Sommer hinter Dornen - Regina Meißner - E-Book
Beschreibung

Eine Kriegerin. Ein Prinz. Eine hohe Dornenhecke. Aria ist Kriegerin beim nächtlichen Siegel. Als ihr die Aufgabe zuteilwird, Prinz Cedric hinter eine Dornenhecke in das magische Schloss zu bringen, ist ihre Freude zunächst groß. Allerdings hat sie die Rechnung ohne den eingebildeten Königssohn gemacht, der sich nur ungern von einer Frau helfen lässt. Auf ihrem Weg geraten die beiden immer wieder aneinander, doch dunkle Kreaturen, grässliche Flüche und knifflige Rätsel erfordern ihren Zusammenhalt. Werden Aria und Cedric es schaffen, bis zum magischen Schloss durchzudringen?

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Seitenzahl:106

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Regina Meißner

Sommer hinter Dornen

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

Prolog

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Epilog

Impressum neobooks

Vorwort

Dies ist ein fiktiver Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Markennamen sind Besitz ihrer Eigentümer.

Prolog

Es war einmal eine Königin, die sich nichts mehr wünschte als ein eigenes Kind. Als sie eines Tages an einem Tümpel saß, erschien ein Frosch, der in der Lage war, ihrem Leid ein Ende zu bereiten und ihr das zu schenken, wonach sie sich so sehnte.

Die Königin brachte eine kleine Prinzessin zur Welt, die am Tag ihrer Taufe mit allen Tugenden und Gaben des Reiches gesegnet wurde. Geladen waren zwölf Feen, nur die dreizehnte musste zu Hause bleiben, da man nicht genügend goldene Teller fand. Diese Zauberin aber erzürnte sich über die Ungerechtigkeit und verfluchte die kleine Prinzessin. An ihrem sechzehnten Geburtstag sollte sie sich an einer Spindel stechen und in einen ewigen Schlaf fallen.

Zwar konnte der böse Zauber gemildert werden, sodass die junge Königstochter nicht für immer daliegen musste, sondern durch einen Kuss wieder geweckt werden konnte, doch die böse Fee ließ eine gewaltige Dornenhecke um das Königsschloss errichten. Viele Jünglinge versuchten ihr Glück – aber ihr Mut endete tödlich.

Zusammen mit der Prinzessin schlief das gesamte Königreich – viele, viele Jahre lang.

Eins

Es gibt nur drei Dinge, auf die man achten muss, wenn man mit Pfeil und Bogen kämpft. Erstens: Spannung ist alles. Man muss wissen, wie sehr man die Sehne ausreizen kann, um die größte Flugkraft zu erhalten.

Zweitens: Fixiere das Ziel. Egal, ob es sich schon bewegt oder es dich noch nicht gesehen hat: Man darf das Ziel im entscheidenden Moment nicht aus den Augen lassen.

Und drittens: Wenn es so weit ist, du den Pfeil eingelegt und die Sehne gespannt hast, dann zögere nicht. Manchmal hast du nur eine einzige Sekunde – und auf die kommt es an. Nutze den richtigen Augenblick.

Ich stehe in der großen Übungshalle, die sich hinter dem siebten Wald befindet, und kneife meine Augen zusammen. In einigen Metern Entfernung thront die runde Zielscheibe, auf der mich nur ein einziger Kreis interessiert: der rote in der Mitte. Trifft mein Pfeil nicht die bunte Fläche, habe ich verloren. Meine Hände sind sicher, viele Male zuvor habe ich schon genau dieselbe Übung durchgeführt. Mit der kleinen Ausnahme, dass die Entfernung immer größer wird und ich genauer zielen muss, um den roten Kreis zu treffen. Ich weiß, dass ich breit genug dastehe, um mir den nötigen Halt zu geben, ich weiß, dass in meinem Kopf nur Platz für diesen Moment ist.

Ich.muss.treffen.

Entschlossen spanne ich den Bogen – und lasse den Pfeil nach vorn sausen. Aufmerksam betrachte ich, wie er kerzengerade losschießt und schließlich die Zielscheibe trifft – genau in die Mitte. Ein zufriedenes Lächeln legt sich auf meine Lippen. Sehr gut. Meine Übung ist für heute beendet, ich kann zufrieden mit mir sein. Ich werde die Nacht nutzen, um Kraft zu tanken, denn morgen wird die Zielscheibe am Ende der Halle stehen.

