Solange du da bist - Marc Levy - E-Book

Solange du da bist E-Book

Marc Levy

4,5
8,99 €

Beschreibung

Und wenn es wahr wäre? Was, wenn Arthur wirklich der Einzige wäre, der Laurens Geheimnis teilen kann, sie sehen und hören kann – sie, die niemand mehr hört oder sieht? Als Arthur Lauren in seinem Schrank entdeckt, glaubt er zuerst an einen dummen Scherz, doch bald findet er die aufdringliche Frau, die erscheint und verschwindet, wie es ihr beliebt, ziemlich amüsant. Und irgendwann kann er sich ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen … Ein wunderschöner und zutiefst berührender Roman über die unbezwingbare Macht der Liebe.

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Buch

Und wenn es wahr wäre? Was, wenn Arthur wirklich der Einzige wäre, der Laurens Geheimnis teilen kann, sie sehen und hören kann – sie, die niemand mehr hört oder sieht? Als Arthur Lauren in seinem Schrank entdeckt, glaubt er zuerst an einen dummen Scherz, doch bald findet er die aufdringliche Frau, die erscheint und verschwindet, wie es ihr beliebt, ziemlich amüsant. Und irgendwann kann er sich ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen … Ein wunderschöner und zutiefst berührender Roman über die unbezwingbare Macht der Liebe.

Autor

Marc Levy ist 1961 in Frankreich geboren. Mit achtzehn Jahren engagierte er sich beim französischen Roten Kreuz, für das er sechs Jahre tätig war. Gleichzeitig studierte er Informatik und Betriebswirtschaft an der Universität in Paris. Von 1983 bis 1989 lebte er in San Francisco, wo er sein erstes Unternehmen gründete. 1990 verließ er die Firma und eröffnete mit zwei Freunden ein Architektenbüro in Paris. Er entdeckte schon früh seine Liebe zur Literatur und zum Kino und schrieb mit siebenunddreißig Jahren seinen ersten Roman, Solange du da bist, der von Steven Spielberg verfilmt und auf Anhieb ein Welterfolg wurde. Seitdem wird Marc Levy in zweiundvierzig Sprachen übersetzt, und jeder Roman ist ein internationaler Bestseller. Marc Levy, der mit seiner Familie in New York lebt, ist mit 20 000 000 verkauften Büchern der erfolgreichste französische Autor weltweit. Mehr

Info unter www.marclevy.info

 

Bei Blanvalet ebenfalls lieferbar:

Am ersten Tag

Die erste Nacht

Inhaltsverzeichnis

BuchAutorBei Blanvalet ebenfalls lieferbar:WidmungKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Ich dankeCopyright

Für Louis

1

Sommer 1996

 

Der kleine Wecker klingelte. Es war fünf Uhr dreißig, und die Morgendämmerung von San Francisco tauchte das Zimmer in ein einzigartiges goldenes Licht.

Lauren schlief tief unter den Decken vergraben in ihrem großen Bett, die Hündin Kali lag ausgestreckt auf dem Teppich am Fußende.

Das Erste, was an Laurens Wohnung auffiel, war ihre anheimelnde Atmosphäre. Im obersten Stockwerk eines viktorianischen Hauses an der Green Street gelegen, bestand sie aus einem typisch amerikanischen Wohnraum mit abgeteilter Küche, einem Ankleideraum, einem großen Schlafzimmer und einem geräumigen Bad mit Fenster. Die hellen, schmalen Dielen des Fußbodens waren im Bad weiß gestrichen und mit schwarzen Karos übermalt. Bei den Kunsthändlern der Union Street erstandene alte Zeichnungen schmückten die weißen Wände; um die Decke lief ein kunstvoll geschnitzter Blattfries, den Lauren in einem leichten Karamellton hervorgehoben hatte.

Ein paar mit sandfarbener Jute eingefasste Kokosteppiche trennten Wohnzimmer, Ess- und Kaminecke voneinander ab. Vor dem Kamin lud ein dickes, mit grobem Kattun bezogenes Sofa dazu ein, sich hineinfallen zu lassen. Auf den sparsam über den Raum verteilten Möbeln standen hier und da auffallend hübsche Lampen mit plissierten Schirmen, die Lauren im Laufe der vergangenen drei Jahre nach und nach erworben hatte.

 

Die Nacht war sehr kurz gewesen. Lauren arbeitete als Assistenzärztin im San Francisco Memorial Hospital, und am Vortag hatte sich ihre Schicht weit über die üblichen vierundzwanzig Stunden hinaus verlängert, als noch spät die Opfer eines Großbrandes eingeliefert wurden. Zehn Minuten vor der Ablösung waren die ersten Krankenwagen in der Notaufnahme angekommen, und unter den verzweifelten Blicken ihres Teams hatte sich Lauren ohne Zögern darangemacht, die ersten Verletzten auf die verschiedenen Aufnahme- und OP-Bereiche zu verteilen. Mit schlafwandlerischer Sicherheit untersuchte sie jeden Patienten in wenigen Minuten, wies ihm ein farbiges Etikett zu, das die Schwere seiner Verletzungen anzeigte, notierte eine vorläufige Diagnose, bestimmte die ersten Untersuchungen und schickte die Sanitäter in den entsprechenden Raum. Um Punkt null Uhr dreißig waren alle sechzehn eingelieferten Personen aufgenommen, und die Chirurgen, die man zusammengerufen hatte, konnten eine Viertelstunde später mit den ersten Operationen dieser langen Nacht beginnen.

Lauren hatte Doktor Fernstein bei seinen beiden ersten Eingriffen assistiert, und sie verabschiedete sich erst, als der Arzt darauf bestand. Bei ihrer Übermüdung, so meinte er, würde sie nur seine Patienten in Gefahr bringen.

Mitten in der Nacht verließ sie am Steuer ihres Triumph den Parkplatz des Krankenhauses und fuhr schnell durch die menschenleeren Straßen nach Hause. »Ich bin zu müde, und ich fahre zu schnell«, wiederholte sie sich von Minute zu Minute, um nicht einzuschlafen, aber die Vorstellung, wieder in die Notaufnahme zurückzumüssen, diesmal übers Foyer statt über den Bühneneingang, genügte, um sie wachzuhalten.

