Sommer der Versöhnung - Darcie Chan - E-Book
Beschreibung

"Meine Töchter, ihr seid mein Ein und Alles. Dass ausgerechnet ihr euch nicht mehr versteht, ist für mich unbegreiflich. Ich weiß, dass ihr beide schrecklich gelitten habt. Doch nun ist die Zeit gekommen, all das endlich hinter euch zu lassen. Eure Mutter Josie" Emily und Rose waren unzertrennlich, bis ein tödlicher Unfall ihre Leben zerstörte. Emily gab Rose die Schuld an dem schrecklichen Unglück, und Rose drohte unter dieser Last zu zerbrechen. Beide Schwestern haben Mill River schon vor Jahren den Rücken gekehrt. Erst der Abschiedsbrief ihrer Mutter bringt sie wieder zusammen. Das Erbe der Mutter wird ihnen nur gehören, wenn sie sich versöhnt haben und gemeinsam eine Aufgabe lösen, die in Mill River auf sie wartet.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:591


Die Autorin

Darcie Chan ist Anwältin und Umweltschutzexpertin. Mit elf Jahren begann sie zu schreiben, gewann einen Schreibwettbewerb und träumte seitdem davon, eine erfolgreiche Schriftstellerin zu werden. Die E-Book-Ausgabe von Sehnsucht nach Mill River machte sie über Nacht in den USA berühmt. Schon in den ersten Wochen verkauften sich mehr als 650.000 Exemplare und sie bekam mehr als 1.000 begeisterte Amazon-Rezensionen. Darcie Chan lebt im US-Staat New York.

Das Buch

»Meine Töchter, ihr seid mein Ein und Alles. Dass ausgerechnet ihr euch nicht mehr versteht, ist für mich unbegreiflich. Ich weiß, dass ihr beide schrecklich gelitten habt. Doch nun ist die Zeit gekommen, all das endlich hinter euch zu lassen. Eure Mutter Josie«

DARCIE CHAN

Sommer der Versöhnung

Aus dem Amerikanischen von

Susanne Aeckerle und Marion Balkenhol

Neuausgabe bei Refinery

Refinery ist ein Digitalverlag

der Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin

März 2019 (1)

© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2019

© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2015

© 2014 by Darcie Chan

Titel der amerikanischen Originalausgabe: The Mill River Redemption

(Ballantine Books, New York)

Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, München

Autorenfoto: © privat

ISBN 978-3-96048-226-0

E-Book-Konvertierung: LVD GmbH, Berlin

Alle Rechte vorbehalten.

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Eltern sollten ihren Kindern keine Reichtümer vererben, sondern den Geist der Ehrerbietung.

PLATON

PROLOG

Ein Neuanfang

Dezember 1983

Josie DiSanti musste ganz von vorn anfangen.

Auf dem breiten Rücksitz ihres Kombis, der von ihrer Tante Ivy gesteuert wurde, biss sich Josie auf die Lippe, um wach zu bleiben. Ihre beiden Töchter Rose und Emily lagen schlafend neben ihr. Es war zwei Uhr morgens, und obwohl kaum etwas zu erkennen war, schaute sie angestrengt aus dem Wagenfenster. Um den Bezug zur Realität nicht zu verlieren, musste sie sich den heutigen Tag fest ins Gedächtnis prägen.

Die entsetzlichen Ereignisse der vergangenen Woche waren verschwommen, und sie kämpfte sich durch den Nebel des Kummers, der sie umhüllte. Tony, ihr Mann, war tot. Alles, was sie besessen hatten, war zerstört, aber sie und ihre Töchter waren zusammen und am Leben. Nur darauf kam es jetzt an.

Hin und wieder, im Licht der Scheinwerfer eines vorbeifahrenden Autos, trafen sich Josies und Ivys Blicke im Rückspiegel, doch sie kannte ihre Tante nicht gut genug, um deren Gedanken zu erraten. Ivy war nur selten in Josies Leben aufgetaucht, eine Abfolge kurzer Auftritte, zwischen denen Jahre lagen. Zum letzten Mal hatte sie ihre Tante gesehen, als Ivy ihr einen Zettel in die Hand drückte, während der Sarg von Josies Mutter in die Erde hinabgesenkt wurde. »Ich bin alles, was du noch hast«, hatte sie geflüstert. »Also ruf mich an, wenn du mich je brauchst.«

Jetzt würde sie mit ihren beiden Töchtern bei dieser Tante Ivy wohnen. Tony hatte keine nahen Verwandten, und für Josie war es zu gefährlich, in New York zu bleiben. Ihr Zuhause war zerstört. Josie wusste nicht, wem sie sonst vertrauen konnte. Ihnen blieb keine andere Möglichkeit.

Seit Stunden fuhren sie in nördliche Richtung. Josie hatte keine Ahnung, wie lange es noch dauern mochte, hoffte aber, sie würden Mill River bald erreichen.

Josie sah hinunter auf Rose, ihre Vierjährige, und strich ihr eine blonde Strähne von der Wange. Sie änderte leicht ihre Sitzposition unter dem Gewicht von Emily, ihrer Zweijährigen, deren roter Lockenkopf an ihr lehnte. Sie waren noch so klein! Josie fragte sich, wie viel von den furchtbaren Ereignissen den beiden wohl im Gedächtnis bleiben würde.

Seit dem Brand war erst eine Woche vergangen. Jeden Tag war Emily mehrfach zu ihr gekommen, die blauen Augen weit aufgerissen, und hatte gefragt: »Wo is Da-dee?« Jedes Mal brach eine neue Woge von Panik und Verzweiflung über Josie herein. Ihr Herz raste, während sie ihre Gefühle unter Kontrolle zu bringen versuchte, ihre Kleine in die Arme nahm und flüsterte: »Daddy ist fort, aber Mommy ist hier und hat dich sehr lieb.« Woraufhin Emily meist davontappte und weiterspielte.

Rose das Geschehene begreiflich zu machen, war schwieriger. »Daddy ist gestorben«, hatte Josie ihr erklärt. »In der Küche war keine Luft mehr zum Atmen, nur Rauch, darum hat sein Körper aufgehört zu funktionieren.« Sie sah keine Möglichkeit, ihrer älteren Tochter zu erklären, wie Tony wirklich ums Leben gekommen war. Zu hören, dass das Feuer ihr den Vater geraubt hatte, war schlimm genug für Rose.

Bis vor einer Woche hatte sich das Wissen der Vierjährigen über den Tod nur auf die Käfer erstreckt, die gelegentlich in ihrem Haus verendeten, und sie war ein fröhliches, sorgloses Kind gewesen. Nun war Rose ungewöhnlich still und in sich gekehrt. Sie ließ Josie nicht aus den Augen. Trotz Josies Erklärungen fragte sie immer wieder: »Wann kommt Daddy nach Hause?« Josie wiederholte dann so sanft wie möglich: »Daddy kommt nicht mehr nach Hause, weil er gestorben ist. Aber er hat dich und Emily und Mommy sehr lieb gehabt, und wir werden Daddy immer lieb haben und an ihn denken.«

Nachdem sie das mehrmals gehört hatte, wurde die kleine Rose wütend, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Ich will Daddy!«, schrie sie. »Warum hast du ihn im Feuer gelassen, Mommy? Warum hast du ihn nicht rausgeholt? Ich hasse dich!« Josie war sprachlos. Sie konnte ihre ältere Tochter nur an sich drücken, Roses fuchtelnde Arme festhalten, bis das kleine Mädchen aufgab und gegen sie sank.

Schon am Gesichtsausdruck ihrer Töchter erkannte Josie, wann die Fragen und Gefühlsausbrüche bevorstanden, und der Schmerz, den sie empfand, wenn sie in diese unschuldigen Augen blickte, war schlimmer als alles, was sie je erlebt hatte. Irgendwie gelang es ihr, die Mädchen zu beschwichtigen, wenn sie ruhig sprach und das Chaos in ihrem Inneren verschlossen hielt.

Solange Rose und Emily wach waren, verdrängte Josie jegliche Erinnerungen an ihren Mann. Sie vermied es, auch nur an seinen Namen zu denken. Erst wenn die beiden Mädchen fest schliefen, erlaubte sie sich zu weinen.

Spät nachts stellte sie sich Tonys Gesicht vor und wie seine unglaublich blauen Augen sie sprachlos gemacht hatten, als sie sich zum ersten Mal begegneten. »Ich liebe dich, für immer«, konnte sie ihn beinahe in ihr Ohr flüstern hören. Wenn sie reglos dastand, spürte sie noch immer seine Umarmung, die Wärme seiner Hände auf ihrer Haut.

In solchen Momenten kamen die Erinnerungen schneller hoch. Wie seine Finger über ihren hochschwangeren Bauch wanderten und er dabei The Itsy-Bitsy Spider sang. Wie er die Mädchen als Säuglinge auf dem Arm gehalten hatte, wenn sie Koliken bekamen, sie gewiegt und geschaukelt hatte, bis sie wie durch ein Wunder einschliefen. Wie er sie jeden Abend, wenn er von der Arbeit nach Hause kam, ungestüm umarmt hatte, wie er Gesichter geschnitten und die Stimme verstellt hatte, wenn er ihnen Gute-­Nacht-Geschichten vorlas. Und, in jüngerer Zeit, wie er mit Josie bis in den späten Abend hinein auf dem Sofa gesessen und darüber geredet, nein, laut von dem Tag geträumt hatte, an dem sie schließlich genug Geld gespart hätten, um mit der ganzen Familie aus dem engen, gemieteten Reihenhaus in ihr eigenes Heim zu ziehen.

