Solo - William Boyd - E-Book

Solo E-Book

William Boyd

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Beschreibung

William Boyd, Meister der Täuschung und des doppelten Spiels, ist prädestiniert wie kein zweiter, den neuen James Bond zu schreiben. Seit »Ruhelos« gilt er als Großer der Spionageliteraturund führt nun erstmals 007 selbst auf Abwege – großartigerNervenkitzel für alle Boyd-Leser und Bond-Fans. Von Ian Fleming Publications auserkoren, der berühmtesten Agentenfigurder Welt neues Leben einzuhauchen, hat William Boyd ein raffiniert-verwickeltes Bond-Abenteuer geschrieben. Klassisch, voll unerwarteter Wendungen, mit zwei enigmatischenBondgirls und endlich wieder einem 007, der Wodka Martini trinkt, geschüttelt, nicht gerührt. Der Countdown läuft: www.jamesbondsolo.co.uk

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www.berlinverlag.de

Für Susan

Aus dem Englischen von Patricia Klobusiczky

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Berlin Verlag erschienenen Buchausgabe

1. Auflage 2013

ISBN 978-3-8270-7617-5

Wir danken Dietrich H. Fischer für die freundlich erteilte Abdruckgenehmigung seiner Übersetzung des Gedichtes Hinweise auf die Unsterblichkeit.

© 2003 Dietrich H. Fischer

Die Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel Solo bei Jonathan Cape, London

© 2013 Ian Fleming Publications Limited

James Bond and 007 are registered trademarks of Danjaq LLC,

used under licence by Ian Fleming Publications Ltd.

Für die deutsche Ausgabe

© Berlin Verlag in der Piper Verlag GmbH, Berlin 2013

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, München

Datenkonvertierung: Greiner & Reichel, Köln

»Nicht dafür hub ich an zu dieser Ode,

dem Dank gewidmet und dem Lobe:

Nein, jenen widerspenst’gen Fragen bin ich zugewandt,

was durch die Sinne von der Außenwelt bekannt,

was wir verloren, was entschwand –

den schieren Ängsten einer Kreatur,

in Welten sich bewegend, die sie nicht erfassen kann …«

William Wordsworth, Hinweise auf die Unsterblichkeit

Vorbemerkung des Autors

Beim Verfassen dieses Romans habe ich mich an die Chronologie und biografischen Details in James Bonds »Nachruf« gehalten, der in Man lebt nur zweimal abgedruckt ist, dem letzten James-Bond-Roman, der noch zu Ian Flemings Lebzeiten veröffentlicht wurde. Und so darf man annehmen, dass er die verbindlichen Fakten enthält, die Bonds Schöpfer der Nachwelt hinterlassen wollte. Damit werden diverse Ungereimtheiten aus den früheren Romanen aufgehoben. Folgerichtig übernehme ich hier für James Bond das Geburtsjahr, das Ian Fleming ihm schlussendlich zugedacht hat: 1924.

TEIL EINS:

EINBRUCH UND DIEBSTAHL

1. Im Traum beginnt Verantwortung

James Bond träumte. Seltsamerweise wusste er auf Anhieb, wo und wann der Traum sich abspielte – es war im Krieg und er war sehr jung und lief allein auf einem eingesunkenen Feldweg in der Normandie, inmitten von dichten Schlehenhecken. In seinem Traum bog Bond ab und erblickte in einem flachen Graben am Rand des schlammigen Pfads die durchnässten, zusammengedrängten Leichen von drei britischen Fallschirmjägern. Schockiert hielt er inne – der leblose Haufen schien auf eigenartige Weise Teil des Erdreichs zu sein, er erinnerte eher an ein aufkeimendes Gewächs als an menschliche Wesen –, aber von hinten kam wütendes Gebrüll, er solle weitergehen. Jenseits des Grabens schritt ein Bauer hinter seinem Kaltblütergespann einher und pflügte geschäftig seinen Acker, als fände der Krieg nicht statt und als hätten diese toten Männer und die kleine Kommandopatrouille, die bang und wachsam seinen Wirtschaftsweg entlangging, absolut nichts mit seinem Alltag zu tun –

