Sophienlust - Die nächste Generation 23 – Familienroman - Simone Aigner - E-Book

Sophienlust - Die nächste Generation 23 – Familienroman E-Book

Simone Aigner

4,0

Beschreibung

Rico Toccaceli warf lustlos Pullover, T-Shirts, Hosen und Socken in den Koffer, der aufgeklappt auf seinem Bett lag. In zwei Stunden musste er fertig sein. Dann wollten seine Eltern ihn und seine kleine Schwester Rebecca in das Kinderheim Sophienlust in der Ortschaft Wildmoos bringen. Er sah kaum, nach welchen Kleidungsstücken er griff. Der Tag war trüb und der Himmel grau, wie seine Stimmung. Rico warf zwei Jeans in Richtung Bett, die eine landete im Koffer, die andere auf dem Boden. So. Das musste reichen. Er und Rebecca sollten schließlich nur einige Wochen in Sophienlust bleiben und nicht den Rest ihres Lebens. Ehe er die Tür seines Kleiderschrankes wieder schloss, blieb sein Blick an einem Foto hängen, das an der Innenseite klebte. Es zeigte ihn zusammen mit Viola, seiner Ex-Freundin. Das blonde Mädchen, das ihm bis knapp zu den Schultern ging, schmiegte sich in seine Arme und lächelte selbstbewusst in die Kamera. Rico spürte einen Stich von der Kehle bis in den Magen. Vor drei Wochen hatte Viola sich von ihm getrennt. Seitdem war sie mit Cornelius zusammen. Cornelius war schon 23 Jahre und besaß einen roten Porsche in Cabrio-Version. Außerdem finanzierten ihm seine Eltern eine Zwei-Zimmer-Wohnung mit Dachterrasse im Zentrum von Hainbühl und dennoch mit Blick ins Grüne, und knapp bei Kasse war der Sohn des Bankmanagers Schrambach nie. Rico wusste, dass Cornelius seinen Freundinnen gegenüber immer sehr großzügig war. Das gefiel Viola, davon war er überzeugt. Er dagegen bekam ein kleines Taschengeld von seinen Eltern, und wenn er Gelegenheit hatte, verdiente er sich ein paar Euro mit Nachhilfe-Unterricht.

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Sophienlust - Die nächste Generation – 23 –

Herzklopfen in Sophienlust

Irmela erlebt ihre erste Liebe...

Simone Aigner

Rico Toccaceli warf lustlos Pullover, T-Shirts, Hosen und Socken in den Koffer, der aufgeklappt auf seinem Bett lag. In zwei Stunden musste er fertig sein. Dann wollten seine Eltern ihn und seine kleine Schwester Rebecca in das Kinderheim Sophienlust in der Ortschaft Wildmoos bringen.

Er sah kaum, nach welchen Kleidungsstücken er griff. Der Tag war trüb und der Himmel grau, wie seine Stimmung.

Rico warf zwei Jeans in Richtung Bett, die eine landete im Koffer, die andere auf dem Boden. So. Das musste reichen. Er und Rebecca sollten schließlich nur einige Wochen in Sophienlust bleiben und nicht den Rest ihres Lebens.

Ehe er die Tür seines Kleiderschrankes wieder schloss, blieb sein Blick an einem Foto hängen, das an der Innenseite klebte. Es zeigte ihn zusammen mit Viola, seiner Ex-Freundin. Das blonde Mädchen, das ihm bis knapp zu den Schultern ging, schmiegte sich in seine Arme und lächelte selbstbewusst in die Kamera. Rico spürte einen Stich von der Kehle bis in den Magen. Vor drei Wochen hatte Viola sich von ihm getrennt. Seitdem war sie mit Cornelius zusammen. Cornelius war schon 23 Jahre und besaß einen roten Porsche in Cabrio-Version. Außerdem finanzierten ihm seine Eltern eine Zwei-Zimmer-Wohnung mit Dachterrasse im Zentrum von Hainbühl und dennoch mit Blick ins Grüne, und knapp bei Kasse war der Sohn des Bankmanagers Schrambach nie. Rico wusste, dass Cornelius seinen Freundinnen gegenüber immer sehr großzügig war. Das gefiel Viola, davon war er überzeugt.

Er dagegen bekam ein kleines Taschengeld von seinen Eltern, und wenn er Gelegenheit hatte, verdiente er sich ein paar Euro mit Nachhilfe-Unterricht. Nur jetzt, einige Monate vor dem Abitur, hatte er dafür keine Zeit mehr. Seine Möglichkeiten, Viola ins Kino einzuladen oder mit ihr Eis essen zu gehen, waren von daher recht eingeschränkt gewesen.

