Beschreibung

Du willst die große Liebe, aber bitte ohne Ritter auf dem weißen Pferd? Du hast genug von Unglück, Leid und dem hundertsten Bad Boy? Dann ist "Sommerfrische auf Gracewood Hall" genau das Richtige für dich! Tauche ein in die wundervolle Welt der Familie Bedford. Denn Sandra Rehle schreibt zeitgemäße Liebesromane, für moderne und selbständige Frauen, die ihre Träume und Visionen leben (wollen). Sie schafft es eine Welt voller Entspannung, Humor und Wertschätzung zu kreieren, so dass du dich gut unterhalten UND inspiriert fühlst. KLAPPENTEXT: Nicholas Bedford lebt seinen Traum. Als Fotograf reist er an die schönsten Plätze der Erde. Freiheit und Spontanität bestimmen sein Leben. Als er in der Millionenmetropole Kalkutta die schöne Yogalehrerin Milla Sjögren trifft, ist er von ihrem Wesen sofort fasziniert. Doch bevor er sie richtig kennen lernen kann, verlieren sie sich auch schon wieder aus den Augen. Monate später sieht er sie ausgerechnet auf dem traditionellen Sommerfest von Gracewood Hall wieder, und auf einmal steht seine ganze Welt Kopf. LESERSTIMMEN: "Absolute Leseempfehlung !!!" "Die Seiten fliegen nur so dahin." " Ich liebe diese Reihe!"

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 321

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Das Buch

Nicholas Bedford lebt seinen Traum. Als Fotograf reist er an die schönsten Plätze der Erde. Freiheit und Spontanität bestimmen sein Leben.

In der Millionenmetrole Kalkutta trifft er auf die schöne Schwedin Milla Sjögren und ist sofort von ihrem ganzen Wesen fasziniert. Bevor er sie richtig kennenlernen kann, verlieren sie sich aus den Augen.

Monate später sieht er sie ausgerechnet auf dem traditionellen Sommerfest von Gracewood Hall wieder.

Und auf einmal steht seine ganze Welt Kopf.

Die Autorin

„Sommerfrische auf Gracewood Hall“ ist der dritte Band der sympathischen Autorin der Gracewood-Hall-Reihe.

Sie schafft es, wie keine andere, das Schreiben und ihr Familienleben mit Leichtigkeit zu verbinden. Sie lebt mit ihrer großen Liebe und zwei gemeinsamen Kindern im schönen Hamburg.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1: Ein Freitag im Juli

Kapitel 2: Dienstag

Kapitel 3: Mittwoch

Kapitel 4

Kapitel 5: Freitag

Kapitel 6: Samstag

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16: 3 Wochen später

Kapitel 17: Südschweden – eine Woche später

Epilog

Prolog

Es war heiß, laut und bunt. Die Luft um ihn herum flirrte vor Farben und Gerüchen. Der Duft von Kurkuma, Koriander und Kreuzkümmel wehten von den Essenständen am Rand der Menge zu ihm herüber. Hier drängten sich mehr Menschen dicht an dicht, als er es jemals für möglich gehalten hätte, und ihr Lachen vermischte sich mit den fremdländischen Melodien der Sitars, Flöten und Trommeln zu einem allumfassenden Rauschen purer Lebensfreude.

Sein ehemals weißes T-Shirt zierten Streifen bunter Farbe und klebte wie eine zweite Haut an ihm. Er war mittendrin und würde von hier aus kaum ein gutes Foto schießen können, aber das war ihm egal. Heute ging es in erster Linie ums Erleben. Sicherheitshalber hatte er dennoch eine Kompaktkamera in der Hosentasche – er konnte eben nicht aus seiner Haut. Kurz vergewisserte er sich, dass sie nicht bereits Beute eines geschickten Langfingers geworden war.

Und auf einmal stand sie vor ihm. Sanft rieb sie ihm pinkes Farbpulver auf seine Stirn und Schläfen und strahlte ihn an.

Nick spürte ihre Berührung überdeutlich auf seiner Haut. Obwohl sich ihre Hand kühl anfühlte, breitete sich eine ungekannte Wärme in ihm aus. So etwas hatte er noch nie erlebt. Er fühlte sich, als wäre er in diesem Augenblick… angekommen. Die Menschenmenge, die fremden Töne der Musik – alles trat in den Hintergrund, verblasste um sie herum. Sie war groß, fast so groß wie er und beinahe schon zu schlank. Ihr blondes Haar trug sie in einem lockeren Dutt auf dem Kopf und ihr ebenmäßiges Gesicht zierten ebenfalls pinke Farbstreifen. Wie machte sie das? Nick konnte den Blick nicht von ihr abwenden. Es waren ihre Augen, die ihn nicht losließen. Wenn ihn das grelle Sonnenlicht nicht täuschte, waren sie türkisgrün. Sie erinnerten ihn an die griechische Badebucht, an der er mit seiner Familie Urlaub gemacht hatte, als er elf Jahre alt war und er sich das erste Mal verliebt hatte. Er wollte etwas sagen, wusste aber nicht, was. Ihre Hand berührte seinen Arm. Sanft und doch fest, irgendwie vertraut.

„Frohes Holi!“, wünschte sie ihm. Sie sprach Englisch mit einem süßen Akzent. „Mögen die Götter dir wohlgesonnen sein und all deine Wünsche in Erfüllung gehen!“

„Äh, danke. Dir auch“, stammelte er. Dann riss er sich zusammen und nahm ihre Hand in seine. „Hi, ich bin Nick.“

„Freut mich, Nick.“ Sie lächelte noch immer. „Ich heiße Milla.“

Auf einmal kam Bewegung in die Menge. Es war, als hätte jemand den Playbutton gedrückt. Die Musik, das Rufen und Lachen – alles war wieder da. Die Welt bewegte sich weiter. Bevor Nick wusste, wie ihm geschah, wurde sie fortgetrieben. Sie hob die Hand.

„Hej då!“, rief sie ihm noch zu und dann war sie auch schon verschwunden. Verschluckt von der lärmenden, tanzenden Menge.

Nicholas Bedford stand wie eingefroren inmitten des Holi-Festivals in Kalkutta und wusste nicht mehr, was er dort eigentlich tat.

