Verlag: Coppenrath Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2013

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E-Book-Beschreibung Sommernachtszauber - Ellen Alpsten

Seit ihrer ersten Begegnung mit dem jungen Schauspieler Johannes ist das Leben für Caroline wie ein Rausch. Tagsüber gibt sie auf der Bühne alles, um ihre erste große Rolle als Julia perfekt zu spielen. Nachts trifft sie sich heimlich mit ihm für weitere Proben im dunklen Theater. Johannes holt aus ihr und der Rolle das Beste heraus und die beiden verlieben sich haltlos ineinander. Doch Caroline wagt nicht, irgendjemandem von ihrem Glück zu erzählen. Denn Johannes dürfte gar nicht existieren. Er wurde während einer "Romeo und Julia"-Inszenierung in den 30er-Jahren grausam auf der Bühne erstochen und mit einem Fluch belegt. Und langsam erkennt Caroline, dass ihre Liebe zu Johannes sie vor eine unmögliche Wahl stellt ...

Meinungen über das E-Book Sommernachtszauber - Ellen Alpsten

E-Book-Leseprobe Sommernachtszauber - Ellen Alpsten

ISBN 978-3-649-61530-9 (eBook)

eBook © 2013 Coppenrath Verlag GmbH © Co. KG,

Hafenweg 30, 48155 Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

eBook Produktion: book2look Publishing 2013

ISBN 978-3-649-61056-4 (Buch)

Buch © 2013 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG,

Hafenweg 30, 48155 Münster

Text: Ellen Alpsten

Illustration: Kerstin Wichmann

Satz: Sabine Conrad, Rosbach

Printed in Germany

www.coppenrath.de

www.ellenalpsten.com/

Wenn ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erjagen, Wenn es nicht aus der Seele dringt Und mit urkräftigem Behagen Die Herzen aller Hörer zwingt.

(Aus: Faust. Der Tragödie erster Teil; Johann Wolfgang von Goethe)

Dieses Buch ist all jenen gewidmet, die es fühlen

Berlin, im Juni 1935

Bis zur Aufführung blieb Johannes noch eine halbe Stunde. Heute Abend ging sein Leben los. Die Zukunft war jetzt! Er blickte in den gut beleuchteten Spiegel, der die enge Garderobe vollkommen beherrschte, und versuchte, seine Gefühle auszuloten. Wer kein Lampenfieber hat, der macht seine Sache nicht gut, hatte Max Reinhardt, sein Lehrer an der Schauspielschule, immer wieder gesagt. Sah er aus wie Romeo, ein junger Mann aus Verona im 14. Jahrhundert? Er setzte sich gerade auf, sein Atem kam jetzt tief aus dem Bauch; mit einem Summen legte er seine Stimme tiefer. Das Herz schlug dennoch zu hart in seiner Brust. Du musst loslassen, Johannes. Erst dann bist du groß. Erst dann bist du frei. Frei von dir selbst. Auch das hatte Max Reinhardt immer wieder zu ihm gesagt, der, bei allem Respekt, auch ganz schön nerven konnte!

Loslassen. Was für ein Unsinn! Er musste sich im Griff haben, darauf kam es doch an, oder? Dann würde er ein ganz Großer werden. Im Geist sah er die künftigen Plakate vor sich: Johannes Steiner ist Macbeth … ist Hamlet … ist Faust … ist König Lear! Ihm wurde angenehm schwindelig.

Es klopfte an die Tür. War es schon Zeit?

»Herein«, sagte er.

Zuerst schoben sich mehrere Blumensträuße und dann die Garderobenhilfe durch die Tür. »Noch mehr Aufmerksamkeiten für Sie, Herr Steiner«, sagte sie. »Ich habe mir Vasen in der Kantine geliehen.« Sie hielt die Wasserkrüge der Belegschaft hoch.

»Na, hoffentlich hat niemand Durst. Stellen Sie sie bitte hin, wo Sie Platz finden.«

Sie zeigte auf einen großen Strauß. »Der hier ist von Ihrer Frau Mutter. Sie sitzt in der ersten Reihe, Herr Steiner. Elegant sieht sie aus! Könnten Sie mir vielleicht ein Autogramm besorgen? Ich habe ihren letzten Film fünfmal gesehen!«

Johannes las die Karte am Strauß seiner Mutter. »Toi, Toi, Toi, mein Schatz! Ich drücke Dir die Daumen.«

Die Garderobenhilfe wollte gerade noch etwas sagen, doch eine zierliche junge Frau pochte mit dem Knöchel an den Türrahmen und unterbrach sie selbstbewusst.

»Klopf, klopf! Ist das die Garderobe des großen Johannes Steiner? Ich habe allllllllllle Ihre Stücke gesehen und …«

»Mach dich nicht über mich lustig, Judith!«, unterbrach Johannes sie, konnte sich aber ein geschmeicheltes Grinsen nicht verkneifen. Die Garderobenhilfe drückte sich gegen die Wand, um ihnen nicht im Weg zu sein. Schließlich war Judith Goldmann die Tochter des Hauses und schon auf dem besten Weg, eine Berühmtheit zu werden. Dieser stumme Respekt Judiths Familie gegenüber beeindruckte Johannes immer wieder. Da wollte er auch hin. Seine Mutter war zwar ein Filmstar, aber Judith kam aus einer Familie, die bei der göttlichen Verteilung des Genies zweimal HIER! geschrien hatte. Er umarmte sie, ehe er sie etwas von sich schob und musterte.

»Du musst dich umziehen, Judith. In zwanzig Minuten geht der Vorhang auf.«

Sie zuckte mit den Schultern. »Gleich. Ich habe im Gegensatz zu dir schon auf der Bühne gestanden.«

Von ihrer Gelassenheit hätte er sich gern eine Scheibe abgeschnitten. Er wollte so viele Dinge so sehr!

