannes bleibt der Mund offen: „Das würden die tun?“ „Ohne mit der Wimper zu zucken! Bitte!“ Da blitzt wieder diese Angst in ihren Augen auf. Er wägt ab, knurrt ärgerlich vor sich hin. Dann blickt er sie durchdringend an: „Verdammt nochmal! Wenn ich auch nur die Spur einer Hinterhältigkeit bei dir spüre, bist du raus! Egal, was das bedeutet!“ Sie atmet erleichtert auf: „Ich verspreche dir, es wird nichts passieren.“
„Ha! Du machst Witze! Es ist ja schon eine ganze Menge passiert! Die schlüpfrigste Geschichte meines Lebens! Aber was noch? Was muss ich noch wissen?“
„Weißt du überhaupt, wer du bist?!“ Annas Stimme klingt verärgert, verzweifelt. Und zugleich ist ihr anzusehen, dass die Frage sofort bereut.
„Was soll das werden!? Eine Philosophie- oder Psychologiestunde?!“, blafft er zurück.
Annas Stimme klingt heiser und flehend: „Bitte, ich möchte jetzt nicht darüber sprechen!“ Dann zaubert sie ein liebenswürdiges Lächeln hervor: „Aber morgen, einverstanden?“
Paulis Grimm ebbt etwas ab. Er ist verwirrt, unsicher: „Beobachtet man uns noch?“
„Jetzt, wo alle Fenster, Läden und Vorhänge geschlossen sind, erwidert Anna fast schon neckisch, „denke ich, nein. Der Rest spielt sich jetzt in ihren Köpfen ab!“
„Du kannst hinten in der Schlafkammer in meinem Bett schlafen, ich werde hier auf dem Sofa..“
„Keinesfalls! Ich schlafe auf dem Sofa, du schläfst dort, wo du immer schläfst!“ „Meinetwegen.“, hört er sich brummen, „Sobald eine Frau in meinem Leben auftaucht, …“ Filmriss…
Noch immer lief das Wasser über seine Hände ins Waschbecken. Jetzt war es eiskalt geworden. Die Rötung hatte sich verflüchtigt. Pauli schüttelte verärgert den Kopf. Verfluchte Amnesie! Er drehte den Wasserhahn zu und trocknete die Hände. Nach ein paar Minuten von stechendem Schmerzen in den Fingern – Kuhnagel nannte man das in der Schweiz - fühlten sie sich allmählich wieder normal an. Pauli ging zurück ins Wohnzimmer und blickte sich um. Sie hatten in der Stuga am Tisch gesessen und…. Richtig! Jetzt kamen die Bilder wieder. Es war in derselben Nacht gewesen. Der Film lief wieder ab.
Hannes liegt in seinem Bett in der Schlafkammer, Anna draußen auf dem Sofa. Er träumt wirre Dinge. Im Halbschlaf fühlt er eine Bewegung am Rande des Bettes. Die Daunendecke wird angehoben und jemand schlüpft zu ihm. Er spürt Annas warmen Körper an seiner Seite. Steif wie ein Brett liegt er da und wagt kaum zu amten, stellt sich schlafend, starrt nach oben zur Decke ins Dunkel. Er spürt ihr weiches Haar an seiner Schulter und den warmen Atem am Ohr. „Ich habe Angst. Ich kann heute Nacht nicht allein sein. Bitte!“ flüstert sie. Hannes seufzt leise. Tatsächlich, sie zittert! Er tut so, als ob er schon halb im Schlaf versunken wäre: „Anna, ich weiss nicht, ob das eine gute Idee ist!“ „Ich habe es dir versprochen! Es passiert nichts.“ „Ich könnte dein Vater sein!“ „Das wäre schön!“ Sie kuschelt sich an ihn und legt ihren Kopf an seine Schulter. „Das wäre schön!“, wiederholt sie. „Gute Nacht, Anna!“ „Gute Nacht, Hannes!“ Er dreht sich zur Seite weg von ihr und…. Filmriss!
Für einen Moment war er vor der Schlafkammer stehen geblieben. Langsam tauchte er aus den Erinnerungen wieder auf. Sie taten weh und waren schön. Er atmete durch, öffnete die Tür zur Veranda und lüftete. Lange starrte er auf den See hinaus. So nah waren er und Anna sich also gekommen? Und dann: Verschwunden! Sie war nach jener Nacht spurlos verschwunden. Am nächsten Morgen hatte nichts mehr auf ihre Anwesenheit hingedeutet. Hatten sie sich danach wiedergesehen?
