Sascha - von der Liebe erwischt! - Simone Aigner - E-Book

Sascha - von der Liebe erwischt! E-Book

Simone Aigner

0,0

Beschreibung

In diesen warmherzigen Romanen der beliebten, erfolgreichen Sophienlust-Serie wird die von allen bewunderte Denise Schoenecker als Leiterin des Kinderheims noch weiter in den Mittelpunkt gerückt. Denise hat inzwischen aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle geformt, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren. Die Post war da. Julia Steglich stand hinter dem Wohnzimmerfenster und wartete, bis der Briefträger wieder in seinem gelben Postauto saß und zum nächsten Haus fuhr. Dann eilte sie nach draußen. Es war Ende März und noch ziemlich kalt. Winzige Schneeflocken rieselten vom Himmel, setzten sich auf ihre Haare und ihren Pullover und stachen ihr ins Gesicht. Mit klammen Fingern öffnete sie den Briefkasten und sah eilig die Post durch. Ihr Herz schlug bis zum Hals, als sie zwischen der Rechnung des Kaminkehrers und einer Werbebroschüre für Sonnenüberdachungen von Terrassen das ersehnte Antwortschreiben auf ihre Bewerbung für eine Praktikantenstelle im Tierheim ›Waldi & Co. ‹ in Bachenau sah. Obwohl sie es kaum erwarten konnte, das Kuvert zu öffnen, entschied sie sich doch, zuerst zurück ins Haus zu gehen. Im Wohnzimmer setzte sie sich an den Esstisch und legte das Schreiben vor sich. Den Brief des Kaminkehrers und die Werbung hatte sie auf die Seite gelegt. Julia wärmte sich die kalten Finger unter den Achseln. Noch lag die Antwort im Umschlag. Sie hoffte und bangte gleichermaßen. Hatte sie Dr. Hans-Joachim von Lehn und seine Frau Andrea mit ihrer Bewerbung überzeugen können? Es wäre zu schön. Doch gleichzeitig bangte sie auch. Eine Absage wäre eine große Enttäuschung. Sie würde ihr lediglich ersparen, ihrem Vater die Wahrheit sagen zu müssen, nämlich dass sie sich ohne sein Wissen und Einverständnis im Tierheim beworben hatte, das im etwa siebzig Kilometer entfernten Dörfchen Bachenau lag.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 142

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Sophienlust - Die nächste Generation – 35 –

Sascha - von der Liebe erwischt!

Simone Aigner

Die Post war da. Julia Steglich stand hinter dem Wohnzimmerfenster und wartete, bis der Briefträger wieder in seinem gelben Postauto saß und zum nächsten Haus fuhr. Dann eilte sie nach draußen. Es war Ende März und noch ziemlich kalt. Winzige Schneeflocken rieselten vom Himmel, setzten sich auf ihre Haare und ihren Pullover und stachen ihr ins Gesicht.

Mit klammen Fingern öffnete sie den Briefkasten und sah eilig die Post durch.

Ihr Herz schlug bis zum Hals, als sie zwischen der Rechnung des Kaminkehrers und einer Werbebroschüre für Sonnenüberdachungen von Terrassen das ersehnte Antwortschreiben auf ihre Bewerbung für eine Praktikantenstelle im Tierheim ›Waldi & Co.‹ in Bachenau sah. Obwohl sie es kaum erwarten konnte, das Kuvert zu öffnen, entschied sie sich doch, zuerst zurück ins Haus zu gehen.

Im Wohnzimmer setzte sie sich an den Esstisch und legte das Schreiben vor sich. Den Brief des Kaminkehrers und die Werbung hatte sie auf die Seite gelegt. Julia wärmte sich die kalten Finger unter den Achseln.