Sich an ihn zu erinnern, erfüllte sie mit einem bitteren, schwachen Glücksgefühl. Wenn die schönen Erinnerungen unweigerlich aufhörten, begannen die schrecklichen. Erneut brach der Kummer über sie herein, quälte sie mit Bildern von blutiger Kleidung und Flammen, die in den Himmel schlugen.

Die Stimme ihrer Tante vom Vordersitz ließ Josie zusammenfahren. »Jetzt ist es nicht mehr weit«, sagte Ivy über die Schulter. »Wir haben die Grenze von Vermont schon vor einer Weile überquert. Bis Mill River sind es nur noch ein paar Meilen.«

Mill River. Josie empfand es als Erleichterung, sich für einen Moment ausschließlich auf diese beiden Wörter zu konzentrieren. Flüsternd, um die Mädchen nicht zu wecken, fragte sie: »Wie ist es dort?«

»Es ist eine nette Stadt«, erwiderte Ivy. »Klein und freundlich. Nahe genug an Rutland und den Skigebieten, um keine Langeweile aufkommen zu lassen, aber weit genug entfernt, um Ruhe und Frieden zu haben, wenn du das willst. Dort wirst du in Sicherheit sein.«

Josie verfiel in sorgenvolles Schweigen. Was würden die Einheimischen von ihr halten, einer Witwe mit zwei kleinen Kindern und einem vom Leben in der Bronx geprägten Akzent? Würden Rose und Emily glücklich sein, an so einem Ort aufzuwachsen? Würde es ihr gelingen, einen vernünftigen Job zu finden? Wie lange würde sie sich auf die Güte dieser Tante verlassen müssen, die sie kaum kannte?

»Wir kommen jetzt in die Stadt.« Ivy bremste den Kombi ab.

Josie sah aus dem Fenster und entdeckte das Ortsschild, auf dem WILLKOMMENINMILLRIVER, VERMONT stand.

»Das hier ist die Hauptstraße, an der die meisten Geschäfte sind«, sagte Ivy. »Schade, dass es jetzt dunkel ist, sonst könntest du gleich erkennen, was für ein netter kleiner Ort das ist. Aber du wirst es ja bald sehen.«

Obwohl es schon sehr spät war, brannten noch einige Lichter und ein Teil der Weihnachtsbeleuchtung. Josie bemerkte eine Bäckerei, ein Werkzeuggeschäft und ein Postamt aus rotem Backstein. Nach einer leichten Kurve kamen sie an St. John vorbei, einer alten Steinkirche mit einem kleinen Pfarrhaus dahinter. Sie hielten an einer Kreuzung. Links auf der gegenüberliegenden Seite stand das weiße Rathaus. Dahinter erhaschte Josie einen flüchtigen Blick auf ein hell erleuchtetes Polizeirevier, bevor Ivy scharf nach links von der Durchgangsstraße abbog. Kurz darauf fuhren sie erneut nach links.

»Da sind wir«, sagte Ivy. Sie rollten in die Einfahrt eines hübschen Hauses etwa zwei oder drei Blocks von der Hauptstraße entfernt. Im Scheinwerferlicht erkannte Josie, dass es sich um einen zweistöckigen Bungalow mit großer Vorderveranda im Stil der 1930er Jahre handelte. Ein Fußweg führte quer durch den Vorgarten, vorbei an einem großen Schild mit der Aufschrift DIEBÜCHERSTUBE.

»Ich habe das Schlafzimmer auf dem Dachboden für euch hergerichtet. Lass mich Emily hochtragen. Du kannst Rose nehmen und ein paar von den Sachen, die du sofort ausladen willst.« Ivy griff nach ihrem Mantel und öffnete die Fahrertür. Kalte Luft strömte ins Auto. Ivy fluchte und murmelte etwas, das wie »friert man sich ja den Allerwertesten ab« klang, bevor die Tür wieder zufiel. Josie fröstelte und wickelte eine Decke um Emily, die immer noch fest schlief. Rose bewegte sich neben ihr und öffnete die Augen.

»Mommy«, fragte sie, noch halb schlafend, »wo sind wir?«

Vielleicht lag es an der plötzlichen Stille im Auto nach der stundenlangen Fahrt oder an einer Mischung aus seelischer und körperlicher Erschöpfung. Vielleicht spürte Josie, dass ihre Seele unter dem Gewicht der Trauer Tag für Tag mehr zerbrach. Jedenfalls geriet ihre emotionale Festung ins Wanken, und die Tränen ließen sich nicht mehr zurückhalten. Sie drückte Rose an ihre linke Seite, während sie Emily hielt. Falls sie überlebte, dann ausschließlich wegen ihrer Kinder. Ihre Töchter waren Anker in ihrem Meer der Ungewissheit.

Sie würde sie nicht loslassen.

Sie würde alles geben, alles tun, um dafür zu sorgen, dass sie sicher und glücklich aufwuchsen.

»Rose, Schätzchen«, sagte sie, »wir sind bei Tante Ivys Haus in Mill River. Wir sind zu Hause.«

1

2013

An einem Samstagnachmittag Anfang Mai klopfte Father Michael O’Brien an die Haustür des gepflegten Hauses neben der Bücherstube. Sie öffnete sich sofort, und vor ihm stand Ruth Fitzgerald, die langjährige Besitzerin der Bäckerei in der Stadt.

»Hallo, Father.« Sie hielt ihm die Tür auf. »Bitte kommen Sie herein.«

Der betagte Priester trat ins Haus und blickte sich um. Alles war still, obwohl etliche Menschen versammelt waren. Auf der anderen Seite des Wohnzimmers stützte sich Ivy Collard auf ihren Gehstock und rückte eine Bronzeurne auf einem kleinen Tisch zurecht. Um die Urne standen mehrere Blumensträuße und gerahmte Fotos von Josie DiSanti.

Er bemerkte, wie sich Ivy über die Augen wischte und zu ihm sah, dann zu Rose und Emily, Josies erwachsenen Töchtern. Auch sie weinten, standen jedoch weit voneinander entfernt an entgegengesetzten Seiten des Zimmers. Es war lange her, seit er Josies Töchter gesehen hatte, und noch länger, seit er sie zusammen gesehen hatte. Sie waren älter und trauriger, doch davon abgesehen nicht sehr anders, als er sie in Erinnerung hatte.

Roses Aussehen war makellos. Das blonde Haar fiel ihr bis auf die Schultern, und sie trug ein schlichtes, aber elegantes schwarzes Kleid. Ihre Augen waren ziemlich stark geschminkt, doch die Tränen schienen dem nichts anzuhaben.

Sie stand neben ihrem Mann Sheldon, einem älteren, allmählich kahl werdenden ehemaligen Investmentbanker mit leicht gelangweiltem, wenn auch gebührend ernstem Ausdruck. Ihr neunjähriger Sohn Alex trug einen untadeligen schwarzen Anzug, passend zu dem seines Vaters. Der kleine Junge zappelte weder herum, noch quengelte er. Schweigend stand er zwischen seinen Eltern, wischte hin und wieder eine Träne weg, die hinter seiner Brille schimmerte, und nahm alles in sich auf. Rose hielt den Blick auf die Urne gerichtet und betupfte ihre Augen gelegentlich mit einem Papiertuch.

Emily stand allein, so weit von Rose und deren Familie entfernt, wie es in dem kleinen Wohnzimmer von Josies Haus möglich war. Sie war genauso apart wie Rose, doch ihr äußeres Erscheinungsbild hätte kaum unterschiedlicher sein können. Ihre natürliche Schönheit fiel auch ohne jedes Make-up ins Auge. Sie hatte ein paar vereinzelte Sommersprossen hoch auf ihren Wangen und weiche rote Locken, die sie zu einem losen Pferdeschwanz zurückgebunden hatte. Tränen rannen ihr aus den großen blauen Augen – Augen genau wie die ihres Vaters, hatte Josie oft gesagt. Auch Emily trug Schwarz – einen einfachen Rock mit Oberteil und eine schwarze Wolljacke, die zwei Nummern zu groß war. Sie hatte ihre Arme fest um die Taille geschlungen, als wollte sie sich damit aufrecht halten.

»Schön, Sie zu sehen, Father«, sagte Ivy leise. »Schätze, wir sind jetzt so weit. Alles ist genau so, wie sie es wollte.«

»Ja, vielen Dank, dass Sie gekommen sind, Father.« Rose nahm die Schultern zurück und hob das Kinn. »Sie erinnern sich an meinen Mann, Sheldon Frye, und unseren Sohn Alex?«

»Natürlich.« Father O’Brien schüttelte beiden die Hand. »Wie schön, Sie alle wiederzusehen.« Er blickte hinüber zu Emily. »Wenn ich mir auch einen anderen Anlass gewünscht hätte.«

Rose warf Emily einen Blick zu, bevor sie mit der Stimme der älteren Schwester fortfuhr, die das Sagen hatte. »Ich weiß, dass Mom große Stücke auf Sie hielt, Father, und Ihnen für Ihre Hilfe in all den Jahren sehr dankbar war.«

»Ja, das stimmt allerdings«, sagte Emily leise. »Wir wissen es zu schätzen, dass Sie gekommen sind.«

»Ihre Mutter war ein wunderbarer Mensch.« Bedächtig trat er an den Tisch, auf dem die Bronzeurne und die Fotos standen. Er senkte den Kopf, sprach ein stummes Gebet und bekreuzigte sich, bevor er sich wieder zu den anderen umwandte.

