SOS aus der Vergangenheit - ein Hohenzollernkrimi - Bettina Eikemeier - E-Book

SOS aus der Vergangenheit - ein Hohenzollernkrimi E-Book

Bettina Eikemeier

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Beschreibung

Die 13-jährige Hannah versteht die Welt nicht mehr. Wohin sind nur all die Leute verschwunden, mit denen sie gerade noch die Bibliothek einer Burg besichtigt hat? Und warum redet dieses Mädchen an ihrer Seite nichts als gequirlten Quark? Allmählich dämmert es Hannah: Irgendwie ist sie in das Jahr 1476 geraten. Und: Sie hat eine Mission zu erfüllen. Zusammen mit dem unbekannten Mädchen, das Helene von Hohenzollern heißt, muss sie einen gemeinen Verbrecher zur Strecke bringen. Schon scheint alles in Butter zu sein, da begeht Hannah aus Neugier einen fatalen Fehler, der sie in größte Gefahr bringt … Eine Geschichte über das Leben im Mittelalter, die Burg Hohenzollern und ein Mädchen, das sich nicht so schnell einschüchtern lässt.

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Seitenzahl: 153

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Nicht weit von Württemberg und Baden, von Bayern und der schönen Schweiz, da ragt ein Berg so hoch erhaben, den man den Hohenzollern heißt. Er schaut herab so stolz und kühn auf alle, die vorüberziehn an Hohenzollerns steilem Felsen, wo unverzagt die Eintracht ruht!

(Quelle: Hermann Vitalowitz 1849)

edition zweihorn GmbH & Co. KG

Riedelsbach 46

D-94089 Neureichenau

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Internet: www.edition-zweihorn.de

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt.

Copyright © 2014 edition zweihorn GmbH & Co. KG, Neureichenau

Umschlaggestaltung und Illustration: Karin Reheis, Icking

ISBN: 978-3-943199-15-4

eISBN: 978-3-943199-84-0

Bettina Eikemeier

SOS aus der Vergangenheit

ein Hohenzollernkrimi

illustriert von

Karin Reheis

Inhalt

Kapitel eins,in dem Opa plötzlich Ritter spielen will

Kapitel zwei,in dem die Burgführung ihren Lauf nimmt

Kapitel drei,in dem ich Helene kennenlerne

Kapitel vier,in dem ich immer noch nicht ganz mitkomme

Kapitel fünf,in dem mir alles zu viel wird

Kapitel sechs,in dem ich Nachhilfe in Geschichte kriege

Kapitel sieben,in dem Helene die Katze aus dem Sack lässt

Kapitel acht,in dem ich Maximilian den Ersten vonHabsburg treffe

Kapitel neun,in dem ich mir den Mund fusselig rede

Kapitel zehn,in dem ich meine grauen Zellen ganzschön anstrengen muss

Kapitel elf,in dem mir ein Licht aufgeht.Ach was! Ein Lichtermeer!

Kapitel zwölf,in dem die Wahrheit ans Licht kommt

Kapitel dreizehn,in dem mir die Wahrheit gar nichts bringt

Kapitel vierzehn,in dem ich vom Pferd falle

Kapitel fünfzehn,in dem ich baden gehe

Kapitel sechzehn,in dem die Wahrheit endlich wirklich ansLicht kommt

Kapitel siebzehn,in dem ich endlich weiß, wie ich nachHause komme

Historische Tatsachen

Für Ben und Lena

Kapitel eins,in dem Opa plötzlich Ritter spielen will

Mein Opa will Ritter spielen! Also ehrlich, ist er dafür nicht ein kleines bisschen zu alt?

„Komm schon, Hannah, mach doch nicht so ein Gesicht. Das wird sicher lustig! Und außerdem habe ich dich schon angemeldet!“

Aha! Na, toll! Opa hat mich zu einer Kinderführung für Ritter und Burgfräulein angemeldet. Ohne mich zu fragen!

