Sophienlust Classic 1 – Familienroman - Patricia Vandenberg - E-Book
Beschreibung

Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren: Denise von Schoenecker verwaltet das Erbe ihres Sohnes Nick, dem später einmal, das Kinderheim Sophienlust gehören wird. Sophie von Wellentin saß in ihrem Lehnsessel in dem riesigen Wohnraum des Gutshauses, das sich seit vier Generationen im Besitz ihrer Familie befand. Wohlgemerkt in ihrer Familie, nicht in derer von Wellentin. "Sophienlust" hatte ihre lebensfrohe Großmutter es einstmals genannt. Sie hatte dem Haus und auch ihr, der Enkelin, diesen Namen gegeben. Aber Sophie von Wellentin war bei weitem nicht so lebensfroh wie ihre verstorbene Ahnin. Der Notar Dr. Brachmann, nicht viel jünger als die Gutsherrin, betrachtete die alte Dame mit wachsamen Augen. Gestern hatte sie ihren fünfundsiebzigsten Geburtstag gefeiert. Sie hatte sich sehr zusammengenommen, doch heute bemerkte man, wie erschöpft sie war. "Sie wundern sich bestimmt, daß ich Sie heute nochmals rufen ließ, lieber Doktor Brachmann?" fragte sie mit ihrer leisen angenehmen Stimme. "Ich möchte mein Testament ändern", fuhr sie fort. "Und zwar noch heute, denn ich habe keine Zeit mehr zu verlieren." "Sie wollen Ihr Testament ändern?" fragte der Anwalt verblüfft. "Aber Sie haben doch gar keine Angehörigen, außer Ihrem Sohn und seiner Gattin." "Das meinen Sie, und das meinen die anderen", erklärte sie spöttisch.

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Sophienlust Classic – 1–

Dominik erbt ein Schloss

Nach trauriger Zeit endlich ein Zuhause!

Patricia Vandenberg

Sophie von Wellentin saß in ihrem Lehnsessel in dem riesigen Wohnraum des Gutshauses, das sich seit vier Generationen im Besitz ihrer Familie befand. Wohlgemerkt in ihrer Familie, nicht in derer von Wellentin.

»Sophienlust« hatte ihre lebensfrohe Großmutter es einstmals genannt. Sie hatte dem Haus und auch ihr, der Enkelin, diesen Namen gegeben. Aber Sophie von Wellentin war bei weitem nicht so lebensfroh wie ihre verstorbene Ahnin.

Der Notar Dr. Brachmann, nicht viel jünger als die Gutsherrin, betrachtete die alte Dame mit wachsamen Augen. Gestern hatte sie ihren fünfundsiebzigsten Geburtstag gefeiert. Sie hatte sich sehr zusammengenommen, doch heute bemerkte man, wie erschöpft sie war.

»Sie wundern sich bestimmt, daß ich Sie heute nochmals rufen ließ, lieber Doktor Brachmann?« fragte sie mit ihrer leisen angenehmen Stimme.

»Ich möchte mein Testament ändern«, fuhr sie fort. »Und zwar noch heute, denn ich habe keine Zeit mehr zu verlieren.«

»Sie wollen Ihr Testament ändern?« fragte der Anwalt verblüfft. »Aber Sie haben doch gar keine Angehörigen, außer Ihrem Sohn und seiner Gattin.«

»Das meinen Sie, und das meinen die anderen«, erklärte sie spöttisch. »Ich aber weiß seit vier Wochen, daß ich einen Urenkel besitze.«

»Einen Urenkel?« wiederholte Dr. Brachmann ungläubig. »Dietmar ist seit fünf Jahren tot!«

»Ja, er ist seit fünf Jahren tot«, wiederholte sie traurig. »Aber sein Sohn lebt! Der Junge ist fast fünf Jahre alt, und er wird mein alleiniger Erbe sein!«

»Gnädige Frau, ich bitte Sie zu bedenken, Sie könnten falschen Informationen zum Opfer gefallen sein. Oder jemand könnte versuchen, sich auf unlautere Weise zu bereichern. Da war doch jene Tänzerin. Wie hieß sie doch?«

»Denise Montand«, antwortete die alte Dame.

