Sophienlust 397 – Familienroman - Anne Alexander - E-Book

Sophienlust 397 – Familienroman E-Book

Anne Alexander

5,0

Beschreibung

In diesen warmherzigen Romanen der beliebten, erfolgreichen Sophienlust-Serie wird die von allen bewunderte Denise Schoenecker als Leiterin des Kinderheims noch weiter in den Mittelpunkt gerückt. Neben den alltäglichen Sorgen nimmt sie sich etwa des Schicksals eines blinden Pianisten an, dem geholfen werden muss. Sie hilft in unermüdlichem Einsatz Scheidungskindern, die sich nach Liebe sehnen und selbst fatale Fehler begangen haben. Dann wieder benötigen junge Mütter, die den Kontakt zu ihren Kindern verloren haben, dringend Unterstützung. Denise ist überall im Einsatz, wobei die Fälle langsam die Kräfte dieser großartigen Frau übersteigen. Denise hat inzwischen aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle geformt, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Doch auf Denise ist Verlass. Der Sophienlust Bestseller darf als ein Höhepunkt dieser Erfolgsserie angesehen werden. Denise von Schoenecker ist eine Heldinnenfigur, die in diesen schönen Romanen so richtig zum Leben erwacht. Nach einigen Regentagen schien an diesem Morgen endlich die Sonne wieder. Else Rennert, die Leiterin des Kinderheimes Sophienlust, stand auf der Freitreppe des ehemaligen Herrenhauses und blickte dem abfahrenden Bus nach, der die schulpflichtigen Kinder nach Wildmoos zur Volksschule brachte. Dann drehte sie sich um und betrat durch das Portal die große Halle, die den Mittelpunkt des Kinderheims bildete. Die Frau schaute überrascht zur Treppe. Die fünfjährige Heidi Holsten hatte sich mit ihrem Bäuchlein auf das Geländer gelegt und rutschte, vor Vergnügen quietschend, hinunter. "Heidi!" rief die Heimleiterin entsetzt. Ärmchen um deren Taille. "Bitte, nicht böse sein, Tante Ma", schmeichelte sie. "Das macht so'n Spaß! Hast du mich jetzt nicht mehr lieb?" Ihre blauen Augen blickten treuherzig zu der Frau auf. Unwillkürlich mußte Else Rennert lächeln. Keiner konnte lange diesem wonnigen Persönchen böse sein. "Eben weil ich dich liebhabe, möchte ich nicht, daß du das Geländer hinuntersaust", erwiderte sie. "Wir haben dir alle schon oft erklärt, wie leicht du abrutschen und dich schwer verletzen kannst." Sie zog das kleine Mädchen liebevoll an sich. "Ich werd's nicht wieder tun, bestimmt nicht"

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Sophienlust (ab 351) – 397–

Wo ist mein Baby?

Eine junge Mutter braucht Hilfe

Anne Alexander

Nach einigen Regentagen schien an diesem Morgen endlich die Sonne wieder. Else Rennert, die Leiterin des Kinderheimes Sophienlust, stand auf der Freitreppe des ehemaligen Herrenhauses und blickte dem abfahrenden Bus nach, der die schulpflichtigen Kinder nach Wildmoos zur Volksschule brachte. Dann drehte sie sich um und betrat durch das Portal die große Halle, die den Mittelpunkt des Kinderheims bildete. Die Frau schaute überrascht zur Treppe. Die fünfjährige Heidi Holsten hatte sich mit ihrem Bäuchlein auf das Geländer gelegt und rutschte, vor Vergnügen quietschend, hinunter.

»Heidi!« rief die Heimleiterin entsetzt.

Erschrocken sprang Heidi am Ende der Treppe vom Geländer, lief auf Frau Rennert zu und schlang ihre

Ärmchen um deren Taille. »Bitte, nicht böse sein, Tante Ma«, schmeichelte sie. »Das macht so’n Spaß! Hast du mich jetzt nicht mehr lieb?« Ihre blauen Augen blickten treuherzig zu der Frau auf.

Unwillkürlich mußte Else Rennert lächeln. Keiner konnte lange diesem wonnigen Persönchen böse sein. »Eben weil ich dich liebhabe, möchte ich nicht, daß du das Geländer hinuntersaust«, erwiderte sie. »Wir haben dir alle schon oft erklärt, wie leicht du abrutschen und dich schwer verletzen kannst.« Sie zog das kleine Mädchen liebevoll an sich.