Jedes Jahr in den Ferien besuche ich meine Großeltern. Mama und Papa müssen arbeiten und sind froh, wenn ich Oma und Opa besuchen gehe. Bei Oma und Opa ist es toll. Sie haben einen großen Garten und eine Hündin. Sie heißt Whisky. Mein Opa ist nämlich großer Schottland-Fan, müsst ihr wissen. Er sagt, Schottland ist das schönste Land der Welt. Er und Oma haben Whisky bei einem Schottland-Urlaub in den Bergen gefunden. Sie haben eine Whisky-Brennerei auf einer Insel besucht und nach der Führung hat sie draußen gewartet. Seitdem hat sie Opa nicht mehr aus den Augen gelassen. Oma meint, eigentlich hätte Whisky Opa gefunden. Sie hat sich abends vor die Tür des Hotels gelegt und ist am nächsten Morgen einfach mitgewandert. Opa sagt, Whisky heißt „Wasser des Lebens“. Er findet, das passt zu ihr.

Sie haben Whisky nach dem Urlaub mitgenommen, im Auto unter einer Decke versteckt. Ziemlich cool für einen Opa, was? Whisky ist riesengroß und hellbraun, sie hat freundliche, große Augen und ein lockiges Fell. Sie freut sich immer, wenn ich komme. Ich darf mit ihr Gassi gehen, und sie schläft nachts in meinem Bett. Oma sagt, das darf sie nicht, und meint, das wäre eklig. Aber ich fühle mich prima, wenn sie bei mir ist. Whisky riecht ein bisschen komisch, aber das stört mich nicht. Sie spürt immer, wenn ich traurig bin. Dann stupst sie mich mit ihrer feuchten Schnauze so lange, bis ich meinen Kopf auf ihren Rücken lege und die Nase in ihrem Fell vergrabe. Anschließend grunzt sie zufrieden, und ich muss lachen und mir geht es gleich viel besser.

Zu Hause darf ich keinen Hund haben. Mama sagt, für einen Hund haben wir keine Zeit, und Susanne ist allergisch gegen Tierhaare. Whisky fehlt mir immer ganz furchtbar, wenn ich zu Hause bin. Wir haben auch keinen Garten. Bei Oma und Opa gibt es sogar eine Schaukel und eine Rutsche. Die habe ich zu Weihnachten bekommen, als ich noch ganz klein war. Jetzt bin ich seit einer Woche dreizehn und überhaupt nicht mehr klein. Opa nennt mich immer „meine große Motte“, und Oma sagt, das Haus ist viel heller, wenn ich da bin. Da wird mir ganz warm, und ich fühle mich, als ob ich Schokolade essen würde. Versteht ihr jetzt, warum ich so gern meine Ferien hier verbringe?

Opa redet nicht viel, aber er hat immer Zeit für mich. Bei Opa habe ich Fahrrad fahren gelernt und Oma hat mir früher stundenlang vorgelesen. Ehrlich gesagt macht sie das heute manchmal auch noch. Opa liebt Zitroneneis, so wie ich, und er hat mir ein eigenes Beet im Garten geschenkt. Da darf ich ganz allein entscheiden, was ich pflanzen will, und nur ich kümmere mich darum. Dieses Jahr habe ich Tomaten, Erdbeeren und Brokkoli gepflanzt. Wenn ich nicht da bin, dann schauen Oma und Opa nach meinen Pflanzen, sodass ich etwas ernten kann. Ich bin auch oft an den Wochenenden bei Oma und Opa, wenn Mama oder Papa arbeiten müssen. Dann gehen wir wandern oder wir fahren Rad. Manchmal baut Opa auch etwas mit mir, ein Vogelhäuschen oder so. Bei unseren Wanderungen denken sie sich immer Knobelaufgaben aus, die ich lösen muss, bevor ich ein Stück weiterlaufen darf. Ich bin richtig gut im Blitzrechnen geworden.

Seit ich zehn bin, darf ich allein mit dem Zug zu Oma und Opa fahren. Mama oder Papa bringen mich zum Bahnhof und Opa ist da, wenn ich aus dem Zug steige. Meine Eltern leben nicht mehr in einer Wohnung. Papa ist vor ein paar Jahren ausgezogen und wohnt jetzt mit seiner neuen Freundin im Nachbarhaus. Mama findet das nicht so toll, aber ich finde es schön. So sehe ich Papa trotzdem noch jeden Tag. Wenn Mama morgens mal früh zur Arbeit geht, dann kommt Papa einfach rüber und ist schon da, wenn ich aufstehen muss. Das macht er immer noch, obwohl ich das inzwischen auch alleine könnte. Er macht mir immer ganz ungesunde Pausenbrote und blinzelt mir zu, wenn er mir die Vesperdose reicht. „Das muss aber unser Geheimnis bleiben, klar?“ Also ehrlich, für wie blöd hält der mich?