»Ich wollte dir noch ein besonderes Toi Toi Toi wünschen!«

Judith ging auf die Zehnspitzen und küsste ihn. Ihre Lippen waren voll und rot, auch ohne Schminke. Sein Schneewittchen: so weiß wie Schnee, so rot wie Blut, so schwarz wie Ebenholz. Er erwiderte ihren Kuss zärtlich und fuhr durch ihre langen Haare.

»Deine Haare sind ja noch nass!«, wich er entsetzt zurück.

»Spießer!«, lachte Judith. »Ich war noch im See schwimmen. Es war heute Nachmittag so heiß, und wenn ich dich sehe, dann wird mir noch viel heißer …« Sie küsste ihn lange und zärtlich. Er spürte sein Herz fester schlagen, ehe sie sagte: »Außerdem hat Julia Arierin zu sein, da muss ich mir als Jüdin diese kratzige blonde Perücke aufsetzen. Zu Befehl, mein Führer! Dabei nisten da sicher Läuse drin. Hoffentlich juckt es mich bei der Balkonszene nicht am Kopf! Oder beim Sterben! Stell dir mal vor …« Sie kicherte.

Johannes musste auch lachen. »Wehe, du kommst mit nassen Haaren zum Standesamt!«

»Was dann, hm?« Sie schlang die Arme um seinen Hals und sah ihn herausfordernd an. »Sagst du dann etwa Nein?«

Er ließ sie einen Herzschlag lang auf seine Antwort warten. Seine Art, sich von niemandem in die Karten sehen zu lassen, faszinierte Judith und band sie an ihn, das wusste er. Wie viele Johannes gibt es?, fragte sie ihn manchmal. Und wer bist du wirklich? Ich werde es nie müde, dich zu entdecken …

Wie viele von ihm gab es? Das wusste er selbst nicht. Aber schließlich hatte er sein Leben lang Zeit, es herauszufinden und mit ihr gemeinsam auszuloten.

»Nein …«

Sie legte beide Hände um sein Gesicht und sah ihn ernst an. »Versprich mir, dass das hier … dass wir niemals ein Spiel für dich sein werden.«

»Nie«, flüsterte er. »Nie. Du bist heiliger Ernst.«

Sie schluckte sichtbar. »Etwas anderes könnte ich nicht ertragen. Ich würde erst dich töten und dann mich …«

Judith konnte so extrem sein! Er schob sie sanft von sich. »Geh jetzt. Einen leeren Balkon kann ich nicht anhimmeln.«

»Erst musst du dich mit meiner Familie auf dem Marktplatz prügeln, Romeo, mein Romeo!« Sie drehte eine Pirouette zur Tür und ihr weiter, bunter Rock flog dabei. Erst jetzt fiel Johannes auf, dass die Tür noch offen stand und dass sich auch die Garderobenhilfe noch im Raum herumdrückte.

»Was gibt’s denn noch? Sie bekommen das Autogramm meiner Mutter schon, keine Sorge«, sagte er.

Judith zog die Augenbrauen hoch. Sie mochte es nicht, wenn er unhöflich war.

Das Mädchen errötete. »Das ist es nicht … Ihr Onkel wartet draußen. Fräulein Goldmann hat SS Brigadeführer Steiner nur den Vortritt genommen.«

»Onkel Georg ist hier?« Er sah Judith erstaunt an. Georg, der früher bei Familienfeiern alle mit seinem Geschwafel von der Welteroberung durch seine dumpfbackigen Kumpane zu Tode gelangweilt hatte. Leider hatte die Erfüllung seiner Weissagung ihn weder sympathischer noch unterhaltsamer gemacht. Im Gegenteil, er schnarrte noch immer denselben Unsinn vor sich hin, wie eine in der Schallplatte hängen gebliebene Grammofonnadel. Denselben Unsinn, nur dass das niemand mehr laut so nannte, selbst in der Familie nicht.

»Allerdings. Der liebe Onkel Georg! Ich wusste gar nicht, dass hier heute Vorsprechen für die Rolle des Mephisto ist«, sagte Judith spitz, doch Johannes legte ihr rasch die Hand vor den Mund. Sie küsste übermütig seine Fingerspitzen und biss ihn in eine Kuppe, ehe sie flüsterte: »Mach dir keine Sorgen. Du wirst ein ganz Großer. Und ich helfe dir, wo ich kann.«

Johannes wurde warm in seinem Innern. Wie konnte er nur solches Glück haben?

Ein Räuspern klang von der Tür her und Judith und er sahen auf. Unwillkürlich ließ Johannes sie los. Sein Onkel, der SS Brigadeführer Georg Steiner, füllte den kleinen Raum mit seiner hochgewachsenen Statur aus. Seine pechschwarze Uniform saß tadellos, auf dem Arm leuchtete die Hakenkreuzbinde und seine ebenfalls schwarzen Lederstiefel waren auf Hochglanz poliert. Der liebe Onkel Georg, dachte Johannes mutlos und trat einen Schritt zurück – weg von Judith.

Johannes hielt ganz still. Romeo hatte gerade Gift getrunken. Das Stück war beinahe zu Ende und alles hatte wunderbar geklappt. Judith und er hatten schon in der ersten gemeinsamen Szene das Publikum vollkommen in der Hand gehabt. Die Spannung und das Sehnen wuchsen aus dem Zuschauerraum zu ihm hoch auf die Bühne, wo er auf einem mit grauen Leintüchern verhängten Tisch lag. Um ihn herum war es dunkel, denn die letzte Szene spielte in der Familiengruft der Capulets: Nur ein einzelner, kalter Strahl Licht suchte und fand ihn und Judith, die als Julia noch immer totengleich auf dem Boden neben ihm schlief.