»Ich wünschte, wir hätten sie aufbahren können«, sagte Ruth. »Aber Josies Anweisungen waren eindeutig. Ihr war die Vorstellung immer zuwider, im Sarg zu liegen und von allen angestarrt zu werden. Sie wollte nie, dass die Menschen sie so in Erinnerung behielten.« Ruths Stimme brach. Sie entschuldigte sich und verschwand rasch in der Küche.

»Die Arme.« Ivy schüttelte den Kopf und ließ sich auf dem Sofa nieder. »Doch sie hat recht. Und ich nehme an, heute wird das Haus ziemlich voll. Jeder in Mill River mochte Josie. Auch eine Menge Leute aus Rutland kannten sie, weil sie dort so viele Häuser verkauft hat.«

»Ich kann es immer noch nicht fassen, dass sie tot ist«, sagte Rose. »Erst letzte Woche habe ich mit ihr gesprochen. Sie hat nie erwähnt, dass es ihr nicht gut ging oder dass sie Probleme mit dem Herzen hatte.«

Emily schniefte und blickte zu ihrer Schwester hinüber, schwieg jedoch.

Während sich betretene Stille im Raum breitmachte, sah Fa­ther O’Brien, wie Josies Töchter kurz Blickkontakt aufnahmen.

»Was die Beisetzung angeht«, sagte er nach einem Moment sanft, »wünschte Josie sich, soweit ich weiß, dass sie im engsten Familienkreis stattfindet. Vielleicht können wir uns später, wenn alle gegangen sind, ein paar Minuten zusammensetzen, um den Zeitpunkt und die Einzelheiten festzulegen? Ich habe heute keine weiteren Termine.«

»Dazu werden wir vermutlich nicht kommen«, erwiderte Ivy, bevor eine der Töchter antworten konnte. »Ich weiß, dass es ungewöhnlich ist, wenn eine Beisetzung nicht direkt nach der Gedenkfeier stattfindet, aber Josie hat es so bestimmt. Sie wollte, dass ihre Töchter sich erst noch um etwas anderes kümmern.« Ivy blickte ihn kurz mit erhobenen Brauen und einem Glitzern in den Augen an, als wollte sie ihm noch mehr mitteilen.

Father O’Brien nickte, musterte sie aber argwöhnisch. Er kannte Ivy gut – genau genommen schon seit den frühen Sieb­zigern, als sie mit ihrem Verlobten Thomas Dearborn nach Mill River gezogen war. Sie hatten endlich beschlossen, ihr Hippie-­Leben aufzugeben und Wurzeln zu schlagen, und die freundliche Stadt in Vermont schien ihnen dafür geeignet.

Ivy und Thomas hatten ein kleines Haus gekauft und in der vorderen Hälfte die Bücherstube eröffnet. Anfangs wirkten sie glücklich, ihr kleiner Buchladen füllte eine Nische und gedieh. Aus Gründen, die Father O’Brien unbekannt waren, hatte Thomas jedoch die Verlobung gelöst und Ivy ein paar Jahre später verlassen. Ivy war geblieben und zu einem stimmgewaltigen, liebevollen, schlagfertigen, leicht derben, großherzigen Fixpunkt von Mill River geworden. Sie wusste alles und kannte jeden. Man konnte nur schwer etwas vor ihr geheim halten, und sobald sie davon erfuhr … tja, dann war es ihr beinahe unmöglich, es für sich zu behalten.

Während er Ivy betrachtete, wurde Father O’Brien klar, dass sie mit etwas hinter dem Busch hielt – etwas, das mit Josies Töchtern zu tun hatte –, doch ihm blieb keine Zeit, darüber nachzugrübeln. Nach und nach trafen die Leute aus der Stadt ein, um von Josie Abschied zu nehmen, und bald bewegte er sich durch das überfüllte Wohnzimmer und unterhielt sich mit den Trauergästen.

Joe Fitzgerald, der Polizeichef von Mill River, betrat das Haus in Uniform. Fitz schlug ihm auf die Schulter, nachdem er mit Josies Töchtern gesprochen hatte.

»Hallo Father«, sagte er. »Schätze, alles läuft gut?«

»So gut es unter solchen Umständen laufen kann«, erwiderte Father O’Brien. »Ruth ist in der Küche. Es trifft sie sehr hart«, fügte er hinzu.

»Sie ist völlig durcheinander, seit wir davon erfahren haben. Josie und sie waren sich sehr ähnlich, das kann ich Ihnen sagen. Ruthie stand Josie fast näher als ihrer eigenen Schwester.« Traurig schüttelte Fitz den Kopf und wandte sich zur Küche. »Ich bleibe ein paar Minuten bei ihr, bevor ich aufs Revier zurück muss.«

Ein konstanter Besucherstrom kam durch die Haustür. Die Menschen machten ihre Runde durch das Wohnzimmer, trugen sich ins Kondolenzbuch ein, blieben vor der Urne und den Fotos von Josie stehen, schüttelten Josies Töchtern und Ivy die Hand und sprachen mit ihnen. Kyle Hansen kam mit seiner Tochter Rowen und Claudia Simon, einer Grundschullehrerin aus Mill River, mit der er seit einigen Monaten zusammen war. Father O’Brien beobachtete, wie Kyle und Claudia mit Emily sprachen, dann mit Rose und ihrem Mann, und wie Claudia in die Hocke ging, um mit Alex zu reden.

Wieder ging die Haustür auf, und eine weitere Menschengruppe marschierte herein. Er nickte den Wykowskis, Pearsons, Burnhams und Lowells zu, als sie an ihm vorbeikamen, doch es gab auch Besucher, die er nicht erkannte. Er war mitten im Gespräch, als jemand ihn freundlich am Ellbogen zupfte. Er entschuldigte sich bei seinem Gesprächspartner und blickte hinunter auf Daisy Delaine, die lächelnd zu ihm aufschaute.

»Father, bin ich froh, Sie hier zu sehen«, sagte sie mit ihrer vertrauten Singsangstimme. Die kleine Frau schob sich die grauen Locken aus dem Gesicht, wodurch ein großes, portweinfarbenes Muttermal zum Vorschein kam, das sich über ihre Wange zog. »Wissen Sie, Josie war eine meiner besten Kundinnen, und ihre Töchter tun mir so leid. Ich habe meinen speziellen Kummertrank für sie gemacht. Denselben, den ich gemacht habe, als Mrs McAllister starb. Wissen Sie noch?«

Daisys Worte erfüllten sein Herz mit Traurigkeit, als er an den noch frischen Verlust seiner besten Freundin dachte, doch er bemühte sich nach Kräften, zu lächeln und sich auf die momentane Situation zu konzentrieren. »Ah ja, Daisy, das war ein sehr starkes Gebräu.«

Daisy strahlte vor Stolz. »Ja, nicht wahr? Es hat mir geholfen, mich besser zu fühlen, daher habe ich mir überlegt, den beiden jeweils ein großes Glas davon zu schenken.« Sie beugte sich näher zu ihm und öffnete ihre Handtasche gerade so weit, dass zwei hohe, mit einer grünlichen Flüssigkeit gefüllte Schraubgläser sichtbar wurden. »Ich bin ein bisschen besorgt«, flüsterte sie. »Ich habe die beiden schon lange nicht mehr gesehen, wissen Sie. Vielleicht erinnern sie sich nicht an mich.«

Father O’Brien lächelte und tätschelte Daisys Schulter.

»Sie erinnern sich bestimmt an Sie. Aber es ist nicht leicht für Josies Töchter. Sie sind traurig und müssen doch gute Gastgeberinnen für so viele Menschen sein. Warten Sie lieber, bis die meisten gegangen sind, und geben ihnen den Trank dann. Auf diese Weise bekommen Sie ihre volle Aufmerksamkeit.«

»Das ist eine gute Idee, Father. Danke! Dann schaue ich derweilen mal in die Küche. Ich habe gehört, dass Ruth Kuchen mitgebracht hat.«

Er dachte an Ruth Fitzgeralds berühmten Kirschkuchen … und dass er in letzter Zeit keinen gegessen hatte, weil die Bäckerei renoviert worden war. Gerade wollte er Daisy in die Küche folgen, als Ivy sich ihm in den Weg stellte. Sie zog ihn am Arm in eine Ecke des Zimmers, fort von den Trauergästen.