Mama ist Krankenschwester, und Papa ist Arzt. Sie haben beide in der Kinderklinik hier in Tübingen gearbeitet, aber nachdem Papa ausgezogen ist, hat er sich eine andere Stelle gesucht. Er arbeitet jetzt als Kinderarzt in einer Praxis in der Südstadt, dort hat er dann auch Susanne getroffen, so heißt seine neue Freundin. Sie ist eigentlich ganz nett, aber Mama mag sie nicht. Sie sagt, sie ist viel zu jung für Papa und besteht nur aus Beinen und einer langen Mähne. Aber aus dem Thema „Susanne“ halte ich mich lieber raus, ich habe schon gemerkt, dass Mama das furchtbar aufregt. Wenn ich aus Versehen mal was von ihr erzähle, dann kriege ich Mamas Ärger ab. Nein danke! Ein bisschen kann ich Mama ja auch verstehen. Schließlich hat sie Papa mal geliebt. Ist sicher komisch, wenn er dann plötzlich eine neue Freundin hat. Ganz unter uns, ich fände es schon auch schöner, wenn Papa noch bei uns wohnen würde. Egal, wie nett Susanne ist. Und eigentlich ist Susanne auch ziemlich hübsch. Mama sagt, sie ist froh, dass Papa nicht mehr so viel Unordnung macht und jetzt Susanne mit seinen dreckigen Unterhosen auf dem Fußboden nervt. Aber Susanne ist echt locker und sagt nie etwas über Papas Unterhosen. Sie redet auch nicht viel über Mama. Sie redet überhaupt nicht besonders viel.

Also, Opa hat beschlossen, dass wir zur Kinderführung auf die Burg Hohenzollern gehen. Die Burg Hohenzollern fand ich immer schon toll, das weiß Opa natürlich auch. Oma und Opa wissen sowieso immer alles über mich. Sie sagen: „Hannah ist ein offenes Buch.“ Oma meint auch oft: „Sie trägt ihr Herz auf der Zunge.“ Das ist echt total nett, denn Mama sagt das anders. Sie sagt, ich kann meine vorlaute Klappe nicht halten.

Na ja, zurück zur Burg: Man sieht sie schon von Weitem, wenn man mit dem Zug zu Oma und Opa fährt. Immer, wenn ich sie aus dem Zugfenster sehen kann, weiß ich, dass ich gleich da bin, und dann geht es mir gut. In meinem Bauch kribbelt es, und ich kann kaum noch still sitzen. Am Bahnsteig steht Opa in Jeans und Wanderschuhen, und Whisky sitzt neben ihm. Wenn ich aussteige, begrüßt sie mich freudig, und ich vergrabe mein Gesicht in ihrem Fell. Sie riecht nach Ausschlafen, Eisessen und Gemütlichauf-dem-Sofa-Sitzen.

Opa sagt immer: „Hallo, Motte! Länger hätte ich es aber auch nicht mehr ausgehalten!“ Da wird mir ganz schummrig. Dann gibt er mir einen Kuss, schnappt sich meinen Trolley und geht vor zum Auto. Zu Hause wartet Oma mit dem Kaffee. Ich trinke natürlich noch keinen Kaffee, aber ich bekomme eine heiße Schokolade und Kekse.

Heute erzählt mir Opa von dem Ausflug, den sie für morgen geplant haben. Hmm. Hannah, das Burgfräulein! Was haben sie sich denn dabei gedacht? Die sind doch nur für Zwölfjährige! Und ich bin immerhin schon seit einer Woche dreizehn! Andererseits bin ich wirklich gern auf „dem Zoller“, wie Oma die Burg nennt. Wir gehen mindestens einmal im Jahr hoch. Oft an Weihnachten, wenn dort Weihnachtsmarkt ist. Aber eine Führung haben wir noch nie mitgemacht. Normalerweise nehmen wir den Fußweg hoch zur Burg, gehen durch die Gärten und den Geheimgang und sehen uns im Silberkeller und in der Schatzkammer um. Bei warmem Wetter bekomme ich ein Eis, Oma und Opa trinken einen Kaffee und dann nehmen wir den Bus nach unten.

Oma sagt, Jana, die Tochter von Frau Mainrad gegenüber, habe die Führung vor Kurzem mitgemacht, und sie habe ihr sehr gut gefallen.

