Sophienlust 107 – Familienroman - Judith Parker - E-Book

Sophienlust 107 – Familienroman E-Book

Judith Parker

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Beschreibung

Denise von Schoenecker verwaltet das Erbe ihres Sohnes Nick, dem später einmal, das Kinderheim Sophienlust gehören wird. Die beiden sind echte Identifikationsfiguren. Dieses klare Konzept mit seinen beiden Helden hat die zu Tränen rührende Romanserie auf ihren Erfolgsweg gebracht. Die Kinder von Sophienlust sowie Dominik von Wellentin-Schoenecker und sein kleiner Halbbruder Henrik von Schoenecker standen auf der Freitreppe und winkten dem weißen Mercedes nach, der eben langsam durch das Parktor davonfuhr. "Nun sind die Hs auch fort", stellte Pünktchen ein wenig traurig fest. Damit meinte sie die Brüder Hermann, Helmut und Horst Lochner, die von den anderen Kindern so genannt worden waren, weil ihre Vornamen alle mit H anfängen. "Jetzt sind nur noch zehn Kinder hier." Sie fing zu zählen an. "Da ist erst einmal Irmela, dann Angelika und Vicky, dann Fabian und Heidi, ja, und ich. Das sind sechs. Dann Helga, Ilse, Werner und Klaus. Ja, es sind zehn. Denn Nina bleibt ja nicht da."

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Sophienlust –107–

Ninas kleine Welt ist wieder heil

Roman von Judith Parker

Die Kinder von Sophienlust sowie Dominik von Wellentin-Schoenecker und sein kleiner Halbbruder Henrik von Schoenecker standen auf der Freitreppe und winkten dem weißen Mercedes nach, der eben langsam durch das Parktor davonfuhr.

»Nun sind die Hs auch fort«, stellte Pünktchen ein wenig traurig fest. Damit meinte sie die Brüder Hermann, Helmut und Horst Lochner, die von den anderen Kindern so genannt worden waren, weil ihre Vornamen alle mit H anfängen. »Jetzt sind nur noch zehn Kinder hier.« Sie fing zu zählen an. »Da ist erst einmal Irmela, dann Angelika und Vicky, dann Fabian und Heidi, ja, und ich. Das sind sechs. Dann Helga, Ilse, Werner und Klaus. Ja, es sind zehn. Denn Nina bleibt ja nicht da.«

»Und wir?«, fragte Henrik. »Uns hast du wohl ganz vergessen, mich und Nick?«

»Ihr gehört doch nicht zu den Kindern von Sophienlust«, erwiderte das zwölfjährige Mädchen mit den goldblonden Haaren, den tiefblauen Augen und den lustigen Sommersprossen. Letzteren hatte sie auch den Spitznamen Pünktchen zu verdanken. In Wirklichkeit hieß sie Angelina Dommin. »Nick ist der Besitzer von Sophienlust, und du gehörst ja eigentlich nach Schoeneich.«

»Aber auch hierher.« Henrik stieß Pünktchen unauffällig an und machte sie damit auf ein ungefähr neunjähriges Mädchen mit langen blonden Haaren aufmerksam, die vorn zu einem Pony geschnitten waren.

»Nina, bitte, nicht weinen«, bat Pünktchen mitleidig. Sie fasste nach der Hand der Jüngeren, mit der sie sich während der Sommerferien angefreundet hatte. »Deine Eltern kommen bestimmt morgen. Morgen ist ja schon Sonnabend. Und am Dienstag fängt die Schule wieder an.«

Nina schluckte ihre Tränen herunter. »Ich verstehe nur nicht, weshalb sie nicht einmal angerufen haben. Mutti hat mir zum letztenmal vor drei Wochen geschrieben. Und danach hat sie nichts mehr von sich hören lassen. Dass Vati mir nicht schreibt, verstehe ich ja. Schließlich hat er als Strafverteidiger nur wenig Zeit. Wenn er nicht im Gericht ist, muss er in seinem Stadtbüro sein. Oft kommt er sehr spät nach Hause. Mutti und ich warten dann auf ihn«, erzählte Nina. Dabei leuchteten ihre Augen auf. »Ja, Pünktchen, bestimmt werden meine Eltern morgen Vormittag kommen. Vati hat gewiss heute einen wichtigen Termin bei Gericht.«