Der Rausch des Spiels wich von ihm und ließ ihn erschöpft zurück. Er fühlte sich wie gekaut und wieder ausgespuckt. Gerade hatte er auf der Bühne noch alles gegeben, aber nun musste er sich der Wirklichkeit stellen und hatte doch keine Kraft dazu. Eben noch war jedes Wort wie aus ihm selbst gekommen. Shakespeare sagte nichts anderes als das, was er selbst für Judith fühlte, und das Stück hatte sie wie eine Welle getragen. Jetzt aber tauchte er in das dunkle Schweigen ein, das um ihn herrschte. Es schlug über ihm zusammen und er war mit sich allein. Mit sich und den Worten, die Georg und er gesprochen hatten.

Jeder Atemzug schmerzte ihn. Wie sollte er mit Judith darüber sprechen? Was würde sie sagen? Würde sie ihn und seinen Entschluss verstehen? Ihn fröstelte.

Johannes blinzelte unter seinen Wimpern hervor, um Judith zu sehen. Sie lag seitlich neben ihm und in dem beinahe weißen Licht war sie totenblass. Ihre langen Wimpern warfen Schatten auf ihre Wangen. Die blonden Locken ihrer Perücke flossen über den Boden. Flacher Atem hob und senkte ihre Brust in der blassroten eng geschnürten Korsage. Johannes beherrschte sich nur mit Mühe, um nicht von dem Tisch zu springen und sie an sich zu reißen.

Die Erinnerung an seinen Onkel hielt ihn zurück: Welche dunkle Macht war da in sein Leben gebrochen und nahm ihm den freien Willen? Wie würde Judith mit dem umgehen, was er ihr zu sagen hatte? Er schluckte und es schmeckte nach Schmerz. Dann schloss er seine Finger fester um die kleine Phiole, aus der er eben »Gift« getrunken hatte.

Alles in ihm wurde schwer, und die Gedanken zogen ihn nach unten in eine bodenlose schwarze Tiefe, wie nasse Kleider einen Ertrinkenden. Sein Herz schlug mühsam und so laut, dass es die Zuschauer hören mussten. Aber nein. Sie waren noch in dem Spiel gefangen, ohne zu ahnen, dass es eine viel größere und tragischere Wahrheit gab, die sich direkt vor ihren Augen abspielte. Der Schein blendete sie für die Realität. Tränen stiegen in seiner Kehle auf und er musste würgen. Es war umsonst: Sie sammelten sich unter seinen geschlossenen Lidern.

Er beherrschte sich mit aller Kraft und ballte die Faust um die Phiole. Er liebte Judith. Angst gesellte sich zu seiner Verzweiflung. Sie beide liebten ihren Beruf und sie beide liebten Berlin. Hier gehörten sie hin, zusammen, und nicht anders. Niemals!

Judith regte sich nun. Ihre Bewegung riss Johannes aus seinen Gedanken. Er musste durchhalten. Sie mussten erst das Spiel zu Ende bringen, dann konnte er mit ihr reden. Ihre klare Stimme drang wie aus weiter Ferne an sein Ohr, und ihre Finger waren klamm, als sie ihm die Phiole aus der Hand nahm und ihn dabei berührte.

Im Publikum herrschte atemlose Stille, als sie die Flasche an die Lippen setzte.

»Gift, seh’ ich, war

sein Ende vor der Zeit. Oh Böser! Alles

zu trinken, keinen güt’gen Tropfen mir

zu gönnen, der mich zu dir brächt?«

Sie warf die Phiole angewidert zu Boden, wie sie es Hunderte von Malen geprobt hatten. Mit einem einzigen Schritt war sie dann bei seinem Kopf angelangt und legte ihre Hände auf seine Wangen.

Johannes schloss die Augen wieder fest. Ihre langen schlanken Finger waren kühl auf seiner Haut. Er konnte es nicht ertragen, sie anzusehen. Das ging über seine Kraft.

Seine schöne, impulsive und stolze Judith. Sie war es gewohnt zu bekommen, was sie wollte. Bei dem, was er ihr gleich sagen musste, könnte er ihr ebenso gut einen Dolch in ihr Herz stoßen. Sie neigte den Kopf. Ihr Atem war heiß auf seiner Haut, als sie flüsterte:

»Ich will dir deine Lippen küssen. Ach, vielleicht

hängt noch ein wenig Gift daran und lässt mich

an einer Labung sterben.«

Ihre Lippen verschmolzen mit den seinen. Es schmeckte nach allem, was schön, gut und besonders war auf dieser Welt. Johannes wollte sie an sich ziehen, sie halten und nie wieder loslassen. Doch er blieb weiterhin ganz still. Es musste sein. Es musste!

»Deine Lippen sind warm«, sagte Judith und in dem dunklen gesichtslosen Publikum rangen einige Frauen nach Atem. Hatte nicht jeder dort unten schon für die Liebe gelitten?

Johannes blinzelte hinter seinen Wimpern hervor. Er musste sie doch wieder ansehen. Judith und ihr Spiel, bei dem sie sich mit jeder Faser ihres Wesens einsetzte. Sie war wie eine blasse Flamme, und ihre Augen brannten, als sie nun auffuhr. Der Grabwächter betrat polternd die Bühne und sie reckte den langen grazilen Hals. »Wie? Lärm – dann schnell nur.«

Johannes sah Judith durch seine fast geschlossenen Lider ein Messer aus ihrem Gewand ziehen. Weshalb nahm sie ihm denn nicht den Theaterdolch mit der Schiebe-Klinge von seinem Gürtel?

