Solange du mich siehst - Cecelia Ahern - E-Book + Hörbuch

Solange du mich siehst E-Book

Cecelia Ahern

4,5
8,99 €

Beschreibung

Wer sich erinnert, ist niemals allein: zwei kurze, magische Geschichten der jungen irischen Bestsellerautorin über Erinnerung, Liebe und Betrug. Voller Hoffnung und Wunder, aber auch voller unheimlicher Rätsel. Cecelia Ahern hat sie zwischen ihren großen Romanen geschrieben, in ihrem Auszeit-Jahr nach der Geburt ihrer Tochter. Ganz unabhängig voneinander zu lesen, gehen beide Geschichten den bewegenden Fragen nach: Was bedeutet die Vergangenheit? Kann und darf ich die Zukunft beeinflussen? ›Das Lächeln der Erinnerung‹: Ein Mann, der eine unglaubliche Maschine erfunden hat – mit der er die Erinnerungen der Menschen verändern kann. Doch was ist mit seinen eigenen Erinnerungen? ›Das Mädchen im Spiegel‹: Eine junge Frau, die vor dem schönsten Tag ihres Lebens steht – und hinter den verhängten Spiegeln im Haus ihrer Großmutter eine unheimliche Entdeckung macht … »Voller Magie und Charme.« Glamour »Außergewöhnlich und berührend.« Daily Express

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 81




Cecelia Ahern

Solange du mich siehst

Zwei Erzählungen

Aus dem Englischen von Christine Strüh und Barbara Christ

Fischer e-books

Für meine gute Fee-Patin Sarah Kelly

Liebe deutschsprachige Leserinnen und Leser,

 

willkommen in meinem Erzählungsband ›Solange du mich siehst‹ – wie schön, dass sie ihn in die Hand genommen haben. Die beiden Geschichten in diesem Buch habe ich verfasst, als ich mir 2010 eine Auszeit vom Romanschreiben genommen habe. Da hatte ich gerade meine kleine Tochter bekommen. Nach den vielen aufregenden Jahren, in denen ich sieben Romane geschrieben und veröffentlicht hatte, schien es mir genau richtig, einmal eine andere Art von Erzählen auszuprobieren.

Es war Frühling, als mir die Inspiration zu ›Im Lächeln der Erinnerung‹ kam. Irgendwie ging mir die Stimme der Hauptfigur nicht aus dem Kopf; ein Mensch, der so einsam in seiner Welt lebt und so viel Reue in sich trägt. Da musste ich einfach einen Stift in die Hand nehmen und die Geschichte dieses Mannes aufschreiben. Er hat eine Maschine erfunden, die Erinnerungen ins Gedächtnis einpflanzen kann. Das können ganz reale Erinnerungen sein, die am Verblassen sind und die man gern auffrischen möchte. Oder auch »neue« Erinnerungen – an Ereignisse, die eigentlich so nie stattgefunden haben. Für uns alle gibt es wahrscheinlich Momente im Leben, bei denen wir uns wünschen, dass wir damals anders gehandelt hätten – oder wo wir zumindest darüber nachdenken, was gewesen wäre, wenn wir uns anders verhalten hätten. Um diese Gefühle und Gedanken geht es in ›Im Lächeln der Erinnerung‹.

›Das Mädchen im Spiegel‹ habe ich zwei Wochen, nachdem ich geheiratet hatte, geschrieben. Es ist eine dunklere, ein bisschen unheimliche Erzählung über eine junge Frau, die sich weigert, einen Handel mit ihrem Spiegelbild abzuschließen, und mit den Konsequenzen daraus leben muss. Den Spiegel findet sie in einem ungenutzten Raum im Haus ihrer Großmutter.

Ich glaube, die beiden Erzählungen sind etwas Besonderes – und auch ein bisschen anders als das, was Sie sonst von mir kennen. Die zweite Erzählung ist ein bisschen düsterer, aber beide haben doch eine Art gemeinsame Stimme, denke ich. In den Geschichten ist Hoffnung verborgen, aber vielleicht nicht so direkt sichtbar wie in meinen Romanen. Gerade deshalb habe ich es sehr genossen, sie zu schreiben – und mich auch selbst damit ein bisschen zum Erschauern zu bringen.

