Sommer unter schwarzen Flügeln - Peer Martin - E-Book
Beschreibung

Ein Buch, das die Augen öffnet: verstörend, poetisch, engagiert. Nuri kommt aus Syrien und lebt im Asylbewerberheim. Calvin wohnt nur wenige Häuser weiter und ist Mitglied einer rechten Jugendgang. Als sie sich kennenlernen, erzählt Nuri ihm von ihrem Heimatdorf am Rand der Wüste und von dessen Schönheit. Doch dann kamen die Schwingen des Bösen und legten sich über das ganze Land. Je mehr Calvin über das Mädchen mit den dunklen Augen erfährt, desto mehr verliebt er sich in sie. Calvin möchte seine Gang verlassen - doch so einfach entkommt er seinen alten Freunden nicht. Eine ergreifende Liebesgeschichte inmitten sozialer Konflikte, voller Poesie und Schönheit. Ein schmerzhaft ehrliches Gesellschaftsporträt mit einer "Romeo und Julia"-Geschichte eigener Art. Preisträger des Deutschen Jugendliteraturpreis 2016 in der Kategorie Jugendjury!

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Seitenzahl:803

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humbly

to those who know better

for they saw

1

Das Asylrecht für politisch Verfolgte ist in Deutschland ein im Grundgesetz verankertes Grundrecht.

(Wikipedia, Asyl)

 

 

Wir sind nicht das Sozialamt der Welt. Zuwanderung löst keine Probleme, sie schafft welche. Schluss mit Multikulti.

(Aufschrift auf einem NPD-Plakat an einer Bushaltestelle)

Grün.

Grün ist die Farbe der Hoffnung.

Was für ein abgenutzter Satz das war.

Sie fuhr mit dem Zeigefinger über das zarte Hellgrün der Knospe. In Tagen, vielleicht in Stunden schon, würde sie sich entrollen, ein Blatt werden …

Sie zog die Hand zurück.

Seltsam. Heute war etwas anders. Sie war schon vier Mal hier gewesen, und immer waren die Ranken an dem alten Haus grün gewesen, grün und schön. Aber heute spürte sie eine verborgene Kälte, und es war, als glitte ein unsichtbarer Schatten über das Grün.

Sie schüttelte unwillig den Kopf. Es musste Einbildung sein. Sie hatte die Schatten hinter sich gelassen.

Grün.

Grün war die Farbe des Islam.

Grün war die Farbe der Sterne auf den Flaggen, die die Luft über den Köpfen der Menge füllten … Sch, sch, keine Geschichten! Keine Erinnerungen!

Frau Silbermann wollte, dass Nuri erzählte. Sie glaubte, dass das Erzählen heilen konnte. Sie behauptete natürlich, sie wollte nur ihr Arabisch verbessern.

Nuri hatte sie beim Wort genommen und arabisch mit ihr gesprochen, ein Arabisch voller Wüstensonne und plätschernder Brunnen in gekachelten Innenhöfen. Ein Arabisch ohne Worte, aus denen das Blut tropfte. Ohne Worte, die schrien.

Ein Arabisch, in dem sie Nura hieß und nicht Nuri. Sie hatten sie im Camp in Hamburg so genannt. Einer der Ärzte hatte damit angefangen, ein alter Mann mit einem freundlichen Augenzwinkern, und sie hatte ihm erklärt, dass das i im Arabischen eine männliche Endung war.

»Aber jetzt bist du in Deutschland«, hatte er gesagt, »und hier ist das i eine Koseform.«

Das Camp lag hinter ihr, die Baracken, die zu vielen Leute auf zu wenig Raum, die schönen Worte, die die Deutschen für Dinge wie Camps hatten. Aber der Name Nuri war hängen geblieben. Das Augenzwinkern des alten Arztes schwang darin mit.

Sie sah an dem Haus empor.

Unter dem alten Schindeldach flogen Schwalben ein und aus. Der Garten quoll über den Zaun, und in der Ferne hörte man, ganz leise, das Meer. Der Vorort, in dem das Haus stand, war wunderschön. Alles war wunderschön.

Warum war sie plötzlich nervös?

Nuri zog ihr Kopftuch zurecht und trat durch Frau Silbermanns Gartentor. Durch die nie verschlossene Haustür. In den Flur. Sie streifte ihre Schuhe ab und lauschte. Aus dem zweiten Stock drangen Kinderstimmen. Frau Silbermann gab Nachhilfeunterricht. Unentgeltlich. Sie teilte ihre Zeit in Dreiviertelstunden ein, als wäre sie noch immer Lehrerin, obwohl sie alt war, alt wie das Haus, alt wie der untere Balkon mit den morschen Bodenbrettern, alt wie die dicksten Strünke des wilden Weins und der Welt.

Nuri ging die schmale Wendeltreppe hinauf, vorbei an Nischen voller Reiseandenken: Teekannen, Porzellanelefanten, Gebetsmühlen, Versteinerungen … Sie würde in dem Zimmer warten, in dem sie immer wartete, dem Zimmer mit der Tür zum Balkon und dem warnenden Pappschild.

NUR BIS HIER UND NICHT WEITER!EINSTURZGEFAHR.

Es gab auch ein Absperrband. Die Balkontür ließ sich nicht mehr abschließen.

Das Zimmer war schön, voller Teppiche, voller Farben, voller Bücher, voller Licht. Das Licht wurde von den Ranken draußen gefiltert, und es war grün.

Grün.

Grün war die Farbe der Felder …

Aber sie hatten die Felder angezündet.

Nuri setzte sich aufs Sofa und schloss die Augen. Sie verbot sich, an das zu denken, was gewesen war. Dann hörte sie Schritte auf der Treppe, und sie öffnete die Augen und saß reglos, angespannt, wie eine, die noch immer auf der Flucht ist.

Jemand kam näher. Jemand ging jetzt durch den Warteraum. Er hatte vergessen, seine Schuhe auszuziehen, schwarze Stiefel mit weißen Schnürsenkeln, zu warm für das Wetter. Er hielt eine Zigarette zwischen den Fingern. Sein Pullover war schwarz, auch er zu warm für das Wetter. Auf dem Rücken strahlte eine weiße Sonne mit zackigen Flammen, wie Blitze. Sein Haar war hell wie das Feuer auf den Feldern.

Er ging direkt auf die Balkontür zu, mit einem irgendwie verächtlichen Kopfschütteln, stieg über das Absperrband, öffnete die Tür und trat hinaus. Es ging alles viel zu schnell, er hatte sie nicht einmal gesehen. In der Luft schwebte ein Knirschen. Oder war es das Rauschen der Schattenflügel, das sie so gut kannte?

Sein Haar war hell, sein Pullover war schwarz, seine Stiefel …

Nuri machte einen Satz und packte ihn, er fiel, aber sie hielt ihn fest, und die morschen Bretter splitterten unter ihnen. Für einen kurzen Augenblick befanden sie sich in dem Haus, das die Bomben getroffen hatten. Sie warf sich nach hinten, ihre Hand in den schwarzen Pulloverstoff gekrallt.

Zu warm.

Dann war der Augenblick vorüber, und sie lagen keuchend auf dem Boden, halb in der Tür, vor der die Bretter eingebrochen waren wie das dünne Eis auf einem Bergbach, zwischen Aprikosenbäumen. Und Nuri murmelte: »Zu warm«, aber er verstand sie nicht.

»Was?«, fragte er.

Und das war der Tag, an dem alles begann.

 

Grün.

Grün ist die Farbe des Lebens.

Was für ein wunderbarer Satz das war.

Die Farbe des Laubs im deutschen Wald. Die Farbe wogender Felder unter dem Wind. Irgendwann würde all dies zurückkommen, die Zeit des Waldes und der Arbeiter auf den Feldern. Es würde wieder sein wie damals, als alle stolz gewesen waren auf das Werk ihrer Hände.

Er hatte den Tag im Wald verbracht, mit dem Rad war es nur eine halbe Stunde da hinaus. Natürlich hätte er in der Berufsschule sein müssen, aber wer war schon in der Berufsschule. Berufsschule war auch ein falscher Name. Es war gar keine, sie nannten es nur so. Es war ein Auffangbecken für gescheiterte Typen. Man saß seine Zeit ab. Seit Ende Februar war er achtzehn, er musste nur dieses Halbjahr fertig machen, danach konnten sie ihm sowieso nichts mehr. Dann war er raus aus dem Laden.

Im Wald hatte er ein Baumhaus. Es klang kindisch, aber es war ein richtiges Haus. Er hatte jeden Nagel selbst eingehauen, jede Schraube eingedreht. Eine Eiche übrigens; es war in einer Eiche. Die Adler flogen darüber, und er sah sie an und wusste, dass die Stunde des Adlers kommen würde – des deutschen Adlers, der das Land zurückverlangte. Er, Calvin Lüttke, würde dabei sein, wenn der Kampf um das Land gekämpft wurde.

Grün.

Grün war die Farbe der Erneuerung. Doch das Grün der Ranken an dem alten Haus war ein anderes, ein irgendwie undeutsches und unordentliches Grün. Das Haus war groß und eigentlich schön, man hätte die Ranken entfernen sollen. Er sah daran empor und dachte an die tristen grauen Neubaublöcke des Vorstadtviertels. In den winzigen Wohnungen dort wucherte nur der Schimmel an den Wänden. Wenn die Zeit kam und der deutsche Adler kämpfte, würden Leute wie diese Frau Silbermann keine Backsteinhäuser mit Gärten mehr besitzen.