Nick, der mit vollem Namen Dominik von Wellentin-Schoenecker hieß, saß auf der obersten Stufe der Freitreppe und kraulte den Bernhardiner Barri hinter den Ohren. Nun mischte er sich in die leise geführte Unterhaltung, von der er jedes Wort verstanden hatte, ein. »Es muss schon sehr interessant sein, als Strafverteidiger einen Einblick in so viele menschliche Tragödien zu bekommen. Er verteidigt doch wirkliche Verbrecher?«

»Du meinst Mörder und so?«, fragte Nina.

»Ja, Nina.«

»Ich weiß das nicht so genau. Aber ich glaube, dass er Raubmörder nicht verteidigt, sondern nur solche, die unter falschem Verdacht stehen. Ja, so ist es. Aber auch andere Menschen, die irgendein Verbrechen begangen haben, verteidigt er.«

»Aber er verteidigt doch nur reiche Leute, nicht wahr?«, fragte Fabian. Er hockte neben seiner großen schwarzen Dogge Anglos auf dem Steinboden.

»Das weiß ich nicht«, entgegnete Nina mit einem unsicheren Lächeln. »Pünktchen, kommst du mit in den Wintergarten? Ich möchte zu Habakuk. Ich finde es schön, dass er nun auch meinen Namen sagen kann.«

»Nina ist ja kein schwerer Name«, erklärte Henrik. »Habakuk ist ein überaus intelligenter Papagei. Er lernt auch viel schwierigere Namen. Zum Beispiel Krambambuli oder Kirschkuchentorte.«

»Das ist doch dumm, was du da sagst.« Vicky sah den Siebenjährigen von oben herab an. »Entweder heißt es Kirschkuchen oder Kirschtorte.«

»Habakuk sagt aber Kirschkuchentorte«, bestand der Junge eigensinnig auf seiner Behauptung.

»Hört zu streiten auf«, ermahnte die vierzehnjährige Irmela Groote die kleineren Kinder. Sie war momentan das älteste Mädchen im Kinderheim und fühlte sich verpflichtet, erzieherisch auf die kleineren Kinder einzuwirken.

»Ich geh jetzt zu Habakuk.« Nina lief schon die Stufen der Freitreppe hinauf. Die anderen folgten ihr. Nur die kleine vierjährige Heidi blieb mit weinerlich verzogenem Mund stehen, als ihr die großen Kinder einfach davonliefen.

Schwester Regine, die Kinderschwester von Sophienlust, die sich gerade im Büro befand und mit der Heimleiterin sprach, erblickte ihren Liebling auf der Freitreppe und sah auch, dass Heidi zu weinen begann.

»Entschuldigen Sie mich bitte«, bat sie Frau Rennert und verließ das Zimmer.

»Alle haben mich nicht lieb«, klagte Heidi und streckte der jungen Kinderschwester die Arme entgegen.

»Heidi, jeder hat dich lieb. Und ich habe dich ganz besonders lieb.« Sie hob das kleine Mädchen auf und drückte es zärtlich an sich. Jedes Mal, wenn sie das Kind so hielt, wurde es ihr ganz wunderlich ums Herz. Ihre kleine Tochter Elke, die sie auf tragische Weise verloren hatte, wäre jetzt auch vier Jahre alt. Heidi glich ihrem verlorenen Kind auch äußerlich auffallend.

»Die anderen sind in den Wintergarten zu Habakuk gegangen, Schwester Regine«, sagte Heidi, schon wieder getröstet. »Gehen wir auch dorthin?«

»Aber ja, Heidi.« Schwester Regine stellte die Kleine wieder auf ihre Füßchen und fasste sie bei der Hand.