Bond fuhr aus dem Schlaf hoch. Der Traum hatte ihn durch seine ungeheure Anschaulichkeit und gespenstische Präzision nachhaltig verstört. Sein Herz pochte vernehmlich, als liefe er immer noch zielstrebig über diesen schlammigen Weg an den toten Fallschirmjägern vorbei. Er dachte über den Zeitpunkt nach: Er konnte ihn genau benennen – es war am späten Vormittag des 7. Juni 1944 gewesen, einen Tag nach der Invasion in Frankreich – am Tag nach dem D-Day. Warum träumte er vom Krieg? Bond verirrte sich nur selten in den finsteren Wald seiner Erinnerungen an damals. Mit beiden Händen fuhr er sich durchs Haar und schluckte. Er hatte Halsschmerzen. Zu viel Alkohol am Vorabend? Er griff nach dem Wasserglas auf seinem Nachttisch und trank ein paar große Schlucke. Dann legte er sich wieder hin, um über die Ereignisse vom 7. Juni 1944 zu sinnieren.

Mit einem grimmigen Lächeln stand er schließlich auf und ging nackt ins Bad. Das Dorchester verfügte über die besten Duschen ganz Londons, mit kraftvollem Wasserstrahl, der seine Haut auf fast schmerzhafte Weise zum Prickeln brachte, während die traumatischen Erinnerungen an jenen Tag im Jahr 1944 langsam fortgespült wurden. Die letzten zwanzig Sekunden duschte er kalt. Allmählich wurde es Zeit für das Frühstück. Sollte er es im Zimmer oder unten im Speisesaal einnehmen? Unten, beschloss er, dort würde alles frischer sein.

Bond rasierte sich und schlüpfte in einen Anzug aus dunkelblauem Kammgarn, kombiniert mit einem hellblauen Hemd und einer schwarzen Seidenstrickkrawatte. Als er den Knoten festzog, fielen ihm unwillkürlich weitere Details ein. Damals war er neunzehn Jahre alt, Leutnant im Sicherheitsdienst der Marine-Freiwilligenreserve und als »Beobachter« der BRODFORCE zugeteilt, die zur 30 Assault Unit gehörte, einem Elitekommando, das Geheimnisse der Gegenseite – Dokumente, Akten und Verschlüsselungsgeräte – aufspürte und alle Plünderungen, die nach der Schlacht zulässig sind, durchführte. Tatsächlich hielt Bond Ausschau nach einer neuen Version der Chiffriermaschine, die die Wehrmacht benutzte, und wollte durch rasches Eingreifen den Feind überrumpeln und jede Gegenwehr von vornherein ausschließen.

Am D-Day und am Tag danach landeten verschiedene kleine Untereinheiten der 30 AU an den Stränden der Normandie. BRODFORCE war die kleinste, nur zehn Kommandosoldaten, mit einem Offizier, Major Niven Brodie – und Leutnant Bond. Eine Stunde nach Sonnenaufgang hatten sie im Jig-Sektor von »Gold Beach« ihr Landungsboot verlassen und wurden in einem Armeelaster nach Sainte Sabine gebracht, einem Provinzstädtchen unweit des Chateau Malflacon, Hauptquartier der SS in dieser Region. Von dort aus rückten sie gemeinsam mit einem Vorstoßtrupp der Kanadischen Infanterie zu Fuß über die tiefen, schmalen Wege der normannischen Bocage vor. Der Vorstoß vom »Gold Beach« ins Hinterland war so schnell erfolgt, dass es keine richtige Front gab. BRODFORCE eilte den britischen und kanadischen Einsatzkräften voraus, um sich so schnell wie möglich die Beute einzuverleiben, die sie im Chateau Malflacon vorfinden würden. Und als sie unterwegs die toten Fallschirmjäger gesehen hatten, war es Major Brodie höchstselbst, der Bond angeherrscht hatte, er solle weitergehen …

Bond kämmte sich und strich die widerspenstige Locke zurück, die ihm ständig in die Stirn fiel. Vielleicht sollte er sich anders frisieren, so wie dieser Fernsehfritze – wie hieß er doch gleich? –, mit einem kurzen Pony, ganz ohne Scheitel, wie es jetzt Mode war. Nein, dachte er, pas mon style. Wieder schluckte er – er hatte wirklich Halsschmerzen. Er verließ das Zimmer, schloss die Tür ab und ging zum Lift. Während er den Knopf drückte, dachte er, ja, Rührei mit Speck, jede Menge Kaffee, eine Zigarette, dann wäre alles wieder im Lot –

Die Lifttüren öffneten sich.

