Sophienlust Staffel 9 – Familienroman - Aliza Korten - E-Book

Sophienlust Staffel 9 – Familienroman E-Book

Aliza Korten

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21,99 €

Beschreibung

Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren: Denise von Schoenecker verwaltet das Erbe ihres Sohnes Nick, dem später einmal, das Kinderheim Sophienlust gehören wird. E-Book 81: Wir suchen Nestwärme E-Book 82: Die kleine Patientin E-Book 83: Hurra, wir haben wieder Eltern! E-Book 84: Meines Vaters Ehre E-Book 85: Kleines Mädchen aus Texas E-Book 86: Ein Bub ohne Elternliebe E-Book 87: Dem Stiefvater davongelaufen E-Book 88: Wenn ein Mädchen Toni heißt E-Book 89: Geliebte Stieftochter E-Book 90: Die kleine Puppenmutter

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Seitenzahl: 1545

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Inhalt

Wir suchen Nestwärme

Die kleine Patientin

Hurra, wir haben wieder Eltern!

Meines Vaters Ehre

Kleines Mädchen aus Texas

Ein Bub ohne Elternliebe

Dem Stiefvater davongelaufen

Wenn ein Mädchen Toni heißt

Geliebte Stieftochter

Die kleine Puppenmutter

Sophienlust – Staffel 9–

E-Book 81-90

Aliza Korten Patricia Vandenberg Judith Parker Bettina Clausen

Wir suchen Nestwärme

Als die Kinder von Sophienlust Besuch von der kleinen Alexa bekamen

Roman von Korten, Aliza

Denise von Schoenecker hörte aufmerksam zu, als Flugkapitän Alexander Rethy erzählte. Es war eine höchst seltsame Geschichte, die sie zu hören bekam.

»Alexa stand vor mir in einer Art, dass ich nicht an ihr vorbeigehen konnte, gnädige Frau. Wir kamen gerade aus Kairo zurück, und ich war herzlich müde. Aber da stand dieses kleine blonde Mädchen und schien etwas von mir zu wollen. Ich fragte sie, woher sie komme und ob sie zu mir wolle.

›Ja, zu dir‹, antwortete sie. Sie war sehr scheu. Doch es gehört allerlei Mut dazu, auf dem Flughafen auf einen fremden Mann zuzugehen, wenn man erst fünf Jahre alt ist. Dann erklärte sie mir, dass ihre Mutter ihr aufgetragen habe, zu mir zu gehen. Doch das hielt ich für eine Verwechslung.«

Der Flugkapitän schwieg einen Moment. Dann fügte er hinzu: »Ich hole so weit aus, damit es Ihnen möglich ist, das nachzuempfinden, was sich danach ereignete, verehrte Frau von Schoenecker.«

Er warf einen Blick auf das Ölgemälde, das Sophie von Wellentin darstellte, nach der das Gut Sophienlust wohl seinen Namen trug, dieses Gut mit dem wundervollen alten Herrenhaus, das in ein Kinderheim umgewandelt worden war. Dr. Josefa Klinger hatte ihm geraten, Alexa hier unterzubringen. Es gefiel Alexander Rethy, dass es sich bei der Besitzerin des Kinderheims nicht um eine grämliche alte Dame, sondern um eine bildschöne, lebensprühende, glücklich verheiratete Frau und Mutter handelte, bei der sein Töchterchen Alexa gut aufgehoben sein würde.

Alexander Rethy räusperte sich und fuhr fort: »Als ich die kleine Dame fragte, wie sie heiße, sagte sie, sie hieße Alexa von Stöcken. Und plötzlich ahnte ich, dass sie Vivian von Stöckens Tochter sein musste. Ich will Sie nun nicht mit allen Einzelheiten aufhalten, gnädige Frau …«

»Doch, doch, erzählen Sie nur ausführlich, Herr Rethy. Für mich ist das alles wissenswert. Die Geschichte eines Kindes ist für mich immer wichtig. Ich habe diesen Nachmittag für Sie und Alexa reserviert. Erzählen Sie also genau, wie Sie Alexa gefunden haben!«

»Wenn Sie wollen, gnädige Frau? Ich ging nun mit dem Kind Kakao trinken, wie das wohl jeder in meiner Situation getan hätte. Eine Bekannte von mir setzte sich zu uns. Sie ist Stewardess auf unserer Linie, und als Frau verstand sie es wohl noch etwas besser als ich, sich des fremden, schüchternen Kindes anzunehmen. Wenn ich ehrlich bin, dann dämmerte mir bereits in diesem Augenblick, dass Alexa möglicherweise mein eigenes Kind sei. Aber ich wies diesen Gedanken zunächst heftig von mir. Selbst die Verwandtschaft der Namen – ich heiße Alexander, die Kleine Alexa – wollte ich mir gern durch einen Zufall erklären.

Nun ja, meine Freundin Bonny machte das Beste aus allem. Sie brachte Alexa zum Lachen und beschäftigte sie mit Papier und bunten Stiften, während ich an der Information für Frau von Stöcken die Nachricht deponierte, dass wir im Flughafenrestaurant auf sie warteten. Leider konnte meine Freundin Bonny nicht allzu lange bleiben, denn ihre Maschine nach Hamburg wurde aufgerufen. Sie hatte – genau wie ich – vier freie Tage vor sich und wollte diese zu Hause bei ihren Eltern verbringen. Ich hatte kein Recht, sie von ihrem Flug abzuhalten, obwohl ich ihr dankbar gewesen wäre, wenn sie sich freiwillig zum Bleiben entschlossen hätte. Denn ich war wirklich in arger Verlegenheit, was ich mit Alexa anfangen sollte.

Ich begann nun, die Kleine geduldig und zielbewusst auszufragen. So erfuhr ich, dass ihre Mutter krank sei. Doch das machte die Situation nicht gerade übersichtlicher oder einfacher für mich. Dann hörte ich, dass ihre Mutter mit Vornamen Vivian hieße. Es konnte für mich also keinen Zweifel mehr geben, selbst wenn ich die Augen vor Alexas Ähnlichkeit mit ihrer Mutter verschloss.«

Der Flugkapitän holte tief Atem und legte die Hand über die Augen. Denise von Schoenecker ließ ihm Zeit. Außerdem wusste sie von Dr. Josefa Klinger bereits einiges über diesen seltsamen und tragischen Fall. Die Ärztin erholte sich im Augenblick nach schwerer Krankheit in Sophienlust. Sie war zu früh zum Dienst im Krankenhaus zurückgekehrt und hatte das büßen müssen. Aber vielleicht hatte auch das so sein sollen. Denn Josefa Klinger hatte dadurch Vivian von Stöcken in ihren letzten Lebenstagen ärztlich betreut und so Alexas Schicksal kennengelernt. Es schien gütige Fügung gewesen zu sein. Denn Alexa brauchte ein Heim und Liebe. Beides sollte sie nun in Sophienlust finden!

Nun fuhr Alexander Rethy in seinem Bericht wieder fort: »Als ich dann fragte, wann ihre Mutter denn eigentlich kommen werde, bekam ich heraus, dass die Kleine mit Vivian auf mich gewartet hatte. Dann musste Vivian sich aber nicht wohlgefühlt haben. Sie hatte auf mich gezeigt und das Kind zu mir geschickt. Ach, es war eine lange und traurige Odyssee, ehe ich sie im Krankenhaus endlich fand – dem Tod geweiht, wie man mir zuraunte. Dort musste ich mich dann der Tatsache stellen, dass die tapfere Vivian mein Kind zur Welt gebracht hatte, ohne mir jemals etwas davon gesagt zu haben. Sie hätte sich wahrscheinlich nie an mich gewandt, wenn sie nicht gespürt hätte, dass ihre Tage gezählt wären. Ihre Mutter war vor einem guten Jahr gestorben, sodass sie ganz allein mit dem Kind dastand. Deshalb wollte sie mir Alexa anvertrauen.

Ich schämte mich entsetzlich, doch es gelang mir, allen Widerständen zum Trotz, Vivian noch zu heiraten. Sie ist mit der Gewissheit gestorben, dass ich vor dem Gesetz die volle Verantwortung für mein Kind trage, das ich selbstverständlich sofort anerkannt habe. Die Behörden sind langsam und umständlich. Aber sie haben in unserem Fall das Unmögliche wahr gemacht. Vor allem Frau Dr. Klinger verdanke ich viel. Vivian und ich haben geheiratet, und Alexa heißt heute Alexa Rethy. Ich danke Gott, dass mir das alles noch gelang, ehe die unglückliche Vivian für immer die Augen schloss.«

Die Erschütterung ließ den Besucher abermals für kurze Zeit verstummen. Alexander Rethy dachte an die Blumen, mit denen er Vivians Krankenzimmer geschmückt hatte, und an die kleine, eindrucksvolle Hochzeitsfeier, die der Geistliche für sie gehalten hatte. Alexa hatte der Mutter einen Strauß Blumen aufs Bett legen dürfen. Doch schon kurze Zeit später hatte die tückische Krankheit die schöne Vivian dahingerafft – diese Frau, der er so viel angetan und die er dann für Jahre vergessen hatte. Das war ein Vorwurf, den er sich bis an sein Lebensende machen würde. Aber er hatte das Kind! Alexa sollte es an nichts fehlen. Deshalb fand er Sophienlust gerade richtig für sein Töchterchen.

Selbstverständlich gehörte der Flugkapitän nicht zu dem Personenkreis, der die Stiftung, die mit dem Vermächtnis der früheren Besitzerin von Sophienlust, Sophie von Wellentin, verbunden war, in Anspruch nehmen musste. Er war von Haus aus vermögend und bezog außerdem ein gutes Einkommen als Flugkapitän. Er wollte den vollen Pensionspreis zahlen, und er hatte Frau Dr. Klinger gebeten, Alexa für den Aufenthalt auf Sophienlust großzügig und passend auszustatten. Das war bereits geschehen.

