Sophienlust 403 – Familienroman - Anne Alexander - E-Book

Sophienlust 403 – Familienroman E-Book

Anne Alexander

5,0

Beschreibung

In diesen warmherzigen Romanen der beliebten, erfolgreichen Sophienlust-Serie wird die von allen bewunderte Denise Schoenecker als Leiterin des Kinderheims noch weiter in den Mittelpunkt gerückt. Neben den alltäglichen Sorgen nimmt sie sich etwa des Schicksals eines blinden Pianisten an, dem geholfen werden muss. Sie hilft in unermüdlichem Einsatz Scheidungskindern, die sich nach Liebe sehnen und selbst fatale Fehler begangen haben. Dann wieder benötigen junge Mütter, die den Kontakt zu ihren Kindern verloren haben, dringend Unterstützung. Denise ist überall im Einsatz, wobei die Fälle langsam die Kräfte dieser großartigen Frau übersteigen. Denise hat inzwischen aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle geformt, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Doch auf Denise ist Verlass. Der Sophienlust Bestseller darf als ein Höhepunkt dieser Erfolgsserie angesehen werden. Denise von Schoenecker ist eine Heldinnenfigur, die in diesen schönen Romanen so richtig zum Leben erwacht. "Jetzt sind wir gleich da, Jonas." Margit Kayser warf einen liebevollen Blick durch den Rückspiegel auf ihren sechsjährigen Sohn. "Komm, mach nicht so ein Gesicht!" forderte sie ihn auf. "Du willst doch sicher nicht, daß dich die Kinder in Sophienlust für einen Miesepeter halten?" "Ist mir egal", kam es trotzig von Jonas. Er starrte trübsinnig aus dem Wagenfenster. "Ich will nicht in dieses Heim. Ich will bei dir bleiben, Mama!" Er richtete sich in seinem Kindersitz auf. "Kann ich nicht mit dir zusammen ins Krankenhaus? Ich bin auch ganz brav." Ein Schatten legte sich über Margits blasses Gesicht. "Das geht nicht, Liebling", sagte sie leise. Etwas lauter fügte sie hinzu: "Ein Krankenhaus ist kein Aufenthaltsort für gesunde Kinder. Du brauchst frische Luft und Sonne." "Wenn man im Krankenhaus die Fenster aufmacht, kommt auch frische Luft rein", meinte der Kleine.

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Sophienlust (ab 351) – 403 –

Für euch will ich leben

Neuer Mut nach all der Verzweiflung!

Anne Alexander

»Jetzt sind wir gleich da, Jonas.« Margit Kayser warf einen liebevollen Blick durch den Rückspiegel auf ihren sechsjährigen Sohn. »Komm, mach nicht so ein Gesicht!« forderte sie ihn auf. »Du willst doch sicher nicht, daß dich die Kinder in Sophienlust für einen Miesepeter halten?«

»Ist mir egal«, kam es trotzig von Jonas. Er starrte trübsinnig aus dem Wagenfenster. »Ich will nicht in dieses Heim. Ich will bei dir bleiben, Mama!« Er richtete sich in seinem Kindersitz auf. »Kann ich nicht mit dir zusammen ins Krankenhaus? Ich bin auch ganz brav.«

Ein Schatten legte sich über Margits blasses Gesicht. »Das geht nicht, Liebling«, sagte sie leise. Etwas lauter fügte sie hinzu: »Ein Krankenhaus ist kein Aufenthaltsort für gesunde Kinder. Du brauchst frische Luft und Sonne.«

»Wenn man im Krankenhaus die Fenster aufmacht, kommt auch frische Luft rein«, meinte der Kleine. Er strich sich die blonden Haare aus der Stirn. »Bitte, Mama«, bettelte er.

Margit antwortete nicht. Sie fuhr durch das offene Tor und gelangte in den Park des Kinderheims. Sie war noch nie in Sophienlust gewesen. Eine Bekannte hatte ihr von diesem Heim erzählt. Sie fragte sich, ob es richtig gewesen war, einfach loszufahren, ohne vorher wenigstens anzurufen. Was sollte sie machen, wenn man Jonas’ Aufnahme ablehnte?