»Guten Morgen«, sagte eine Frauenstimme von drinnen.

»Morgen«, erwiderte Bond mechanisch und trat hinein. Den Duft erkannte er auf Anhieb – die Vanille- und Irisnoten von Guerlains Shalimar. Ein unvergesslicher Duft, den seine Mutter früher benutzt hatte. Ihm war, als hätte er die Tür zu seiner Kindheit geöffnet. So vieles aus seiner Vergangenheit stürmte heute auf ihn ein, dachte Bond und blickte zu der Frau, die in der Ecke lehnte. Sie lächelte ihm zu, mit einer fragend hochgezogenen Augenbraue.

»Alles Gute zum Geburtstag?«, sagte sie.

»Woher wissen Sie, dass ich Geburtstag habe?« Bond gelang es mit einiger Mühe, nicht allzu überrascht zu klingen.

»War bloß geraten«, erklärte sie. »Es ist mir nicht entgangen, dass Sie gestern Abend gefeiert haben. Genau wie ich – das merkt man sofort. Feiernde unter sich.«

Bond räusperte sich, die Hand am Krawattenknoten, und rief sich den Vorabend in Erinnerung. Die Frau hatte ebenfalls im Speisesaal gesessen, ein paar Tische von ihm entfernt.

»Stimmt«, sagte er etwas zerknirscht. »Ich habe Geburtstag …« Er spielte auf Zeit, sein Verstand kam nur langsam in Gang. An diesem Morgen war er definitiv nicht auf dem Posten. Der Lift surrte nach unten in die Lobby.

»Und Sie … was haben Sie gefeiert?«, fragte er. Jetzt fiel es ihm wieder ein – sie hatten beide Champagner getrunken und einander von fern zugeprostet.

»Den vierten Jahrestag meiner Scheidung«, antwortete sie trocken. »Das ist mittlerweile ein festes Ritual. Ich gönne mir Cocktails, ein festliches Abendessen, Jahrgangschampagner und eine Nacht im Dorchester – und dann schicke ich ihm die Rechnung.«

Die Frau war hochgewachsen, langgliedrig, Bonds Schätzung nach etwa Mitte dreißig, sie hatte ein schönes, markantes Gesicht und dicke, honigblonde Haare, schulterlang und in einer schwungvollen Welle nach außen frisiert. Blaue Augen. Skandinavierin? Sie trug einen einteiligen Hosenanzug aus marineblauem Jersey mit einem auffälligen goldenen Reißverschluss, der knapp oberhalb der Lenden ansetzte und bis zum Hals reichte. Der enganliegende Stoff brachte ihre vollen Brüste zur Geltung, wie Bond anerkennend registrierte. Für den Bruchteil einer Sekunde flackerte Lust in seinen Augen auf, ein bewusstes Signal, das von seinem Gegenüber sofort erwidert wurde: Botschaft angekommen.

Die Lifttüren gingen mit einem »Ping« auf – Erdgeschoss.

»Einen schönen Tag noch«, sagte sie lächelnd und entschwand in die weitläufige Lobby.

Im Speisesaal bestellte Bond eine große Portion Rührei und dazu ein halbes Dutzend Scheiben grünen Speck, gut durchgebraten. Während er auf sein Frühstück wartete, nahm er einen tüchtigen Schluck starken, schwarzen Kaffee und steckte sich die erste Zigarette des Tages an.