»Ich wollte vorhin nicht deutlicher werden, Father«, sagte sie mit leiser Stimme, »aber ich muss mich mit den Mädchen zusammensetzen, bevor das alles vorbei ist, und ich hoffte, Sie könnten dazukommen. Es geht um etwas, das ihre Mutter in die Wege geleitet hat, und es wird nicht angenehm werden.«

Sieh an, dachte er, ich habe mich also nicht getäuscht, was Ivy betrifft. »Ich helfe gern, wenn ich kann. Doch wenn es um eine persönliche Familienangelegenheit geht, sollte es dann nicht zwischen Ihnen und den Töchtern abgemacht werden? Ich möchte mich nicht einmischen.«

»Sie wissen doch, wie die beiden sind, Father. Und was ich ihnen zu sagen habe, tja, das wird einschlagen wie eine Bombe. Wenn Sie dabei sind, werden die beiden sich eher beherrschen und vielleicht sogar zivilisiert miteinander umgehen, denn sie sind immer noch wie Hund und Katze.«

»Das habe ich schon beim Hereinkommen bemerkt«, bestätigte er. »Wann und wo soll dieses Treffen denn stattfinden?«

»Rose will heute Nachmittag mit ihrer Familie nach New York zurückfahren, und Emilys Flug nach Kalifornien geht am Abend, deshalb werden sie wohl so bald wie möglich aufbrechen wollen. Ich dachte, ich nehme die beiden beiseite, wenn es hier etwas ruhiger wird.«

Father O’Brien nickte. »Geben Sie mir einfach Bescheid.«

Als die meisten Besucher Josies Haus verlassen hatten, sah er Ivy zuerst mit Rose sprechen, dann mit Emily. Die Frauen wirkten verblüfft, lösten sich jedoch aus ihren Unterhaltungen und gingen auf Josies Büro neben dem Wohnzimmer zu. Ivy sah hoch und fing Father O’Briens Blick auf. Es war so weit.

Er nickte ihr kurz zu. Obwohl er neugierig auf den Grund für Ivys Zusammenkunft war, bezweifelte er stark, dass es sich um eine freundliche Familienplauderei handeln würde. Vielmehr sagte ihm sein Gefühl, dass er in eine sehr ungemütliche Situation hineingezogen wurde.

2

1983

Spät am Morgen nach ihrer Ankunft in der Bücherstube wurde Josie von einem Kichern und einer kleinen Hand geweckt, die sie in die Nase kniff. Sie öffnete die Augen und sah Emilys lächelndes Gesicht direkt vor sich.

»Guten Morgen, meine Süße.« Sie erwiderte das Lächeln und strich Emily eine rote Strähne hinters Ohr. Für einen Moment, nachdem sie die Augen geöffnet und in Emilys niedliches Gesicht geschaut hatte, war alles in Ordnung. Keine Albträume, keine Wogen von Traurigkeit oder Übelkeit, keine entsetzlichen Erinnerungen. Doch es dauerte nur einen Augenblick, bis die Gelassenheit ausgelöscht wurde und die Realität wieder einsetzte. Josie wappnete sich für einen weiteren Tag in ihrer emotionalen Festung.

An Emilys Seite streckte sich Rose und gähnte. »Mommy?«

»Ja, Rosie?«

»Das ist das beste Bett, in dem ich je gelegen hab. Es ist riesig!« Rose setzte sich auf, ließ sich wieder zurückfallen und ruderte mit Armen und Beinen.

»Ja, nicht wahr? Habt ihr gut geschlafen? Habt ihr Hunger?« Der köstliche Duft von Kaffee und Speck drang bis ins Schlafzimmer herauf. Sie richtete sich auf und rieb sich die Augen. Nachdem sie sich und die Kinder angezogen hatte, führte Josie sie hin­ab in die Küche. Der kleine Frühstückstisch war mit Tellern voll Speck, gebuttertem Toast und einem Krug Orangensaft gedeckt. Ivy stand am Herd und schlug Eier an einer Schüssel auf.

Zum ersten Mal seit Jahren sah Josie ihre Tante bei Tageslicht. Ivy war sechs Jahre älter und um einiges stämmiger, als Josies Mutter es gewesen war. Sie trug eine verblichene Schlagjeans und ein Batik-T-Shirt, das zu ihrem Stirnband passte. Ihr dunkles Haar war schulterlang und grau durchsetzt. Als Ivy sich zu ihnen umdrehte, hatte Josie ein seltsames Déjà-vu. Die Gesichtszüge waren zwar anders, doch Ivys Lächeln war dem ihrer Mutter sehr ähnlich.

»Seid mir gegrüßt, holde Damen«, sagte Ivy. »Im Schrank da drüben sind Pappteller«, fuhr sie fort und deutete mit dem Kinn in die Richtung, während sie die Eier verquirlte, »und auf der Arbeitsplatte findet ihr Besteck und Tassen. Fühlt euch ruhig wie zu Hause.«

»Was ist hold?«, fragte Rose. Sie sah Ivy mit großen Augen an.

»Das ist ein altmodisches Wort und bedeutet ›hübsch‹«, erwiderte ihre Tante. Sie fing Josies Blick auf und zwinkerte ihr aufmunternd zu. »Habt ihr gut geschlafen? Der Dachboden ist nicht besonders gut isoliert. Kann im Winter ganz schön frisch werden.«

»Ja, es war schön warm und bequem. Vielen Dank.« Josie war es unangenehm, hier in dieser fremden Küche mit ihren Kindern zu stehen und sich Frühstück von jemandem machen zu lassen, den sie kaum kannte. Welche Erleichterung, dass Ivy so gastfreundlich und locker war.

»Vielen Dank für das große Bett«, sagte Rose, was Josie zum Lächeln brachte und Ivy entzückt glucksen ließ.

»Gern geschehen.« Ivy goss die Eier in eine heiße Pfanne, und die Butter zischte. »Ihr Mädchen werdet mit eurer Mom vermutlich eine Weile bei mir bleiben, daher bin ich froh, dass es euch hier gefällt. Zum Glück ist da oben viel Platz, nicht so wie in dieser Ein-Po-Küche.«

Josie hob die Augenbrauen. »Eine Ein-Po-Küche?«

»Oh«, sagte Ivy, »das ist einfach mein Ausdruck für eine Küche, in der nur eine Person genug Platz zum Arbeiten hat. Mehr als einer, und man stößt mit dem Po zusammen. Mögt ihr beiden Rührei?«

Rose nickte, und Emily rief: »Eier!«

Nach dem Frühstück führte Ivy sie durchs Haus. »Hinten gibt es auch einen Garten, doch den könnt ihr unter dem Schnee nicht sehen.« Sie ging von der Küche in den nächsten Raum. »Das hier war mal das Esszimmer, aber ich hab es zu meinem Wohnzimmer gemacht, damit ich den vorderen Teil des Hauses als Laden benutzen konnte. Ich hab nie viel Platz gebraucht.«

Josie sah sich um. Ein unaufgeräumter Schreibtisch war gegen eine Wand gerückt. Ein Sofa und ein nicht dazu passender Sessel auf der anderen Seite waren auf einen RCA-Fernseher ausgerichtet. Auf einem Beistelltisch neben dem Sofa stand ein Miniatur-Weihnachtsbaum.

»Ich sehe nur selten fern«, sagte Ivy, »aber das Gerät funktioniert. Ihr könnt es gerne benutzen.«

»Mommy.« Rose zerrte an Josies Hand. »Dürfen wir Sesam­straße gucken?«

»Na klar«, antwortete Josie. »Und Mister Rogers auch.«

Nachdem sie an den Türen zu Ivys Schlafzimmer und zum Bad vorbeigekommen waren, schloss Ivy eine schwere Tür auf, die das Wohnzimmer vom Rest des Hauses trennte.

»Die führt in den Laden. Geht nur rein.«

Josie schob die Mädchen durch die Tür und staunte. Das Vorderzimmer des Hauses war das größte, abgesehen vom Dachboden, und randvoll mit Büchern. Hohe Regale säumten die Wände. Bücher häuften sich bis auf die höchsten Regalbretter und waren überall am Boden gestapelt.

Nervös betrachtete sie die vollgestopften Regale und dachte daran, dass so viel Papier auf so engem Raum doch bestimmt eine Brandgefahr darstellte. Sie hoffte, dass Ivy stets einen Feuerlöscher in Reichweite hatte.

Der Raum roch nach warmem Papier und Druckerschwärze, vermischt mit dem schwachen Frühstücksduft, der aus Ivys Küche hereinzog. Kleine Tische und bequeme Sessel in unterschiedlichen Farben standen hier und da zwischen den Regalen. Ein kleiner Schreibtisch mit Stuhl war in eine Ecke geschoben, und die Mitte des Raumes bedeckte ein bunter, abgetretener Teppich, in den WILLKOMMENINDERBÜCHERSTUBE eingewebt war.

Ivy folgte Josies Blick. »Den Teppich habe ich extra anfertigen lassen, als ich den Laden eröffnete.« Sie bückte sich zu Rose und Emily hinab. »Mögt ihr beiden Bücher? Schaut mal da drüben.« Ivy deutete auf eine hintere Ecke des Ladens, die durch kleine, farbenfrohe Sitzsäcke abgegrenzt war. Auf einem Schild an der Wand stand KINDERECKE. »Da ist ein ganzer Stapel, nur für euch.«

Josie hielt die Luft an, fürchtete, die Bücher könnten Rose vielleicht an die Gute-Nacht-Geschichten mit Tony erinnern und sie verstören. Tränen stiegen ihr in die Augen, als sie daran dachte, wie wichtig es Tony gewesen war, die Mädchen ins Bett zu bringen. An manchen Abenden brachte er sogar Arbeit mit nach Hause, um sie zu erledigen, nachdem sie eingeschlafen waren.