Kapitel 1 Ein Freitag im Juli

Vier Monate später stieg Nick in Antwerpen aus dem Flugzeug. Er streckte seine müden Glieder. Obwohl die Sonne ihren höchsten Punkt noch lange nicht erreicht hatte, war es bereits heiß. Mitte Juli war der Sommer auf dem europäischen Festland angekommen. Erwartungsvoll lächelnd rückte Nick den Schultergurt seiner schweren Kameratasche zurecht und ging auf das Flughafengebäude zu. Die hohen Temperaturen würden seinen Auftrag enorm erleichtern, aber zunächst musste er auf Gracewood Hall anrufen, um seiner Familie zu erklären, dass er es wahrscheinlich nicht zum traditionellen Sommerfest schaffen würde. Er konnte ihre Enttäuschung beinahe schon jetzt spüren, daher beschloss er, mit seinem großen Bruder zu sprechen. Nigel würde ihn wenigstens nicht in ein langes Gespräch verwickeln. Ein Telefonat mit Arthur, Nigels Lebensgefährten, wäre natürlich noch unkomplizierter, aber das kam Nick dann doch etwas feige vor. Außerdem hatte er einen guten Grund für seine Absage.

Nach einem Blick auf seine Armbanduhr beschloss er, das Gespräch sofort hinter sich zu bringen. Wer wusste schon, wie der Empfang auf dem Festivalgelände sein würde. Also suchte sich Nick eine ruhige Ecke, von der aus er das Gepäckband gut im Blick hatte, und wählte Nigels Nummer auf dem Handy aus.

„Na toll! Wenn du jetzt anrufst, kann das nur eines bedeuten!“, rief Nigel ohne Begrüßung in sein Handy.

„Was soll das denn heißen?“ Nick ließ sich sofort auf das Gespräch ein.

„Dass du mich anrufst, weil du nicht zum Sommerfest kommen wirst und deswegen ein schlechtes Gewissen Mum und Dad gegenüber hast“, erklärte Nigel.

„Ich habe kein schlechtes Gewissen! … Also zumindest muss ich keines haben, denn erstens steht noch gar nicht fest, dass ich nicht komme, und zweitens habe ich einen guten Grund, denn …“

„Ha! Ich wusste es: Du sagst ab! Das ist ja mal wieder typisch“, unterbrach Nigel ihn.

Nick atmete tief durch. Sein Bruder hatte offenbar glänzende Laune. Langsam ließ er seine schwere Ausrüstungstasche von der Schulter gleiten und stellte sie vor sich auf den Boden.

„Können wir uns bitte wie zwei Erwachsene unterhalten und noch einmal von vorne anfangen?“

Nigel brummte etwas Unverständliches.

„Hallo Nigel, wie geht es dir?“, fragte Nick munter. „Ich habe ganz spontan einen großen Auftrag bekommen, deswegen kann es sein, dass ich nicht zum Sommerfest kommen kann. Ich weiß es aber noch nicht hundertprozentig. Sollte ich früher als erwartet fertig sein, eile ich wie der Wind zu euch.“

„Hallo Nick! Mir geht es gut“, antwortete Nigel übertrieben munter. Dann seufzte er. „Entschuldigung. Ich bin etwas angenervt. Dieses Brautmonster macht mich noch irre! Aber egal. Es wäre wirklich schön, wenn wir uns sehen. Schließlich werden alle da sein.“

„Ich weiß. Ich fände es auch schade, wenn es nicht klappt“, gab Nick zu. Dann runzelte er die Stirn. „Ist das immer noch dieselbe Braut?“

„Wenn du Mindy Miller meinst, dann ja, es ist immer noch dieselbe Braut.“ Nigel ließ die Schultern hängen. „Immer wenn ich glaube, jetzt haben wir es geschafft, jetzt läuft alles, kommt sie mit einer neuen absurden Idee um die Ecke.“

„Die Hochzeit müsste doch jetzt bald sein, oder nicht?“

„Ja, am Wochenende nach dem Sommerfest. Aber je näher der Termin rückt, desto schlimmer wird sie.“ Nigel seufzte wieder.

„Ist doch ganz normal, dass ihrer Nervosität da steigt.“

„Entschuldigung?! Du weißt aber schon, wem deine Loyalität gelten sollte?!“

Nick lachte.

„Alles gut, großer Bruder. Ich bin mir sicher, du machst das ganz toll und die Hochzeit wird der Wahnsinn. Und bis dahin versuchst du es am besten mal mit Meditation. Es gibt da eine tolle App! Ich schicke dir einen Link.“

„Jetzt fang du nicht auch noch damit an“, stöhnte Nigel. „Liz nervt mich mit dem Quatsch schon seit Wochen!“

„Sie weiß eben, was gut ist, und im Übrigen ist das kein Quatsch, sondern wissenschaftlich bewiesen, dass …“

„Ach, du meine Güte – das Telefon klingelt! Ich muss leider auflegen“, flötete Nigel und beendete das Gespräch.

Nachdem Nick seinem großen Bruder grinsend den Link zur Meditations-App geschickt hatte, steckte er sein Handy weg. Das war wieder typisch Nigel. Wenn der etwas nicht hören wollte, wechselte er einfach das Thema.

In diesem Augenblick begann sich das Gepäckband zu bewegen. Nick nahm seine Kameratasche und trat entspannt näher. Er hatte Glück – sein großer Wanderrucksack war eines der ersten Gepäckstücke. Schwungvoll nahm er ihn auf und schaute sich nach dem Ausgang um. Jetzt würde er erst einmal einen Kaffee und eine Kleinigkeit zum Frühstück besorgen. Bei dem Gedanken an ein Vollkornbrötchen mit Salat, Tomate und Schinken lief ihm das Wasser im Mund zusammen. Er liebte die asiatische Küche zwar, aber nach Monaten fern der Heimat sehnte er sich nach Abwechslung, und wenn es nur ein einfaches Bäckerbrötchen vom Antwerpener Flughafen war.