Na ja, aber Jana guckt ja auch noch Sandmännchen!

Kapitel zwei,in dem die Burgführung ihren Lauf nimmt

Am nächsten Morgen wache ich ganz früh auf. Ich freu mich inzwischen ein bisschen auf den Ausflug. Dieses Jahr waren wir noch gar nicht auf dem Zoller und vielleicht wird die Führung ja doch ganz nett. Ich steh eigentlich nicht so sehr auf verstaubte Klamotten und angerissene Tapeten.

Je näher wir der Burg kommen, desto schöner sieht sie aus. Als wir vor Kurzem von der entgegengesetzten Seite auf die Burg zugefahren sind, habe ich bemerkt, dass sie dann ganz anders aussieht. Und wenn man auf dem Panoramaweg spazieren geht, der unten an der Burg entlangführt, dann sieht sie noch mal ganz anders aus. Komisch, oder nicht? Auf dem Parkplatz sagt Oma, ich soll meine Regenjacke anziehen, aber ich lasse sie im Auto. Mir wird sowieso gleich ziemlich warm werden, wenn wir erst mal auf dem Weg nach oben sind. Der besteht nämlich hauptsächlich aus Stufen. Jedenfalls kommt es mir immer so vor. Und es sind wirklich viele Stufen! 265 oder so. Aus irgendeinem Grund zählen alle Leute beim Hochlaufen laut mit, vor allem Eltern mit Kindern. Die glauben doch nicht wirklich, dass man die Treppen dann lieber hochsteigt?

Opa bezahlt den Eintritt und fragt, wo die Kinderführung beginnt. Um vierzehn Uhr an der Kanone. Gut, dann haben wir ja Zeit für ein Eis. Mit dem Eis in der Hand gehen wir einmal um die Burg herum. Man hat einen wirklich schönen Blick von dort oben. Ich kann sogar Bodelshausen sehen, wo Oma und Opa wohnen. Also eigentlich nicht. Aber Opa sagt, man kann es sehen.

Er zeigt mir noch ein Haus, das von hier oben aussieht wie eine Kirche. Opa sagt, das war einmal das Kloster Stetten und dass dort vor vielen Hundert Jahren die Hohenzollern ihre Toten beerdigt haben.

Pünktlich um vierzehn Uhr stehe ich an der Kanone. Da warten schon einige andere Kinder, die meisten sind jünger als ich. Manche warten auch mit ihren Eltern und zwei Mädchen sind sogar als Prinzessinnen gekommen. Ein bisschen übertrieben, oder? Plötzlich kommen zwei verkleidete Frauen auf uns zu. Eine hat ein richtiges Prinzessinnen-Kostüm an und einen riesigen, weißen Perückenturm auf dem Kopf. In ihrer Perücke stecken viele kleine Blumen und sie fächelt sich Luft mit einem silbernen Fächer zu. Die andere Frau ist als Mann verkleidet und trägt Hosen, die nur bis kurz unter die Knie reichen. Die Schuhe haben silberne Schnallen, und sie trägt einen Rüschenschal und auch eine weiße Perücke. Allerdings hat sie keinen Turm auf dem Kopf, sondern einen Zopf mit Schleife.

Die Frau im Kleid begrüßt uns: „Guten Tag, werte Gäste! Hatten Sie eine gute Reise? Oh, ich sehe, Sie haben Ihren Lakaien dabei?“, sagt die Frau an ein Mädchen gewandt, das mit ihrer Mutter da ist. Die Mutter lacht, aber das Mädchen starrt die Prinzessin nur wortlos an. Ich schaue mich verblüfft nach Oma und Opa um. Was ist das denn? Aber die beiden lachen nur vergnügt und winken mir zum Abschied zu. Also gut, jetzt bin ich wirklich gespannt.

„Sehr geehrte Gäste, wir wollen uns kurz vorstellen, mein Name ist Gräfin Anna, ich bin die Gouvernante von Prinzessin Juliana. Das ist Lakai Wilhelm. Es ist schön, dass Sie es rechtzeitig zum Fest anlässlich des zehnten Geburtstags von Prinzessin Juliana geschafft haben. Wir wollen nun in Prinzessin Julianas Schlafgemach gehen, damit Sie ihr noch vor dem Fest gratulieren können.“

Wir folgen den beiden in die Burg. Hmm? Ich dachte, ich werde durch die Burg geführt und das wird so ähnlich wie die Führung bei unserem letzten Schulausflug. Da haben wir das Schloss in Sigmaringen angeschaut, und die Schlossführerin hatte leider ein äußerst beeindruckendes Gedächtnis für Jahreszahlen. Aber ich habe so langsam das Gefühl, dass das hier ganz anders werden wird.