Er hoffte wirklich, die Kleinen waren fertig mit dem Nachhilfequatsch, wenn er ankam, damit er gleich wieder mit ihnen abhauen konnte. Er zog ein Päckchen Zigaretten aus der Tasche, schüttelte eine heraus und schob sie zwischen die Lippen. Am Gartenzaun lehnte ein Nachbar und musterte ihn: den schwarzen Kapuzenpulli mit dem weißen Aufdruck, die schwarze Jeans, die Springer. Sein Blick glitt zu Calvins Gesicht, der Mann registrierte das blonde Haar, die Sommersprossen, die grünen Augen – die Zigarette. Calvin wollte etwas zu ihm rüberrufen. Darf man jetzt auf der Straße nicht mehr rauchen? Sie haben mir gar nichts zu befehlen, ich bin achtzehn!

Er hasste die Sommersprossen, er hatte sie auch am Hals und auf den Armen, sie sahen so kindlich aus. Er hasste auch seine Statur, er war zu schlaksig, noch immer. Von der Zigarette glitt der Blick des Mannes wieder nach unten zu dem Aufdruck auf Calvins Pullover. Die schwarze Sonne. Ein Kreis aus S-Runen.

Er sagte nichts, erwiderte nur den Blick des Mannes.

Hey. Ich hab keine Angst vor Ihrer blöden Fresse. Starren Sie ruhig.

Dann drückte er die Klinke von Frau Silbermanns Haustür herunter. Die Tür war nicht abgeschlossen. Was für ein Vertrauen diese Menschen in die Welt hatten!

Er war noch nie drin gewesen. Benji hatte gesagt, im zweiten Stock gäbe es eine Art Warteraum, und man konnte ja hoffen, dass das Rauchen dort erlaubt war. Nein, eigentlich hoffte er, dass es verboten war. Er musste irgendetwas Verbotenes tun; es war die einzige Möglichkeit, seine Wut auf Frau Silbermann und dieses ganze verdammte Rosen-Nelken-Hollerbusch-Viertel zu zeigen.

Hinter der Tür stand ein Sammelsurium an Schuhen. Er fand Benjis und Toms Schuhe darunter, Kinderschuhe. Er würde seine Stiefel nicht ausziehen, das wäre wie eine Geste der Demut.

An der Wand im Flur hingen Teppiche, die nicht in dieses Land gehörten. Orientalisch. Was für ein Wort. Die Treppe wurde gesäumt von Regalbrettern voller Andenken an Reisen: ein unübersichtliches Durcheinander aus winzigen Statuen und Glocken und Teekannen – und all diese Dinge machten sich lustig über Calvin.

Du weißt ja nichts, flüsterten sie, nichts von der Welt! Du warst noch nie weiter als bis zur polnischen Grenze! Die Erde könnte eine Scheibe sein, und du hättest es bis jetzt nicht gemerkt!

Er ging an ihnen vorbei, an all den winzigen, ihn verhöhnenden Gegenständen, und ignorierte sie.

Und dann war er oben, im zweiten Stock.

Der Warteraum war einfach als solcher zu erkennen, denn auf einem Schild stand WARTERAUM. Jeder Buchstabe hatte eine andere Farbe, es war wie in einem Kindergarten. Natürlich, Frau Silbermann brachte den Kindern Buchstaben bei. Aber Scheiße, Calvin war kein Kind.

Die Sozialtante hatte gesagt, das hier wäre eine Chance für Benji und Tom, und Mama hatte genickt, weil es besser war, zu machen, was die Sozialtante wollte, sonst kürzten sie vielleicht das Geld. Bisher hatte Mama die beiden hergebracht und abgeholt. Heute musste sie zu einem Amt mit einer anderen Sozialtante, einem anderen Wir-helfen-Ihnen-Arschloch. Die zahlten die Miete nicht mehr, irgendwas war schiefgelaufen, und Mama hatte geheult, und Heinrich hatte nichts gesagt, weil Heinrich nie etwas sagte, obwohl er Benjis und Toms Vater war. Vermutlich kriegte Heinrich es auch nicht auf die Reihe, Benji und Tom irgendwo abzuholen. Klar, hatte Calvin gesagt, er würde das erledigen, sie sollte zu dem Amt gehen. Es machte ihn fertig, wenn sie heulte. Er hatte sie in den Arm genommen, sie war so viel kleiner als er. Zerbrechlich.

»Wird schon alles gut, Mama«, hatte er geflüstert, »mach dir mal keine Sorgen.«

Irgendwann, das hatte er nicht gesagt, kommt unsere Zeit. Vielleicht schon bald. Dann wird alles anders. Wir bereiten uns auf den Kampf vor, im Geheimen …

Er sah durch die Tür mit dem regenbogenbunten Schild, dass es am anderen Ende des Raumes noch eine Tür gab, eine Balkontür, und er sah ein Schild, das es verbot, den Balkon zu betreten. Beinahe lächelte er. Frau Silbermann machte es ihm einfach, etwas Verbotenes zu tun.

Er würde, wenn sie ihn fragte, eine Augenbraue heben, gespielt erstaunt.

»Ich dachte, ich gehe zum Rauchen auf den Balkon?«

Der Raum war bunt wie das Schild, es lag ein gewebter Teppich darin, und an den Wänden sah er aus dem Augenwinkel Bilder, auf denen man nichts erkennen konnte. In der Ecke drohte der Schemen eines großen Sofas.

Er schickte die schwarzen Springerstiefel über den Teppich, stieg über ein lachhaftes Absperrband, stieß die Balkontür auf – und war draußen.

Aber er machte nur einen Schritt auf den Balkon hinaus.

Dann brach der Boden unter ihm weg.

 

Es war wie Einbrechen in Eis. Es war, mehr noch, wie eine Falle.

Und auf einmal durchfuhr ein jäher Schmerz seinen rechten Oberarm, und jemand riss ihn gewaltsam zurück. Er drehte den Kopf, mitten im Sturz.

Ein Mädchen.

Ihr Haar war dunkel wie die Nacht im Wald, wenn es zu kalt wird zum Bleiben. Ihre Bluse war weiß und der Körper darunter zerbrechlich und schmal.

Das Krachen der Bretter hing noch in der Luft, sie zog ihn weg von dem Krachen, in Sicherheit, warf sich nach hinten; ihre schmale, kalte Hand um seinen Arm geschlossen wie ein Schraubstock.

Ihr Haar war dunkel, ihre Bluse war weiß, ihre Hand war kalt …

Dann lagen sie beide keuchend auf dem Boden, halb in der Balkontür, vor der die Bretter eingebrochen waren. Calvin rollte sich herum und sah das Mädchen an. Sie schob sich eine schwarze Locke aus der Stirn und erwiderte seinen Blick, mit großen, fast schwarzen Augen. Sie sagte etwas, das er nicht verstand.

»Was?«

Irgendwo in seinem Gehirn war die Information abgespeichert, woher dieses Mädchen kam und warum er sie nicht verstanden hatte, aber er sah sie nur an, und sie sah ihn an; der Moment lag außerhalb der Wirklichkeit.

Sie war anders als alle Mädchen, die er kannte. Auf ihren Wangen gab es winzige, dunkle Flecken, Sommersprossen, wie mit einem sehr feinen Pinsel hingetupft, ganz anders als seine eigenen. In ihren dunklen Augen tanzten helle Punkte, golden beinahe. Jetzt ließ sie seinen Arm ganz langsam los, und da schaltete sein Gehirn sich wieder ein.

Ausländer, sagte das Gehirn. Asylantenheim. Die können nur Kauderwelsch, deshalb hast du nichts verstanden.

Du hasst diese Leute.

Und hier liegst du auf dem Boden und starrst ein Mädchen aus dem Asylantenheim an, es ist ein Glück, dass Pascal und die anderen von der Clique dich nicht sehen.

Er rappelte sich hoch und klopfte sich den Staub von der Hose. Dann streckte er die Hand aus, um ihr beim Aufstehen zu helfen. Auch zu seinen Feinden soll man höflich sein. Eiskalt höflich.

Sie nahm die Hand nicht.

Sie stand alleine auf und streifte das Tuch, das offenbar auf ihre Schultern gerutscht war, über ihr Haar, während sie ihn die ganze Zeit über ansah. Sie musste zu ihm aufsehen, sie war ein gutes Stück kleiner als er. Das Kopftuch war zartrosa, durchsetzt mit Streifen aus goldenem Garn. Als sie die letzten Strähnen daruntergesteckt hatte, war sie ein anderer Mensch. Ferner. Als hätte sie ein Fenster geschlossen.

Und sie sah mehr nach dem Bild aus, das man von Asylanten hatte.

In seinem Gehirn tauchte der Satz Scheißtürken, geht nach Hause auf. Ein Sprayzug an einer der Mauern im Viertel. Und gleichzeitig fiel ihm auf, dass der Satz lächerlich war, weil die Kopftuchasylanten ihn gar nicht verstanden.

Er drehte sich um. Wo waren Benji und Tom, verdammt? Wo blieb Frau Silbermann? Das Mädchen zeigte auf seinen Pullover, eine Frage im Blick.

»Die schwarze Sonne«, antwortete Calvin leise. »Das Zeichen der Erneuerung. Alles … alles wird irgendwann in Schutt und Asche liegen. Und die, die am Boden sind, werden aufstehen und die Macht übernehmen.«

Es waren schöne Sätze, ohne die üblichen Kraftausdrücke. Er hatte sich Mühe gegeben.