***

Nigel ließ seinen Kopf entnervt auf die Tischplatte sinken. Er hatte seinen Bruder vorhin nicht angelogen, sein Telefon hatte tatsächlich geklingelt, und wie so oft in den letzten Monaten war Mindy Miller am Apparat gewesen. Sie hatte ihn tatsächlich auf dem Festnetzanschluss angerufen – Nigel wunderte sich, dass sie überhaupt wusste, dass es so etwas gab, so jung wie sie war. Für einen Moment schloss er die Augen. Einatmen. Ausatmen. Dann richtete er sich langsam wieder auf und versuchte sich durch ein Lächeln aufzumuntern. Seine Mundwinkel wanderten zwar nach oben, er vermutete aber, dass das Ganze eher wie eine Grimasse aussah. Bevor er sich mit Mindys neuesten Wünschen auseinandersetzen konnte, brauchte er erst mal einen starken Tee, und vielleicht hatte Mrs. Cuthbert ja auch etwas Süßes gezaubert. Wobei er eigentlich gar nichts davon essen sollte, denn diese Hochzeitsplanung hatte bereits deutliche Spuren an ihm hinterlassen, besonders am Bauch. Er grinste schief und stand entschlossen auf.

Nick hatte recht, die Hochzeit fand bald statt, und außerdem hatte ihm Mindys Vater immer wieder versichert, Geld spiele keine Rolle – Hauptsache seine Tochter sei glücklich. Nigel vermutete stark, dass genau dort die eigentliche Ursache für Mindys Verhalten lag. Ab und zu hatte er in den vergangenen Wochen einen Blick auf die wahre Mindy erhaschen können und die war eigentlich ganz nett gewesen. Nun, es war nicht wirklich sein Problem, dass Mr. Miller seine Tochter zu sehr verwöhnt hatte, im Gegenteil. Diese Hochzeit trug entscheidend dazu bei, dass seine Familie ihr Zuhause, das klassizistische Herrenhaus Gracewood Hall, in einem hervorragenden Zustand erhalten konnte.

Nigel ließ den Blick schweifen, während er die imposante Treppe hinunterschritt. Durch die große Glaskuppel in der Decke fiel genügend Licht in die große Halle und ließ die Sandsteinfliesen des Fußbodens in einem warmen Goldton strahlen. Am Fuß der Treppe angekommen, wandte sich Nigel nach links und schritt auf die Küche zu. Sie war etwas Besonderes. Nigels Ururgroßvater hatte sie vom Souterrain, in dem sich die Küche traditionellerweise befand, ins Erdgeschoss verlegen lassen, weil er seine Mahlzeiten besonders heiß essen wollte – so war die Distanz zwischen der Familie und dem Personal zusehends geschrumpft. Und als Nigels Vater Richard Bedford in den Siebzigern die amerikanische Künstlerin Vivien Bell heiratete, wurde die Küche zum familiären Herzstück. Hier wurde, selbstverständlich immer unter Aufsicht von Haushälterin Mrs. Cuthbert, gekocht, gelacht, genascht und auch das ein oder andere aufgeschlagene Knie verarztet.

Als Nigel eintrat, stand Mrs. Cuthbert an der großen Küchenmaschine und schlug ein Ei nach dem anderen in die Schüssel. Neugierig kam Nigel näher.

„Hat die Braut schon wieder angerufen?“, fragte Mrs. Cuthbert, ohne sich umzudrehen. Konzentriert gab sie nun löffelweise Zucker in die Mischung. „Was wollte sie denn diesmal?“

„Japanische Lampions und weiße Seidenzelte“, antwortete Nigel ergeben. „Ich weiß gar nicht, wie und vor allem wo ich das besorgen soll, zwei Wochen vor der Hochzeit.“

„Es gibt Seidenzelte?“, wunderte sich Mrs. Cuthbert. „Seide ist doch so empfindlich …“

„Ganz genau, Sie sagen es! Ich glaube kaum, dass irgendjemand die Zeltplanen anfassen und die Seide überhaupt bemerken wird.“ Nigel hob verzweifelt die Arme. „Sie will mir Fotos schicken. Wer weiß, wo sie das wieder gesehen hat. Wenn mir einer gesagt hätte, wie verrückt Bräute sein können, hätte ich vor der ganzen Hochzeitsplanungsache noch Psychologie studiert.“ Theatralisch ließ er sich auf einen der Stühle fallen und sank in sich zusammen.

In diesem Moment ging die Außentür auf und Annie kam herein. Die junge Frau arbeitete für die Bedfords als Aushilfe, nachdem sie während ihres Studiums ungeplant schwanger geworden und wieder nach Beddingsham zu ihren Eltern gezogen war. Während ihre Mutter auf das Enkelkind aufpasste, besserte Annie auf Gracewood ihre Kasse auf, bevor sie wieder zurück an die Uni ging. Zumindest war das der ursprüngliche Plan gewesen. Denn seit drei Monaten war alles anders.

„Hallo zusammen! Habe ich das gerade richtig gehört, du willst Psychologie studieren?“

„Hallo Annie! Nigel ist etwas angeschlagen wegen der Braut“, informierte Mrs. Cuthbert sie und warf ihr einen bedeutsamen Blick zu.

Annie nickte wissend.

„Ah, die Braut. Was will sie denn diesmal?“

Nigel zog sein Smartphone hervor und zeigte Annie die Bilder, die Mindy ihm geschickt hatte. Annie legte den Kopf schief, betrachtete die Fotos und zoomte an verschiedenen Stellen.

„Sehr hübsch. Aber das sind gar keine Seidenzelte.“ Sie gab ihm das Gerät zurück.

„Nicht?“ Verwundert wischte Nigel über seinen Bildschirm.

„Nein. Ich mache dir erst einmal einen Latte Macchiato und dann beweise ich es dir. Was du jetzt brauchst, ist viel Milchschaum und einen Plan.“

„Klingt gut“, gab Nigel abwesend zurück und vergrößerte die Bilder bis zur Unkenntlichkeit. „Äh, danke!“

Annie ging zum Waschbecken und wusch sich die Hände.

„Ich mache nachher die Bäder und den üblichen Rundgang?“, fragte sie Mrs. Cuthbert.

„Genau. Und häng’ bitte die Wäsche auf. Ich habe schon zwei Maschinen gestartet, die müssten dann fertig sein.“ Mrs. Cuthbert neigte den Kopf in Richtung Waschkeller. „Es sind hauptsächlich Tischdecken.“

„Aber Mrs. Cuthbert, wenn ich die heute aufhänge, dann sind sie doch bis morgen viel zu trocken zum Mangeln!“, gab Annie zu Bedenken, während sie die Milch aus dem Kühlschrank nahm.