Doch ehe er weiter darüber nachdenken konnte, hob Judith das lange, scharf blitzende Messer in die Luft. Das kalte, einsame Licht des einen Scheinwerfers brach sich auf seiner Schneide.

Ein kollektives Raunen ging durch die Reihen im Zuschauerraum und alles hielt den Atem an. Jeder wusste, was geschehen würde, und doch konnte sich niemand der Tragik der Worte und der Gesten entziehen. Julia, die Selbstmord beging und sich das Messer ins Herz stoßen sollte.

Eine Frau schluchzte auf, als Judith seufzte:

»Oh, willkommener Dolch! Dies werde deine Scheide.«

Sie stieß Johannes das Messer tief in den Bauch.

Johannes hörte einen Schrei. War er das gewesen?

»Was macht sie denn? Das ist doch falsch!« Nein, es klang nach seiner Mutter.

»Ruhe! Pst! Hinsetzen …!«, forderten andere Leute scharf.

»Nein! Das ist echt! Die spielt nicht! Mein Sohn!«, kreischte seine Mutter nun. »Sie hat meinen Sohn erstochen! Er verblutet … Tu doch einer was!«

Das kühle Metall bohrte sich in ihm zwischen Magen und Eingeweide. Judith sah kurz in den dunklen Zuschauerraum, ehe sie mit dem Dolch eine kleine schnelle Zickzack-Bewegung machte. Johannes keuchte auf und krümmte sich zusammen.

»Dies werde deine Scheide«, schluchzte sie. Tränen strömten über ihr Gesicht und sie rang nach Atem. Sie beugte sich über ihn und strich ihm die blonden Haare aus dem Gesicht. Ihre Finger zitterten. Das Messer steckte kalt in seinem Fleisch, bevor es eine unsinnige Hitze verbreitete. Der plötzliche Schmerz schwappte wie eine gewaltige rote Welle über ihn, ließ ihn sich überschlagen und riss ihn mit sich. In seinem Bauch saß ein Tier, das mit scharfen Zähnen an seinen Eingeweiden fraß: gemächlich, aber gnadenlos. Sein Wams wurde nass, warm, heiß und dann sehr schnell wieder kalt. Er versuchte, nach dem Messer in seinem Bauch zu tasten, doch ihm fehlte die Kraft dazu. Ein Zittern durchlief seinen Körper. Seine Glieder gehorchten ihm nicht mehr.

Das Publikum wurde unruhig. Raunen und Rufe drangen wie aus weiter Ferne zu ihm.

»Judith …«, flüsterte er.

Blutige Bläschen traten dabei auf seine Lippen. Sein Mund füllte sich mit einem widerlich süßen, metallischen Geschmack und er musste husten. Über sein Kinn rann es warm und klebrig. Es schmerzte noch mehr und er konnte sich nicht rühren. Nie wieder, das wusste er mit entsetzlicher Bestimmtheit. Er war in einem neuen, grausamen Gleichgewicht gefangen, in dem sein seelischer und der neue körperliche Schmerz sich die Waage hielten.

Warum?!

Sie legte wieder ihre Hände um seinen Kopf, weich und zärtlich. Als er mit letzter Kraft die Augen ganz öffnete, küsste sie ihn, kurz, hart und mit heißen Lippen, ehe sie flüsterte: »Du hast uns verraten. Ich habe alles gehört.«

Mit einem Ruck zog sie das Messer aus seinem Bauch und Johannes stöhnte auf vor Schmerz. Das Tier fraß heftiger und gieriger an ihm als zuvor. Es soff seine Kraft aus und leckte sich sein Leben von den Lefzen. Judiths Kompromisslosigkeit tötete ihn. Alles, was er an ihr geliebt hatte, bedeutete nun sein Ende. Nein, ihr gemeinsames Ende. Die Worte seines Onkels pulsierten in ihm.

Vor seinen Augen verschwand die Farbe und die Welt wurde grau.

Judith hielt das Messer für alle sichtbar hoch. Blut und Eingeweide hingen an der Schneide.

»Fasst sie! Tut etwas! Mörderin!«, rief seine Mutter und Johannes hörte Schritte auf die Bühne poltern.

Judith sah kurz auf, dann sagte sie leise, aber klar und deutlich: »Sei verflucht, Johannes.«

Er wollte abwehrend die Hand heben, doch er schien keine Hand mehr zu haben. Keine Hand, keine Beine und keinen Körper. Nichts, außer einem Herzen, das blutete. Obwohl sie gerade dort das Messer nicht hineingestoßen hatte.

»Du willst uns alle zum Teufel schicken, Johannes. Ich verfluche dich auf alle Zeit, bis du dich selbst vergisst. Bis du dein Vergehen heute wiedergutmachst. Erst dann sollst du frei sein … Deine Strafe ist die Ewigkeit!« Ihre Stimme versagte.

Um Johannes drehte sich die Bühne, das Theater, die ganze Welt. Der Schwindel war entsetzlich, doch ihm fehlte die Kraft, die wirbelnden Bilder anzuhalten. Es war wie ein Strudel, gegen dessen Sog er wehrlos war. Er hörte wieder Schreie und Tumult, als Judith von groben Händen weggerissen wurde.

Sie schrie einmal kurz auf, und mit einem letzten Blick sah Johannes, wie sie sich den Dolch selbst in den Bauch stieß.

»Roste da und lass mich sterben!«, rief sie und brach vor einem Paar glänzend polierter schwarzer Lederstiefel zusammen.

Dann sah und hörte Johannes sehr lange nichts mehr.

Berlin, über 70 Jahre später

»Also, du mit den langen braunen Haaren und den dunklen Augen – wie heißt du noch mal? Du bist jetzt mal ein Tisch.«.