Sie nickte. Aber natürlich hatte sie kein Wort begriffen. Ihr Nicken war vielleicht ebenfalls eine Art Höflichkeit, wie das Ausstrecken seiner Hand.

Die sie nicht genommen hatte.

 

»Calvin.«

Er fuhr herum, ertappt. In der Tür des Warteraums stand Frau Silbermann. Er hatte sie nie gesehen, aber natürlich war es Frau Silbermann. Sie war alt, ohne alt zu sein, ihr Haar weiß und kurz geschnitten, der Blick der blauen Augen hinter ihrer schmalen Brille klar und sehr genau. Sie trug Olivgrün, Militärgrün, aber bei ihr war die Farbe ein Stück des Gartens. Um ihren Hals lag ein Seidentuch. Na, wenn man das Geld hatte.

»Du bist doch Calvin? Benji und Tom sind noch oben. Räumen auf. Benji macht sich ganz gut. Er liest jetzt ganze Sätze.«

Calvin nickte. Er glaubte ihr nicht. Benji las gar nichts und räumte bestimmt nicht auf. Benji rannte nur rum und baute Scheiße. Er war zehn. Tom war erst acht, und wenn die Leute sagten, Tom würde weniger anstellen, wuschelte Mama ihm immer durchs Haar und meinte, er hätte einfach zwei Jahre weniger Zeit dazu gehabt, Sachen anzustellen, das sei alles.

»Ich sehe, du hast Nuri kennengelernt«, sagte Frau Silbermann. »Sie wartet auf mich.«

Ach. Ich dachte, sie würde in diesem Zimmer Urlaub machen. Er nickte wieder, stumm.

Frau Silbermann schien noch etwas sagen zu wollen, doch dann stockte sie und starrte die Balkontür an, oder eher das, was dahinter lag. Drei zerborstene Bretter, ein klaffendes Loch im Boden. Sie ging hinüber, ihre Haltung aufrecht trotz des Alters, und betrachtete eine Weile schweigend den Schaden.

»Sieht aus«, sagte sie schließlich, »als müsste ich endlich den Balkon machen lassen. Gewisse Leute haben offenbar Probleme damit, Schilder zu lesen.«

Sie sah Calvin an, und er merkte, dass die Zigarette, die er hatte rauchen wollen, heruntergefallen war. Er bückte sich und hob sie auf.

»Nicht hier drin«, sagte Frau Silbermann scharf.

Calvin zuckte die Achseln und steckte die Zigarette hinters Ohr.

»Warm hier«, sagte er und schob die Ärmel des schwarzen Kapuzenpullovers hoch, sodass man die Tätowierung auf seinem rechten Oberarm sah. Noch eine schwarze Sonne, klein, aber deutlich erkennbar. Darauf saß der Adler, die Flügel ausgebreitet wie stets, den Kopf zur Seite gewandt, die starken Krallen auf dem oberen Rand des Sonnenrades. Der deutsche Reichsadler.

Das Blau in Frau Silbermanns Augen flackerte.

Da sagte das Mädchen etwas. Sie hatte sich ein wenig aus der Balkontür gelehnt und pflückte behutsam eine der winzigen, unreifen Trauben des wilden Weins, der am Balkon wuchs. Dann zerdrückte sie die Traube, roch an ihren Fingern und lächelte. Sie sah Calvin an dabei. Ihre Augen waren so tief, dass er sich wegdrehte. Aber er spürte ihren Blick im Rücken.

Sie sagte wieder etwas, das er nicht verstand.

»Der Geruch der Weintrauben«, murmelte Frau Silbermann, »ist das Erste, das … das Erste, woran ich mich erinnere. Ich habe zwanzig Jahre lang Dinge aus dem Arabischen übersetzt, auf Papier und synchron, und ich dachte eigentlich, ich wäre fertig damit. Aber Nuri hat mich gebeten, für sie zu übersetzen.« Sie seufzte, sie klang seltsam verärgert, aber nicht so, als gelte ihr Ärger dem Mädchen. »Der Geruch der Weintrauben …«

»Sie müssen hier überhaupt nichts übersetzen!«, zischte Calvin. »Hören Sie auf damit. Ich interessiere mich einen Scheiß für Weintrauben. Ich gebe Benji und Tom noch drei Minuten. Dann gehe ich.«

Doch das Mädchen sprach weiter, und Frau Silbermann, in ihrer seltsam verärgerten Art, sprach ebenfalls weiter, mit kleinen, stockenden Verzögerungen, ähnlich wie Benji, wenn er las.

»Der Geruch der Weintrauben ist das Erste, woran ich mich erinnere. Er zerdrückt … er zerdrückt in meiner Erinnerung eine Traube und hält … hält mir seine Finger … unter die Nase. Er sagt: Diese ist noch nicht … sie ist noch nicht reif. Sie riecht nach allem, was kommt. Ich war fünf. Ich weiß nur noch, wie glücklich seine Augen … seine Augen damals … waren. Und dass die Weintrauben am Berg … am Fuß des Berges wuchsen. Sie waren grün, und ihre Schatten auf der warmen … auf der heißen Erde waren Träume, die … waren was? Nuri? Ach so. Waren bewegliche Träume.«

Calvin machte einen Schritt auf die Tür zu, aber dort blieb er stehen. Das Mädchen hörte nicht auf, zu erzählen – als wäre es gleichgültig, ob er ginge oder bliebe. Vielleicht blieb er deshalb. Es schien auch gleichgültig zu sein, ob Frau Silbermann übersetzen wollte oder nicht. Dieses Mädchen zwang sie dazu, zwang sie mit ihrem Blick. Das war auch ein Grund, zu bleiben.

»Mein Vater …«, sagte Frau Silbermann jetzt, »mein Vater war groß wie ein Riese, und ich war klein wie ein Sandkorn. Am Tag meiner allerersten Erinnerung waren wir mit dem Wagen des Deutschen hinausgefahren. Die Stadt, Dar’a, lag hinter uns, irgendwo im Staub, wo die Mütter kochten und die Brüder auf den Straßen Fußball spielten. Die Straßen waren voller Freiheit für Kinder in diesen Zeiten. Das lag daran, dass wir Kinder nichts wussten.

Wir waren frühmorgens aufgebrochen; es war einer von vielen solcher Ausflüge. Das trockene Land glitt vorbei, Asphalt, Tankstellen, Steppe, und vorne unterhielt sich mein Vater mit dem Deutschen. Der Deutsche war ein Bildermaler. Er malte mit einer großen, schwarzen Kamera.

›Schreibst du dein Buch bald?‹, fragte der Deutsche.

›Ich habe noch nicht genug Worte‹, sagte mein Vater. ›Es kann dauern. Wirst du noch da sein, wenn ich genug Worte habe?‹

›Wenn es dann noch Bilder gibt‹, sagte der Deutsche.

›Bilder gibt es immer‹, sagte mein Vater. ›Das Land ist schön, und es ist hässlich, und es lacht viel, weil es sich selbst nicht ernst nimmt. Du kannst immer Bilder von seinem Lachen machen.‹

Und ich legte mein Gesicht an die Scheibe und dachte darüber nach, dass unser Land lachen konnte. Draußen zogen die gelbflachen Weizenfelder des Hauran vorbei, so heißt die Gegend dort, die Straße war breit und gerade wie eine Flugbahn. Und dann bogen wir auf eine kleinere Straße ab, die sich hinauf in die Berge schlängelte. Zwischen dem schwarzen Basalt der Vulkane lagen grüne Flecken, begrenzt von den Steinen, die die Bauern mühevoll herausgelesen und aufgeschichtet hatten wie Kunstwerke.

Ich saß zwischen zwei anderen Kindern und einer Menge Tüten und Taschen.«

Calvin sah es. Er sah die Felder, und er sah, wie das kleine Mädchen zwischen den Tüten und Taschen saß. Frau Silbermanns Übersetzung stockte noch immer, es gab Pausen, wenn sie nach Worten suchte, und sie fing manchmal einen Satz wieder von vorne an, fragte nach, fragte noch einmal nach. Doch Calvin begann, die Pausen und die Fragen auszublenden. Er hörte die Stimme des Mädchens – eine schöne Stimme –, er hörte die deutschen Worte der alten Frau, beides verschmolz, und er sah. Er sah, obwohl er es nicht wollte. Er stand da, auf dem Sprung, die Fäuste geballt. Aber die Stimme und die Bilder hielten ihn fest.

Warum?

Wie machte sie das?

»Rechts von mir saß Anna, die Tochter des Fotografen. Sie hatte Haare wie Sonnenschein auf Staub. Links von mir saß Yassir. Er hatte Augen wie Dunkelheit und magere Schultern, an die man sich nicht gut anlehnen konnte, wenn man im Auto schlafen wollte. Wir wohnten alle in derselben Straße, wir spielten Ball oder Kreisel zwischen den Häusern; die Sorte, die man mit der Schnur antreiben muss wie mit einer Peitsche. Wir gehörten zusammen. Manche Jungs in der Straße lachten Yassir aus, weil er mit zwei Mädchen befreundet war. Er konnte hart zuschlagen, wenn ihn jemand auslachte.