»Ist das nicht ein schönes Haus, Liebling?« fragte sie schmeichelnd und deutete nach vorn. »Und schau mal rechts die vielen Kinder. Hier wird es dir sicher gefallen.«

»Du sollst mich nicht immer allein lassen, Mama.« Jonas zog die Nase hoch. »Dieter ist immer mit seiner Mama zusammen, und einen Papa hat er auch.«

Margit hielt vor der Freitreppe an. Noch bevor sie ausgestiegen war, hatten sich zwei kleine Mädchen aus der Kindergruppe gelöst und kamen auf den Parkplatz gelaufen. Neugierig blickten sie der jungen Frau entgegen.

»Bleibt der Junge bei uns?« erkundigte sich die fünfjährige Heidi Holsten.

»Nein, ich fahre wieder mit«, antwortete Jonas anstelle seiner Mutter. Er hatte bereits die Fondtür geöffnet. »Ich mache nur einen Besuch bei euch.«

»Ich hab gar nicht gewußt, daß ein Neuer kommt«, sagte Viktoria Langenbach. Sie war zehn Jahre alt.

»Du hast doch gehört, er ist nur zu Besuch hier«, erklärte Heidi gewichtig. Sie griff nach einem ihrer blonden Rattenschwänzchen und wirbelte es um den Finger.

»Zu wem möchten Sie denn?« erkundigte sich Vicky bei Margit. Sie wies in den Fond und sagte zu Heidi gewandt: »Und er bleibt doch da! Siehst du den Koffer?«

»Zu Frau von Schoenecker oder Frau Rennert«, antwortete die Besucherin. Sie nahm ihren Sohn bei der Hand.

»Ich melde Sie an.« Heidi stürmte die Stufen zur Freitreppe hinauf. Das Portal zur Halle stand offen. »Tante Isi!« schrie sie. »Tante Isi, komm rasch, da ist eine fremde Frau mit einem Jungen.«

Denise von Schoenecker saß gerade bei Frau Rennert im Empfangszimmer. Sie besprachen den Bericht über ein kleines Mädchen, der geschrieben werden mußte. Denise hob den Kopf und blickte zur Tür. »Hört sich an, als wenn es brennen würde«, meinte sie und stand auf.

Heidi riß die Tür auf. »Tante Isi, da ist Besuch«, sprudelte sie aufgeregt hervor. »Eine Frau und ein kleiner Junge. Der kleine Junge sagt, er sei nur zu Besuch hier, aber im Auto steht ein Koffer. Er…«

»Nun hol erst einmal Luft, Heidi.« Die Verwalterin schloß die Fünfjährige in ihre Arme.

»Bleibt der Junge hier, Tante Isi?«

»Das werden wir sehen«, erwiderte Denise. Mit der Kleinen trat sie in die Halle.

Vicky hatte inzwischen Margit Kayser und Jonas hereingeführt. Der Junge löste sich von der Hand seiner Mutter und rannte zu dem Bärenfell, das vor dem Kamin lag. Er kniete sich nieder und strich über den weichen Kopf des toten Bären.

»Bitte entschuldigen Sie den Überfall.« Margit ging Denise entgegen. »Mein Name ist Kayser, Margit Kayser, ich komme aus Stuttgart.« Sie zeigte auf ihren Sohn. »Und das ist Jonas.«

Denise reichte ihr die Hand und stellte sich ebenfalls vor. »Heidi und Vicky haben Sie ja schon kennengelernt«, meinte sie und legte ihre Hände auf die Schultern der beiden Mädchen. »Auf, macht, daß ihr nach draußen kommt. Wer weiß, wann es wieder regnet. Ihr solltet den Sonnenschein genießen.«

»Sollen wir Jonas mitnehmen?« fragte Heidi.

»Wenn er will.« Denise wandte sich dem kleinen Jungen zu, der noch immer vor dem Bärenfell kniete. »Was meinst du, Jonas, möchtest du dir nicht unseren Spielplatz anschauen?«

Jonas sprang auf und lief zu seiner Mutter. »Ich will bei meiner Mama bleiben«, sagte er. »Wenn meine Mama ins Krankenhaus muß, dann gehe ich auch mit.« Er klammerte sich an Margit. Trotzig blickte er zu Denise auf. »Und wenn sie dort nur kranke Kinder nehmen, werde ich eben krank.«

»Bist du dumm«, stellte Heidi fest. Sie tippte sich unmißverständlich an die Stirn.

»Heidi, so etwas sagt man nicht«, tadelte Denise. »Magst du Tiere?« fragte sie den kleinen Jungen.