Sie öffnete die ferngesteuerte Garagentür und parkte ihren alten Wagen. Durch den Gang gelangte sie zur Haupttreppe, nahm immer zwei Stufen auf einmal und betrat endlich erleichtert ihre Wohnung.

Die Zeiger der Pendeluhr auf dem Kaminsims standen auf halb zwei. Lauren ließ ihre Kleider mitten im Zimmer auf den Boden fallen. Gänzlich nackt trat sie hinter die Küchentheke, um sich einen Kräutertee zu machen. Die im Regal aufgereihten Gläser enthielten alle möglichen Sorten, als hätte jeder Augenblick des Tages seinen eigenen Teeduft. Sie stellte ihre Tasse auf den Nachttisch, schlüpfte in das bereitliegende Nachthemd, kuschelte sich unter die Bettdecke und schlief sofort ein. Der vergangene Tag war viel zu lang gewesen, und der kommende sollte sie früh auf den Beinen sehen.

Endlich einmal fielen zwei freie Tage auf ein Wochenende, und so hatte sie eine Einladung zu Freunden nach Carmel angenommen. Erschöpft, wie sie war, hätte sie den Vormittag durchaus im Bett zubringen können, doch nichts in der Welt konnte Lauren an diesem Morgen daran hindern, um halb sechs aufzustehen. Sie liebte den Tagesanbruch auf der Küstenstraße am Pazifik, die San Francisco mit der Bucht von Monterey verbindet. Noch halb im Schlaf tastete sie nach dem Wecker, um ihn auszuschalten. Mit beiden Fäusten rieb sie sich die Augen und richtete ihren ersten Blick auf Kali, die auf dem Teppich lag und sie erwartungsvoll anschaute.

»Starr mich nicht so an, ich bin schon gar nicht mehr hier.«

Beim Klang ihrer Stimme kam die Hündin sofort ums Bett getrottet und legte ihren Kopf auf den Bauch ihrer Herrin. »Ich verlasse dich für zwei Tage, meine Kleine. Mama wird dich gegen elf Uhr abholen. Rutsch mal und lass mich aufstehen, ich geb dir auch gleich was zu fressen.«

Lauren streckte ihre Beine, reckte die Arme, gähnte ausgiebig und sprang mit einem Satz aus dem Bett.

Sie fuhr sich durch die Haare, trat hinter die Theke, öffnete den Kühlschrank, gähnte noch einmal und holte Butter, Marmelade, Toast, die Büchse für den Hund, eine angebrochene Packung Parmaschinken, ein Stück Gouda, eine Tasse mit kaltem Kaffee, zwei Becher Milch, ein Glas Apfelkompott, zwei Joghurt natur, Frühstücksflocken und eine halbe Pampelmuse hervor; was davon nicht im Kühlschrank war, fand sie in dem kleinen Schränkchen unter der Theke. Kali sah ihr mit schiefgelegtem Kopf zu, bis Lauren ihr einen strengen Blick zuwarf und rief:

»Ich hab eben Hunger!«

Wie gewöhnlich bekam zuerst die Hündin ihr Fressen in einer schweren Terrakotta-Schüssel.

Dann machte Lauren sich selbst ein Tablett zurecht und setzte sich an ihren Schreibtisch. Von dort aus konnte sie, wenn sie nur leicht den Kopf wandte, Sausalito mit seinen an die Hänge geklammerten Häusern sehen, die Golden-Gate-Bridge, die sich zwischen den beiden Seiten der Bucht spannte, den Fischereihafen von Tiburon und, direkt unter sich, die Dächer, die in Stufen zur Marina hin abfielen. Sie machte weit das Fenster auf, die Stadt war vollkommen still. Nur die Signalhörner der großen Frachtschiffe, die Richtung China ausliefen, vermischt mit den Schreien der Möwen, wiegten die leise Wehmut dieses Morgens in ihrem Takt. Sie streckte sich noch einmal und machte sich mit großem Appetit über ihr Riesenfrühstück her. Gestern hatte sie aus Zeitmangel nicht zu Abend gegessen. Dreimal hatte sie versucht, ein Sandwich hinunterzuschlingen, doch jedes Mal wurde sie angepiept und zu einem neuen Notfall gerufen. Wer immer sie traf und nach ihrer Arbeit fragte, bekam als einzige Antwort: »Hab’s eilig.« Nachdem sie einen guten Teil ihres Festmahls verspeist hatte, stellte sie das Tablett in die Spüle und ging ins Bad.

Sie fuhr mit den Fingern über die hölzernen Lamellen der Fensterläden, um sie dann zu schließen, ließ ihr weißes Baumwollnachthemd zu Boden gleiten und stellte sich unter die Dusche. Der kräftige Wasserstrahl ließ sie vollends wach werden.

Ein Handtuch um die Hüften geschlungen, trat sie vor den Spiegel und schnitt eine Grimasse. Sie entschied sich für ein leichtes Make-up, zog eine Jeans an, ein Polohemd, zog die Jeans aus, streifte sich einen Rock über, zog den Rock aus und die Jeans wieder an. Sie nahm einen Seesack aus dem Schrank, stopfte ein paar Klamotten hinein, ihren Kulturbeutel, und fühlte sich fertig und bereit fürs Wochenende. Sie drehte sich um und betrachtete das Ausmaß der herrschenden Unordnung – Kleider am Boden, Handtücher verstreut, Geschirr in der Spüle, das Bett nicht gemacht. Lauren setzte ein sehr entschlossenes Gesicht auf und verkündete dem Durcheinander mit lauter Stimme:

»O.k., sagt jetzt nichts, nicht meckern, ich komme morgen zeitig zurück und räume euch für die Woche auf!«

Dann nahm sie einen Bleistift und ein Stück Papier, schrieb darauf die folgende Nachricht:

Mama,danke fürs Hundehüten, räum auf keinen Fall auf, ichmach das alles, wenn ich zurückkomme.Ich fahre direkt bei dir vorbei, um Kali abzuholen, amSonntag gegen fünf.

