Sophienlust Paket 1 – Familienroman - Patricia Vandenberg - E-Book
Beschreibung

Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren: Denise von Schoenecker verwaltet das Erbe ihres Sohnes Nick, dem später einmal, das Kinderheim Sophienlust gehören wird. E-Book 1: Dominik erbt ein Schloß E-Book 2: Denise erfüllt ein Vermächtnis E-Book 3: Sie schenkte Susi Mutterliebe E-Book 4: Nur Liebe macht Kinder glücklich E-Book 5: Sie kannten ihre Eltern nicht E-Book 6: Ich wußte, daß du kommst E-Book 7: Marco sehnt sich nach Mutterliebe E-Book 8: Meine geliebte kleine Natascha E-Book 9: Die hochmütigen Fellmann-Kinder E-Book 10: Die Sehnsucht einer Mutter E-Book 11: Geborgenheit in Sophienlust E-Book 12: Für dich tun wir alles E-Book 13: Vati darf sich nicht scheiden lassen E-Book 14: Das Gelöbnis am Krankenbett E-Book 15: Ria und Ruth - die Zwillinge E-Book 16: Dominik schreibt heimlich einen Brief E-Book 17: Du sollst Mutterliebe nicht vermissen E-Book 18: Jerry wünscht sich einen großen Bruder E-Book 19: Nun bist du daheim, Susan E-Book 20: Gaston, der Sohn des Diplomaten E-Book 21: Ich will keinen neuen Vati E-Book 22: Nathalie, das Schmeichelkätzchen E-Book 23: Flori, der Sohn der Zirkusprinzessin E-Book 24: Ein neues Leben für Jane E-Book 25: Der Engel von Sophienlust E-Book 26: Der Schokoladenboy E-Book 27: Das uneheliche Kind E-Book 28: Eigensinnige, süße Mandy E-Book 29: Endlich sind wir eine Familie E-Book 30: Leid unter falschem Verdacht E-Book 31: Hurra, wir bekommen eine neue Mutti E-Book 32: Arme kleine Jill E-Book 33: Das Geheimnis um die kleine Mary E-Book 34: Goldi, lach doch mal! E-Book 35: Niemand hat mich richtig lieb E-Book 36: Vera wartet auf ihre Eltern E-Book 37: Daniels Herzenswunsch - ein Vati E-Book 38: Enno ist eifersüchtig E-Book 39: Bitte behalte mich lieb! E-Book 40: Die neue Mutter E-Book 41: Trixie braucht Liebe E-Book 42: Komm bitte zurück! E-Book 43: Aufregende Tage mit Fritz E-Book 44: Britta darf nicht nach Hause E-Book 45: Der große Kummer der kleinen Monika E-Book 46: Einmal eine Dame sein E-Book 47: Das fremde Pony E-Book 48: Vilena - ein Mädchen ohne Heimat E-Book 49: Der kleine Engel E-Book 50: Bettinas großer Tag

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Seitenzahl:7369

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Inhalt

Dominik erbt ein Schloss

Denise erfüllt ein Vermächtnis

Sie schenkte Susi Mutterliebe

Nur Liebe macht Kinder glücklich

Sie kannten ihre Eltern nicht

Ich wusste, dass du kommst

Marco sehnt sich nach Mutterliebe

Meine geliebte kleine Natascha

Die hochmütigen Fellmann-Kinder

Die Sehnsucht einer Mutter

Geborgenheit in Sophienlust

Für dich tun wir alles

Vati darf sich nicht scheiden lassen

Das Gelöbnis am Krankenbett

Ria und Ruth – die Zwillinge

Karina braucht dringend Hilfe

Du sollst Mutterliebe nicht vermissen

Jerry wünscht sich einen großen Bruder

Nun bist du daheim, Susan

Gaston, der Sohn des Diplomaten

Ich will keinen neuen Vati

Nathalie, das Schmeichelkätzchen

Flori, der Sohn der Zirkusprinzessin

Ein neues Leben für Jane

Der Engel von Sophienlust

Der amüsante Junge

Das uneheliche Kind

Eigensinnige,süße Mandy

Endlich sind wir eine Familie

Leid unter falschem Verdacht

Hurra, wir bekommen eine neue Mutti!

Arme kleine Jill

Das Geheimnis um die kleine Mary

Goldi, lach doch mal!

Niemand hat mich richtig lieb

Vera wartet auf ihre Eltern

Daniels Herzenswunsch – ein Vati

Enno ist eifersüchtig

Bitte behalte mich lieb!

Die neue Mutter

Trixi braucht Liebe

Komm bitte zurück!

Aufregende Tage mit Fritz

Britta darf nicht nach Hause

Der große Kummer der kleinen Monika

Bezaubernde Cindy

Das fremde Pony

Vilena – ein Mädchen ohne Heimat

Der kleine Engel

Bettinas großer Tag

Sophienlust – Paket 1–

E-Book 1-50

Patricia Vandenberg

Dominik erbt ein Schloss

Sophie von Wellentin saß in ihrem Lehnsessel in dem riesigen Wohnraum des Gutshauses, das sich seit vier Generationen im Besitz ihrer Familie befand. Wohlgemerkt in ihrer Familie, nicht in derer von Wellentin.

»Sophienlust« hatte ihre lebensfrohe Großmutter es einstmals genannt. Sie hatte dem Haus und auch ihr, der Enkelin, diesen Namen gegeben. Aber Sophie von Wellentin war bei weitem nicht so lebensfroh wie ihre verstorbene Ahnin.

Der Notar Dr. Brachmann, nicht viel jünger als die Gutsherrin, betrachtete die alte Dame mit wachsamen Augen. Gestern hatte sie ihren fünfundsiebzigsten Geburtstag gefeiert. Sie hatte sich sehr zusammengenommen, doch heute bemerkte man, wie erschöpft sie war.

»Sie wundern sich bestimmt, daß ich Sie heute nochmals rufen ließ, lieber Doktor Brachmann?« fragte sie mit ihrer leisen angenehmen Stimme.

»Ich möchte mein Testament ändern«, fuhr sie fort. »Und zwar noch heute, denn ich habe keine Zeit mehr zu verlieren.«

»Sie wollen Ihr Testament ändern?« fragte der Anwalt verblüfft. »Aber Sie haben doch gar keine Angehörigen, außer Ihrem Sohn und seiner Gattin.«

»Das meinen Sie, und das meinen die anderen«, erklärte sie spöttisch. »Ich aber weiß seit vier Wochen, daß ich einen Urenkel besitze.«

»Einen Urenkel?« wiederholte Dr. Brachmann ungläubig. »Dietmar ist seit fünf Jahren tot!«

»Ja, er ist seit fünf Jahren tot«, wiederholte sie traurig. »Aber sein Sohn lebt! Der Junge ist fast fünf Jahre alt, und er wird mein alleiniger Erbe sein!«

»Gnädige Frau, ich bitte Sie zu bedenken, Sie könnten falschen Informationen zum Opfer gefallen sein. Oder jemand könnte versuchen, sich auf unlautere Weise zu bereichern. Da war doch jene Tänzerin. Wie hieß sie doch?«

»Denise Montand«, antwortete die alte Dame.

»Und sie ist auch die Mutter meines Urenkels Dominik. Wir alle haben diese Affäre damals mit einer Handbewegung abgetan. Aber jetzt weiß ich, daß Dietmar dieses Mädchen kurz vor seinem Tod geheiratet hat. Es ist ein eheliches Kind! Verstehen Sie, Doktor Brachmann? Es gibt seit fast fünf Jahren einen Dominik von Wellentin, aber niemand wußte es.«

Eine Weile herrschte Schweigen.

»Ich komme da nicht mit«, meinte der alte Herr. »Wenn es so ist, warum hat diese junge Frau dann niemals Ansprüche geltend gemacht?«

»Sie besitzt etwas, das wohl niemand voraussetzte: Würde und Stolz. Deshalb konnte sie nicht bei Menschen betteln, die sie verächtlich von ihrer Tür gewiesen hätten. Es war mir ein dringendes Bedürfnis, mich Ihnen anzuvertrauen. Ich hoffe, daß ich mich auf Ihre völlige Diskretion verlassen kann.«

»Sie kennen mich lange und gut genug, gnädige Frau, um Ihnen meine Diskretion nicht versichern zu müssen.«

Sie nickte. »Vorerst weiß weder mein Sohn noch meine Schwiegertochter etwas davon. Deshalb muß ich ein Testament hinterlassen, das unanfechtbar ist. Ich möchte auch, daß Sie Dominik von Wellentin und seiner Mutter zur Seite stehen, da ich dazu nicht mehr in der Lage sein werde. Ich wage es nicht, mit dieser großartigen jungen Frau persönlich zu sprechen. Ich würde mich zu sehr schämen für das, was ich versäumte, obgleich Dietmar mir vertraute. Ich war so engstirnig, wie mein Sohn und seine Frau es heute noch sind, obgleich sie ihren einzigen Sohn verloren haben. Sie werden sich wohl auch nicht mehr ändern und für meine Handlungsweise kein Verständnis aufbringen. Aber wenn man sich an der Schwelle des Todes befindet, dann sieht man alles mit anderen Augen. Ich möchte nicht sterben, ohne Gottes Vergebung zu erlangen, nur er kann mir vergeben. Von dieser jungen Frau und von einem Kind darf ich es nicht erwarten. Und jetzt werde ich Ihnen die Vorgeschichte erzählen.«

*

Es war an einem Sommertag, als Dietmar von Wellentin zu seiner Großmutter kam, nachdem er mit seinem Vater eine harte Auseinandersetzung gehabt hatte.

Dietmar war erst vierundzwanzig Jahre alt, und er war auch kein Wellentin, wie ihn seine Großmutter sich gewünscht hatte. Dennoch liebte sie Dietmar, der von seinem Vater verwöhnt und von seiner Mutter vergöttert wurde.

»Ich soll Barbara von Borken heiraten, Großmama«, hatte er zornig gesagt.

»Ich weiß, sie ist ein sehr hübsches und gebildetes Mädchen«, hatte Sophie von Wellentin erwidert.

