Sophienlust - Die nächste Generation 9 – Familienroman - Marietta Brem - E-Book

Sophienlust - Die nächste Generation 9 – Familienroman E-Book

Marietta Brem

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Beschreibung

Celine Winter ist Apothekerin und versucht gleichzeitig eine gute Mama für ihre kleine Tochter Lena zu sein. Kein einfacher Job – zumal ihre Mitarbeiterin gerade in Urlaub ist! Auf dem Nachhauseweg von einem Kunden passiert es dann: Celine hat einen Autounfall. Als sie im Krankenhaus wieder zu sich kommt, ist ihr erster Gedanke: Lena! Sie ist allein im Haus und wartet auf die Mutter! Wie lange schon? Und was ist inzwischen daheim passiert? Celine Winter sah ihrer sechsjährigen Tochter Lena über die Schulter. "Sehr schön hast du das gemacht, Lenchen", sagte sie und streichelte dem Kind über das seidige braune Haar, das sich in dichten Löckchen bis auf die Schultern kringelte. "Ja?" Freudig sah die Kleine zu ihrer Mutter auf. "Meinst du, ich bekomme von Frau Steininger einen Strahlefuchs dafür?", fragte sie hoffnungsvoll. "Bestimmt", sagte Celine lächelnd. Lenas Klassenlehrerin, Stefanie Steininger, setzte bei fehlerfreien und sorgfältig erledigten Hausaufgaben stets einen Stempel unter die Arbeiten, der das strahlende Gesicht eines kleinen Fuchses zeigte. Die Kinder waren immer sehr stolz auf diese Auszeichnung. Hatte ein Kind innerhalb eines halben Schuljahres zehn Strahlefüchse gesammelt, gab es eine kleine Belohnung von der Klassenlehrerin in Form von ein paar Buntstiften oder einem Pixie-Buch. Lenas Rechenaufgaben waren korrekt gelöst, die Zahlen waren sauber und ordentlich geschrieben. Die Kleine konnte mit Recht hoffen, die ersehnte Belohnung zu bekommen. "Ich bin fertig mit Hausaufgaben", verkündete Lena und schlug ihr Heft zu. "Können wir was spielen Mama? Und Hunger habe ich auch." In dem Moment bimmelte die Ladenglocke der Apotheke und meldete Kundschaft an. "Ein paar Minuten musst du dich noch gedulden Lenchen"

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Sophienlust - Die nächste Generation – 9 –

Neues Glück mit Hindernissen

Marietta Brem

Celine Winter sah ihrer sechsjährigen Tochter Lena über die Schulter.

»Sehr schön hast du das gemacht, Lenchen«, sagte sie und streichelte dem Kind über das seidige braune Haar, das sich in dichten Löckchen bis auf die Schultern kringelte.

»Ja?« Freudig sah die Kleine zu ihrer Mutter auf. »Meinst du, ich bekomme von Frau Steininger einen Strahlefuchs dafür?«, fragte sie hoffnungsvoll.

»Bestimmt«, sagte Celine lächelnd.

Lenas Klassenlehrerin, Stefanie Steininger, setzte bei fehlerfreien und sorgfältig erledigten Hausaufgaben stets einen Stempel unter die Arbeiten, der das strahlende Gesicht eines kleinen Fuchses zeigte. Die Kinder waren immer sehr stolz auf diese Auszeichnung. Hatte ein Kind innerhalb eines halben Schuljahres zehn Strahlefüchse gesammelt, gab es eine kleine Belohnung von der Klassenlehrerin in Form von ein paar Buntstiften oder einem Pixie-Buch. Lenas Rechenaufgaben waren korrekt gelöst, die Zahlen waren sauber und ordentlich geschrieben. Die Kleine konnte mit Recht hoffen, die ersehnte Belohnung zu bekommen.

»Ich bin fertig mit Hausaufgaben«, verkündete Lena und schlug ihr Heft zu. »Können wir was spielen Mama? Und Hunger habe ich auch.«

In dem Moment bimmelte die Ladenglocke der Apotheke und meldete Kundschaft an.