Ich liebe Dich

Dein Leibarzt

und klemmte den Zettel mit einem Magnetfrosch an die Kühlschranktür.

Sie zog ihren Mantel an, strich der Hündin zärtlich über den Kopf, küsste sie auf die Stirn und warf die Tür hinter sich zu.

Sie stieg die große Treppe hinunter, ging zur Garage und schwang sich in ihr altes Cabriolet.

»Ich bin weg, endlich weg«, wiederholte sie sich. »Ich kann es nicht glauben, es ist fast ein Wunder, vorausgesetzt, Ihre Lordschaft ist so gnädig anzuspringen. Wenn du auch nur einmal hustest, ersäuf ich deinen Motor in Sirup, bevor ich dich auf den Schrottplatz werfe und durch ein neues, ganz und gar elektronisch gesteuertes Auto ersetze, ohne Choke, eines, das nicht zickt, wenn es morgens kalt ist. Ich hoffe, du hast verstanden! Und los!«

2

Lauren fuhr sehr langsam los, um die Nachbarn nicht zu wecken. Die Green Street ist eine hübsche, von Bäumen und Wohnhäusern gesäumte Straße, und die Menschen hier kennen sich wie in einem Dorf. Sechs Kreuzungen vor der Van Ness Avenue, einer der beiden Hauptverkehrsadern, die die Stadt durchziehen, schaltete Lauren in den nächsten Gang.

Ein zartes, von Minute zu Minute in immer intensiveren Farben spielendes Licht enthüllte allmählich das wundervolle Panorama der Stadt. Der Wagen fuhr nun schnell durch die menschenleeren Straßen. Lauren berauschte sich am Zauber dieses Augenblicks, am schwindelerregenden Auf und Ab der Hügel von San Francisco.

Eine schwungvolle Kurve in die Sutter Street. Ein Klicken in der Lenkung. Zum Union Square hin fällt die Straße steil ab, es ist sechs Uhr dreißig, das Radio tönt in voller Lautstärke, Lauren ist glücklich wie schon lange nicht mehr. Vergessen der Stress, das Krankenhaus, die Pflichten. Das beginnende Wochenende gehört nur ihr allein. Jede Minute ist kostbar. Der Union Square liegt still da. In ein paar Stunden wird es hier von Touristen und Einheimischen wimmeln, ein Cable Car wird dem anderen folgen, die Schaufenster werden hell erstrahlen, am Eingang des Parkhauses wird sich eine lange Autoschlange bilden. In den Grünanlagen darüber werden Musiker ein paar Klänge und ein wenig Gesang gegen einen Dollar oder eine Handvoll Cents eintauschen.

Doch jetzt, in dieser frühen Morgenstunde, herrscht völlige Stille. Die Auslagen der Geschäfte sind dunkel, ein paar Obdachlose schlafen noch auf den Bänken. Der Parkhauswächter dämmert in seinem Häuschen vor sich hin. Vom Gaspedal vorwärtsgetrieben, verschlingt der Triumph den Asphalt. Die Ampel steht auf Grün, Lauren schaltet in den zweiten Gang zurück, um in die Powell Street einzubiegen, eine der vier Straßen, die den Platz umschließen. In Hochstimmung, das Haar mit einem Seidenschal aus der Stirn gebunden, setzt sie vor der riesigen Fassade von Macy’s zur Kurve an. Ein perfekter Bogen, die Reifen quietschen leicht, ein seltsames Geräusch, klick, klick, klick, alles geht sehr schnell, ein Klicken jagt das andere, plötzlich ein Krachen. Die Zeit steht still. Die Räder sprechen nicht mehr auf die Lenkung an, die Verbindung ist unwiderruflich getrennt. Das Auto bricht seitlich aus und rutscht über die noch nasse Straße. Laurens Gesicht verzerrt sich. Ihre Hände klammern sich an das nachgiebige Lenkrad, das widerstandslos in eine verhängnisvolle Leere läuft. Der Triumph rutscht weiter, die Zeit scheint zu zerfließen, sich zu dehnen wie ein langes Gähnen. In Laurens Kopf dreht sich alles, dabei ist es die Umgebung, die sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit um sie dreht. Der Wagen hält sich für einen Kreisel. Hart stoßen die Räder gegen den Bordstein, das Frontteil bäumt sich auf und rammt einen Hydranten, die Motorhaube hebt sich in Richtung Himmel. In einer letzten Anstrengung dreht sich der Wagen um sich selbst und wirft seine Fahrerin ab, die viel zu schwer geworden scheint für diese den Gesetzen der Schwerkraft spottende Pirouette. Laurens Körper wird in die Luft geschleudert, um dann gegen die Fassade des Kaufhauses zu prallen. Die riesige Schaufensterscheibe birst und verteilt sich in einem Teppich glänzender Splitter über den Asphalt. Das gläserne Tuch nimmt die junge Frau auf, sie rollt über den Boden und bleibt reglos liegen, das Haar zerzaust inmitten der Scherben, während der Triumph, auf dem Rücken liegend, seine Fahrt und seine Karriere beendet. Nur eine kleine Dampfwolke noch, die seinen Eingeweiden entweicht, ein letzter Seufzer, und es ist aus mit dem alten Engländer und seinen Kapricen.

Lauren rührt sich nicht. Sie ruht, friedlich. Ihre Züge sind entspannt, ihr Atem geht langsam und regelmäßig. Den Mund wie zu einem Lächeln leicht geöffnet, die Augen geschlossen, so scheint sie zu schlafen. Ihr langes Haar umrahmt das Gesicht, die rechte Hand liegt auf ihrem Bauch.

Der Wächter in seinem Häuschen reißt die Augen auf. Er hat alles gesehen, »wie im Kino«, aber das da, »das war echt«, wird er sagen. Er steht auf, rennt hinaus, überlegt es sich anders und kehrt um. Fieberhaft nimmt er den Hörer ab und wählt den Notruf.