Noch lag die Antwort im Umschlag. Sie hoffte und bangte gleichermaßen. Hatte sie Dr. Hans-Joachim von Lehn und seine Frau Andrea mit ihrer Bewerbung überzeugen können? Es wäre zu schön. Doch gleichzeitig bangte sie auch. Eine Absage wäre eine große Enttäuschung. Sie würde ihr lediglich ersparen, ihrem Vater die Wahrheit sagen zu müssen, nämlich dass sie sich ohne sein Wissen und Einverständnis im Tierheim beworben hatte, das im etwa siebzig Kilometer entfernten Dörfchen Bachenau lag.

Julia griff nach dem Brief. Es half nichts. Sie musste ihn öffnen, um Klarheit zu bekommen.

Sekunden später ließ sie das Schreiben sinken. Ihre Wangen glühten, ihr Puls ging schnell und freudiges Herzklopfen kämpfte gegen einen schweren Druck im Magen. Dr. Hans-Joachim von Lehn und seine Frau Andrea freuten sich sehr über ihre Bewerbung und hießen sie herzlich willkommen. In der ersten Maiwoche konnte sie anfangen! Wirklich gerechnet hatte sie nicht mit dieser Zusage.

Das Gespräch mit dem Vater lastete auf Julias Seele. Bestimmt war er verärgert und enttäuscht über ihr eigenmächtiges Handeln. Was, wenn er nicht einverstanden war? Dann müsste sie absagen, und dafür würde sie sich nicht nur in Grund und Boden schämen, sondern sie würde auch immer das Gefühl haben, eine wunderbare Chance verpasst zu haben. Sie hoffte so sehr, er würde sie verstehen und unterstützen!

*

»Du hast was?«

Ungläubig sah Pfarrer Sebastian Steglich seine 18-jährige Tochter Julia an.

»Ich habe mich um ein Praktikum in dem Tierheim in Bachenau beworben«, wiederholte Julia. Ihr war kalt. Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Am liebsten hätte sie jetzt schon geweint. Niemals würde sie gegen den Wunsch ihres Vaters die Stelle antreten, und sie las bereits in seiner Miene, dass er nicht zustimmen würde.

»Aber Kind. Sosehr ich mich grundsätzlich für dich über die Zusage freue, so weißt du doch genau, dass das nicht geht. Der Haushalt ist dabei noch das geringste Problem. Den könnten Patrick und ich gemeinsam zuwege bringen, und sogar Leonie und Sandy sind inzwischen so weit, ein paar kleine Aufgaben zu übernehmen. Aber die beiden brauchen Aufsicht! Ich weiß vor Arbeit in der Gemeinde nicht ein noch aus, und dein Bruder ist mit seinen 15 Jahren der Verantwortung noch nicht gewachsen. Ihm können wir die Zwillinge vielleicht ein oder zwei Stunden am Tag anvertrauen, doch mehr geht nicht. Zudem muss er reichlich für die Schule tun.«

»Zwei Monate, Papa. Das wird doch irgendwie zu schaffen sein.« Ihr stiegen die Tränen in die Augen.

»Julchen, bitte«, wehrte Sebastian Steglich ab. »Außerdem kostet das alles Geld. Dabei rede ich keineswegs nur von der Fahrt. Du brauchst eine Unterkunft und Verpflegung.«

»Ich kann bei den von Lehns wohnen, ohne dass es was kostet. Sie haben eine Einliegerwohnung im Haus. Außerdem bekomme ich ein Taschengeld. 300 Euro im Monat! Das scheint mir recht großzügig.«

»Das ist mehr als großzügig, wenn du schon mietfrei wohnen kannst«, gab Steglich widerstrebend zu. »Dennoch, es bleibt das Problem mit den Kindern«, fuhr er fort.

»Wir könnten doch Frau Bauske bitten, auszuhelfen? Vormittags sind die beiden in der Schule, mittags können sie in die Mittagsbetreuung, und Patrick kann sie abholen, wenn er selbst Schulschluss hat. Nachmittags übernimmt er die beiden für zwei Stunden, und danach könnte Frau Bauske sich kümmern…«

Voller Hoffnung sah Julia ihren Vater an, obwohl sie durchaus wusste, wie viel Umstände ihr eben rasch entworfener Vorschlag für alle Beteiligten bedeuten würde.