Josefa Klinger, mit der Schwiegertochter der Heimleiterin, Carola Rennert, befreundet, hatte ihm die Geschichte des Kinderheims Sophienlust erzählt. Er wusste, dass Dominik von Wellentin-Schoenecker aus der ersten Ehe der früh verwitweten Denise von Schoenecker stammte und der Alleinerbe von Sophienlust und des riesigen Vermögens seiner Urgroßmutter Sophie von Wellentin war. Doch solange der Junge, nun bereits fünfzehn Jahre alt, das Heim für in Not geratene Kinder nicht selbst verwalten konnte, lag die Verantwortung dafür in den Händen seiner Mutter, die in ihrem zweiten Mann, Alexander von Schoenecker, jederzeit Unterstützung fand. Alexander war Besitzer des benachbarten Gutes Schoeneich und beaufsichtigte beide Güter, Sophienlust und Schoeneich, gemeinsam. Leiterin des Kinderheims war Frau Rennert, von den Kindern ›Tante Ma‹ genannt. Ihr Sohn Wolfgang war als Haus- und Musiklehrer des Heimes tätig. Seine junge Frau Carola, die selbst einmal ein Kind dieses Heimes gewesen war, unterstützte ihn dabei.

Denise von Schoenecker ließ Alexander Rethy auch diesmal Zeit. Sie war

eine gute Zuhörerin. Doch jetzt schöpfte der Besucher Atem und sprach weiter.

»Es war für mein Töchterchen Alexa am Anfang eine höchst erstaunliche Tatsache, dass ich ihre Mutter kannte. Sie wunderte sich darüber. Aber jetzt hat sie sich daran gewöhnt. Für mich ist die Situation allerdings etwas schwierig. Ich bin ständig unterwegs und muss erst einmal darüber nachdenken, wie ich mich als Vater eines kleinen Mädchens zu verhalten habe. Deshalb bin ich Frau Dr. Klinger und auch Ihnen für die angebotene Lösung hier in Sophienlust herzlich dankbar. Die Kinder haben Alexa gleich in ihre Mitte aufgenommen. Glücklicherweise ist sie Kindern gegenüber nicht scheu. Da war ein blonder Junge, ich glaube Henrik hieß er …«

»Das ist mein Jüngster«, schaltete sich Denise lächelnd ein. »Ich habe eine große Familie. Henrik stammt aus meiner zweiten Ehe. Er ist zwar erst sieben Jahre alt, gibt sich aber schon jetzt viel Mühe, uns in Sophienlust zu helfen. Deshalb hat er sich auch gleich um Alexa bemüht.«

»Eine schöne und dankbare Aufgabe, die Sie übernommen haben, gnädige Frau. Ich bewundere Sie.«

»Für uns war es ein großes Glück, als wir nach Sophienlust kamen, lieber Herr Rethy. Heute erscheint es mir nur selbstverständlich, dass wir von unserer sicheren Geborgenheit anderen Menschen und vor allem vereinsamten und unglücklichen Kindern etwas abgeben. Bewunderung verdiene ich sicherlich nicht. Unsere Arbeit ist für uns ein täglicher Quell der Freude, der die Sorgen, die unvermeidlich sind, vergessen lässt.«

»Sie sind eine Idealistin. Das findet man heutzutage selten. Aber es gefällt mir, dass meine Tochter gerade hier sein darf. Ein Jammer, dass Sie Alexas Mutter nicht mehr kennengelernt haben.«

»Ich kann mir Ihre Frau gut vorstellen. Sie war sehr tapfer, nicht wahr?«

Er nickte. »Erst als sie für das Kind keinen Ausweg mehr sah, trat sie an mich heran. Ach, ich wünschte, sie hätte es früher getan! Zwar versichern mir die Ärzte, dass sie unrettbar verloren und dem Tode geweiht war, aber ich kann mich der Vorstellung nicht erwehren, dass man vielleicht doch noch hätte helfen können.«

Wieder brach er ab. Es waren traurige und bittere Erinnerungen, die ihn quälten. Er selbst kam dabei nicht gut davon. Warum habe ich Vivian damals nur verlassen, klagte er sich an. Warum nur? Sie war eine wunderbare Frau!

Aber es war endgültig zu spät. Sie ruhte unter dem Hügel mit den vielen Blumen. Für immer.

Jetzt fuhr er aus seinen Gedanken auf. »Frau Dr. Klinger hat viel für Alexa und mich getan. Sehe ich sie hier noch? Ich möchte ihr danken.«

»Sie wohnt drüben im Anbau bei dem jungen Ehepaar Rennert, weil sie sich ein paar Wochen lang hier in der guten Landluft erholen will. Sie war schwer krank und ist hinterher zu früh wieder in den Dienst in der Klinik gegangen. Jetzt sieht sie selbst ein, dass sie sich zu viel zugemutet hatte.«

Der Gast nickte, denn das war ihm bekannt.

Denise läutete. Als kurz darauf ein junges Mädchen eintrat, bat sie, Dr. Josefa Klinger herzubitten, falls sie im Moment zu finden sei.

Wenig später erschien die junge Ärztin, eine aparte Erscheinung mit dunklem Haar und klaren blauen Augen. Sie war zierlich und wirkte neben der hünenhaften Gestalt des Flugkapitäns wie eine Puppe.

Die Begrüßung fiel herzlich aus. Doch schon bald sprachen sie wieder von Vivian von Stöcken.

»Heute ist mir alles klar«, bekannte Alexander Rethy. »Auf Grund ihrer Schwangerschaft konnte Vivian nicht mehr als Stewardess tätig sein. Deshalb bewarb sie sich wohl um eine Anstellung im Büro der Fluglinie. Dadurch verloren wir uns aus den Augen. Die ganze Situation muss unendlich hart für sie gewesen sein. Als Arzttochter wusste sie sicher sowohl über ihren Zustand als auch darüber Bescheid, dass ihre Krankheit unheilbar war. Ich glaube, sie wollte mir nicht zur Last fallen, sondern verhindern, dass ich sie aus Pflichtgefühl heiratete. Denn sie wusste wohl auch, dass sich ihr Leiden über Jahre hinziehen konnte. Alexa ist immerhin schon gut fünf Jahre alt. Was muss Vivian in dieser Zeit gelitten haben! Und ich hatte keine Ahnung davon! Man sollte doch meinen, dass man so etwas spüren müsste.«

»Quälen Sie sich nicht mit Vorwürfen«, mahnte die Ärztin sanft. »Es ist vorbei, und es war nun einmal der Wille Vivian von Stöckens. Sie haben ihr zuletzt noch Ihren Namen gegeben und Alexa anerkannt. Ich weiß, dass der Tod Ihrer Frau friedlich und leicht war. Das muss Ihnen ein Trost sein, Herr Rethy.«

Die junge Ärztin sprach überzeugend und ruhig. Dennoch vermochte sich Alexander Rethy von Vorwürfen nicht freizusprechen. Undeutlich war ihm bewusst, dass er sein Kind nicht für alle Zeiten in Sophienlust lassen könnte. Es war nur eine Übergangslösung. Alexa hatte ein Anrecht darauf, einen Platz in seinem Leben zu erhalten. Aber er konnte sich vorerst nicht vorstellen, wie das zugehen sollte.

»Sie sind sehr freundlich, Frau Dr. Klinger«, antwortete er leise. »Was hätte ich überhaupt ohne Ihre Hilfe anfangen sollen?«

Sie lächelte. »Es hat mir Freude bereitet, mich in der ersten Zeit um Alexa kümmern zu können. Jetzt freue ich mich schon auf unser Wiedersehen. Es ist zwar erst zwei Tage her, dass wir uns getrennt haben, aber ich habe Alexa sehr ins Herz geschlossen.«

»Sie mag Sie ebenfalls gut leiden. Die beiden Tage mit mir im Hotel hat sie sich gründlich gelangweilt und jeden Tag nach Ihnen gefragt. Ich fürchte, ich bin ein unbegabter Vater und muss mich an meine Rolle erst gewöhnen.«

»Alexa ist stolz auf ihren Vati. Sie hat immer geglaubt, dass sie keinen habe. Erst neulich äußerte sie, dass sie sehr glücklich sei. ›Mutti ist im Himmel bei Omi, Tante Josi‹, sagte sie zu mir. ›Aber sie sieht, dass ich bei Vati bin. Und deshalb bin ich nicht traurig. Ich habe Mutti nämlich versprochen, dass ich immer fröhlich sein werde.‹ Seltsame Worte für ein so kleines Mädchen, nicht wahr?«

»Sie spürt, dass sie bei Ihnen geborgen ist und sich auf Sie verlassen kann, Herr Rethy«, schaltete sich nun Denise von Schoenecker ein.

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür. Ohne anzuklopfen stürmten Henrik von Schoenecker und Alexa herein.

»Es gibt Ponys hier, auf denen wir reiten dürfen, Vati«, stieß das blonde Mädchen aufgeregt hervor. »Nick, Henriks großer Bruder, will mir zeigen, wie man reitet. Darf ich reiten? Bekomme ich auch Reithosen wie die anderen Kinder?«

»Natürlich, Alexa. Du sollst alles haben, was man in Sophienlust braucht.«

»Es gibt auch andere Tiere, Sophienlust ist ein richtiger großer Bauernhof, Vati«, fuhr Alexa mit blanken Augen fort. »Henrik hat mir alles gezeigt. Und hier im Wintergarten haben sie einen Papagei, der sprechen kann. Er heißt …«

»Habakuk«, half Henrik aus.