„Deswegen werde ich mich nachher an die Mangel stellen und Walter wird mir helfen.“

„Aber ich hätte doch auch …“, warf Annie ein, ehe die Milchaufschäumdüse der italienischen Espressomaschine zu kreischen begann und eine Unterhaltung kurzzeitig unmöglich machte.

Dann floss der Kaffee in das Glas und Mrs. Cuthbert füllte den Teig in verschiedene Backformen.

„Sieh du zu, dass du deine Picknickkörbe für Samstag fertig bekommst. Schließlich wollen wir deinen Laden doch voranbringen!“, nahm Mrs. Cuthbert den Gesprächsfaden wieder auf.

„Noch habe ich ja gar keinen richtigen Laden“, berichtigte Annie die Haushälterin automatisch. „Und für die Körbe muss ich nur noch das Relish einkochen, dann habe ich alles vorbereitet, was ich vorbereiten konnte. Den Rest muss ich sowieso frisch machen.“ Annie stellte Nigel das Glas hin und setzte sich zu ihm.

„Wie läuft es denn?“, erkundigte sich Nigel und streute Zucker auf den Milchschaum.

„Super! Ich hätte nie gedacht, dass sich so viele Leute in Beddingsham gesünder ernähren wollen. Außerdem war Matts Idee mit den Pfandgläsern für die Suppen und Salate Gold wert.“ Seit etwa einem Monat bot Annie im örtlichen Bioladen gesunde Mittagsgerichte und kleine Backwaren an. Es war eine Art Shop-im-Shop-Konzept. Sie wollte erst mal die Marktlage erkunden.

„Dass du das alles schaffst, ist unglaublich – deine Tochter, der Laden, die Arbeit hier …“ Mrs. Cuthbert hatte die Kuchenformen in den Ofen geschoben und richtete sich auf.

„Sie haben den Umzug in Matts Cottage vergessen“, erinnerte Nigel die Haushälterin.

Annie lächelte und zuckte mit den Achseln.

„Ach, na ja, Poppy und ich hatten ja nicht viel. Daher war das an einem Wochenende komplett erledigt, und Matt hatte alles so toll vorbereitet.“ Bei der Erinnerung an die Anfänge ihrer Liebesgeschichte blitzten ihre Augen. Seitdem war so viel passiert, dass ihr die vergangene Zeit viel länger vorkam als nur ein paar Monate. „Meine Arbeit in dem Deli macht mir so viel Spaß, dass sie mir gar nicht wie Arbeit vorkommt. Wenn Poppy schläft, koche ich die Gerichte für den nächsten Tag. Morgens bringe ich sie in den Laden und komme dann her.“

„Ach, dann bringt Matt die Kleine zu deiner Mutter?“, fragte Mrs. Cuthbert.

Annie nickte.

„Wir wechseln uns ab. Ansonsten nehme ich sie einfach mit und sie ‚hilft' mir dann die Regale einzuräumen.“ Annie schmunzelte. „Ab nächsten Monat geht sie in den Kindergarten.“

„Annie, wir freuen uns sehr für dich und Matt“, sagte Nigel und legte seine Hand auf ihren Arm.

„Danke schön.“ Annie lächelte ihn dankbar an. „Wollen wir uns jetzt um Mindys Zelte kümmern?“

„Ich bitte darum“, antwortete Nigel lächelnd und nahm einen Schluck von seinem Kaffee.

***

„Mr. Bedford, wie schön, dass Sie es so spontan einrichten konnten!“ Kaum war er aus dem Wagen gestiegen, der ihn vom Flughafen zum Festivalgelände gebracht hatte, lief eine dynamische Mittvierzigerin auf ihn zu und streckte ihm ihre Hand hin. Ihr brauner Pferdeschwanz wippte auf und ab. Sie trug legere Bürokleidung – weiße Leinenschuhe, blaue Hose und ein fließendes weißes T-Shirt – Nick sah ihr die jahrelange Erfahrung im Marketing förmlich an.

„Hallo Mrs. Johnson. Die Freude ist ganz meinerseits“, antwortete er und schenkte ihr ein aufrichtiges Lächeln. Er freute sich wirklich. Nicht nur war sein Honorar für diesen Auftrag gewaltig, auch die Organisation war bis jetzt reibungslos verlaufen.

„Ich hoffe, Sie hatten einen angenehmen Flug. Normalerweise planen wir unsere Events und Aktionen Monate im Voraus. Aber gegen Krankheit ist niemand gefeit.“ Sie lächelte zurück, beinahe entschuldigend.

„Das war er, danke!“ Nick sah sich um und machte eine ausholende Handbewegung. „Tja, sein Verlust ist mein Gewinn.“

Das Gelände war riesengroß. Es gab mehrere kleine Musikbühnen, verschiedene Verkaufsstände, eine Art Entspannungszone mit Liegen und Sonnenschirmen, diverse Bars und natürlich die große Bühne im Zentrum des Geländes.

„In der Tat.“ Mrs. Johnson nickte bestätigend und ging auf ein Golfcart zu. „Dann zeige ich Ihnen jetzt als erstes das Gelände und erzähle Ihnen von unserer neuesten Kreation und wie Sie uns dabei unterstützen können.“

„Sehr gern.“ Nick folgte ihr und verstaute seine Taschen sicher auf der Ladefläche.