»Caroline«, sagte sie leise.

»Was?«

Sie räusperte sich, um ihre Stimme zu finden. »Wie bitte? Ich heiße Caroline.«

Der Regisseur zuckte mit den Schultern. Er trug einen schwarzen Rolli zu einer schlabberigen schwarzen Hose, und der dicke Rand seiner Hornbrille war ebenfalls schwarz, soweit sie das von der Bühne aus beurteilen konnte.

Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann? Sie, gab Caroline vor sich selbst zu.

Er saß zusammen mit zwei Assistentinnen und einem anderen Mann in einer der ersten Reihen des nach hinten breiter werdenden Saals, doch die Lichter blendeten Caroline.

Er zuckte erneut mit den Schultern. »Egal. Jetzt bist du mal jemand, der ein Tisch ist, okay?«

Aber warum denn nur?, wollte Caroline fragen, schwieg dann aber. Was hatte denn ein Tisch mit Wedekinds Lulu zu tun, außer dass Lulu es mal auf einem Tisch trieb? Sie hatte alles erwartet – sich auszuziehen, zu schreien, zu kreischen, sich die Haare zu raufen, einen Hut zu verführen, Bauchtanzen, jede Brust in eine andere Richtung kreisen zu lassen – was auch immer. Aber gewiss nicht, einen Tisch darstellen zu müssen … Dennoch wagte sie nicht, zu widersprechen. Das war an der Schauspielschule eine ihrer ersten Lektionen gewesen. Dem Regisseur zu widersprechen ist nie, nein: NIE eine gute Idee. Vor allem dann nicht, wenn man die Rolle noch nicht hatte.

Der Regisseur bemerkte ihr Zögern, runzelte die Stirn, hob den Bleistift und dozierte: »Keine Rolle ist schwerer zu besetzen als die Lulu. Es geht um absolute Verführung und um absolute Unschuld. Wer das verinnerlichen will …«, seine Stimme verlor sich.

Ja, ja, schon gut. Caroline ging auf alle viere. Absolute Verführung und absolute Unschuld also. Wie ließ sich das in einem Tisch verinnerlichen? Sie schloss die Augen und sperrte die Welt da draußen, den Theaterraum und die Anwesenden aus. Nur so konnte sie sich in das einfühlen, was von ihr verlangt wurde. Sie wurde zur Hülle, in die neues Leben eingehaucht wird.

Ihr seid ein Instrument!, hatte sie in ihren ersten beiden Semestern an der Schauspielschule immer wieder gehört. Jetzt stand das erste Praktikum an. Der Regisseur machte sich eine Notiz an den Rand seiner zerknitterten und mit Eselsohren versehenen Blätter. Der Mann neben ihm, ein junger blasser Typ mit hellbraunem Haar, dichten Augenbrauen und weichem Dreitagebart warf einen Blick darauf. Er verzog keine Miene. Caroline brach der Schweiß aus. Wahrscheinlich hatte sein Boss irgendwas wie zickig oder schwierig geschrieben. Sie biss sich auf die Lippen. Als ob Lulu einfach gewesen wäre!

»Wie lange muss ich noch eine Lampe sein?«, fragte das Mädchen hinter ihr. Caroline schielte, um sie besser sehen zu können. Sie hatte goldblonde Korkenzieherlocken und stand schon seit geraumer Zeit auf einem Bein. Die Arme hatte sie über dem Kopf zum Lampenschirm angewinkelt. »Meiner Agentur ist das hier sicher nicht recht. Der Typ da drüben ist schon ganz lange der Kleiderschrank. Wann kann ich denn mal der Kleiderschrank sein?«

Der Kleiderschrank grunzte nur. Er stand mit ausgestreckten Armen und gespreizten Beinen da. Wie ein Hampelmann. Was machte er hier eigentlich? Oder war das Casting so schwierig, dass selbst Männer als Lulu infrage kamen? Ein irres Kichern sammelte sich in ihrem Bauch, aber sie riss sich gerade noch zusammen.

Caroline konzentrierte sich ganz auf den Tisch, der sie war. Rücken gerade, Nacken steif, starr nach unten sehen. Arme und Beine im vollkommenen rechten Winkel. Dafür also studierte sie an der Schauspielschule? Was war in diesen Situationen am besten? In jedem Fall: die aufmüpfigen Gedanken ausschalten. Nur das konnte sie nicht.

Der Regisseur wedelte mit seinem Bleistift in Richtung Blondine, die keine Lampe mehr sein wollte. »Später. Du musst noch ein bisschen jemand sein, der wie eine Lampe ist. Du musst die Lampe verinnerlichen. Begreifst du das? Und wackel nicht. Wenn du willst, kannst du das Bein wechseln. Ja, sei mal jemand, der das Bein wechselt.«

Die Blondine verinnerlichte es und war nun jemand, der das Bein wechselte.

Caroline hielt vollkommen still. So still, wie sie es in den Stepptanz-, Fecht- und Akrobatik-Kursen bisher eigentlich nie gelernt hatte. Wahrscheinlich verlangte dieser schwarze Rollkragenpullimensch gleich noch, dass man fürs Tischsein genau wie bei der Aufnahmeprüfung zur Schauspielschule vier Passfotos, 30 Euro Prüfungsgebühr und ein ärztliches Zeugnis abgibt, das die volle körperliche Leistungsfähigkeit bestätigte?

Damals hatte sie zumindest noch ihre Gitarre dabeigehabt und dazu Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen gesungen – perfekt für ihr tiefe, rauchige Stimme. Sie wollte doch so gern an Wunder glauben! Selbst hier – denn der Werdegang vom Tisch zur Hauptrolle an der Volksbühne in Wedekinds Lulu im beinahe dritten Semester wäre tatsächlich ein Wunder … Aber nach dem ersten Jahr hieß es eben schon vorsprechen, vorsprechen, vorsprechen, und, ach ja, verdammt noch mal, vorsprechen. Alles Erfahrungswerte. Wie sie das Wort hasste.