»Und sie ist auch die Mutter meines Urenkels Dominik. Wir alle haben diese Affäre damals mit einer Handbewegung abgetan. Aber jetzt weiß ich, daß Dietmar dieses Mädchen kurz vor seinem Tod geheiratet hat. Es ist ein eheliches Kind! Verstehen Sie, Doktor Brachmann? Es gibt seit fast fünf Jahren einen Dominik von Wellentin, aber niemand wußte es.«

Eine Weile herrschte Schweigen.

»Ich komme da nicht mit«, meinte der alte Herr. »Wenn es so ist, warum hat diese junge Frau dann niemals Ansprüche geltend gemacht?«

»Sie besitzt etwas, das wohl niemand voraussetzte: Würde und Stolz. Deshalb konnte sie nicht bei Menschen betteln, die sie verächtlich von ihrer Tür gewiesen hätten. Es war mir ein dringendes Bedürfnis, mich Ihnen anzuvertrauen. Ich hoffe, daß ich mich auf Ihre völlige Diskretion verlassen kann.«

»Sie kennen mich lange und gut genug, gnädige Frau, um Ihnen meine Diskretion nicht versichern zu müssen.«

Sie nickte. »Vorerst weiß weder mein Sohn noch meine Schwiegertochter etwas davon. Deshalb muß ich ein Testament hinterlassen, das unanfechtbar ist. Ich möchte auch, daß Sie Dominik von Wellentin und seiner Mutter zur Seite stehen, da ich dazu nicht mehr in der Lage sein werde. Ich wage es nicht, mit dieser großartigen jungen Frau persönlich zu sprechen. Ich würde mich zu sehr schämen für das, was ich versäumte, obgleich Dietmar mir vertraute. Ich war so engstirnig, wie mein Sohn und seine Frau es heute noch sind, obgleich sie ihren einzigen Sohn verloren haben. Sie werden sich wohl auch nicht mehr ändern und für meine Handlungsweise kein Verständnis aufbringen. Aber wenn man sich an der Schwelle des Todes befindet, dann sieht man alles mit anderen Augen. Ich möchte nicht sterben, ohne Gottes Vergebung zu erlangen, nur er kann mir vergeben. Von dieser jungen Frau und von einem Kind darf ich es nicht erwarten. Und jetzt werde ich Ihnen die Vorgeschichte erzählen.«

*

Es war an einem Sommertag, als Dietmar von Wellentin zu seiner Großmutter kam, nachdem er mit seinem Vater eine harte Auseinandersetzung gehabt hatte.

Dietmar war erst vierundzwanzig Jahre alt, und er war auch kein Wellentin, wie ihn seine Großmutter sich gewünscht hatte. Dennoch liebte sie Dietmar, der von seinem Vater verwöhnt und von seiner Mutter vergöttert wurde.

»Ich soll Barbara von Borken heiraten, Großmama«, hatte er zornig gesagt.

»Ich weiß, sie ist ein sehr hübsches und gebildetes Mädchen«, hatte Sophie von Wellentin erwidert.

»Aber ich liebe Denise, Großmama. Denise Montand. Ich will sie heiraten! Ja, ich muß sie sogar heiraten, denn sie erwartet ein Kind von mir!«

Sophie von Wellentin sah Dr. Brachmann an.

»Sie können sich vorstellen, wie entsetzt ich war«, sprach sie mit leiser, aber ruhiger Stimme weiter. »Mein Enkel und eine Tänzerin! Ein Skandal! Dietmar gestand mir auch sogleich, daß er bereits mit seinem Vater gesprochen und kein Verständnis gefunden hätte.«

»Bist du überzeugt, daß es dein Kind ist?« hatte sein Vater ihn höhnisch gefragt.

»Wieviel Affären mag sie haben? Eine Tänzerin…! Du hast uns schon mancherlei geboten, Dietmar, und ich habe immer ein Auge zugedrückt, aber das ist zuviel. Nein, niemals wirst du diese Frau heiraten! In diesem Augenblick wärst du mein Sohn nicht mehr. Nicht einen Pfennig würdest du von mir bekommen.«