»Dann komm.«

Alle Kinder waren im Wintergarten versammelt. Sie umstanden den großen Käfig mit dem bunten Papagei, der gerade seinen ganzen Wortschatz vom Stapel ließ. Er nannte alle Namen der Kinder, die einmal hiergewesen waren. Dann rief er die Kinder, die jetzt vor seinem Käfig standen. Schließlich sagte er mit seiner krächzenden Stimme: »Banane her! Wird’s bald, Nick! Dummer Junge. Böser Schlingel!«

»Na warte, du Racker.« Nick drohte dem Vogel scherzhaft mit dem Zeigefinger. Dann aber nahm er eine Banane aus der Obstschale, die auf dem Tisch stand, und schälte sie ab.

»Guter Nick!«, rief Habakuk sichtlich zufrieden über seinen Erfolg.

Nina lachte am lautesten, doch dann füllten sich ihre Augen wieder mit Tränen. Schnell verließ sie den Wintergarten. Als sie tränenblind durch die Halle eilte, lief sie Denise von Schoenecker, Nicks Mutter, in die Arme.

»Ach, Tante Isi, ich bin so schrecklich unglücklich!«, rief das Mädchen und warf sich in Denises Arme. »Warum kommen meine Eltern nicht? Alle Ferienkinder sind schon abgeholt worden. Nur ich bin noch da.«

»Deine Eltern werden gewiss morgen kommen, mein Kleines.« Denise zog das Kind tröstend an sich. Dass sie selbst beunruhigt war über das Stillschweigen des bekannten Strafverteidigers Peter Hille und seiner jungen Frau, gab sie dem Kind gegenüber natürlich nicht zu und auch nicht, dass sie am Tag zuvor einigemale in der Villa im Süden von Frankfurt angerufen hatte. Doch niemand hatte sich gemeldet.

»Glaubst du das auch? Die Kinder haben das auch gesagt. Dann kommen Mutti und Vati ganz bestimmt morgen.« Nina atmete tief auf. »Ich bin gern hier, Tante Isi. Aber ich freue mich auch auf daheim.«

»Das ist verständlich, Nina. Das tun doch alle Kinder.« Liebevoll strich Denise dem Mädchen über das seidenweiche Haar

»Und in den nächsten großen Fe­rien komme ich auch wieder zu euch. Mir hat es hier sehr gut gefallen. Ich habe doch auch ein Bäumchen in der Baumschule gepflanzt. Gestern ist Justus mit uns allen dort gewesen. Nun steht ein winziges Bäumchen mit meinem Namensschild dort. Und heute Morgen sind wir alle wieder ausgeritten. Bestimmt wird das Pony Judy, das ich immer habe reiten dürfen, traurig sein, wenn ich fort bin.«

»Bestimmt, Nina.« Denise lächelte gütig. Sie bemerkte deutlich, wie sehr das Kind sich bemühte, sie alle nicht zu kränken, obwohl es sehnsüchtig darauf wartete, endlich von seinen Eltern abgeholt zu werden.

»Weißt du was, mein Kleines?«, schlug Denise spontan vor. »Heute fährst du mit Pünktchen, Nick und Henrik noch einmal zum Tierheim Waldi & Co.«

*

So geschah es auch. Glücklich saßen die vier Kinder am Nachmittag in Denises Auto. Jeder Besuch im Tierheim war für sie eine große Freude.

Andrea, die Tochter Alexander von Schoeneckers aus seiner ersten Ehe, hatte mit achtzehn Jahren den Tierarzt Dr. Hans-Joachim von Lehn geheiratet. Inzwischen hatte das Ehepaar einen Sohn Peter-Alexander, der aber nur Peterle genannt wurde.

Das junge Ehepaar liebte Tiere sehr. Das Tierheim Waldi & Co. war für beide zu einer lohnenden Aufgabe geworden. Den Namen hatte das Heim dem Langhaardackel Waldi zu verdanken. Als dieser einem Kind das Leben gerettet hatte, war das Tierheim nach ihm benannt worden.

Waldi war jedoch nicht der einzige Hund in dem geräumigen modernen Landhaus des Tierarztes. Auch Waldis Frau, genannt Hexe, und die Kinder der beiden, Pucki und Purzel, lebten in der Villa. Das fröhliche Gebell der vier Dackel schallte oft so laut durch das Haus, dass die große schwarze Dogge Severin empört ihre Ohren zurücklegte und sich schüttelte, als habe man sie mit Wasser begossen. Das kümmerte die Dackel allerdings wenig. Sie hielten es für ihre Pflicht, allen kundzutun, dass sie dawaren. Waldi fühlte sich ganz als Chef des Tierheims und ließ sich auch von Severin nicht einschüchtern.