Carolines Knöchel schmerzten nun, sie hatte sich verkrampft. Der Regisseur zeigte mit seinem Bleistift auf sie. »Die sieht ein bisschen aus wie Audrey Hepburn, oder?«

Der Unbekannte neben ihm legte den Kopf schief. »Oder wie Penélope Cruz.«

»Ne, die Cruz hat Arsch und Titten. Ich hab sie im letzten Jahr auf der Biennale gesehen. Wow, Mann. Aber die hier ist ’ne richtige Bohnenstange. Flach wie ein Brett, hinten und vorn. Sie sieht überhaupt zu jung aus. Wie die, die bei Der Teufel trägt Prada mitspielt. Hier steht, dass sie 18 ist. Aber wisch mal die Schminke ab, dann sieht die aus wie 14.«

»Das ist für Lulu vielleicht gar nicht so schlecht, oder? Du wolltest doch absolute Verführung und absolute Unschuld«, sagte der andere. Plötzlich war er Caroline sympathisch.

Der Regisseur zuckte missmutig mit den Schultern. »Lass mal, Carlos. Sie ist zu dunkel. Ich stelle mir Lulu eher blond vor.«

Dem Lampenmädchen musste ein Licht aufgehen, denn Caroline spürte eine warme Welle von stummem Triumph zu ihr hinspülen. Mist, verdammter. Röte stieg ihr heiß in die Wangen, aber sie hielt dennoch den Blick gesenkt. In der hinteren Tasche ihrer Jeans vibrierte ihr Handy. Genau viermal. Das musste Mia sein. Wahrscheinlich saß sie jetzt in einem Café in Prenzlauer Berg. Ob der Tisch dort so gut und stabil war wie sie selbst gerade?

Caroline sehnte sich plötzlich danach, bei ihr zu sein: Leute beobachten, lachen, reden, gemeinsam von ihrer großen Zukunft als Schauspielerin träumen, jede für sich mit ihren Stärken und Schwächen. Mia und sie hatten ein Motto: eine für zwei, zwei für eine. Sie würden zusammen durch dick und dünn gehen. Das war besser, als sich hier demütigen zu lassen.

Der Regisseur öffnete zischend eine Cola. Es war fast Zeit zum Mittagessen. Die Assistentinnen verglichen gerade die Farbe ihrer langen Acrylnägel: Grün vs. Gelb. Nur der junge Typ mit dem Dreitagebart musterte Caroline noch immer. Er wirkte mehr wie ein Abiturient als wie jemand, der hier etwas zu sagen hatte. Sein Blick machte sie dennoch unsicher. Was wollte er? Sie röntgen oder ihre Eignung als Lulu feststellen?

»Du, sei ein Hocker«, sagte der Regisseur zu einem Mädchen, das gerade die Bühne betrat. »Ja. Das ist klasse. Sei mal jemand, der ein Hocker ist. Roll dich zusammen. Mach dich klein. Kannst du das verinnerlichen?«

Das Mädchen nickte und faltete sich, so eckig es ging, zu einem Hocker zusammen.

Irgendetwas in dem Blick des jungen Dreitagebartes gab Caroline Mut. Sie stand auf und klopfte sich die Knie ihrer schwarzen engen Jeans ab.

»He, was ist denn los?«, fragte der Regisseur und wischte sich Cola-Schaum vom Pulli. Vor Überraschung hatte er etwas von seinem Gesöff verschüttet. »Was bist du denn jetzt?«

»Ich bin jetzt mal jemand, der nach Hause geht. Können Sie das verinnerlichen?«

Der Regisseur sah sie mit offenem Mund an. Wahrscheinlich hatte er schon lange keinen Tisch mehr aufstehen sehen. In den Kulissen drehte sie sich noch einmal um. Der junge Dreitagebart sah ihr nach. Lächelte er? Im Halbdämmer des Theaters war es kaum zu erkennen.

Die U-Bahn vom Rosa-Luxemburg-Platz war knackevoll.

»Ich bin schwanger«, sagte Caroline, streckte den flachen Bauch raus und zwang einen Mann in einem teuer aussehenden Anzug zum Aufstehen. Sie ignorierte den Rest der Fahrt seine beleidigten Blicke und auch alle anderen Passagiere: eine Gruppe kichernder Teenager, die ihre iPhones verglichen; einen Penner mit seinem Hund, dem bei der Hitze die rosa Zunge aus dem offenen Maul hing; einen Bauarbeiter, der leise schnarchte. Leute, die ins Nichts sahen.

Caroline setzte die Kopfhörer ihres iPods auf, den sie sich von einem Synchronisationsjob geleistet hatte. Leider war die Telenovela, in der sie der heißblütigen Heldin ihre Stimme geliehen hatte, schon bald wieder abgesetzt worden. Jobs wie diese waren Brot und Butter für junge Schauspieler und sehr begehrt.

Caroline hielt die Augen gesenkt, denn sie wollte niemanden ansehen. Ihre Jeans waren vom Knien auf der Bühne staubig und ihr hellrosa V-Ausschnitt-T-Shirt auch. Mist, jetzt musste sie wieder waschen. Hoffentlich war die Wasserrechnung beglichen.

Plötzlich zitterte sie vor Wut, ohne sagen zu können, ob es Zorn auf den Regisseur oder sich selbst war. Sie hätte die Rolle so dringend gebraucht!