»Ein paar Minuten musst du dich noch gedulden Lenchen«, vertröstete Celine ihre Tochter. »Ich gehe rasch nach vorne und bediene den Kunden. Danach schließe ich die Apotheke für eine Stunde und wir gehen nach oben in die Wohnung. Ich habe Spaghetti mit Hackfleischsoße vorbereitet. Wir essen und spielen danach etwas.«

Lena verzog das kleine Gesicht. »Immer muss ich warten«, sagte sie schmollend, legte die Ellbogen auf den Tisch und stützte den Kopf in die Hände.

»Es tut mir leid Schätzchen. Ich beeile mich«, versprach Celine, der sofort wieder das schlechte Gewissen im Bauch drückte.

Lena hatte völlig recht. Seit Marcel, ihr Mann und Vater des Kindes, bei einem Unfall vor drei Jahren verstorben war und sie sich alleine um die bis dahin gemeinsam geführte Apotheke kümmern musste, war Lenchen oft sich selbst überlassen, sosehr Celine sich auch bemühte der Kleinen reichlich Zeit zu geben.

Im Augenblick war es besonders schwierig, weil Ruth, ihre einzige Angestellte, ihren Jahresurlaub nahm.

Celine teilte den roten Samtvorhang, der ihr privates Hinterzimmer von dem Ladenteil der Apotheke trennte, und betrat den Verkaufsraum.

Vor dem antiken Tresen aus honigfarbenem Holz stand ein attraktiver Mann mit dunklem Haar und einer sportlichen Figur. Er mochte Anfang dreißig sein.

»Guten Tag«, begrüßte sie ihn und lächelte.

»Hallo«, antwortete der Kunde freundlich. »Ich dachte schon, es ist niemand hier«, fuhr er fort und lächelte dabei.

»Doch, doch. Entschuldigen Sie. Ich war …« Sie zeigte mit dem Daumen über die Schulter und brach ab. Dass sie im Hinterzimmer nach ihrer Tochter gesehen hatte, interessierte den Mann sicher nicht.

»Kein Problem«, sagte er, als sie nicht weitersprach.

Er legte ein Rezept auf den Tresen. Celine las die Verordnung durch. Ein Hustensaft für Kinder und ein fiebersenkendes Mittel, ebenfalls für ein Kind, waren verschrieben worden. Der Hustensaft war nicht vorrätig, sie hatte heute Vormittag bereits zwei Flaschen ausgegeben. Offenbar ging ein Infekt um.

»Es tut mir leid, aber den Saft habe ich nicht da. Ich könnte ihn bis heute Nachmittag bestellen. Ab 16 Uhr wäre er hier.«

Der Kunde machte ein betrübtes Gesicht. »Das geht leider nicht. Um 16 Uhr habe ich ein wichtiges Kundengespräch. Es dauert sicher eine Weile. Bis ich den Termin geschafft habe, haben Sie wahrscheinlich schon geschlossen.«

»Ich habe bis 18 Uhr geöffnet«, erwiderte Celine.

Der Mann griff nach dem Rezept, das auf dem Ladentisch lag. »Schade. Dann muss ich es wohl woanders versuchen«, sagte er. Er warf einen Blick auf die Uhr, als sei auch jetzt seine Zeit knapp bemessen.

»Wenn Ihnen damit geholfen ist, kann ich Ihnen das Medikament nach 18 Uhr zu Hause vorbeibringen«, schlug sie vor, obgleich ihr das schlechte Gewissen Lena gegenüber das Herz schwer machte. Doch im benachbarten Städtchen hatte vor Kurzem eine neue Apotheke eröffnet, die zu einer großen Kette gehörte. Den Konkurrenzdruck spürte sie jetzt schon. So mancher Kunde, der bisher zu ihr gekommen war, war abgewandert. Verdenken konnte Celine es den Leuten nicht. In einer kleinen dörflichen Apotheke konnte sie einfach nicht das Sortiment vorhalten, wie es große Läden konnten.

»Wirklich?« Freudig überrascht sah der Kunde sie an.

»Selbstverständlich«, erwiderte Celine freundlich. Im Hinterzimmer klirrte es.

»Oh. Da ist wohl was kaputt gegangen«, sagte der Mann. Celine wandte sich um.

Lena steckte eben das Köpfchen durch den Spalt im Vorhang.