Man hatte ihm den gleichen Tisch zugewiesen wie am Vorabend. Die Frau hatte zu seiner Linken gesessen, drei Tische weiter in der Ecke, so dass Bond den Kopf nur leicht zu drehen brauchte, um eine perfekte Sicht zu haben und ihr eine ebenso perfekte Sicht zu bieten. Vor dem Essen hatte Bond zwei Dry Martinis im Fielding’s getrunken, dem privaten Spielkasino, wo er beim Chemin de fer binnen zwanzig Minuten fast hundert Pfund verlor, aber davon wollte er sich auf keinen Fall den Abend verderben lassen. Zur Vorspeise, gebratenen schottischen Jakobsmuscheln mit einer Beurre-Blanc-Sauce, hatte er eine Flasche Taittinger Rosé 1960 bestellt, und als er das Glas erhob, um sich selbst – im Stillen – zum 45. Geburtstag zu gratulieren, fiel ihm die Frau ins Auge, die wenige Tische von ihm entfernt mit einer geradezu spiegelbildlichen Geste ebenfalls ihr Champagnerglas erhob. Ihre Blicke trafen sich – Bond zuckte mit den Schultern, lächelte und prostete ihr amüsiert zu. Sie prostete zurück, und damit war die Sache für ihn erledigt gewesen. Als sie ging, nahm er gerade die Flasche Chateau Batailley 1959 in Augenschein, die er zum Hauptgang – Rinderfilet, blutig, mit Pommes dauphinoises – trinken wollte, so dass er die Frau kaum wahrgenommen hatte, als sie flink an seinem Tisch vorbeilief. Er bemerkte nur, dass sie groß und blond war, ein cremefarbenes Kleid trug und ihre Schuhe mit kleinen, klobigen goldenen Absätzen versehen waren, die im Licht der Tischlampen aufleuchteten, als sie den Speisesaal verließ.

Er streute ein bisschen Pfeffer auf sein Rührei. Eine ordentliche Mahlzeit war die erste unabdingbare Voraussetzung für einen gelungenen Start in den Tag. Er hatte seiner Sekretärin gesagt, dass er nicht ins Büro kommen würde – das war Teil seines Geschenks an sich selbst. Unmöglich, seinen 45. Geburtstag mit der Aussicht auf einen ganz gewöhnlichen Arbeitstag zu begehen, genauso unmöglich, wie ihn ohne ein anständiges Frühstück zu beginnen. Er bestellte ein weiteres Kännchen Kaffee – die heiße Flüssigkeit tat seinem Hals gut. Seltsam, dass diese Frau im Lift aufgetaucht war, noch seltsamer, dass sie seinen Geburtstag erraten hatte … Komischer Zufall. Er rief sich einen der wichtigsten Leitsätze seines Berufsstands in Erinnerung: Was nach Zufall aussieht, ist höchstwahrscheinlich keiner. Dessen ungeachtet gab es im Leben ständig echte Zufälle, das war nicht zu leugnen. Außerdem war diese Frau sehr attraktiv. Ihm gefiel die Art, wie sie sich frisierte. Gepflegt, aber natürlich –

Der Oberkellner bot ihm ein Exemplar der Times an. Bond warf einen Blick auf die Schlagzeile – »Vietcong-Offensive mit herben Verlusten abgewehrt« – und winkte ab. Heute nicht, vielen Dank. Dieser Reißverschluss an ihrem Anzug – ihrem Catsuit – war die reinste Provokation, er schrie danach, aufgezogen zu werden. Bond lächelte insgeheim, während er sich den Vorgang ausmalte, und trank weiter Kaffee – noch gehörte er nicht zum alten Eisen.

Bond kehrte in sein Zimmer zurück und packte ein, was er am Vorabend getragen hatte, Smoking, Hemd und Unterwäsche. Dann steckte er seinen Kulturbeutel in die Reisetasche und vergewisserte sich, dass er nichts vergessen hatte. Wegen seiner Schmerzen würde er ein paar Aspirin nehmen müssen. Der Kaffee hatte sie vorübergehend gelindert, doch jetzt fühlte sich sein Hals dick und geschwollen an, er konnte kaum schlucken. Grippe? Eher eine Erkältung – Fieber hatte er zum Glück nicht. Außerdem stand ihm der ganze Tag zur freien Verfügung – er musste zwar ein paar Pflichten nachkommen, aber er würde sich auch etliche Geburtstagsfreuden genehmigen.