»Habakuk«, wiederholte Alexa. »Vicky Langenbach hat ein Meerschweinchen, andere Kinder haben Kaninchen oder Vögel oder Goldhamster.«

»Sie sehen, Alexa ist schon ganz zu Hause hier.« Denise von Schoenecker sah den in seiner Rolle noch so unsicheren Vater aufmunternd an. »Sophienlust heißt das Haus der glücklichen Kinder, sagt Henrik«, plauderte Alexa nun unbefangen weiter. »Jetzt bin ich auch ein glückliches Kind, weil ich hier wohne. Nicht wahr, Tante Josi?«

Dr. Josefa Klinger, die als Assistenzärztin das tragische Ende und die vom Tod überschattete Hochzeitsfeier Vivian von Stöckens miterlebt hatte, zog Alexa auf ihre Knie. »Ja, du bist ein glückliches Kind«, raunte sie ihr zärtlich ins Ohr, wobei ihre Lippen das halblange blonde Haar des Kindes streiften. Doch sie errötete, als sie bemerkte, dass Alexander Rethy die kleine Szene beobachtete. Als sie die Augen wegwenden wollte, begegnete sie dennoch dem Blick des hochgewachsenen Mannes, der ständig um den Erdball flog und doch so ganz anders war, als Josefa Klinger sich einen Flugkapitän vorgestellt hatte.

So also hielt Alexa Rethy Einzug in Sophienlust.

*

Bonny steuerte sofort auf Alexander Rethy zu, als sie ihn entdeckte.

»Hallo, Alex! Was war mit der Kleinen?«, erkundigte sie sich. »Du hast Urlaub genommen. Das kam ziemlich plötzlich. Aber mit der kakaotrinkenden jungen Dame hatte es wohl nichts zu tun?«

Alexander nahm die Hand der Stewardess und sah sie nachdenklich an. »Doch«, erklärte er leise. »Mir fällt erst jetzt wieder ein, dass du sie ja gesehen und im Restaurant sogar beschäftigt und betreut hast. Findest du es sehr erstaunlich, wenn ich dir sage, dass sie meine Tochter ist?«

Bonny blinzelte, als schaue sie plötzlich in ein zu grelles Licht. »Deine – was?«

»Meine Tochter Alexa. Leider ist ihre Mutter tot.« Er sagte es traurig und ernst, denn er trauerte aufrichtig um Vivian, der das Leben so viel schuldig geblieben war.

»Das verstehe ich nicht. Ihr habt doch auf die Mutter gewartet neulich. Da lebte sie offenbar noch. Oder war es nicht die Mutter?« Bonny kam die Sache etwas unheimlich vor. Auch hatte sie den Eindruck, dass Alexander auf seltsame Weise verändert sei. Hätte er nicht so ernst und traurig ausgesehen, sie wäre geneigt gewesen, das Ganze für einen Scherz zu halten. Denn woher sollte er plötzlich eine fünfjährige Tochter haben?

»Ihre Mutter ist vor ein paar Tagen gestorben. Es blieb mir gerade noch Zeit, sie zu heiraten. Alexa trägt jetzt meinen Namen.«

»Alex, du hast ein sterbendes Mädchen geheiratet, weil es ein Kind von dir hatte?«, stammelte Bonny unsicher. »Bist du wenigstens überzeugt, dass die Kleine wirklich dein eigenes Fleisch und Blut ist?«

»Ich habe die Frau geheiratet, die ich immer liebte, Bonny«, wies er die hübsche Stewardess beinahe scharf zurecht. »Einen Zweifel an der Herkunft meiner Tochter gibt es nicht.«

»Das …, das passt einfach nicht zu dir, Alex. Ich hab’ mir immer eingebildet, dass du dir nicht viel aus Mädchen machst.« Bonny schluckte einmal.

»Woraus du ersiehst, dass man sich irren kann, Bonny. Doch ich will dir gestehen, dass ich es selbst nicht gewusst habe. Und jetzt muss ich mich erst daran gewöhnen, dass ich nur noch an meinem Kind gutmachen kann, was ich an der Mutter versäumt habe – sechs Jahre lang!«

»Was …, was wird aus dem Kind, Alex? Es muss doch irgendwo bleiben, wenn es keine Mutter mehr hat.«

»Zunächst hatte sich eine Ärztin des Krankenhauses, in dem Vivian starb, Alexas angenommen. Durch deren Vermittlung befindet sich die Kleine jetzt in einem sehr guten Kinderheim. Ich bin Frau Klinger natürlich sehr zu Dank verpflichtet. Ehrlich gesagt, ich wäre ohne ihre Hilfe in arger Verlegenheit gewesen.«

»Nun hast du also plötzlich eine Tochter. Kommt dir das nicht geradezu unwahrscheinlich vor?«, wunderte sich Bonny, indem sie die reizende kleine Nase kraus zog. »Es passt einfach nicht zu dir.«

»Alexa ist ein hübsches Kind. Das kannst du nicht abstreiten«, spottete Alexander Rethy.

»Doch, doch – sehr niedlich. Trotzdem, es kommt so …, so unerwartet. Ich muss mich an den Gedanken erst gewöhnen.«

»Für dich macht es doch nun wirklich keinen Unterschied, Bonny«, tröstete der Flugkapitän die Stewardess.

Sie hob die Schultern. »Vielleicht doch, Alex. Das kannst du gar nicht beurteilen.«

Sie hätten wohl noch länger geplaudert, wenn die Arbeit nicht ihr Recht gefordert hätte. Alexander Rethy übernahm die Papiere für seinen nächsten Flug und führte einige Telefongespräche. Vor allem vertiefte er sich in den soeben eingegangenen Wetterbericht. Kurz bevor er sich ins Cockpit seiner Maschine begeben musste, rief er noch einmal in Sophienlust an. Nachdem Frau Rennert ihm versichert hatte, dass mit Alexa alles in bester Ordnung sei, ließ er Dr. Josefa Klinger an den Apparat rufen.

»Ich wollte mich verabschieden, Doktorin. Ist alles im Lot bei Ihnen? Erholen Sie sich, und lassen Sie sich von Alexa nicht allzu sehr tyrannisieren.«

»Mir geht’s blendend. Hier muss man sich einfach erholen. Das macht die Sophienluster Luft, Herr Rethy. Alexa ist bereits ganz zu Hause hier. Jetzt liegt sie schon im Bett. Sicher möchte sie gern mit Ihnen sprechen. Ich lasse nachsehen, ob sie noch wach ist.«

»Danke, Frau Doktor. Geben Sie nur gut auf sich acht. Für mich ist es wunderbar, dass Sie zusammen mit meiner Kleinen in Sophienlust sind. Sie hatte ja nur ihre Mutti. Irgendwann wird die Sehnsucht kommen und die Erkenntnis, dass sie von Vivian für immer allein gelassen worden ist. Ich danke Ihnen nochmals für alles, was Sie für das Kind und für mich getan haben.«

»Nichts zu danken. Es sollte wohl so sein, Herr Rethy. Hier kommt Alexa.«

»Hallo, Vati. Wann kommst du mich besuchen?«

»Hm, so bald werde ich nicht kommen können. Aber ich schicke dir Postkarten von unterwegs, Alexa. Leider muss ich viel unterwegs sein. Es ist ein unpraktischer Beruf, wenn man Flugkapitän ist.«

»Henrik sagt, es ist große Klasse«, erklärte Alexa überzeugt. »Stimmt es, dass du ein Flugzeug allein in die Luft steigen lässt?«

»Nun ja, das stimmt, Alexa. Aber ich kann dich aus diesem Grund nicht gerade oft besuchen. Jetzt geht es gleich los.«

»Aber es ist Abend, Vati.«

»Man fliegt auch nachts, Kleines. Ich erkläre es dir später mal genau. Irgendwann werde ich dich auch mitnehmen, wenn du ein bisschen größer bist. Dann fliegen wir zusammen nach Amerika.«

»Oder in den Himmel, zu Omi und Mutti?«

Ihm stockte der Atem. »Nein, Alexa, so hoch kann kein Flugzeug der Welt fliegen«, sagte er schließlich bedrückt. »Dahin kommen wir nicht, solange wir leben.«

»Schade, Vati. Es wäre am schönsten, wenn es doch ginge.«

»Nicht traurig sein, Kleines.«

»Nein, Vati, ich bin ja im Haus der glücklichen Kinder, und ich habe Mutti versprochen, dass ich fröhlich bleiben werde.«

»Recht so, Alexa. Bis bald. Sei lieb und vergiss mich nicht. Ich bin dein Vati.«

»Ja, Vati, Tante Josi hat es mir erklärt. Ich konnte es nämlich nicht verstehen, weil alles so schnell gegangen ist. Magst du mich überhaupt? Du hast mich doch vorher nicht gekannt.«

»Ich mag dich sehr gern, Alexa.«

Dann kam Dr. Josefa Klinger nochmals an den Apparat, und endlich hängte er ein. Ein wehmütiges Lächeln stand in seinem sonnengebräunten Gesicht, als er zu seiner Maschine ging. Zum ersten Mal ließ er jemanden zurück – ein kleines Mädchen, seine Tochter Alexa!

Bonny nickte ihm zu. Sie stand mit Käppchen und Handschuhen am Einstieg zur Ersten Klasse und empfing die Fluggäste, die die umständlichen Kontrollen schon hinter sich hatten.

Bonny war Alexander Rethy sehr sympathisch. Sie war ein typisches Hamburger Mädchen, blond und sauber und anständig.