»Mama, mir ist das Saftglas runtergefallen«, gestand sie.

»Nicht so schlimm, mein Schatz. Fass die Scherben nicht an, ich komme sofort.«

Das Kind nickte, blieb aber im Vorhangspalt stehen.

»Ihre Tochter?«, fragte der Kunde. Celine sah ihn an und lächelte.

»Ja«, antwortete sie.

»Ich habe Hunger, Mama«, drängte Lena.

Der Mann schmunzelte und reichte Celine die Hand.

»Adrian Gerlach. Jetzt plaudern wir schon eine ganze Weile, und ich habe mich noch gar nicht vorgestellt.«

»Celine Winter«, antwortete Celine, und ein Hauch Farbe stieg in ihre Wangen. Adrian Gerlachs Händedruck fühlte sich warm und angenehm an.

»Sie bringen mir das Medikament heute Abend vorbei?«, vergewisserte er sich.

»Selbstverständlich. Wäre um 19 Uhr in Ordnung für Sie?«, erkundigte sich Celine.

»Wunderbar. Das fiebersenkende Mittel würde ich gerne gleich mitnehmen.«

Celine nickte. Sie holte das Medikament aus dem Schubfach des großen antiken Arzneischrankes hinter der Theke.

Adrian Gerlach zahlte, verabschiedete sich und ging.

Lena hopste von einem Bein auf das andere. »Gehen wir jetzt die Nudeln essen?«, fragte sie.

»Natürlich, Lenchen.« Sie würde die Scherben später wegräumen. Jetzt musste sie sich um die Kleine kümmern.

»Und darf ich heute Nachmittag zu Annika? Sie hat ein neues Barbie-Puzzle von ihrer Oma bekommen. Das wollen wir gemeinsam machen«, fragte Lena, während sie neben ihrer Mutter die Treppe nach oben in die Wohnung stieg.

Annika, eine Klassenkameradin von Lena, wohnte am Stadtrand von Maibach. Ihre Eltern besaßen ein schönes Haus mit Garten, waren allerdings beide berufstätig. Um Annika kümmerte sich die Großmutter.

»Um welche Zeit denn?«, erkundigte sich Celine sorgenvoll. Um 14 Uhr musste sie wieder in der Apotheke stehen. Sie konnte Lena höchstens gleich nach dem Essen zu ihrer Freundin bringen. Dann musste sie sie aber auch dort lassen, bis zum Feierabend.

»Um drei Uhr darf ich da sein«, verkündete Lena. Sie waren vor der Wohnungstür angelangt.

»Darf ich aufschließen?«, fragte die Kleine und sah ihre Mutter erwartungsvoll an. Celine gab dem Kind den Wohnungsschlüssel. »Nicht mit Gewalt«, ermahnte sie. Das hätte ihr gerade noch gefehlt, dass der Schlüssel abbrach und im Schloss stecken blieb!

»Natürlich nicht.« Lena bedachte ihre Mutter mit einem vorwurfsvollen Blick.

»Ich kann dich nicht um 15 Uhr zu Annika bringen, Schätzchen. Da muss ich in der Apotheke stehen.«

Ihr wurde plötzlich ganz schwach und elend. Wie gerne hätte sie einfach zugestimmt. Wie gerne hätte sie es bewilligt, dass Lena auch einmal zu Hause Besuch empfangen konnte. Doch dazu war sie noch zu klein. Sie, Celine, konnte unmöglich zulassen, dass ihre Tochter mit gleichaltrigen Freundinnen unbeaufsichtigt in der Wohnung spielte. Auch wenn die Kleine für ihr Alter sehr verständig war, konnte den Kindern alleine so mancher Unfug einfallen. Auch war das Hinterzimmer der Apotheke zum Spielen nicht geeignet. Es war klein und eng und diente ihr zusätzlich als Büro.

So viele Einschränkungen! Sie wünschte sich so sehr, dass Lena entspannt und in aller Geborgenheit aufwachsen konnte und dass sie mehr Zeit für ihre Kleine hätte. Doch ihr Alltag wurde von ihrer Arbeit bestimmt.