»Sucht euch schon mal eure Bücher aus«, hatte er mit dröhnender Stimme gerufen, woraufhin Rose und Emily zu ihrem kleinen Bücherregal huschten. Er setzte sich auf Roses Bett, und nach einigem Rangeln um einen Platz auf seinem Schoß saßen die Mädchen still da, wie gebannt, während er vorlas.

Vor allem für Rose waren diese paar Minuten mit ihrem Vater der Höhepunkt des Tages. Josie hatte es amüsiert und gleichzeitig ein wenig verletzt, als ihre ältere Tochter eines Abends zu ihr sagte: »Beeil dich, Mommy, sag Gute Nacht und geh nach unten, damit Daddy vorlesen kann!« Das scherzhaft triumphierende Glitzern in Tonys Augen hatte nicht gerade geholfen.

Nachdem die Mädchen und sie aus dem Krankenhaus entlassen worden waren, hatte man sie in einem Hotel untergebracht, bezahlt vom Roten Kreuz. Josie hatte versucht, ein Gefühl der Normalität aufrechtzuerhalten, hatte neue Bücher gekauft und den Mädchen zur Schlafenszeit vorgelesen, doch sie hatte immer nur ein paar Seiten geschafft, bevor Rose in Tränen ausbrach und nach ihrem Vater verlangte. Statt vorzulesen, kroch Josie jetzt mit Rose unter die Decke und kuschelte mit ihr, bis sie einschlief.

Als Rose nun in der Bücherstube vor Begeisterung kreischte und auf die Kinderecke zurannte, war Josie erleichtert. Emily tappte hinter ihrer Schwester her. Vielleicht wird Ivys kleiner Laden ihnen helfen, mit allem fertigzuwerden, dachte sie, als die Mädchen sich auf den Boden plumpsen ließen und in den aufgestapelten bunten Bilderbüchern zu blättern begannen.

»Hier vorne befand sich noch ein zweites Schlafzimmer«, erklärte Ivy, »aber ich habe die Wand rausbrechen lassen, um den Raum zu vergrößern. Im Winter ist es etwas eng. Wenn das Wetter besser ist, stelle ich auch Bücher auf die Veranda.« Durch die Fenster zu beiden Seiten der Eingangstür konnte Josie die Vorderveranda erkennen. »Die Leute sitzen gerne dort draußen und schmökern in Neuerscheinungen, vor allem im Sommer.«

»Das alles hier ist wunderschön«, sagte Josie. »Dein Zuhause, der Laden. Sehr einladend und angenehm. Ich kann verstehen, warum die Leute gerne herkommen.«

»Den Laden am Laufen zu halten, ist nicht leicht«, gab Ivy zu bedenken. »Im Übrigen ist schon fast Zeit, aufzuschließen. Bücher zu verkaufen, ist nicht gerade das einträglichste Geschäft, absolut nicht. Und ich kann nicht alles auf Lager halten, was ich gerne möchte, da ich weder die finanziellen Mittel noch den Platz habe. Aber ich versuche, die Leute zu versorgen, die hierherkommen, und sie kommen von überall her – nicht nur aus Mill River.«

»Ich nehme an, die Leute wissen es zu schätzen, hier eine Buchhandlung zu haben«, sagte Josie, während Ivy zum Schreibtisch ging und einen Taschenrechner und einen Quittungsblock aus der obersten Schublade nahm.

»Das höre ich andauernd«, erwiderte Ivy. »Ich kann fast jeden Titel bestellen, wenn jemand bereit ist, ein paar Tage darauf zu warten, und ich kaufe und verkaufe auch gebrauchte Bücher. Die Leute können Bücher herbringen, die sie bereits gelesen haben, und wenn sie in annehmbarem Zustand sind, kann ich sie ihnen gutschreiben. Man tut, was man kann, weißt du. Ich jedenfalls. Ich hab’s nicht mit Luxus, daher brauche ich nicht viel. Solange ich meine Rechnungen bezahlen kann, bin ich glücklich.«

Ihr Gespräch wurde vom Geräusch der Verandatür unterbrochen. Dann klopfte es laut. Josie erschrak. War man ihr und den Mädchen aus New York gefolgt? Sie entspannte sich, als Ivy aus dem Fenster schaute und lächelte. Ihre Tante drehte das Schild im Fenster um, so dass nun GEÖFFNET zu lesen war, und machte die Tür auf. Ein Mann mit Pelzmütze und in der Winter­uniform eines Postboten stand davor.

»Hallo, Larry«, sagte sie. »Was haben Sie denn heute für mich?«

»Sieht nach einer weiteren Büchersendung aus. Sie füllen wohl Ihr Lager für alle auf, die ihre Weihnachtseinkäufe in letzter Minute machen.« Der Paketbote hob den ersten Karton vom Stapel auf seiner Sackkarre.

»So ist es wohl. Stellen Sie die Pakete da drüben ab«, bat Ivy. »Vielleicht schaffe ich es, sie auszupacken, bevor die ersten Kunden kommen.«

»Mach ich.« Larry hievte vier große Kartons in die Bücherstube. Dann griff er nach dem letzten Päckchen, das kleiner und leichter war als die anderen. »Das hier könnte ein Irrläufer sein«, murmelte er, während er das Versandetikett betrachtete. »Ist ein Eilpäckchen mit Ihrer Adresse, aber es ist …« Er verstummte, ein seltsamer Ausdruck huschte über sein Gesicht. Er räusperte sich. »Es ist an eine Mrs Josie DiSanti adressiert.«

»Das bin ich«, sagte Josie leise.

»Oh, wie unhöflich von mir.« Ivy legte den Arm um Josie und schob sie ein Stück nach vorne. »Larry, das ist Josie, meine Nichte. Und Josie, darf ich dir Larry Endicott vorstellen, den nettesten Postboten in Mill River?«

»Den einzigen Postboten in Mill River, da die anderen Frauen sind. Zumindest diejenigen, die die Auslieferungsstrecken abdecken.« Larry lächelte Josie an. »Nett, Sie kennenzulernen.«

»Ganz meinerseits.«

»Josie und ihre Töchter werden eine Weile bei mir wohnen«, erklärte Ivy. »Also könnten noch weitere an sie adressierte Sendungen kommen.«

»Ah ja. Bitte schön.« Er reichte Josie das Päckchen. »Ich hoffe, Ihnen gefällt unsere kleine Stadt. Gut, ich muss weiter. Der Wagen ist heute richtig vollgeladen. Der Ansturm vor Weihnachten. Bis Montag!«

»Bis dann«, rief Ivy ihm nach. »Halten Sie sich warm!« Sie schloss die Tür und wandte sich zu Josie. »Seltsam, oder? Dieser überstürzte Abgang? Er wurde plötzlich so komisch, und …«

Josie hielt das Päckchen umklammert und bemerkte nicht, dass ihre Tante mitten im Satz abbrach. Sie starrte nur auf die Schachtel. Ihre Fingerknöchel waren weiß geworden.

»Josie, was ist?«, fragte Ivy. Sie trat zu ihr und entzifferte den Absender des Päckchens. »Oh«, sagte sie nur.

»Ich kann … ich schaff das nicht … nicht jetzt. Erst wenn die Kinder im Bett sind«, brachte Josie erstickt hervor. Sie blickte zu Rose und Emily in der Kinderecke, die zum Glück nichts von ihrer Bestürzung mitbekamen.

»Gib her«, sagte Ivy leise und entwand ihr sanft das Päckchen. »Ich leg das erst mal beiseite. Die Mädchen sollten es auf keinen Fall sehen.«

3

Als er Josies Büro betrat, sah Father O’Brien, dass Rose und ihre Familie bereits auf dem langen Sofa an der Wand saßen. Emily hatte sich in eine Ecke des Raumes verzogen, und Ivy saß an Josies Schreibtisch mit einem Blatt Papier in der Hand. Father O’Brien war erstaunt, auch Jim Gasaway vorzufinden, einen Anwalt und alten Freund.

»Jim, wie schön, Sie zu sehen«, sagte er. »Sie müssen vorhin an mir vorbeigeschlüpft sein. Ich habe Sie nicht hereinkommen sehen.«

»Was zum Teufel geht hier vor, Tante Ivy?«, fragte Rose aufgebracht. Sie funkelte Ivy an, die Arme fest vor der Brust verschränkt.

»Würden Sie bitte die Tür schließen, Father?«, bat Ivy. Nachdem das geschehen war, richtete sie sich auf und blickte zu Josies Töchtern. »Ich weiß, dass keine von euch beiden länger hier bleiben möchte als nötig, daher werden wir dies so schnell wie möglich hinter uns bringen.«

Sie räusperte sich. »Ihr wisst beide, dass Mr Gasaway die rechtlichen Angelegenheiten eurer Mutter abwickelt. Gleichwohl hat Josie diesen Brief für mich hinterlassen, um ihn euch beiden vorzulesen, falls ihr etwas zustoßen sollte. Jim besitzt eine notariell beglaubigte Kopie, daher kennt er die Einzelheiten.«

»Sie hat den Brief Anfang des Jahres geschrieben«, fügte Jim ru­hig hinzu.