Der Speisesaal des San Francisco Memorial Hospital ist ein großer Raum mit gelb gestrichenen Wänden und einem weiß gefliesten Fußboden. Zwischen einer langen Reihe viereckiger Resopaltische hindurch führt ein Gang zu Automaten mit Getränken und vakuumverpackten Lebensmitteln. Auf einem dieser Tische lag ausgestreckt Doktor Philip Stern und döste vor sich hin, eine Tasse kalten Kaffee in der Hand. Nicht weit von ihm wippte sein Kollege auf einem Stuhl, den Blick ins Leere gerichtet. Aus den Tiefen seiner Tasche ertönte ein Piepsen. Doktor Stern öffnete ein Auge und schaute brummend auf die Uhr; in einer Viertelstunde war sein Dienst zu Ende. »Ich hab wirklich kein Glück. Frank, ruf mal die Zentrale an.« Frank angelte nach dem Haustelefon, das über ihm an der Wand hing, hörte die Meldung, hängte auf und drehte sich zu Stern um. »Steh auf, das ist für uns, ein Unfall am Union Square, scheint ziemlich ernst zu sein…« Die beiden dem Rettungsdienst von San Francisco zugeteilten Ärzte standen auf und eilten zum Ausgang der Unfallstation, wo der Notarztwagen bereits mit laufendem Motor und blinkender Festbeleuchtung auf sie wartete. Ein kurzes Aufheulen der Sirene kündigte an, dass Wagen 02 sich auf den Weg machte. Es war Viertel vor sieben, die Market Street lag verlassen da, der Einsatzwagen fuhr schnell in den jungen Morgen.

»Mist, es wird auch noch schönes Wetter heute.«

»Warum beschwerst du dich?«

»Weil ich hundemüde bin und deshalb schlafen und folglich nichts davon haben werde.«

»Bieg links ab, nimm die Einbahnstraße in Gegenrichtung. «

Frank gehorchte, und der Notarztwagen fuhr die Powell Street Richtung Union Square hinauf. »Los, gib Gas, da vorn ist es.« Auf dem Square angekommen, sahen die beiden Ärzte zuerst das halb auf dem Hydranten liegende, verbeulte Wrack des alten Triumph. Frank schaltete die Sirene aus.

»Sieh mal an, ein echter Volltreffer«, bemerkte Stern, als er aus dem Wagen sprang. Zwei Sanitäter vom Unfallrettungsdienst der Polizei waren schon an der Unfallstelle, einer von ihnen führte Philip zu dem zertrümmerten Schaufenster.

»Wo ist er?«, fragte der Arzt den Polizeisanitäter.

»Da, vor Ihnen, es ist eine Frau, und sie ist Ärztin, von der Unfallstation, wie es scheint, vielleicht kennen Sie sie?«

Stern, der schon neben dem reglosen Körper kniete, hatte bereits Laurens Jeans und den Pullover aufgeschnitten. Auf dem linken Bein wies eine deutliche, von einem gewaltigen Bluterguss umgebene Verformung auf einen Knochenbruch hin. Weitere Prellungen waren nicht zu sehen.

»Mach mir die Elektroden und eine Infusion fertig, ihr Puls ist flach, so gut wie kein Blutdruck, Atemfrequenz bei 48, eine Wunde am Kopf, geschlossene Fraktur am linken Oberschenkel mit innerer Blutung, bereite mir zwei Zugänge vor. Kennen wir sie? Ist sie von uns?«

»Ich habe sie schon mal gesehen, sie ist Assistenzärztin in der Notaufnahme, arbeitet mit Fernstein. Die Einzige, die ihm wirklich Paroli bietet.«

Philip überging diese letzte Bemerkung. Frank befestigte die sieben Klebeelektroden auf der Brust der jungen Frau, verband sie durch verschiedenfarbige Kabel mit dem tragbaren EKG-Gerät und schaltete es ein. Der Bildschirm leuchtete auf.

»Wie sieht’s aus?«, fragte er.

»Gar nicht gut, sie verabschiedet sich. Blutdruck 80 zu 60, Puls 140, zyanotische Lippen, ich mach dir einen Trachealtubus Größe 7 fertig, wir müssen sie künstlich beatmen.«

Doktor Stern hatte inzwischen einen Zugang gelegt und reichte einem der Polizisten die Flasche mit der Infusion.

»Halten Sie das schön hoch, ich brauche meine beiden Hände.«

Dann wies er seinen Kollegen knapp an, fünf Milligramm Adrenalin und hundertfünfundzwanzig Milligramm Solu-Decortin in den Zugang zu spritzen und unverzüglich den Defibrillator zu laden. Im selben Moment fiel Laurens Körpertemperatur jäh ab, und die Anzeige des EKGs wurde unregelmäßig. Am unteren Rand des grünen Bildschirms begann ein rotes Herz zu blinken, begleitet von einem kurzen, wiederholten Piepsen, dem Warnsignal für ein bevorstehendes Kammerflimmern.

»Nicht aufgeben, Mädchen! Sie muss innerlich bluten wie ein Schwein. Wie fühlt sich der Bauch an?«

»Weich, wahrscheinlich blutet sie ins Bein. Bist du bereit für die Intubation?«

In ein paar Sekunden war der Tubus in die Luftröhre eingeführt und mit einem Beatmungsgerät verbunden. Stern fragte nach ihren Werten, Frank gab an, dass die Atmung stabil, der Blutdruck auf 50 gesunken sei. Er hatte seinen Satz noch nicht beendet, da wich das kurze Piepsen aus dem EKG einem grellen Pfeifen.

»Es ist so weit, sie flimmert, gib mir 300 Joule.«

Philip rieb die beiden großflächigen Elektroden des Geräts aneinander.

»O.k., du hast Saft«, rief Frank.

»Achtung, weg, und Schock!«

Unter dem Impuls der Entladung bäumte sich der Körper jäh auf, den Bauch zum Himmel gewölbt, und fiel wieder zu Boden.