Auch jetzt, als die Kinder aus Denises Wagen stiegen, fingen die Dackel laut zu bellen an, sodass sich Andrea, die von dem Gebell aus dem Haus gelockt worden war, beide Ohren zuhielt und rief: »Seid doch endlich still, ihr Rasselbande.«

Ihre Stimme hatte eine erstaunliche Wirkung auf die vier Dackel. Sofort verstummten sie und sahen ihr Frauchen anbetungsvoll an.

Andrea begrüßte ihre Stiefmutter, die sie innig liebte, lachend. »Mutti, fein, dass ihr kommt. Betti hat heute Apfelkuchen gebacken. So viel, dass ich schon Angst hatte, er wird alt werden.«

»In einem solchen Fall brauchst du nur einige Kinder von Sophienlust einzuladen. Dann lebt der Kuchen kaum einen Tag«, erwiderte Denise fröhlich.

»Guten Tag, Schwesterherz«, begrüßte Nick seine Stiefschwester mit brüderlicher Herzlichkeit. »Bist du nicht dicker geworden?«

»Bin ich das wirklich, Mutti?«, fragte Andrea entsetzt und blickte an sich herunter. Sie war eine grazile mittelgroße Frau mit dunkelbraunen Haaren und auffallend schönen blauen Augen.

Nick grinste von einem Ohr bis zum andern. »Hereingefallen, Schwesterchen!«, rief er übermütig.

»Na, warte!« Andrea drohte ihm mit der Faust. »Dann kann ich ja heute Nachmittag beruhigt Kuchen mit Schlagsahne essen. Hans-Joachim ist noch nicht da. Er hat soeben angerufen und mich gebeten, die Besitzer seiner vierbeinigen Patienten etwas zu vertrösten. In einer guten halben Stunde werden sie bestimmt das Wartezimmer zu füllen beginnen. Bis dahin habe ich aber noch Zeit.«

»Wo ist denn Hans-Joachim?«, wollte Henrik wissen.

»Auf einem Bauernhof. Eine Stute bekommt ihr Fohlen. Na, Nina, du bist auch noch da?«, fragte Andrea und sah die Neunjährige an. Zu spät hatte sie Denises Blick aufgefangen.

»Ja, weil meine Eltern noch nicht gekommen sind«, erwiderte das Mädchen leise und senkte den Kopf, damit niemand die Tränen in seinen Augen sah.

Inzwischen hatten auch die anderen Kinder Andrea begrüßt. Sie folgten ihr nun ins Haus.

Zuerst gingen alle – wie konnte es auch anders sein – zu Peterle. Der Stubenwagen stand auf der Terrasse.

»In diesem Jahr ist der September so schön, dass ich Peterle fast den ganzen Tag draußen lassen kann«, erklärte Andrea und beugte sich über ihren Sohn. Mit mütterlicher Zärtlichkeit strich sie ihm über das flaumige blonde Haar. Aus seinen großen braunen Augen lachte er seine Mutter an.

»Peterle, deine Großmama ist gekommen. Deine beiden Onkel sind auch da«, sagte die junge Frau. »Und Pünktchen und Nina auch.«

Peterle krähte fröhlich. Als Denise sich über den Stubenwagen beugte, streckte er ihr die Ärmchen entgegen.

Denise hob den kleinen kräftigen Jungen hoch und gab ihm einen Kuss.

»Findet ihr nicht auch, dass Peterle Nina ähnlich sieht?«, meinte Henrik. Er war sehr stolz darauf, dass er schon Onkel war.

»Wie kommst du denn darauf?«, fragte seine große Halbschwester erstaunt.

»Na ja, weil Peterle und Nina braune Augen und blonde Haare haben.«

»Stimmt, mein Junge«, entgegnete Denise lachend.