Rico löste vorsichtig das Foto von der Schranktür. In dem Moment klopfte es, und ehe er etwas sagen konnte, betrat seine Mutter das Zimmer. Hastig steckte er das Bild zwischen einige T-Shirts, die noch im Schrank lagen.

»Wie weit bist du Rico?«, fragte Maria Toccaceli und sah zum Bett, auf dem heillose Unordnung herrschte.

»Fast fertig«, antwortete er kurz angebunden. Seine Mutter schüttelte den Kopf und zeigte auf seinen Koffer. »Das nennst du ›fast fertig‹? Ich sehe hier das reinste Chaos. Was ist mit deinen Schulbüchern? Hast du an dein Zahnputzzeug gedacht? An Shampoo, Duschgel und so weiter? Schuhe sehe ich auch keine. Rico! Ich weiß, dass du nicht in das Kinderheim willst. Das hast du oft genug betont. Trotzdem verhältst du dich wie ein trotziges Kind und nicht, als würdest du im kommenden Frühling dein Abitur schreiben.«

Rico knallte die Schranktür zu. »Von mir aus. Ich bin wirklich alt genug, um mit Becki alleine hierzubleiben, während ihr in Umbrien seid. Ein Kinderheim! In ein paar Monaten werde ich 18!« Er fühlte sich schrecklich gedemütigt.

Maria Toccaceli trat tiefer in den Raum und schloss die Zimmertür hinter sich. »Becki freut sich sehr auf die Wochen in Sophienlust. Das Heim ist wunderschön. Ich bin sicher, es wird auch dir dort gefallen. Außerdem hast du jede Menge Zeit zum Lernen. Das Gymnasium in Maibach hat einen erstklassigen Ruf. Vermutlich findest du auch neue Freunde …«

»Mama!«, unterbrach Rico seine Mutter genervt. Er wusste genau, dass sie gleich wieder davon anfangen würde, dass Viola ohnehin nicht die richtige Freundin für ihn gewesen sei. Seine Eltern hatten die 17-jährige Nachbarstochter schon immer abgelehnt. Die kurzen Röcke, die sie gerne trug und die er so ansprechend fand, störten sie ebenso wie Violas Freude am Schminken und hohen Schuhen und dass sie gerne enge Oberteile mit tiefem Ausschnitt trug. Sie sah einfach klasse aus, und so mancher Junge hatte ihn um sie beneidet. Ja gut, ein bisschen weniger Farbe im Gesicht wäre völlig in Ordnung gewesen, und manchmal fand auch er ihre figurbetonte Kleidung gar nicht notwendig. Aber das ging seine Eltern nichts an.

»Mama!«, tönte die Stimme seiner kleinen Schwester durch den Flur. »Kommst du mal?« Nach einer kurzen Pause ergänzte Rebecca Toccaceli: »Bitte.«

Maria seufzte. »Ich muss deiner Schwester beim Packen helfen. Du schaffst das alleine. Oder soll ich mich auch um deinen Koffer kümmern?«, fragte sie.

»Bloß nicht«, wehrte Rico empört ab.

»Gut. Bis später.«

Rico wartete, bis seine Mutter das Zimmer verlassen hatte. Am liebsten hätte er gegen den Kleiderschrank getreten. Stattdessen öffnete er die Tür und zog das Foto von Viola wieder heraus. Er steckte es in eine Seitentasche seines Koffers und trat ans Fenster. Violas grünes Fahrrad lehnte an der Wand unter dem Dach des Carports, neben einem Stapel Feuerholz und einem Kugelgrill. Ob sie zu Hause war? Oder hatte der Bankierssohn sie wieder mit dem Porsche abgeholt? Rico lehnte die heiße Stirn gegen die kühle Scheibe. Zu Violas 17. Geburtstag vor genau einem Monat hatte er noch mit ihr in ihrem Zimmer Musik gehört. Zusammen hatten sie auf ihrem rosa Sofa gelegen, dicht aneinandergeschmiegt. Noch immer glaubte er den Duft ihres seidigen Haars zu schnuppern und die Wärme ihres Körpers zu spüren. Doch das war vorbei. Wenige Tage später hatte sie ihm gesagt, dass sie nicht mehr mit ihm zusammen sein wolle.

