Endlich wieder eine Heimat - Anne Alexander - E-Book

Endlich wieder eine Heimat E-Book

Anne Alexander

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Beschreibung

Der Sophienlust Bestseller darf als ein Höhepunkt dieser Erfolgsserie angesehen werden. Denise von Schoenecker ist eine Heldinnenfigur, die in diesen schönen Romanen so richtig zum Leben erwacht. Das Kinderheim Sophienlust erfreut sich einer großen Beliebtheit und weist in den verschiedenen Ausgaben der Serie auf einen langen Erfolgsweg zurück. Denise von Schoenecker verwaltet das Erbe ihres Sohnes Nick, dem später einmal, mit Erreichen seiner Volljährigkeit, das Kinderheim Sophienlust gehören wird. »Ich will Eis, Frau Stein«, quengelte die kleine Danielle Lemmon. »Das heißt nicht, ich will, sondern ich möchte, bitte«, verbesserte sie die Haushälterin Edith Stein automatisch. Sie blieb mit den beiden Kindern vor einem Schaufenster stehen, um etwas zu verschnaufen. Schon am Morgen hatte sie sich nicht wohl gefühlt, obwohl sie die ihr vom Arzt verordneten Tabletten gleich nach dem Frühstück eingenommen hatte. »Ich will auch Eis«, meldete sich Danielles dreijähriges Schwesterchen Isabelle. Beide Mädchen hatten weiß­blonde Pagenköpfe und blaue Augen. »Du hast doch gehört, es heißt, ich möchte, bitte«, erklärte Danielle. Mahnend blickte sie ihre Schwester an, dann wanderte ihr Blick an der Frau hoch. »Wann gehen wir denn nun Eis kaufen?« »Nachher, Kinder, nachher«, seufzte Edith Stein auf. Es war dumm gewesen, ausgerechnet an diesem Tag einen Ausflug nach Wildmoos zu machen, aber sie mußte die Kinder ja irgendwie beschäftigen. Seit Frau Lemmon in Berlin war, hatte sie es ziemlich schwer mit ihnen gehabt. Instinktiv fürchteten die Kinder, nun auch noch ihre Mutter zu verlieren. Zwar hatte sie in den letzten Tagen ab und zu angerufen, doch was bedeutete das schon? »Wann nachher?«

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Sophienlust Bestseller – 7 –

Endlich wieder eine Heimat

Danielle und Isabelle können wieder lachen

Anne Alexander

»Ich will Eis, Frau Stein«, quengelte die kleine Danielle Lemmon.

»Das heißt nicht, ich will, sondern ich möchte, bitte«, verbesserte sie die Haushälterin Edith Stein automatisch. Sie blieb mit den beiden Kindern vor einem Schaufenster stehen, um etwas zu verschnaufen. Schon am Morgen hatte sie sich nicht wohl gefühlt, obwohl sie die ihr vom Arzt verordneten Tabletten gleich nach dem Frühstück eingenommen hatte.

»Ich will auch Eis«, meldete sich Danielles dreijähriges Schwesterchen Isabelle. Beide Mädchen hatten weiß­blonde Pagenköpfe und blaue Augen.

»Du hast doch gehört, es heißt, ich möchte, bitte«, erklärte Danielle. Mahnend blickte sie ihre Schwester an, dann wanderte ihr Blick an der Frau hoch. »Wann gehen wir denn nun Eis kaufen?«

»Nachher, Kinder, nachher«, seufzte Edith Stein auf. Es war dumm gewesen, ausgerechnet an diesem Tag einen Ausflug nach Wildmoos zu machen, aber sie mußte die Kinder ja irgendwie beschäftigen. Seit Frau Lemmon in Berlin war, hatte sie es ziemlich schwer mit ihnen gehabt. Instinktiv fürchteten die Kinder, nun auch noch ihre Mutter zu verlieren. Zwar hatte sie in den letzten Tagen ab und zu angerufen, doch was bedeutete das schon?

»Wann nachher?« Danielle reckte ihr Stubsnäschen jetzt noch etwas höher.

»Ich muß mich erst etwas hinsetzen, Kinder«, erwiderte Edith Stein erschöpft. Sie spürte einen unbestimmten Schmerz in ihrer Brust. »Dort drüben steht eine Bank. Wir gehen jetzt über die Straße.« Sie griff nach Isabelles Händchen.