»Bitte lies ihn vor«, sagte Emily mit leiser, müder Stimme.

Ivy faltete das Blatt in ihrer Hand auseinander, räusperte sich erneut und begann.

An meine Töchter Rose und Emily,

wenn Ihr diese Worte hört, habe ich das Zeitliche gesegnet. Ich vertraue darauf, dass Mr Gasaway und Eure Tante Ivy die Gedenkfeier meinem Wunsch gemäß gestalten werden. Außerdem hoffe ich, dass mein Hinscheiden Euch nicht mit Kummer belastet. Ich werde immer bei Euch sein, und ich habe mir stets nur eines für Euch beide gewünscht – dass Ihr glücklich seid.

Euer Glücklichsein, oder vielmehr der Mangel daran, ist genau der Grund, warum ich diesen Brief schreibe. Ihr beide wart mein Leben. Seit dem Moment Eurer Geburt habe ich mich um Euch gesorgt und Euch geliebt. Wenn auch der Zwist zwischen Euch nicht die Ursache meines Todes war, so wage ich doch zu behaupten, dass er zumindest dazu beigetragen hat. Da ich nun nicht mehr da bin, besitzt Ihr keine direkten Angehörigen außer Tante Ivy und einander.

Ich weiß, dass das Geschehene für Euch beide entsetzlich schmerzhaft war, doch ich weiß auch, dass die Zeit selbst die tiefsten Wunden heilen kann. Jahrelang habe ich Euch gebeten, Euch angefleht, es mit Reden zu versuchen, mit Therapie, mit allem, was Eure Beziehung retten könnte, aber Ihr habt abgelehnt. Daher nehme ich jetzt die Dinge selbst in die Hand, und das auch noch vom Grab aus.

Seit wir nach Mill River gezogen sind, haben wirbescheiden gelebt. Ich habe so hart gearbeitet, wie ich konnte, um für Euch zu sorgen und das Wenige zu sparen, das übrig blieb. Im Lauf der Zeit wuchsen diese Ersparnisse, und meine Arbeit im Immobiliengeschäft verhalf mir zu Kenntnissen, wie man investiert und sein Geld vermehrt. Möglicherweise habt Ihr es bisher nicht gewusst, aber Ihr Mädchen werdet beide eine beträchtliche Summe aus meinem Nachlass erben.

Allerdings gibt es einen Haken.

Ihr wisst, dass ich mehrere Mietobjekte besitze. Zwei davon stehen gegenüber von meinem und von Ivys Haus. Ihr werdet euch sicherlich an diese Häuser erinnern. Eines gehörte der Familie Johnson, das andere den Weiders. Ihr habt dort immer auf der Reifenschaukel und dem Trampolin gespielt. Die Häuser sind klein und schlicht, aber sie sind sauber, bequem und hübsch möbliert.

Natürlich kann ich nicht voraussehen, wann in diesem Jahr Ihr diesen Brief lesen werdet, doch ich erwarte, dass Ihr innerhalb von zwei Monaten danach in jeweils eines der Häuser einzieht. Mr Gasaway wird sich mit Euch treffen, um das Einzugsdatum zu vereinbaren. Ihr könnt es unter Euch ausmachen, wer welches Haus bekommt, oder Mr Gasaway wirft eine Münze, falls Ihr nicht einmal das schafft.

In beiden Häusern oder auf den Grundstücken habe ich für jede von Euch einen Hinweis hinterlassen, den Ihr finden müsst. Die Hinweise bestehen aus zwei unterschiedlichen Gegenständen. Der eine wird den Fundort des Schlüssels für mein Schließfach enthüllen, der andere wird Euch helfen, an ihn heranzukommen. Ihr müsstzusammenarbeiten, um die Hinweise zu finden und sie zum Aufspüren des Schlüssels einzusetzen – tatsächlich ist es der Schlüssel zu meinem Schatz und zu Eurem jeweiligen Anteil daran. (Ich gebe zu, dass dieser Plan kindisch klingt, doch das ist vielleicht angemessen, wenn man bedenkt, dass ich Euch an die Bindung erinnere, die einst zwischen Euch bestand.)

In das Schließfach habe ich eine Kopie meines Testaments gelegt, das verfügt, Euch meinen Nachlass zu gleichen Teilen zuzuweisen. Euch bleiben zwei Monate, in denen Ihr zusammenarbeiten müsst, um das Testament zu finden. Kurzum, Ihr werdet Nachbarinnen sein. Außerdem Partnerinnen in einer Art Schatzsuche. Das mag weder angenehm noch leicht für Euch sein, aber meine große Hoffnung besteht darin, dass Ihr gute Erinnerungen wiederentdeckt, die Euch helfen, die schlechten zu überwinden. Im Idealfall wird dieses Erlebnis die Funkstille zwischen Euch beenden und Ihr werdet vielleicht sogar wieder zu richtigen Schwestern.

Für den Fall, dass Ihr beide meinen Anweisungen nicht folgt und dem Anwalt, Mr Gasaway, den Schlüssel zu meinem Schließfach nach Ablauf der zwei Monate nicht vorlegt, sowie für den Fall, dass Ihr meine Verfügung vor Gericht anzufechten versucht, habe ich ihn angewiesen, die zweite Version meines Testaments zu vollstrecken. Nach dieser wird mein gesamter Nachlass unter verschiedenen förderungswürdigen Wohltätigkeitsorganisationen aufgeteilt. Falls eine von Euch sich weigert, meinen Anweisungen zu folgen oder versucht, meine Wünsche vor Gericht anzufechten, wird Mr Gasaway die dritte Version vollstrecken, nach der mein gesamter Nachlass der anderenSchwester zufällt.

Ich weiß, was ich von Euch verlange. Ihr müsst alles hinter Euch lassen und zurück nach Mill River ziehen, zumindest vorübergehend. Ich weiß aber auch, dass es Euch beiden möglich sein müsste. Rose, Liebes, Du hast mir oft genug erzählt, dass Du wegen Sheldons Einkommen nicht zu arbeiten brauchst, daher dürfte Dich kein Job davon abhalten, hierherzukommen. Und Emily, Schätzchen, Du warst immer freiberuflich tätig und hast so viele Talente. Ich weiß, Du wirst kein Problem haben, irgendwo hier in der Nähe eine vorübergehende Arbeit zu bekommen.

Genau gesehen kann ich Euch natürlich nicht zwingen, das zu tun, was ich von Euch verlange. Und selbst wenn Ihr es tut, weiß ich, dass das Ergebnis vielleicht nicht die Aussöhnung ist, auf die ich so inständig hoffe. Aber ich bete dafür, dass Ihr beide Zeit mit­einander verbringt und zur Vernunft kommt, oder zumindest begreift, was ich für Euch zu tun versuche. Ihr könnt mich für eine törichte alte Frau halten, aber Ihr sollt wissen, dass es nichts gibt, was ich nicht für Euch tun würde. Ich habe Euch beide vom Moment Eurer Geburt an so sehr geliebt. Selbst jetzt bei dem, was ich in die Wege geleitet habe, will ich nur Euer Bestes.

Eure Euch liebende Mutter,

Josephine Collard DiSanti

Schweigen breitete sich aus.

»Das ist doch ein totaler SCHEISS!«, kreischte Rose, bevor sie ihre Stimme zu einem Zischen senkte. »Darauf lassen wir uns auf keinen Fall ein – auf diese kleine Schatzsuche, oder wie zum Teufel Mom das genannt hat.«

Emily blickte zu Jim Gasaway. »Kann sie … konnte sie wirklich darauf bestehen?«

»Ja, Ma’am«, erwiderte Jim. »Ich muss allerdings einräumen, dass die Hinterlassenschaft Ihrer Mutter zu einer der ungewöhnlichsten gehört, die mir je untergekommen sind. Es hängt quasi alles in einer Warteschleife, aber das Ganze ist legal und bindend. Ich bin überzeugt, dass es vor Gericht Bestand hätte, falls es dazu kommen sollte«, fügte er mit einem gezielten Blick auf Rose hinzu.

»Mädchen, ihr solltet wissen, dass Jim der beste Anwalt hier in der Gegend ist und ein Experte darin, komplexe Treuhandvermögen und Nachlässe zu verwalten«, sagte Father O’Brien leise.

»Wir sollen also alles stehen und liegen lassen und hierherziehen, um nach einem Schlüssel zu suchen?«, fragte Emily. »Ich kann nicht glauben, dass Mom uns das antut.«

»Vielleicht war sie nicht mehr ganz bei Verstand«, stimmte Rose zu. »Und was ist mit ihrem Maklerbüro, das ihr so am Herzen lag? Wer wird das führen, bis ihr Nachlass endgültig geregelt ist?«

»Ich prüfe die Bücher, und einer ihrer Angestellten besitzt die Befugnis, Hausverkäufe zu bestätigen«, erwiderte Jim. »Ihre Mutter war sehr darauf bedacht, Notfallpläne zu erstellen.«

Sheldon richtete sich auf und wandte sich an Rose. »Hör zu, ich halte das ja auch für totalen Schwachsinn«, sagte er mit leiser, flehender Stimme. »Aber uns bleiben noch zwei Monate. Wir können uns die Sache genauer anschauen und eine weitere juristische Meinung einholen, wenn wir zu Hause sind. Lass uns jetzt das hier abschließen und dann verschwinden.«

»Ich halte Sheldons Vorschlag für vernünftig«, sagte Ivy. »Jim, vielleicht sollten wir uns nur auf ein Einzugsdatum einigen, beiden die Schlüssel für die Häuser geben und sie erst mal gehen lassen. Sie können eine Weile darüber nachdenken und haben immer noch genügend Zeit, Vorbereitungen zu treffen, wenn sie nachgegeben haben.«

»Wohl kaum«, schnaubte Rose.