Caroline drehte den iPod lauter und ließ die Musik von Astor Piazzola über sich hinwegspülen. Tango und Steppen waren ihre Lieblingsstunden an der Schule gewesen. Alles, was eben mit Musik und Bewegung zu tun hatte. Sie würde es auch nie laut und in der Öffentlichkeit zugeben, aber sie mochte die kitschig kolorierten Filme der Vierzigerjahre, in denen gesungen und getanzt wurde. Heute gab es das nur noch in Bollywood. Sie sah auf. Nach den Tunneln flog draußen Berlin vorbei, die große und unter ihrer grauen Tarnfarbe so lebendige Stadt.

Als sie schließlich in der Kreuzbergstraße ankam, ging es ihr besser und schlechter zugleich. Besser, weil sie Zeit und Kilometer zwischen sich und die Volksbühne gebracht hatte und das bunte, bekannte Gewimmel von Kreuzberg sie schluckte. Schlechter, weil sie kein weiteres Vorsprechen hatte. Schöner Mist. Dann konnte sie sich für den Sommer einen Job als Kellnerin suchen. Oder wieder bei McDoof arbeiten und am Abend nach Fett und Fritten stinken. Für ihre Bewertung an der Schule war das ganz schlecht. Sich durchsetzen können stand immer ungeschrieben auf dem Stundenplan. Wie soll sonst was aus euch werden? Die Stimme ihrer Lehrerin verfolgte sie manchmal im Traum. Was, ja was?

Caroline sah auf die Uhr. Himmel, wie spät es geworden war! Michi musste schon von der Schule daheim sein. Ob er am Schultor auf sie gewartet hatte? »Wenn ich es schaffe, dann hol ich dich ab«, hatte sie ihm versprochen.

Im türkischen Laden an der Ecke kaufte sie Toast, Milch, Nutella, Okrabohnen und Hackfleisch. Das sollte für ein Abendessen genügen.

Als sie die Haustür aufsperrte, war es kühl im Flur unter der hohen Stuckdecke, durch die sich Sprünge zogen. Es roch nach Staub und in den Ecken hingen Spinnweben. Auf der abgewetzten Fußmatte und dem Linoleumboden lag ein ganzer Stapel Wurfsendungen. Wie schon des Öfteren verteilte Caroline die Werbung gerecht in die Briefkästen, auf denen rot der Aufkleber Bitte keine Reklame prangte. Das waren genau die Spießer, die Michi erst das Ballspielen im Hinterhof verboten und dann seinen roten Ball mit den weißen Punkten abgestochen hatten.

Ihr Blick glitt über das Schwarze Brett, an dem der Blockwart – einen anderen Namen verdiente Hausmeister Krusemann nicht – Neuigkeiten ausgehängt hatte oder die Bewohner alte Fahrräder und Sonstiges feilboten. Eine bunte Annonce links oben fing ihre Aufmerksamkeit ein.

Nehme Näharbeiten jeder Art an – aus Alt mach Neu!

Carolines Interesse schwand.

Auf der ausgetretenen Holztreppe nahm sie zwei Stufen auf einmal, bis sie im fünften Stock ankam. Fünffda Stock mitt Balkong, hatte ihre Mutter früher immer stolz gesagt. Wenigstens gehörte die Wohnung ihnen. Ihr Vater hatte sie ihr und Michi vererbt. Sie schloss die Tür auf. In der Wohnung war es still.

»Mama? Michi?«

Keine Antwort. Caroline stieß die Tür zum Wohnzimmer auf. Der Fernseher war aus, und ihre Mutter schlief auf einem der Sofas, die den Raum so gut wie ausfüllten. Caroline schlich zu ihr und ging neben ihr in die Knie.

»Mama?«, flüsterte sie. Das Gesicht ihrer Mutter sah so entspannt und fern der Wirklichkeit ganz anders aus. Die strenge Falte zwischen ihren Augenbrauen war sanfter und die sonst oft geröteten, müden Augen geschlossen. Ihre Haare, die so dunkel waren wie Carolines, waren strähnig und warfen Schatten auf ihre Stirn und Wangen. Caroline schnupperte sacht am Atem ihrer Mutter. Urgh. Wodka.

Auf dem Sofatisch lag ein aufgerissener Brief. Absender: das Arbeitsamt. Den konnte sie sich auch später noch ansehen. Sicher eine Absage oder wieder ein Vorschlag zur Umschulung. Was den Wodka-Atem erklärte. Verdammt. In Stresssituationen war ihrer Mutter immer noch nicht zu trauen.

Caroline schlich in die Küche. Wo war Michi? Doch der kleine, enge Raum war leer und auf der Theke entdeckte sie keine verräterischen Spuren von Krümeln und verschmiertem Buttermesser. Nur die Tür zum Balkon auf den Innenhof stand offen.

Carolines Herz klopfte schneller. Schau nicht hin, Mädchen. Schau nicht hin!

Sie war damals, vor fünf Jahren, von der Schule nach Hause gekommen und der Polizei und dem Notarzt direkt in die Arme gelaufen. Einer der Beamten hatte sie festgehalten und ihren Kopf gegen seine Brust gedrückt. Der Stoff seiner Uniformjacke kratzte sie noch heute an der Wange.

»Michi?«, fragte sie schrill. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen, als sie auf den Balkon trat. Uff, da war er ja! Michi kauerte in der Ecke neben seinem Hasenstall.

»Was machst du denn hier?«, fragte Caroline strenger als notwendig – eigentlich war sie nur verdammt erleichtert.