»Da gibt’s Eis!« Danielle wies zu einem etwa fünfzig Meter entfernten Laden. Eine weiße Fahne mit blauen Buchstaben hing vor dem Schaufenster.

»Danielle, jetzt sei brav.« Edith Stein griff nun auch nach dem Händchen der Fünfjährigen.

»Frau Stein, bitte.«

»Nein, Danielle, jetzt komm!« Die Haushälterin merkte, wie alles vor ihren Augen zu verschwimmen begann. Mit letzter Kraft zog sie die Kinder auf die Straße.

»Wir können das Eis doch auch jetzt kaufen und nachher zu der Bank gehen«, maulte Danielle. »Wir…«

Sie kam nicht mehr dazu, ihren Satz zu beenden. Frau Stein ließ die Kinder los und sank lautlos in sich zusammen. Hart schlug sie auf der Fahrbahn auf. Ein Wagen, der von der rechten Seite kam, bremste mit blockierenden Reifen.

»Frau Stein!« schrie Danielle entsetzt auf. Sie sah, wie der Fahrer des Wagens ausstieg. Auf der anderen Straßenseite tauchten Leute auf. »Ich wollte nicht ungezogen sein, Frau Stein. Ich bin’s auch nie wieder.«

»Frau Stein, was ist denn?« Isabelle wollte sich neben die Haushälterin knien, doch Danielle griff nach der Hand ihrer jüngeren Schwester und zerrte sie dann weg. »Au!« schrie das kleine Mädchen ganz empört. »Ich sag’s Maman, daß du mir immer weh tust.«

»Wir müssen weglaufen, schnell, Isabelle!« Danielle zog die Kleinere auf den Bürgersteig zurück. Bevor noch jemand die Kinder halten konnte, waren sie schon hinter dem nächsten Haus verschwunden.

»Was ist den passiert?« Der Besitzer des Lebensmittelgeschäftes bahnte sich einen Weg durch die Passanten, die Frau Stein umstanden. »Hat jemand schon einen Arzt gerufen?«

»Ich rufe sofort an.« Eine Frau, die sich neben Edith Stein gekauert hatte, erhob sich. »Sie ist bewußtlos«, sagte sie.

Polizeimeister Kirsch bog gerade um die Ecke. Er stutzte, als er den Menschenauflauf auf der Wildmooser Hauptstraße sah. Schweigend machten ihm die Umstehenden Platz.

»Sie ist ganz plötzlich zusammengebrochen«, erklärte der Fahrer des Wagens, der Zeuge des Vorfalls gewesen war. »Zwei kleine Mädchen waren noch bei ihr. Sie sind weggelaufen. Vielleicht haben sie einen Schock.«

»Kennt jemand die Frau?« fragte Herr Kirsch. Allgemeines Kopfschütteln war die Antwort. »Wie sahen die Kinder aus?«

Während der Fahrer seine Angaben machte, traf Frau Dr. Anja Frey mit ihrem Wagen ein. Sie betrieb zusammen mit ihrem Mann eine Arztpraxis in Wildmoos. Ohne sich um die Passanten zu kümmern, kniete sie sich neben Edith Stein auf die Fahrbahn. Schon nach kurzer Untersuchung hob sie den Kopf.

»Herr Kirsch, rufen Sie bitte sofort einen Notarztwagen. Sagen Sie, daß Verdacht auf Herzinfarkt besteht. Es eilt.«

Der Polizeimeister klappte sein Notizbuch zu und spurtete davon. In diesem Moment dachte natürlich niemand an die Kinder. Die Stimme der Ärztin hatte so ernst und dringend geklungen, daß jede Minute kostbar war.

Frau Stein wurde in das nächste Haus transportiert und vorsichtig auf ein Bett gelegt. Während sich Anja Frey um sie kümmerte, blickte sie alle paar Minuten auf die Uhr. Sie fühlte, daß das Leben ihrer Patientin nur noch an einem seidenen Faden hing.

*

»Ich kann nicht mehr, Danielle«, jammerte Isabelle. Sie blieb stehen. »Ich geh nicht mehr weiter.« Demonstrativ ließ sie sich auf ihren Hosenboden fallen.