»Ich werd’s nicht wieder tun, bestimmt nicht«, versicherte Heidi.

»Bis du es erneut vergessen hast!« erklang eine Stimme von oben. Auf dem obersten Absatz der Treppe war eine junge, hübsche Frau erschienen. Man hätte sie beinahe für Heidis Mutter halten können, da sie genauso blond wie das kleine Mädchen war und blaue Augen hatte. Doch die Kinderschwester Regine Nielsen hatte nicht nur ihren Mann, sondern auch ihr kleines Töchterchen Elke verloren. Seitdem widmete sie sich ganz den Kindern von Sophienlust.

Sie war inzwischen die Treppe hinuntergekommen, an ihrer Seite einen kleinen Jungen, der ihre Hand nicht losließ.

Heidi hüpfte der Kinderschwester entgegen, und mit schiefgestelltem Köpfchen sah sie zu ihr auf. »Ich kann nichts dafür«, versicherte sie, »ich will’s nicht vergessen, aber dann…«

»…lockt das Geländer«, vollendete Frau Rennert lachend. »Doch das war das letzte Mal, sonst muß ich ernsthaft böse werden.«

»Das kannst du gar nicht, Tante Ma«, behauptete Heidi strahlend. »Dazu hast du mich viel zu lieb. Darf ich jetzt gehen? Es ist draußen so schön. Ich habe Phil versprochen, ihm Schneeweißchen und Rosenrot zu zeigen. Er ist noch so dumm. Er kennt keine Kaninchen.«

»Er ist nicht dumm, sondern ein Jahr jünger als du und kommt aus der Großstadt«, korrigierte Schwester Regine. »In einer großen Stadt hoppeln nun mal keine Kaninchen auf den Straßen herum, sie würden sonst von den Autos überfahren werden.«

Heidi zog ihre kleine Stirn in Falten, steckte ein Fingerchen in den Mund und überlegte angestrengt. »Hm«, machte sie dann, »das ist wirklich schade. Da bin ich aber froh, hier zu sein.« Sie steckte ihre Hand dem kleinen Jungen entgegen. »Komm, Phil!«

Zögernd ließ der kleine Junge die Hand Schwester Regines los, um sich gleich an die Hand des kleinen Mädchens anzuklammern.

»Paß gut auf den Kleinen auf, er ist noch fremd hier«, sagte Schwester Regine.

»Werd’ ich, ich bin doch schon groß«, behauptete Heidi.

Hand in Hand liefen die beiden Kinder davon, lustig wippten die hellblonden Rattenschwänzchen des Mädchens auf und ab.

»Ein richtiger Wirbelwind«, meinte die Heimleiterin. »Aber sie wird den kleinen Philipp schon aufmuntern. Er ist noch ängstlich und hat die Trennung von seinen Eltern immer noch nicht überwunden.«

»Das stimmt«, erwiderte Schwester Regine. »Immer wieder mußte ich ihm versichern, daß seine Eltern bald zurückkommen und ihm was Schönes mitbringen. Er kann nicht verstehen, daß sie ihn nicht mitgenommen haben, da er doch sonst auf ihren Reisen immer dabei war.«

»Herr und Frau Herrmann haben gut daran getan, ihn hierzulassen«, meinte die Heimleiterin. »Die Abwicklung einer Erbschaft und eventuelle Auseinandersetzungen mit den anderen Erben ist immer unfreundlich, und dann noch in Australien. Hoffentlich lohnt sich für die beiden der ganze Aufwand.«

»Es wäre zu wünschen«, erwiderte Schwester Regine. »Soviel ich weiß, sind die Herrmanns nicht gerade auf Rosen gebettet.«

»Ich werde mich mal jetzt an meine schriftlichen Arbeiten machen«, erklärte Else Rennert. »Mein Schreibtisch krümmt sich bald unter der Last des noch unerledigten Schreibkrams.« Sie nickte der Kinderschwester freundlich zu und ging in ihr büroähnliches Empfangszimmer. Es war ein gemütlich eingerichteter Raum. Von dem Telefonapparat auf ihrem Schreibtisch konnten auch Gespräche in andere Zimmer verbunden werden.