Jonas nickte. »Ich wünsch mir einen Hund«, gestand er. »Und Pferde mag ich auch.«

»Dann sollen dir unsere Kinder die Pferde zeigen«, lockte Denise. »Hab’ keine Angst, deine Mama ist noch hier, wenn du zurückkommst.« Sie erntete einen dankbaren Blick der Besucherin.

Der Sechsjährige zögerte. Er wandte sich zu seiner Mutter um. »Bist du wirklich noch da, Mama?« fragte er. »Gehst du nicht weg?«

»Nein, Liebling.« Margit beugte sich zu ihm hinunter und küßte ihn auf die Stirn.

»Gut, dann schau ich mir die Pferde an«, bestimmte Jonas.

»Tschüs, Mama.« Er rannte mit Heidi und Vicky nach draußen.

Seine Mutter blickte ihm nach. In ihren Augen schimmerten Tränen. Sie atmete tief durch und straffte die Schultern. »Die Pferde waren eine gute Idee, Frau von Schoenecker«, meinte sie.

»Das Stichwort hat er selbst gegeben.« Denise lächelte ihr zu. »Bitte, Frau Kayser.« Sie führte Margit ins Biedermeierzimmer und bot ihr Platz an. »Entschuldigen Sie mich bitte einen Augenblick«, bat sie dann und trat wieder in die Halle.

Die Besucherin sah sich überrascht um. Nie zuvor war sie in einem so wunderschön eingerichteten Raum gewesen. Am liebsten wäre sie mit den Fingern über die Politur der herrlichen Möbelstücke gefahren, doch sie hatte Angst, Abdrücke zu hinterlassen.

»Ich habe uns nur etwas Kaffee und Gebäck bestellt«, sagte Denise, als sie zurückkam.

»Das wäre doch nicht nötig gewesen«, meinte Margit verlegen. »Um gleich auf den Grund meines Besuches zu kommen, Frau von Schoenecker, ich muß ins Krankenhaus und weiß nicht, wo ich Jonas unterbringen soll. Vernünftiger wäre es natürlich gewesen, vorher anzurufen, aber ich dachte mir, dann bestehen noch weniger Aussichten, ihn bei Ihnen unterzubringen. Plätze in guten Kinderheimen sind rar.«

»Für Notfälle gibt es jederzeit einen Platz, Frau Kayser«, sagte Denise. Ihr war schon in der Halle die ungewöhnliche Blässe der jungen Frau aufgefallen.

»Dann könnte ich Jonas bei Ihnen lassen?«

»Im Prinzip ja, Frau Kayser«, erwiderte Denise, »aber ich würde gern, bevor ich mich endgültig entscheide, etwas über die näheren Umstände erfahren.«

»Das ist Ihr gutes Recht.« Margit Kayser sah zur Tür. Ulla brachte Kaffee und Gebäck. Die Besucherin wartete, bis sie wieder allein waren, bevor sie fortfuhr: »Ihr Kinderheim wurde mir von einer Bekannten empfohlen, deren Tochter letztes Jahr einige Wochen bei Ihnen lebte. Erinnern Sie sich an Kathy Lohmaier?«

»Sehr gut sogar«, antwortete Denise. »Ein reizendes, guterzogenes Kind. Wir hatten Kathy alle sehr gern.«

»Frau Lohmaier nahm sich schon des öfteren meines Jungen an, wenn ich für längere Zeit ins Krankenhaus mußte, aber diesmal geht es nicht. Sie fliegt in der nächsten Woche mit ihrer Familie nach Amerika. Ihr Mann wurde für fünfzehn Monate nach New York versetzt. Sie meinte, ich sollte mich an Sie wenden. Jonas wäre bei Ihnen wunderbar aufgehoben. Sie lobte Sophienlust in den höchsten Tönen.«

»Das freut mich«, sagte Denise. »Wie lange werden Sie im Krankenhaus bleiben müssen?«

Margits dunkle Augen verdunkelten sich. »Das weiß ich nicht«, erwiderte sie. »Sehen Sie, ich habe Leukämie. Jeder Krankenhausaufenthalt kann für mich der letzte sein. Ich persönlich habe mich mit meiner Krankheit abgefunden, aber da ist Jonas. Ich liebe meinen Sohn über alles. Eigentlich sollte ich erst in vierzehn Tagen ins Krankenhaus, bei mir war eine Remission eingetreten, doch jetzt geht es mir wieder schlechter. Ich muß schon übermorgen wieder fort.«