Der Berg wuchs vor dem Fenster und hatte viele Namen. Der Deutsche sagte Dschebel ad-Duruz, und mein Vater sagte Dschebel al-Arab – Drusenberg, Araberberg –, und es gab noch ein Dutzend andere Namen. Sie waren alle wahr.

Wir hielten in einem kleinen Dorf. Vor der Tür des Hauses, auf das der Deutsche zeigte, saßen zwei Männer mit langen Bärten, weißen Turbanen und schwarzer Kleidung. Zwischen ihnen stand ein wackeliges Tischchen mit einem Schachbrett darauf. Ich weiß noch, dass ich mich fragte, ob ihnen die Bärte nicht ins Spiel gerieten. Sie begrüßten meinen Vater und den Deutschen, und ich glaube, der Deutsche kannte sie, weil er schon hier gewesen war, um ihre Bärte zu fotografieren.

Aus dem Haus kam eine kleine, breite Frau mit braunem Kopftuch und ausgebreitetem Lächeln und winkte uns herein. Drinnen war es kühl. Aus allen Ecken quoll Familie, wir saßen auf geflochtenen Matten und bekamen Kaffee, der nach Kardamom roch. Für jeden einen winzigen Schluck, auch für die Kinder. Der Älteste musste als Erster seinen Kaffee angeboten bekommen. Ich versuchte, den Kaffee zu schlucken, ohne ihn zu schmecken. Zum Glück gab es auch Weintrauben. Und mein Vater zerdrückte eine von ihnen, eine unreife, und sagte: ›Alles wird passieren …‹

Im Innenhof wuchsen Rosen, man sah sie durch einen Vorhang aus Plastikperlen.

Aber dann war die Rede davon, dass gekocht werden sollte für die Gäste, Mansaf, Hammel in Buttermilch, was ungefähr ein halbes Leben dauert. Und obwohl man hoffen konnte, dass es Kibbe dazu gab, gefüllte Bällchen aus Hackfleisch und Teig, war es nichts, worum ich mich schlug, weil beim Essen alle ewig zusammensitzen und über langweilige Dinge reden würden. Yassir zog mich am Ärmel, und ich zog Anna am Ärmel, und wir stahlen uns davon. Ich sah den sehnsüchtigen Blick des Deutschen, der sich auch gerne davongestohlen hätte, um draußen Bilder zu sammeln.

Die Sonne war greller als zuvor.

Wir rannten durchs Dorf, über dem am Hang die Apfelbäume wuchsen, und wir trafen noch einen Mann mit Bart und weißem Turban.

›Warum haben die hier so komische Bärte?‹, fragte Anna.

›Das sind Drusen‹, sagte Yassir, der Dinge wusste, weil er schon fünf war und wir erst vier. ›Die beten anders.‹

›Aber wir beten doch auch nicht so wie ihr‹, sagte ich. ›Jeder betet irgendwie anders.‹

Wir hatten die Felder hinter dem Dorf erreicht, und die Weinranken krochen vor uns am Berg entlang und schlangen ihre knorrigen, alten Arme um die schwarzen Basaltsteine. ›Schaut‹, sagte Anna und zeigte auf eines der Felder. Das war anders als die anderen, denn dort wuchsen die Reben in die Höhe und rankten sich oben an Drähten entlang. ›Ein Himmel‹, sagte Anna ehrfürchtig, ›ganz aus Weintrauben.‹

Wir tauchten in das Feld ein wie in ein großes Wasser. Unser Lachen war wie Luftblasen. Und die Minuten, in denen wir dort zwischen den Weinblättern Fangen spielten, waren vermutlich die wunderbarsten, die es gab. Später war nichts mehr so wie dieser Moment. Wenn wir mit unseren bloßen Füßen auf herabgefallene Trauben traten, stieg ihr Duft auf wie schweres Parfüm. Annas weißes Staubhaar flog hinter ihr her wie ein gemalter Sternenschweif. Mein eigenes Haar war lang und wild und dunkel, und irgendwann griff Yassir hinein, um mich zu fangen, ich lachte und schimpfte und fiel, und er kniete über mir, außer Atem.

Ich weiß nicht, wo Anna war.

Yassir pflückte eine Handvoll Trauben für uns. Später würde man sie zu Rosinen verarbeiten, oder zu Araq, aber noch waren sie nur Trauben. Unschuldig. Das dachte ich damals natürlich nicht. Ich dachte ein Durcheinander von Gedanken über Yassir und mich und Anna, ich dachte an den grün und gelb beklebten Holzkreisel, den Yassir mir geschenkt hatte, nur mir.

›Ist das geklaut, wenn wir die Trauben essen?‹, fragte er.

Ich schüttelte den Kopf. ›Sind doch nur ein paar. Und eigentlich gehören die alle Gott. Der lässt sie wachsen, oder?‹

›Unserer oder eurer?‹, fragte Yassir. ›Oder der von Anna?‹

›Mein Papa sagt, das ist der gleiche‹, sagte ich.

Die Frauen in Yassirs Familie trugen Kopftücher und die Frauen in meiner Familie nicht, und Yassirs Familie ging jeden Freitag in die Moschee und fastete im Ramadan. Annas Mutter trug ein Kreuz um den Hals und ging in eine Kirche, obwohl Annas Vater nie hinging. Ich glaube, sein Gott waren die Bilder, die er mit der Kamera einfing.

Yassir legte sich auf den Rücken neben mich. So lagen wir da und sahen in den Himmel aus grünen Ranken. Eine Brise ließ die Blätter und die Trauben wippen.

›Hier ist so viel frische Luft, als ob man drin fliegt‹, sagte ich und griff nach Yassirs Hand.

›Besser, wir halten uns fest, damit der Wind uns nicht mitnimmt.‹

›Meinen Bruder hat er mitgenommen‹, sagte Yassir ernst. ›Als ich noch ganz klein war. Er war fast erwachsen.‹

›Dann war er zu schwer für den Wind‹, sagte ich.

›Ja‹, sagte Yassir. ›Sie lügen. Etwas anderes hat ihn mitgenommen. Etwas Schreckliches.‹

›Glaubst du‹, flüsterte ich voller Schrecken, ›er ist tot?‹

Yassir schwieg.

›Wenn etwas mich mitnehmen wollte, würde mein Vater es wegjagen‹, sagte ich. ›Und meine Mutter würde dem Schrecklichen ein wunderschönes Bild malen, und das Schreckliche würde weglaufen, weil es nichts Schönes mag. Meine Brüder würden ihm Steine hinterherwerfen. Und wenn etwas Schreckliches dich mitnehmen will, dann … dann bewerfe ich es mit Trauben.‹

›Ja‹, sagte Yassir, ›und wir wickeln es in Weinblätter ein, und die Frau mit dem braunen Kopftuch füllt die Blätter mit Reis und gehacktem Lamm und Walnüssen und Pinien …‹

Ich hörte ihn weitererfinden; er erfand ein kompliziertes Rezept zur Zubereitung unseres Feindes, der kein Gesicht hatte. Aber dass man ihn kochen konnte, war beruhigend. Und ich glitt langsam hinüber in einen Traum. Darin schwebten wir hoch über dem Feld aus Trauben, hoch über dem Berg der vielen Namen. Wir fanden Anna im Himmel, und ich streckte die Hand nach ihr aus. Und nichts konnte uns auseinanderreißen. Nichts konnte uns mitnehmen.

 

Dann wachte ich auf.

Yassir war fort. Es war sehr still.

Ich stand auf und drehte mich langsam um mich selbst, und überall führten lange, leere Gänge aus Weinstöcken in die Ferne. Die Farben waren jetzt seltsam, die Schatten violett, die Rinde der Stämme rot. Ich stand im Mittelpunkt eines Labyrinths.

Ich begann, zwischen den Weinstöcken und den Reben entlangzugehen. Yassir war nicht da. Ich rief seinen Namen, ich rief auch nach Anna. Aber niemand antwortete mir.

Etwas war hier gewesen, ich war mir plötzlich sicher – etwas hatte sie geholt, erst Anna, dann Yassir. Ich rannte jetzt. Am Himmel pulsierte das Licht. Vielleicht war gar nichts passiert, sagte ich mir, Yassir war einfach aufgestanden und zurück zum Dorf gegangen, und dort war auch Anna …

Ich musste nur aus diesem Labyrinth herausfinden.

Aber es schien keinen Rand mehr zu geben.

Und das war der Moment, in dem ich wirklich Panik bekam. In dem ich wusste, dass die Dinge nicht normal waren. Ich drehte mich um, um nachzusehen, ob mich etwas verfolgte. Da war nichts. Und doch war etwas da. Es lauerte verborgen im schweren, süßen Geruch der Trauben.

›Anna!‹, schrie ich, ein letztes Mal, ›Yassir!‹ Und dann, in meiner Kinderverzweiflung: ›Baba!‹ Aber mein Vater saß irgendwo und dachte über das Buch nach, das er schreiben wollte, und hörte mich nicht. Und ich stolperte und stürzte.

Als ich den Kopf hob, sah ich auf der Erde die Schatten der Trauben. Und dann andere, dunklere Schatten. Und ich hörte ein Rauschen. Etwas flog über mich hinweg. Die Schatten vor mir waren die Schatten von großen, schwarzen Flügeln.

Ich drehte mich um. Yassir kniete über mir.