Es hat mir viel Freude bereitet, in diese neue Art von Geschichten einzutauchen – und ich hoffe sehr, dass auch Sie als Leser Freude daran haben werden.

 

Sehr herzlich,

im März 2012

Im Lächeln der Erinnerung

›So ein schöner Tag‹, sagt sie. Er geht pfeifend neben ihr her, und sie summt leise mit – eine Melodie, die sie gestern Abend in der Bar auf dem Klavier gehört haben und die ihnen jetzt im Kopf herumflattert wie ein Schmetterling im Marmeladenglas. Ihre Hand liegt fest in seiner, die so groß ist, dass ihre ganz darin verschwindet, und wenn man sie so sieht, könnte man sie fast für ein kleines Mädchen halten. Aber das ist sie nicht, sie ist die schönste Frau, die er jemals gesehen, jemals berührt, jemals gerochen hat. Als er ihr das sagt, lächelt sie, und obwohl sie es an diesem Morgen sicher schon ein Dutzend Mal gehört hat, wird es ihr nicht langweilig, im Gegenteil, bei jedem Kompliment strahlt sie noch ein bisschen mehr. Er schaut sie an, wie die Sonne auf ihren blonden Haaren schimmert und sie ganz zum Leuchten bringt, als wäre sie ein Engel. Hand in Hand überqueren sie den Merrion Square und lauschen dem fröhlichen Kinderlärm, den der Wind vom nahe gelegenen Spielplatz herüberträgt.

Auf einmal landet ein Stock direkt vor ihren Füßen, und sie stößt einen leisen Schrei aus. Aber dann fängt sie an zu lachen, und er neckt sie, weil sie so schreckhaft ist. Ein wenig verlegen lässt sie den Kopf für einen Moment an seiner Schulter ruhen, und der Duft ihres Shampoos steigt ihm in die Nase. Wasserlilie. ›Ich bin manchmal ganz schön albern‹, sagt sie. Doch das lässt er nicht gelten: Sie ist die am wenigsten alberne Frau, die er jemals gesehen, jemals berührt, jemals gerochen hat. Und wieder freut sie sich über sein Kompliment. In diesem Moment rennt ein Hund auf sie zu, ein großer blonder Labrador, so tollpatschig, als gehörten seine Pfoten gar nicht richtig zu ihm oder als hätte er viel zu große Schuhe an. Er stürzt sich auf den Stock, nimmt ihn ins Maul, macht kehrt und saust sofort wieder in die Richtung, aus der er gekommen ist. Sie drehen sich um und schauen ihm nach, wie er zu seinem Herrchen zurückrennt. Eifrig, pflichtbewusst. Der Hundebesitzer winkt entschuldigend zu ihnen herüber. ›Kein Problem‹, ruft sie. ›So ein schöner Tag heute, nicht wahr?‹, fügt sie hinzu, und der Mann gibt ihr recht. Alle sind dieser Meinung.

Langsam gehen sie weiter. Die Luft ist erfüllt von Juli-Düften, es grünt und blüht, und seine Nase fängt an zu jucken. Sie weiß, dass er Heuschnupfen hat, und obwohl er heute noch kein einziges Mal geniest hat, drückt sie ihm schnell ein Taschentuch in die Hand. So gut kennt sie ihn. Er nimmt das weiße Taschentuch mit den eingestickten rosa Initialen entgegen, ein Geschenk ihrer Mutter. Nachdem er sich ordentlich die Nase geputzt hat, gibt er es ihr mit großer Geste zurück. Wieder lacht sie. Die Lachfalten um ihren Mund erinnern ihn an die kleinen Wellen, die sich auf einem See ausbreiten, wenn man einen Stein hineinwirft. Leicht, fließend, natürlich. Wunderschön.

Er ist weder Arzt noch Wissenschaftler, und obwohl ein paar Leute denken, er sei Psychologe, ist auch das nicht korrekt. Er ist einfach ein Mann, der geliebt und eine Menge Erfahrung gesammelt hat, nicht nur für das, was er jetzt tut und wodurch er weltbekannt geworden ist, sondern für sein ganzes Leben.

Im Keller eines georgianischen Hauses am Fitzwilliam Square ist das futuristische Gerät in historischer Kulisse untergebracht. Trotz der großen Fenster sind die Räume dunkel, die Möbel fühlen sich kalt und feucht an, obgleich ständig die Heizung läuft, und die Klienten des Mannes sind häufig überrascht, wenn sie zum ersten Mal herkommen. Zwar wissen sie nicht genau, was sie erwartet haben, aber ganz bestimmt nicht das, was sie hier vor sich sehen.