»Sie brauchen sich um Ihren Sohn keine Sorgen zu machen, Frau Kayser, bei uns ist er gut untergebracht«, sagte Denise erschüttert. »Natürlich wird es anfangs schwer für ihn sein, sich bei uns einzuleben, aber das gibt sich alles nach und nach.«

»Mir fällt ein Stein vom Herzen.« Margit nippte an ihrem Kaffee. »Ich habe mir in den letzten Wochen verschiedene Kinderheime angesehen, keines von ihnen hat mir bisher gefallen.«

»Sind Sie verheiratet, Frau Kayser?« fragte Denise vorsichtig. Sie wollte Margit nicht zu nahe treten, doch es war unerläßlich, mehr über ihre persönlichen Verhältnisse zu erfahren.

»Ich bin geschieden«, erwiderte die Frau. »Ich war dreiundzwanzig, als ich meinen Mann kennenlernte. Wir wollten beide ein relativ ungebundenes Leben führen und dachten nicht an Heirat, doch dann wurde ich schwanger. Kurz vor der Geburt unserer Zwillinge heirateten wir. Unsere Ehe war von Anfang an ein reines Fiasko, wir sind einfach zu verschieden. Geldsorgen hatten wir allerdings keine. Stefan verdiente gut, und ich hatte ein kleines Vermögen von meinen Eltern geerbt. Als David und Jonas ein Jahr alt waren, ließen wir uns scheiden. Wir beschlossen, jeder mit einem Kind ganz von vorn anzufangen.«

»Sehnten Sie sich nie nach Ihrem zweiten Sohn?« fragte Denise überrascht. Sie konnte es sich nicht vorstellen, auf eines ihrer Kinder zu verzichten.

»Doch, aber ich kam darüber hinweg. Stefan und ich hatten beschlossen, nicht mehr miteinander in Verbindung zu treten. Wir wollten die Kinder unbekümmert aufwachsen lassen.«

»Dann weiß Ihr geschiedener Mann also auch nichts von Ihrer Krankheit?«

Margit schüttelte den Kopf. »Ich schrieb ihm entgegen aller Abmachung vor knapp sechs Monaten. Doch mein Brief kam mit dem Vermerk ›Empfänger verzogen‹ ungeöffnet zurück.«

»Und hat man Ihnen nicht sagen können, wohin Ihr geschiedener Mann gezogen ist? Ich meine, jeder Ort hat doch ein Einwohnermeldeamt.«

»Doch, die neue Adresse habe ich erfahren, aber auf meinen Brief nie Antwort erhalten. Für meinen Mann ist wahrscheinlich dieses Kapitel seines Lebens abgeschlossen. Wie es aussieht, ist es ihm sogar völlig egal, was aus Jonas wird. Ich hatte die Hoffnung, er würde ihn zu sich nehmen, wenn…« Sie sprach nicht weiter.

»Vielleicht ging der Brief verloren«, meinte Denise.

»Ausgerechnet dieser?« Die kranke Frau sah sie skeptisch an. »Anfangs tröstete ich mich auch mit diesem Gedanken, dann sagte ich mir, daß das wohl ziemlich unwahrscheinlich ist. Nein, mein Mann will nichts mehr von mir wissen. Bestimmt hat er meinen Brief ungeöffnet weggeworfen.« Sie strich sich nervös durch die blonden halblangen Haare. »Frau von Schoenecker, wenn mir etwas passieren sollte, könnte dann Jonas… Ich meine, würden Sie dafür sorgen, daß Jonas nicht von einem Heim ins andere gestoßen wird?«

»Ja, das verspreche ich Ihnen, Frau Kayser«, sagte Denise von Schoenecker bewegt. Sie reichte der jungen Frau die Hand. »Wenn sich sein Vater nicht um ihn kümmern will oder kann, wird Jonas bei uns ein Zuhause haben.«

»Danke!« Margit atmete hörbar auf. »Die Sorge um meinen Jungen belastet mich seit Monaten. Wie gesagt, ich bin nicht unvermögend. Von meinem Erbe ist genug übrig, um seine Zukunft zu sichern.« Sie griff nach ihrer Handtasche und öffnete sie. »Kein Mensch weiß, was die nächsten Tage und Wochen bringen werden, deshalb möchte ich Ihnen schon heute weitgehende Vollmachten erteilen.« Sie unterschrieb einige Papiere und reichte sie Denise.