Seufzend setzte sich die Heimleiterin an ihren Schreibtisch. Die Frau liebte nicht gerade die Schreibarbeit, aber sie mußte erledigt werden. Sie hatte gerade eine Rechnung nachgeprüft, als das Telefon klingelte.

Else Rennert hob den Hörer ab und meldete sich.

Hastiges Atmen klang an ihr Ohr, ehe sie die Stimme der Anruferin hörte. »Bitte, verzeihen Sie, Frau Rennert, ich bin noch ganz außer Atem, da ich nur vom Telefonhäuschen bei Ihnen anrufen kann, und ich muß auch gleich wieder zur Arbeit zurück.«

»Ist Ihre Angelegenheit denn so eilig?« fragte Frau Rennert etwas ironisch. »Unser Kinderheim läuft Ihnen nicht davon. Wie ist Ihr Name, und was haben Sie auf dem Herzen?«

»Ich kann Ihnen nicht meinen Namen sagen, bitte, glauben Sie mir, ich habe triftige Gründe. Deshalb rufe ich Sie ja auch von einem Telefonhäuschen an. Wissen Sie, die Sache ist heikel, ich bin eigentlich keine Klatschbase, und vielleicht sehe ich auch zu schwarz. Aber als ich gestern von einer Bekannten von Ihrem Kinderheim hörte, das man in der ganzen Umgebung das Heim der glücklichen Kinder nennt, dachte ich mir, vielleicht können Sie mal nach dem Rechten sehen.«

»Handelt es sich um eine Kindesmißhandlung?«

Die Telefonpartnerin zögerte, dann sagte sie: »Nein, ich glaube nicht, aber man könnte von einer großen Vernachlässigung sprechen. Mir tut das Kind so furchtbar leid, dabei ist er ein so goldiger Junge. Sie haben bestimmt die nötige Erfahrung als Heimleiterin, um dem Jungen zu helfen.«

»Falls er wirklich Hilfe benötigt«, meinte Frau Rennert skeptisch. Aus Erfahrung war sie immer etwas mißtrauisch gegenüber solchen anonymen Anzeigen. Aber wiederum, wenn da wirklich ein Kind in Not war…

»Sie glauben mir also nicht.« Die Stimme der Anruferin klang gekränkt.

»Das habe ich nicht gesagt«, erwiderte Else Rennert. »Aber ich bin nur die Heimleiterin. Frau Denise von Schoenecker verwaltet bis zur Großjährigkeit ihres Sohnes Dominik das Heim. Ich muß den Fall also mit ihr besprechen. Vielleicht erzählen Sie mir noch Näheres und geben mir die Anschrift des Kindes.«

»Das will ich gern tun. Die Mutter, Gerda Weigand, ist unverheiratet und besitzt ein Lokal in Maibach. Bis vor einem halben Jahr wurde der kleine Rolf noch von der Tante betreut. Sie starb an einem Schlaganfall. Ab und zu sah dann mal einer ihrer Angestellten nach dem Kind, aber seit Frau Weigand sich einen Freund zugelegt hat, dem sie die Oberaufsicht über das Lokal gegeben hat, hetzt er das Personal nur so hin und her, und keiner hat mehr Zeit für das Kind, erst recht die Mutter nicht. Rolf ist also meist den ganzen Tag allein in der Wohnung im ersten Stock. Man hört den Jungen oft weinen.«

»Wie alt ist der Kleine?« fragte Frau Rennert.

»Zwei.«

»Also in einem Alter, in dem er noch besondere Pflege und Zuwendung braucht.«

»Das ist es ja, deshalb mach’ ich mir Sorgen.«

»Gut, wir werden der Sache nachgehen. Wollen Sie mir nicht doch noch Ihren Namen nennen?«

»Das geht auf keinen Fall«, kam es hastig durch den Apparat. »Und jetzt muß ich aufhören, sonst bekomme ich noch Ärger, wenn ich so lange fortbleibe.« Es klickte. Am anderen Ende der Leitung war der Hörer aufgelegt worden.

Else Rennert lehnte sich in ihrem Schreibtischsessel zurück und dachte noch einmal über die Worte der Unbekannten nach. Man konnte sich viel Ärger einhandeln, wenn man auf einen anonymen Hinweis in eine fremde Wohnung eindrang und die Vernachlässigung des Kindes stellte sich als nachbarschaftlicher Klatsch heraus. Aber andererseits mußte man auch für jeden Hinweis dankbar sein, wenn ein Kind in ernster Gefahr war.