»Dietmar hat mir alles erzählt«, fuhr Sophie von Wellentin nach einer kurzen Atempause fort, »aber auch ich war geneigt, diese Tänzerin zu verdammen. Ich glaubte nicht an eine große, beständige Liebe. Ganz wollte ich ihn allerdings auch nicht im Stich lassen. Ich gab Dietmar zwanzigtausend Euro und bat ihn inständig, diese Affäre aus der Welt zu schaffen und das Mädchen abzufinden. Fast hatte ich den Eindruck, daß Dietmar zur Einsicht kommen würde. Aber es war das letzte Mal, daß ich ihn lebend sah. Wenig später verunglückte er in den Vogesen tödlich. Denise Montand trat nie in Erscheinung.«

»Aber…«, Dr. Brachmann geriet ins Stocken, »wie kamen Sie jetzt auf den Gedanken, Nachforschungen anzustellen?« fragte er. »Ich muß doch annehmen, daß Ihre Informationen auf solchen beruhen.«

Für einige Minuten versank die alte Dame wieder in Schweigen. »Der Himmel wollte es wohl, daß ich zur Einsicht komme«, flüsterte sie.

»Wie Sie wissen, war ich vor vier Wochen zur Kur in Ischia. Viel genützt hat es meiner Gesundheit nicht mehr, aber es sollte wohl so sein, daß dort eine Denise Montand eine Verletzung auskurierte, die sie beim Tanzen erlitten hatte. Man sprach viel darüber.

Sie ist eine sehr schöne Frau. Man konnte sie allerdings nur aus der Ferne bewundern, denn sie lebte völlig zurückgezogen.

Der Name war mir plötzlich in Erinnerung gekommen. Ich beobachtete sie.

Ein junges Mädchen begleitete sie des öfteren, und eines Tages sah ich einen kleinen Jungen an ihrer Hand, bei dessen Anblick mir der Atem stockte. Ich sah Dietmar, als er ein Kind war.

Es war nicht einfach, an Denise Montand heranzukommen, aber eines Tages gelang es mir, mit ihr bekannt gemacht zu werden.«

Sie sprach jetzt jedes Wort mit Überlegung aus, und Dr. Brachmann sah diese Szene, die sich vor einigen Wochen abgespielt hatte, plastisch vor seinen Augen.

»Frau Montand?« sagte Sophie von Wellentin. »Ich habe Ihren Namen schon gehört, Sie sind Tänzerin. Ich hörte von Ihrem Unfall. Mein Name ist Sophie von Wellentin.«

Denise Montand erblaßte. Ihre Lippen bebten.

»Ich bedauere, gnädige Frau«, erwiderte sie kühl. »Ich habe diesen Namen noch nie gehört.«

Sophie von Wellentin seufzte. »Ich wußte nicht mehr, was ich sagen sollte. Sie verabschiedete sich rasch, und einen Tag später war sie aus Ischia abgereist. Ich setzte alle Hebel in Bewegung, um ihren Aufenthaltsort in Erfahrung zu bringen. Endlich gelang es mir. Sie lebt zurückgezogen in Paris. Ihr Sohn aber befand sich wieder in dem Heim, in dem sie ihn vor drei Jahren untergebracht hatte. Übrigens in einem sehr guten privaten Kinderheim.

Ich fuhr dorthin. Eine beträchtliche Zuwendung machte die Leiterin sehr redselig.

Dominik lebt dort unter dem Namen Montand. Aber ich erhielt den Beweis, daß Dietmar die Mutter seines Kindes einige Wochen vor seinem Tod geheiratet hatte. Ich konnte das Kind sehen und auch sprechen. Ich gab mich allerdings nicht zu erkennen. So tief beschämt war ich noch nie in meinem Leben. Wir hatten diese Frau in Grund und Boden verdammt, und sie war so großartig, daß ich keine Worte dafür finde. Ich schickte seiner Mutter einen Brief und Geld. Beides kam zurück. Es müsse sich um einen Irrtum handeln, schrieb sie. Sonst nichts.«

»Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll«, meinte Dr. Brachmann.