Etwas Dunkles legte sich auf ihn. Sie war tot! Unter mysteriösen Umständen ertrunken. Genauso mysteriös, wie er sie damals kennengelernt hatte. Und womöglich hatte er selber etwas mit dieser Geschichte zu tun? Weißt du überhaupt, wer du bist?! Was lief da ab? Warum war er diesen mysteriösen Leuten so wichtig? Und wer war diese Sie?! Ein paar Wassertropfen rannen ihm über die Wangen. Die nassen, frischgeduschten Haare tropften noch immer. Er ging zurück ins Badezimmer, trocknete sich das schütter gewordene Haar mit einem Frottiertuch. Dann öffnete er die übrigen Fenster, suchte in der kleinen Küche einen weiteren Müllsack und begann aufzuräumen.
Am Fuße seines weißen Regals fiel sein Blick auf ein gerahmtes Foto, das unten auf dem Boden lag. Es musste heruntergefallen sein. Das Glas war zersprungen, hielt das Bild aber immer noch im Rahmen. Er hob es auf und starrte eine ganze Weile die abgebildeten Personen an. Der Mann in der Mitte - eindeutig: Das war er in jüngeren Jahren. Zu seiner Linken eine attraktive Brünette, zu seiner Rechten eine blondhaarige, junge Sportskanone mit einem umwerfenden Lächeln. Simona! Das war seine Tochter Simona? Sie hatte große Ähnlichkeit ….mit Anna! Sogar das Lächeln.
Die andere Frau… Das musste seine Frau sein. Wie hieß sie schon wieder? Hatte er nicht ihren Namen genannt? Julia? Nein, das fühlte sich nicht richtig an. Ju.. Jutta! Richtig! Jutta! Jutta. Hamburg! Das Bild war in den glücklichen Jahren entstanden, damals in Hamburg. Aber dann… Dann war etwas geschehen. Paulis Gedanken endeten in einer Sackgasse.
Vergeblich versuchte er die Blockade zu überwinden. Er legte das Bild beiseite. Ein anderes Foto kam ihm in die Finger. Ein Konfirmationsfoto vor dem Eingang der Ansgarkirche. Ansgarkirche? Ja, richtig! So hieß seine Kirche damals. Ansgar, der Heilige, der Schweden - und Germanenmissionar und erste Bischof von Hamburg. Der Sklavenbefreier. Die Ansgarkirche…. Das Bild wurde lebendig. Es war an jenem denkwürdigen siebten Sonntag nach Trinitatis.
3. Kapitel
Der siebte Sonntag nach Trinitatis. Pauli blickt in Runde und schweigt. Zeit für seine Gemeinde, um das Gehörte in die Seele einsinken zu lassen. Die Kirche mit dem riesigen Kreuz und den gotisch romanisch nachgebildeten, leicht gebogenen, hohen Säulen ist – wie jeden Sonntag – bis auf den letzten Platz besetzt. Die humorvollen Begrüßungsworte für die neuen Konfirmandinnen und Konfirmanden zu Beginn des Gottesdienstes haben ihre Wirkung nicht verfehlt. Eine stattliche Zahl von dreißig Jugendlichen hat vorne gestanden und ist mit einem herzlichen Applaus von der Gemeinde begrüßt worden. Auch seine eigene Tochter, Simona, ist dabei. Konfirmation in der Ansgar-Kirche Hamburg ist hip. Die ansprechenden, modernen Lieder haben viele kirchenferne Eltern aus der Reserve gelockt und sie fröhlich mitklatschen lassen. Die persönlich und gehaltvoll gehaltene Predigt hat dem Ganzen einen tiefgründigen Rahmen gegeben. Jetzt holt er Luft für die letzten Worte. Man könnte eine Stecknadel fallen hören.
Er hebt seine Bibel von der seitlich versetzten, steinernen Kanzel in die Höhe und liest mit kraftvoller Stimme daraus vor: „Was kann man dazu noch sagen? Wenn Gott für uns ist, wer kann dann gegen uns sein? Gott hat sogar seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle dem Tod ausgeliefert. Sollte er uns da noch etwas vorenthalten? Was also könnte uns von Christus und seiner Liebe trennen? Leiden und Angst vielleicht? Verfolgung? Hunger? Armut? Gefahr oder gewaltsamer Tod? Mitten im Leid triumphieren wir über all dies durch Christus, der uns so geliebt hat. Denn ich bin ganz sicher: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Dämonen, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch irgendwelche Gewalten, weder Hohes noch Tiefes oder sonst irgendetwas auf der Welt können uns von der Liebe Gottes trennen, die er uns in Jesus Christus, unserem Herrn, schenkt. Amen.“
Die Menschenmenge antwortet mit einem bewegt gemurmelten Amen. Er schließt die Bibel und setzt sich in die vorderste Bankreihe neben seine Frau Jutta, die ihm unauffällig über den rechten Arm streicht. Die Musik-Gruppe beginnt ein andächtig leises Stück zu spielen, während viele Menschen nach vorne kommen, um sich von den Mitgliedern des Kirchgemeinderates segnen zu lassen.