Doch schon bald hatte der Flugkapitän keine Zeit mehr, an Alexa oder Bonny zu denken. Auch an Josefa Klinger dachte er nicht mehr, als er die Checkliste zur Hand nahm und nun gemeinsam mit seinem Co-Piloten Punkt für Punkt die Kontrolle aller Geräte durchführte, wie es sich für einen gewissenhaften Flugzeugführer vor dem Start gehörte. Dann erhielt er das Zeichen, dass er zum Start fahren könne. Die Leute vom Turm meldeten, dass alles klar sei, die Männer vom Bodenpersonal traten von der Maschine zurück. Jemand winkte ihn zum Start ein. Es war wie immer und doch anders, weil diesmal jemand zurückblieb: ein kleines blondes Mädchen.

Als Alexander Rethy die Boeing schon hoch in der Luft hatte, wurde ihm klar, dass die zurückliegenden wenigen Tage die ereignisreichsten seines Lebens gewesen waren. Er hatte Vivian wiedergefunden, und sie war seine Frau geworden. Unbewusst hatte er es sich immer gewünscht, doch erfüllt hatte sich sein Wunsch erst an dem Tag, an dem Vivian gestorben war. Und jetzt wartete dort unten irgendwo in der Dunkelheit sein Kind auf ihn, die kleine Alexa, die seit wenigen Tagen seinen Namen trug.

Der Flugkapitän besann sich nun und hielt die übliche kleine Ansprache an seine Passagiere, indem er ihnen einen angenehmen Flug wünschte. Er flog für eine amerikanische Linie. Also sprach er zunächst Englisch, dann Deutsch, zuletzt Französisch.

Der Co-Pilot grinste ihm zu: »Immer derselbe Käse …«

Alexander Rethy ärgerte sich über das alberne Benehmen des anderen. Schließlich wollte jedermann einen guten Flug haben und heil ankommen. Seine Stimmung besserte sich erst, als Bonny ihm einen sündhaft starken Kaffee brachte.

»Danke, Bonny. Du bist und bleibst ein Engelchen.«

»Kommt mir gar nicht so vor. Eben hat mich ein dicker Kerl gefragt, ob ich morgen Abend mit ihm im Hotel bleiben will. Auf den scheine ich einen durchaus irdischen Eindruck zu machen.«

»Unverschämter Bursche. Soll ich ihm Bescheid sagen?«, bot er an.

»Nicht nötig. Ich habe ihm erklärt, dass ich bei meiner Großtante übernachten müsse. Sein dummes Gesicht hättest du sehen sollen, Alex. Wahrscheinlich bildet er sich ein, dass er mit ein paar hundert Dollar die Welt erobern kann.«

Der Co-Pilot tat Zucker in seine Tasse und rührte um. »Du versäumst die besten Chancen, Bonny«, spöttelte er. »Möglicherweise ist er ein Millionär und würde dich heiraten.«

»Kann schon sein«, erwiderte sie schulterzuckend. »Aber ich würde ihn nicht heiraten. Und da zum Heiraten bekanntlich zwei gehören …«

Als Bony das Cockpit verlassen hatte, sagte der Co-Pilot leise: »Sie ist ein prima Mädchen.«

Diesmal war Alexander ganz und gar seiner Meinung. »Das ist sie«, antwortete er mit Überzeugung.

*

»So – fertig!« Befriedigt betrachtete Nick sein Werk. Alexa stand neben ihm. Beide befanden sich im Augenblick im Wald von Sophienlust.

»Steht wirklich mein Name darauf?«, fragte die Kleine.

»Natürlich, Lexi. Jedes Kind, das in Sophienlust wohnt, bekommt einen solchen Baum mit seinem Namensschild. Wir nennen unseren kleinen Wald hier den Märchenwald. Zuerst gab es mal einen Waldbrand. Dadurch entstand die kahle Stelle. Und dann kam uns die Idee mit den Namensbäumchen. Gefällt dir dein Baum?«

»Er ist sehr schön. Aber es gibt sehr viele Bäume hier. Wo sind die Kinder denn alle geblieben?«

»Leider bleiben sie nicht immer hier, Lexi«, erklärte Dominik der kleinen Neuen mit einem Seufzer. »Wenn es nach mir ginge, würden sie alle für immer bei uns bleiben. Denn es gibt bestimmt keinen Platz auf der Welt, an dem es schöner ist als in Sophienlust.«

»Ja, es ist wunderbar hier«, stimmte Alexa, die inzwischen von allen Kindern Lexi gerufen wurde, ihm aus vollem Herzen zu. »Ich bleibe bestimmt für immer, denn meine Mutti ist im Himmel und meine Omi auch. Mein Vati aber muss immerzu mit dem Flugzeug fliegen. Er hat nicht viel Zeit für mich. Deshalb gehe ich auch nicht fort.«

»Hm, wir behalten dich gern.«

»Glaubst du eigentlich, dass mein Vati mich überhaupt mag? Er war auf einmal da. Mutti sagte, ich sollte hingehen. Da wusste ich noch gar nicht, dass er mein Vati ist. Dann kam das Fest mit den vielen Blumen, und jetzt ist er mein Vati. Ob er mich lieb hat – so wie euer Vati euch?«, zweifelte sie besorgt.

»Bestimmt hat er dich lieb. Ich habe ihn gesehen und verstehe mich auf die Leute. Er ist ein prima Kerl, sonst wäre er bestimmt nicht Flugkapitän.«

»Das Fliegen ist mir ziemlich wurscht«, erklärte Lexi matt. »Mit so einem Flugzeug kann man nicht einmal in den Himmel fliegen – ich meine, in den richtigen Himmel, wo meine Mutti ist.«

Die Kinderstimme schwankte verdächtig. Doch der Fünfzehnjährige verstand sich auf solche Fälle. Er warf einen letzten Blick auf das frisch gepflanzte Bäumchen im Märchenwald und hob die kleine Lexi dann auf seine Arme.

»Komm, ich trage dich huckepack. Du sagst hüh und hott, und ich trabe zum Gutshaus zurück. Dort darfst du dann noch ein bisschen auf einem der Ponys reiten bis zum Abendbrot.«

»Ja, Nick, das ist fein.« Schon war Lexi getröstet. Sie lachte und jauchzte, während Nick mit ihr durch den Wald trabte. Unterwegs trafen sie den alten Oberförster Bullinger, der sich eine Weile mit Nick unterhielt.

»Warum nennt er dich junger Herr, Nick?«, wollte Lexi wissen, als sie weiterzogen.

»Nun ja, der alte Justus sagt das auch. Es ist, weil Sophienlust eigentlich mir gehört. Aber du musst dir nichts daraus machen, denn ich kann nichts dafür und bilde mir auch nichts darauf ein.«

»Ich dachte, Sophienlust gehört deiner Mutti.«

»Nein, meine Urgroßmutter hat es mir hinterlassen. Aber es macht in unserer Familie keinen Unterschied. Alles gehört uns gemeinsam. Ich bin Mutti und Vati dankbar, dass sie bis jetzt das Kinderheim und das Gut so gewissenhaft für mich verwaltet haben und das auch weiterhin tun werden. Ich muss ja noch zur Schule gehen und dann zur Universität, bis ich einmal selbst Herr auf Sophienlust werden kann. Aber so alten Leuten wie dem Oberförster Bullinger oder dem früheren Verwalter Justus, denen kann man die Gebräuche von früher nicht abgewöhnen. Sie wären unglücklich, wenn sie bloß Nick zu mir sagen müssten. Deshalb lasse ich ihnen den kleinen Spaß.«

»Soll ich auch junger Herr sagen?«

»Bloß nicht! Die Kinder würden uns beide auslachen.«

»Was ist eigentlich eine Urgroßmutter?«, erkundigte sich Lexi, als das Herrenhaus schon in Sicht kam.

»Das ist die Mutter der Großmutter. Also, zum Beispiel die Mutti von deiner Omi im Himmel war deine Urgroßmutter.«

»Aber die habe ich doch nie gesehen«, wunderte sich Lexi.

»Ich meine Urgroßmutter auch nicht. Im Biedermeierzimmer hängt ihr Bild. Ich habe nicht einmal meinen richtigen Vati gekannt. Er starb, ehe ich geboren wurde.«

»Ach so, und jetzt ist Onkel Alexander dein Vati. Es ist komisch, dass er genauso heißt wie mein Vati.«

»Na ja, das kommt eben vor. So, jetzt wirst du mir zu schwer. Du bist ja schon ein großes Mädchen. Hol rasch deine Reithosen. Ich werde inzwischen das Pony satteln, Lexi.«

Alexa schoss davon wie ein Pfeil. Wenig später saß sie stolz auf dem kleinen Pony, das Nick an der Leine führte.

»Du stellst dich geschickt an. Bald kannst du ganz allein reiten«, lobte Nick seine neueste Schülerin.

»Es macht Spaß, Nick«, sagte Lexi strahlend.

»Natürlich macht es Spaß«, erklang jetzt eine fröhliche Stimme. Sie kam von Dr. Josefa Klinger, die eben von einem ausgedehnten Spaziergang zurückkehrte. »Du siehst auf dem Pferd aus wie eine Prinzessin, Lexi.«

»Tante Josi, Nick sagt, dass ich es schon gut mache«, berichtete das Kind voller Stolz.

»Stimmt das, Nick?«

»Sie stellt sich besonders geschickt an. Vielleicht haben wir eine Nachwuchsreiterin für unsere Juniorenklasse vor uns.« Nick war ein Pferdenarr und ein begeisterter Reiter, der in Jugendturnieren schon manchen Preis nach Hause gebracht hatte. Gewiss gab er sich auch deshalb so besonders geduldig mit der fünfjährigen Alexa ab, weil er in ihr ein Reitertalent entdeckt zu haben glaubte.

Die junge Ärztin lehnte sich an die Umzäunung des Reitplatzes und schaute zu, wie Nick mit Lexi die einzelnen Gangarten übte. Das Pony war brav und kannte die einzelnen Befehle recht gut. Trotzdem war nicht zu übersehen, dass Lexi fest und mit angeborenem Talent im Sattel saß.