»Sie brauchen nichts mehr zu sagen, mein Freund. Sie werden mein neues Testament aufsetzen und zwar so, daß Denise Montand es akzeptieren muß und niemand es anfechten kann!«

*

»Manchmal verstehe ich dich wirklich nicht, Isi«, sagte Claudia Rogers zu Denise Montand. »Warum hast du das Geld zurückgeschickt? Wenn schon einmal ein Mitglied dieser bornierten Familie eine menschliche Regung zeigt, hättest du es ruhig annehmen können. Es steht dir schließlich zu, und wenn nicht dir, dann Nick. Fünf Jahre hast du allein für das Kind gesorgt. Es ist dir doch wahrhaftig nicht leichtgefallen.«

»Viereinhalb Jahre«, berichtigte Denise. »Ich habe die ärgste Zeit geschafft, und die zwanzigtausend Euro, die Dietmar mir gegeben hatte, sind für Nick gut angelegt. Davon wird er seine Berufsausbildung bestreiten können. Ich will mit dieser Familie nichts zu schaffen haben.«

»Aber Nick trägt ihren Namen, vergiß das nicht!« mahnte Claudia.

»Ja, er trägt den Namen seines Vaters, aber er ist mein Kind. Seine Mutter hat man verachtet. Eine Tänzerin! Unglaublich, daß ein von Wellentin eine Tänzerin heiraten wollte. Ich habe es nicht vergessen.«

»Aber er wollte doch seine Familie von der Heirat unterrichten!«

»Dazu kam es nicht. Er starb vorher, und vielleicht war es gut so.«

»Du hast ihn doch geliebt, Isi«, sagte Claudia niedergeschlagen.

»Ja, ich liebte ihn, aber ich wußte nicht, daß er ein Schwächling war. Mein Sohn soll einmal ein ganzer Mann werden. Dominik wird mich nicht enttäuschen, ich weiß es.«

»Du bist verbittert«, flüsterte Claudia, die einzige Vertraute der schönen Frau.

»Dietmar ist tot«, erwiderte Denise leise. »Ich weiß nicht, mit welchen Gedanken er starb. Aber manchmal fürchte ich, daß er wohl doch nicht durchgehalten hätte, Claudi. Und ich kann dir nur immer wieder raten: Schau dir die Männer ganz genau an, bevor du einem vertraust.«

»Aber du liebst Dominik. Du  hättest ihn doch niemals weggegeben, wenn du nicht Geld verdienen müßtest. Jetzt aber mußt du den Tatsachen ins Auge sehen, Isi! Du wirst nie mehr tanzen können. Das Heim kostet eine Menge Geld. Wenn dir schon Hilfe angeboten wird, solltest du sie nehmen.«

Denise sah das junge Mädchen an.

»Du stehst wenigstens mit beiden Beinen mitten im Leben, Claudi«, lächelte sie. »Ich bin froh, daß ich dich habe und mit dir sprechen kann. Aber von dieser Familie laß uns bitte schweigen.«

»Du hast Nick versprochen, ihn zu dir zu nehmen. Er wird nicht verstehen, warum es plötzlich nicht mehr möglich sein soll.«

»Er ist sehr vernünftig und wird begreifen, daß ich mir erst einen neuen Beruf suchen muß. Tanzen kann ich nicht mehr. Was soll ich tun, Claudi?«

»Du hättest das Geld nehmen sollen. Dann hättest du dir eine Existenz aufbauen können. Eine hübsche Pension an der Riviera vielleicht, oder eine Boutique. Die alte Dame machte doch wirklich einen guten Eindruck.«

»Vielleicht hat ihr Gewissen geschlagen? Aber ich kann nicht vergessen, daß man mich wie ein billiges Mädchen behandelt hat, das sich anmaßte, einen von Wellentin an sich zu binden. Und ich kann mir nicht verzeihen, daß ausgerechnet Dietmar der Vaters meines Kindes sein muß.«

Plötzlich verließ sie die Beherrschung. »Ich hatte ihn so lieb, Claudi, so unendlich lieb. Ich werde nie erfahren, ob er so geworden wäre, wie ich ihn mir wünschte.«

»Du mußt zu Nick fahren und ihm sagen, daß es noch eine Zeit dauern wird, bis du ihn zu dir nehmen kannst«, mahnte Claudia, ihre Erschütterung unterdrückend. »Herrgott, wenn doch wenigstens ich Geld hätte! Aber warum mußt du dir ausgerechnet eine so arme Freundin aussuchen?«

»Weil ich dich sehr, sehr gern habe, Claudi«, erwiderte Denise herzlich. »Wir sind doch richtige Freundinnen.«

Sie erinnerten sich beide des Tages, als sie sich kennenlernten. Claudia war Lernschwester in der Klinik, in der Denise ihren Sohn zur Welt brachte.