Rico trat vom Fenster zurück. Er musste Viola unbedingt wieder für sich gewinnen. Vielleicht konnte Renate ihm helfen. Renate war 68 Jahre alt, hatte vor ihrer Pensionierung die Leitung des Kindergartens ›Sankt Martin‹ in Hainbühl gehabt und passte häufig auf Luca auf, den kleinen Bruder von Viola. Sie war für den Jungen eine Art Ersatz-Oma, und er hatte sich immer sehr gut mit ihr verstanden.

Ein winziger Funken Hoffnung glomm in Rico auf. Er würde Renate bitten, ihm Bescheid zu sagen, falls Cornelius Viola den Laufpass gegeben hatte. Dann würde er dafür sorgen, dass er sie zeitnah zufällig irgendwo traf. Auf einer Party oder in einem Club. Wie er das von Sophienlust aus bewerkstelligen sollte, war ihm noch unklar. Doch im schlimmsten Fall würde er sich für eine Nacht davonstehlen. Von seinem Heimatort Hainbühl nach Wildmoos waren es etwa neunzig Kilometer. Das musste doch irgendwie zu schaffen sein.

*

Rebecca sprang aufgeregt um den Wagen ihrer Eltern herum. Sie trug einen hellblauen Rucksack, bedruckt mit gelben Blumen, auf dem Rücken. »Wann fahren wir, Papa?«, erkundigte sie sich.

Lorenzo Toccaceli schmunzelte. »Du kannst es kaum noch erwarten, nicht wahr, meine Kleine?«

Rebecca hüpfte von einem Fuß auf den anderen. »Ich freue mich so auf die Hunde und die Pferde und die anderen Kinder«, krähte sie.

Ihr Vater öffnete die Kofferraumklappe des dunklen Fords. »Es dauert nicht mehr lange«, versicherte er.

»Stell du deinen Koffer als erstes rein«, forderte Lorenzo seinen Sohn Rico auf, der abwartend neben ihm stand. Er hatte das größte Gepäckstück von allen, da er noch reichlich Unterlagen für die Schule mitnehmen musste.

»Becki«, wandte sich Lorenzo an seine Tochter. »Du wirst deinen Rucksack mit auf die Rückbank nehmen müssen. Hier hinten ist kein Platz mehr.«

»Das wollte ich sowieso«, versicherte Rebecca, ließ die Riemen des Rucksacks von den Schultern rutschen und umklammerte ihre Habseligkeiten nun mit beiden Armen.

»Was hast du denn da alles drin?«, erkundigte sich ihr Vater.

»Meine Glasperlen, die neuen Buntstifte, was zum Umziehen für Lilly… Lilly! Papa, ich habe meine Puppe vergessen. Sie liegt noch auf meinem Bett!« Erschrocken sah die Kleine zu ihrem Vater auf.

Lorenzo zog die Klappe des Kofferraums nach unten. Beim zweiten Versuch rastete das Schloss ein. »Dann lauf schnell ins Haus und hol sie dir«, forderte er seine Tochter auf. »Und sag Mama Bescheid, dass wir fertig sind. Ich nehme solange deinen Rucksack.«

Eilig rannte das Mädchen zurück ins Haus.

»Rico«, wandte sich Lorenzo Toccaceli an seinen Sohn, als die Kleine außer Hörweite war. »Mach nicht so ein Gesicht. Du verdirbst Becki noch die Freude. Sobald die Erbschaftsangelegenheit geregelt ist, kommen wir wieder und holen euch ab.«

Rico hängte die Daumen in die Gürtelschlaufen seiner Jeans, sah an seinem Vater vorbei und gab keine Antwort. Vor ein paar Wochen war die Nachricht aus Italien gekommen, dass eine entfernte Verwandte seines Vaters verstorben war und ihm als einzigen Angehörigem ihr Haus vererbt hätte.

Nun mussten seine Eltern nach Umbrien fahren, wo das Anwesen in der Nähe des Lago Trasimeno lag, um die Formalitäten zu klären.

Die Tür des Nachbarhauses öffnete sich und Viola Kaspari kam heraus. Ihr blondes Haar fiel lang über ihre Schultern, und sie trug ein hautenges grünes Kleid. Sie würdigte weder Rico noch seinen Vater eines Blickes, sondern stöckelte in ihren hohen Schuhen zur Gartentür. In dem Moment erklang das Motorengeräusch eines Wagens, und der rote Porsche ihres neuen Freundes kam um die Kurve, näherte sich dem Grundstück der Kasparis.