»Das war nichts.«

»Gib mir 360, wir versuchen es noch mal.«

»360, es kann losgehen.«

»Achtung!«

Der Körper richtete sich auf und fiel leblos wieder zu Boden. »Ich brauche noch mal fünf Milligramm Adrenalin und 360 Joule. Achtung!« Noch ein Stromstoß, wieder bäumte sich der Körper auf. »Sie flimmert immer noch! Spritz eine Einheit Lidokain in den Zugang und lad noch mal auf. Achtung!« Der Körper hob sich. »Fünfhundert Milligramm Beryllium und noch mal eine Ladung von 360, sofort!«

Lauren bekam noch einen Elektroschock, ihr Herz schien auf die Mittel zu reagieren, die man ihr gespritzt hatte, und wieder gleichmäßig zu schlagen, doch nur für einen Augenblick: dann setzte das Pfeifen, das wenige Sekunden lang aufgehört hatte, noch heftiger wieder ein …

»Herzstillstand«, sagte Frank.

Unverzüglich begann Philip mit der Herz-Druck-Massage. Verzweifelt versuchte er, Lauren wiederzubeleben, dabei flehte er sie an: »Sei nicht dumm, es ist so schön heute, komm zurück, tu uns das nicht an.« Dann wies er seinen Kollegen an, das Elektroschockgerät ein weiteres Mal aufzuladen. Frank versuchte ihn zu beruhigen: »Philip, vergiss es, das bringt nichts mehr.« Aber Stern gab nicht auf; er schrie ihn an, den Defibrillator zu laden. Sein Partner gehorchte. Zum weiß Gott wievielten Male forderte er ihn auf beiseitezutreten. Noch einmal wölbte sich der Körper, aber das EKG blieb flach. Philip nahm die Massage wieder auf, der Schweiß stand ihm auf der Stirn. Die Müdigkeit ließ die Verzweiflung des jungen Arztes angesichts seiner Ohnmacht noch deutlicher werden. Seinem Kollegen wurde bewusst, dass er wider alle Vernunft handelte. Schon vor einigen Minuten hätte er aufhören und den Zeitpunkt des Todes vermerken müssen; statt dessen fuhr er fort, den Brustkorb der Frau zu massieren.

»Gib ihr noch eine Dosis Adrenalin und lade 400 Joule.«

»Philip, es hat keinen Sinn mehr, sie ist tot! Du weißt nicht mehr, was du tust.«

»Halt den Mund und tu, was ich dir sage!«

Der Polizist warf dem Arzt, der neben Lauren auf dem Boden kniete, einen fragenden Blick zu, doch dieser achtete nicht auf ihn. Frank zuckte mit den Schultern, spritzte eine weitere Dosis Adrenalin in den Zugang und lud den Defibrillator. Als 400 Joule erreicht waren, entlud Stern das Gerät ohne die übliche Vorwarnung. Getrieben von der Stärke des Stromstoßes hob sich der Brustkorb hart vom Boden. Die Kurve des EKGs blieb hoffnungslos flach. Der junge Arzt sah nicht einmal hin, er hatte es schon gewusst, bevor er ihr diesen letzten Elektroschock verpasst hatte. Er schlug mit der Faust auf Laurens Brust. »Scheiße, Scheiße!« Frank fasste ihn an den Schultern.

»Hör auf, Philip, du drehst ja völlig durch! Du erklärst sie jetzt für tot, und wir packen ein. Du bist total übermüdet.«

Philip war schweißgebadet, sein Blick verstört. Frank wurde lauter, er nahm den Kopf seines Freundes in beide Hände und befahl ihm, sich zu beruhigen, und als Philip keine Reaktion zeigte, gab er ihm eine Ohrfeige. Der junge Arzt wehrte sich nicht. Auch Frank war mit seinen Kräften am Ende. Er ließ seinen Freund los und richtete sich auf, sein Blick wirkte gleichfalls vollkommen verstört. Verwundert sahen die Polizisten den beiden Ärzten zu. Frank lief ratlos im Kreis. Philip, der zusammengekauert auf dem Boden kniete, hob langsam den Kopf und sagte leise: »Zeitpunkt des Todes: sieben Uhr zehn.« Und zu dem Polizisten gewandt, der noch immer mit angehaltenem Atem die Infusion hielt, sagte er: »Es ist vorbei, wir können nichts mehr für sie tun.« Er stand auf, nahm seinen Kollegen bei der Schulter und zog ihn zum Notarztwagen. »Komm, wir fahren zurück.«

Die beiden Polizeisanitäter sahen ihnen etwas verwundert nach. »Bisschen durcheinander, die Herren Doktoren!«, sagte der eine von ihnen.

»Warst du schon mal dabei, als es einen von uns erwischt hat?«, wandte sein Kollege nachdenklich ein. »Nein? Dann kannst du dir auch nicht vorstellen, was sie gerade durchgemacht haben. Komm, hilf mir.«

Der Einsatzwagen des Krankenhauses war bereits um die Straßenecke verschwunden. Die beiden Polizisten hoben Laurens leblosen Körper auf die Tragbahre und breiteten eine Decke über sie. Die wenigen Schaulustigen entfernten sich, das Spektakel war zu Ende.

Seit sie losgefahren waren, hatten die beiden Notärzte kein Wort miteinander gesprochen. Frank brach das Schweigen.

»Was war los mit dir, Philip?«

»Sie ist noch keine dreißig, sie ist Ärztin und zum Sterben schön.«

»Ja, und genau das hat sie eben gerade getan! Ändert das irgendetwas daran, dass sie hübsch ist und Ärztin? Sie hätte auch hässlich sein und in einem Supermarkt arbeiten können. Das ist Schicksal, da kannst du nichts machen, ihre Zeit war abgelaufen. Wir fahren jetzt nach Hause, du legst dich hin und versuchst das Ganze zu vergessen.«

Zwei Blocks hinter ihnen erreichte die Polizeiambulanz eine Kreuzung, an der ein Mietwagen gerade noch über eine ziemlich gelbe Ampel fuhr. Empört bremste der Polizist und ließ die Sirene aufheulen, der Fahrer des »Limo Service« hielt an und bat untertänigst um Entschuldigung. Bei der Notbremsung war Laurens Körper von der Trage gerutscht. Die beiden Männer stiegen nach hinten, der jüngere packte Lauren an den Füßen, der ältere an den Armen. Sein Gesicht erstarrte, als er die Brust der jungen Frau sah.