Nicht nur dass es ihr eine Herzensangelegenheit war, die Apotheke, die sie von ihrem Vater übernommen hatte und die schon seit Generationen im Familienbesitz war, zu erhalten. Nein, sie sicherte letztendlich auch ihrer beider Lebensunterhalt, und in einem bescheidenen Rahmen war Celine auch zeitlich flexibel. Stand nämlich Ruth mit im Laden, konnte sie sich zwischendurch immer wieder ein wenig Zeit für Lena nehmen. Eine weitere Angestellte konnte Celine sich nicht leisten.

»Ich will aber zu Annika.« Unvermittelt füllten sich Lenas Augen mit Tränen.

»Ich werde sehen, was ich tun kann«, versprach Celine, ging in die Knie und drückte ihr kleines Mädchen an sich.

»Schließt du jetzt die Tür für uns auf?«, bat sie. Ihr war schwer ums Herz.

Lena schniefte. »Nein. Jetzt mag ich nicht mehr.«

Celine nahm ihr den Schlüssel wieder ab und öffnete die Wohnungstür. Sie würde Annikas Großmutter, Gabriele Schertl, anrufen. Vielleicht war sie bereit, Lena abzuholen. Gabriele Schertl war Anfang fünfzig, fröhlich und resolut. Sie hatte Lena schon manches Mal abgeholt oder nach Hause gebracht, wenn Celine ein Zeitproblem hatte. Sie war ihr dankbar dafür, mochte dieses Entgegenkommen aber nicht überstrapazieren.

»Wir essen jetzt erst mal«, entschied sie und schob Lenchen sacht vor sich her in die Wohnung.

*

Lena saß auf dem Sofa, ein Kinderbuch auf dem Schoß, und betrachtete konzentriert die Bilder.

Annikas Großmutter hatte sie tatsächlich um kurz vor 15 Uhr in der Apotheke abgeholt und vor einer halben Stunde wieder nach Hause gebracht. Jetzt war es früher Abend.

Die Kleine war müde von dem Nachmittag mit der Freundin, aber zufrieden.

»Mama?«, rief sie jetzt. Celine stand im Bad und kämmte sich die Haare.

»Ich komm gleich«, antwortete sie und warf einen prüfenden Blick in den Spiegel. Sie sah erschöpft aus.

»Liest du mir vor?«, fragte Lena, nachdem Celine ins Wohnzimmer gekommen war. Sie setzte sich zu ihrer Tochter.

»Später mein Liebchen. Ich muss noch einem Kunden ein Medikament vorbeibringen. Es dauert aber nicht lange. Wenn du magst, kannst du in der Zwischenzeit malen oder eine Kassette anhören. Was hältst du von der ›Biene Maja‹?«, versuchte sie, ihrer Tochter eine Beschäftigung schmackhaft zu machen.

»Du gehst noch mal weg?«, fragte Lena, deutlich enttäuscht.

»Nur kurz. Bis du die Kassette auf beiden Seiten angehört hast, bin ich wieder hier.«

»Ich mag nicht alleine sein.« Lena legte ihr Buch auf den Couchtisch, warf sich rücklings aufs Sofa und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Das verstehe ich. Es dauert auch bestimmt nicht lange«, tröstete Celine ihr Kind.

»Wie lange?«, fragte Lena und sah zur Zimmerdecke.

»Ich bin zurück, ehe es dunkel wird«, versprach Celine. Die Uhr konnte die Kleine noch nicht lesen. Jetzt, Ende Mai, war es bis etwa halb zehn Uhr hell, ehe die Dämmerung hereinbrach. Mit diesem Versprechen war sie auf der sicheren Seite.

Lena setzte sich auf. »Darf ich fernsehen?« Ihre Miene erhellte sich bei der Frage.

Celine rang mit sich.

»Bitte, Mama. Nur, bis du wieder da bist«, schmeichelte die Kleine und schmiegte sich an den Arm der Mutter.

»Na gut. Ausnahmsweise. Was möchtest du denn ansehen?«, gab Celine nach.

»Bibi und Tina! Die Geschichte mit dem Pony«, bat Lena und hopste aufgeregt auf dem Sofa auf und ab. Celine nickte, lächelte und gab ihrer Tochter einen Kuss.