„Wie Sie wissen, stellt unser Konzern Erfrischungsgetränke für die breite Masse her“, begann Mrs. Johnson mit der Einführung, sobald Nick eingestiegen war. „Mit unserem neuesten Produkt möchten wir eine junge, nachhaltig interessierte Zielgruppe ansprechen. Hier auf dem Festival haben die Kunden die Möglichkeit, das Getränk vorab zu testen. Dort“, sie wies mit dem Kinn auf das Handschuhfach, „finden Sie eine Mappe mit allen notwendigen Informationen. Wenn Sie Fragen haben, wenden Sie sich bitte direkt an mich oder meinen Assistenten. Die Telefonnummern stehen auch dort. Nachdem ich Ihnen einen Überblick über das Gelände und unsere geplanten Veranstaltungen verschafft habe, zeige ich Ihnen noch unseren Stand und mache Sie mit dem Promotionteam bekannt.“

Nick warf einen kurzen Blick in die Mappe, die vor Informationen beinahe überquoll und nickte. Einiges hatten sie ihm schon per E-Mail geschickt. Seine Aufgabe war klar: Er sollte Fotos von glücklich und ausgelassen tanzenden jungen Leuten machen, die das neue Getränk in den Händen hielten – wie bei einem Werbeshooting, nur nicht so gewollt. Weiter lauschte er Mrs. Johnsons Ausführungen und nickte immer wieder. Es war nicht sein erster Auftrag für Werbefotos, aber einer der größten, die er bis jetzt bekommen hatte. Anders als manche Kollegen hatte er kein Problem mit Katalog- oder Werbeaufträgen. Diese Arbeiten sorgten für eine gewisse Freiheit in seinem Leben. Dadurch konnte er es sich leisten, Angebote abzulehnen, die nicht seinen Werten entsprachen. Nicht nur gewisse Themenshootings waren für ihn undenkbar, mittlerweile hatte er auch einen Punkt in seinem Leben erreicht, an dem er nicht mehr mit jedem Auftraggeber zusammenarbeiten wollte. Er hatte festgestellt, dass es für ihn viel besser funktionierte, wenn er auf sein Bauchgefühl hörte. Es gab schon genug unangenehme Menschen auf der Welt, da musste er nicht auch noch für sie arbeiten.

Dieser Auftrag reizte ihn nicht nur wegen der Größe – er mochte auch das neue Produkt und die Idee dahinter. Außerdem wollte er schon seit Jahren zu diesem Festival und hatte es bisher nie geschafft. Jetzt wurde er sogar dafür bezahlt; was war er doch für ein Glückspilz.

In sich hineingrinsend wandte er seine Aufmerksamkeit wieder der Frau neben ihm zu, die gerade am besagten Promotionzelt hielt.

Kapitel 2 Dienstag

„Und? Hast du sie?“, erkundigte sich Bree Sullivan neugierig. Sie hatte vor einem winzigen Ticketshop in Antwerpen auf ihre Freundin Milla Sjögren gewartet und auf ihr Gepäck aufgepasst.

„Sie sind ausgebucht. Auf dem ganzen Festivalgelände gibt es keinen einzigen freien Zeltplatz mehr.“ Milla zog eine Grimasse.

„Du hättest heulen müssen, das hilft immer“, gab Bree missmutig zurück.

„Das hätte nichts genutzt, glaub mir. Der Typ war mega unfreundlich.“ Milla griff nach ihrer Wasserflasche und trank den letzten Schluck aus.

„Und was machen wir jetzt?“ Bree war enttäuscht, sie wollte schon seit sie ein Teenie war auf dieses Electrofestival und war diesmal so knapp davor gewesen.

„Jetzt schlafen wir in einem Bungalow!“ Milla zog zwei Tickets aus der Tasche ihrer Jeansshorts und grinste Bree verschmitzt an.

Die starrte ungläubig von den Karten zu Millas Gesicht und wieder zurück. Dann sprang sie mit einem lauten Quieken auf.

„Wir haben sie! Wir haben Tickets!“, rief sie immer wieder und hüpfte mit Milla im Kreis.

Milla genoss die Freude in Brees Augen. Das war es wert gewesen ihre Notfallkreditkarte zu zücken, um den horrenden Preis zu bezahlen. Bree hatte in den letzten Monaten so viel für sie getan – mit ihrer lockeren Art hatte sie Milla ganz unwissentlich gezeigt, dass das Leben auch anders sein konnte. Unwillkürlich schob sich das Gesicht von Nick aus Kalkutta vor ihr inneres Auge. Seit Monaten passierte ihr das immer wieder. Er ging ihr einfach nicht aus dem Kopf. Hätte sie an Liebe auf den ersten Blick geglaubt, hätte sie es so nennen müssen. Aber sie weigerte sich standhaft. Es ging einfach nicht, dass man sich in jemanden verliebte, mit dem man nicht einmal fünf Sätze gesprochen hatte!

Plötzlich blieb Bree stehen und schielte auf den aufgedruckten Preis der Eintrittskarten.

„Bist du verrückt?“, rief sie aus und schnappte sich eine Karte. „Das können wir uns nicht leisten!“

„Der Preis stimmt nicht“, schwindelte Milla. „Das waren Resttickets, die er nicht mehr verkauft bekommen hätte. Ich habe nur einen Bruchteil bezahlt.“ Sie zwinkerte Bree zu. „Deswegen kann ich dich auch einladen.“

Die kniff skeptisch die Augen zusammen und musterte sie.

„Glaubst du mir etwa nicht?“ Milla bemühte sich um einen neutralen Gesichtsausdruck und dankte Gott für die vielen Meetings, in denen sie ihn bereits erfolgreich angewandt hatte.

Und wirklich: Bree lächelte.

„Natürlich glaube ich dir. Aber du musst mich nicht einladen, ich …“

„Ich möchte aber gern“, unterbrach Milla sie mit Nachdruck und schulterte ihren schweren Reiserucksack. „Lass uns lieber den Shuttlebus suchen, das geht sonst alles von unserer Feierzeit ab!“

„Der Bus muss da vorn irgendwo abfahren. Ich habe im Netz nachgesehen.“ Bree wuchtete ihren großen Rucksack ebenfalls auf den Rücken und schnallte sich einen kleineren vor die Brust. „Boah, ich freu mich so! Du wirst sehen, es wird mega!“ Mit einem fetten Grinsen zog sie Milla am Arm mit sich mit.

***

Es war noch früh am Nachmittag, aber Nick baute schon jetzt sein Set auf. Am Abend würde ein Star-DJ auflegen und dafür hatte er sich etwas Besonderes ausgedacht.

Er baute sich aus Getränkekisten eine Art Podest inmitten der tanzenden Menge und hoffte, durch die Perspektive ein paar ausgefallene Aufnahmen zu bekommen. Manche Festivalbesucher tanzten schon seit Stunden im gleichbleibenden Takt. Wie hielten die Kids dieses Tempo durch? Er war jetzt seit fünf Tagen hier und spürte langsam jeden einzelnen Knochen. War das sein Alter oder waren es noch Nachwirkungen des Jetlags? Da er im Herbst erst 33 Jahre alt wurde, beschloss Nick, dass es ganz eindeutig am Jetlag liegen musste und er bestimmt zu wenig Wasser getrunken hatte.