»Sie atmet!«

»Was?«

»Sie atmet, sage ich, setz dich ans Steuer und fahr zum Krankenhaus.«

»Unfassbar! Ich sag’s ja, die Herren Doktoren waren mir nicht ganz geheuer.«

»Quatsch nicht und fahr. Ich verstehe überhaupt nichts, aber die beiden werden von mir hören.«

Unter den erstaunten Blicken der beiden Ärzte raste kurz darauf der Rettungswagen wie ein Blitz an ihrem Einsatzfahrzeug vorbei. Das waren doch »ihre Bullen«! Philip wollte die Sirene anschalten und ihnen folgen, doch sein Begleiter widersetzte sich, er war zu erschöpft.

»Wieso haben die es denn so eilig?«

»Keine Ahnung«, antwortete Frank. »Vielleicht waren sie es auch gar nicht. Die sehen doch alle gleich aus.«

Zehn Minuten später parkten sie neben dem Rettungswagen, dessen Türen noch offen standen. Philip stieg aus, betrat die Notaufnahme und eilte im Laufschritt zur Anmeldung. Grußlos wandte er sich an die diensthabende Schwester.

»In welchem Raum ist sie?«

»Wer denn, Doktor Stern?«, fragte die Schwester.

»Die junge Frau, die eben eingeliefert wurde.«

»In Block 3, Fernstein ist gerade zu ihr gegangen. Sie gehört wohl zu seinem Team.«

Der ältere Polizist tippte ihm von hinten auf die Schulter.

»Was habt ihr Ärzte eigentlich im Kopf?«

»Tut mir leid, aber ich verstehe nicht …«

So etwas sollte ihm allerdings leidtun, aber das würde wohl kaum reichen. Wie hatte dieser Arzt nur den Tod einer jungen Frau feststellen können, die dann in seinem Rettungswagen noch atmete?

»Ist Ihnen klar, dass man sie ohne mich lebend in den Kühlschrank gepackt hätte?« Er würde noch von ihm hören. Gerade in diesem Moment kam Doktor Fernstein aus der Station und wandte sich, ohne den Beamten zu beachten, an den jungen Arzt:

»Stern, wie viel Adrenalin haben Sie ihr injiziert?«

»Dreimal fünf Milligramm«, antwortete Philip. Der Professor erteilte ihm unverzüglich eine Rüge, er habe die Medikation sinnlos übertrieben, und versicherte dem Polizisten, dass Lauren eine ganze Weile, bevor Doktor Stern ihr Ableben festgestellt habe, bereits tot gewesen sei.

Er fügte hinzu, der Fehler des Rettungsteams habe allenfalls darin bestanden, auf Kosten der übrigen Versicherten allzu verbissen um das Leben der Patientin zu kämpfen. Und um alle weiteren Fragen abzuschneiden, erklärte er, dass die injizierte Flüssigkeit sich um das Perikard herum angesammelt habe. »Als Sie plötzlich bremsen mussten, ist sie ins Herz gedrungen. Das hat darauf rein chemisch reagiert und wieder angefangen zu schlagen.« All das ändere aber leider nichts am Hirntod des Opfers. Was das Herz angehe, so werde es, sobald die Flüssigkeit sich verteilt hätte, wieder stehenbleiben, »wenn es das in diesem Moment, da ich mit Ihnen spreche, nicht schon getan hat.«

Er forderte den Beamten auf, sich bei Doktor Stern für die ganz und gar unbegründete Aufregung zu entschuldigen, und bat Stern, bei ihm vorbeizukommen, bevor er nach Hause ginge.

Der Polizist wandte sich zu Philip um: »Wie ich sehe, wird nicht nur bei der Polizei gemauschelt. Ich wünsche Ihnen keinen guten Tag!« Er machte auf dem Absatz kehrt und verließ das Krankenhausgebäude. Obwohl sich die Tore der Notaufnahme bereits hinter ihm geschlossen hatten, hörte man, wie die Türen seines Rettungswagens heftig zugeschlagen wurden.

Die Arme auf die Empfangstheke gestützt, blieb Stern stehen und schaute die diensthabende Schwester mit zusammengekniffenen Augen an.

»Was hat das alles zu bedeuten?«

Sie zuckte mit den Schultern und erinnerte ihn daran, dass Fernstein ihn erwartete.

Er klopfte an die angelehnte Tür von Laurens Chef. Der Professor stand, den Rücken zur Tür gewandt, hinter seinem Schreibtisch, schaute aus dem Fenster und wartete offensichtlich darauf, dass Stern das Wort ergriff, was Philip auch tat. Er gab zu, seine Äußerungen dem Polizisten gegenüber nicht verstanden zu haben. Fernstein unterbrach ihn brüsk.

»Hören Sie mir gut zu, Stern, die Erklärung, die ich dem Officer gegeben habe, war die billigste Lösung, um ihn davon abzuhalten, dass er den Vorfall meldet und damit Ihre Karriere zerstört. Ihr Verhalten ist unentschuldbar für jemanden mit Ihrer Erfahrung. Man muss lernen, den Tod anzunehmen, wenn man nichts mehr gegen ihn tun kann. Wir sind keine Götter, und wir sind nicht hier, um Schicksal zu spielen. Diese junge Frau war schon tot, als Sie eingetroffen sind, und Ihre Verbissenheit hätte Sie teuer zu stehen kommen können.«

»Aber wie erklären Sie sich, dass sie wieder angefangen hat zu atmen?«

»Ich kann es mir nicht erklären, und ich muss es auch nicht. Wir wissen längst nicht alles. Sie ist tot, Doktor Stern. Dass Ihnen das missfällt, ist eine andere Sache, aber es ändert nichts daran. Es ist mir gleichgültig, ob ihre Lungen sich bewegen und ihr Herz jetzt wieder von alleine schlägt, das EEG zeigt keinen Ausschlag. Ihr Hirntod ist irreversibel. Wir werden warten, bis der Rest folgt, und dann bringen wir sie in die Leichenhalle.«

»Aber das können Sie nicht tun, nicht nach all dem, was passiert ist!«

Fernstein schüttelte unwillig den Kopf und hob die Stimme. Er war nicht hier, um sich von Stern eine Lektion erteilen zu lassen. Wusste er denn überhaupt, wie viel ein Tag auf der Intensivstation kostete? Glaubte er, dass das Krankenhaus ein Bett an solch ein künstlich am Leben gehaltenes Etwas zu verschwenden hätte, das nicht mehr mit einem Menschen gemein habe als irgendein Stück welkes Gemüse? Er forderte Stern brüsk auf, sich wie ein erwachsener Mensch zu benehmen. Außerdem weigere er sich, Familien zuzumuten, ganze Wochen am Bett eines reglosen Wesens ohne Verstand zuzubringen, das nur von Maschinen am Leben erhalten werde. Er weigere sich, so etwas zu verantworten, nur um das Ego eines Mediziners zu befriedigen.