»Das wirst du schon«, erwiderte Ivy mit süßlichem Lächeln.

Emily verdrehte die Augen und wandte sich an Jim. »Was soll’s. Mir ist es egal, welches Haus ich kriege.«

»WIR sollten das größere bekommen«, sagte Rose. »Wir sind eine Familie. Sie ist nur eine Person.«

Jim Gasaway fischte zwei Schlüsselbunde und ein 25-Cent-Stück aus der Tasche. »Die Häuser unterscheiden sich kaum in der Größe. Aber es ist vermutlich am besten, wenn wir Mr Washington befragen. Alex könnte das doch machen. Wäre das in Ordnung?«

»Darf ich?« Alex grinste hoffnungsvoll und sah seine Eltern an. Rose schwieg, doch Sheldon beugte sich hinab und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Emily zuckte mit den Schultern.

»Also gut, Alex«, sagte Jim, »Kopf oder Zahl. Auf drei – fertig? Eins, zwei, drei!« Er warf die Münze hoch, beinahe bis zur Decke.

»Kopf!«, schrie Alex, und es wurde still im Raum, bis die Münze klappernd auf dem Holzboden landete.

»Sieht nach Zahl aus«, verkündete Jim, und als er sich zur Münze hinabbeugte, sah Father O’Brien, wie Alex die Stirn runzelte und zum Sofa zurückwich. »Welches Haus wollen Sie, Emily?«

»Dann nehme ich halt das größere.« Sie lächelte und streckte die Hand nach den Schlüsseln aus, die Jim ihr hinhielt.

Rose sprang auf. »Nimm du die Schlüssel, Sheldon. Ich suche unsere Sachen im Wohnzimmer zusammen.« Sie rauschte aus dem Büro.

»Das lief ja besser, als ich erwartet hatte«, murmelte Ivy vor sich hin.

»Was Ihre Ankunft betrifft«, sagte Jim zu Emily. »Je mehr Zeit Ihnen bleibt, desto besser für Sie beide, nehme ich an. Heute ist der vierte Mai. Lassen Sie uns doch einfach beschließen, dass Sie und Rose am ersten Juli wieder hier sind.«

Emily hatte einen Arm um die Taille gelegt und schaute auf den kleinen Schlüsselbund in ihrer Hand. »Meinetwegen. Ich werde versuchen, zu tun, was Mom verlangt«, erwiderte sie mit trauriger Stimme, »aber ehrlich gesagt, ich glaube nicht, dass es etwas bewirken wird. Es gibt einfach Dinge, die sich nicht reparieren lassen, und nach dem, was zwischen Rose und mir vorgefallen ist …«

Sheldon seufzte und zuckte die Achseln. »Erster Juli.« Er legte Alex sanft eine Hand auf die Schulter, bevor er die Schlüssel entgegennahm, die Jim ihm reichte. »Wir sollten aufbrechen«, sagte er. »Wir haben eine lange Fahrt vor uns, aber wir werden uns auf jeden Fall noch Rat von unserem Anwalt einholen …«

Plötzlich ertönte ein lautes Krachen irgendwo vor dem Büro, gefolgt von Roses Kreischen: »Nein, nein, oh mein Gott, Mom!«

»Oh je«, entfuhr es Father O’Brien. Er öffnete rasch die Tür, und alle vier eilten aus dem Büro auf den Tumult zu.

Das ordentliche, feierlich hergerichtete Wohnzimmer war völlig verwandelt. Auf der einen Seite standen Ruth Fitzgerald und die wenigen noch verbliebenen Kondolenzgäste in einer Gruppe zusammen. Auf der anderen war der kleine, zum Gedenken an Josie dekorierte Tisch umgekippt. In einem Durcheinander aus Asche, zerbrochenem Glas und einer grünlichen Flüssigkeit lagen die offene Bronzeurne, die Fotos von Josie, mehrere Blumensträuße und Daisy Delaine.

»Miss Rose, es tut mir so leid, Miss Rose, ich wollte Ihnen doch nur ein Glas von meinem Kummertrank geben«, stammelte Daisy und versuchte, auf die Füße zu kommen.

»Oh mein Gott«, wiederholte Rose. Sie blinzelte und stolperte rückwärts. Ihr schwarzes Kleid war vorn mit grauem Puder bedeckt, ihre Stöckelabsätze machten scharfe, knackende Geräusche auf den Glassplittern. Sie wischte sich hektisch über das Gesicht und funkelte Daisy wütend an. »Wie konnten Sie … Ist Ihnen klar, was Sie da angerichtet haben?«

»Oh, Miss Rose, ich hab das Gleichgewicht verloren und bin gegen den Tisch gestoßen«, versuchte Daisy zu erklären. Die stämmige kleine Frau war jetzt auf Händen und Knien. Sie schnappte nach Luft, als sie auf den Knien hochkam und einen Glassplitter aus ihrer rechten Handfläche ragen sah.

»Sie dämliche Idiotin!«, schrie Rose sie an. »Verflucht, Ivy«, fuhr sie fort und wirbelte herum. »Hättest du keine Urne mit Schraubverschluss besorgen können? Oder zumindest darauf achten, dass dieses billige Ding anständig versiegelt wird?«

»Aber Miss Rose, ich hätte doch nie … Ich wollte das nicht. Es tut mir so leid, Miss Rose.« Weinend umklammerte Daisy ihre verletzte Hand. Die Tränen hinterließen dunkle Streifen auf Daisys mit Asche bedecktem Gesicht.

Father O’Brien und Jim eilten auf Daisy zu, bewegten sich behutsam über den verschmierten Boden und packten sie an beiden Armen. Gemeinsam halfen sie ihr hoch und brachten sie zu Ruth.

»Daisy, Liebes, kommen Sie mit mir. Schauen wir uns den Schnitt mal genauer an.« Ruth legte den Arm um sie. »Tut Ihnen sonst noch was weh?« Jim stützte Daisy von der anderen Seite und ging mit ihnen in die Küche.

»Rose«, sagte Ivy, »ich weiß, dass du verärgert bist, aber das war ein Missgeschick. Im Badezimmer sind frische Handtücher. Du kannst dich säubern, während ich etwas anderes für dich zum Anziehen suche.« Sie näherte sich Rose und wollte nach deren Ellbogen greifen, aber Rose zuckte zurück.

»Ich brauche keine Hilfe«, zischte sie. »Mach schon, Sheldon!« Sie marschierte zur Haustür, riss sie auf und stürmte hinaus.

»Es tut mir leid … die ganze Sache tut mir so leid«, entschuldigte sich Sheldon bei Ivy. »Du weißt, wie sich Rose aufregen kann. Sie ist seit Tagen durcheinander, und heute war es besonders schlimm für sie. Wir sollten lieber aufbrechen … Daisy? Bitte richte ihr von mir aus … von uns allen … dass Missgeschicke passieren, und es gibt nichts zu verzeihen.« Nach einem letzten Blick auf das Durcheinander im Wohnzimmer legte er Alex die Hand auf den Kopf und schob ihn sanft zur Haustür hinaus.

»Tut mir leid, Tante Ivy.« Emily schlang Ivy den Arm um die Schultern. »Ich weiß, du hast dir viel Mühe gegeben, um das hier für Mom nett zu machen. So wie sie es sich wünschte.« Emily hielt kurz inne, und ihre Augen füllten sich mit Tränen, als sie auf die verstreute Asche blickte. »Ich räum das hier auf.«

»Danke, Kind.« Als Emily sich auf die Suche nach Putzmitteln begab, schaute Ivy zu Father O’Brien und schüttelte den Kopf. »Was für ein Desaster.«

Father O’Brien nickte. »Und die arme Daisy, Gott schütze sie, wollte niemandem etwas zuleide tun. Vermutlich ist sie völlig außer sich und muss mit ihrer Hand zum Arzt.«

»Sie ist immer noch in der Küche bei Ruth«, erwiderte Ivy, als Emily mit einem Eimer voll Putzmitteln und Papiertüchern zurückkam, inklusive Josies altem Kirby-Staubsauger. »Könnten Sie nach ihr sehen? Em und ich werden hier schon allein fertig.«

»Natürlich.« Inzwischen hatte Emily den Tisch wieder aufgerichtet und die Urne und den Deckel vorsichtig aufgehoben.