Am Empfang scharte sich ein Dutzend japanische Touristen, die offenbar alle gleichzeitig nach der Rechnung verlangten. Bond nahm eine Zigarette aus seinem Etui und stellte dabei leicht beunruhigt fest, dass er am Vorabend mehr als dreißig geraucht haben musste. Er hatte das Etui aufgefüllt, bevor er ins Kasino ging. An diesem Tag verbat sich allerdings jeder Gedanke an Verzicht und Selbstdisziplin, ganz im Gegenteil, er wollte ihn in vollen Zügen genießen. Just als er sein Feuerzeug aus der Tasche holte, stieg ihm wieder der Duft von Shalimar in die Nase und eine vertraute Frauenstimme fragte: »Hätten Sie mal Feuer für mich?«

Während Bond ihr Feuer gab, hielt sie seine Hand mit zwei Fingern fest. Zu ihren Füßen lag eine kleine Reisetasche aus cremefarbenem Leder. Sie checkte also ebenfalls aus – Zufall? Bond steckte seine Zigarette an und sah ihr direkt in die Augen. Sie blies den Rauch seitlich weg und erwiderte ungerührt seinen Blick.

»Folgen Sie mir oder folge ich Ihnen?«, sagte sie.

»Wir laufen uns recht oft über den Weg, so viel steht fest«, antwortete er. Er streckte die Hand aus. »Mein Name ist Bond, James Bond.«

»Bryce Fitzjohn.« Beim Händeschütteln bemerkte Bond mit Wohlgefallen, dass sie kurze, unlackierte Fingernägel und einen festen Händedruck hatte. »Feiern Sie Ihren Geburtstag immer allein?«

»Nicht immer«, sagte Bond. »Dieses Jahr war mir einfach nicht nach Gesellschaft.«

Sie blickte auf, als die Japaner sich zerstreuten.

»Na endlich«, sagte sie. Bond meinte den Hauch eines Akzents zu erkennen. Bryce Fitzjohn – Irin?

»Nach Ihnen«, sagte Bond.

Sie öffnete ihre Handtasche und zog eine Visitenkarte heraus.

»Meinen Scheidungstag begehe ich am Schluss immer mit einer kleinen Cocktailparty. Heute Abend bei mir. Es kommen ein paar unterhaltsame und interessante Leute. Sie sind herzlich eingeladen. Um sechs geht es los, und dann sehen wir, wie sich der Abend entwickelt.«

Bond nahm die Visitenkarte entgegen – jetzt läuteten bei ihm ganz leise die Alarmglocken. Sie spielte mit offenen Karten. Die blauen Augen waren aufrichtig. Ich würde Sie gern wiedersehen, war die Botschaft – und vielleicht könnten wir uns später auch anders verlustieren, lautete der Subtext.

»Leider bin ich schon vergeben«, sagte Bond mit einem verbindlichen Lächeln und steckte die Karte dennoch ein. »Das bedaure ich sehr.«

»Macht nichts«, sagte sie fröhlich. »Vielleicht treffen wir uns nächstes Jahr hier. Auf Wiedersehen, Mr Bond.«

Während sie zum Empfang schlenderte, ließ Bond die Rückseite ihrer perfekten Figur auf sich wirken. Er hatte genau das Richtige getan, es war die korrekte Vorgehensweise, und trotzdem fragte er sich, ob seine entschiedene Ablehnung nicht ein wenig voreilig gewesen war …

Bond fuhr mit dem Taxi zu seiner Wohnung in Chelsea. Als sie auf den Sloane Square bogen, hellte sich seine Stimmung auf. Der Sloane Square und die Albert Bridge waren die beiden Londoner Wahrzeichen, die sein Herz zu jeder Tages-, Nacht- und Jahreszeit höher springen ließen – hier war er zu Hause. Er wohnte gern in Chelsea – »jener belaubte stille kultivierte Spielraum …, wo ich werkte und wanderte«. Von wem stammten diese Zeilen? Spielt keine Rolle, dachte er, als er den Taxifahrer bat, ihn kurz vor dem baumbestandenen Wellington Square abzusetzen, denn sie drückten so oder so genau das aus, was er empfand. Er schlenderte über den Square zu seiner Haustür und noch während er in seinen Taschen nach dem Schlüssel suchte, machte ihm seine Haushälterin Donalda auf.