Auch wenn ihm diese Arbeit körperlich einiges mehr abverlangte als irgendwelche Tempelanlagen zu fotografieren, war er doch wirklich dankbar, hier sein zu dürfen. Dieses Festival war einfach gigantisch: die auflegenden DJs, die Stimmung der Gäste, der ganze Aufbau mit der Deko – aber auch auf den zweiten Blick merkte man die Liebe zum Detail. Überall wurde, so gut es ging, auf Nachhaltigkeit geachtet und so wenig Müll wie möglich produziert. Ganze Aufräumkolonnen sorgten rund um die Uhr für Ordnung, und wenn man Hilfe benötigte, war die nie weit entfernt.

Das Podest war fertig. Sein letzter Arbeitstag hier konnte offiziell beginnen. Zufrieden lief Nick zum Zelt seines Auftraggebers, um seine Ausrüstung zu holen. Es hatte eine Unwetterwarnung gegeben, von der zwar noch nichts zu spüren war, dennoch war er mehr als froh, bereits genug Bildmaterial gesammelt zu haben. So konnte er morgen nach England fliegen und doch noch beim Sommerfest auf Gracewood dabei sein.

„Hey Nick!“ Stacey, eines der Werbe-Mädchen, lehnte sich entspannt an den Tresen am Eingang des Zeltes. „Schön, dass du mal wieder bei uns vorbeischaust!“

„Finde ich auch.“

Nick grinste sie an. Sie hatten schon die ganze Zeit einen guten Draht zueinander gehabt.

„Stacy-Darling, du hast nicht zufällig noch ein kaltes Wasser für mich?“

„Für dich immer!“ Sie warf ihm einen gespielt kecken Blick zu und ging hüftschwingend zum Kühlschrank.

Nick lachte auf und ging um den Tresen herum zu seinen Sachen, die er dort in einer Ecke verstaut hatte. Dabei grüßte er nickend die anderen aus dem Team. Er kniete gerade neben der offenen Tasche, als Stacy zurückkam.

„Bitte sehr, der Herr!“

Sie hockte sich neben ihn und legte den Kopf an seine Schulter.

„Danke, du bist ein Schatz. Wie läuft es denn?“, erkundigte er sich. Ihm selbst schmeckte die neue Limo ganz gut, allerdings trank er trotzdem lieber Wasser.

Stacey schenkte ihm ein strahlendes Lächeln.

„Gut. Mal ist mehr los, mal weniger, aber insgesamt sind alle entspannt und gut drauf, und ich liebe die Musik! Ich könnte die ganze Zeit nur tanzen … wenn nur meine Füße nicht wären.“

„Dann brauchst du eine Massage. Da drüben …“

„Ach, und ich dachte, du bietest mir deine Dienste an!“, unterbrach Stacey ihn und klimperte übertrieben mit den Wimpern.

Wieder lachte Nick.

„Sorry Süße, dafür ist keine Zeit. Morgen früh geht mein Flieger.“ Er hatte jetzt alles beisammen und stand auf.

„Schade …“ Stacey zog eine Schnute und stand ebenfalls auf. Nick half ihr. „Haust du wegen der Unwetterwarnung ab? So schlimm wird es schon nicht.“

„Es ist nicht wegen dem Unwetter. Ich bin einfach fertig mit meiner Arbeit. Auf zum nächsten Job.“ Er zwinkerte ihr zu.

„Das ist wirklich schade, dann habe ich niemanden mehr zum Quatschen. Die anderen nörgeln die ganze Zeit.“

„Jaja, solche Leute gibt es überall.“ Er nickte. „Achte einfach nicht auf sie und tanz weiter.“ Nick lächelte sie aufmunternd an und zog sie in seine Arme. „Halt dich fern von den Meckerfritzen“, flüsterte er beschwörend.

Stacey löste sich lachend von ihm.

„Sagst du noch mal richtig Tschüss?“

„Klar!“ Nick schulterte seine Kameratasche und schnappte sich das Stativ. Er zwinkerte ihr noch einmal zu und verließ das Zelt.

„Passt gut auf meine Süße auf!“, rief er den anderen, die tuschelnd beieinanderstanden, grinsend zu. Begleitet von Staceys Gelächter verschwand er im Getümmel. Sollten sie sich doch das Maul zerreißen, ihm war das egal und Stacey auch. Es reichte vollkommen, dass sie beide wussten, dass nichts zwischen ihnen gelaufen war. Zugegeben, er war kein Kind von Traurigkeit. Nick liebte seine Ungebundenheit und lebte sie auch aus. Aber nur, wenn er sich sicher sein konnte, keine gebrochenen Herzen zu hinterlassen. Doch je älter er wurde, desto weniger Vergnügen bereiteten ihm solche Spielchen. Diesen Kick fürs Selbstbewusstsein brauchte er schon lange nicht mehr. Aber er hatte eben noch keine Frau getroffen, die ihn wirklich interessiert hätte. Kurz schob sich das Bild der Blondine vom Holi-Festival vor sein inneres Auge. Manchmal träumte er nachts von ihr, aber jedes Mal blieb sie außerhalb seiner Reichweite.

Unwillig schüttelte Nick den Kopf. Das war eine winziger Moment gewesen! Vor Monaten! Auf einem anderen Kontinent, verdammt! Außerdem wusste er nichts von ihr, außer ihrem Vornamen. Und überhaupt – wie groß war, bei fast acht Milliarden Menschen auf der Welt, die Wahrscheinlichkeit, ausgerechnet einen ganz Bestimmten wiederzusehen?! Na gut, er wusste, oder vermutete zumindest, dass sie Schwedin war. Schweden hatte rund zehn Millionen Einwohner. Das Internet hatte ihm sogar verraten, dass es ca. 1,9 Millionen schwedische Frauen im Alter zwischen 25 und 54 Jahren gab. Aber auch wenn diese Zahl deutlich geringer war, half ihm das überhaupt nicht weiter.