Schließlich forderte er Stern auf, duschen zu gehen und schleunigst zu verschwinden. Der junge Arzt rührte sich nicht vom Fleck und versuchte weiter hartnäckig, den Professor zu überzeugen. Das kardio-pulmonale System seiner Patientin war, zehn Minuten bevor er ihren Tod festgestellt hatte, bereits zusammengebrochen. Es stimmte, er hatte verbissen weitergemacht, da er zum ersten Mal, seit er Arzt war, gespürt hatte, dass diese Frau nicht sterben wollte. Er hatte wahrgenommen, wie sie hinter ihren offen gebliebenen Augen kämpfte und sich dagegen wehrte, fortgerissen zu werden.

Also hatte er gemeinsam mit ihr gekämpft, über das übliche Maß hinaus – und ein paar Minuten später hatte, entgegen aller Logik, im Widerspruch zu allem, was man ihm beigebracht hatte, wirklich und wahrhaftig ihr Herz wieder zu schlagen begonnen, ihre Lungen hatten Luft eingesogen und ausgeblasen, ein Lebenshauch. »Sie haben recht«, fuhr er fort, »wir sind Ärzte, und wir wissen nicht alles. Auch diese Frau ist Ärztin.« Er flehte Fernstein an, ihr eine Chance zu geben. Es hatte Komapatienten gegeben, die nach über sechs Monaten wieder aufgewacht waren, ohne dass irgendjemand begriffen hätte, wie und warum. Noch nie hatte ein Mensch getan, was sie getan hatte, wen kümmerten da die Kosten? »Lassen Sie es nicht zu, sie will nicht, das ist es, was sie uns sagt.«

Der Professor wartete einen Augenblick, ehe er antwortete:

»Doktor Stern, Lauren war eine meiner Schülerinnen, sie war kein einfacher Mensch, dafür aber wirklich überaus talentiert, ich habe sie sehr geschätzt und große Erwartungen in ihre berufliche Zukunft gesetzt, ebenso wie in die Ihre. Das Gespräch ist beendet.«

Stern verließ das Büro, ohne die Tür zu schließen. Frank erwartete ihn auf dem Gang.

»Was machst du denn hier?«

»Sag mal, Philip, was ist eigentlich mit dir los? Weißt du, mit wem du da gerade in diesem Ton geredet hast?«

»Na und?«

3

Doktor Fernstein schloss die Tür seines Arbeitszimmers, nahm den Telefonhörer ab, zögerte, legte wieder auf, machte ein paar Schritte in Richtung Fenster und griff dann kurz entschlossen wieder nach dem Telefon. Er verlangte den Operationstrakt. Wenige Augenblicke später antwortete eine Stimme am anderen Ende der Leitung.

»Fernstein am Apparat, halten Sie sich bereit, wir operieren in zehn Minuten, ich lasse Ihnen die Unterlagen hochbringen. «

Langsam ließ er den Hörer sinken, schüttelte den Kopf und verließ sein Büro. Auf dem Flur stieß er fast mit Professor Williams zusammen.

»Wie geht’s dir?«, fragte dieser. »Darf ich dir einen Kaffee spendieren?«

»Nein, ich kann nicht.«

»Was hast du vor?«

»Eine Dummheit, ich bin gerade dabei, eine Dummheit zu begehen. Ich muss los, ich ruf dich an.«

Fernstein betrat den Operationssaal in einem enganliegenden grünen Kittel. Eine Krankenschwester streifte ihm sterile Handschuhe über. Der Raum war riesig, ein OP-Team hatte um Laurens Körper Aufstellung genommen. Hinter ihrem Kopf flimmerte ein Monitor im Rhythmus ihrer Atemzüge und ihres Herzschlags.

»Wie sind ihre Werte?«, fragte Fernstein den Anästhesisten.

»Stabil, geradezu unglaublich stabil. Fünfundsechzig und hundertundzwanzig zu achtzig. Sie steht bereits unter Narkose, die Blutgase sind normal, Sie können anfangen.«

»Ja, unter Narkose, Sie sagen es.«

Das Skalpell öffnete den Oberschenkel auf der gesamten Länge der Fraktur. Während Fernstein das Muskelgewebe auseinanderzog, wandte er sich mit den Worten »Meine lieben Kollegen« an das gesamte Team. Er erklärte ihnen, dass sie nun sehen würden, wie ein Chirurg mit fünfundzwanzigjähriger Berufserfahrung einen Eingriff vornahm, der eines Assistenzarztes im fünften Jahr würdig wäre: das Richten eines Oberschenkelbruchs.