»Nur noch ein kleines Stückchen, Isabelle.«

»Warum laufen wir weg?«

»Das hab’ ich dir doch schon gesagt«, erwiderte Danielle ungehalten. »Wir waren ungezogen, und deshalb ist Frau Stein hingefallen und hat sich nicht mehr gerührt. Wir werden bestimmt bestraft.« Danielle starrte auf die Spitzen ihrer braunen Lederschuhe. »Ich wollte nicht ungezogen sein. Ich mag doch Frau Stein. Ich hab’ sie fast genauso lieb wie Papa und Maman.«

»Ich hab’ Frau Stein auch lieb«, erklärte Isabelle.

»Vielleicht ist sie tot«, flüsterte Danielle atemlos vor Angst. »Wenn sie tot ist, sind wir schuld.«

»Wie das Vögelchen?« fragte Isabelle entsetzt. Als Danielle nickte, füllten sich ihre Augen mit Tränen. Sie hatten vor einigen Tagen ihren Wellensittich begraben müssen.

»Komm, wir rennen weiter; ganz weit fort.« Danielle nahm wieder Isabelles Hand. »Wir verstecken uns, dann finden uns die Leute nicht.«

Die beiden Mädchen verließen Wildmoos in Richtung Schoeneich. Schon bald hatten sie das letzte Haus hinter sich gelassen. Sie rannten jetzt nicht mehr, sondern ließen sich Zeit. Isabelle ging immer langsamer. Sie stolperte bald nur noch an der Hand ihrer Schwester dahin. Jeder Stein schien ihr ein Bein stellen zu wollen.

»Wo verstecken wir uns denn?« fragte sie weinerlich. »Ich bin so müde, und ich habe Hunger und Durst.«

»Ich auch«, gab Danielle zu. Sie blickte geradeaus. Einige Meter vor ihnen begann der Wald. »Da verstecken wir uns!« Sie deutete mit ausgestrecktem Arm in Richtung der Bäume.

»Da ist’s aber so dunkel.« Isabelle blieb stehen.

»Du brauchst keine Angst zu haben, ich bin doch bei dir«, versicherte Danielle, aber ihre Stimme zitterte merkwürdig.

»Holt uns dann Maman?«

»Ja«, bestätigte Danielle, war sich dessen aber nicht sicher. Woher sollte ihre Maman wissen, wo sie waren? Sie nagte an ihrer Unterlippe. »Wir müssen nur auf sie warten«, fügte sie hoffnungsvoll hinzu.

Isabelle gab sich damit zufrieden. Sie umfaßte Danielles Hand etwas fester. Erschöpft marschierte sie neben ihr her auf den Wald zu.

Knapp eine Viertelstunde später waren sie im Wald verschwunden. Ängstlich drängten sich die beiden kleinen Mädchen aneinander. Danielle begann laut ein französisches Kinderlied zu singen, daß ihnen ihre Mutter beigebracht hatte. Als Isabelle nicht mit einstimmte, hörte sie wieder auf.

»Du mußt auch singen, Isabelle, dann kann uns niemand was tun«, sagte sie. »Wenn man Angst hat, muß man immer singen.«

Zögernd bewegten sich daraufhin Isabelles Lippen. »Sur le pont d’Avignon«, klang es durch den Wald.

Das Gebiet, in dem sich die beiden Kinder befanden, gehörte zum Gut Schoeneich. Einige Gutsarbeiter waren gerade dabei, Bäume zu markieren.

»Was ist denn das?« fragte Klaus Henrich. Er horchte in die Richtung, aus der der Gesang kam. »Hört sich nach Kindern an. Ob Henrik und seine Freunde sich mal wieder herumtreiben?«

»Glaube ich nicht, Henrik weiß, daß er hier momentan wirklich nichts zu suchen hat«, erwiderte sein Kollege.

»Du weißt doch, wie er ist.« Klaus Henrich grinste. »So ein richtiger Lausbub. Wenn ich mal einen Sohn hab’, dann soll er wie Henrik sein.«

»Dazu müßtest du erst die Trudi heiraten«, bemerkte Gerd Rösler. »Und wie ich dich kenne, wartest du damit, bis ihr beide alt und grau seid.«

»Ich geh und schau mal nach, was das für Kinder sind«, sagte Klaus Henrich. »Ich möcht nicht, daß sie sich hier herumtreiben, wenn es ans Fällen geht.« Er wartete die Antwort seines Kollegen erst gar nicht ab, sondern marschierte los.

»Und wenn die Maman nun nicht kommt?« fragte Isabelle, nachdem sie mit Singen aufgehört hatte.

»… petits bébés font comme ca«, sang Danielle unbeirrt weiter. Sie wollte gar nicht daran denken, daß die Maman sie nicht finden konnte.