Das teure Auto hielt direkt vor der Gartentür. Viola glitt mit selbstbewusstem Lächeln auf den Beifahrersitz und beugte sich zu Cornelius, um ihn zu küssen.

Rico spürte scharfe Nadelstiche im Magen und merkte, wie ihm die Hitze in die Wangen schoss. Nun wandte er sich doch seinem Vater zu. »Was soll ich in Sophienlust?«, fuhr er ihn an. »Ich bin echt alt genug, um die paar Wochen allein zu Hause zu bleiben.«

»Daran zweifelt niemand. Trotzdem haben Mama und ich entschieden, dass es besser so ist. Du brauchst Zeit und Ruhe zum Lernen, und eine neue Umgebung wird dir für eine Weile ganz guttun.«

Rico sah aus den Augenwinkeln den auffälligen Wagen von Cornelius am Grundstück seiner Eltern vorbeiziehen. Er wusste ganz genau, warum ihm ›die neue Umgebung guttun‹ sollte. Vater und Mutter hofften, dass er durch die Entfernung seinen Kummer wegen Viola überwinden würde. Aber da hatten sie sich getäuscht. Er würde jede Sekunde an sie denken. Renates Handynummer hatte er eingespeichert. Sobald er in Sophienlust sein Zimmer bezogen hätte, würde er ihr eine Nachricht schreiben.

Rebecca kam aus dem Haus, ihre Lieblingspuppe unter dem Arm. »Die Mama kommt gleich«, versicherte sie.

»Schön. Dann setzt euch schon mal ins Auto«, sagte Lorenzo zu seinen Kindern.

Während seine kleine Schwester gut gelaunt auf ihren Sitz kletterte und den Sicherheitsgurt anlegte, sehr stolz, dass sie das selbst konnte, nahm Rico mit finsterer Miene hinter dem Fahrersitz Platz. Rebecca legte ihre kleine Hand auf seinen Arm.

»Ich will nicht, dass du so traurig bist. Wir kommen ganz bald wieder, und die Viola ist ganz doof.«

Augenblicklich schwankte er zwischen Lachen und Weinen, weil Rebecca ihn so genau durchschaut hatte, so klein sie auch noch war. Sacht drückte er ihre Hand.

»Wenn du magst, schlafe ich bei dir«, bemühte sich Rebecca ihn zu trösten.

Bloß nicht. Er hoffte sehr, ein Zimmer für sich alleine zu bekommen, damit er seine Ruhe hatte.

»Ich weiß nicht, ob das geht«, wehrte er vorsichtig ab.

»Wir fragen mal, ja?«, fuhr Rebecca fort.

»Hm«, machte Rico.

»Es ist ganz schön in dem Kinderheim. Warum bist du nicht mitgefahren, als Mama und Papa mit mir dort waren und sich alles angesehen haben?«, plapperte sie weiter.

»Weil ich für die Schule lernen musste, das habe ich dir doch jetzt schon ein paar Mal gesagt«, erwiderte er geduldig.

»Es ist ein bisschen groß dort, fast wie ein Schloss. Aber Tante Isi hat gesagt, ich kann immer jeden fragen, wo ich hin will. Die anderen Kinder und Tante Ma und Schwester Regine und Magda. Magda kann ganz prima lecker kochen, sagt Nick.«

»Ich weiß«, unterbrach er das Geplapper seiner kleinen Schwester, die ihm immer wieder aufs Neue mitteilte, was sie bei ihrem Besuch vor einer Woche in Sophienlust alles erfahren hatte.

»Was Tante Ma macht, weißt ich nicht, aber sie war ganz lieb. Sie hat mir einen Traubenzuckerbonbon gegeben mit Zitronengeschmack. Der war so sauer, dass ich lachen musste«, fuhr Rebecca unbeirrt fort und kicherte in der Erinnerung. »Tante Ma ist immer in Sophienlust, genau wie die Kinder.«

»Hm«, machte Rico.

»Es gibt einen Pferdestall dort mit Pferden! Und auch zwei Hunde. Eine Docke und einen Bern … bern …« Sie brach ab und krauste das Näschen.

»Eine Dogge«, verbesserte Rico. »Und einen Bernhardiner.«

»Genau. Die großen Kinder gehen manchmal mit den Hunden spazieren, und die kleinen Kinder dürfen mit, wenn sie wollen. Ich will unbedingt mal mit. Du auch?«

»Wir werden sehen«, erwiderte er.