Das Hausmädchen Betti erschien. Die Dogge Severin folgte ihr auf dem Fuß. Sie beäugte die Kinder misstrauisch, weil sie so dicht bei Peterle standen. Als Severin aber erkannte, wer die Gäste waren, wedelte er freundlich mit seiner spitzen Rute.

Nach dem Kaffee liefen die Kinder zum Tierheim. Es war ein langgestreckter Flachbau mit einer breiten zweiflügeligen Tür und hocheingelassenen Fenstern.

Der Tierpfleger Helmut Koster begrüßte die Kinder und führte sie zu den einzelnen Boxen. Während sie sich dort über die Schimpansen Luja und Batu, über die Braunbärin Isabell und deren Kinder Taps und Tölpl, die unermüdlich die Rutsche hinuntersausten, amüsierten, erzählte Denise Andrea von Ninas Kummer.

»Ich habe das Gefühl, irgendetwas stimmt bei den Hilles nicht. Frau Hille war doch so sehr um Nina besorgt, als sie das Kind zusammen mit ihrem Mann zu Beginn der Ferien nach Sophienlust brachte. Mir ist ihr Schweigen unverständlich.«

»Wenn etwas geschehen wäre, Mutti, hätten wir das bestimmt erfahren.«

»Das sage ich mir ja auch. Trotzdem bin ich in großer Sorge. Ich habe gestern mehrmals in der Villa angerufen und versucht, jemanden zu erreichen. Aber niemand hat sich gemeldet. Dabei haben sie doch Hausangestellte. Nina erzählte das.«

»Das ist merkwürdig«, gab Andrea zu. »Am Dienstag fängt die Schule an. Bis dahin wird Nina bestimmt abgeholt werden.«

»Wenn nicht, fahre ich nach Frankfurt und erkundige mich an Ort und Stelle, was los ist«, nahm sich Denise vor.

»Ich begleite dich dann, Mutti. Hans-Joachim kann schon mal einen Tag ohne mich auskommen. Sieh doch, Mutti, die Kinder haben sich den Esel Fridolin vor den alten Gig spannen lassen.« Andrea deutete auf den Wagen und den Esel. Pünktchen und Nina saßen im Gig, Nick und Henrik liefen nebenher.

Die Dackel, die bisher ruhig im Schatten der Terrasse auf dem Rasen gelegen hatten, sprangen bellend auf und liefen zu dem Gespann hin.

Fridolin nahm ihr Gebell übel und setzte sich kurzerhand auf sein Hinterteil. Selbst Helmut Koster gelang es nicht, ihn zum Weitergehen zu bewegen. Erst als das Liliput-Pferdchen Billy und der alte Esel Benjamin angetrabt kamen, bequemte Fridolin sich endlich zum Aufstehen.

An diesem fröhlichen Nachmittag vergaß Nina ihren Kummer. Sie ahnte nicht, dass es für sie für lange Zeit der letzte glückliche Tag sein sollte.

*

Am nächsten Morgen blickte Nina beim Frühstück immer wieder aus dem Fenster. Sie wusste, wenn Tante Isi und die Kinder recht behalten sollten, mussten ihre Eltern an diesem Tag kommen, um sie abzuholen. Ihr großer Koffer war schon seit zwei Tagen gepackt. Nur der kleine Koffer war noch leer. Sobald ihre Eltern dasein würden, würde sie die Sachen, die sie täglich brauchte, schnell dort hineingeben.

Denise kam gleich nach dem Frühstück von Schoeneich herüber.

»Bis jetzt haben wir immer noch keine Nachricht von den Hilles«, sagte Frau Rennert besorgt. »Hoffentlich sind die beiden nicht verunglückt.«

»Dann hätte man uns benachrichtigt.« Denise schüttelte den Kopf. »Es muss etwas anderes sein. Aber was?«

»Unser Auto kommt!«, rief Nina in diesem Augenblick jubelnd und stürmte aus der Halle. »Es ist unser Auto! Mutti! Vati!«

Barri lief bellend hinter Nina die Treppe hinunter. Die anderen Kinder folgten ihr etwas langsamer.