»Ich glaube nicht, dass unsere Nachbarin bereit ist, für acht Wochen dauerhaft einzuspringen. Ich möchte ihr das auch nicht zumuten. Und Patrick soll sich aufs Lernen konzentrieren. Außerdem tanzen ihm die Kleinen sowieso auf der Nase herum und machen, was sie wollen. Auf dich hören sie.«

Julia presste die Lippen aufeinander. Sie hatte es gewusst. Ihr eigenmächtiges Vorgehen war ein Fehler gewesen. Nun blieb ihr nichts anderes übrig, als bei den von Lehns wieder abzusagen. Es schnürte ihr die Kehle zu.

*

Julia ging mit dem mobilen Telefon in ihr Zimmer, schloss die Tür hinter sich und setzte sich aufs Bett. Am besten, sie brachte die Absage sofort hinter sich. Mit jeder Minute, in der sie die Sache vor sich her schob, wurde ihr elender.

Mit zitterndem Finger wählte sie die Nummer und musste zweimal neu anfangen, weil sie sich vertippt hatte. Endlich hatte sie es geschafft. Beim dritten Läuten wurde abgehoben.

»Von Lehn«, hörte sie eine freundliche Frauenstimme am anderen Ende der Leitung.

»Guten Tag, Frau von Lehn. Hier spricht Julia Steglich«, begann Julia das Gespräch. Sie hatte Mühe, ruhig zu sprechen.

»Julia, wie schön! Ich freue mich sehr, dass Sie anrufen. Haben Sie denn unsere Zusage für das Praktikum schon bekommen?«

»Ja. Ihr Schreiben lag heute in der Post. Es tut mir unglaublich leid, Frau von Lehn, aber… ich kann nicht kommen.« Julias Stimme drohte zu kippen.

»Nicht?« Sie hörte die Mischung aus Verwunderung und Enttäuschung in den Worten der Frau.

»Ja. Ich… Mein Vater ist dagegen.« Unvermittelt brach sie in Tränen aus.

»Ich bitte Sie, Julia, beruhigen Sie sich. Erzählen Sie bitte. Vielleicht finden wir gemeinsam eine Lösung«, bat Andrea von Lehn.

Die Anteilnahme in der Stimme der Frau und ihr Interesse beschwichtigten Julia ein wenig, zumal sie nicht damit gerechnet hatte, dass sie genauer nachfragen würde.

Mühsam fasste sie die Gründe ihres Vaters für seine Entscheidung zusammen. Während sie sprach, ging ihr flüchtig durch den Kopf, dass sie letzten Endes volljährig war und somit eigentlich alleine entscheiden konnte. Doch das war nicht das, was sie wollte. Niemals hätte sie den Vater und ihre Geschwister im Stich gelassen.

»Julia, ich verstehe die Beweggründe Ihres Vaters sehr gut. Dennoch würde ich gerne einen Vorschlag machen, der vielleicht die Lösung des Problems sein könnte. Ist es in Ordnung für Sie, wenn ich mit Ihrem Vater direkt spreche?«

»Sicher«, würgte Julia hervor, während ihr neue Tränen in die Augen stiegen.

»Ich bin heute den ganzen Tag in der Praxis«, fuhr Frau von Lehn fort. »Er kann mich jederzeit anrufen.«

»Ich richte es ihm aus. Vielen Dank für Ihre Unterstützung«, verabschiedete sich Julia.

Hoffentlich nahm der Vater das Gesprächsangebot an. Zu gern hätte sie gewusst, was Frau von Lehn ihm vorschlagen wollte. Sie hätte sie fragen sollen, doch sie war so aufgeregt und durcheinander, dass sie den Moment verpasst hatte.

*

Sebastian Steglich schob den Zettel mit der Telefonnummer von dieser Frau von Lehn auf seinem Schreibtisch hin und her. Er war absolut überzeugt, ganz gleich, was die Frau des Tierarztes ihm vorschlagen würde: es wäre keine Lösung für sein Problem. Gleichzeitig lastete ihm der offensichtliche Kummer und die Enttäuschung seiner großen Tochter schwer auf der Seele. Er nahm es ihr gar nicht übel, dass sie ihre Bewerbung losgeschickt hatte, ohne zuvor mit ihm zu sprechen. Er hätte wohl an ihrer Stelle ähnlich gehandelt.