Michi sah auf. »Was klingst du denn so aufgeregt?«

Sie zog ihn hoch und drückte ihn an sich. »Ich hatte plötzlich solche Angst. Was, wenn du runtergefallen wärst, so wie …?«

»Sei nicht doof, Caroline. So was würde ich nie tun.«

»Was machst du dann hier?«

Michi zog die knochigen Schultern hoch. »Ich warte, dass Superman vorbeifliegt.«

»Und warum das?«

»Weil er mich dann mitnimmt. Ganz weit weg.«

Caroline sah in den blauen Sommerhimmel, in dem Wolken trieben. Weit oben flog ein Flugzeug. Von Superman keine Spur.

Michi löste sich von ihr. »Aber gut, dass du kommst, ich muss nämlich ganz dringend.« Er war fast neun und seine Arme und Beine wirkten für den Rest des Körpers viel zu lang.

»Warum gehst du denn dann nicht?« Caroline fuhr ihm durch sein straßenköterfarbenes Haar.

»Na was, wenn Superman genau dann hier vorbeigeflogen kommt? Da hätt’ ich lieber über das Geländer in den Hof gepinkelt.«

»Hm. Und wenn du Superman angepinkelt hättest? Mitten auf seinen schicken roten Umhang?«, fragte Caroline. »Ob er dich dann noch mitgenommen hätte?«

»Ooch, bestimmt. Der ist da nicht so«, grinste Michi und sein Gesicht bestand nur aus Mund und verschieden großen Zähnen mit vielen Lücken dazwischen.

»Flitz. Ich steh Schmiere, damit wir Superman nicht verpassen, okay? Und wenn du wiederkommst, mach ich dir ein Nutella-Brot.«

»Isst du auch eins mit?«

»Hm. Vielleicht.«

»Oder musst du für irgendein Vorsprechen wieder in deine Jeans passen? Hast du die Rolle heute bekommen? Diese Lili?«

»Lulu«, verbesserte sie ihn geduldig. Michi hatte ihr die Rolle abgehört, auch wenn er die Hälfte davon nicht verstanden hatte. Was auch besser so war.

Er zuckte mit den Schultern. »Lulu dann eben. Hast du sie bekommen?«

»Wohl kaum. War für ein Praktikum nach einem Jahr Schule auch sehr hoch gegriffen. Aber das macht nichts. Irgendwas wird schon noch klappen.«

Michi nickte. »Ja. Das wird es.«

Caroline blickte über die Dächer von Kreuzberg: eine Landschaft aus dunklem Schiefer, Hunderttausenden von Antennen, Balkons aller Größen, Velux-Fenstern, Giebeln und Dächern, Dächern, Dächern. Michi sah zu ihr auf.

»Du wirst ganz berühmt. Ganz, ganz, ganz berühmt! Und dann ziehen wir hier aus, in eine Villa am Wannsee, so wie Mia. Oder noch größer und noch schöner, als Mia sie hat. Riesengroß. Im Garten kann mein Hubschrauber landen. Mit dem flieg’ ich dich überallhin, wo du als Star so hinmusst!« Er hüpfte von einem Bein aufs andere. »Und unser Kühlschrank … unser Kühlschrank, der ist immer voll, ja? Mit ganz feinem Zeug.«

»Klar. Jetzt geh aufs Klo, okay? Ich mach dir derweil eine Stulle.«

Michi rannte davon und Caroline riss die Toastpackung auf. Ihr war zum Heulen. Shit! Vielleicht hätte sie doch als Tisch länger stillhalten sollen. Vielleicht wäre wenigstens über den Sommer eine Nebenrolle für sie dabei herausgesprungen.

Wenn sie weiter so zickig oder schwierig war, konnte Michi lange auf seine Villa am Wannsee warten. Ganz zu schweigen von seinen neuen Converse-Turnschuhen oder auch nur den Fußballer-Bildern, die er in der Schule mit seinen Kumpels tauschte.

Michi kam wieder in die Küche.

»He. Warum heulst du denn? Du schneidest doch keine Zwiebeln, oder?«

Caroline wischte sich mit dem Unterarm über Augen und Nase, ehe sie die Nutella verstrich. »Ich glaube, ich habe heute Superman mitten auf seinen schönen roten Mantel gepinkelt.«

Michi schob sich auf die Arbeitsplatte hoch und ließ seine Beine baumeln. »Dann waschen wir ihn eben. 40 Grad, Farbe. Ist doch kein Problem. Und jetzt hör auf zu weinen. Meine Stulle wird sonst ganz salzig.«

»Weißt du, was? Jetzt esse ich doch eine mit«, entschied Caroline. »Komm, wir setzen uns auf den Balkon. Nicht, dass wir Superman noch verpassen. Dann kann er uns beide mitnehmen.«

»Sicher. Stark wie der ist!«

Caroline setzte sich im Schneidersitz neben Michi auf den Boden und versuchte dabei, den Taubendreck zu vermeiden. In der Hosentasche vibrierte ihr Handy. Sie hatte nach dem Vorsprechen vergessen, den Ton wieder anzustellen. War das noch mal Mia? Wenn Mia in Laune war, konnte sie alle paar Minuten Fließtext zu ihrem Leben abgeben. Soziale Netzwerke waren für Leute wie sie geschaffen worden: Mia ist hier, da und natürlich auch dort. Meine hippen Freunde, meine wilden Partys, meine tollen Urlaube. Angeben sollte nicht mehr Angeben heißen, sondern einfach Facebook. Aber so war Mia eben. Wo Licht war, gab es auch Schatten. Eine für zwei, zwei für eine, das war ihr gemeinsamer Wahlspruch.

»Auf die Plätze, fertig, los«, sagte Michi und schlug seine Zahnlücken in die Nutella.

Unbekannte Nummer, sagte ihr Handy. Also nicht Mia. Schade. Eine Portion leichtes Leben hätte ihr jetzt gutgetan. »Warte mal …«, sagte Caroline. »Ja, hallo?«

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