»Ich habe die Urne nicht ausgesucht«, sagte Ivy zu ihrer Großnichte. »Die hat deine Mom selbst ausgewählt, vor Jahren, als sie beschloss, ihre Angelegenheiten in Ordnung zu bringen.«

»Erinnert mehr an eine Vase. Sie hat keinen Schraubdeckel, wie eigentlich üblich, ist aber trotzdem wunderschön. Lass uns versuchen, so viel wie möglich von der Asche zu retten. So könnten wir die Urne immer noch für die Beisetzung verwenden, wie Mom es wollte. Und lass dich von Rose nicht unterkriegen«, fügte Emily hinzu. »Ich weiß, sie sagt manchmal so Dinge, aber glaub mir … was aus ihrem Mund kommt, ist keinen Pfifferling wert.«

4

1983

Während Ivy Kunden bediente und sich nach Kräften bemühte, ihre Weihnachts-Lagerbestände abzubauen, verbrachte Josie den restlichen Tag im Dunstschleier ihres Kummers. Sie nahm sich zusammen, bis Rose und Emily im Dachzimmer eingeschlafen waren. Leise ging sie nach unten und fand Ivy auf dem Fernsehsessel im Wohnzimmer.

Ivy blickte von ihrem Buch auf. »Schlafen sie?«

»Ja.« Josie sank auf das Sofa ihr gegenüber. »Ich glaube, ich würde jetzt gerne das Päckchen öffnen.«

Ivy nickte und verließ das Wohnzimmer. Kurz darauf kam sie mit dem kleinen Päckchen zurück, das der Postbote am Morgen gebracht hatte. »Ich bin in meinem Schlafzimmer, falls du mich brauchst«, sagte sie leise.

Nachdem ihre Tante gegangen war, nahm Josie das Päckchen in Augenschein. Mit zitternden Fingern fuhr sie über die Wörter auf dem Versandetikett – PÄCKCHENENTHÄLTKREMIERTEÜBERRESTE. BITTEMITSORGFALTUNDRESPEKTBEHANDELN. Der Absender war ein Beerdigungsinstitut in der Bronx.

Sie stand auf und nahm das Päckchen mit in die Küche, um das Klebeband aufzuschneiden. Der Versandkarton aus Pappe enthielt einen versiegelten Umschlag und einen rechteckigen Metallbehälter, den sie auf den Tisch stellte. Josie öffnete den Umschlag und faltete den Briefbogen auseinander, sah aber nur »Bescheinigung über Kremierung« und »Anthony Paolo DiSanti«, bevor sich ihre Augen mit Tränen füllten und ihr das Blatt aus den Fingern glitt.

Josie bekam keine Luft. Sie nahm ihren Wollmantel vom Ständer neben der Seitentür, stolperte hinaus und ging los.

Der Bürgersteig war mit einer dünnen Schicht Neuschnee bedeckt, und Josies Schuhe hinterließen die ersten Spuren. Sie schlug die Kapuze hoch und wischte sich hin und wieder mit dem Mantelärmel übers Gesicht. Die glitzernde Weihnachtsbeleuchtung zwei Blocks vor ihr, an der Kreuzung zur Hauptstraße, erregte ihre Aufmerksamkeit.

Sie erreichte die Kreuzung, das weiße Rathaus lag zu ihrer Linken. Rechts reihten sich die kleinen Läden, an die sie sich von der Nacht zuvor erinnerte. Gegenüber, etwas von der Straße zurückgesetzt, stand St. John. Es war nach acht, und die Geschäfte an der Hauptstraße hatten längst geschlossen, doch sie glaubte, einen Lichtschimmer in der kleinen Steinkirche zu sehen. Emo­tional ausgelaugt, das Gesicht taub von der eisigen Luft, überquerte Josie die Straße und stieg die Stufen zum Portal hinauf. Zu ihrer Verwunderung war die Kirche offen.

Zögernd trat Josie ein, schloss die Tür hinter sich und genoss die Wärme, die an ihr kaltes Gesicht drang. Sie stand in einem kleinen, dunklen Vorraum. Vor ihr befand sich eine große Doppeltür, die ins Kirchenschiff führte. Der Altar war gut beleuchtet, doch das Licht wurde im hinteren Bereich allmählich schwächer, und die Bankreihen nahe der Tür lagen fast vollkommen im Dunkeln. Josie schob sich in eine Bank und setzte sich.

Sie war froh, allein an diesem stillen, warmen, dunklen Ort zu sein. Die Zeit hatte keine Bedeutung mehr. Gern wäre sie in die Dunkelheit geschlüpft und ihrem Kummer entflohen, doch wenn sie die Augen schloss, sah sie sofort die schrecklichen Wörter »kremierte Überreste« vor sich. Sie sank nach vorne, Tränen tropften ihr in den Schoß. Josie hörte nicht, wie ihr Keuchen und Schluchzen im Altarraum widerhallten. Sie konzentrierte sich nur darauf, die anscheinend endlos aus ihr herausströmende Schmerzensflut zu überstehen.

Josie wusste nicht, wie lange sie weinend dagesessen hatte, als sie die Bank unter dem Gewicht einer weiteren Person knarren hörte. Sie drehte sich zur Seite und sah einen Priester neben sich sitzen.

»Ich wollte Sie nicht erschrecken«, sagte er leise. »Ich war gerade dabei, alles für die morgige Messe vorzubereiten, als ich Sie hörte. Und ich wollte schauen, ob Sie vielleicht meinen Beistand benötigen. Mein Name ist Michael O’Brien. Ich bin hier der Seelsorger.«

»Oh, tut mir leid, Father. Ich wollte nicht … ich meine, Sie haben vermutlich geschlossen. Ich habe nur einen Spaziergang gemacht, und mir wurde kalt«, stammelte Josie. Sie stand abrupt auf und wischte sich über die Augen.

»Wenn ich hier bin, ist die Tür immer offen, egal zu welcher Zeit«, sagte Father O’Brien. »Ich sehe, dass Sie sehr traurig sind. Vielleicht sollten Sie meine offene Tür finden.«

Josie blickte auf Father O’Brien hinunter. Er war hochgewachsen und schlaksig, hatte eine hohe Stirn und sah älter aus als Ivy. Obwohl sie inzwischen so weit war, zu Ivy zurückzukehren, hatte dieser Geistliche etwas an sich, das sie dort hielt. Er strahlte Mitgefühl aus. Nach kurzem Zögern ließ Josie sich wieder auf die Bank sinken.

»Ich weiß nicht, warum ich hereingekommen bin«, flüsterte sie. »Ich bin nicht mehr in einer Kirche gewesen, seit … also ich weiß nicht mal mehr, seit wann.«

Father O’Brien lächelte. »Hier ist jeder willkommen«, sagte er schlicht.

Seine Stimme, seine Gegenwart hatten etwas Tröstliches. Josie sah auf ihre im Schoß verschränkten Hände. »Mein Mann ist letzte Woche gestorben«, flüsterte sie. »Bei einem Brand. Wir … ich … habe zwei kleine Töchter, und das Feuer hat fast alles verzehrt, was wir hatten, daher bin ich hierhergekommen, nach Mill River, um bei meiner Tante zu wohnen.« Josie atmete tief durch. »Ich habe solche Angst, Father. Ohne ihn bin ich verloren. Ich spüre, dass ich immer tiefer sinke. Und meine Tante … die, bei der wir untergekommen sind … ich kenne sie nicht mal. Sie ist alles an Familie, was ich noch habe. Sie ist so gastfreundlich, aber ich komme mir trotzdem wie eine schreckliche Bürde vor, weil ich ein solches Wrack bin und ihr meine Kinder ins Haus geschleppt habe. Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll. Ich muss für meine Töchter sorgen, und ich weiß nicht, wie ich das bewerkstelligen soll. Ich komme mir vor, als würde ich ertrinken.« Josie war, als strömte jeder Gedanke, der sie seit Tonys Tod gequält hatte, zusammen mit ihren Tränen heraus.

»Das tut mir so leid, mein Kind«, sagte Father O’Brien. »Könnte ich … darf ich Sie nach Ihrem Namen fragen?«

»Ich heiße Josie.«

»Josie.« Father O’Brien hielt kurz inne, vielleicht um seine Gedanken zu sammeln. »Ich weiß, wie Sie jetzt leiden. Ihre ­Gefühle sind nach dem Verlust eines Ehepartners durchaus normal. Sie befinden sich erst in der Anfangsphase des Trauerprozesses, und überwältigt zu sein und Angst zu haben, gehört absolut dazu.«

Josie biss sich auf die Lippe, versuchte ihre Fassung zu wahren.

»Für Menschen, die in der Weihnachtszeit jemanden verlieren, ist es immer besonders schwer«, fuhr Father O’Brien fort. »Ich bin so froh, dass Sie heute Abend hergekommen sind. Es ist wichtig, dass Sie jetzt Menschen um sich haben, die Sie unterstützen. Sie sagten, Sie seien bei einer Tante hier in der Stadt untergekommen?«

»Ja, bei meiner Tante Ivy. Sie betreibt den kleinen Buchladen ein paar Straßen weiter.«

»Ivy Collard ist Ihre Tante?«

Josie nickte.

»Ich kenne sie seit Jahren.« Father O’Brien lächelte. »Sie ist … wie soll ich sagen … temperamentvoll? Aufmüpfig? Aber Sie werden keinen warmherzigeren, großzügigeren Menschen finden.«