»Danielle!« Isabelle zog energisch an der Hand ihrer Schwester. »Ich hab’ wieder Angst, Danielle.«

Die Fünfjährige wollte antworten, als sie den Mann zwischen den Bäumen hervortreten sah. »Komm, wir müssen weglaufen.« Sie zog Isabelle vom Weg.

»Bleibt stehen, warum lauft ihr denn fort?«

Die Kinder hörten nicht. Danielle zerrte ihre Schwester durch das Gestrüpp.

Klaus Henrich rannte den Kindern nach. Er konnte sie doch nicht einfach so laufen lassen. Sie brauchten bestimmt Hilfe. Schon bald hatte er sie eingeholt. Er hielt Danielle an den Schultern fest.

»Loslassen!« Isabelle versetzte den Mann einen heftigen Fußtritt.

»Ich sag’s der Polizei«, drohte Danielle. Sie versuchte, sich zu befreien.

»Ruhig, ganz ruhig.« Klaus Henrich nahm eine Hand von Danielles Schulter, griff nach Isabelle und hielt sie so weit von sich ab, daß sie ihn nicht mehr treten konnte. »Ich tu euch doch nichts! Habt ihr Angst?«

Isabelle zog die Nase hoch. »Bist du ein böser Mann?« Sie vergaß dabei völlig, daß man ihr beigebracht hatte, alle Fremden mit Sie anzusprechen.

Klaus Henrich lachte. »Nein, ich bin kein böser Mann, ich will euch doch nur helfen.« Er ließ Isabelle los. »Schaut mal zum Himmel. Es wird bald dunkel werden. Und bei Dunkelheit sollten kleine Mädchen nicht mehr allein im Wald herumspazieren.«

»Unsere Maman holt uns«, schwindelte Danielle.

»Maman?« Klaus runzelte die Stirn.

»So spricht man das nicht aus«, erklärte Danielle altklug.

»Ihr seid nicht von hier.« Der Waldarbeiter schaute sich die Kinder genauer an. »Wenn ihr aus Wildmoos oder Bachenau wäret, würde ich euch sicher kennen. Wohnt ihr in Sophienlust?«

»Was ist denn das?« fragte Danielle.

»Ein sehr schönes Kinderheim«, sagte Klaus. Er ließ Danielle los. »Versuch nicht wieder auszureißen, du weißt, ich hole dich doch ein. Wenn ich nur wüßte, wo ihr hingehört.« Er seufzte auf. »Willst du es mir nicht sagen, kleines Fräulein?«

Danielle schüttelte den Kopf. »Wir möchten jetzt gehn«, erklärte sie.

»Ich bring euch nach Schoeneich«, entschied der Gutsarbeiter. »Frau von Schoenecker wird wissen, was zu

tun ist.« Er nahm einfach die Hände der Kinder. »Habt ihr Hunger und Durst?«

»Ganz großen«, versicherte Isabelle. Hoffnungsvoll sah sie zu ihm auf. »Wir wollten Eis, aber dann ist Frau Stein… Au!« Danielle hatte ihr blitzschnell einen Stoß verpaßt.

»Das war aber gar nicht nett von dir.« Strafend blickte Klaus die Fünfjährige an. »Bist du immer so grob zu deiner Schwester? Sie ist doch deine Schwester?«

Danielle gab keine Antwort.

»Wie heißt ihr überhaupt?«

»Sag ja nichts, Isabelle!« befahl Danielle. Sofort legte sie ihre freie Hand auf den Mund. »Oh, jetzt hab’ ich verraten, wie du heißt.«

»Ist das so schlimm?« Klaus Henrich mußte ein Schmunzeln unterdrücken. Er ging mit den beiden Mädchen zur Straße zurück. »Wie wäre es, wenn du mir jetzt auch noch deinen Namen sagst.«

Danielle schüttelte heftig den Kopf.

»Da steckst du!« Gerd Rösler kam ihnen auf der Straße entgegen. »Ich habe mich schon gefragt, wo du bleibst.« Er schaute die Kinder an. »Steht dir gut, deine Rolle als Ersatzvater«, spöttelte er. »Was sind denn das für Kinder?«

Klaus hob die Schultern und ließ sie wieder fallen. »Ich bringe sie nach Schoeneich. Frau von Schoenecker wird sich bestimmt um sie kümmern.« Er wies auf Isabelle. »Wie das Küken heißt, weiß ich inzwischen. Isabelle ist ihr Name.«

Gerd zwinkerte ihm zu. »Na, so einen schönen Namen hat dein anderer Schützling sicher nicht.«

»Meiner ist auch schön. Ich heiß Danielle«, protestierte die Fünfjährige.