Rebecca sprach seit zwei Wochen ständig von dem Kinderheim.

Sie hatte Denise von Schoenecker kennengelernt, die Mutter des Eigentümers von Sophienlust, die ihr erlaubt hatte, sie ›Tante Isi‹ zu nennen.

Auch von Magda hatte Rebecca bereits erzählt. Magda war Köchin in dem Heim und hatte seiner kleinen Schwester versprochen, ein paar ihrer Lieblingsgerichte zu kochen, sobald sie in Sophienlust wohnte. Und dann gab es da noch Nick, den Sohn von Denise von Schoenecker. Ihm gehörte das Kinderheim, das bis zu seiner Volljährigkeit von seiner Mutter verwaltet worden war.

Rico stellte sich Nick im Alter seines Vaters vor und ›Tante Isi‹ mit grauen Löckchen und rundlicher Figur. Nun, noch heute würde er vermutlich alle kennenlernen.

Er hörte, wie sich die Eltern dem Auto näherten und miteinander sprachen. In etwa anderthalb Stunden würden sie in Sophienlust sein. Danach wollten Maria und Lorenzo Toccaceli gleich weiterfahren nach Italien.

Rico nestelte sein Handy aus der Hosentasche. Wenn er schon in dieses Kinderheim musste, so konnte er sich wenigstens einmal die Webseite davon im Internet ansehen.

*

Irmela Groote saß an ihrem Schreibtisch, in ihrem Zimmer in Sophienlust. Vor ihr lagen Bücher und Hefte, Kugelschreiber und ein Taschenrechner. Schon seit Stunden war sie mit ihren Hausaufgaben und dem Lernen beschäftigt. Es machte ihr Freude und sie kam gut voran, doch mittlerweile war ihr Nacken total verspannt und sie konnte kaum noch denken. Sie brauchte eine Pause.

Irmela schob den Stuhl zurück, dehnte die Arme und bewegte den Kopf, um ihren verkrampften Nacken zu lockern. Danach stand sie auf, um das Fenster zu öffnen. Tief atmete sie die kühle Herbstluft des späten Nachmittags ein.

Bis vor Kurzem hatte es geregnet und die Zufahrt von Sophienlust glänzte vor Nässe.

Irmela, die trotz des Herbsttages nur ein leichtes Sommerkleid mit kurzen Ärmeln trug, fröstelte. Sie wollte eben das Fenster wieder schließen, als ein dunkler Ford in die Zufahrt einbog, zu dem Parkplatz an der Freitreppe fuhr und anhielt. Der Motor wurde ausgeschaltet. Neugierig wartete sie ab.

Else Rennert, die Heimleiterin, von allen Kindern ‚Tante Ma’ genannt, hatte heute Morgen beim Frühstück verkündet, dass für einige Wochen zwei Neuzugänge kommen würden. Geschwister, ein Junge und ein Mädchen. Irmela hatte nur mit halbem Ohr zugehört.

Ein Mann und eine Frau, beide etwa vierzig Jahre alt, stiegen aus dem Auto, ebenso ein Junge der etwa in Irmelas Alter sein mochte, und ein kleines Mädchen. Alle vier hatten dunkle Haare und waren schlank.

Irmela sah, wie Nick von Schoenecker, der Eigentümer von Sophienlust, auf die kleine Gruppe zuging, vermutlich, um sie willkommen zu heißen. Der neu angekommene Junge ließ den Blick über die Fassade des Hauses schweifen, und eilig trat Irmela vom Fenster zurück. Hoffentlich hatte er nicht gesehen, dass sie ihn und seine Begleiter beobachtete!

Sie ließ das Fenster offen, zog eine leichte Strickjacke über, die auf ihrem Bett lag, und setzte sich wieder an den Schreibtisch. Bis zum Abendessen dauerte es noch eine halbe Stunde. Vielleicht konnte sie bis dahin noch ein wenig lernen.

*

Die Außenansicht von Sophienlust entsprach exakt den Bildern, die Rico im Internet gesehen hatte, und erinnerte ihn an ein kleines Schloss. Der großzügige Park mit den gepflegten Rasenflächen und Blumenrabatten unterstrich diesen Eindruck noch.