»Aber schön brav sein, bis ich wieder da bin.«

»Ehrensache, Mama«, versicherte Lena.

Celine legte der Kleinen die gewünschte DVD ein. Sie würde eine knappe halbe Stunde laufen. »Wenn der Film aus ist …«, begann sie.

»… höre ich mir noch eine Kassette an, bis du zurück bist«, vervollständigte Lena ernsthaft den Satz.

»Genau«, sagte Celine. »Und wenn was ist oder du Angst bekommst, rufst du mich an«, fuhr sie fort und zeigte auf das Telefon, das auf einem Beistelltisch stand.

»Meine Nummer ist unter der Eins eingespeichert«, ergänzte sie.

Lena nickte ungeduldig und zappelte auf dem Sofa herum. »Weiß ich doch«, versicherte sie, den Blick bereits auf den Fernseher gerichtet.

»Bis später, Lenchen«, verabschiedete sich Celine.

Im Flur auf dem Schuhschrank lag das Medikament für Adrian Gerlach.

In etwa 45 Minuten würde sie wieder hier sein. Dann blieb noch etwa eine halbe Stunde, bis Lena ins Bett musste, um am anderen Tag für die Schule ausgeschlafen zu haben. Viel zu wenig Zeit für das Kind...

Celine zog die Wohnungstür hinter sich zu und eilte die Treppe hinunter.

*

Adrian Gerlach wohnte am Ortsrand von Staighofen, nur wenige Kilometer entfernt.

Celine parkte an der Straße, direkt vor dem stattlichen Einfamilienhaus, zu dem sie mit Hilfe des Navis gefunden hatte, und stieg aus.

Überrascht betrachtete sie das Anwesen, das in einem großen gepflegten Garten lag. Wenn sie an der richtigen Adresse war, war der Mann nicht unvermögend.

Celine trat durch das zweiflügelige, zur Hälfte geöffnete Gartentor aus geschmiedetem Eisen und ging über den mit hellen Pflastersteinen belegten Weg zur Haustür. Diese wurde geöffnet, noch ehe sie geläutet hatte.

Adrian Gerlach stand unter der Tür. Er trug Jeans und ein helles Hemd und hellbraune Mokassins.

»Wie schön. Sie sind tatsächlich hier«, begrüßte er sie.

Celine musste lachen. »Ja, natürlich. Das habe ich doch zugesagt.« Sie reichte ihm die Tüte mit dem Hustensaft.

»Möchten Sie einen Augenblick hereinkommen?«, fragte Adrian. Celine zögerte. So offen und freundlich, wie er sie anlächelte, fiel es ihr schwer, den Vorschlag abzulehnen. Andererseits wartete Lena, und einen Grund, mit ins Haus zu kommen, gab es auch nicht.

»Eigentlich muss ich umgehend zurück nach Hause. Meine kleine Tochter wartet«, entschied sie sich zu sagen.

»Das verstehe ich nur zu gut. Ich kenne das Problem. Trotzdem, bitte. Nur ein paar Minuten. Ich möchte Ihnen etwas zeigen. Zugegeben, es ist nicht ganz uneigennützig. Aber vielleicht gefällt es Ihnen und vielleicht …« Er brach ab, zog eine verzweifelte Grimasse und stieß ein hilfloses Lachen aus. »Vielleicht können Sie mein Problem reduzieren.«

»Ich verstehe überhaupt nichts«, gab Celine zu. Was sollte ihr gefallen und von welchem Problem sprach er?

»Bitte.« Er trat ein paar Schritte beiseite, damit sie ins Haus konnte.

»Also gut. Aber wirklich nur ganz kurz«, antwortete sie.

Sie folgte Adrian durch eine kleine Wohnhalle, von der einige Türen abgingen. In der Mitte des Eingangsbereiches führte eine mit einem roten Läufer belegte Treppe ins obere Stockwerk.

Adrian ging vor ihr in ein helles Wohnzimmer mit honigfarbenem Parkett, einer cremefarbenen Sitzgarnitur und einem gemauerten Kachelofen, der in der kalten Jahreszeit für wohlige Wärme sorgen mochte. Jetzt, im Mai, wurde er wohl kaum angeschürt.