›Da bist du‹, wollte ich sagen, erleichtert. Aber dann sah ich, dass sein Gesicht verändert war. Es war verquollen und seltsam, ein Auge vollkommen zugeschwollen, rote Striemen liefen über Wangen und Stirn, und die Fingerspitzen der Hand, die er nach mir ausstreckte, waren nass von Blut. Ich wollte schreien, ich versuchte, zurückzuweichen, und gleichzeitig wusste ich, dass ich das nicht durfte, dass ich ihm helfen musste, statt ihn fortzuwünschen. Das Schreckliche, das seinen Bruder geholt hatte, hatte auch Yassir geholt, es war noch hier …

Ich tat das Einzige, das ich tun konnte, um mich zu schützen, mein vier Jahre altes Ich. Ich kniff die Augen zu. Ich flehte zu Allah, ein stummer Kinderschrei: Lass es weggehen lass es weggehen lass es weggehen! Und das Rauschen der schwarzen Flügel hob sich langsam wieder in die Luft, und der Schatten hob sich mit ihm, und dann war alles vorbei.

›Nura?‹, sagte Yassir. ›Nura, was ist?‹

Ich blinzelte. Er kniete noch immer über mir. Die Haut über seinen Wangen und seiner Nase war intakt, es gab keine Wunden dort. Kein zugeschwollenes Auge, kein Blut.

›Warum hast du geschrien?‹, fragte Yassir.

Ich schüttelte nur den Kopf. Mein Mund weigerte sich, die Worte zu sprechen, die in mir waren. Etwas ist geschehen. Du warst verletzt. Die schwarzen Flügel …

›Du hast geträumt‹, sagte Yassir und zog mich lächelnd auf die Beine. ›Du bist ganz weiß im Gesicht.‹

›Hier seid ihr!‹, sagte Anna und trat hinter ihm zwischen den Ranken hervor. ›Ich habe ewig am Feldrand rumgesessen und gewartet. Ich hab Hunger.‹

Und ich verstand, dass ihr ewig nur ein Kinder-ewig war. Ich verstand, dass wir nur sehr kurz allein gewesen waren und mein Schlaf – mein Traum – noch kürzer.

Später saß ich mit den anderen beim Essen, auf den Matten, und in der Mitte stand die Platte mit dem Mansaf, aber ich aß nichts, nicht einmal Kibbe, obwohl sie hübsch aussahen in ihrem Teigmantel.

›Die Kleine ist viel zu mager!‹, sagte die Frau mit dem braunen Kopftuch lachend. ›Was essen diese Kinder in der Stadt?‹

›Träume‹, sagte mein Vater und streichelte mein Haar, ohne zu verstehen, wie wahr das war. Ich rollte mich neben ihm zusammen und legte den Kopf auf sein Knie, und er war so groß wie immer. Aber ich ahnte, dass es Dinge gab, bei denen er mir nicht helfen konnte.

›Mir ist schlecht‹, sagte ich. Da hob mich mein Vater auf und trug mich hinaus in den Hof mit den Rosen und bettete mich dort in den Schatten.

›Vielleicht wirst du krank‹, sagte er.

›Ja‹, sagte ich. ›Vielleicht werde ich krank.‹

 

An diesem Abend fuhren wir nicht nach Hause; wir fuhren weiter nach Osten, in die Wüste hinein. Ich habe später gelernt, dass die meisten Leute in Europa glauben, die Wüste wäre eine weite Landschaft aus goldgelbem, weichem Sand, durch den Kamele ziehen. Es mag Wüsten geben, die so aussehen. Die syrische Wüste – meine Wüste – ist ein Meer aus Steinen. Der Boden ist hart und staubig, manchmal durchsetzt mit stacheligen Büschen, und durch die farblose Weite ziehen nur Ziegen. Diese Wüste biedert sich nicht an, sie versucht nicht, schön zu sein. Sie ist, was sie ist. Sie lässt die Sonne nicht violett und purpurn untergehen, ihr Gesicht ist ehrlich und hart und rau.

›Die Wüste ist wie eine Frau‹, sagte mein Vater, als wir in den Abend im Nichts fuhren. ›Man sieht nur, wie wunderbar sie ist, wenn man sich die Zeit nimmt, sie genau zu betrachten. Hübsche Frauen darf man nicht zu lange betrachten, denn dann zerfallen ihre Konturen. Nicht hübsche Frauen kann man lange ansehen, und mit jedem Blick entdeckt man mehr von ihrer Schönheit.‹

›Wirst du das in deinem Buch schreiben?‹, fragte der Deutsche.

›Wer weiß‹, sagte mein Vater. ›Es gibt so vieles, das ich schreiben könnte.‹

›Worum wird es in dem Buch gehen?‹, fragte der Deutsche. ›Um Syrien? Um die Wüste?‹ Er lachte. ›Oder um ihre Frauen?‹

›Das‹, antwortete mein Vater ernst, ›ist dasselbe, mein Freund.‹

Mein Vater war Lehrer, und oft verstand ich nicht, was er sagte. Ich weiß nicht, ob seine Schüler in Dar’a es verstanden.

An jenem Abend, im Auto, da wünschte ich, mein Vater könnte die Schatten, die ich gesehen hatte, in Worte kleiden, und der Deutsche könnte ein Bild davon machen. Dann, dachte ich, hätten die Schatten ihren Schrecken verloren. Aber ich irrte mich. Zehn Jahre später kleideten andere die Schatten in Worte und Bilder, und sie wurden nur noch schrecklicher.

Wir fuhren in die Wüste, damit die beiden Männer sammeln konnten, Worte und Bilder. Es war ein Wochenende, mein Vater hatte seine Schüler hinter sich gelassen, und der Deutsche wollte den Staub und die Steine ins Auge seiner Kamera bekommen.

Wir schliefen in einem Dorf, das ganz anders aussah als das der Drusen am Fuß des Traubenberges. Aber den Geruch hatten wir mitgenommen, er hing in meinen Kleidern und in meinem Haar, und mein Vater überreichte der Familie, bei der wir schliefen, große, reife Wasserfälle von Trauben, die uns die Familie in dem Bergdorf geschenkt hatten. Das Leben war damals ein einziges Schenken und Wiederschenken, ein einziges Einladen und Wiedereinladen.

Die Häuser der Wüste waren geduckt und aus Lehm und manche auch aus Beton, weil der Beton natürlich längst hier angekommen war. Es gab keine Pflanzen. Ich weiß nicht, woher mein Vater oder der Deutsche die Familie kannten, die uns Matratzen aufs Dach zu den ihren legte. Vielleicht lernten sie sie erst in diesem Moment kennen. Die Kinder scharrten sich um die Kamera des Deutschen. Anna tobte mit ihnen im Staub, mit dem sich ihr helles Haar vereinigte wie in einer Umarmung. Ich glaube, sie war glücklich.

Yassir saß neben mir, den Rücken an eine Hauswand gelehnt, und irgendwann kamen der Deutsche und mein Vater, und wir gingen zusammen durchs Dorf, nur so, um den Abend anzusehen. Wir gingen die Piste entlang, die sich eigentlich nicht vom Staub der Umgebung unterschied, hinein in die Wüste.

Der Mond schien, das weiß ich noch. Unsere Schatten fielen lang und seltsam auf den rissigen Boden.

›Jetzt ist die Wüste blau‹, sagte der Deutsche hinter seiner Kamera. ›Morgen früh wird sie rot sein.‹

›Übermorgen ist sie kariert‹, sagte Anna, kichernd.

Schließlich blieben wir stehen.

›Irgendwo dort‹, sagte der Deutsche und zeigte geradeaus, ›liegt Palmyra. Es ist weit, aber wir sollten hinfahren. Ein andermal. Ich war am Anfang da, als ich herkam. Alle Touristen rennen natürlich sofort nach Palmyra, zu den alten Säulen und diesem ganzen römischen Bauschutt. Aber ich möchte noch mal hinfahren und alles fotografieren außer den Säulen. Den Mann mit dem Traktor, der den Eintritt manchmal kassiert. Und die Jungs, die einem diese uralten Scherben verkaufen, die sie selbst ausgegraben haben. Sie haben sie natürlich auch selbst eingegraben …‹ Er lachte. ›Ich habe eine ganze Handvoll gekauft und zu Hause zu einer ganz modernen Blumenvase zusammengesetzt, die man genau so heute im Suq von Tadmur kaufen kann, nebenan quasi.‹

›Palmyra‹, sagte mein Vater, nachdenklich. ›Tadmur … ich war nie da.‹

›Ich will zurück‹, sagte Anna und gähnte. ›Es ist kalt.‹

Und wir wandten uns alle zum Gehen, nur Yassir blieb stehen und starrte in die Ferne.

›Tadmur‹, wiederholte er leise. ›Wenn man immer weitergeht, dann kommt man nach Tadmur?‹

›Ja. Aber es würde lange dauern. Sehr, sehr lange.‹

Yassir nickte und kam endlich mit. Er sagte selten etwas, wenn die Erwachsenen dabei waren, aber jetzt sagte er: ›Mein Bruder ist in Tadmur.‹

›Was?‹, fragte der Deutsche. Es lag etwas in dieser Frage, das einer plötzlichen Explosion glich, und ich zuckte zusammen.

›Er ist schon erwachsen‹, sagte Yassir. ›Wir sind sechs. Er ist der Älteste.‹

›Arbeitet er in Tadmur?‹, fragte der Deutsche, merkwürdig vorsichtig.

›Ich weiß nicht‹, sagte Yassir. ›Der Wind hat ihn dorthin mitgenommen. So erzählen es meine Eltern.‹

Ich griff nach der Hand meines Vaters.