Zuerst hatte die Sechzehnjährige in ihr nur die schöne Frau bewundert. Ganz langsam aber hatte sich das elternlose Mädchen immer inniger an Denise angeschlossen. Denise hatte bald gespürt, daß es mehr als eine flüchtige Zuneigung war. Sie war für Claudia Freundin und Schwester zugleich geworden, und eines Tages hatte das junge Mädchen dann ihr Schicksal erfahren. Je mehr Denise sich in sich selbst zurückzog und nur noch für ihren Sohn lebte und arbeitete, desto

energischer wurde Claudia, um ihrer Freundin zu helfen.

»Sehen wir alles jetzt einmal ganz objektiv, Isi«, meinte sie. »Dein Geld ist aufgebraucht. Das Geld für Dominik willst du nicht anrühren. Aber Nick glaubt an dich. Er freut sich darauf, bei dir sein zu dürfen. Was ich verdiene, würde uns das Existenzminimum sichern, und du weißt, wie gern ich mit dir teile. Aber enttäuschen darfst du den Jungen nicht.«

Denise ergriff ihre Hand. »Ich werde ihn nicht enttäuschen, Claudi.«

*

Das Kinderheim, in dem Denise ihren Sohn untergebracht hatte, trug den Namen »Haus Bernadette«. Leiterin war Madame Merlinde. Sie war über fünfzig, liebte es aber, sich jünger zu geben. Was immer man an ihr persönlich auch auszusetzen hatte, das Heim war gut geführt. Dominik hatte sich nie beschwert. Was er vermißte, war, daß er seine Mutter so selten sehen durfte. Das zeigte sich, als Denise kam und er sie schon von weitem entdeckte, als hätte er sie längst erwartet.

»Mutti, geliebte Mutti!« Mit diesem Jubelruf lief er ihr entgegen. »Ich dachte schon, du wärst krank.«

Er klammerte sich an sie, küßte sie stürmisch und wollte sie gar nicht mehr freigeben. »Ich habe so sehr auf dich gewartet, Mutti! Hattest du vergessen, daß du mich holen wolltest?«

»Ich konnte nicht früher kommen, Nick«, erwiderte sie traurig. »Du mußt mich verstehen, mein Kleiner! Du bist doch so vernünftig.«

»Hast du noch keine Arbeit gefunden?« erkundigte er sich zaghaft.

»Nein, das ist sehr schwierig, Nick. Ich muß doch einen Beruf haben, wo ich Zeit für dich habe. Allein kann ich dich doch nicht lassen.«

Nicks Gesicht wurde immer betrüblicher. Er war ein bildhübscher Junge mit verträumten dunklen Augen, die von langen Wimpern umgeben waren, lockigem blauschwarzem Haar und zierlichem Wuchs. Schmerzhaft wurde es Denise bewußt, wie wenig sie ihn bisher bei sich gehabt hatte. Gewiß waren es jedes Jahr ein paar Ferienwochen gewesen, aber die übrige Zeit zählte wohl doppelt, denn immer mußte sie erst gewisse Hemmungen überwinden, bis sie so mit ihm sprechen konnte, wie sie es sich wünschte. Sie fühlte sich schuldbewußt, daß sie nicht mehr Zeit für ihn aufbringen konnte.

Sie hatte hart gearbeitet und gut verdient, aber fast die Hälfte ihrer Einnahmen hatte sie für Dominik verwandt.

Sie hatte ihn nicht in irgendein Heim geben wollen, sondern war darauf bedacht gewesen, daß es ihm an nichts fehlte.

Die unbeantworteten Fragen, die Dietmars früher Tod aufgeworfen hatten, waren eine Belastung für sie gewesen. Aber nicht einen Augenblick hatte sie gezögert, alle Verantwortung für das Kind auf sich zu nehmen.

Die flüchtige Begegnung mit Dietmars Großmutter hatte neue Probleme für sie aufgeworfen. Die alte Dame hatte ihre Bekanntschaft gesucht, sie aber hatte dieser ausweichen wollen.

Warum nur besaß sie diesen Stolz, den sie sich doch gar nicht leisten konnte? Immerhin war es eine Tatsache, daß Dominik ein Wellentin war.

Sie mußte jetzt oft daran denken, wenn sie ihn sah. Er war seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Nur das dunkle Haar hatte er von ihr.