»Aber ich liebe Denise, Großmama. Denise Montand. Ich will sie heiraten! Ja, ich muß sie sogar heiraten, denn sie erwartet ein Kind von mir!«

Sophie von Wellentin sah Dr. Brachmann an.

»Sie können sich vorstellen, wie entsetzt ich war«, sprach sie mit leiser, aber ruhiger Stimme weiter. »Mein Enkel und eine Tänzerin! Ein Skandal! Dietmar gestand mir auch sogleich, daß er bereits mit seinem Vater gesprochen und kein Verständnis gefunden hätte.«

»Bist du überzeugt, daß es dein Kind ist?« hatte sein Vater ihn höhnisch gefragt.

»Wieviel Affären mag sie haben? Eine Tänzerin…! Du hast uns schon mancherlei geboten, Dietmar, und ich habe immer ein Auge zugedrückt, aber das ist zuviel. Nein, niemals wirst du diese Frau heiraten! In diesem Augenblick wärst du mein Sohn nicht mehr. Nicht einen Pfennig würdest du von mir bekommen.«

»Dietmar hat mir alles erzählt«, fuhr Sophie von Wellentin nach einer kurzen Atempause fort, »aber auch ich war geneigt, diese Tänzerin zu verdammen. Ich glaubte nicht an eine große, beständige Liebe. Ganz wollte ich ihn allerdings auch nicht im Stich lassen. Ich gab Dietmar zwanzigtausend Euro und bat ihn inständig, diese Affäre aus der Welt zu schaffen und das Mädchen abzufinden. Fast hatte ich den Eindruck, daß Dietmar zur Einsicht kommen würde. Aber es war das letzte Mal, daß ich ihn lebend sah. Wenig später verunglückte er in den Vogesen tödlich. Denise Montand trat nie in Erscheinung.«

»Aber…«, Dr. Brachmann geriet ins Stocken, »wie kamen Sie jetzt auf den Gedanken, Nachforschungen anzustellen?« fragte er. »Ich muß doch annehmen, daß Ihre Informationen auf solchen beruhen.«

Für einige Minuten versank die alte Dame wieder in Schweigen. »Der Himmel wollte es wohl, daß ich zur Einsicht komme«, flüsterte sie.

»Wie Sie wissen, war ich vor vier Wochen zur Kur in Ischia. Viel genützt hat es meiner Gesundheit nicht mehr, aber es sollte wohl so sein, daß dort eine Denise Montand eine Verletzung auskurierte, die sie beim Tanzen erlitten hatte. Man sprach viel darüber.

Sie ist eine sehr schöne Frau. Man konnte sie allerdings nur aus der Ferne bewundern, denn sie lebte völlig zurückgezogen.

Der Name war mir plötzlich in Erinnerung gekommen. Ich beobachtete sie.

Ein junges Mädchen begleitete sie des öfteren, und eines Tages sah ich einen kleinen Jungen an ihrer Hand, bei dessen Anblick mir der Atem stockte. Ich sah Dietmar, als er ein Kind war.

Es war nicht einfach, an Denise Montand heranzukommen, aber eines Tages gelang es mir, mit ihr bekannt gemacht zu werden.«

Sie sprach jetzt jedes Wort mit Überlegung aus, und Dr. Brachmann sah diese Szene, die sich vor einigen Wochen abgespielt hatte, plastisch vor seinen Augen.

»Frau Montand?« sagte Sophie von Wellentin. »Ich habe Ihren Namen schon gehört, Sie sind Tänzerin. Ich hörte von Ihrem Unfall. Mein Name ist Sophie von Wellentin.«

Denise Montand erblaßte. Ihre Lippen bebten.

»Ich bedauere, gnädige Frau«, erwiderte sie kühl. »Ich habe diesen Namen noch nie gehört.«

Sophie von Wellentin seufzte. »Ich wußte nicht mehr, was ich sagen sollte. Sie verabschiedete sich rasch, und einen Tag später war sie aus Ischia abgereist. Ich setzte alle Hebel in Bewegung, um ihren Aufenthaltsort in Erfahrung zu bringen. Endlich gelang es mir. Sie lebt zurückgezogen in Paris. Ihr Sohn aber befand sich wieder in dem Heim, in dem sie ihn vor drei Jahren untergebracht hatte. Übrigens in einem sehr guten privaten Kinderheim.

Ich fuhr dorthin. Eine beträchtliche Zuwendung machte die Leiterin sehr redselig.

Dominik lebt dort unter dem Namen Montand. Aber ich erhielt den Beweis, daß Dietmar die Mutter seines Kindes einige Wochen vor seinem Tod geheiratet hatte. Ich konnte das Kind sehen und auch sprechen. Ich gab mich allerdings nicht zu erkennen. So tief beschämt war ich noch nie in meinem Leben. Wir hatten diese Frau in Grund und Boden verdammt, und sie war so großartig, daß ich keine Worte dafür finde. Ich schickte seiner Mutter einen Brief und Geld. Beides kam zurück. Es müsse sich um einen Irrtum handeln, schrieb sie. Sonst nichts.«

»Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll«, meinte Dr. Brachmann.

»Sie brauchen nichts mehr zu sagen, mein Freund. Sie werden mein neues Testament aufsetzen und zwar so, daß Denise Montand es akzeptieren muß und niemand es anfechten kann!«

*

»Manchmal verstehe ich dich wirklich nicht, Isi«, sagte Claudia Rogers zu Denise Montand. »Warum hast du das Geld zurückgeschickt? Wenn schon einmal ein Mitglied dieser bornierten Familie eine menschliche Regung zeigt, hättest du es ruhig annehmen können. Es steht dir schließlich zu, und wenn nicht dir, dann Nick. Fünf Jahre hast du allein für das Kind gesorgt. Es ist dir doch wahrhaftig nicht leichtgefallen.«

»Viereinhalb Jahre«, berichtigte Denise. »Ich habe die ärgste Zeit geschafft, und die zwanzigtausend Euro, die Dietmar mir gegeben hatte, sind für Nick gut angelegt. Davon wird er seine Berufsausbildung bestreiten können. Ich will mit dieser Familie nichts zu schaffen haben.«

»Aber Nick trägt ihren Namen, vergiß das nicht!« mahnte Claudia.

»Ja, er trägt den Namen seines Vaters, aber er ist mein Kind. Seine Mutter hat man verachtet. Eine Tänzerin! Unglaublich, daß ein von Wellentin eine Tänzerin heiraten wollte. Ich habe es nicht vergessen.«

»Aber er wollte doch seine Familie von der Heirat unterrichten!«

»Dazu kam es nicht. Er starb vorher, und vielleicht war es gut so.«

»Du hast ihn doch geliebt, Isi«, sagte Claudia niedergeschlagen.

»Ja, ich liebte ihn, aber ich wußte nicht, daß er ein Schwächling war. Mein Sohn soll einmal ein ganzer Mann werden. Dominik wird mich nicht enttäuschen, ich weiß es.«

»Du bist verbittert«, flüsterte Claudia, die einzige Vertraute der schönen Frau.

»Dietmar ist tot«, erwiderte Denise leise. »Ich weiß nicht, mit welchen Gedanken er starb. Aber manchmal fürchte ich, daß er wohl doch nicht durchgehalten hätte, Claudi. Und ich kann dir nur immer wieder raten: Schau dir die Männer ganz genau an, bevor du einem vertraust.«

»Aber du liebst Dominik. Du  hättest ihn doch niemals weggegeben, wenn du nicht Geld verdienen müßtest. Jetzt aber mußt du den Tatsachen ins Auge sehen, Isi! Du wirst nie mehr tanzen können. Das Heim kostet eine Menge Geld. Wenn dir schon Hilfe angeboten wird, solltest du sie nehmen.«

Denise sah das junge Mädchen an.

»Du stehst wenigstens mit beiden Beinen mitten im Leben, Claudi«, lächelte sie. »Ich bin froh, daß ich dich habe und mit dir sprechen kann. Aber von dieser Familie laß uns bitte schweigen.«

»Du hast Nick versprochen, ihn zu dir zu nehmen. Er wird nicht verstehen, warum es plötzlich nicht mehr möglich sein soll.«

»Er ist sehr vernünftig und wird begreifen, daß ich mir erst einen neuen Beruf suchen muß. Tanzen kann ich nicht mehr. Was soll ich tun, Claudi?«

»Du hättest das Geld nehmen sollen. Dann hättest du dir eine Existenz aufbauen können. Eine hübsche Pension an der Riviera vielleicht, oder eine Boutique. Die alte Dame machte doch wirklich einen guten Eindruck.«

»Vielleicht hat ihr Gewissen geschlagen? Aber ich kann nicht vergessen, daß man mich wie ein billiges Mädchen behandelt hat, das sich anmaßte, einen von Wellentin an sich zu binden. Und ich kann mir nicht verzeihen, daß ausgerechnet Dietmar der Vaters meines Kindes sein muß.«

Plötzlich verließ sie die Beherrschung. »Ich hatte ihn so lieb, Claudi, so unendlich lieb. Ich werde nie erfahren, ob er so geworden wäre, wie ich ihn mir wünschte.«

»Du mußt zu Nick fahren und ihm sagen, daß es noch eine Zeit dauern wird, bis du ihn zu dir nehmen kannst«, mahnte Claudia, ihre Erschütterung unterdrückend. »Herrgott, wenn doch wenigstens ich Geld hätte! Aber warum mußt du dir ausgerechnet eine so arme Freundin aussuchen?«

»Weil ich dich sehr, sehr gern habe, Claudi«, erwiderte Denise herzlich. »Wir sind doch richtige Freundinnen.«

Sie erinnerten sich beide des Tages, als sie sich kennenlernten. Claudia war Lernschwester in der Klinik, in der Denise ihren Sohn zur Welt brachte.

Zuerst hatte die Sechzehnjährige in ihr nur die schöne Frau bewundert. Ganz langsam aber hatte sich das elternlose Mädchen immer inniger an Denise angeschlossen. Denise hatte bald gespürt, daß es mehr als eine flüchtige Zuneigung war. Sie war für Claudia Freundin und Schwester zugleich geworden, und eines Tages hatte das junge Mädchen dann ihr Schicksal erfahren. Je mehr Denise sich in sich selbst zurückzog und nur noch für ihren Sohn lebte und arbeitete, desto

energischer wurde Claudia, um ihrer Freundin zu helfen.