»Hier«, sagte er und zeigte neben den Ofen. »Das wollte ich Ihnen zeigen.«

»Ach Gott, wie niedlich!«, rief Celine überrascht aus. Sie sah einen großen runden Korb mit niedrigem Rand. Auf einer hellen Decke lag eine honigfarbene Katze, und an ihrem Bauch hingen vier Junge, die sich um die Zitzen ihrer Mutter balgten.

»Das ist ja entzückend.« Celine ging in die Knie. Wachsam beobachtete die Katzenmutter den Besuch. Zu gern hätte Celine die Tiere gestreichelt. Die Kleinen waren allerliebst.

»Ich hatte gehofft, dass sie Ihnen gefallen«, gab Adrian zu und setzte sich jungenhaft grinsend in den Sessel, der dem Katzenkorb am nächsten stand.

»Mein Plan ist, Sie davon zu überzeugen, dass eines der Tierchen wunderbar zu Ihnen und Ihrer Tochter passen würde.«

Celine erhob sich aus ihrer knienden Position und lachte. »Gut mitgedacht. Tatsächlich würde Lena sich unglaublich freuen. Wir alt sind die Kleinen?«

»Vier Wochen. Und wie Sie sich denken können, habe ich mit dem Wurf überhaupt nicht gerechnet. Daran ist Tobias schuld, der Schlingel. Tobias ist mein Sohn.« Adrian zeigte auf die Tüte mit dem Hustensaft, die er auf den Couchtisch gestellt hatte.

»Im Augenblick ist er krank, sonst würde er schon um uns herumspringen. Er möchte übrigens keines der Tierchen hergeben. Möchten Sie sich nicht setzen? Kann ich Ihnen etwas anbieten?«

Celine setzte sich auf das Sofa, Adrian gegenüber. »Nein, vielen Dank. Ich muss wirklich nach Hause.«

»Tobias hat Merle, das ist unsere Katze, im unpassendsten Moment mit in den Garten genommen, und schon war der Kater vom Nachbarn auch bei uns. Das Ergebnis sehen Sie«, erklärte Adrian.

»Wie alt ist Ihr Sohn?«, fragte Celine und dachte, dass sie das Gespräch gar nicht führen durfte. Die Tischuhr, die auf einer Kommode schräg hinter dem Sessel stand, zeigte bereits halb acht. Lenas Film war sicher inzwischen zu Ende und die Kleine wartete sehnsüchtig.

»Sieben Jahre. Vor drei Jahren ist meine Frau an einer Krankheit gestorben.«

Ein Schatten fiel über das attraktive Gesicht von Adrian Gerlach. Sekunden später schien ihm bewusst zu werden, dass man ihm die Trauer ansah, und er straffte die Schultern. »Einige Monate darauf habe ich für Tobias Merle angeschafft. Sie ist ein liebes Tier und für eine Katze auch recht gelehrig. Bestimmt sind ihre Jungen genauso.«

Celine lächelte. »Wollen Sie mich etwa überzeugen, dass ich nichts falsch mache, wenn ich Ihnen ein Kätzchen abnehme?«

Adrian grinste. »Sie haben mich durchschaut.«

»Ich überlege es mir.« Celine erhob sich. »Ich muss jetzt wirklich gehen.«

Auch Adrian stand auf. »Ich danke Ihnen, dass Sie sich Zeit genommen haben, und natürlich auch für den Lieferservice.«

»Gern geschehen«, versicherte Celine.

»Darf ich Sie anrufen, wegen der Katze?«, fragte er.

»Natürlich.«

Unter der Haustür reichte Adrian ihr die Hand. Warm schlossen sich seine Finger um ihre. »Kommen Sie gut nach Hause«, sagte er und sah sie an, als wollte er sich ihre Gesichtszüge unbedingt einprägen.

Celine spürte verlegene Hitze, und ihr Herz schlug ein paar Takte schneller. »Auf Wiedersehen«, antwortete sie.

Obgleich die Haustür schon geschlossen war, glaubte sie seinen Blick im Rücken zu spüren.

Rasch ging sie zu ihrem Wagen. Es war viertel vor acht Uhr. Allerhöchste Zeit.

*