Nina blieb wie angewurzelt stehen, als sie sah, dass nur ihr Vater aus dem Wagen stieg. Ihre Enttäuschung hätte den hochgewachsenen Mann mit den ernsten dunklen Augen und den dunklen Haaren kränken müssen. Aber er schien nicht einmal zu bemerken, wie enttäuscht seine Tochter war.

Nina hing sehr an ihrem Vati und bewunderte ihn auch, aber ihre Mutti liebte sie weit mehr. »Guten Tag, Vati«, sagte sie mit zuckenden Lippen und gab ihm einen schnellen Kuss. Dabei blickte sie ratlos in den Wagen, so, als hoffe sie, dass ihre Mutti doch darin sei.

»Guten Tag, Nina. Bist du fertig? Ich habe nur wenig Zeit. Zwar ist heute Samstag und kein Termin auf dem Gericht. Aber ich habe noch viel zu tun.«

»Ich bin gleich fertig, Vati. Aber warum ist Mutti denn nicht mitgekommen?«

Dr. Peter Hille wich den großen fragenden Kinderaugen aus. »Sie konnte nicht mitkommen, Nina. Ich erzähle dir alles später.« Er begrüßte nun Denise und dann die Heimleiterin. Schwester Regine war schon in das erste Stockwerk des Herrenhauses, in dem sich die Schlafzimmer der Kinder befanden, hinaufgelaufen, um Ninas restliche Sachen einzupacken.

Den beiden Damen entging nicht die Nervosität des Besuchers und das unruhige Flackern in seinen Augen. Denise hätte zu gern erfahren, was geschehen war. Dass etwas geschehen war, stand für sie nach dem Verhalten Dr. Hilles fest. Aber sie war viel zu diskret, um Fragen zu stellen.

Peter Hille dachte jedoch nicht daran, etwas zu sagen. Für ihn schien es eine Qual zu sein, mit den beiden Frauen beisammen sein zu müssen. Während des Gesprächs über alltägliche Dinge blickte er zwischendurch immer wieder ungeduldig auf seine Armbanduhr.

Unterdessen verabschiedete sich Nina von allen in Sophienlust. Niemanden vergaß sie, auch nicht die Huber-Mutter, eine uralte Frau mit seherischen Fährigkeiten, die ihren Lebensabend in einem hübschen Zimmer des Herrenhauses verbrachte.

»Meine Mutti ist nicht mitgekommen«, erzählte sie allen mit traurigen Augen. »Aber bald sind wir ja in Frankfurt. Dort sehe ich sie dann wieder.«

Als Nina endlich neben ihrem Vater im Auto saß und so lange zurückwinkte, bis sie nichts mehr von Sophienlust sehen konnte, meinte Nick sehr nachdenklich zu seiner Mutter: »Irgendetwas ist bei den Hilles geschehen. Hast du nicht auch das Gefühl?«

»Leider habe ich das gleiche Gefühl, mein Sohn.«

»Ich glaube auch, dass Nina bald wieder zu uns zurückkommen wird. Vielleicht ist ihre Mutti schwer krank geworden?«

»Hoffentlich nicht, Nick.«

»Ich hoffe das auch nicht, Mutti. Aber ich spüre, dass auf Nina daheim ein großer Kummer wartet.«

*

Damit sollte Nick recht behalten.

Nina gab es auf, während der Fahrt weitere Fragen nach ihrer Mutter zu stellen. Ihr Vati gab ihr keine Antwort. Mit zusammengezogenen Brauen saß er am Steuer und blickte mit finsteren Augen auf den Verkehr. Ganz fremd kam er ihr vor. Sonst war er immer zu fröhlichen Späßen aufgelegt gewesen. Wie lustig war dagegen die Fahrt nach Sophienlust gewesen, dachte Nina traurig. Damals hatten sie unterwegs in einem hübschen Restaurant zu Mittag gegessen. Mutti und Vati hatten viel gelacht. Auch sie selbst hatte gelacht, obwohl ihr Herz sehr schwer gewesen war, weil sie sich doch für so viele Wochen von ihren Eltern trennen musste.

Aber die folgenden Wochen waren sehr schnell vergangen. Denn jeder Tag in Sophienlust hatte neue Erlebnisse gebracht. Ja, es war wunderschön in dem Kinderparadies gewesen.