»Jetzt hast du alles verpetzt.« Isabelle lachte.

Danielles Augen füllten sich mit Tränen. Sie wischte sich mit ihrer freien Hand über die Augen.

»Mach dir nichts draus«, meinte Gerd Rösler. Er strich dem Mädchen durch die Haare. »Es wird alles wieder gut, glaub mir. Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird.«

*

»Die beiden können sich doch nicht in Luft aufgelöst haben«, meinte Denise von Schoenecker. Sie hatte durch einen Anruf der Polizei von den vermißten Kindern erfahren und sofort mit den ältesten Zöglingen Sophienlusts eine Suchmannschaft zusammengestellt. Inzwischen waren schon zwei Stunden vergangen, ohne daß jemand die Kinder gesehen hatte.

»Sollte man wenigstens meinen«, erwiderte Frau Rennert. Sie stand auf und blickte durch das Fenster nach draußen. »Bald wird es dunkel. Nicht auszudenken, was alles geschehen kann, wenn die Kinder in den Wald gelaufen sind und nicht gefunden werden.«

»Mein Mann wollte ein paar Arbeiter zusammentrommeln. Er ist seit mindestens einer Stunde unterwegs. Die Kinder können doch eigentlich nicht so weit gekommen sein. Der Beschreibung nach handelt es sich um kleine Mädchen.«

»Und die roten Jacken müßten zudem jedermann auffallen.«

»Scheinbar doch nicht.« Denise seufzte auf. »Ich nehme an, sie haben einen Schock bekommen und sind deshalb fortgelaufen. Sie könnten sich auch in einem Keller versteckt haben.«

»Ich habe…« Frau Rennert wandte sich dem Schreibtisch zu, weil das Telefon klingelte. Sie meldete sich und reichte gleich darauf den Hörer an Denise weiter. »Ihre Köchin«, sagte sie.

»Ja, Martha?« sprach Denise in die Muschel.

»Herr Henrich war eben hier, Frau von Schoenecker«, sprudelte die Köchin aufgeregt hervor. »Und was meinen Sie, wen er gebracht hat? Die Kinder, ich meine die vermißten Mädchen. Er hat sie im Wald entdeckt. Ich hab’ ihn mit den beiden nach Sophienlust geschickt.«

»Das ist eine wundervolle Nachricht, Martha. Danke, daß Sie gleich angerufen haben.« Denise legte auf und wandte sich an Frau Rennert. »Unsere beiden Ausreißer werden gleich hier eintreffen.«

»Dann werde ich dafür sorgen, daß warmer Kakao und Plätzchen bereitstehen. Die Kinder werden Durst und Hunger haben.« Die Heimleiterin ging hinaus, um mit der Köchin Magda, einer Schwester Marthas, zu sprechen.

Denise rief die Polizei in Wildmoos an und bat Polizeimeister Kirsch, die Nachricht weiterzugeben. Anschließend wählte sie die Nummer des Maibacher Krankenhauses. Vom zuständigen Arzt erfuhr sie, daß die Patientin noch immer bewußtlos war. Sie unterrichtete ihn davon, daß man die Kinder gefunden hatte.

Noch während die Verwalterin mit dem Krankenhaus telefonierte, traf Klaus Henrich mit Isabelle und Danielle in Sophienlust ein. Er parkte seinen Wagen vor der weißen Freitreppe und stieg aus.

»Endstation«, rief er den Kinder zu, die auf dem Rücksitz saßen.

»Ist das auch ein Schloß?« fragte Danielle. Kurz zuvor hatte sie bereits das Gutshaus von Schoeneich für ein Schloß gehalten. »Wohnt da eine Prinzessin?«

»Nein, hier wohnt keine Prinzessin«, versicherte Klaus. Er nahm die beiden kleinen Mädchen bei den Händen und stieg mit ihnen die Stufen hinauf.

Schwester Regine hatte den Wagen vorfahren hören. Sie kam den Ankömmlingen in der Halle entgegen.

»So, da wären die Ausreißer, Schwester Regine.« Strahlend übergab Klaus Henrich der Kinder- und Krankenschwester die Mädchen.