»Ach, schön, dass Sie wieder da sind, Sir. Wir haben leider ein Problemchen – die Maler haben im Wohnzimmer eine feuchte Stelle entdeckt.«

Bond folgte ihr in die Wohnung und ließ seine Reisetasche im Flur stehen. Donalda arbeitete seit sechs Monaten für ihn – sie war die Nichte von May, seiner langjährigen, treu ergebenen Haushälterin, die nach langem Zaudern schließlich doch in den Ruhestand getreten war, als sich Arthritis bemerkbar machte. May hatte sie ihm empfohlen: »So bleibt alles in der Familie, Mr James. Wir stehen uns sehr nah.« Donalda war eine schlanke junge Frau Ende zwanzig, wirkte streng und lächelte kaum. Sie schminkte sich nie und trug einen kurzen Pagenkopf mit Stirnfransen – in Bonds Augen eine Nonnenfrisur. Vermutlich hätte sie nur ein bisschen Mühe investieren müssen, um anziehender zu erscheinen, aber die Übergabe von Mays Verantwortungsbereich war so reibungslos vonstattengegangen, dass er nicht den geringsten Wunsch verspürte, diesen geregelten Ablauf in irgendeiner Weise zu stören. Nach einer zweiwöchigen Einarbeitungsphase, in der beide Frauen sich gemeinsam um seinen Haushalt gekümmert hatten, war May verschwunden und Donalda an ihre Stelle getreten. Für ihn hatte sich rein gar nichts geändert: Sein Kaffee war so stark wie immer, sein Rührei hatte die gleiche Konsistenz, seine Hemden wurden weiterhin perfekt gebügelt, die Einkäufe erledigt, die ganze Wohnung makellos sauber gehalten. Donalda hatte sich so nahtlos in seinen Alltag eingefügt, als hätte sie von Kindesbeinen an dafür geübt.

Bond betrat das Wohnzimmer. Die Teppiche waren zusammengerollt, die hohen Regale leer – seine Bücher allesamt in Kisten verpackt und eingelagert –, die Dielen bloß und die Möbel in die Mitte des Raums geschoben und mit Planen bedeckt. Der beißende Geruch frischer Farbe kitzelte ihn in der Nase. Tom Doig, der Innenarchitekt, zeigte ihm den feuchten Fleck, der beim Verrücken eines Schreibschranks in der Westecke zum Vorschein gekommen war. Bond erteilte ihm etwas unwillig die Erlaubnis, nach den Ursachen zu forschen, und stellte ihm für die noch anstehenden Arbeiten einen Scheck über 125 Pfund aus. Seit Jahren hatte er sich vorgenommen, seine Wohnung renovieren zu lassen. Die Lage und die Größe sagten ihm sehr zu und er wollte auf keinen Fall umziehen. Außerdem betrug die Vertragslaufzeit noch 44 Jahre. Bond rechnete – dann bin ich 89, wenn ich es überhaupt so lange mache. Was für einen Mann in seiner Branche äußerst unwahrscheinlich war. Der Gedanke ärgerte ihn – was kümmerte ihn die Zukunft? Was ihn interessierte und beglückte, war das Hier und Jetzt. Wie zum Beweis verbrachte er eine geschlagene Stunde damit, sämtliche Renovierungsarbeiten, die Doig bereits abgeschlossen hatte, zu überprüfen. An allem fand er etwas zu bemängeln.

Nachdem er Doig und seine Leute nachhaltig vergrätzt und verunsichert hatte, sagte er Donalda, sie brauche für ihn kein kaltes Abendessen vorzubereiten (um sechs hatte sie Feierabend), und ließ die Handwerker allein, so dass sie hinter seinem Rücken über ihn herziehen konnten.

Draußen schien eine diesige Nachmittagssonne, und die Luft war angenehm mild. Er bummelte in Richtung Westen über die King’s Road zum Café Picasso, um dort ein spätes Mittagessen einzunehmen. So belebt die King’s Road war, stellte Bond fest, dass er gar kein Auge hatte für die bunte Parade von Kauflustigen, Selbstdarstellern, Neugierigen, für die unbekümmerten, gut betuchten jungen Leute in ihren geradezu karnevalesken Aufzügen. Es gab da etwas (ein Geräusch oder vielleicht ein flüchtiges Bild), das die Erinnerung an seinen morgendlichen Traum wieder wachgerufen hatte, und er befand sich erneut in Nordfrankreich, im Jahr1944, und lief durch einen alten Eichenwald auf ein einsames Schloss zu …