Josefa Klinger schaute über sich in den Himmel, wo einsam ein Flugzeug seine Bahn zog. Sie dachte an den Flugkapitän Alexander Rethy, der ihr eine Postkarte aus Los Angeles und eine andere aus Kairo geschickt hatte. Auch an Lexi waren Karten gekommen, aber immer hatten nur ein paar nichtssagende Worte darauf gestanden. Das Schreiben schien nicht seine starke Seite zu sein, und das tat der jungen Ärztin aus Gründen, die sie sich selbst nicht recht eingestehen mochte, von Herzen leid. Er

hatte doch sicherlich Zeit zu einem Brief! Verdiente sie nicht ein bisschen mehr, als zwei armselige Ansichtskarten mit bunten fremden Marken, die ihr sofort von den Kindern abgehandelt wurden?

Carola Rennert kam mit ihrem Zwillingswagen vorüber. »Wie geht’s, Josi?«, rief sie der Ärztin zu. »Bist du auch nicht zu weit gelaufen? Frau Dr. Frey sagte mir heute, als ich sie traf, dass du dich noch sehr schonen müsstest. Ich fürchte, du bist bei dir selbst eine ziemlich unvernünftige Ärztin.«

»Ich bin nicht weit gegangen und habe mich unterwegs ausgeruht. Jetzt schaue ich hier Lexis Reitkünsten zu.«

»Wenn erst deine Zwillinge bei mir reiten lernen, Carola«, meinte Nick lachend.

»Das hat noch ein bisschen Zeit«, gab die hübsche junge Frau mit einem sanften Lächeln zurück. Carola Rennert war selbst einmal ein Sophienluster Kind gewesen. Sie hatte hier Wolfgang Rennert, den Haus- und Musiklehrer, kennen- und lieben gelernt und so eine endgültige Heimat in Sophienlust gefunden. Denise von Schoenecker hatte für das junge Paar eigens einen Anbau errichtet. Inzwischen waren die Zwillinge Alexandra und Andreas die ganze Freude der glücklichen Eltern und Gegenstand der ständigen Bewunderung aller Sophienluster Bewohner geworden.

Vom Haus her erklang der Gong, der die Kinder zum Abendessen rief.

»Schluss für heute«, sagte Nick und half Lexi sachgerecht beim Absitzen. Das Kind wollte davonlaufen. »Halt, kleine Dame, eine richtige Reiterin kümmert sich um ihr Pferd. Jetzt werden wir gemeinsam das Pony absatteln, wie sich das gehört. Zum Händewaschen vor dem Essen bleibt dann immer noch Zeit, denn es gongt zweimal, wie du weißt.«

Ein lang aufgeschossenes Mädchen mit lustigen Sommersprossen auf der Nase schloss sich ihnen an, während Josefa Klinger mit Carola Rennert und dem Kinderwagen zum Anbau ging.

»Sie reitet gut, Pünktchen«, sagte Nick. »Hast du sie beobachtet?«

»Hm.«

»Bist du schlechter Laune, Pünktchen? Ist dir eine Laus über die Leber gelaufen?«, fragte Nick.

»Überhaupt nicht. Ich hab’ bloß keine Lust zum Reden.«

»Na schön, dann sei still.«

Pünktchen, die eigentlich Angelina Dommin hieß, aber nicht einmal in der Schule mit ihrem richtigen Namen gerufen wurde, hatte keine Angehörigen mehr, die sich um sie kümmerten. Ihre Heimat war nun Sophienlust, und es stand für sie bereits fest, dass sie einmal Nick heiraten würde. Denn der Erbe von Sophienlust hatte sie vor Jahren gefunden und nach Sophienlust gebracht, als sie verzweifelt und verlassen gewesen war. Deshalb hatte er einen besonderen Platz in ihrem kleinen Herzen, aber deshalb litt Pünktchen auch ständig unter Eifersucht. Es gefiel ihr ganz und gar nicht, dass Nick sich jetzt so intensiv mit Lexi beschäftigte, obwohl diese noch nicht einmal zur Schule ging.

Als das Pony in seiner Box war, rannte Lexi zum Haus, um sich zu waschen. Pünktchen wanderte langsam neben Nick einher. »Sooo besonders geschickt stellt sie sich auch nicht an«, schmollte sie.

Nick lachte. »Ach, Pünktchen! Du wirst doch nicht auf Lexi eifersüchtig sein? Sie ist wirklich sehr geschickt, und es ist nun mal meine Aufgabe, mich um sie zu kümmern. Wir haben heute ihr Namensbäumchen im Märchenwald gepflanzt und jetzt eine Reitstunde abgehalten. Wenn du magst, reiten wir zwei nach dem Abendessen noch ein bisschen.«

Pünktchen war sofort versöhnt. »Bleibst du in Sophienlust?«, fragte sie. »Oder fährst du dann nach Schoen­eich?«

Nick hatte als künftiger Herr von Sophienlust ein eigenes Zimmer im Herrenhaus. Doch er wohnte im Allgemeinen drüben in Schoeneich bei seinen Eltern.

»Ich fahre später rüber, denn nach dem Abendessen kommt Andrea mit Hans-Joachim.«

Andrea war Nicks Stiefschwester. Sie stammte aus Alexander von Schoeneckers erster Ehe und war mit dem jungen Tierarzt Dr. Hans-Joachim von Lehn verheiratet. Die beiden lebten in Bachenau, wo sie ein Tierheim gegründet hatten, das den Namen ›Waldi & Co., das Heim der glücklichen Tiere‹ trug. Für die Sophienluster Kinder spielte das Tierheim eine große Rolle. Es gab dort eine Braunbärin mit zwei Jungen, zwei Schimpansen, eine Ringelnatter namens Olga, einen uralten Esel, der den Namen Benjamin trug, und noch andere Tiere. Fast mit jedem dieser Tiere war einmal ein Kinderschicksal verknüpft gewesen, doch alle diese Kinder hatten Sophienlust inzwischen wieder verlassen, weil sie in einer Familie ein neues Glück gefunden hatten.

Nick hatte auch noch einen großen Stiefbruder. Sascha studierte in Heidelberg und kam nur noch selten heim nach Schoeneich. Auch er stammte aus der ersten Ehe Alexander von Schoeneckers. Als der Gutsherr von Schoen­eich Denise geheiratet hatte, hatten Sascha und Andrea eine zweite Mutter, Nick einen zweiten Vater bekommen. Henrik aber war der Spross dieser neuen, unendlich glücklichen Verbindung.

»Dann wirst du keine Zeit mehr zum Reiten haben«, bemerkte Pünktchen enttäuscht. »Ich dachte, wir könnten heute Abend noch Halma spielen. Aber du bleibst bloß, weil Magda heute rote Grütze gemacht hat.«

»Das mit der roten Grütze stimmt. Magda ist nun mal die beste Köchin der Welt«, gestand Nick freimütig. »Aber zu einem kurzen Galopp nach dem Essen reicht die Zeit auf jeden Fall, Pünktchen. Du kannst es mir doch nicht verübeln, dass ich meine Schwester sehen will, wo sie jetzt so selten kommt und meistens nur noch für ihren Mann und das Tierheim Zeit hat?«

»Schon gut, Nick. Dir ist immer alles andere wichtiger«, seufzte Pünktchen.

Nick wurde einer Antwort enthoben, denn jetzt ertönte der Gong zum zweiten Mal. Eilig wuschen sich die beiden die Hände und erschienen danach am großen Esstisch, wo Tante Ma eben die Hände faltete, um das Tischgebet zu sprechen.

*

Josefa Klinger half Carola, die Zwillinge zu versorgen und schlafen zu legen. Dann bereiteten die beiden Frauen gemeinsam das Abendessen zu. Gerade als sie fertig waren, kam Wolfgang Rennert mit dem Wagen aus Bachenau zurück, wo er etwas zu erledigen gehabt hatte.

»Hm, das duftet beinahe so gut wie bei Magda drüben in der Küche vom Herrenhaus«, stellte er schnuppernd fest.

»Josi ist nicht nur eine gute Ärztin, sondern auch eine ausgezeichnete Köchin«, entgegnete Carola lachend. »Sie hat einen Käseauflauf gemacht. In fünf Minuten können wir essen.«

»Herrlich. Sie könnten für immer und ewig bei uns bleiben, Frau Dr. Klinger«, meinte Wolfgang Rennert in bester Laune. »Wenn Carola Ihnen die Küche überließe, wäre die Arbeit tadellos aufgeteilt. Allerdings könnten wir Ihnen kein Gehalt zahlen«, scherzte er.

»Ich würde auch keines nehmen, Herr Rennert«, erwiderte Josefa Klinger. »Mein Chefarzt hätte da im Übrigen auch noch ein Wörtchen mitzureden. Ich bin krankheitshalber beurlaubt, aber nicht frei, um bei Ihnen die Stelle einer Köchin anzunehmen, wenn ich das auch gern täte. Außerdem kann Ihre Frau selbst so gut kochen, dass das auch gar nicht nottut.«

»Sie hätte dann aber mehr Zeit zum Malen. Ich habe nicht behauptet, dass sie nicht kochen kann«, wehrte sich Wolfgang Rennert.

Carola Rennert war eine begabte Malerin, die ihre knappe Freizeit gern diesem schönen Hobby widmete und ihre Bilder auch gut verkaufte.

»Es geht trotzdem nicht, denn ich habe nun mal den Beruf einer Ärztin und werde in der Klinik zurzeit von einer ausländischen Kollegin vertreten, die jedoch nur für eine begrenzte Zeit bleiben kann. Nicht, dass ich mich für unersetzlich hielte, aber ich liebe nun mal meinen Beruf.«

»Schade«, seufzte Wolfgang Rennert. »Essen wir also den Käseauflauf.«

Inzwischen hatte Carola aufgedeckt und das lecker duftende Gericht auf den Tisch gestellt. Dazu gab es einen bunten Salat, der einem Schlemmerlokal alle Ehre gemacht hätte.