»Wer seid ihr denn?« Hinter Regine Nielsen tauchte die kleine Heidi Holsten auf, das jüngste der Dauerkinder von Sophienlust. »Mir hat gar niemand gesagt, daß Neue kommen. Schwester Regine, warum hast du mir denn nichts verraten?«

»Ich habe es selbst erst vor wenigen Minuten erfahren«, erwiderte die Kinderschwester. Sie wandte sich an Isabelle und Danielle. »Was würdet ihr von Kakao und Plätzchen halten? So etwas mögt ihr doch sicherlich.«

»Ja«, bestätigte Isabelle.

»Ich auch«, stimmte Danielle zu.

»Ich mag auch Kakao und Plätzchen«, erklärte Heidi.

»Du bist natürlich mit von der Partie«, sagte Denise von Schoenecker, die aus dem Empfangszimmer kam. Sie ging auf die beiden Mädchen zu. »Ich bin Tante Isi«, stellte sie sich vor. »Und wie heißt ihr?«

Danielle zögerte mit der Antwort. Sie blickte zu Klaus Henrich hin. »Danielle«, sagte sie dann ergeben.

»Ein hübscher Name«, meinte Denise. »Und wie heißt du, mein Kleines?« fragte sie Danielles Schwesterchen.

»Isabelle.«

»Habt ihr auch einen Nachnamen?«

»Ich hab’ Hunger«, überging Danielle die Frage und legte ihr Köpfchen zur Seite. »Wann kriegen wir denn Kakao und Plätzchen?«

»Gleich«, versprach Denise. »Herr Henrich, Sie sind ebenfalls herzlich eingeladen.«

»Nett von Ihnen, Frau von Schoenecker, danke, aber ich muß wieder in den Wald. Gerd und ich wollen heute noch mit dem Markieren der Bäume fertig werden.« Er tippte mit dem rechten Zeigefinger an seine Mütze. »Auf Wiedersehen!«

»Auf Wiedersehen, Herr Henrich!« Denise begleitete ihn zum Portal.

Schwester Regine führte die Kinder währenddessen in den Speisesaal, wo die Köchin bereits einen der Tische gedeckt hatte. Heidi verschwand in der Küche, um noch einen Becher für sich zu holen.

Danielle und Isabelle setzten sich brav an den Tisch, griffen aber nicht sofort zu, sondern warteten, bis sie von Schwester Regine dazu aufgefordert wurden.

»Schmeckt es?« fragte Denise. Sie zog sich einen Stuhl herbei und nahm ebenfalls Platz.

Danielle nickte. »Daheim haben wir auch so gute Kekse«, meinte sie und griff zu.

»Dann bäckt deine Mama sicher genauso gern wie unsere Köchin«, entgegnete Denise.

»Unsere Maman bäckt doch nicht!« Danielle sah sie etwas empört an. »Backen tut die Frau Stein. Maman malt immer.«

»Was malt sie denn?«

»Kleider, ganz schöne Kleider.«

»Manchmal bringt sie uns Stoff mit und Frau Stein macht dann Kleider für unsere Puppen«, erzählte Isabelle in ihrer kindlichen Sprache. »Frau Stein ist richtig lieb. Wir wollten nicht, daß sie hinfällt.«

»Ist Frau Stein eure Haushälterin?«

Danielle war der Meinung, daß sie schon genug verraten hatten. »Wir wollen nicht darüber sprechen«, erklärte sie. »Maman sagt immer, daß wir nicht mit fremden Leuten reden sollen.« Sie griff wieder in die Gebäckschale.

»Warum redet ihr denn so komisch?« meldete sich Heidi zu Wort, die bis dahin äußerst beschäftigt damit gewesen war, einen Keks nach dem anderen zu verdrücken. »Das heißt doch Mama.«

»Ich glaube, Danielles und Isabelles Mama ist Französin, deshalb sagen sie Maman«, erklärte Denise von Schoenecker. »Stimmt das, Danielle? Ist eure Mama Französin?«

»Maman ist aus Paris.« Danielle stellte ihren Kakaobecher auf den Tisch zurück.

Schwester Regine nahm Heidi bei der Hand. »Komm, wir gehen noch etwas in den Park, bevor es ganz dunkel wird«, schlug sie vor.

»Ich möchte aber lieber dableiben.«

»Nichts da.« Regine zog sie liebevoll vom Stuhl.