Die Heimleiterin hob den Hörer ab und wählte die Nummer von Schoeneich.

»Henrik von Schoenecker«, meldete sich Denises neunjähriger Sohn, aus ihrer zweiten Ehe mit Alexander von Schoenecker.

»Ich bin es, Henrik. Ist deine Mutti zu Hause?« erkundigte sich Else Rennert.

»Sie kommt gerade«, erwiderte der Junge, um gleich darauf neugierig zu fragen: »Kommt wieder ein neues Kind? Dann radle ich gleich los.«

»Wieso bist du überhaupt zu Hause?« fragte Frau Rennert. »Du solltest um diese Zeit doch in der Schule sein.«

»Oh, Tante Ma, ich hatte heute solche Bauchschmerzen«, sagte Henrik, »und…«

Ein schabendes Geräusch erklang im Hörer, seine Mutter hatte ihm den Hörer aus der Hand genommen. »Ich glaube eher, Frau Rennert, mein Sohn hat uns wieder schön an der Nase herumgeführt«, sagte Denise von Schoenecker. »Heute früh hat er

herzerweichend über Bauchschmerzen gestöhnt, und jetzt erwische ich ihn barfuß und kreuzfidel in meinem Zimmer. Einen Augenblick bitte.«

Else Rennert hörte undeutlich, wie Henrik auf seine Mutter einsprach. »Dieser Lausbub behauptete eben, er hätte heute früh wirklich Bauchschmerzen gehabt«, meldete sich Denise wieder, »räumte aber ein, daß sie durch seine Gedanken an den heutigen Matheunterricht entstanden sein könnten. Er wollte sich jetzt anziehen, um zu Ihnen zu fahren, aber ich habe ihn wegen Vorspiegelung falscher Tatsachen zur Strafe ins Bett geschickt. Was haben Sie auf dem Herzen?«

»Vielleicht habe ich es auch mit Vorspiegelung falscher Tatsachen zu tun«, meinte die Heimleiterin. »Vielleicht aber auch nicht.«

»Eine Beschwerde über ein Kind?« fragte Denise sofort.

»Sagen wir, eine Beschwerde über die Mutter«, erwiderte Else Rennert. »Mir gefällt dabei nicht, daß die Anruferin nicht ihren Namen nennen wollte und nur vage von einer Vernachlässigung des kleinen Jungen sprach. Es könnte sich also auch um eine üble Nachrede handeln.« Sie erzählte der Gutsbesitzerin die näheren Einzelheiten.

»Ja«, meinte Denise nachdenklich, »Sie könnten recht haben, aber wiederum kommt es mir auch so vor, als wenn die Anruferin wirklich Angst hatte, ihren Namen zu nennen. Wenn diese Gerda Weigand ein Lokal mit Angestellten hat, ist die Anruferin vielleicht dort Kellnerin und fürchtet, entlassen zu werden, falls ihre Chefin von dem Anruf erfährt.«

»Sie meinen also, daß wir der Sache nachgehen sollen?«

»Unbedingt, auch wenn wir womöglich Unannehmlichkeiten bekommen könnten. Wenn die Behauptungen wirklich zutreffen, muß dem Kind geholfen werden, und wenn nicht«, Denise zuckte mit den Achseln, was natürlich die Heimleiterin nicht sehen konnte, »na, dann war eben mal wieder ein Weg umsonst. Am besten, ich wende mich an das Maibacher Jugendamt. Wenn das Kind unehelich ist, muß es ja dort bekannt sein, und vielleicht liegen auch schon andere Beschwerden vor. Ich werde gleich nach dem Mittagessen nach Maibach fahren und gebe Ihnen dann sofort Bescheid.« Nach einem Abschiedswort legte Denise auf. Doch gleich darauf nahm sie den Hörer wieder auf, um mit dem Jugendamt Maibach zu telefonieren.