›Was ist denn Tadmur?‹, fragte Anna.

›Eine Stadt‹, sagte mein Vater. ›Eine große Stadt. Sonst nichts.‹

Und wir gingen zurück ins Dorf und legten uns auf die Matratzen auf dem Dach und schliefen unter den Sternen der Steinwüste. Aber ehe ich die Augen schloss, hörte ich meinen Vater und den Deutschen reden.

›Weißt du etwas über diesen Bruder?‹, fragte der Deutsche.

Mein Vater zögerte. ›Nicht viel‹, sagte er schließlich. Und dann ein Wort, das ich nicht verstand. Er sagte: ›Kommunist.‹ Nach einer Weile fügte er hinzu: ›Er war sechzehn.‹

Und ich fragte mich, warum er war sagte, aber es war natürlich logisch, weil der Bruder jetzt nicht mehr sechzehn war.

›Er weiß es nicht, oder?‹, fragte der Deutsche.

›Mit sechs Jahren‹, sagte mein Vater, ›muss man nicht wissen, was Tadmur bedeutet.‹

Dann schlief ich.

 

Und am Morgen war Yassir fort.

Zuerst dachte ich, ich würde wieder träumen, aber ich träumte nicht. Die Farben waren alle normal. Die Wüste war auch nicht rot, wie der Deutsche gesagt hatte. Sie war morgens von einem hellen Grau. Wir fuhren die Piste entlang.

›Er kann ja nicht weit sein‹, sagte der Deutsche.

›Er hat sich in dem Haus versteckt und lacht sich tot über uns‹, sagte Anna. Sie starrte aus dem heruntergekurbelten Fenster und kaute an den Spitzen ihrer hellen Haare.

Ich umklammerte eine nutzlose, blaue Wasserflasche. Die schwarzen Flügel rauschten leise über mir.

›Nura‹, sagte mein Vater besorgt. ›Ist dir wieder schlecht?‹

Ich schüttelte stumm den Kopf. Der Deutsche fuhr und fuhr und fuhr geradeaus, obwohl niemand von uns wusste, ob geradeaus richtig war. Zwischen den Steinen standen die Ziegen.

Yassir war sehr weit gekommen. Entgegen der Annahme des Deutschen.

Wir fanden ihn nach einem halben Tag aus Hitze, er kauerte neben der Piste und hatte die Augen geschlossen. Die Sonne stand hoch und brannte Löcher in die Luft.

Mein Vater hob Yassir hoch und legte ihn vorsichtig auf die Rückbank, zwischen Anna und mich, wo er die Augen aufschlug. Zuerst bekam er die Lippen beinahe nicht auseinander, um zu trinken.

›Warum hast du das gemacht?‹, fragte Anna. ›Warum bist du alleine weggegangen?‹

›Tadmur‹, flüsterte Yassir. ›Ich dachte, ich gehe dahin.‹

›Nein‹, sagte mein Vater fest, ›da gehst du nicht hin. Man braucht schon mit dem Auto mehrere Tage. Und wir fahren jetzt zurück nach Dar’a. Dein Bruder wird von selbst nach Hause kommen. Du kannst ihn nicht holen.‹

Die Spitzen der schwarzen Flügel streiften mich, und ich schauderte.

Die Ziegen liefen über die Piste. Auf dem Armaturenbrett lagen die letzten Weintrauben und dufteten hellgrün unter dem schaukelnden Bild einer Madonna am Rückspiegel.

›Nura‹, wisperte Yassir, sodass nur ich es hörte. ›Ich hole ihn doch. Irgendwann.‹«

 

»Calvin?«

Er fuhr herum. Hinter ihm standen Benji und Tom.

Wie lange hatten sie schon auf ihn gewartet?

»Wer ist das?«, fragte Tom und zeigte zu dem Mädchen an der Balkontür.

»Niemand«, murmelte Calvin.

Er scheuchte die beiden die Treppe hinunter wie Vieh. Hinter ihm blieb der Blick des Mädchens zurück, zusammen mit Frau Silbermanns Schweigen.

»Zieht eure Schuhe an«, schnauzte er.

Und dann jagte er die beiden die Straße entlang, wütend, eilig. Er sah sich nicht um, und als Tom es versuchte, gab er ihm einen leichten Schubs.

»Guck geradeaus, sonst siehst du nicht, wo du hinrennst.«

Er hatte Angst, dass er sich ebenfalls umdrehen würde, wenn Tom es tat. Und dass das Mädchen am Fenster stand und ihnen nachsah.

In ihm kochte es. Warum hatte er sich so gefangen nehmen lassen? Von Worten! Sie hatte kein Recht dazu, das mit den Worten zu tun! Sie so zu biegen, dass man Bilder sah. Sie und diese alte Hexe … Zwanzig Jahre lang hatte die Hexe übersetzt? Was machte jemand, der zwanzig Jahre lang arabische Worte übersetzte, überhaupt hier? In Deutschland gab es eine Sprache, eine völlig perfekte Sprache, niemand brauchte noch eine zweite. Und wem diese Sprache nicht gut genug war, die Sprache von Goethe und Schiller und Hitler, der konnte gerne gehen. Der hatte hier nichts verloren. Er steckte endlich die Zigarette an.

Er würde die Worte vergessen. Er hatte sie schon vergessen.

»Das war doch eine von den Ausländern«, sagte Tom. »Aus dem blau-weißen Block. Warum hast du mit ihr geredet?«

Calvin blieb stehen und blies den Rauch langsam aus.

»Erstens«, sagte er. »Es geht dich einen Scheiß an, mit wem ich rede. Zweitens: Ich hab nicht mit ihr geredet. Sie hat angefangen, mich vollzutexten. Weil ihr nicht gekommen seid.«

»Mann, ist ja okay«, sagte Benji. »Reg dich nicht auf.«

»Du versuch nicht, so erwachsen zu klingen!«, zischte Calvin. »Werd erst mal trocken hinter den Ohren!«

Er packte jeden der beiden an einem Handgelenk, um sie über die nächste Straße zu ziehen, als wären sie wirklich Kleinkinder, und ignorierte ihren Protest.

Und dann erhoben sich die Neubauten vor ihnen wie Felsen. Heimatfelsen, dachte Calvin, die Felsen, zu denen die Adler zurückkehrten.

Diese grauen Blöcke? Haha.

Benji und Tom liefen voraus über das kurze, kranke Gras zwischen den Häusern. Er sah sie durch die Tür des Blocks schlüpfen, zündete sich noch eine Zigarette an und lehnte sich an ein Trafohäuschen. Wenn irgendwann der große Kampf gekämpft würde, dann würden sie diese Blocks sprengen. Er würde selbst die Lunte zünden. Er stellte sich vor, wie die Dächer sich von den Mauern hoben, wie die Fenster von der Druckwelle der Explosion nach außen gepresst wurden, wie die Flammen aus den Häusern schlugen. Er würde gerade weit genug entfernt stehen, um das alte Leben brennen zu sehen, eine riesige Fackel, die dem Himmel den Sieg der Geknechteten verkündete.

»Ihr braucht diese Blocks nicht mehr«, würde Pascal zu den Menschen sagen. Pascal war gut darin, Dinge zu sagen, er war nicht von ungefähr der Anführer der Clique. »Wir werden euch in eine bessere Zukunft führen. Das Land gehört euch. Es gehört nicht länger den Brillenbürgern, denen mit den Büchern. Es gehört den deutschen Arbeitern. In diesem Augenblick wird ein neues Reich geboren.«

Es begann zu regnen. Calvin trat seine Zigarette aus. Vor ihm lagen unverändert grau und hässlich die Neubaublocks. Er hörte das Weinen eines Babys von irgendwo her, einen Streit hinter halb geöffneten Fenstern, einen alten Motor, der nicht anspringen wollte. Nirgendwo wurde ein neues Reich geboren. Es war ein weiter Weg bis dorthin.

Er wollte nicht hineingehen; er wollte nicht wissen, ob die Sache auf dem Amt geklappt hatte. Er wollte seine Mutter nicht in der Küche sitzen und wieder heulen sehen.

Hellgrüne Weintrauben hingen in seinem Kopf, auch wenn er noch immer versuchte, sie zu zertreten. Farben einer eigentlich grauen Steinwüste hatten sich in ihm festgesetzt. Die unendliche Weite. Und die dunklen Augen des Mädchens, das ihn davor gerettet hatte, zu fallen. Nuri. Die Welt ihrer Erzählung war so anders gewesen als … dies hier. Schön und gefährlich, groß und geheimnisvoll. Wie es wohl wäre, ein Kind zu sein und dort, in einem Weinfeld, ihre Hand zu halten? Er ahnte, dass er die Worte nicht vergessen würde, dass es unmöglich war – und das machte ihn noch wütender.

Er wandte den Kopf und starrte den Block an, in dem die Asylanten wohnten.

Er konzentrierte seine ganze Wut auf diesen Block.

Vor einem Jahr waren die Ersten von ihnen gekommen, im Frühling. Davor hatte der Block beinahe leer gestanden, und sie hatten alle Familien, die noch darin gewohnt hatten, hinausgeworfen. Sie auf die anderen Blöcke verteilt. Sie hatten ihnen die Umzüge bezahlt, aber was war das schon? Niemand wurde gerne aus seiner Wohnung geworfen.