»Sehen wir alles jetzt einmal ganz objektiv, Isi«, meinte sie. »Dein Geld ist aufgebraucht. Das Geld für Dominik willst du nicht anrühren. Aber Nick glaubt an dich. Er freut sich darauf, bei dir sein zu dürfen. Was ich verdiene, würde uns das Existenzminimum sichern, und du weißt, wie gern ich mit dir teile. Aber enttäuschen darfst du den Jungen nicht.«

Denise ergriff ihre Hand. »Ich werde ihn nicht enttäuschen, Claudi.«

*

Das Kinderheim, in dem Denise ihren Sohn untergebracht hatte, trug den Namen »Haus Bernadette«. Leiterin war Madame Merlinde. Sie war über fünfzig, liebte es aber, sich jünger zu geben. Was immer man an ihr persönlich auch auszusetzen hatte, das Heim war gut geführt. Dominik hatte sich nie beschwert. Was er vermißte, war, daß er seine Mutter so selten sehen durfte. Das zeigte sich, als Denise kam und er sie schon von weitem entdeckte, als hätte er sie längst erwartet.

»Mutti, geliebte Mutti!« Mit diesem Jubelruf lief er ihr entgegen. »Ich dachte schon, du wärst krank.«

Er klammerte sich an sie, küßte sie stürmisch und wollte sie gar nicht mehr freigeben. »Ich habe so sehr auf dich gewartet, Mutti! Hattest du vergessen, daß du mich holen wolltest?«

»Ich konnte nicht früher kommen, Nick«, erwiderte sie traurig. »Du mußt mich verstehen, mein Kleiner! Du bist doch so vernünftig.«

»Hast du noch keine Arbeit gefunden?« erkundigte er sich zaghaft.

»Nein, das ist sehr schwierig, Nick. Ich muß doch einen Beruf haben, wo ich Zeit für dich habe. Allein kann ich dich doch nicht lassen.«

Nicks Gesicht wurde immer betrüblicher. Er war ein bildhübscher Junge mit verträumten dunklen Augen, die von langen Wimpern umgeben waren, lockigem blauschwarzem Haar und zierlichem Wuchs. Schmerzhaft wurde es Denise bewußt, wie wenig sie ihn bisher bei sich gehabt hatte. Gewiß waren es jedes Jahr ein paar Ferienwochen gewesen, aber die übrige Zeit zählte wohl doppelt, denn immer mußte sie erst gewisse Hemmungen überwinden, bis sie so mit ihm sprechen konnte, wie sie es sich wünschte. Sie fühlte sich schuldbewußt, daß sie nicht mehr Zeit für ihn aufbringen konnte.

Sie hatte hart gearbeitet und gut verdient, aber fast die Hälfte ihrer Einnahmen hatte sie für Dominik verwandt.

Sie hatte ihn nicht in irgendein Heim geben wollen, sondern war darauf bedacht gewesen, daß es ihm an nichts fehlte.

Die unbeantworteten Fragen, die Dietmars früher Tod aufgeworfen hatten, waren eine Belastung für sie gewesen. Aber nicht einen Augenblick hatte sie gezögert, alle Verantwortung für das Kind auf sich zu nehmen.

Die flüchtige Begegnung mit Dietmars Großmutter hatte neue Probleme für sie aufgeworfen. Die alte Dame hatte ihre Bekanntschaft gesucht, sie aber hatte dieser ausweichen wollen.

Warum nur besaß sie diesen Stolz, den sie sich doch gar nicht leisten konnte? Immerhin war es eine Tatsache, daß Dominik ein Wellentin war.

Sie mußte jetzt oft daran denken, wenn sie ihn sah. Er war seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Nur das dunkle Haar hatte er von ihr.

»Weißt du, Mutti, es wäre ja gar nicht so schlimm, wenn ich schon schreiben und deine Briefe selbst lesen könnte«, meinte Nick. »Besuch bekommen die andern Kinder ja auch nicht oft. Und Madame Merlinde ist zu mir jetzt auch ganz besonders nett.«

»Jetzt?« fragte Denise gedankenlos.

»Nun, seitdem die alte Dame da war. Ich mußte guten Tag sagen. Sie war sehr freundlich. Und hinterher hat sie uns ein ganz großes Paket mit Süßigkeiten und Spielsachen geschickt.«

Angst erfüllte Denise. Es konnte sich doch wohl nur um Frau von Wellentin handeln. Was hatte das zu bedeuten? Wollte sie ihr den Jungen nehmen? War es ihnen jetzt bewußt geworden, daß es sich um den letzten Wellentin handelte?

O nein, dachte Denise aufbegehrend. Er ist mein Sohn, ganz allein mein Sohn! Und dann war auch schon der nächste Gedanke da. Sie durfte Dominik nicht mehr hierlassen. Sie mußte auch ihren Aufenthaltsort wechseln. Frau von Wellentin hatte beides in Erfahrung gebracht.

Aber zuerst wollte sie doch mit Madame Merlinde sprechen.

Sie war sehr verlegen, als Denise sie direkt fragte. Dann gab sie aber doch zu, daß Frau von Wellentin hier gewesen sei und ihr Interesse an dem Jungen bekundet hätte.

»Und was haben Sie ihr gesagt?« fragte Denise ungehalten.

»Ich will mich gewiß nicht in Ihre Angelegenheiten mischen, Madame Montand«, entgegnete die Ältere leise, »aber Sie sollten es sich vielleicht doch überlegen, schon im Interesse Ihres Sohnes, ob Sie sich diesen Stolz leisten können. Sehen Sie, ich bin eine lebenserfahrene Frau. Wie viele Schicksale sind mir bekannt geworden. Manch eines hätte eine glückliche Wendung nehmen können, wenn nicht unerbittliche Charaktere aufeinandergeprallt wären. Man sollte eine Hand, die zur Versöhnung bereit ist, nicht so schnell ausschlagen.«

»Sie können die Umstände nicht beurteilen«, erklärte Denise abweisend. »Ich möchte Dominik heute mitnehmen.«

Madame Merlinde sah sie fast entsetzt an. Es kam zu plötzlich. Sie hatte Frau von Wellentin versprochen, ihr umgehend mitzuteilen, wenn Denise Montand ihren Sohn aus dem Heim nehmen würde. Aber dazu hatte sie keine Gelegenheit, wenn sie ihn schon heute mitnahm. Andererseits konnte sie ihr auch nichts in den Weg legen.

»Sie wollen ihn mit nach Paris nehmen?« fragte sie vorsichtig. »Haben Sie bereits eine neue Position gefunden, die es Ihnen ermöglicht? Ich will doch nicht hoffen, daß Sie plötzlich Grund zur Beschwerde hätten?«

»O nein, Nick erzählte mir, daß Sie jetzt ganz besonders nett zu ihm wären«, erwiderte Denise spöttisch. »Frau von Wellentin hat sich Ihnen wohl sehr großzügig erkenntlich gezeigt.«

»Wenn ich mir eine Bemerkung gestatten darf, Madame Montand, die alte Dame machte durchaus den Eindruck, daß die ehrenwertesten Absichten sie bewegten.«

»Das mag durchaus der Fall sein«, gab Denise zu, »aber mein Sohn gehört mir. Wenn sich Frau von Wellentin noch einmal an Sie wenden sollte, sagen Sie ihr dies bitte!«

*

So erlebte der kleine Dominik die große Überraschung, schon an diesem Tage mit seiner Mutter Haus Bernadette verlassen zu können. Nicht einmal von seinen kleinen Freunden konnte er sich richtig verabschieden. Die kleine Susanne Berkin weinte bitterlich.

»Sie hat ja niemanden, Mutti«, erzählte Nick leise und drehte sich noch einmal zu ihr um. »Wenn wir mal ein schönes Haus haben, Susi«, rief er ihr tröstend zu, »dann darfst du zu mir kommen. Mutti erlaubt es bestimmt, nicht wahr, liebe Mutti?«

Du lieber Gott, dachte Denise, ein schönes Haus. Er wird umsonst darauf hoffen. Wir wollen froh sein, wenn wir uns bescheiden durchbringen. Aber sie konnte seinem bittenden Blick nicht widerstehen und sagte: »Ja!«

»Fahren wir nach Paris?« fragte Dominik auf dem Bahnhof.

»Nein, wir fahren zu Claudia. Sie hat Sehnsucht nach dir, Nick.«

Währenddessen hatte Madame Merlinde schon Frau von Wellentin auf Gut Sophienlust angerufen und ihr mitgeteilt, daß Dominik von seiner Mutter abgeholt worden sei.

Noch am Abend des gleichen Tages wurde der Privatsekretär, der Frau von Wellentin bereits alle Informationen besorgt hatte, beauftragt, sich sofort auf ihre Spur zu setzen und weder sie noch das Kind aus den Augen zu verlieren.

Sophie von Wellentin fühlte sich sehr matt, aber noch einmal entfaltete sie alle Energie. Sie ließ ihren Sohn zu sich rufen. Er traf am nächsten Vormittag bei ihr ein.

Man konnte Hubert von Wellentin als einen Mann in den besten Jahren bezeichnen. Seine Gestalt war jugendlich straff, seine Haare waren nur an den Schläfen leicht ergraut.

Er hatte das Leben genossen, aber er hatte dabei nicht vergessen, sein Vermögen zu vermehren. Daß der frühe Tod seines einzigen Sohnes ihn hart getroffen hatte, gab er nicht zu. Vielleicht quälte ihn auch sein schlechtes Gewissen, weil sie sich im Zorn getrennt und keine Zeit zur Versöhnung gefunden hatten.

»Geht es dir noch immer nicht besser, Mutter?« fragte er ehrlich betrübt.

»Nein, Hubert, und es wird mir auch nicht mehr bessergehen. Ich fühle mein Ende nahen.«

»Es bedrückt mich sehr, dich so sprechen zu hören, Mutter«, sagte er leise.