Einige Leute verehren den Mann, aber die meisten ärgern sich über ihn, weil sie meinen, dass er mit etwas herumpfuscht, was ihnen in der Welt am natürlichsten erscheint – mit den Gedanken, dem Gedächtnis. Und was verursacht nun diese weltweite Debatte, was bringt die Menschen dazu, ihn entweder zu bewundern oder zu verfluchen?

Verantwortlich dafür ist ein Apparat, eine Maschine. Allgemein wird das Gerät als Erinnerungsgenerator bezeichnet, aber so würde der Mann es niemals nennen. Die Maschine erschafft ja keine Erinnerungen, das können nur die Gedanken, die Phantasie – seiner Meinung nach ist sogar das Herz noch wesentlich mehr beteiligt, aber darauf möchte er nicht näher eingehen –, und erst wenn die Gedanken eine Erinnerung erzeugt haben, speichert die Maschine sie in den Gedächtniskarteien ab, als wären sie ebenso real, authentisch und unvergesslich wie alles andere, was dort aufbewahrt wird. Die neuen Erinnerungen sind Erinnerungen, die der betreffende Mensch sich wünscht – Erinnerungen, die er vielleicht schon vergessen hat und auffrischen muss, und vielleicht hat er sogar schon vergeblich versucht, sie nachzubilden. Die Gedanken erschaffen die Erinnerungen ja selbst immer wieder neu. Damit sie überleben. Und der Apparat hat auch seinem Erfinder geholfen zu überleben. Mehr noch: ihn am Leben gehalten. Ihm einen Lebenssinn gegeben. Den er nicht mehr hatte.

Genau genommen hat er die Erfindung dem Zufall zu verdanken. Entgegen der allgemeinen Überzeugung hat er nicht jahrelang an dem Apparat herumexperimentiert und -getüftelt, weil er nach einer Methode gesucht hat, um seine Vergangenheit hinter sich lassen zu können, diese große Traurigkeit, über die er mit niemandem spricht. Und er glaubt auch nicht, dass ihn das Schicksal dorthin geführt hat, wo er jetzt ist. Er glaubt nicht an das Schicksal. Zufälle passieren, manchmal gute, manchmal schlechte, Unfälle oder Glücksfälle. Es war auch Zufall, dass er, als er zu Hause mit seinen Drähten und Geräten herumgespielt hat, eine Methode gefunden hat, wie der Apparat das Hirn dazu bringen kann, Erinnerungen zu erschaffen. Ein Zufall, weiter nichts. Aber natürlich ein günstiger Zufall. Die meisten Zufälle sind ja leider eher Unfälle.

Inzwischen hat er die Maschine perfektioniert, und es strömen Menschen herbei, aus aller Herren Länder, erschöpfte, verzweifelte Seelen, die Frieden suchen.

Wenn ein Journalist vor ihm sitzt, erkennt der Mann das sofort. Er sieht es an ihren Blicken. Zwar erkennt er darin wie bei seinen normalen Klienten, dass sie sich etwas wünschen, aber es ist die falsche Art von Wunsch. Diese Menschen sind gierig. Obwohl es auch solche gibt, die in der Absicht zu ihm kommen, etwas Positives über seine Maschine und über ihn zu schreiben, weiß er doch, dass die meisten es darauf abgesehen haben, sein Werk zu zerstören. Diese Leute verstehen nicht, was er erschaffen hat, viele fürchten sich auch davor, aber die meisten sind einfach zu zynisch, um sich der Schönheit seiner Erfindung zu öffnen. Dem Mann ist das im Grunde vollkommen gleichgültig. Er durchschaut die Menschen, sobald sie durch seine Tür treten und sich fragend umsehen – ihre Augen durchsuchen ihn und sein Haus und seine Maschine wie bei einem Verhör. Ihr Besuch hat nicht den Zweck, etwas zu lernen oder sich weiterzuentwickeln – obwohl sie das alle gebrauchen könnten. Denn warum sollten sie einen solchen Hass auf Dinge hegen, die gar nichts mit ihnen zu tun haben?