Sie hatten den Block neu gestrichen, weiß und blau; sie hatten Steuergelder für Liter und Liter von Farbe verpulvert, und sie hatten Waschmaschinen gekauft. Die Asylanten bekamen Waschmaschinen. Wenn man als Hartz-IV-Empfänger eine neue Waschmaschine beantragte, dauerte das Jahre. Den Ausländern schoben sie es in den Arsch.

Damals hatten sie alle etwas tun wollen. Sofort. Es hatte Demonstrationen gegeben, Umzüge und Gegenumzüge der Arschlöcher, die sich Linke schimpften. Die braven Bürger der Stadt hatten ein Begrüßungsfest für die Ausländer organisiert, und es hatte nichts genutzt, dass Pascal, Calvin und ihre Leute ihre Musik bei offenem Fenster hatten laufen lassen, volle Lautstärke. Lieder über die Zeit, als Hitler die Dinge noch in der Hand gehabt und das Land geblüht hatte. Die Begrüßungskomitee-Deutschen hatten das Gesicht verzogen, mehr nicht.

Seit damals war nichts geschehen. Nichts Sichtbares auf jeden Fall. Oberflächlich hatten sich alle dem Willen der Ämter gebeugt; alle waren nett zu den Ausländern, alle schenkten ihnen ein falsches Lächeln, wenn sie ihnen begegneten. Aber etwas würde geschehen. Bald. Ein Jahr war vergangen, hatte Pascal gesagt, das reichte, und darin stimmten ihm viele aus dem Viertel zu.

Calvin dachte wieder an das Mädchen, das noch nicht lange hier war, vielleicht ein paar Wochen. Er versuchte, sich die Wohnung vorzustellen, in der sie wohnte. Er stellte sich vor, dass es Teppiche gab, auf dem Boden, und dass sie dort mit ihrer Familie saß und Tee trank.

»Wie die Wilden«, murmelte er.

Er ging ein paar Schritte auf den Block zu, unentschlossen.

Wo steckte Pascal, verdammt? Und die anderen? Er brauchte ein Bier, besser noch mehrere, besser noch etwas Härteres. Aber was sollte er zu ihnen sagen? Ein Mädchen mit beinahe schwarzen Augen hat mich gerettet, und jetzt ist mein Kopf voll mit ihren Worten, als hätte sie mich mit einer Krankheit angesteckt? Er wanderte um den Block herum, wanderte auch um den blau-weißen Block der Ausländer. Aus einem angelehnten Fenster drang Katzengejammermusik, gespielt auf einem Instrument, das Calvin nicht kannte. Es roch nach Knoblauch und Chili und Gewürzen, die es auf Deutsch wahrscheinlich gar nicht gab, nur auf Kanakisch.

Wenigstens regnete es nicht mehr.

Da war ein Schatten in der Nacht, ein einzelner Schatten auf der anderen Seite der schmalen Straße. Ein Auto fuhr vorbei, der Schatten war einen Moment lang eine Gestalt, und er hatte schwarzes, lockiges Haar. Für Bruchteile einer Sekunde dachte Calvin, es wäre das Mädchen. Aber als das Auto sich mit seinen Scheinwerfern vorbeitastete, sah er, dass es ein Typ war. Etwas älter als er selbst. Ein Typ aus dem Asylantenheim. Er trug ein Hemd, ordentlich gebügelt, aber am Arm mehrfach geflickt. Er stand nur da und rauchte, ganz allein.

Calvin ging über die Straße und stellte sich neben ihn, ins Dunkel. Das Auto verschwand hinter dem Block.

In Calvin kochte noch immer die Wut auf das Mädchen. Der Schatten hatte Pech, denn er war da, und das Mädchen war nicht da. Tja.

»Abend«, sagte Calvin.

Der Schatten schwieg.

»Was machst du hier?«

Der Schatten schwieg weiter, rauchte nur. Arschloch.

»Hey, red mit mir!«, fauchte Calvin. »Seit wann kriegt man in diesem Land auf eine höfliche Frage keine Antwort mehr?«

Der Schatten sah weg. Calvin spürte seine Angst, und sie machte ihn leicht betrunken.

»Was glaubst du?«, zischte er. »Dass du was Besseres bist? Weil die euer verdammtes Leben hier bezahlen? Weil wir alle arbeitslos sind? Na, ich kann wenigstens Deutsch …«

Da wandte der Schatten sich ab, um zu gehen. Calvin packte ihn am Ärmel. Er stellte sich vor, es wäre das Mädchen. Er musste sie loswerden, sie und ihre Worte, und er würde sie loswerden. Er würde sie fertigmachen.

»Weintrauben, hm?«, fauchte er. »Wir brauchen eure Märchen von den Scheißweintrauben nicht! Sag deinen Leuten, sie sollen machen, dass sie wieder zurückkommen in die Wüste! Ich will nie mehr von jemandem zugetextet werden, der nicht fragt, ob ich zuhören will …«

Der Schatten riss sich los, mit plötzlicher Gewalt, und Calvin schlug zu.

Seine Faust traf den anderen am Kinn, und als er stolperte, fing Calvin ihn in seinen Armen auf und schleuderte ihn herum. Er schlug noch einmal zu, ohne zu sehen, wohin – und dann war es Calvin, der eine Faust ins Gesicht bekam. Der Schmerz machte ihn für Momente blind, er hörte sich selbst aufheulen wie ein Tier. Aber auch seine Wut war blind. Wie konnte der andere es wagen, zurückzuschlagen? Dieser Typ, der nicht hierhergehörte, der nicht einmal Calvins Sprache sprach? Wie konnte er es wagen? Er hob die Faust noch einmal, traf den Kiefer des anderen, hörte seinen Schmerzenslaut.

Danach rangen sie eine Weile stumm miteinander, verbissen, keuchend, und stürzten schließlich gemeinsam zu Boden. Der Boden war hart und kalt und sehr dreckig. Der Reichsadler auf Calvins Bizeps kämpfte mit ihm. Für die Freiheit. Für ein Leben ohne die Herrschaft der Reichen. Gegen die Kanaken und Zigeuner, gegen die, die von sonst wo kamen und den Deutschen die letzten Jobs wegnahmen.

Vielleicht kämpfte er vor allem gegen den Geruch reifer Trauben.

Er war stark, aber der andere war stärker, er spürte es, der andere war drahtiger und zäher und vielleicht geübter. Er drückte Calvins Gesicht jetzt seitlich auf den Asphalt. Calvin schmeckte Blut in seinem Mund. Seine Wut war noch da, größer als zuvor, aber sie nützte ihm nichts mehr. Er sah die Straße, auf der keine Autos fuhren, und wartete auf den finalen Schlag, der das Licht für diese Nacht auslöschen würde. Er war in genug Schlägereien verwickelt gewesen, um zu wissen, dass der finale Schlag kommen würde. Sein letzter Gedanke war: Mama wird dieses Gesicht machen. Dieses enttäuschte Gesicht, und dann wird sie sich wegdrehen, damit ich nicht sehe, dass sie wieder heult. Scheiße, ich will nicht, dass sie heult.

Der andere hob die Faust, Calvin spürte es eher, als dass er es sah – aber dann sah er etwas anderes. Etwas auf der Straße. Er sah vier Gestalten, die er kannte. Pascal, Jason, André, Cindy. Sie rannten jetzt. Sie waren da. Jemand riss den Schatten von Calvin weg, er kam mühsam hoch und sah, wie sie zu viert über seinen Gegner herfielen, aber es ging zu schnell, um Genaues zu erkennen. Ein zweiter Schatten kam vom Heim her, stürzte sich auf Jason, vier gehen zwei.

Dann ein dumpfer Aufprall.

Der, mit dem Calvin gekämpft hatte, lag auf dem Boden. Hah.

Pascal richtete sich auf und wischte sich die Hände an der Hose ab. André schüttelte sich. Jason trat einen Schritt zurück.

»Nimm das da mit nach Hause«, sagte Pascal zu dem zweiten Schatten, der noch stand, und zeigte auf den Körper am Boden.

Der zweite Schatten packte den ersten unter den Armen, half ihm mühsam hoch, und sie verschwanden in der Dunkelheit. Der, den sie niedergeschlagen hatten, konnte sich kaum auf den Füßen halten, wurde mehr vom anderen geschleift. Calvin roch sein Blut.

Aber die Worte waren immer noch in seinem Kopf.

Auf einmal war all sein Adrenalin verbraucht. Er fühlte sich unendlich müde.

»Calvin?« Cindy legte eine Hand auf seine Wange. »Du bist verletzt.«

Calvin nickte. Er spürte die Schmerzen im Gesicht nicht. Seltsam, nur die Schmerzen an seinem Arm spürte er – dort, wo Nuri ihn gepackt hatte, um ihn am Fallen zu hindern.

»Scheißneger«, sagte Jason.

»Sind nicht mehr lange hier«, sagte Pascal. »Calvin, Abmarsch, Wunden desinfizieren! Ich hab noch ’ne Flasche Klaren. Wir wollten sowieso raus zum Garten von Cindys Alter. Da kannst du erzählen, was los war.«

»Es war nichts«, murmelte Calvin und wischte sich das Blut aus dem Gesicht. »Nur zu viele … Weintrauben.«

Cindy legte einen Arm um ihn, weich und warm. »Du zitterst. Komm.«

 

»Ya Allah!«, sagte Abi. »Was ist mir dir passiert?«

»Nichts«, sagte Kamal und setzte sich schweigend auf einen der Plastikstühle.