Mittlerweile war er an seinem Podest angekommen und begann energisch mit dem Aufbau seiner Ausrüstung. Schließlich war er zum Arbeiten hier.

***

„Und, Schatz? Wie war die Probe?“, fragte Timothy seine Frau, als sie ins Wohnzimmer trat. Er saß am großen Tisch, den Laptop vor sich, und arbeitete.

„Toll!“, antwortete Nora und kickte ihre Schuhe von den Füßen. „Ich muss dir unbedingt etwas erzählen!“

Tim hörte, wie sie ins Gäste-WC trat und sich die Hände wusch. Schließlich kam sie breit lächelnd auf ihn zu und drückte ihm einen Kuss auf.

„Und bei euch? Ist alles gut gelaufen?“, erkundigte sie sich. Aber anstatt sich zu setzen, ging sie in die Küche zum Kühlschrank. „Ich habe so einen Durst! Willst du auch etwas trinken?“

„Nein, danke.“ Tim lächelte in sich hinein. Es war so schön zu sehen, wie überglücklich sie jeden Dienstagabend von der Chorprobe nach Hause kam. „Es ist noch etwas von dem Auflauf da.“

„Das ist ja nur noch eine Miniportion!“, rief Nora ihm aus der Küche zu.

„Und selbst die musste ich mit meinem Leben verteidigen. Deine Kinder haben sich wie die Wölfe daraufgestürzt.“

Nora lachte. Sie hielt sich nicht lange mit Geschirr auf, sondern schnappte sich einfach die Form, eine Gabel und ihr Wasser und setzte sich zu ihrem Mann. „Das nächste Mal müssen die Kinder aber nicht hungrig ins Bett gehen. Ich kann mir auch ein Brot machen, wenn ich zurückkomme.“

„Kommt gar nicht in Frage!“ Tim schaute sie an. „Wenn du schon so lecker vorkochst, sollst du auch etwas davon haben.“ Er nahm ihre Hand und drückte ihr einen Kuss darauf. „Die beiden Racker haben noch Joghurt bekommen.“

Nora warf ihm einen Luftkuss zu und begann zu essen.

„Und sonst? Hat Claire ihre Sachen für die Schule fertig? Sie schreibt morgen …“

„Einen Musiktest, ich weiß. Ich habe sie noch einmal abgehört. Sie ist gut vorbereitet.“

„Und hast du dir Henrys Schramme noch mal angesehen? Ist ihm irgendwie übel geworden? Ich weiß gar nicht, wie er gestürzt sein muss, dass er sich die Haut am Ohr zerkratzt.“

„Nora, Liebling, den Kinder geht es gut. Henry ist putzmunter. Vertrau uns ein bisschen, schließlich bin ich schon seit acht Jahren Papa und seit fast fünf Jahren sogar zweifacher.“

„Entschuldige, du hast recht.“ Nun drückte Nora seine Hand. „Ich weiß doch, dass du der tollste Papa der Welt bist.“ Sie beugte sie vor und gab ihm einen Kuss.

„Hmmm …“ Tim beugte sich ebenfalls vor und zog Noras Stuhl zu sich heran. „Ich habe dich vermisst“, flüsterte er an ihren Lippen und vertiefte den Kuss.

Nora lachte leise. „Ich war doch nur zwei Stunden weg.“

„Eine Ewigkeit …“, murmelte Tim und küsste sie wieder. Zu gern hätte er sie auf seinen Schoß gezogen, aber nicht nur das Tischbein war im Weg, auch das Netzkabel des Computers war quer durch den Raum gespannt.

„Du bist unersättlich.“ Nora versuchte sich lachend loszumachen. „Ich muss dir …“

„Das dürfte nach zwölf Jahren nun wirklich keine Überraschung für dich sein“, unterbrach Tim sie und begann an ihrem Ohrläppchen zu knabbern.

„Ich wollte dir doch noch etwas erzählen!“ Nora versuchte sich aufzurichten. „Tim, das kitzelt!“

„Bei mir kitzelt auch was …“ Tim warf ihr einen bedeutungsvollen Blick zu und wackelte mit den Augenbrauen.

„Du bist so verrückt!“ Nora lachte und ihre Augen blitzten vergnügt.

„Ja, verrückt nach dir.“ Er gab ihr einen Schmatz auf die Wange und zwinkerte ihr zu. „So, was wolltest du mir erzählen?“ Er setzte sich aufrecht hin und sah sie auffordernd an.

„Du wirst es nicht glauben! Ich habe dir doch von dieser Band erzählt, ‚The Rocking Five‘. Jedenfalls kam Michael, der Gitarrist, heute zu uns. Ihre Sängerin ist schwanger und muss sich die ganze Zeit übergeben, die Arme“, Nora redete ohne Punkt und Komma, „und sie haben den ganzen Sommer über verschiedene Auftritte und stehen jetzt blöd da. Jedenfalls hat Michael sich an mein kleines Solo letztens erinnert, du weißt schon, auf dem Kirchenfest an Pfingsten, und hat mich gefragt, ob ich nicht für sie einspringen will!“ Es hielt sie kaum noch auf ihrem Stuhl. „Ist das nicht toll?! Ich wollte es erst gar nicht glauben! Und dann habe ich gesagt, dass ich ja Kinder habe und das erst mit dir absprechen muss.“ Nora hielt sich die Hände an ihre vor Aufregung roten Wangen. Sie sah einfach bezaubernd aus.

So glücklich hatte Timothy seine Frau lange nicht gesehen. Sie schien vor Freude regelrecht zu strahlen, selbst ihre roten Locken wirkten wie aufgeladen. Hätte er sie nicht schon so geliebt, hätte er sich glatt noch einmal in sie verknallt.

„Das ist wirklich toll, Schatz! Ich freu mich für dich!“ Tim stand auf und drückte sie fest. „Weißt du schon die genauen Termine?“

„Ja, er hat mir einen Zettel mitgegeben. Die meisten sind am Wochenende und hier in der Gegend, aber ein paar sind auch weiter weg. Ich könnte die Kinder zu meinen Eltern nach Gracewood bringen und …“ Nora unterbrach sich. „Hast du gerade gesagt, du findest es toll?“

„Ja, klar! Was sollte ich denn sonst sagen?“ Tim lächelte.