Seit Jahren kümmerte sich Julia klaglos um den Haushalt und ihre Geschwister und hatte, so ganz nebenbei, ein sehr gutes Abitur geschrieben. Zeit für Freundschaften oder Freizeitbeschäftigungen waren ihr kaum je geblieben. Es wurde tatsächlich höchste Zeit, dass sie einmal an sich dachte. Er wusste um ihren Wunsch, Tiermedizin zu studieren. Er wusste auch längst und ganz im Stillen, dass der Alltag, so wie er seit dem viel zu frühen Tod seiner Frau im Hause Steglich ablief, vorwiegend auf Julias zarten Schultern lastete, und dass es so nicht weitergehen konnte. Seine Tochter brauchte eine Zukunft, und zu der gehörte natürlich eine Berufsausbildung. So oder so musste zeitnah eine andere Lösung für die Betreuung der Kleinen gefunden werden. Welche wusste er allerdings selber nicht…

Doch eines nach dem anderen. Steglich griff nach dem Telefon. Er wollte das Gespräch hinter sich bringen.

»Von Lehn«, vernahm er eine freundliche Frauenstimme, nachdem es einige Male am anderen Ende der Leitung geläutet hatte.

»Steglich hier. Guten Tag, Frau von Lehn. Meine Tochter Julia hat mir Ihre Telefonnummer gegeben und mich gebeten, Sie anzurufen.«

»Herr Steglich, ich freue mich, dass Sie sich melden. Julia hat mir erzählt, dass Sie vor einer schwierigen Situation stehen, wenn sie das Praktikum bei uns antritt. Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Deshalb wollte ich Ihnen einen Vorschlag machen.«

Sebastian Steglich lehnte sich im Schreibtischstuhl zurück. Er würde sich, der Höflichkeit halber, anhören, was sie zu sagen hatte. Doch egal was es war, er konnte sich nicht vorstellen, dass ihm ihr Vorschlag weiterhalf.

»Es gibt hier, wenige Kilometer von Bachenau entfernt, in Wildmoos, ein Kinderheim. Es heißt Sophienlust. Der Eigentümer und Leiter des Heims ist Dominik von Wellentin-Schoenecker. In Sophienlust wohnen Kinder aller Altersklassen, vom Kleinkind bis zu Jugendlichen, die schon fast erwachsen sind. Vielleicht wäre es eine Möglichkeit, Ihre Zwillinge und vielleicht auch Ihren großen Sohn für eine Weile dort wohnen zu lassen. Julia könnte ihr Praktikum machen und ihre Geschwister immer wieder besuchen. Wir würden ihr ein Fahrrad zu Verfügung stellen. Es ist nicht sehr weit bis Wildmoos.«

»Ein Kinderheim sagten Sie?« Sebastian Steglich runzelte die Stirn. Das kam ja überhaupt nicht infrage. Schon bei dem Gedanken daran meinte er, sich an seinen Kindern zu versündigen.

»Ja. Vielleicht möchten Sie es sich ansehen? Es ist wirklich wunderschön dort. Das Haus sieht aus wie ein kleines Schloss. Tatsächlich ist es ein ehemaliges Herrenhaus, das zu einem Kinderheim umgebaut wurde. Es liegt inmitten eines großen Parks mit vielen Spielplätzen. Zum Heim gehört auch ein Pferdestall. Die Kinder können beim Versorgen der Tiere helfen, wenn sie möchten, oder auch reiten lernen. Zwei Hunde gibt es auch im Haus. Das Personal ist sehr lieb und fürsorglich. Es herrscht eine richtig familiäre Atmosphäre, und die großen Kinder kümmern sich viel um die Kleinen.«

»Sie scheinen das Heim ziemlich gut zu kennen«, warf Sebastian Steglich ein. Frau von Lehn schwärmte für seine Begriffe förmlich von Sophienlust. Er vernahm ein leises Lachen.