»Nun, ich bin fünfundsiebzig Jahre alt und habe ein langes Leben hinter mir. Kein sehr befriedigendes Leben, wie ich rückblickend feststellen muß. Seit fünf Jahren sogar ein sehr leidvolles Leben«, fügte sie hinzu. »Ich möchte heute mit dir über jene Frau sprechen, die Dietmar geliebt hatte und heiraten wollte.«

»Aber das ist doch längst ver­gessen«, erwiderte er abweisend. 

»Eine Affäre. Er hat sie bereinigt, sonst hätte man wohl noch einmal von ihr gehört.«

»Es könnte andere Gründe geben, daß man nichts mehr von ihr hörte«, erklärte sie müde. »Hast du dir nie Gedanken darüber gemacht, von wem die Rosen sein könnten, die jedes Jahr an seinem Todestag auf dem Grab lagen?«

Unwillen zeichneten jetzt seine strengen Züge. »Deine Phantasie ist sehr rege, Mutter«, wehrte er ab. »Barbara wird sie gebracht haben.«

»Barbara, die seit vier Jahren verheiratet ist und Dietmar keine Träne nachgeweint hat?« antwortete sie bitter.

»Sie liebte ihn«, behauptete er.

»Das hast du dir eingebildet, weil es dir wünschenswert erschien. Aber darüber wollen wir nicht sprechen. Dietmar hat vor seinem Tod Denise Montand geheiratet, und sie hat einen Sohn zur Welt gebracht.«

Er sah sie fassungslos an.

»Ja, es gibt noch einen von Wellentin, mein Sohn, und ich hoffe, daß du davon Kenntnis nehmen wirst.«

»Niemals!« erwiderte er. »Wenn es wirklich so wäre, das Kind einer Tänzerin würde ich nicht anerkennen. Ist sie vielleicht an dich herangetreten? Will sie dich erpressen?«

»Ganz im Gegenteil! Sie versteckt den Jungen und lehnt jede Hilfe ab. Sie hat mir gegenüber sogar behauptet, den Namen Wellentin nie gehört zu haben.«

Dann berichtete sie, wie sie zu ihren Kenntnissen gekommen war. Aber sein Gesicht blieb unbeweglich und abweisend.

»Ich fühle, du willst mich nicht verstehen, oder du begreifst nicht, was ich dir verständlich machen will«, sagte Sophie von Wellentin tonlos. »Eigentlich habe ich auch nichts anderes erwartet. Nun kann ich nur hoffen, daß du eines Tages nicht die Reue empfinden wirst, die ich empfinde. Du hattest nur einen Sohn. All dein Geld werden eines Tages fremde Menschen bekommen, Hubert. Denise Montand war nicht gut genug für unseren Namen, nicht gut genug für deinen Sohn. Dietmar ist tot, und man soll Toten nichts Böses nachsagen. Ich bin überzeugt, daß ich es auch nicht tue, wenn ich jetzt sage, daß sie vielleicht zu schade für ihn war. Ich habe die Konsequenzen daraus gezogen.«

»Welche Konsequenzen, Mutter?« fragte er bestürzt.

»Das wirst du erfahren, wenn ich tot bin«, erwiderte sie ruhig.

*

Es war ein sonniger Frühlingstag, an dem die sterblichen Überreste Sophie von Wellentins in die Familiengruf gesenkt wurden. Eine große Trauergemeinde folgte ihrem Sarg. Noch mehr als den Gedanken, daß er nun keine Mutter mehr hatte, verfolgten Hubert von Wellentin ihre letzten Worte. Zwei Tage nach ihrer letzten Unterredung war sie gestorben. Auch sie waren nicht friedlich voneinander geschieden, wenngleich er den Gedanken, daß Differenzen zwischen ihnen bestanden hatten, weit von sich wies.

Die Testamentseröffnung sollte drei Tage später erfolgen. Irene von Wellentin, wie ihr Mann starr und unerbittlich in ihrer Haltung, hielt eine solche für völlig überflüssig.

»Du meinst doch nicht etwa, daß sie uns enterbt haben könnte, Hubert«, sagte sie zu ihrem Gatten, der nach der Beisetzung unanfechtbar war.

»Nun ist sie tot, und ihr kann alles gleichgültig sein. Ich fürchte, daß wir eine böse Überraschung erleben könnten.«

Irene von Wellentin hob die Augenbrauen. »Ein Testament ist doch anfechtbar«, erklärte sie gelassen. »Du bist ihr einziger Erbe.«

»Aber Sophienlust gehörte ihrer Familie. Daran gibt es nichts zu rütteln. Es ist dem Vermögen der Wellentins nie einverleibt worden.«

»Aber es gibt doch niemanden, der ihr nahgestanden hätte«, rätselte sie.

Obwohl er nicht antwortete, ließen Hubert von Wellentin seine Gedanken nicht zur Ruhe kommen.

*

In Claudia Rogers kleiner Wohnung war gerade so viel Platz, daß Denise und Dominik eine Schlafgelegenheit finden konnten. Claudia war mehr als überrascht gewesen, als Denise mit dem Jungen kam, aber sie stellte keine Fragen.

Claudia war als Schwester in einer Privatklinik angestellt und verdiente recht gut. Sie war gern bereit, alles mit Denise und Dominik zu teilen, aber die beengten Verhältnisse stimmten sie doch besorgt. Noch besorgter empfand sie, daß Denise überaus schweigsam war und fast schwermütig wirkte.

Nur langsam erzählte sie, was sie bewegt hatte, Dominik mit sich zu nehmen.

»Gut, ich verstehe dich«, meinte Claudia. »Jetzt müssen wir uns nur nach einer größeren Wohnung umschauen und eine Stellung für dich suchen. Vielleicht wüßte ich sogar eine. Die Frau unseres Chefarztes sucht eine Betreuerin für ihre Kinder. Es wäre halt eine Übergangslösung.«

Denise versuchte, sich mit diesem Gedanken vertraut zu machen. Wenn man sie nehmen würde, was sollte dann aber mit Dominik geschehen? Claudia meinte optimistisch, daß man ja mit den Leuten offen reden könnte. Wo bereits vier Kinder waren, käme es auf ein fünftes ja nicht an.

»Du hast wirklich Humor«, lächelte Denise. Da klingelte es, und ein Postbote stand vor der Tür.

»Nanu«, sagte Claudia, »ein Einschreiben. Aber der Brief ist ja für dich, Isi!« Staunen malte sich auf ihren Zügen. »Wer weiß denn, daß du hier bist?«

»Niemand!« erwiderte Denise. »Nicht mal Madame Merlinde.«

Denise leistete mechanisch ihre Unterschrift, immer noch überlegend, wer von ihrer engen Freundschaft mit Claudia Rogers wüßte.

»Von einem Doktor Brachmann«, sagte Denise zögernd. »Oh!« Nach diesem überraschten Aufstöhnen hielt sie das Schreiben Claudia hin. Diese nahm es und las:

Sehr verehrte, gnädige Frau! Nach dem plötzlichen Ableben meiner Mandantin, Frau Sophie von Wellentin, bin ich beauftragt, Ihre Interessen wahrzunehmen. Ich möchte Sie höflich ersuchen, zu der auf den 3. Mai dieses Jahres festgesetzten Testamentseröffnung auf Gut Sophienlust zu erscheinen. Für Ihre Auslagen füge ich Ihnen einen Scheck bei. Ich sehe mich veranlaßt, Ihnen mitzuteilen, daß Frau von Wellentin als ihren letzten Wunsch geäußert hat, daß Sie dieser Aufforderung Folge leisten mögen. Sie bat mich ausdrücklich, Ihnen mitzuteilen, daß nur der Gedanke daran, daß Sie diesen, ihren letzten Wunsch erfüllen, sie in Ruhe sterben ließ. Ihr Verständnis auf die letzte Bitte einer Sterbenden erhoffend, verbleibe ich mit vorzüglicher Hochachtung!

»Guter Gott!« seufzte Claudia. »Was nun, Isi?«

»Ich darf den letzten Wunsch einer Sterbenden nicht einfach übergehen, obwohl es mich schreckliche Überwindung kosten wird, ihn zu erfüllen. Denn bestimmt werden dort auch Dietmars Eltern erscheinen.«

»Der Nachsatz lautet, daß du Dominik mitbringen sollst. Die alte Dame war scheinbar sehr gut informiert. Wenn du meine Meinung wissen willst, Isi…, für dich kannst du entscheiden wie du willst, aber wenn sie dem Jungen etwas hinterlassen hat, hast du  nicht das Recht, dich dagegen zu sperren. Hör dir doch wenigstens an, was man dir eröffnet. Du brauchst dich nicht zu verstecken. Großartiger als du kann sich eine Frau gar nicht benehmen.«

»Mach mich nicht besser als ich bin! Ich habe diese Gesellschaft verachtet. Ich wollte nichts mit ihr zu tun haben.«

»Aber immerhin hat er dich geheiratet, Isi!«

»Ich wollte es nicht, aber irgendwie siegte mein bürgerliches Bewußtsein.« Sie lachte spöttisch. »Es ist fast komisch, aber ich überlegte mir damals, daß mein Kind mir mal Vorwürfe machen könnte, ein uneheliches Kind zu sein.«

»Das war sicher auch sein Hauptbeweggrund, Isi«, erwiderte Claudia. »Denk daran, wenn du jetzt entscheidest! Dietmar starb zu schnell. Er konnte dir nichts beweisen, aber vielleicht wußte seine Großmutter, wie ernst es ihm damit war und will nun alles gutmachen.«

Denise überlegte. »Nun, dann werde ich Dominik wohl erzählen müssen, daß er ein Wellentin ist«, meinte sie mit einem Anflug von Bitterkeit.

*

Der Junge war überrascht, daß sie schon wieder reisen wollten. Seine erste bange Frage war, ob Claudia sie nicht haben wolle. Aber darüber konnte ihn Denise trösten.