»Nichts?«, murmelte Um Nabil und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, nur um etwas mit ihren Fingern zu tun. Ihr Haar war grau geworden. Vor zwei Jahren war es noch schwarz gewesen.

Kamal zuckte die Schultern. »Ich bin blöd gefallen. Ich gehe mich waschen und lege mich hin, ja? Ich bin müde.«

»Seit wir hier sind, ist er nur müde«, sagte Um Nabil. »Dabei tun wir den ganzen Tag nichts.«

Sie sprach leise und sanft, wie ein Windhauch. Ihre Worte waren kein Vorwurf. Nur eine Feststellung.

Abi nickte und legte ihr eine Hand auf ihren Arm.

»Es ist, weil wir nichts tun können«, sagte er. »Es macht müde, gelähmt zu sein.«

Nuri ging Kamal nach, wartete geduldig vor dem Bad und setzte sich mit angezogenen Beinen neben seine Matratze, als er sich hinlegte.

»Du solltest so spät nicht mehr draußen sein«, sagte er, ohne sie anzusehen. »Du bist eben erst gekommen, oder?«

»Ich war bei Frau Silbermann.«

»Ich weiß«, sagte Kamal. »Wenn du da hingehen willst, musst du früher gehen. Keiner geht mehr nach Einbruch der Dunkelheit raus. Auf jeden Fall keine von den Frauen.« Und, nach einer Weile, leiser und schärfer: »Wir kriegen sie. Ramo aus dem ersten Stock war dabei, der Kurde. Wir rächen uns. Sie werden bezahlen.«

»Warum habt ihr euch geprügelt?«

»Weil ich da war«, sagte Kamal bitter. »Weil wir da sind. In diesem Land.« Er hieb mit der Faust gegen die Matratze. »Sie sind wie Hunde. Verteidigen ihr Territorium. Die, die hier wohnen … das sind die, die nichts haben. Nur ein paar hässliche Stücke Rasen und die Blocks, und die müssen sie verteidigen. Sie winseln und wetzen ihre Krallen. Sie sind widerlich.«

»Nicht alle«, sagte Nuri leise.

»Ach nein? Kennst du denn einen von ihnen?«

Sie zögerte einen Moment. »Nein«, flüsterte sie dann. »Noch nicht.«

 

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Für mich, ganz deutlich, ist der Standort [des Asylbewerberheims] aus meiner Sicht sogar einer der besten, die wir finden konnten. (…) Weil er mitten, mitten im Leben ist, mitten in einer Stadt und nicht irgendwo draußen jwd. Die Menschen können wir mit Maßnahmen auch einbinden in das ganz normale Leben, was ich ja auch deutschen Bürgern zumute …

(Mitarbeiter des Landkreises Vorpommern-Greifswald im Interview über Unterbringung von Asylbewerbern in einem Viertel mit sozialem Brennpunkt in Vorpommern)

 

 

Heute sind wir tolerant, morgen fremd im eignen Land.

(Graffito an Asylbewerberheim und Motto bei einer NPD-Kundgebung)

Sie lag alleine wach in der deutschen, deutschen Nacht. Sie hörte das Atmen der anderen. Kamal murmelte im Schlaf Worte, die sie nicht verstand. Abi lag still auf der Seite, wie tot, einen Arm um die Schulter seiner Frau gelegt.

Nuri stand auf und ging leise zum Fenster. Sie stand lange da und dachte an die, die nicht hier waren. Yassir, an den sie sich immer als Kind erinnerte. Diese Mischung aus Unschuld und Entschlossenheit in seinen Augen, die sie zu spät verstanden hatte … Nabil auf der weißen Matratze. Aarifs Gesicht, ehe er gegangen war, mit diesem endgültigen Ausdruck von Abschied. Und Mariam. Mariam hasste sie. Es war nicht leicht, gehasst zu werden. Sie hatte sie eine Verräterin genannt und ihr schmutzige Worte an den Kopf geworfen.

Nuri presste ihr Gesicht an die kühle Scheibe.

»Warum hast du geredet?«, wisperte sie. »Du wolltest doch nichts erzählen! Und dann kommt dieser Junge mit den grünen Augen und den Sommersprossen, Sommersprossen bis zum Hals hinunter, und mit ihm kommen die Worte.«

Sie dachte an das seltsame Willkommensfest für die Flüchtlinge, bei dem sie Frau Silbermann zum ersten Mal begegnet war. Sie hatte gesagt, sie würde es vermissen, Arabisch zu sprechen. Sie wäre außer Übung. Jetzt wusste Nuri, dass das nicht stimmte. Sie sprach perfekt Arabisch.

Frau Silbermann wollte nur, dass Nuri erzählte, weil sie glaubte, dass es Nuri helfen würde. Nuri wollte keine Hilfe.

Sie brauchte Luft. Im Hausflur schwamm der Geruch nach zu vielen Nationen, die versuchten, in einem fremden Land die Gerichte ihrer Heimat zu kochen; nach billigem Waschmittel und nach dem Schimmel, der trotz aller Neuerungen in den Ecken wohnte. Die Treppe führte schmal hinauf in endlose Schatten. Ihre Wohnung lag im ersten Stock, und manchmal wünschte sich Nuri, sie würden ganz oben leben, in einem sicheren Nest über der Stadt. Einmal hatte sie mit einer Frau gesprochen, die da oben wohnte, einer Frau aus Burkina Faso, die zu viel lachte.

Nuri trat hinaus in die Nacht und atmete tief durch.

Du solltest so spät nicht mehr draußen sein.

Sie schlang die Arme um sich, frierend, und dachte an den Jungen mit dem Kapuzenpullover. Verdammt, sie wollte einen Kapuzenpullover! Dieses Land war kalt wie die Wüste in der Nacht, und dabei war es Anfang Mai. »Wenn wir ankommen, wird alles blühen«, hatte Abi gesagt. »Ich erinnere mich … im Mai ist das Land ein einziger, großer Garten, bunt und wunderschön.« Alles in Abis Erinnerung war bunt und wunderschön. Er war jung gewesen. Student.

Gegenüber vom Asylantenheim lag ein weites Feld, und am Horizont erzeugte ein Dutzend Windräder unaufhörlich und gedankenlos Strom. Warum war sie nicht dankbar für den Strom? In Damaskus waren Dinge wie Elektrizität nicht mehr selbstverständlich. Wasser. Telefon. Internet. Am Ende hatten sie im Viertel alles gekappt.

Hinter dem Block lag das Meer der anderen Blocks. Müllcontainer. Autos. Eine Imbissbude, die in erster Linie Bier verkaufte. Eine Bushaltestelle. Es war alles da, was man brauchte; nichts zu beklagen. Deutschland, ein Frühlingsmärchen.

Frau Silbermann hatte im Ausland gelebt. Zwanzig Jahre lang. Zwanzig Jahre lang Arabisch und Übersetzen. Warum war sie zurückgekommen? Hierher? Was gab es hier … zu leben? Zu lieben?

Eine Polizeistreife fuhr die Straße entlang, und Nuri zwang sich, nicht in den Schatten zurückzuspringen. Die Polizisten, das hatte man ihnen gesagt, waren da, um sie zu beschützen. Genau wie der Sicherheitsdienst, der das Heim bewachte und bei den monatlichen Geldausgaben anwesend war. Obwohl sie nie begriffen hatte, wann der Sicherheitsdienst wo war und wann nicht, die Leute von der Sicherheit waren manchmal unsichtbar, was sie beunruhigte. Die Scheinwerfer waren zu grell, sie kniff die Augen zusammen.

Der Streifenwagen fuhr weiter.

Hatten die Polizisten sie gesehen? Wo waren sie vorhin gewesen, als einer von den Typen hier Kamal angegriffen hatte?

Calvin. Jetzt wusste sie es wieder. Der Junge, der versucht hatte, durch den Balkon zu fallen, hieß Calvin, Calvin mit einem seltsamen englischen »ä«. Sie musste unwillkürlich lächeln, als sie an den Balkon dachte. Wie konnte man so blöd sein? Dann dachte sie an seinen Gang, seine Augen, und sie lächelte nicht mehr. Da war etwas in diesem Jungen, das auch in ihr war. Etwas wie eine unsichtbare Wut über die Ohnmacht, über die Tatsache, dass man nichts tun und nichts ändern konnte.

Es war dieses Unsichtbare, das sie hatte erzählen lassen.

»Unsinn«, flüsterte sie in die Nacht. »Warum glaubst du, dass gerade dieser Typ dich versteht? Geh nach Hause, Nuri.«

Und sie antwortete sich selbst mit einem bösen Lachen.

»Nach Hause? Viel Spaß.«

 

Sie fuhren mit den Rädern zum Garten hinaus.

Cindys Mutter sagte nicht Garten, sie sagte Laube, was nach vor ’89 klang. Vor Neunundachtzig hatte jeder eine Laube gehabt, sagte Cindys Mutter, und alles war einfacher und besser gewesen.

»Aber jetzt gibt’s geilere Autos«, hatte Jason gesagt. »Und früher, da durftet ihr nicht überall hinfahren, oder? Zum Beispiel nicht nach Amerika.«

»Nee, und jetzt dürfen wir«, meinte Cindys Mutter. »Und die geilen Autos dürfen wir auch kaufen. Aber keiner kann sichs leisten.«