Für Bond sah es ganz danach aus, als wäre das Chateau Malflacon am D-Day einem Raketenangriff durch eine Hawker Typhoon zum Opfer gefallen. Die klassische Fassade war mit den flachen Einschlägen von RP-3-Raketen übersät und der linke Schlossflügel war komplett ausgebrannt, der verkohlte Dachstuhl schwelte noch im blassen Sonnenlicht. Bizarrerweise lag ein totes Shetlandpony auf der ovalen Rasenfläche, die vom Kiesrund der Einfahrt eingefasst wurde. Weit und breit war kein Fahrzeug zu sehen, und alles wirkte still und verlassen. Die Männer der BRODFORCE duckten sich unter die Bäume des dicht bewaldeten Schlossparks und warteten, während Major Brodie das Gebäude durch sein Fernglas musterte. Bond erinnerte sich an lautes Vogelgezwitscher. Es wehte eine leichte, kühle Brise.

Major Brodie schlug dann vor, dass Korporal Dave Tozer und Leutnant Bond sich anschleichen und die Rückseite des Schlosses erkunden sollten. Er würde ihnen zehn Minuten Vorsprung gewähren, bevor die restlichen Männer durch den Vordereingang stürmten, das Gebäude besetzten und mit der Durchsuchung anfingen.

Damals war die Sonne genauso blass und diesig wie heute, dachte Bond auf dem Weg zum Café Picasso – deswegen musste er an jenen 7. Juni zurückdenken, es war auch so ein lindlauer, friedlicher, zitronengelber Tag gewesen. Dave Tozer und er hatten sich quer durch den Wald geschlagen und waren an einem leeren Stallgebäude vorbeigeflitzt, bevor sie schließlich einen stattlichen, wenngleich vernachlässigten und dornenüberwucherten Obstgarten erreichten. Es waren vor allem Apfel-, Quitten- und Birnbäume, insgesamt rund sechzig oder siebzig, doch darunter befanden sich hier und da auch ein paar Kirschbäume, die bereits büschelweise dicke, braunrote Früchte trugen. »Na so was«, hatte Tozer gerufen und grinsend eine große Handvoll gepflückt. »Die sollten wir uns greifen, bevor die anderen kommen.« Bond wollte gerade die Hand heben, um Tozer zur Vorsicht zu mahnen, als er Holzrauch roch. Außerdem glaubte er, hinter dem Obstgarten Stimmen zu hören, während Tozer weiterhin auf die leuchtenden Kirschen zuhielt und dabei ein Kaninchenloch übersah. Sein linker Fuß verfing sich darin, und Tozer verdrehte sich den Knöchel, der mit einem vernehmlichen Knacksen brach, wie trockenes Kleinholz, das Feuer fängt.

Tozer ächzte vor Schmerz, doch da er die Stimmen inzwischen auch gehört hatte, verkniff er sich jeden Schrei. Er winkte Bond zu sich und flüsterte: »Nehmen Sie meine Sten.« Bond war selbst bewaffnet. Er zog seinen Webley-Revolver Kaliber .38 aus dem Gürtelhalfter und überreichte ihn widerstrebend Tozer, bevor er dessen Maschinenpistole aufhob und vorsichtig nach hinten schlich, in Richtung der Männerstimmen …

Bond setzte sich an einen Tisch draußen vor dem Café Picasso, immer noch in Gedanken versunken. Beim Blick in die Speisekarte zwang er sich zur Konzentration und bestellte bei der Kellnerin eine Portion Lasagne und ein Glas Valpolicella. Beruhige dich, ermahnte er sich, das ist vor einem Vierteljahrhundert passiert – in einem anderen Leben. Die Eindrücke, die er heraufbeschwor, waren aber so frisch, als stammten sie aus der vergangenen Woche. Die dicken, glänzenden Kirschen, Dave Tozers verzerrtes Gesicht, die Rauchschwaden und der Klang deutscher Stimmen – all das kam ihm mit überwältigender Klarheit wieder in Erinnerung.