Alles andere konnte sie ihm nicht mit so einfachen Worten verständlich machen, aber er war ein intelligentes Kind und lauschte ihr sehr aufmerksam, als sie ihm sagte, daß er eine Urgroßmutter gehabt hätte, die nun gestorben sei.

Seine Urgroßmutter hatte er nicht gekannt, also konnte ihr Tod ihm nichts mehr bedeuten, als daß er ihm diese Reise einbrachte, wie seine Mami ihm erklärte.

Ihn interessierte vielmehr, ob er denn auch eine Großmutter hätte. Denise blieb nichts anderes übrig, als ihm zu sagen, daß es diese und auch einen Großvater gäbe.

Dominik blickte sie fragend an. »Aber mein Vater ist doch tot, Mami?« fragte er beklommen. »Du hast es doch nicht nur so gesagt?«

»Nein, ich habe es nicht so gesagt. Er ist lange tot. Er starb, bevor du geboren wurdest. Er ist verunglückt.«

»Warum haben mich meine Großeltern dann nicht besucht? Hätte ich sie nicht auch mal besuchen dürfen?«

»Sie mochten mich nicht, Nick«, erwiderte sie gleichmütig. »Mein Beruf gefiel ihnen nicht.«

»Wenn sie dich nicht mochten, mag ich sie auch nicht«, sagte er zornig. »Wozu fahren wir eigentlich dorthin, Mami?«

»Erinnerst du dich noch an die alte Dame, die euch Süßigkeiten und Spielsachen ins Heim schickte, Nick?«

»Ja, sie war sehr nett. Hat sie auch was mit denen zu tun?«

»Es war deine Urgroßmutter, Frau von Wellentin. Und du heißt eigentlich auch so.«

»Ich möchte aber lieber so heißen wie du«, erwiderte er ernst.

Es kostete sie große Überwindung, ihm zu sagen, daß auch sie diesen Namen führen könnte, es aber nicht wolle. Wie sollte ein kleiner Junge verstehen, was man für Beweggründe haben könnte, so zu handeln.

Aufmerksam sah Dominik seine Mutter an. »Du willst dich nicht so nennen, weil sie dich nicht mögen, nicht wahr?« fragte er dann.

»Du bist ein kluger und sehr lieber Junge, Nick. Nun werden wir erst einmal sehen, was sie von uns wollen. Du wirst ganz brav sein und still, nicht wahr? Eine Testamentseröffnung ist ein ernstes Ereignis.«

Dominik konnte sich darunter nichts vorstellen. Für ihn wurde diese Fahrt erst in dem Augenblick interessant, als sie am Bahnhof von einem großen dunklen Wagen und einem Chauffeur in grauer Livree erwartet wurden.

*

Dr. Brachmann hatte zu seiner Unterstützung seinen Sohn, der sein Sozius war, mitgebracht. Das Ehepaar von Wellentin war nach der Beisetzung auf Gut Sophienlust geblieben, um die Testamentseröffnung dort abzuwarten. Außer ihnen erschien noch ein hochgewachsener Herr in mittleren Jahren, den sie mit kühler Zurückhaltung begrüßten, weil sie sich auf seine Anwesenheit gar keinen Reim machen konnten. Es war Alexander von Schoenecker, der Gutsnachbar von Sophienlust, den man als Einsiedler bezeichnete. Auch seine beiden Kinder bekam man nie zu Gesicht.

»Wieso ist er anwesend?« fragte Hubert von Wellentin Dr. Brachmann ungehalten.

»Auf Wunsch der Verstorbenen«, erwiderte dieser.

»Können wir nun endlich beginnen?« fragte Hubert von Wellentin herablassend. »Meine Zeit ist begrenzt.«

»Wir sind noch nicht vollzählig. Aber da höre ich schon den Wagen.« Er wandte sich seinem Sohn zu. »Lutz, würdest du bitte Frau Montand empfangen?«

Der junge Dr. Brachmann ging hinaus, während Hubert von Wellentin den Notar fassungslos ansah!

»Das ist ja ungeheuerlich!« sagte er.

»Es ist von der Verstorbenen so bestimmt, und ich habe ihren letzten Willen zu vollstrecken.«

Trotz ihres schlichten dunkelblauen Kostümes sehr hoheitsvoll anmutend, betrat Denise Montand, ihren Sohn an der Hand, die Halle des Gutshauses Sophienlust.

War der junge Dr. Brachmann schon überrascht gewesen, als er in Denise Montand eine so schöne Frau kennenlernte, war dies sein Vater in noch größerem Maße.

Von einer allgemeinen Vorstellung wurde Abstand genommen, da Hubert und Irene von Wellentin mit eisiger Miene zu verstehen gaben, daß sie darauf keinen Wert legten, und da auch Denise ihnen nicht mehr als einen flüchtigen Blick schenkte.

Alexander von Schoenecker, der abseits stand, betrachtete die junge Frau und das Kind unter halb geschlossenen Lidern.

»Darf ich die Herrschaften bitten, Platz zu nehmen«, forderte Dr. Brachmann. Man konnte ihm ansehen, daß er sich sehr unbehaglich fühlte.

Dominik klammerte sich noch fester an seine Mutter. Er war froh, daß sie hinter diesen Leuten saßen, die seine Großeltern sein mußten, denn ganz leise hatte ihm seine Mami zugeraunt, daß diese auch anwesend wären. Aber wer war der Herr mit dem düsteren Gesicht, der ihn immer wieder ansah?

Der alte Herr war eigentlich ganz nett. Seine Stimme klang jetzt ruhig durch den Raum.

»Wir haben uns hier versammelt, um den letzten Willen Frau Sophie von Wellentins zu vernehmen«, begann er. »Ich bin beauftragt, ihn zu vollstrecken. Darf ich mit der Verlesung beginnen?« Er blickte sich um. Es war totenstill.

»Ich, Sophie von Wellentin, geborene von Lettin, verfüge bei Vollbesitz meiner geistigen Kräfte meinen Letzten Willen. Mein Notar, Herr Doktor Ludwig Brachmann, wird das bestätigen, jedoch wurden auf meinen besonderen Wunsch als Zeugen gerufen: Herr Alexander von Schoenecker und Herr Doktor Lutz Brachmann. Alle meine früher getroffenen Verfügungen werden hiermit aufgehoben.«

Dr. Brachmann machte eine Pause, dann fuhr er fort:

»Zu meinem Alleinerben bestimme ich Dominik von Wellentin, den Sohn meines tödlich verunglückten Enkels Dietmar von Wellentin.«

Dr. Brachmann machte eine abwehrende Handbewegung, als Hubert von Wellentin aufsprang.

»Sie können Einwände später vorbringen, Herr von Wellentin«, empfahl er kühl.

»Ich bitte, die Vorlesung nicht zu unterbrechen!«

»Es liegen Beurkundungen vor, die Dominik von Wellentin als ehelichen Sohn Dietmar von Wellentins bestätigen«, fuhr Dr. Brachmann ruhig fort. »Ich habe später noch einen Brief der Verstorbenen zu verlesen, der allen Anwesenden jede Aufklärung gibt. Es folgt nun die Aufzählung des Besitzes. Es umfaßt das Gut Sophienlust mit allen Anwesen, mein Vermögen im Gesamtwert von zwanzig Millionen Euro sowie das lebende und tote Inventar des Gutes Sophienlust.

Meinen Schmuck übereigne ich Frau Denise von Wellentin, genannt Montand.

Herr Alexander von Schoenecker erhält für seine Zusicherung, daß die künftigen Bewohner von Sophienlust den See, der zwischen unseren beiden Besitzungen liegt, ungehindert benutzen können, 30 Hektar Land, über dessen Ankauf er mit mir verhandelte.

Mein Aktienbesitz an den Fabriken meines Sohnes Hubert von Wellentin verbleibt der Erbmasse. Sollte sich mein Sohn eines Tages zu seinem Enkel bekennen, wird er ihm zufallen.

Es sind Vorkehrungen getroffen, daß dieses Testament unanfechtbar und rechtsgültig wird.« Dr. Brachmann legte nun das Schriftstück auf den Tisch.

Damit war der offzielle Teil erledigt. Noch immer herrschte Totenstille.

»Nun schreite ich zur Verlesung des Briefes, der den letzten Willen Frau Sophie von Wellentins erklären soll«, ließ Dr. Brachmann sich erneut vernehmen.

Er sah Denise Montand prüfend an. Eigentlich hatte er erwartet, in ihrem Gesicht Triumph zu lesen, aber sie saß zur Statue erstarrt und schien das Gehörte nicht zu begreifen. Sophienlust, zwanzig Millionen! Der Junge begriff die Tragweite natürlich erst recht nicht.

Sophie von Wellentin hatte genau niedergelegt, wie ihr die Existenz des Kindes bekannt geworden war, und was sie danach unternommen hatte, um mit Denise in Verbindung zu kommen.

Ich empfinde tiefe Reue, daß ich meinem Enkel einmal meine Unterstützung versagte. Gleichzeitig empfinde ich große Hochachtung und Bewunderung für eine Frau, die materielle Vorteile aus dieser Verbindung weder beanspruchte, noch den geringsten Versuch machte, ihre Rechte zu wahren. Ich erwarte von meinem Sohn, daß auch er dies respektiert. Als Mutter und gesetzlicher Vormund meines Urenkels kann Frau Denise von Wellentin über die künftige Verwendung des Gutes Sophienlust eigene Entscheidungen treffen. Herr Dr. Brachmann wird sie unterstützen. Mein Wunsch wäre es, daß dieses Haus zu einem Heim für Kinder umgestaltet wird, die Elternliebe entbehren müssen oder ihrer Eltern beraubt wurden. Es schmerzt mich, daß ich Denise nicht besser kennenlernen durfte. Aber ich bin überzeugt, daß sie einer solchen Aufgabe gerecht werden könnte. Jedoch soll sie selbst entscheiden, ob sie sich einem solchen Ansinnen gewachsen fühlt.

Denise stiegen Tränen in die Augen. Diese Frau hatte den Weg zu ihr gesucht, und sie hatte sich ihrem aufrichtigen Bemühen verschlossen. Auch sie empfand bittere Reue.