*

»Wie ich Ihnen schon heute vormittag am Telefon sagte, Frau von Schoenecker, ist der Chef nicht da. Ich habe Ihnen aber die Akten über Rolf Weigand heraussuchen lassen.« Erika Schumann schlug die Akte auf, die vor ihr auf dem Schreibtisch lag. »Bisher haben wir noch nicht gehört, daß Frau Weigand ihr Kind vernachlässigt hat.«

Denise von Schoenecker, die der Angestellten des Jugendamtes in einem Sessel gegenübersaß, erwiderte: »Eigentlich gebe ich nichts auf anonyme Anzeigen, und doch sollte man ihnen nachgehen.«

»Selbstverständlich«, sagte die Fürsorgerin. »Das werden wir auch tun.«

»Kennen Sie Frau Weigand persönlich? Was ist das für eine Frau?« fragte Denise.

»Ich kenne die Mutter nicht, habe aber ihre Tante gekannt, weil ich dort früher ab und zu meinen Kaffee trank.«

Erstaunt sah Denise ihr Gegenüber an. »Dort, Frau Schumann?«

Die Gefragte lachte. »Das können Sie sich natürlich nicht vorstellen, eine Frau in meinen Jahren und dann in ein solches Lokal. Des Rätsels Lösung: Damals war es noch ein Café, wenn es auch mehr schlecht als recht ging. Und Klara Weigand war eine sehr liebenswürdige Wirtin. Aber vor zwei Jahren ist dann ihre Nichte aus Italien mit einem Baby und einigen Ersparnissen zurückgekehrt. Sie redete ihrer Tante zu, aus dem Café mit ihrem Geld eine Gaststätte für ein breiteres Publikum zu machen.

Natürlich ging ich nach diesem Umbau nicht mehr hin, das dortige Publikum sagte mir nicht mehr zu. Aber mit dem Kind war alles in Ordnung. Die Tante hatte die Arbeit in dem neuen Betrieb ihrer Nichte überlassen, sie führte nur noch den Haushalt und betreute das Baby, das damals in ausgezeichneter Verfassung war. Auch Gerda Weigand machte einen ordentlichen Eindruck.«

Die Fürsorgerin sah Denise an. »Frau von Schoenecker«, fuhr sie fort, »vielleicht denken Sie, wir hätten uns doch noch mehr darum kümmern müssen. Aber Sie wissen ja selbst, wie überlastet wir oft sind. Bei Weigands war alles in bester Ordnung, während wir andererseits viele schlimme Fälle hatten, die unsere Beobachtung oder Eingreifen erforderten. Außerdem kannte ich Klara Weigand gut genug, um zu wissen, daß bei ihr das Baby in den besten Händen war.«

»Keiner macht Ihrem Amt einen Vorwurf, am wenigsten ich«, erwiderte Denise. »Vor allem, da es ja noch nicht feststeht, ob es sich nicht doch nur um böswillige Verleumdung handelt. Aber die Verhältnisse können sich seit dem Tod der Tante sehr verändert haben, wie die Anruferin ja auch behauptete.«

»Also dann auf in die Höhle des Löwen«, scherzte Erika Schumann.

Das Lokal befand sich in einem einstöckigen Haus. Von außen machte es einen anständigen Eindruck. Rechts vom Flur befand sich die Bar mit einigen kleineren Gastzimmern, links das Speiselokal, eine Treppe führte zu den Privaträumen im ersten Stock.

Die beiden Frauen betraten den Gastraum. Die Essenszeit war längst vorüber, nur einige Nachzügler saßen noch an den Tischen. Zwei Kellnerinnen eilten hin und her und säuberten die bereits verlassenen Tische.

»Sie wünschen?« fragte eine der beiden Frauen die vermeintlich neuen Gäste. Bedauernd zuckte die Angestellte jedoch gleich mit den Achseln und fügte hinzu: »Viel Auswahl haben wir leider nicht mehr.«

»Wir wollen nicht essen«, erklärte die Fürsorgerin. »Wir möchten mit Frau Weigand sprechen.«

»Ach so! Bitte, setzen Sie sich, ich hole gleich die Chefin.« Die Kellnerin verschwand hinter der Theke durch eine Tür, die sie offenließ. Man konnte erkennen, daß sich dahinter die Küche befand. Einige Zeit später kehrte die Angestellte zurück und setzte ihre unterbrochene Arbeit fort.