Ein kleiner Artikel auf der Webseite des Kinderheims hatte ihn darüber informiert, dass das Haus ursprünglich im Privatbesitz einer Frau Sophie von Wellentin gewesen war. Diese hatte ihren Besitz ihrem Großenkel Dominik von Wellentin-Schoenecker vermacht und verfügt, dass es zu einem Heim für in Not geratene Kinder umgestaltet werden sollte. Da Dominik zu dem Zeitpunkt, da er sein Erbe hätte antreten müssen, noch ein Kind gewesen war, hatte seine Mutter Denise von Schoenecker das Haus für ihn verwaltet. Mittlerweile war Dominik, der von allen ›Nick‹ genannt wurde, volljährig und hatte seine Aufgabe als Leiter des Heims übernommen.

Ein junger Mann kam die Freitreppe des Hauses herunter und ging auf Rico und seine Familie zu. »Herzlich willkommen in Sophienlust«, sagte er freundlich und reichte lächelnd der Reihe nach Maria, Lorenzo und Rebecca die Hand, ehe er Rico begrüßte.

»Wir kennen uns noch nicht. Ich bin Dominik von Wellentin-Schoenecker«, stellte er sich vor und grinste Rico an. »Nenn mich bitte einfach ›Nick‹ wie alle anderen.«

Verblüfft erwiderte Rico den Händedruck. Das war der Besitzer von Sophienlust? Nick mochte in seinem Alter sein. Wie konnte er die Leitung des Kinderheimes haben?

Rebecca strahlte Nick an und hielt ihre Puppe an sich gedrückt. »Ich freu mich ganz doll, dass wir hier sind«, plapperte sie. »Wo sind denn alle? Im Haus?«

»Ja«, antwortete Nick und lächelte. »Es hat den ganzen Tag kräftig geregnet, deswegen sind die meisten Kinder im Haus geblieben. Du wirst aber gleich alle beim Abendessen kennenlernen, beziehungsweise wiedersehen. Sie können gerne auch mit uns essen«, schlug er Maria und Lorenzo vor.

»Vielen Dank, das ist sehr freundlich, aber wir wollen heute noch weiterfahren nach Italien«, lehnte Lorenzo freundlich ab.

»Das verstehe ich«, sagte Nick und wandte sich wieder Rebecca und Rico zu. »Wenn ihr einverstanden seid, dann zeige ich euch eure Zimmer. Eure Eltern können gerne mitkommen. Ihr könnt das Gepäck hinaufbringen, und wir sehen uns um 18 Uhr zum Abendessen.«

Rico nickte stumm.

»Becki, du weißt noch, wo das Esszimmer ist? Meine Mutter hat es euch bei eurem ersten Besuch gezeigt«, wandte sich Nick an Rebecca.

»Klar, weiß ich das!«, versicherte die Kleine. Dann zupfte sie ihren Vater am Ärmel. »Papa, ich brauch noch meine Tasche.«

Wenige Minuten später stand Rico in einem Zimmer im ersten Stock des Hauses.

Der Raum war größer, als er erwartet hatte, mit einem großen Fenster, vor dem helle Vorhänge hingen, einem Bett, einem Kleiderschrank und einem Schreibtisch.

Seine Eltern waren mit Nick und Rebecca bereits weitergegangen zu dem Zimmer, in dem seine kleine Schwester in den nächsten Wochen schlafen sollte.

Rico setzte sich auf die Bettkante und zog sein Handy aus der Hosentasche. Immer wieder hoffte er auf eine Nachricht von Viola, auch wenn er wusste, dass diese nicht kommen würde. Natürlich war es auch diesmal so. Frustriert steckte er das Mobiltelefon wieder ein. In dem Moment öffnete sich seine Zimmertür und Rebecca kam herein.

»Ich hab ein super-schönes Zimmer, aber ich schlaf nicht alleine drin so wie du«, verkündete sie, drückte die Tür hinter sich zu und hopste neben ihn aufs Bett.

»Du darfst das nächste Mal gern anklopfen, ehe du reinkommst«, erinnerte sie Rico.

»Mach ich«, versprach Rebecca. »Willst du gar nicht wissen, wer bei mir schläft?«

»Doch. Sag schon«, bemühte sich Rico, Interesse zu zeigen, obgleich er der Meinung war, dass das eigentlich egal war, da sie die Kinder hier ohnehin nicht kannten.

»Sie ist acht Jahre alt und heißt Nina. Sie ist auch erst ein paar Tage hier, weil ihr Papa ins Krankenhaus musste«, erklärte Becki und baumelte mit den Beinen.

»Okay«, sagte Rico.