»Was hören Sie von Lexis Vater?«, erkundigte sich der Hauslehrer.

Josefa spürte, dass ihre Wangen heiß wurden. Sie senkte den Blick auf ihren Teller, als sie antwortete: »Nicht viel. Er hat zwei Postkarten geschrieben. Offenbar ist es nicht leicht für ihn, sich freizumachen und sein Töchterchen zu besuchen, wie er es sich vorgenommen hatte.«

»Als Pilot einer US-Fluglinie hat er sicherlich allerlei anderes im Kopf als ein Kind von fünf Jahren, von dessen Existenz er bisher keine Ahnung hatte«, mutmaßte Wolfgang Rennert. »Ein Glück, dass Lexi sich bei uns wohlfühlt und nichts entbehrt. Ihr Vater wird sie wahrscheinlich nach und nach vergessen, sodass unser Freund Nick endlich wieder einmal ein Kind haben wird, das für immer bei uns bleibt.«

»Wie meinen Sie das?«, fragte Josefa etwas verständnislos.

»Nick nimmt die Aufgabe von Sophienlust so ernst, dass er die Kinder, die zu uns kommen, nicht gern wieder hergibt – selbst dann nicht, wenn sich durch Adoption oder ähnliche Möglichkeiten ein wirkliches Glück für ein Kind ergibt. Sein einziger Trost ist dann meist nur eine Hochzeitsfeier hier in Sophienlust. Aber unser Flugkapitän wird kaum um seines Töchterchens willen eine Ehe eingehen. Jedenfalls hatte ich nicht den Eindruck von ihm. Er sieht blendend aus und hat all die vielen hübschen Stewardessen seiner Luftlinie, von den hübschen Fluggästen weiblichen Geschlechts ganz zu schweigen. Warum sollte er es um einer einzigen Frau willen, mit allen übrigen Frauen verderben? Ich finde, zwei Postkarten sind für solch einen Mann schon eine echte Leistung.«

»Warum fällst du so ein summarisches Urteil? Er hat doch eben erst Lexis Mutter zu seiner Frau gemacht …«

»… nachdem er sie zunächst mit dem Kind hat sitzenlassen«, vollendete Wolfgang Rennert trocken. »Mag sein, dass er nichts von dem Kind gewusst hat. Doch immerhin hat er sich der Mutter gegenüber nicht gerade wie ein Gentleman betragen. Oder bist du anderer Meinung, mein liebe kleine Carola?«

»Wir kennen die genaue Vorgeschichte nicht und sollten nicht vorschnell urteilen. Vielleicht weiß Josi mehr.« Fragend sah Carola die junge Ärztin an.

Doch Josefa Klinger schüttelte stumm den Kopf. Der Käseauflauf schmeckte ihr plötzlich nicht mehr.

»Ärzte sind an die Schweigepflicht gebunden«, stellte Wolfgang Rennert fest. »Halten wir also den Daumen, dass der Herr Flugkapitän Lexi nicht vergisst, sondern in absehbarer Zeit eine hübsche Stewardess zu seiner Frau macht, die auch bereit ist, Lexi bei sich aufzunehmen. Aber das hört sich für mich wie ein schönes Märchen an, das niemals wahr werden wird. Macht nichts, dann bleibt Lexi eben bei uns. Es lässt sich leben in Sophienlust, nicht wahr, Carola? Du bist doch auch hergekommen, um niemals wieder fortzugehen.« Er küsste seiner geliebten Frau die Hand.

»Vielleicht heiratet Nick oder Henrik die Kleine? Wer kann das heute wissen?«, sagte Josefa Klinger leise, um zu einem neuen Thema überzugehen.

»Nick wird von Pünktchen mit Beschlag belegt. Ich weiß nicht, wie der Junge darüber denkt, aber für Pünktchen steht fest, dass sie einmal seine Frau sein wird«, wandte Carola ein. »Manchmal mache ich mir Sorgen wegen Pünktchen, denn sie hat sich in diesen Gedanken fest verrannt, viel zu fest für ein Kind von elf Jahren.«

»Sie sind beide noch Kinder, doch vielleicht wird die Geschichte mit der hübschen Stewardess Wirklichkeit«, meinte Wolfgang Rennert lachend.

Wenig später hoben sie die kleine, gemütliche Tafel auf. Josefa Klinger, die müde war, zog sich in ihr Zimmer zurück. Dort saß sie im bequemen Sessel und legte den Kopf gegen die Rückenlehne, um nachzudenken. Ohne ihr Zutun beschäftigten sich ihre Gedanken mit dem Flugkapitän Alexander Rethy.

Hätte ich mich um Lexi gekümmert, wenn ich ihren Vater nicht gekannt hätte, fragte sie sich und fand keine Antwort darauf. Eines hatte sich aus dem anderen ergeben. Vivian von Stöcken, das Kind und der Flugkapitän waren gleichzeitig in ihr Leben getreten. Doch wenn sie ehrlich gegen sich selbst war, so musste sie sich eingestehen, dass manches für sie ein neues und anderes Aussehen gewonnen hatte, seit der Flugkapitän Alexander Rethy mit seinem Töchterchen an das Sterbebett Vivian von Stöckens gekommen war.

Josefa Klinger schloss die Augen. Deutlich sah sie das sonnengebräunte Gesicht des großen Flugkapitäns vor sich. Ja, sie konnte sich vorstellen,

dass die hübschen Stewardessen es auf einen solchen Mann abgesehen hatten! Wolfgang Rennert hatte kaum übertrieben.

Die Ärztin seufzte. Bisher hatte sie nie ans Heiraten gedacht. Sie stammte aus Weißrussland und hatte früh beide Eltern verloren. Durch Stipendien war ihr das Studium ermöglicht worden, das sie trotzdem teilweise hatte selbst verdienen und erhungern müssen. Vielleicht hatte die Leberentzündung sie auch deshalb so besonders schwer mitgenommen. Sie jedoch, daran gewohnt, auf sich selbst nicht die geringste Rücksicht zu nehmen, hatte gemeint, dass sie das Gesundwerden erzwingen könne. Doch ihr Chef, ein erfahrener alter Arzt, hatte gerade noch zur rechten Zeit erkannt, dass sie im Begriff war, sich einen Schaden fürs ganze Leben zu erwerben. Er hatte ein Machtwort gesprochen und ihr einen längeren Urlaub verordnet, den sie nun bei ihrer Freundin Carola auf Sophienlust erlebte.

Josefa Klinger fühlte sich glücklich auf Sophienlust. Sie hatte hier nie Langeweile, denn die Kinder waren dankbar und begeistert, wenn sie sich mit ihnen beschäftigte. Sie las ihnen Geschichten vor und malte Bilder mit den Kleinen, wofür ihr die Kinderschwester Regine herzlich dankbar war. Manchmal nahm Josefa Klinger auch auf einem Spaziergang ein Grüppchen Kinder mit, oder sie half am Nachmittag den Größeren bei den Schulaufgaben.

Trotzdem fühlte sich Josefa Klinger neuerdings manchmal vereinsamt. Auch hielt sie oft nach dem Postauto Ausschau, in der Hoffnung, dass es ihr eine Karte von Alexander Rethy bringe. Und wenn Lexi, die sich besonders an sie angeschlossen hatte, sie sehnsüchtig nach dem Vater fragte, dann schlug ihr das Herz bis zum Hals herauf, weil sie nicht wusste, was sie dem Kind antworten sollte.

»Was ist mit mir?«, flüsterte Josefa Klinger in die Dunkelheit des kleinen Zimmers hinein. »Ich habe mich doch nicht etwa in ihn verliebt?«

Sie schüttelte energisch den Kopf. Nein, für die Liebe war im Leben einer Ärztin, wenn sie erfolgreich sein wollte, kein Raum. Bisher hatte sie immer nur gearbeitet und nur daran gedacht, ihr Studium und die Medizinalassistentenzeit so rasch wie möglich hinter sich zu bringen. Nun war sie schon das zweite Jahr Assistenzärztin. Nein, jetzt durfte ihr so etwas wie Liebe nicht in die Quere kommen! Noch dazu die Liebe zu einem Flugkapitän, der sie sicherlich schon wieder vergessen hatte, wie er möglicherweise auch Lexi nach und nach aus dem Gedächtnis verlieren würde. Ein Dauerauftrag bei der Bank regelte die monatlichen Verbindlichkeiten für das Kind, und mehr Sorgen hatte er nicht!

Josefa Klinger stellte plötzlich fest, dass sie auf Alexander Rethy wütend war – wütend, weil er sie aus ihrem inneren Gleichgewicht gebracht hatte, wenn das auch durchaus nicht seine Schuld und wahrscheinlich nicht einmal seine Absicht gewesen war.

*

Am nächsten Tag erhielt die junge Ärztin einen Brief von einem Kollegen, dem Oberarzt Dr. Fred Wellner, der ihr launig vom Betrieb in der Klinik berichtete und durchblicken ließ, dass sie von ihm nicht nur bei der Arbeit vermisst werde.

Wenn ich überhaupt jemals heirate, so muss es ein Arzt sein, beschloss Josefa Klinger trotzig. Fred Wellner käme vielleicht infrage. Er hat sich schon öfter um mich bemüht. Aber ich halte es für möglich, dass er es nicht ernst meint, sondern mich nur gern mag, so ganz unverbindlich und allgemein. Er ist ehrgeizig und möchte einmal ein eigene Klinik haben. Ein Vermögen besitzt er nicht, also wird er nach einer Frau mit Geld Ausschau halten. Dass ich keinen Centbesitze, dürfte ihm bekannt sein, denn von meinem Gehalt als Assistenzärztin zahle ich jetzt noch die letzten Schulden aus der Studienzeit ab, wenn das auch glücklicherweise bis Ende des Jahres geregelt sein wird.