Alles begann sich um sie zu drehen. »Verzeihung, mir ist nicht gut«, sagte sie leise, »könnte ich

bitte einen Augenblick hinausgehen?«

Vor diesen fremden Menschen wollte sie ihre Tränen nicht zeigen. Sophie von Wellentin war tot. Sie konnte ihr nicht einmal mehr für ihre Großherzigkeit danken. Dabei dachte Denise gar nicht an das Vermögen, sondern daran, daß eine alte Dame so warme Worte über sie äußerte und ihr eine so unerwartete Rechtfertigung zuteil werden ließ.

Dominik ging hinter ihr her.

»Warum weinst du, Mutti?« fragte er leise. »Er hat doch nichts Böses gegen dich gesagt!«

Sie nahm ihn in die Arme. Ein riesiges Vermögen wartete auf ihn, aber für sie bedeutete es vor allem, daß sie mit ihrem Kind zusammenbleiben durfte. Und das hier auf diesem herrlichen Gut. Ohne Sorgen und noch dazu mit einer Aufgabe bedacht, deren Ausmaß ihr erst bewußt wurde, als sie ihren Blick durch den wundervoll gepflegten Park schweifen ließ.

»Hast du begriffen, daß dir dies alles gehören soll, Nick?« fragte sie ihn.

»Mir?« staunte er.

»Du bist der Erbe. Du kannst dir jetzt wünschen, was du willst!«

Er schmiegte sich an sie. »Ich wünsche mir nur, daß ich immer bei dir bleiben kann. Es ist schön hier, nicht wahr? Er hat gesagt, daß du ein Heim daraus machen kannst, Mutti«, sagte Dominik leise. Hier drau­ßen erinnerte er sich plötzlich daran.

»Du kannst es bestimmen, Nick«, sagte sie liebevoll. »Alles gehört dir.«

»Warum eigentlich? Ich bin doch noch so klein. Warum bekommst du das alles nicht, Mutti?«

Weil sie es dann bestimmt anfechten könnten, dachte sie. Aber Dominik ist Dietmars Sohn. Daran gibt es nichts zu deuteln. Nun, ganz widerspruchslos werden sie es wohl nicht hinnehmen, aber ausrichten werden sie wohl kaum etwas können.

Sie hörte nichts von der harten Diskussion, die drinnen entbrannt war.

Sie ging mit Dominik durch den frühlingshaften Park, in dem die Natur in all ihrer Lieblichkeit erwachte.

»Ein Heim für glückliche Kinder«, meinte der Junge plötzlich. »Es wäre doch wunderschön, Mutti. Sie dürften dann auch lachen und alles tun, was sie bei Madame Merlinde nicht durften. Hier ist ja so viel Platz. Zuerst holen wir Susi, nicht wahr? Ich habe ihr doch versprochen, daß sie zu uns kommen darf, wenn wir ein schönes Haus haben. Und nun haben wir eins!«

Daran hätte ich zu allerletzt gedacht, überlegte Denise, aber nun erleuchtete ein Lächeln ihr Gesicht.

»Eine tolle Idee, Nick«, lobte sie. Dann hörte sie, wie ein Auto davonfuhr, und gleich darauf kam Dr. Brachmann zu ihnen.

»Herr und Frau von Wellentin haben Gut Sophienlust verlassen«, sagte er ruhig.

»Ich habe nichts anderes erwartet«, erwiderte Denise.

»Es sollte Sie nicht stören, gnädige Frau. Wenn Sie sich erholt haben, dann gibt es noch manches zu besprechen. Aber jetzt werden Sie und vor allem dieser junge Mann hungrig sein. Nach dem Essen können wir uns dann weiter unterhalten. Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen einzuwenden, daß ich Herrn von Schoenecker gebeten habe, an unserem Mittagsmahl teilzunehmen.«

»Wenn er nichts einzuwenden hat?« entgegnete Denise.

»Er ist kein Freund von Herrn von Wellentin«, stellte Dr. Brachmann fest.

*

Alexander von Schoenecker saß Denise gegenüber. Abgesehen davon, daß sein Gesicht verschlossen wirkte, war er ihr durchaus sympathisch. Sein schmales ernstes Gesicht wurde von klugen dunklen Augen beherrscht, die einen unergründlichen Ausdruck hatten.

Neben ihm wirkte der junge Dr. Brachmann heiter und aufgeschlossen. Er machte manche kleine Späße mit Dominik, der schon etwas von seiner Scheu verloren hatte.

»Nun, gefällt es dir hier?« fragte er ihn.

»Sehr gut. Ich muß mir aber alles noch anschauen. Gibt es auch Hunde?«

»Senta hat gerade fünf Junge geworfen«, verriet Lutz Brachmann.

»Was ist sie für ein Hund?«

»Eine Hündin«, berichtigte Denise, und unwillkürlich sah Alexander von Schoenecker sie erstaunt an. Sie begegnete seinem Blick und lächelte.

»Ich bin dafür, daß er gleich alles richtig sagt«, meinte sie.

Dominik nickte. »Ein Hund ist keine Hündin. Was ist sie für eine Hündin?«

»Eine Spanielhündin«, erklärte ihm Lutz Brachmann. »Du wirst sie nachher kennenlernen.«

»Werde ich sie auch streicheln dürfen? Denn sie kennt mich doch noch gar nicht.«

»Tiere spüren, wenn jemand sie gern mag«, warf Dr. Brachmann ein.

»Kinder auch«, erwiderte Dominik ernst. »Ich habe alle Tiere gern. Ich möchte gern viele Tiere haben. Wieviel Kinder werden hier Platz haben, Mutti?« lenkte er dann ab.

»Mein Sohn zerbricht sich jetzt schon den Kopf darüber«, sagte Denise entschuldigend.

»Ein paar Kinder weiß ich nämlich schon, die lieber hier sein würden als bei Madame Merlinde. Dort gibt es nämlich keine Tiere«, berichtete Dominik. »Ich darf doch sagen, was ich denke, Mutti?«

»Gewiß, aber wir wollen nichts überstürzen.«

»Aber Herr Brachmann hat gesagt, daß Sophienlust mir gehört, und da darf ich doch auch überlegen, was ich damit machen will.«

Er hatte sich sehr rasch mit der Tatsache abgefunden, ein reicher Erbe zu sein. Gewiß spielte Geld für ihn noch nicht die Rolle wie für

einen Erwachsenen, aber eines hatte er bereits begriffen, daß sein größter Wunsch in Erfüllung ging, seine Mutti und seine liebsten Spielgefährten immer bei sich zu haben.

Zutraulich ging er mit Lutz Brachmann, um Senta, die Spanielhündin, zu besuchen.

Bevor Denise ihnen folgen konnte, trat Alexander von Schoenecker an sie heran. »Sie haben ein erstaunliches Kind, gnädige Frau. Ich wünschte, meine Kinder wären auch so aufgeschlossen.«

»Wie alt sind sie?« fragte Denise zurückhaltend.

»Acht und zehn Jahre alt. Aber für ein Kind ist es wohl wichtiger, wenn es die Mutter behält, statt den Vater«, fügte er mit belegter Stimme hinzu. »Meine Kinder haben ihre Mutter vor vier Jahren verloren.«

»Sind sie bei Ihnen?« fragte Denise wie unter einem Zwang.

»Nein, in einem Internat. Ich kann mich nicht so recht um sie kümmern. Aber wenn Sie wirklich ein Heim aus Sophienlust machen, wäre ich Ihnen dankbar, wenn die beiden manchmal zu Ihnen kommen dürften.«

»Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, Herr von Schoenecker.«

»Ich bin mit Ihren Angelegenheiten ungewollt konfrontiert worden«, erwiderte er verhalten. »Aber ich finde, daß Frau von Wellentin eine gute Entscheidung getroffen hat. Ich hoffe, Ihnen ein guter Nachbar zu werden.«

»Vielen Dank!«

Denise war erstaunt, daß dieser verschlossene Mann so offen mit ihr sprach. Doch es war gut, ein paar Freunde zu gewinnen, denn vielen würde sie wohl als Eindringling, wenn nicht gar als Erbschleicherin erscheinen. Vor allem Hubert von Wellentin und seine Frau würden schon dafür sorgen.

*

»Wir können nicht dulden, daß sie unter unserem Namen hier lebt«, erklärte Irene von Wellentin ihrem Mann. »Sie macht uns unmöglich. Es glaubt doch kein Mensch, daß Dietmar sie tatsächlich geheiratet hat.«

»Der Trauschein besagt es. Ich habe eine Abschrift gesehen«, erwiderte Wellentin gereizt. »Niemals hätte ich gedacht, daß Mutter uns so brüskieren könnte.«

»Nun läßt sich nichts mehr ändern. Doktor Brachmann hat es uns eindeutig zu verstehen gegeben. Ein Zweifel, daß der Junge Dietmars Sohn ist, dürfte auch nicht bestehen, dazu ist er ihm viel zu ähnlich. Für mich ist es ein entsetzlicher Gedanke, daß unser Sohn starb, ohne uns die Wahrheit gesagt zu haben«, sagte Irene von Wellentin.

»Hätte das etwas geändert?« knurrte er.

»Ja, wir hätten versuchen können, das Kind ihrem Einfluß zu entziehen. Da er nun einmal Dietmars Sohn ist, wäre es besser gewesen, wenn er in unserem Sinn erzogen worden wäre.«

»Vielleicht ist das noch zu korrigieren? Ich könnte mir vorstellen, daß es ihr eher zusagen würde, ein freies Leben zu führen, als in Sophienlust zu versauern. Mit einer entsprechend hohen Abfindung wird sie sich bestimmt bereitfinden, uns das Sorgerecht zu übertragen.«

Irene von Wellentin überlegte, daß dieser Zeitpunkt wohl verpaßt war, aber sie war es nicht gewohnt, ihrem Mann zu widersprechen, demzufolge schwieg sie.