»Und wissen Sie, weshalb ich diese Operation durchführe? «

Kein Student im fünften Studienjahr würde sich bereit erklären, einen Knochenbruch an einer Patientin zu behandeln, deren Hirntod bereits vor zwei Stunden eingetreten war. Er bat sie weiter, ihm keine Fragen zu stellen, es werde nicht länger als eine Viertelstunde dauern, und er bedankte sich für ihre Kooperation. Doch Lauren war eine seiner Schülerinnen, und alle Anwesenden konnten nachvollziehen, was den Professor bewegte. Ein Radiologe brachte die Ergebnisse der Computertomographie. Die Aufnahmen zeigten einen Bluterguss im Bereich der Schädelbasis. Es wurde beschlossen, eine Punktion vorzunehmen, um den Druck auf das Gehirn zu beseitigen. Dazu wurde am Hinterkopf ein kleines Loch gebohrt und eine feine Nadel durch die Hirnhaut geführt. Mit Hilfe eines Bildschirms bewegte der Chirurg sie zu der Stelle, an der sich das Hämatom gebildet hatte. Das Gehirn selbst schien nicht verletzt. Über eine Sonde floss das blutige Hirnwasser ab. Fast sofort fiel der innere Hirndruck rapide ab. Der Anästhesist erhöhte umgehend die Sauerstoffzufuhr zum Gehirn. Von dem Druck befreit, nahmen die Zellen ihre normale Stoffwechselfunktion wieder auf und bauten nach und nach die angesammelten toxischen Stoffe ab. Allmählich änderte sich die Einstellung des OP-Teams. Einer nach dem anderen vergaß, dass sie einen klinisch toten Menschen operierten. Jeder spielte mit, und so ergab sich ein routinierter Handgriff aus dem anderen. Der Brustkorb wurde geröntgt, gebrochene Rippen wieder gerichtet und der Brustraum punktiert. Der Eingriff verlief methodisch und präzise. Fünf Stunden später zog Doktor Fernstein schnalzend die Gummihandschuhe von seinen Fingern. Er bat, alle Wunden zu schließen und seine Patientin anschließend in den Aufwachraum zu verlegen. Weiter ordnete er an, die künstliche Beatmung zu beenden, sobald die Wirkung der Narkose nachgelassen hätte.

Er dankte seinen Helfern noch einmal für ihre Mitarbeit und wies darauf hin, dass er von ihnen erwarte, dass sie die Angelegenheit diskret behandelten. Bevor er den Saal verließ, bat er Betty, eine der Schwestern, ihm Bescheid zu sagen, sobald sie Lauren von den Geräten abgenommen hätte. Er verließ die Station und ging schnell zu den Aufzügen. Als er an der Notaufnahme vorüberkam, fragte er die Schwester, die dort Dienst hatte, ob Doktor Stern noch im Haus sei. Die junge Frau verneinte, er sei bereits gegangen, und sehr niedergeschlagen, wie ihr schien. Fernstein dankte und verabschiedete sich mit dem Hinweis, dass er in seinem Büro anzutreffen sei, falls jemand nach ihm fragen sollte.

Lauren wurde aus dem Operationssaal in den Aufwachraum gebracht. Dort schloss Betty sie an das Beatmungsgerät und die Überwachungsmonitore an. So ausgerüstet, sah die junge Frau auf dem Bett aus wie ein Astronaut. Die Schwester entnahm noch eine Blutprobe und verließ dann den Raum. Friedlich lag die betäubte Patientin da, die Lider geschlossen über einem Universum tiefen, seligen Schlummers. Nach einer halben Stunde rief Betty Dr. Fernstein an und teilte ihm mit, dass Lauren nicht mehr unter Narkose stehe. Er fragte sogleich nach ihren Werten, und sie bestätigte ihm, was er erwartet hatte: Sie waren immer noch stabil. Sie wollte noch einmal von ihm wissen, wie sie sich nun verhalten sollte.

»Sie beenden die künstliche Beatmung. Ich komme gleich runter.«

Er legte auf. Betty betrat den Aufwachraum, löste den Schlauch vom Tubus und überwachte die ersten eigenen Atemzüge ihrer Patientin. Wenige Augenblicke später entfernte sie den Tubus aus der Luftröhre. Sie strich Lauren eine Haarsträhne aus der Stirn, sah sie einen Moment lang liebevoll an und löschte im Hinausgehen das Licht. Der Bildschirm des EEG tauchte den Raum in ein grünliches Licht. Er zeigte noch immer keine Aktivität. Es war fast halb zehn Uhr abends, und alles war still.

 

Nach einer Stunde begann das Signal des EEG zu flackern, zuerst ganz leicht. Plötzlich schnellte der Punkt am Ende der Linie nach oben und stürzte dann steil nach unten, bevor er auf die Horizontale zurückkehrte.

Niemand war da, um diese Anomalie zu beobachten. Wie der Zufall es wollte, betrat Betty den Raum erst wieder eine Stunde später. Sie kontrollierte Laurens Puls und Blutdruck, entrollte ein paar Zentimeter des Teststreifens, den die Maschine ausspuckte, entdeckte den ungewöhnlichen Ausschlag, runzelte die Stirn und schaute sich noch ein paar Zentimeter mehr an. Nachdem sie festgestellt hatte, dass die folgende Linie völlig gerade verlief, warf sie das Papier weg, ohne sich weiter Gedanken darüber zu machen. Sie nahm den Hörer des Wandtelefons und rief Fernstein an.

4

Winter 1996

 

Arthur öffnete die ferngesteuerte Garagentür und parkte seinen Wagen. Er ging die Treppe hinauf und betrat seine neue Wohnung. Mit einem Fuß schob er die Tür zu, dann setzte er seine Tasche ab, zog den Mantel aus und ließ sich aufs Sofa fallen. Etwa zwanzig über das Zimmer verstreute Umzugskisten erinnerten ihn daran, was er zu tun hatte. Er tauschte seinen Anzug gegen eine Jeans und machte sich daran, die Kartons zu öffnen und die darin enthaltenen Bücher auf den Regalen zu verteilen. Das Parkett knarrte unter seinen Füßen. Viel später am Abend, als alles fertig war, faltete er die leeren Kartons zusammen, saugte Staub und räumte die letzten Küchengeräte ein. Dann betrachtete er sein neues Zuhause. »Sieht aus, als würde ich langsam ein bisschen schrullig«, sagte er sich. Er ging ins Badezimmer, zögerte zwischen Dusche und Wanne, entschied sich für ein Bad, ließ das Wasser einlaufen, machte das kleine Radio an, das auf der Heizung neben dem hölzernen Wandschrank stand, zog sich aus und stieg mit einem zufriedenen Seufzer in die Wanne.

Während Peggy Lee auf 101,3 FM »Fever« sang, tauchte Arthur ein paarmal unter. Was ihm zuerst auffiel, war der