Gerade bin ich dabei, meinen Pfeil aus dem roten Kreis zu ziehen, als Schritte hinter mir laut werden. Ich drehe mich um, mein Blick fällt auf Rufus, den Anführer des nächtlichen Siegels. Irritiert hebe ich die Augenbrauen. Was macht er hier? Normalerweise besucht er mich nicht während meiner Übungszeit.

„Aria“, ruft er und läuft auf mich zu. Sein Gang ist zügig, beinahe hastig. Rufus ist ein schlanker Mann, wendig und schnell, wenn es darum geht, Feinden auszuweichen. Aber Geschwindigkeit ist nur eines seiner Talente, die ihn zu dem gemacht haben, was er heute ist. Sein Blick ist aufgeregt, als er mich erreicht, die Stimme klingt gehetzt.

„Aria, wie gut, dass ich dich treffe.“

„Rufus“, erwidere ich und sehe ihn neugierig an. „Was ist denn los?“

Den Pfeil habe ich mittlerweile aus dem Ziel gezogen und in meine Tasche zu den anderen gesteckt. Während ich sie zuschnüre, fährt sich Rufus durch die grauen Haare.

„Ein Auftrag ist reingekommen“, verkündet er dann. Irgendetwas an seinem Tonfall macht mich stutzig. Eigentlich ist das, was er sagt, nicht verwunderlich, schließlich wird das nächtliche Siegel regelmäßig um Hilfe gebeten, aber heute scheint etwas anders zu sein.

„Es geht um Prinz Cedric aus den Sommerlanden“, erklärt Rufus außer Atem.

„Er möchte die schlafende Prinzessin befreien und hat um unsere Hilfe gebeten.“

Unzählige Gedanken prasseln zeitgleich auf mich ein. Ich kenne die Sommerlande, sie liegen mehrere Tagesritte von Pesalia entfernt. Man muss einen guten Grund haben, um die lange Reise auf sich zu nehmen.

„Wann?“, frage ich.

„Morgen“, antwortet Rufus knapp. Meine Kinnlade klappt nach unten.

„Aber die obersten Fünf sind noch in der Schlacht“, sprudelt es aus mir heraus. Ich stemme meine linke Hand in die Hüfte. „Sie werden noch Wochen, vielleicht Monate unterwegs sein. Wer soll …“

Die Ader auf Rufus‘ Stirn pocht verräterisch und bringt mein Herz zum Klopfen.

„Heißt das, dass …“, stammele ich wirr.

Als Rufus nickt, explodiert etwas in mir.

„Richtig. Du bist Nummer sechs. In der Rangordnung bist du die nächstbeste Kämpferin. Was bedeutet, dass der Auftrag an dich geht.“

Urplötzlich ist der Raum in Stille getaucht; ich wage es kaum zu atmen.

„Aber er ist ein Prinz. Ich habe noch nie …“

„Das weiß ich, Aria“, fällt mir Rufus ins Wort. Er greift nach meiner Hand.

„Deine Aufträge waren bisher eher klein. Dennoch hast du schon sehr vielen Menschen geholfen. Außerdem beherrschst du Pfeil, Bogen und Dolch besser als die Meisten hier. Du bist wendig, gerissen. Ich habe dich in letzter Zeit oft beobachtet und ich vertraue in deine Fähigkeiten.“

Gänsehaut benetzt meine Arme. Das, was er sagt, erfüllt mich mit tiefer Freude. Ein solch offensichtliches Lob kommt beim nächtlichen Siegel selten vor.

Ein neuer Auftrag. Ein Prinz. Die verwunschene Dornenhecke.

Rufus muss mich nicht fragen, ob ich annehme. Mein Ja ist so sicher wie das Lächeln, mit dem ich ihn nun ansehe.

***

„Wir haben erfahren, dass er nicht viel Kampferfahrung hat und daher jemanden an seiner Seite braucht“, erzählt Rufus, als wir nebeneinander aus der Halle gehen.