»Ein wenig kenne ich es tatsächlich. Nick, ich meine Dominik von Wellentin-Schoenecker, ist mein Stiefbruder. Er kümmert sich wirklich mit allem Engagement um die Kinder und die Belange des Hauses. Dabei steht ihm mit Rat und Tat seine Mutter Denise zur Seite, die bis zu Nicks Volljährigkeit im letzten Jahr das Haus geleitet hat.«

Steglich rieb sich die Nase. Der Eigentümer und Leiter des Kinderheims war also gerade mal 18 Jahre alt. Das war sehr jung für solch eine große Verantwortung, aber laut Frau von Lehn unterstützte ihn ja nach wie vor seine Mutter.

So ganz konnten sich ihm die familiären Verbindungen zwischen dem Tierheim und Sophienlust nicht erschließen, doch offenbar war Andrea von Lehn ganz begeistert von dem Kinderheim. Aber vielleicht wollte sie auch nur Werbung für das Haus ihres Bruders machen?

»Alles schön und gut«, sagte Steglich. Er fand, es hörte sich alles ein wenig zu positiv an. Irgendwo musste der Haken sein. Selbst wenn es keinen gab, er zog nach wie vor nicht in Erwägung, den Vorschlag anzunehmen. »Was würde der Aufenthalt dort kosten? Sagen wir, für die Zwillinge.« Patrick brauchte schließlich keine Betreuung in diesem Sinne mehr.

»Es kostet tatsächlich nichts«, erwiderte Andrea von Lehn. »Sie können, wenn Sie möchten, später eine Spende geben.«

»Nichts? Wie darf ich das verstehen? So ein Haus muss sich doch finanzieren.« Sebastian Steglich war mehr als überrascht.

»Sophienlust finanziert sich größtenteils durch einen Fonds. Dazu muss ich kurz etwas zur Entstehungsgeschichte sagen. Nicks Urgroßmutter, Sophie von Wellentin, hat ihrem Urenkel das Haus vermacht und in ihrem Testament verfügt, dass es zu einem Heim für in Not geratene Kinder werden soll. Sie hat auch den Fonds eingerichtet. Sophienlust verfolgt keinerlei kommerzielle Ziele. Es dient ausschließlich dem Wohl der Kinder.«

»Das ist beeindruckend«, gab Steglich zu. »Allmählich bekomme ich jedoch die familiären Verbindungen nicht mehr sortiert. Es sind so viele Namen.«

Andrea von Lehn lachte.

»Das glaube ich Ihnen. Denise von Schoenecker ist in zweiter Ehe mit meinem Vater, Alexander von Schoenecker, verheiratet. Sie hat ihren Sohn Nick mit in die Ehe gebracht, so wie mein Vater mich und meinen Bruder Sascha. Nicks Vater, ein geborener von Wellentin, kam früh und sehr tragisch ums Leben. Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht, was genau passiert ist, und habe auch nie gewagt zu fragen. Es muss furchtbar für Denise gewesen sein. Einige Jahre später hat sie meinen Vater Alexander geheiratet. Sie haben noch einen gemeinsamen Sohn bekommen, Henrik. Er ist jetzt zehn Jahre alt. Ja, und wie schon gesagt, Nicks Urgroßmutter väterlicherseits hat ihrem Enkel das Anwesen vermacht.«

Sebastian Steglich griff nach einem Bleistift und spielte damit. Er hatte zwar versucht, Andrea von Lehns Ausführungen zu folgen, doch ihn beschäftigte vielmehr die Frage, wie er das Gespräch nun höflich beenden konnte.