Immerhin – der Brief des Oberarztes hatte ihr ein wenig von ihrer inneren Sicherheit wiedergegeben, und dafür war sie dem Kollegen von Herzen dankbar, wenn er es auch nie erfahren würde.

Alexander Rethy kam unangemeldet, doch machte das in Sophienlust keinem etwas aus. Er habe Zeit – fünf volle

Tage –, und er wolle in Maibach im Gasthof ›Zum Bären‹ wohnen, erklärte er, um niemandem Mühe zu verursachen.

Josefa Klinger war verwirrt, als er ihr plötzlich gegenüberstand. Ihr erster Gedanke war, dass sie glücklicherweise am Tag zuvor beim Friseur gewesen war. Dann fiel ihr ein, dass sie sich umziehen müsse, denn das alte grüne Kleid war alles andere als vorteilhaft.

Alexa ging dem Vater langsam entgegen. »Guten Tag, Vati.«

Alexander Rethy hob sie auf seine Arme. »Grüß dich, kleine Maus. Freust du dich denn gar nicht, dass ich da bin?«

»Du fährst ja doch gleich wieder weg. Nick und Henrik sagen, Flugkapitän zu sein ist etwas Feines. Aber ich finde es dumm, dass du einer bist. Ich glaube, ich würde keinen Mann heiraten, der immer bloß weg ist und mal ’ne Karte schreibt.«

»Stimmt, Lexi, ich hätte öfter schreiben sollen«, gestand Alexander Rethy beschämt. »Weißt du, das Schreiben ist nun mal eine Sache, die ich nicht sehr gern tue. Aber ich werde versuchen, mich zu bessern, damit du nicht wieder auf mich schimpfen musst.«

»Ich schimpfe gar nicht. Ich bin bloß traurig, weil ich glaube, dass du mich nicht magst«, sagte Alexa leise.

»Wie kannst du das nur denken? Du schaust aus wie deine Mutter. Und die habe ich sehr, sehr lieb gehabt.«

Josefa Klinger hörte das alles, weil sie genau daneben stand. Ihr tat das Herz seltsam weh. Er hatte Vivian von Stöcken also geliebt, denn dem Kind sagte er sicherlich die Wahrheit. In diese Kinderaugen hinein log man nicht.

»Ja, Mutti hast du lieb gehabt, aber mich magst du nicht«, wiederholte das Kind, weil es damit wohl einen Beweis der Zuneigung von seiten des Vaters herausfordern wollte.

Diese Rechnung schien auch aufzugehen.

»Du kannst dir etwas von mir wünschen, Lexi«, sagte der Flugkapitän

ein bisschen verlegen, »etwas ganz Tolles.«

Alexa, immer noch auf seinem Arm, lehnte sich weit zurück, um besser in sein Gesicht sehen zu können. Dann sagte sie entschlossen: »Mit dir nach Frankfurt auf den Flughafen fahren und zu sehen, wie es da zugeht. Nick hat mir davon erzählt. Aber ich kann es mir nicht so richtig vorstellen. Vielleicht …, vielleicht möchte ich auch mal richtig fliegen mit dir.«

»Das kommt erst später dran, Lexi. Nur so zum Spaß kann ich dich nicht mitfliegen lassen. Das ist verboten. Aber eine Fahrt nach Frankfurt – das können wir machen. Gleich morgen, wenn du magst. Wir müssen nur Tante Ma und Tante Isi fragen, ob ich dich mitnehmen darf.«

»Wenn du doch mein Vati bist, darfst du’s bestimmt«, behauptete Lexi zuversichtlich.

Josefa Klinger wartete darauf, dass auch sie eine Einladung zu der Fahrt nach Frankfurt erhielte. Doch offenbar kam weder das Kind auf diesen Gedanken noch dessen Vater, der nichts anderes im Sinn hatte, als die Zuneigung seines Töchterchens zu erobern.

Alexander Rethy verbrachte den Abend auf Schoeneich am Kamin der Familie von Schoenecker. Er übernachtet im ›Bären‹ und holte seine Tochter am anderen Morgen mit dem Wagen ab, wie er es versprochen hatte.

Auf der Fahrt zum Flughafen plauderte Alexa ununterbrochen. Dann erreichten sie ihr Ziel.

Lexi fand es aufregend und interessant, wie viele Leute ihren Vater grüßten und erkannten. Sie durfte mit ihm zum Kontrollturm, nachdem ihr Vater sich eine Sondererlaubnis besorgt hatte.

Dann begegneten sie rein zufällig der Stewardess Bonny.

»Nanu, alles trifft sich am Ort der Tat?«, meinte Alexander Rethy lachend, als er die blonde Hamburgerin entdeckte. »Wir beide haben doch heute hier eigentlich gar nichts zu suchen.«

Bonny hob die Schultern. »Ich hatte etwas vergessen. Für einen Tag nach Hamburg zu fliegen lohnt sich für mich nicht. Morgen habe ich dann wieder Dienst.«

»Lexi, das ist Bonny. Sie fliegt immer mit mir – in meiner Crew, sagt man bei uns.«

Alexa musterte Bonny kritisch. »Du darfst mit Vati fliegen? Ich kenne dich noch – von damals. Aber dass du beim Fliegen immer dabei sein kannst, wusste ich nicht. Ich darf nämlich nicht mitfliegen.«

»Deine Mutti ist früher auch geflogen, Lexi«, erzählte Alexander Rethy seiner Tochter nun zum ersten Mal.

»Dann will ich es auch, wenn ich groß bin«, beschloss das kleine Ding.

Bonny nickte ihr zu. »Warum nicht, Alexa? Es ist ein feiner Beruf. Mir macht’s Spaß.«

»Dann musst du mich immer mitnehmen, Vati, wie Bonny«, forderte Alexa. »Ich kriege doch dann auch so eine schicke Uniform, nicht wahr?«

»Natürlich, die Uniform ist wichtig«, behauptete Bonny todernst.

Es ergab sich ganz von selbst, dass sie für den Rest dieses herrlichen Sonnentages etwas Gemeinsames planten. Nach kurzer Beratung beschlossen sie, in ein Schwimmbad zu gehen. Alexander Rethy erwies sich als besonders findig. Irgendwo entdeckte er einen kleinen See, an dem es trotz des herrlichen Wetters nicht allzu viele Leute gab, weil sich die Straße zum See nur schlecht finden und befahren ließ.

Alexa planschte in einem neuen knallroten Badeanzug, den ihr Vater ihr auf dem Flughafen gekauft hatte, nach Herzenslust im Wasser herum. Bonny und Alexander Rethy hatten Schwimmsachen stets bei sich. Das gehörte im Sommer sozusagen zu ihrem Standardgepäck.

Jetzt lag Bonny neben Alexander in der Sonne und ließ sich trocknen.

»Herrlich, so ein freier Tag«, seufzte sie zufrieden.

»Ohne dich wär’s vielleicht ein bisschen langweilig für mich, Bonny, denn meine Tochter tobt da mit anderen Kindern herum und kümmert sich kaum noch um ihren armen Vater.«

Sie lachten sich an.

»Du scheinst dich gut in deine neue Rolle eingelebt zu haben«, stellte Bonny fest, indem sie den Kopf kokett zurücklegte. »Zuerst habe ich gedacht, es passt nicht zu dir. Aber das war ein Irrtum.«

»Was heißt schon, ›passen‹?« Alexander hob die breiten, sonnengebräunten Schultern. »Alexa ist mein Kind und gehört zu mir. Damit habe ich mich abzufinden. Aber ich gestehe, dass es mir Spaß macht.«

»Was ist aus der Ärztin geworden, die sich damals um Alexa kümmerte?«, erkundigte sich Bonny angelegentlich.

»Sie ist erholungsbedürftig und verbringt ihren Urlaub an dem Ort, an dem sich auch Alexa aufhält. Es ist ein glückliches Zusammentreffen, denn die Kleine hatte sich an die Doktorin ziemlich fest angeschlossen. Dass ich Alexa allein lassen muss, kann ich leider nicht ändern. So aber hat das Kind wenigstens die Ärztin. Im Übrigen ist das Kinderheim erstklassig, und Alexa fühlt sich dort wohl. Ich verdanke die Empfehlung der Doktorin. Ein Segen, dass sich alles so gefügt hat, sonst wär’s ein echtes Problem für mich.«

»Versteht es die Doktorin mit Kindern? Ist sie schon älter?«, wollte Bonny wissen.

Alexander Rethy schmunzelte. »Du denkst wohl an eine Frau mit grauem Haar, flachen Absätzen und Hornbrille? Weit gefehlt! Sie ist jung und hübsch, hat dunkles Haar und unwahrscheinlich blaue Augen. Sie ist deutschstämmig, kommt aber aus Weißrussland und ist eine äußerst interessante Erscheinung, zierlich und klein wie ein Püppchen.«

Bonny hob den Kopf. »Hast du dich in sie verliebt?«

Er wehrte ab. »Nein, ich fürchte, so etwas tue ich nicht sehr oft in meinem Leben. Vivian – das war etwas Einmaliges. Es wird sich nicht wiederholen. Damit muss ich mich abfinden.«

»Für die Kleine wäre es gut …«

»Es macht kaum einen Unterschied, Bonny, denn ich wäre so und so nur selten da. Wenn ich im Lande bin, kann ich Alexa im Kinderheim besuchen, wo sie wirklich phantastisch gut aufgehoben ist und zurzeit obendrein die Doktorin als Mutter-Stellvertreterin oder Bezugsperson hat, wie man heute so schön gelehrt sagt.«

»Du beschäftigst dich um der Kleinen willen mit Pädagogik? Ich habe mir bis jetzt ein ganz anderes Bild von dir gemacht.«

»Besser oder schlechter?«, scherzte er.