Noch während die Gutsbesitzerin die Papiere durchsah, wurde die Tür des Biedermeierzimmers aufgerissen, und Jonas stürzte, gefolgt von mehreren Kindern, in den Raum. Er rannte um den Tisch herum und kletterte auf den Schoß seiner Mutter. »Die Pferdchen mußt du dir ansehen, Mama«, rief er begeistert.

»Ist das weit zu laufen?« fragte seine Mutter.

»Ziemlich weit, Frau Kayser, aber wir können auch mit dem Wagen zur Koppel fahren«, erwiderte Denise. »Möchten Sie sich vorher noch das Heim ansehen?«

»Gern.« Die Besucherin schob ihren kleinen Sohn vom Schoß und stand auf.

»Dürfen wir mitkommen, Mutti?« fragte ein etwa neunjähriger Junge mit einem braunen, ziemlich verstrubbelten Haarschopf. Seine grauen Augen glänzten.

»Dann will ich Ihnen erst einmal die Rasselbande vorstellen, Frau Kayser«, sagte Denise. »Das hier ist mein Sohn Henrik.« Sie legte ihre Hand auf die Schulter des Jungen. »Meistens ist er ziemlich vorlaut.«

»Nur manchmal«, erklärte Henrik.

»So, und das sind Fabian und Angelika. Heidi haben Sie ja schon kennengelernt, und hinter ihr steht Monika, die nur für zwei Wochen in Sophienlust ist.«

»Wir bleiben immer hier«, warf Heidi ein. »Hier ist es am schönsten auf der ganzen Welt.« Beifallheischend blickte sie Fabian Schöller und Angelika Langenbach an.

»Stimmt nicht. Zu Hause bei meiner Mama und meinem Papa ist es viel schöner«, meinte Monika. »Aber hier bin ich auch gern«, fügte sie gnädig hinzu. Sie griff vertrauensvoll nach Margits Hand. »Wir zeigen Ihnen alles«, versprach sie.

»Das ist meine Mama.« Energisch schob Jonas das kleine Mädchen beiseite. »Meine Mama darf nur ich anfassen.«

»Aber Jonas!« warf Margit verlegen ein.

»Meine Mutter darf jedes Kind anfassen«, sagte Henrik großzügig. »Ich bin nicht eifersüchtig.«

»Du bist ja auch schon älter, Henrik.« Denise fuhr ihrem Sohn durch den Wuschelkopf. »Also, dann wollen wir mal.«

Während der nächsten Dreiviertelstunde führten die Kinder und Denise von Schoenecker Mutter und Sohn durch das ganze Gebäude. Margit lernte Schwester Regine und Frau Rennert kennen. Beide fand sie sehr sympathisch. Sie mußte ihrer Bekannten recht geben, in Sophienlust war ihr kleiner Sohn wirklich gut aufgehoben. Hier würde er nicht nur ausgezeichnet versorgt werden, sondern auch die Liebe bekommen, derer er bedurfte. Was immer geschah, sie konnte beruhigt in die Zukunft sehen.

»Ich will mitfahren, Mami«, schrie Jonas entsetzt, als sich Margit zwei Stunden später von ihm verabschiedete. »Mami, laß mich nicht allein!« Er klammerte sich an ihr fest.

»Es geht nicht, Liebling.« Margit küßte ihn zärtlich. »Ich kann dich nicht ins Krankenhaus mitnehmen. Sei ein lieber Junge, Jonas. Du weißt, ich habe dich sehr lieb.« Sie warf Denise einen hilfesuchenden Blick zu.

»Wir werden deine Mama im Krankenhaus besuchen, Jonas«, versprach Denise. Sanft löste sie die Finger des kleinen Jungen von dem Arm seiner Mutter. »Und du darfst auch mit deiner Mama telefonieren.«

»Jeden Tag?«

»Jeden Tag«, versprach Margit Kayser.

Jonas zog geräuschvoll die Nase hoch. »Du mußt aber bald wiederkommen, Mama«, verlangte er.

»Sobald ich kann«, entgegnete Margit. Sie küßte ihn noch einmal, dann reichte sie Denise von Schoenecker die Hand. »Danke für alles.« Rasch stieg sie in den Wagen, schlug die Tür zu und startete.