»Könnten Sie sich vorstellen, Sophienlust zu besichtigen, um einen persönlichen Eindruck zu bekommen? Vielleicht können Sie Julia mitbringen, und wir verbinden es gleich mit einem Kennenlernen. Auch wenn Ihre Tochter schon recht erwachsen zu sein scheint, so wollen Sie doch sicherlich wissen, wo sie untergebracht wäre, falls Sie doch noch Ihre Einwilligung zu dem Praktikum geben.«

Steglich legte den Bleistift weg, beugte sich vor und stützte die Ellbogen auf den Schreibtisch. Diese Andrea von Lehn hatte eine gewisse Überzeugungskraft. Ansehen konnte er sich das Kinderheim ja einmal. Ihm ging durch den Kopf, wie sehr Julia sich freuen würde, wenn er doch noch seine Zustimmung gab…

»Also gut. Ich sehe mir das Haus an. Haben Sie Kontaktdaten für mich, damit ich einen Termin vereinbaren kann? Oder können wir jederzeit kommen?«

»Wunderbar, ich freue mich. Ich möchte auch noch sagen, dass mein Mann und ich von der Bewerbung ihrer Tochter und den Zeugnissen ganz begeistert sind. Ich glaube, sie würde sehr gut zu uns passen. Ja, ein Termin wäre gut. Ich gebe Ihnen die Telefonnummer.«

Sebastian Steglich notierte sich die Nummer und die Adresse von Sophienlust mit widersprüchlichen Gefühlen.

Um Leonie und Sandy machte er sich nicht wirklich Gedanken. Wenn es stimmte, was Andrea von Lehn gesagt hatte, und das hoffte er, so würden die beiden tatsächlich gut in diesem Heim aufgehoben sein. Zudem waren die beiden Mädchen fröhliche, quirlige Wirbelwinde, die überall rasch Freundschaften schlossen und die meisten Herzen im Sturm eroberten.

Doch wenn er in sich hineinlauschte, wusste er, es gab noch etwas anderes, das ihn quälte: Seine eigene Welt würde ins Wanken geraten. Von einem Tag zum anderen würde er mit seinem Sohn alleine sein. Drei seiner Kinder wären dann über eine Autostunde entfernt…

Sebastian Steglich massierte sich mit den Handballen die Schläfen. Ein wenig schämte er sich. Es war vielleicht menschlich und verständlich, dass er an seiner, nach dem Tod seiner Frau mühsam neu geschaffenen Ordnung hing, doch keinesfalls wollte er egoistisch sein. Das Wichtigste war, dass es den Kindern gut ging. Leonie und Sandy, so genau kannte er seine Kleinen, würden sicher Feuer und Flamme ob der vorübergehenden Veränderung sein und die Wochen im Heim als ein großes, aufregendes Abenteuer sehen… Sollte er sich nicht doch einen Ruck geben…?

*

Sascha von Schoenecker lehnte am Tresen der Cocktailbar in Maibach, trank ab und an einen Schluck von seiner Cola und beobachtete die Gäste.

Bunte Lichter flackerten im Takt der Musik über die Tanzfläche, auf der vorwiegend Teenager und junge Frauen tanzten. Die Blonde mit dem kecken Kurzhaarschnitt gefiel ihm, obwohl er es lieber mochte, wenn Frauen die Haare lang trugen. Aber sie hatte ein sehr sympathisches Lächeln und eine, für seinen Geschmack, recht ansprechende Figur. Zierlich und doch mit wohlgeformten Rundungen an den richtigen Stellen.

Er stellte seine Cola ab, schob sich durch die Menge zur Tanzfläche und von dort bis zu dem Mädchen. Sie mochte etwa 18 Jahre alt sein, und er glaubte, sie war alleine hier oder mit einer Freundin. Einen Mann in ihrer Nähe konnte er jedenfalls nicht ausmachen.

Er bewegte sich im Takt der Musik, achtete darauf, dass sie durch die übrigen tanzenden Gäste nicht getrennt wurden, und suchte ihren Blick. Tatsächlich dauerte es nicht lange, und sie wurde auf ihn aufmerksam.

Sascha lächelte sie an und sie lächelte zurück, sehr selbstbewusst, wie es ihm schien.

»Hey«, rief er durch die Lautstärke der Musik. »Bist du öfter hier?«