Sie senkte die Lider. »Schwer zu sagen, Alex. Jedenfalls nicht so, wie du offenbar wirklich bist.«

Er nahm ihre Hand in die seine. »Denke nicht zu viel über mich nach, Bonny. Das ist eine gut gemeinte Warnung.«

»Ich mag dich, Alex«, seufzte sie.

»Ich dich auch, Bonny. Aber wir wollen es bei der guten Freundschaft bewenden lassen. Mehr ist bei mir nicht drin.«

Bonny schwieg. Sie legte den Kopf wieder zurück und gab sich scheinbar ganz dem Genuß des Sonnenbades hin. In Wirklichkeit aber war sie traurig. Sie kannte Alexander seit anderthalb Jahren. Er hatte ihr von Anfang an gefallen. Obwohl es für ein hübsches Mädchen wie sie fast jeden Tag eine Chance gab, sich zu verlieben, war sie außerordentlich wählerisch. Sie ließ niemanden zu nahe an sich herankommen, und sie genoss unter ihren Kollegen männlichen Geschlechts den Ruf, ein anständiger, feiner Kerl zu sein. Das konnte man nicht von allen Mädchen, die als Stewardess arbeiteten, sagen.

Bonny wäre herzlich gern Alexas zweite Mutter geworden. Sie war auch bereit, ihr eine gute und zärtliche Mutter zu sein. Aber der Traum ging zu Ende, noch bevor er begonnen hatte. Gar zu deutlich hatte Alexander Rethy abgewinkt. Gewaltsam schüttelte das junge Mädchen seinen Kummer ab. Vielleicht musste sie warten und Geduld haben. Alexas Mutter war schließlich noch nicht lange tot …

Bonny sprang auf und lief wieder ins Wasser. Sie begann mit den Kindern zu spielen und gab sich lustig und ausgelassen. Nach einer Weile folgte ihr Alexander.

Als sie sich heiße Würstchen und Coca-Cola kauften, hockte Alexa selig zwischen ihnen auf dem grünen Rasen. Und Bonny schlug die Warnung des Flugkapitäns nun in den Wind. Sie träumte davon, dass es noch viele Tage geben würde wie diesen.

Sie blieben draußen, bis es schon fast dunkel wurde. Erst spät erreichten Vater und Tochter Sophienlust, nachdem sie zuvor Bonny in einer Unterkunft der Fluglinie abgesetzt hatten.

War es nur Zufall, dass Josefa Klinger noch vor dem Herrenhaus auf und ab wanderte?

»Ganz braun bist du geworden von all dem Sonnenschein, Lexi«, begrüßte sie das Kind. »Was habt ihr gemacht?«

»Erst hat Vati mir den Flughafen gezeigt, und dann sind wir mit Bonny zum Schwimmen gefahren.«

»Ist Bonny ein anderes Kind?«

»Nein«, entgegnete Alexa. »Sie ist schon groß und darf immer mit Vati ins Flugzeug.«

»Eine Stewardess unserer Linie. Wir trafen uns auf dem Flughafen. Sie hat sich reizend mit Alexa beschäftigt, nicht wahr?«, wandte sich Alexander Rethy an seine Tochter.

Alexa nickte. »Sie ist nett.«

»Das ist sie wirklich«, bestätigte Alexander Rethy, ohne zu ahnen, dass er Josefa Klinger mit dieser Äußerung alles andere als glücklich machte.

»Unsere Mädchen werden geschult, sich mit Kindern zu beschäftigen. Bonny hat mir Alexa schon einmal abgenommen – damals, als ich meine Tochter plötzlich auf dem Flughafen traf und versuchte, Vivian zu finden. Aber Bonny tut es nicht routinemäßig. Ich glaube, sie mag Kinder wie Lexi wirklich gut leiden.«

»Klar mag sie mich leiden«, mischte sich Alexa ein. »Sie hat es mir selbst gesagt. Wenn ich groß bin, werde ich Stewar… Wie heißt das noch, Vati?«

»Stewardess, Lexi. Aber vielleicht überlegst du es dir noch einmal. Es ist ein anstrengender Beruf. Möglicherweise möchtest du lieber Ärztin werden wie Tante Josi.«

»Doktor, das ist auch was Feines. Man trägt einen weißen Kittel und hat ein Hörrohr, wie Frau Dr. Frey und Tante Josi, wenn sie im Krankenhaus ist. Aber die Uniform von Bonny gefällt mir besser.«

Die Erwachsenen lachten sich an.

»Muss ich noch mit ins Haus kommen, um meine Tochter abzuliefern, Frau Doktor?«, erkundigte sich Alexander Rethy. »Oder wollen Sie mir das abnehmen? Es ist ein bisschen spät geworden. Aber ich musste diesen ersten Tag mit meiner Tochter genießen. Frau Rennert wird uns hoffentlich nicht böse sein. Zu Abend hat Lexi schon gegessen.«

»Natürlich bringe ich Lexi ins Haus und richte alles aus, Herr Rethy. Kommen Sie morgen wieder?«

»Ja, ich möchte die Zeit nutzen, damit Lexi nicht wieder fragt, ob ich sie überhaupt leiden mag. Wollen Sie uns morgen die Freude machen, uns zu begleiten? Ich dachte, dass der Flughafenbetrieb Sie nicht interessieren würde. Aber ein netter Ausflug hier in der Gegend? Wie denken Sie darüber?«

»Ich komme herzlich gern mit«, versicherte Josefa Klinger. Auf einmal kam es ihr vor, als schiene plötzlich die Sonne, obwohl es doch schon dunkel geworden war.

Josefa Klinger zog ein helles Kleid an und war schon viel zu früh fertig, denn vor zehn Uhr wollte Alexander Rethy sie und Lexi nicht abholen.

Endlich kam der große Wagen des Flugkapitäns in Sicht. Lexi hüpfte vor Freude wie ein Gummiball, und die junge Ärztin hätte es am liebsten genauso gemacht. Ihr Herz schlug sehr rasch, und ihre Augen leuchteten, als sie Alexas Vater begrüßte.

»Alles klar?«, fragte er, als handle es sich um den Start zu einem Flug.

»Jawohl, Herr Kapitän«, meinte Josefa lachend. »Ich habe Frau Rennert Bescheid gesagt und zusätzlich noch Frau von Schoenecker, die heute in Sophienlust ist. Alle freuen sich, dass Sie Ihre knappe Freizeit für Lexi opfern.«

»Das ist kein Opfer. Ich tue es gern«, erwiderte er knapp und hielt den Schlag des Wagens für die beiden Damen auf. Lexi kletterte auf den Rücksitz. Das Wetter war auch an diesem Tag strahlend, und das Badezeug war auf alle Fälle eingepackt worden.

»Es ist ein zauberhaftes Fleckchen Erde, auf dem sich Sophienlust befindet«, stellte Alexander Rethy fest. »Eigentlich braucht man gar nicht weit zu fahren. Da aber meine kleine Tochter gern Auto fährt, werden wir uns ein entferntes Ziel ausdenken, damit sie zu ihrem Recht kommt.«

»In Sophienlust bin ich jeden Tag. Aber Auto fahren mit dir ist etwas Besonderes«, kam es von hinten, sodass die beiden Erwachsenen einen belustigten Blick tauschten.

»Mein Vati hat eine Wohnung in … Wie heißt es noch?«, fuhr Lexi fort.

»In Wiesbaden«, half Alexander Rethy. »Aber vielleicht interessiert das Frau Dr. Klinger gar nicht?«

»Doch, sehr«, widersprach sie hastig. »Ich weiß viel und dennoch wenig von Ihnen. Viel in Bezug auf Ihre Ehe und dieses Kind, aber sonst eigentlich kaum etwas. Erzählen Sie ein bisschen.«

»Viel Interessantes gibt es da nicht zu berichten. Meine Wohnung ist groß, ziemlich modern eingerichtet und mein Eigentum. Aber ich bin selten zu Hause. Eine Frau aus der Nachbarschaft sorgt für Ordnung und Sauberkeit. Wenn ich da bin, kocht sie auch für mich und verwöhnt mich, weil sie meint, dass ein unverheirateter Mann nie etwas Richtiges zu essen bekäme.«

»Kriegst du denn etwas zu essen?«, erkundigte sich Lexi, die aufmerksam zuhörte.

»Natürlich, man kann immer etwas haben, Lexi. Wir zum Beispiel werden uns heute ein hübsches Gasthaus suchen, und dann darfst du dir dreimal Eis wünschen oder auch einen gebratenen Storch, falls sie einen haben.«

»Ich möchte aber Schnitzel und Pommes frites.«

»Das haben sie bestimmt in jedem Gasthaus.«

»Störche haben viel zu lange Beine, die kann man nicht essen«, meinte Josefa Klinger lachend. Sie fühlte sich an diesem Tag wie verzaubert. War es nur ein Traum, oder fuhr sie wirklich und wahrhaftig mit Alexander Rethy und dessen Töchterchen durch das sommerliche Land?

Der Ausflug wurde ein voller Erfolg. Sie machten eine Wanderung durch den Wald und aßen schließlich in einem schönen Restaurant, das an einem Berghang lag und einen weiten Blick über das Land bot, zu Mittag. Lexi bekam das gewünschte Menü und durfte zum Nachtisch so viel Eis bestellen, dass sie schließlich von selbst abwinkte, weil sie nicht mehr essen konnte.