Jonas starrte dem Wagen seiner Mutter nach, bis er das offene Tor passiert hatte. »Andere Mamas sind nicht immer krank«, sagte er. »Andere Kinder haben immer ihre Mama und auch noch einen Papa, das ist ungerecht.«

»Soll ich dir meine Kaninchen zeigen?« fragte Heidi mitleidig. Sie nahm seine Hand. »Sie heißen Schneeweißchen und Rosenrot. Ich habe sie bekommen, als ich noch ganz klein war.«

»Ich mag keine Kaninchen«, behauptete der Junge, ging aber mit dem um ein Jahr jüngeren Mädchen mit.«

*

»Mußt du mir denn immer im Weg sein, David?« Ärgerlich schob Gisela May die Malutensilien des Sechsjährigen beiseite und drückte sie ihm in die Hand. »Wie oft soll ich dir noch sagen, daß du gefälligst mit diesem Dreck in deinem Zimmer zu bleiben hast?«

»Auf dem Tisch kann ich aber viel besser malen«, sagte David aufsässig. »Mein Papa hat es auch erlaubt.«

»Dein Papa muß ja auch nicht deinen Dreck wegputzen.« Sie umfaßte Davids Schultern und schob ihn

energisch in Richtung Kinderzimmer. »Und dann wasch dich! Schau nur mal in den Spiegel, wie du wieder aussiehst!«

David gab keine Antwort. Er ging in sein Zimmer und ließ die Tür heftig hinter sich ins Schloß fallen. »Ich kann dich gar nicht leiden, überhaupt nicht«, murmelte er vor sich hin. »Ich wünschte, du würdest endlich fortgehen!« Er drehte sich zur Tür um und streckte die Zunge heraus.

Gisela May war vor knapp zwei Jahren in sein Leben getreten, nachdem das Kindermädchen, das ihn bis dahin betreut hatte, ihrem Verlobten nach England gefolgt war. Anfangs war Gisela nett zu ihm gewesen, besonders im Beisein seines Vaters, aber nach und nach hatte sie die Freundlichkeit ihm gegenüber abgelegt. Er war ihr lästig, und das zeigte sie ihm nur allzu deutlich.

David legte die Malsachen auf seinen Tisch, dann kniete er sich auf die Fensterbank und blickte in den Garten. Schade, daß es regnete, draußen ließ es sich viel besser spielen. Bis der Papa nach Hause kam, dauerte es noch ewig. Ob er Ina und Udo besuchen konnte? Die hatten eine Mama und nicht nur eine Tante.

Er rutschte von der Fensterbank, schlüpfte in Gummistiefel und Parka, öffnete leise die Tür und huschte durch den Korridor. Gisela May war damit beschäftigt, ihre Augenbrauen auszuzupfen. Sie hörte nicht, wie die Haustür hinter David ins Schloß fiel.

»Regen, Regen, ich mag Regen«, sang der Junge vor sich hin, während er die Stufen zum Vorgarten hinunterhüpfte. Noch immer springend erreichte er die Gartentür. Da sie abgeschlossen war, kletterte er einfach darüber.

Ina und Udo Weibrecht wohnten nur einige Straßen weiter. David machte es nicht das geringste aus, durch den Regen zu laufen. Er hielt sein Gesicht dem Himmel entgegen und leckte die Regentropfen von seinen Lippen.

Fünf Minuten später hatte er den Wohnblock erreicht, in dem seine Freunde lebten. Er stellte sich auf Zehenspitzen und drückte auf die Klingel.

»Ja, bitte!« ertönte die Stimme Frau Weibrechts durch die Sprechanlage.

»Ich bin’s, David. Kann ich raufkommen?«

»Selbstverständlich.« Vor David sprang mit einem leisen Geräusch die Haustür auf.

Der kleine Junge rannte die Treppe zum vierten Stock hinauf. Die Wohnungstür der Weibrechts stand einladend offen. »Hier bin ich!« schrie er hinein.

»Komm nur, David!« rief Frau Weibrecht aus der Küche.

»Ich bin aber ganz naß.«

»Ach so, warte!« Sie legte die Teigrolle, die sie in den Händen hielt, auf den Tisch. »Macht keine Dummheiten!« befahl sie ihren beiden Kindern und trat in den Korridor. »Du siehst ja aus wie eine kleine Wasserratte«, meinte sie, als sie den Freund ihrer Kinder auf der Schwelle stehen sah. Sie holte rasch aus dem Badezimmer ein Handtuch, dann half sie ihm aus Parka und Gummistiefeln.

»Wir backen!« schrien Ina und Udo aus der Küche.

»Deshalb riecht es hier so gut.« David schnüffelte.