„Ich weiß nicht.“ Nora schüttelte verwirrt den Kopf. „Es kommt ja so plötzlich und …“

Tim schaute ihr in die Augen.

„Es ist ziemlich spontan, das stimmt. Aber wenn du es wirklich willst, dann kriegen wir das hin. Anscheinend sind es nur …“ Er schielte auf das Blatt, das Nora auf den Tisch gelegt hatte. „Es sind zwei Wochen, die du weg wärst, also nur zehn Arbeitstage, an denen wir die Kinderbetreuung regeln müssten. Kein Ding.“ Tim lächelte wieder. „Du hattest doch gesagt, du möchtest diesen Sommer mal etwas ganz anderes machen und dass du die Ferienbetreuung der Kinder nicht immer allein übernehmen möchtest. Siehst du, ich höre dir zu!“

„Oh, ich freu mich so!“ Nora fiel ihm um den Hals. „Das wird so toll! Also, schau: Hier, an diesem Wochenende, können wir …“

***

Der Bass wummerte mit seinem steten Rhythmus in Nicks Brustkorb. Der DJ verstand sein Handwerk. Seit Stunden schraubte er den Beat kontinuierlich in die Höhe und feuerte die Menge an, in Bewegung zu bleiben. Bald würde der eigentliche Star des Abends in Erscheinung treten und die aufgeheizte, partybereite Meute in Empfang nehmen. Nick beglückwünschte sich in Gedanken selbst, dass er dieses Podest gebaut hatte. Die Tänzer hielten respektvoll Abstand und er konnte großartige Bilder machen. Die einzige Herausforderung war, nicht selbst die ganze Zeit zu tanzen – die Musik ging einfach ins Blut. Grinsend stellte er das Stativ auf die gegenüberliegende Seite des Podests, um die Perspektive zu wechseln. Prüfend blickte er durch den Sucher und erstarrte.

Da stand sie! Nicks Kopf ruckte hoch. Er versuchte sie mit bloßem Auge zu entdecken, wagte nicht einmal zu blinzeln. Wieder sah er durch den Sucher. Da! Ja, definitiv, das war sie. Ohne Zweifel. Es war nicht zu fassen!

Milla tanzte nur ein paar Meter von ihm entfernt. Wie getrieben betätigte er den Auslöser. Wieder und wieder. Plötzlich ließ der DJ die Plattenteller kreischen, die Lichter flammten auf, zwei neue Töne erklangen und die Meute schrie begeistert auf. Irgendjemand rempelte auf dem Weg näher zur Bühne gegen das Podest und Nick stieß sich sein Auge so an der Kamera, dass es zu tränen begann. Er sah nichts mehr.

„Shit!“, fluchte er, während er fieberhaft versuchte, die Tränenflüssigkeit wegzublinzeln. „Verfluchte Dreckskacke!“ Immer noch so gut wie blind hielt er sein anderes Auge vor den Sucher und hielt Ausschau nach ihr. Sie war weg.

Shit! Shit! Shit!

Ohne Nachzudenken klickte er seine Kamera vom Stativ, schnappte sich seine Tasche und sprang auf den Boden. Er musste sie finden. Er musste einfach!

Nick rannte durch die Menge, immer weiter in die Richtung, in der er sie vermutete. Getrieben von dem Gedanken, sie zu sehen. Wo war sie? Er blieb kurz stehen und ließ seinen Blick schweifen. Wieder flammten die Lichter auf. Da! Das war sie doch! Er rannte los und blieb bald darauf wieder stehen. Mist, wo war sie denn hin? Es war doch erst eine Minute her, dass er sie hier gesehen hatte! Nick hielt seine Kamera hoch und benutzte sie als Fernglas. Langsam drehte er sich um sich selbst. Einmal. Zweimal. O Mann, halluzinierte er bereits? Das war sie doch gewesen, oder nicht? Prüfend schaute er sich die Fotos an, die er gemacht hatte. Doch, kein Zweifel. Er hätte Milla überall wiedererkannt.

Unschlüssig stand er in der sich wogenden Menge. Das Vernünftigste wäre es, wieder zu seinem Podest zu gehen. Aber seine Schritte führten ihn wie ferngesteuert in die entgegengesetzte Richtung.

Erschöpft lehnte er sich gegen den Tresen und gab dem Barkeeper ein Zeichen. Er brauchte etwas Kühles zu trinken. Mittlerweile hatte er zweimal die gesamte Fläche um die Hauptbühne umrundet und war mindestens genauso oft durch die Menge gelaufen. Sie war und blieb verschwunden. Hätte er nicht die Fotos gehabt, hätte er ernsthaft an seinem Verstand gezweifelt. Bevor er einen tiefen Schluck der zuckrigen Limonade nahm, kühlte er sich mit der Flasche die Stirn und horchte auf. Tatsächlich, der DJ spielte ein Sample von U2. Wie schön, dass er mit Bono etwas gemein hatte, dachte er sarkastisch – auch er hatte noch nicht gefunden, was er suchte. Er seufzte und trank einen Schluck. Der zuckerbedingte Energieschub ließ nicht lange auf sich warten. Er brauchte noch ein paar Bilder, schließlich wollte er morgen nach Hause fliegen. Ergeben trat er aus dem Lichtkreis der Bar und hielt sich die Kamera vor sein Gesicht. Er hatte Glück, denn direkt vor ihm tanzten einige Freunde ausgelassen miteinander und hatten trotz der fortgeschrittenen Stunde richtig Spaß. Das war es, was sein Auftraggeber sehen wollte. Nicht die wie in Trance tanzenden jungen Leute, bei denen man sich nicht sicher sein konnte, ob nicht doch irgendwelche Drogen im Spiel waren. Nick knipste und knipste, bis sie ihn schließlich bemerkten und regelrecht posierten. Er gab ihnen seine Karte, dann konnten sie sich bei ihm melden, wenn sie die Fotos haben wollten. Mit hängendem Kopf ging Nick zurück zur Bar. Er würde noch etwas trinken und dann weiter nach Milla suchen.

***

„Ich habe Durst!“, rief Milla Bree ins Ohr, um die Musik zu übertönen und gab ihr ein Zeichen, dass sie zur Bar gehen würde.