„Wie schlecht es wirklich um ihn steht, musst du selbst herausfinden.“

„Was weiß man mittlerweile über die Hecke?“, wechsele ich das Thema. Ich selbst habe mich nie wirklich mit dem Fluch beschäftigt, die wenigen Informationen, die ich kenne, stammen aus zweiter Hand und müssen daher nicht unbedingt der Wahrheit entsprechen.

Rufus hält mir die Tür auf, als wir die Halle verlassen. Schnell schiebe ich mich durch die Öffnung nach draußen. Durch das lange Training habe ich gar nicht mitbekommen, wie heiß es heute ist. Die Sonne scheint wie ein runder Ball vom Himmel und bringt mich jetzt schon zum Schwitzen. Seufzend schlüpfe ich aus der Weste, auch wenn der Weg zu meiner Kammer nicht weit ist.

Vogelgezwitscher liegt in der Luft, der wolkenlose Himmel verspricht einen klaren Tag. Was ich am Sommer vor allem mag ist die Tatsache, dass man völlig geräuschlos über das Gras laufen kann. Laub raschelt, Schnee knirscht, aber Gras ist so leise, dass man auf ihm beinahe selbst verschwinden kann.

Es ist Rufus‘ Stimme, die mich wieder in die Wirklichkeit holt.

„Die Dornenhecke besteht nun schon seit fast zwanzig Jahren. Das ganze Schloss wurde damals mit verflucht; sie sind in einen tiefen Schlaf gefallen.“

Traurig schüttelt er den Kopf. Möglicherweise denkt er über die Ungerechtigkeit des Fluchs nach. Aber für so etwas haben wir keine Zeit. Nicht, wenn der Prinz bereits morgen Hilfe braucht und auf dem Weg nach Pesalia ist.

„Was ist das Besondere an der Hecke? Auf was muss ich vorbereitet sein?“

Am Rande meines Sichtfeldes sehe ich das breite Haus, das die Mitglieder des nächtlichen Siegels unterbringt. Insgesamt sind wir siebzig Männer; ich bin die einzige Frau unter ihnen. Die obersten Fünf haben auch die großzügigsten Zimmer, noch dazu erhalten sie die beste Verpflegung und werden ausreichend entlohnt. Als sechste im Bunde kann ich mich auch nicht beschweren, selbst wenn ich auf Luxus, wie zusätzliche Essensrationen am Wochenende, verzichten muss.

„Die böse Fee hat sie wachsen lassen“, erzählt Rufus, seine Stimme voller Dunkelheit. „Viele Königssöhne haben bereits versucht, zur Prinzessin vorzudringen, aber sie sind alle gescheitert. Niemand weiß, was hinter der Hecke liegt, überhaupt haben es nur die wenigsten darüber geschafft.“

„Und die anderen? Was ist mit ihnen passiert? Haben sie aufgegeben?“

Rufus schüttelt bedauerlich den Kopf.

„Man hat sie nie wieder gesehen“, sagt er dann und entriegelt die Tür zu unserem Wohnhaus.

***

Meine Kammer verfügt nur über das Nötigste – ein Bett, ein Schrank, ein Tisch und ein paar Kleinigkeiten, die man zum Leben braucht. Ich werde nicht schlecht bezahlt, aber ich mag es einfach nicht, mich mit Dingen abzugeben, die ich nicht brauche. Im Gegensatz zu den Räumen der obersten Fünf ist mein Zimmer karg, beinahe spartanisch eingerichtet.

Zuerst fülle ich meinen Jutebeutel. Schon viele Male habe ich für Aufträge gepackt, aber heute weiß ich nicht genau, was mich erwartet. Hinter der Dornenhecke kann sich alles Mögliche befinden – dass es mir friedlich gesonnen ist, bezweifle ich. Ich muss also für alles gerüstet sein.

Nach einigen Minuten schnüre ich den Beutel zusammen und stelle ihn auf den Tisch.