*

Dominik war überglücklich, daß sie gleich in Sophienlust blieben. Mit dem Personal hatte er sich schon vertraut gemacht. Zuerst recht reserviert, tauten die langjährigen Angestellten rasch auf. Dem Charme dieses kleinen Jungen und der natürlichen Anmut seiner schönen Mutter konnte man nur schwer widerstehen. Sie hatten alle ihr gutes Auskommen hier gehabt, und sie waren gern bereit, weiterhin hierzubleiben. Wenn ihnen die Idee, ein Kinderheim aus Sophienlust zu machen, auch noch nicht ganz geheuer war.

Diese Tatsache machte ziemlich schnell die Runde. Lena, das Stubenmädchen, hatte gelauscht. Bald wußte es Magda, die Köchin, Urban, der Diener, und auch Justus, der Verwalter.

»Abwarten und Tee trinken«, meinte Magda. »Wenn es unsere liebe gnädige Frau so gewollt hat, sollten wir nicht meutern.«

Müde von diesem anstrengenden Tag, waren Denise und Dominik rasch eingeschlafen. Es blieben ja noch viele Tage Zeit, alles genau zu inspizieren.

  Aber bereits nach wenigen Stunden erwachte sie. Leise erhob sie sich, zog sich den Mantel über und ging auf Zehenspitzen die Treppe hinab.

Sie verspürte eine seltsame Beklemmung, während sie eine Tür öffnete. Hatte sie das Recht dazu? fragte sie sich. In diesen Räumen hatte Sophie von Wellentin gelebt, hier hatte Dietmar als Kind die Ferien verbracht. Sie wußte es aus seinem Munde. Es war die Zeit seiner Kindheit, derer er sich gern erinnert hatte. Aber dann hatte auch die geliebte Großmutter ihn nicht verstanden, und er war verzweifelt zu Denise gekommen, um ihr das zu sagen.

Denise drückte auf den Lichtschalter. Gedämpfte Helligkeit durchflutete den Raum. Sophie von Wellentins Lieblingszimmer

Die Biedermeiermöbel paßten zu dem Bild, das sie sich inzwischen von Sophie von Wellentin gemacht hatte. Wie einsam mochte sie nach Dietmars Tod gewesen sein, mit all ihren Zweifeln und Selbstvorwürfen.

Auf dem zierlichen Sekretär stand eine Aufnahme von Dietmar, die kurz vor seinem Tod gemacht worden war. Denise besaß das gleiche Bild. Aber hier, in dem kostbaren Rahmen wirkte es anders. Dietmar hatte in diese Welt gehört. In einem einfachen Leben hätte er sich niemals zurechtgefunden. Leider hatte sie das erst erkannt, als sie ihm schon mit Leib und Seele gehörte.

Leise öffnete sie eine zweite Tür. Ihre Füße versanken in weichen Teppichen. Zwei Wandleuchter warfen ihr Licht auf ein Ölgemälde, das die gegenüberliegende Wand beherrschte. Es stellte eine schöne Frau mit sprechenden Augen dar, die einen Knaben von etwa fünf Jahren im Arm hielt.

Sophie von Wellentin mit ihrem Sohn. Eine junge lebensfrohe Frau, die ihr Kind gewiß sehr geliebt hatte. Wie konnten Mutter und Sohn sich nur so entfremden?

Erschrocken fuhr sie zusammen, als sie Schritte hinter sich vernahm. Es war Magda, die Köchin.

»Verzeihung, gnädige Frau!« bat sie. »Ich wachte auf und erschrak, als ich Licht sah. Ich wollte Sie nicht stören.«

»Sie stören mich nicht«, erwiderte Denise ruhig. »Sie erinnern mich nur daran, daß ich zu dieser Stunde nicht hier sein sollte.«

»Aber Sie können doch sein, wo Sie wollen«, meinte Magda. »Wir sind es nur nicht gewohnt, daß wieder Leben im Haus ist. Es ist schade, daß Sie nicht schon früher hiersein konnten. Es wäre für unsere gnädige Frau ein großes Glück gewesen. Sie war so allein. Sie können sich auf uns verlassen, gnädige Frau, und der junge Herr auch.«

»Nun, dann verwöhnen Sie mir den ›jungen Herrn‹ bitte nicht so sehr!« erwiderte Denise mit einem lieben Lächeln. »Er ist erst fünf Jahre alt und kann ein rechter Schlingel sein. Darf ich Sie um etwas bitten, Magda?«

»Aber jederzeit.«

»Dann erzählen Sie mir oft von Frau von Wellentin.«

»Ihr Geist wird jetzt lebendig bleiben«, erwiderte Magda gedankenvoll. »Sie wußte genau, was sie tat, als sie ihr Testament machte. Und wir wissen jetzt auch, warum sie es so wollte«, fügte sie rätselhaft hinzu.

»Wenn wir nun hier ein Heim für heimatlose Kinder einrichten, Magda, werden Sie dann auch bleiben?«

»Wir sind hier verwurzelt«, war die nachdenkliche Antwort.

»Das haben Sie schön gesagt. Ich denke, Dominik wird hier auch bald Wurzeln schlagen«, sagte Denise.

»Und Sie, gnädige Frau? Wir möchten es Ihnen gern erleichtern.«

»Ich danke Ihnen sehr, Magda«, antwortete sie verhalten. »Sie haben mir den Anfang bereits sehr leicht gemacht.«

*

Für Dominik brachte der kommende Tag so viele Wunder, daß er sich gar nicht beruhigen konnte. Schon das Erwachen war so herrlich.

Er war mit seiner geliebten Mutti in Sophienlust, und hier durften sie nun endlich vereint bleiben.

Vom Fenster seines wunderschönen Zimmers konnte er den Park überblicken. Rot, gelb und weiß blühten die Sträucher, und herrlich grün leuchtete der Rasen. Von den Ställen klang das Wiehern der Pferde herüber, und dann hörte Dominik Senta bellen.

Senta und die niedlichen kleinen Hunde. Gleich nachher mußte er mit Mutti Namen für sie suchen.

Ponies dürfe er sich auch wünschen, hatte Dr. Brachmann zu ihm gesagt. Es war alles unfaßbar für ihn, weil er bisher geglaubt hatte, so etwas gäbe es nur im Märchen. Aber die Märchen waren längst nicht so schön wie die Wirklichkeit.

Die Menschen waren alle so nett. Noch vor ein paar Tagen hatte er geglaubt, daß Claudia der einzige Mensch wäre, der ihn, Mutti ausgenommen, lieb hätte. Aber nun gab es plötzlich eine ganze Reihe. Ob Mutti verstand, daß er so gern hierbleiben wollte? Natürlich mußte sie bei ihm bleiben, denn ohne sie war es nirgendwo schön. Das mußte er ihr gleich sagen!

Auf nackten Füßen tappte er in ihr Zimmer und war enttäuscht, daß sie nicht mehr im Bett lag. Zu gern hätte er sich zu ihr gekuschelt und ihr all das erzählt, was ihn bewegte.

Er warf sich in ihre Arme und lächelte zu ihr empor. »Zuerst habe ich gedacht, ich hätte alles geträumt, Mutti, aber wir sind wirklich hier! Die Pferde habe ich schon gehört, und Senta hat gebellt. Ob sie mich wiedererkennt?«

»Ganz bestimmt, Nick«, versicherte Denise.

»Wir müssen nachher Namen für die Kleinen suchen, und dann müssen wir uns ganz viel anschauen, Mutti.«

»Zuerst werden wir einmal frühstücken!« schlug sie vor.

Solch ein herrliches Frühstück hatte Dominik noch nie gegessen. Lena brachte einen ganzen Wagen voll der köstlichsten Dinge, und er konnte wählen, was er wollte.

»Wenn Susi das alles sehen könnte«, seufzte er. »Darf sie bald kommen, Mutti?«

Sie konnte es ihm nicht versprechen, denn sie wußte nicht, welche Verfügungen über den Verbleib der kleinen Susanne Berkin im Hause Bernadette getroffen worden waren. Aber sie versprach Dominik, alles zu versuchen.

»Es hat sich doch nie jemand um sie gekümmert«, meinte er. »Sie war immer ganz traurig, wenn du mich besuchst hast und hat sich so sehr gewünscht, auch eine so liebe Mutti zu haben.«

Unwillkürlich erinnerte Denise sich an die Kinder von Alexander von Schoenecker. Ob sie sich auch so sehr nach ihrer Mutter sehnten? Warum versuchte der Vater nicht, seinen Kindern die Mutter zu ersetzen?

Warum überließ er sie fremden Menschen, obgleich er über die Möglichkeit verfügte, sie bei sich zu haben?

Erinnerten sie ihn zu sehr an die Frau, die er sehr geliebt hatte? Sie betrachtete Dominik nachdenklich. Er erinnerte sie auch ungemein an Dietmar, aber wenn sie darüber nachdachte, gestand sie sich ein, daß ihr das Kind mehr bedeutete als es Dietmar je getan hatte.

»Wir wollen auch der Urgroßmama Blumen aufs Grab legen«, riß Dominik sie aus ihren Gedanken.

Und seinem Vater, überlegte Denise. Zum erstenmal kann ich das tun, ohne fürchten zu müssen, daß jemand sie wegnimmt.

»Es hat ganz herrlich geschmeckt. Danke, Lena«, sagte Dominik.

»Da mußt du dich schon bei Magda bedanken«, erwiderte sie.

»Dann werde ich rasch in die Küche gehen«, erklärte er eifrig. »Das darf ich doch, Mutti?«

In der Küche saßen Magda und Urban beim Frühstück. Für sie war es schon das zweite, aber das wußte Dominik natürlich nicht.

»Ich will nicht stören«, sagte er schüchtern. »Ich wollte mich nur bedanken, weil es so gut geschmeckt hat. Warum eßt ihr nicht mit uns?«

Sie lächelten verlegen.