Er sah sich um, froh über die Ablenkung, die ihm das ausgefallene Publikum des Cafés Picasso bot – dunkeläugige junge Frauen in kurzen Kleidchen, langhaarige junge Männer in Knautschsamt und Schaffellmänteln, ein ständiges Kommen und Gehen. Während er sein spontanes, spätes Mittagessen verzehrte, ließ er immer wieder den Blick schweifen. Er bestellte noch ein Glas Wein und einen Espresso und bewunderte die Brüste der jungen Frau am Nebentisch, die samt der kleinen Brustwarzen unter ihrer transparenten Gazebluse deutlich zu erkennen waren. Die aktuelle Mode hatte durchaus ihre Vorzüge, dachte Bond, den die zwanglose Erotik dieses Anblicks aufheiterte. Die junge Frau mit der durchsichtigen Bluse küsste nun hingebungsvoll ihren Freund, dessen Hand auf ihrem Oberschenkel ruhte.

Bond steckte sich eine Zigarette an und dachte unwillkürlich an die Frau aus dem Dorchester – Bryce Fitzjohn –, die ihm binnen knapp zwölf Stunden so oft begegnet war. War das verdächtig? Er spielte in Gedanken verschiedene Erklärungen durch, die ihm alle nicht schlüssig erschienen. Wie konnte sie wissen, dass er sich im Dorchester aufhielt? Wie konnte sie voraussehen, wann er in den Lift steigen würde? Das war unmöglich. Vielleicht nicht unmöglich, aber äußerst unwahrscheinlich. Allerdings hätte sie durchaus in der Lobby warten können, bis er auscheckte … Aber das ergab insgesamt keinen Sinn. Er zog ihre Visitenkarte aus der Tasche: Sie wohnte in Richmond. Eine Cocktailparty um sechs mit einigen »unterhaltsamen und interessanten« Freunden …

Er drückte seine Zigarette aus und rief nach der Rechnung. Die hochgewachsene Frau mit der anziehenden Figur ging ihm nicht aus dem Sinn. Er spürte ein Aufzucken animalischen Begehrens in den Lenden. Triebhaftes Verlangen. Dieser prähistorische Instinkt –die da gehört mir. Das hatte er schon lange nicht mehr empfunden, wie er sich eingestehen musste. Sie war nun mal eine sehr attraktive Frau, das Ausschlaggebende war jedoch, dass sie ihn offensichtlich ebenfalls attraktiv fand. Vielleicht sollte er sich näher mit ihr befassen – ohnehin die übliche Vorgehensweise –, vielleicht hatten sich die Glücksgötter verschworen, um ihm ein Geburtstagsgeschenk zukommen zu lassen. Er warf ein paar Pfundnoten und ein paar Münzen auf den Tisch, um die Rechnung inklusive Trinkgeld zu begleichen, und hielt dann auf der King’s Road ein Taxi an.

2. Der Jensen FF

»Das sind Sie ja wieder, Mr Bond, schön, Sie zu sehen«, sagte der Händler mit einem breiten, aufrichtigen Lächeln, während Bond den schokoladenbraunen Jensen Interceptor I umkreiste. Der Sportwagen stand auf dem Vorplatz eines Autohauses an der Park Lane in Mayfair. Bond war bereits dreimal da gewesen, um sich den Interceptor anzusehen, und das bescherte ihm diesen herzlichen Empfang. Wie hieß der Händler doch gleich? Brian, genau, Brian Richards. Bonds Bentley stand gerade nicht zur Verfügung, weil die Gangschaltung ausgetauscht werden musste. Das hochbetagte, innig geliebte Fahrzeug, das über die Jahre umsichtig an die Bedürfnisse seines Halters angepasst worden war, litt zunehmend an Altersschwäche und an den Folgen seiner bewegten Geschichte. Um es fahrtüchtig zu halten, musste Bond immer höhere Summen investieren. Es war wie bei einem alten Rassepferd – es wurde Zeit, den Bentley in den Ruhestand zu schicken. Aber womit sollte er ihn ersetzen? Moderne Autos gefielen Bond nicht besonders er hatte Probefahrten mit einem Jaguar ype und einem unternommen, aber sie ließen ihn beide kalt. Der Interceptor war jedoch anders er hatte Format und lockte ihn immer wieder in die Park Lane.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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