In der spiegelnden Oberfläche meiner Waschschüssel sehe ich das Mädchen, das mir jeden Tag nach den Übungseinheiten entgegenlächelt. Meine roten Haare hängen wirr an mir herab, dunkel kann ich mich daran erinnern, dass ich mir eigentlich einen Zopf geflochten hatte, der aber im Eifer des Gefechts aufgegangen sein muss. Meine Wangen sind gerötet, eine feine Schicht Dreck hat sich auf mein Gesicht gelegt. Ich seufze und wasche mich schnell.

Bevor ich mich auf mein Bett fallen lasse, ziehe ich die Vorhänge zu. Bei Tageslicht konnte ich noch nie gut schlafen, doch genau dazu muss ich mich nun zwingen. Mein erster großer Auftrag wartet auf mich, daher sollte ich so ausgeruht wie möglich sein.

Zwei

Das Wappen des nächtlichen Siegels zeigt zwei Halbmonde, die in einem Kreis miteinander verwoben sind. Dass ich es als Orden auf einem Stück Leder mit mir herumtragen kann, habe ich nur meinem Vater zu verdanken, der selbst bei den Kriegern tätig war und mich schon als kleines Mädchen in die Reihen aufnahm. Ich war nie die Art Kind, das mit Puppen spielte und den Dreck mied.

Ich soll Prinz Cedric an der großen Trauerweide treffen, die den Eingang in den verwunschenen Wald markiert. Von dort aus werden wir es nicht weit bis zur Dornenhecke haben.

Genau wie gestern scheint die Sonne hell und voll vom Himmel, glücklicherweise ist es aber nicht ganz so drückend heiß. Ich bewege mich schnell und zügig voran, der kleine silberne Dolch steckt in meiner Hosentasche, Pfeil und Bogen habe ich mir über die Schulter gehängt.

Während ich ein Kornfeld durchquere, denke ich an frühere Aufträge zurück. Wie die anderen Männer habe ich klein angefangen, musste verschreckten Kindern reicher Eltern helfen, die Monster unter ihren Betten zu verscheuchen und Jungfern in Nöten vor ihren Peinigern bewahren. Mit den Jahren wurde ich besser, zudem wuchs meine Erfahrung im Kämpfen. Wurde ich als Kind noch von den Mitgliedern des nächtlichen Siegels abschätzend angeschaut, bin ich nun ein fester Teil ihres Bundes.

***

Ich weiß, dass es der Prinz ist, ohne dass man mir eine Beschreibung seines Äußeren gegeben hat. Vielleicht ist es die Art, wie er an der alten Weide lehnt und sich mit einem Tuch den Schweiß von der Stirn tupft. Vielleicht sind es seine blonden, beinahe goldenen Haare, die ihm leicht ins Gesicht hängen. Vielleicht ist es aber auch die Kleidung, die für ein Vorhaben wie unseres einfach viel zu fein und umständlich ist. Prinz Cedric trägt ein zartes Hemd aus bestem Stoff, dazu einen langen Umhang und ausgebeulte Hosen. In der rechten Hand hält er ein Schwert. Die Art und Weise, wie er den Griff umklammert, zeigt mir, dass er tatsächlich sehr unerfahren ist. Ich würde einiges darum geben, sein Gesicht zu sehen, aber er hat mir den Rücken zugedreht. Daher werden wir uns gleichzeitig das erste Mal in die Augen sehen. Je näher ich komme, desto langsamer werde ich.

Bald bin ich nur noch wenige Meter von ihm entfernt. Mir wird bewusst, wie schlank er ist, schlaksig, beinahe jungenhaft. Mögliche Kämpfe hätten seine Brust hervorgehoben, die Beine stark gemacht und seine Arme definiert. Stattdessen stehe ich nun einem Mann gegenüber, der etwas sehr Zerbrechliches an sich hat – und mich von oben herab mustert.

„Prinz Cedric.“

Ich verbeuge mich vor ihm. Das Knicksen, das für mein Geschlecht eigentlich vorgeschrieben ist, habe ich mir schon lange abgewöhnt. Trotzdem weiß ich, dass ich ihm den nötigen Respekt entgegenbringen muss. Schließlich ist er in diesem Fall nicht nur jemand, der unsere Hilfe braucht, sondern auch der künftige König über die Sommerlande.

„Es erfüllt mich mit großer Ehre, fortan in Ihren Diensten stehen zu dürfen.“