»Wir würden auch gern in der Küche frühstücken«, meinte er treuherzig. »Dann hätte Lena nicht doppelte Arbeit.«

»Das führen wir gar nicht ein«, antwortete Magda. »Wenn erst die Kinder hier sind, da haben wir in der Küche nicht alle Platz. Was meinst du wohl, junger Herr, wieviel Kinder es werden?«

Dominik betrachtete sie erstaunt. »Ich bin kein junger Herr. Ich bin Nick, wenn ihr mich gern habt. Vielleicht werden es fünf oder zehn? Ob die Platz haben? Es sollen natürlich liebe Kinder sein, die euch nicht ärgern. Im Haus Bernadette hatten wir ein paar ganz liebe Kinder. Wenn Susi kommen könnte, würde ich mich schon arg freuen. Sie würde euch ganz bestimmt gefallen. Aber ich habe euch ja noch gar nicht gefragt, ob ihr Kinder haben wollt?«

Wenn bis zu diesem Augenblick bei ihnen noch ein Zweifel bestanden hätte, wäre er jetzt besiegt gewesen. Freilich mochten sie Kinder!

»Ich dachte nur«, meinte Dominik, »weil wohl schon ziemlich lange keine Kinder mehr hier gewohnt haben.«

»Zu lange«, lächelte Magda und strich ihm über das Haar.

*

Die Taufe von Sentas Hundekindern wurde würdevoll vollzogen, wenngleich die Namen, die Dominik sich für sie ausgedacht hatte, recht bescheiden waren. Die kleinen Hundeherren wurden Bim, Bam und Bum genannt, und die beiden Hundedamen Bella und Blondi.

Der Verwalter Justus bewahrte Haltung, obgleich er sich das Lachen nur schwer verkneifen konnte. Später erklärte er Denise, daß Senta einer überaus vornehmen Hundefamilie entstamme und daß alle Kinder bereits entsprechende Namen in ihren Stammbaum eingetragen bekommen hätten. Aber das wollten sie Dominik lieber verschweigen.

Senta anerkannte den Jungen jedenfalls als ihren Herrn, und darüber war er sehr stolz. Er durfte die Hündin streicheln, und ganz unterwürfig schleckte sie ihm dafür die Füße.

Nun wurde der Zweispänner angespannt, und die Fahrt durch das Land, das zu Sophienlust gehörte, begann.

Dominik konnte es nicht glauben, daß all diese Herrlichkeit ihm gehören sollte, wie Justus ihm mehrmals bestätigte.

»Es ist ein herrlicher Besitz«, sagte Denise lobend.

»Daß er so erhalten geblieben ist, ist allein der gnädigen Frau zu verdanken«, erwiderte Justus. »Herr von Wellentin hätte das meiste Land verkauft. Er hat nur an seine Fabriken gedacht und hätte hier am liebsten auch welche hingestellt.«

Als Denise darauf schwieg, erklärte er: »Dort drüben beginnt Schoeneich.« Dabei deutete er mit der Hand zum See.

»Wird es Herrn von Schoenecker nicht stören, wenn dort die Kinder baden?«

»Er hat ja den Wald dafür bekommen«, meinte Justus, »und er ist mehr wert.«

»Hatte Frau von Wellentin einmal die Idee, das Gut einem anderen Verwendungszweck zuzuführen?« fragte Denise.

»Mit mir sprach sie darüber ein paar Wochen vor ihrem Tode. Es überraschte mich sehr. Sie war anders als sonst. Sie war eine gute  Herrin, aber doch sehr auf ihren Besitz bedacht. Sie meinte, daß es eigentlich ungerecht sei, wenn eine alte Frau allein ein so großes Haus bewohne und sich um nichts zu kümmern brauche.«

»Sie war eine sehr gütige Frau, Justus«, bemerkte Denise.

»Sie war eine gerechte Frau«, erklärte er. »Sie litt darunter, daß sie einmal ungerecht gewesen war.«

»Das wollen wir vergessen…«

*

Wie wird es wohl ausgegangen sein, überlegte Claudia Rogers, als sie am Bett eines kranken Kindes Nachtwache hielt. Hoffentlich besiegt Isi endlich ihren Stolz und wahrt die Interessen des Kindes!

Der kleine Junge, der da in tiefer Narkose im Bett lag, war gestern bei einem Autounfall seiner Eltern beraubt worden. Voll heißen Mitgefühls hatte sich Claudia des verletzten Kindes angenommen.

Ihr Blick fiel auf das Namensschild über dem Bett: Mario Stolten. Er war vier Jahre alt und besaß keine Eltern mehr. Bisher hatten sich auch keine Angehörige gemeldet.

Wenn sie morgen früh heimkam, ob sie dann eine Nachricht von Denise vorfinden würde? Oder ob sie gar selbst mit Dominik zurückgekommen war?

Die Tür wurde leise geöffnet. Dr. Wolfram, der junge Assistenzarzt, trat ein. Er war erst seit ein paar Wochen an der Klinik und riß sich noch förmlich um den Dienst.

Aber dann dachte Claudia, daß er immer da war, wenn auch sie Dienst hatte.

Sie fand ihn ganz sympathisch. Doch er war nicht der erste Arzt, der Interesse für sie zeigte.

Heinz Wolfram war Junggeselle und ein netter, bescheidener Junge. Ja, noch ein richtiger Junge, der sie jetzt schüchtern bat, wenigstens eine Tasse Kaffee mit ihm zu trinken, wenn sie schon unbedingt die Nachtwache bei dem Kleinen übernehmen wolle.

»Er ist doch gar nicht so schwer verletzt«, meinte er. »Der Armbruch ist glatt, die Gehirnerschütterung leicht, die Schnittwunden haben wir gut klammern können.«

»Er hat seine Eltern verloren«, sagte Claudia ermahnend. »Solche Wunden kann man nicht so schnell schließen.«

»Gewiß«, gab er zu, »aber sicher wird sich doch jemand seiner annehmen. Er wird Verwandte haben, die sich um ihn kümmern, und wenn man erst vier Jahre alt ist, vergißt man schneller. Ich finde es allerdings rührend, daß Sie sich so sehr um ihn kümmern.«

Sie hatte keine Lust, sich am Bett des kleinen Mario mit ihm zu unterhalten, andererseits meinte sie, daß ihr eine Tasse Kaffee guttun würde. Es verpflichtete sie ja zu nichts.

Sie betrachtete Dr. Wolfram nachdenklich. Er war kein Frauentyp, und er sah auch nicht aus, als wäre er auf ein Abenteuer aus. Nun, da käme er bei ihr ohnehin an die falsche Adresse.

Er dagegen sah ein ungewöhnlich apartes Mädchen vor sich, das noch viel mehr aus sich hätte machen können, wenn es sich nicht so betont streng herrichten würde. Ein Mittelscheitel teilte ihr honigblondes Haar, das streng nach hinten gebunden war und unter dem weißen Häubchen versteckt wurde. Augen von bernsteinheller Durchsichtigkeit verliehen ihrem ovalen Gesicht einen ganz besonderen Reiz.

»Meinen Sie nicht, daß wir uns öfter einmal unterhalten könnten?« fragte er. »Vielleicht darf ich Sie auch einladen, ins Theater oder Konzert?«

»Sie meinen es sicher gut, Herr Doktor«, erwiderte sie freundlich, »aber meine Zeit ist ziemlich ausgefüllt.«

»Oh, sind Sie bereits engagiert?« fragte er betroffen.

»Ziemlich«, lächelte sie. »Ich habe eine Freundin, die einen Sohn hat. Wir sind sehr befreundet. Zur Zeit sind sie verreist.«

Sie kamen wieder auf den kleinen Mario zu sprechen. »Was wird aus diesem kleinen Kerl werden, wenn sich niemand um ihn kümmert?« fragte Claudia gedankenvoll.

»Nun, so unerfreulich dies auch klingen mag, aber er wird dann wohl in ein Waisenhaus kommen«, stellte Dr. Wolfram sachlich fest.

Männer haben eben kein Gefühl, dachte Claudia.

Nun, auch Dominik war in einem Heim aufgewachsen, allerdings nicht in einem Waisenhaus, und seine kindliche Seele hatte keinen Schaden genommen. Aber er hatte immerhin gewußt, daß seine Mutter da war, daß sie ihn besuchte, und er hatte sich immer auf den Tag gefreut, an dem sie ihn zu sich nehmen würde.

Für Waisenkinder gab es eine solche Freude nicht. Vielleicht hatte manch eines das Glück, eines Tages in einer Familie aufgenommen zu werden, aber wie wenige waren es doch, die ein wirkliches Zuhause fanden, mit echter Liebe ohne Vorurteile.

Sie sprachen noch ein wenig über den kleinen Mann, dann war ihr Plauderstündchen auch schon beendet. Er mußte auf seine Station, sie kehrte an Marios Bett zurück.

Der Kleine bewegte sich unruhig. »Mutti… Vati«, flüsterte er angstvoll. Und dann: »Ein Reh! Da ist ein Reh!«

Seine Warnung war zu spät gekommen. Das Reh war in den Wagen gesprungen, der darauf ins Schleudern geriet und an einen Baum raste. Vielleicht hatte Mario sich instinktiv geduckt, und das hatte ihm das Leben gerettet. Aber wäre es für ihn nicht besser gewesen, wenn er mit seinen Eltern gestorben wäre?

Gegen Morgen weinte er noch einmal schmerzlich auf.

»Ich will zu meiner Mutti. Wo ist meine Mutti!«

Tröstend beugte sich Claudia über ihn. »Sie wird schon kommen«, griff sie zu einer Notlüge.

»Du bist lieb, Tante«, murmelte er. »Bitte, bleib bei mir! Ich habe Angst.«

Erschöpft schlief Claudia an seinem Bett ein, als der Morgen graute.

*

Der Chefarzt hatte ein Machtwort sprechen müssen und sie heimgeschickt.

»Es fehlte mir gerade noch, daß meine beste Schwester zusammenklappt und ausfällt«, hatte er gezankt.

Kaum war Claudia zu Hause, da läutete es, und ein Eilbrief wurde für sie abgegeben. Ein Brief von Denise!

Alles hat sich plötzlich geändert, las Claudia. Erklären kann ich es Dir erst persönlich. Bitte komme, so bald es Dir möglich ist, und kündige Deine Stellung zum nächsten Termin! Du wirst dich überzeugen können, daß hier Aufgaben Deiner harren, von denen Du manchmal träumtest. Ich kann Dir versprechen, daß alle Deine Erwartungen übertroffen werden.