Minuten später trat eine junge Frau aus der Küche, sah sich kurz im Lokal um und ging dann auf die beiden Besucherinnen zu, die sich an einen der freien Tische gesetzt hatten. Sie blieb vor ihnen stehen und musterte sie mit harten, blauen Augen. Die Frau mochte höchstens siebenundzwanzig sein. Sie hatte eine gute Figur, war einigermaßen hübsch, nur zu stark geschminkt. Ihr Haar war weißblond gefärbt, wie man am Haaransatz erkennen konnte.

»Ich bin Gerda Weigand«, stellte sie sich vor. »Sie wollten mich sprechen?« Mißtrauen lag in ihrer Stimme.

Erika Schumann wollte gerade sich und ihre Begleiterin vorstellen, doch sie kam nicht zu Wort. Gerda Weigand sprudelte erregt hervor: »Wenn es darum gehen sollte, daß auch Sie mir Vorhaltungen machen wollen, weil angeblich mein Barbetrieb Ihre Männer nicht nach Hause kommen läßt, dann sind Sie bei mir am falschen Platz. Bei mir kann jeder kommen und gehen, wie er will.«

Denise kräuselte ironisch die Lippen, und es war mehr als eine Feststellung, als sie fragte: »Es ist wohl bei Ihnen an der Tagesordnung, daß sich die Ehefrauen beschweren?«

Gerda Weigand biß sich auf die Lippen. Wieder einmal waren ihr ihre Worte unüberlegt entschlüpft. Am Vormittag war eine Frau erschienen und hatte ihr eine unbeschreibliche Szene gemacht, weil ihr Mann in der Nacht mit Hilfe der beiden Bardamen Susanne und Rosita sein ganzes Gehalt verpraßt hatte. Gerda Weiland war stolz auf Susanne und Rosita, da sie für einen guten Absatz sorgten, aber das hatte sie der aufgebrachten Frau natürlich nicht sagen können. Zum Schluß der Auseinandersetzung hatte die Kontrahentin mit der Polizei gedroht. Zum Glück waren noch keine Gäste dagewesen, und Pitt hatte die Frau ziemlich unsanft aus dem Lokal gedrängt. Wie, wenn sie nun ihre Drohung wahrgemacht hatte und die beiden Besucherinnen von der Polizei waren? Doch schließlich konnte man ihr keinen Strick daraus drehen, wenn die Männer so leichtsinnig waren, freiwillig ihr ganzes Geld in der Bar auszugeben.

»Natürlich nicht«, beantwortete sie unwirsch Denises Frage. »Aber wenn man außer einem Speiselokal noch eine Bar hat, kann man schon allerhand erleben.«

»Das glaube ich Ihnen aufs Wort«, entgegnete die Fürsorgerin spöttisch. Gerda Weigand gefiel ihr ganz und gar nicht, und sie begann, der anonymen Anruferin zu glauben, daß hier irgend etwas nicht stimmte. »Doch wir kommen nicht wegen Ihrer Bar. Ich heiße Schumann und komme vom Maibacher Jugendamt, und meine Begleiterin ist Frau von Schoenecker. Wir kommen wegen Ihres Jungen Rolf.«

»Oh!« stieß Gerda Weigand hervor. Es hörte sich beinahe an, als wenn sie erleichtert war. Falls das stimmte, konnte ihre Nervosität nicht mit dem Kind zusammenhängen. Jetzt lachte die Wirtin sogar auf. »Und ich dachte schon…« Abrupt verstummte sie, dann setzte sie sich neben ihre Besucherinnen. »Was ist mit Rolf? Er ist doch noch viel zu klein, um etwas ausgefressen zu haben«, scherzte sie. Plötzlich zog sich ihre Stirn in Falten, und die Mutter fragte. »Ist etwas mit seinen Papieren nicht in Ordnung? Echte Besorgnis schwang jetzt in ihrer Stimme mit.

»Was soll damit nicht in Ordnung sein?« stellte Denise von Schoenecker die Gegenfrage und sah Gerda Weigand durchdringend an.

»Ich dachte… ich meinte…«, stotterte die Wirtin, »na, ich verstehe einfach nicht«, fuhr sie dann wieder gefaßt und aggressiv fort, »daß plötzlich das Jugendamt sich für meinen Jungen interessiert. Nur weil das arme Kerlchen keinen Vater hat, braucht man sich noch lange nicht einzumischen. Bis jetzt bin ich wohl auch ohne Jugendamt mit seiner Versorgung fertiggeworden.«