Wir steigen viele enge Treppen in einem Turm hoch und bleiben vor einer Tür stehen. Gräfin Anna erklärt uns, dass die beiden aus dem Barock stammen und uns mit in ihre Zeit nehmen wollen. Ich muss kichern, als sie uns erklärt, dass sie im Hof Gäste mit komischen kleinen Geräten gesehen habe, „kleine Kästchen, die immer wieder ‚Klick!‘ machen. Können Sie, werte Damen und Herren, mir vielleicht verraten, was das ist?“ „Das sind Fotos!“, rufen wir. „Fo-tos“, wiederholt Gräfin Anna stirnrunzelnd und dreht sich ratlos zu Wilhelm um. „Was ist denn wohl ein Fo-to, Wilhelm?“ Der zuckt ebenso ratlos mit den Schultern und fragt uns: „Was macht denn so ein Fo-to?“ Da kichern wir schon wieder los. „Damit kann man Bilder machen“, sage ich und werde knallrot. Das ist total ätzend, das passiert mir andauernd, wenn ich vor Leuten spreche, die ich nicht kenne. Meine große Klappe habe ich nur zu Hause.

„Bilder machen?“, wiederholt Wilhelm verblüfft. „Aber zum Bildermachen braucht man doch mehrere Tage. Und Farben, Pinsel und eine Leinwand! Oder nicht?“

Danach stellen uns Gräfin Anna und Wilhelm noch ganz viele Fragen nach anderen Geräten, die es in ihrer Zeit noch nicht gegeben hat. Ich versuche, mir vorzustellen, wie es wohl ohne Telefon und Computer wäre. Oder ohne Fotos. Das Foto von Whisky steht immer auf meinem Nachttisch, und wenn ich Oma und Opa besuche, habe ich immer ein Foto von Mama, Papa und mir dabei. Darauf bin ich noch kleiner, und Papa hat noch bei uns gewohnt. Ich rufe Mama und Papa jeden Tag an, wenn ich bei Oma und Opa bin. Das ginge dann ja nicht. Und ohne Zug könnte ich Oma und Opa gar nicht so oft besuchen! Das wäre ätzend!

Gräfin Anna reißt mich aus meinen Gedanken. „Nun ja, ich sehe schon, werte Gäste, wir haben uns viel zu erzählen. Ich werde Sie aber nun erst einmal zu Prinzessin Juliana bringen. Sie befindet sich sicher in ihrem Schlafgemach und nimmt noch einen Tasse heiße Schokolade zu sich, bevor das Fest beginnt. Folgen Sie mir bitte. Aber zuerst möchten Sie sich sicher frischmachen, nicht wahr? Wilhelm, würdest du unseren Gästen bitte in ihre Festumhänge helfen und ihnen die Schwerter und Fächer reichen?“

Wilhelm hilft jedem von uns in einen roten, weichen Umhang mit weißem Kragen und reicht mir einen weißen Fächer. Die Jungs bekommen ein Holzschwert. Dann gehen wir in Prinzessin Julianas Zimmer. Verzeihung, in ihr Schlafgemach! Das ist allerdings leer.

Wir begutachten noch ihre Geschenke, bevor wir uns auf die Suche nach ihr machen. Goldene Zahnstocher und Fingerhüte aus Porzellan! Na ja, da wäre ich auch lieber gegangen. Das Gute daran, dass Papa nicht mehr bei uns wohnt, ist, dass ich jetzt immer zwei Geschenke zum Geburtstag oder zu Weihnachten kriege. Zu meinem letzten Geburtstag habe ich einen neuen MP3-Player bekommen und Justin-Bieber-Bettwäsche und ein Buch über Hunderassen. Ganz viele Süßigkeiten natürlich, und neue Stifte. Ich male nämlich gerne, müsst ihr wissen. Papa sagt, ich sei richtig begabt. Das heißt aber nicht viel, denn Papa kann überhaupt nicht malen. Er kriegt noch nicht einmal ein Auto hin.

Wir gehen weiter in die Bibliothek der Burg, um nach der Prinzessin zu suchen. Das ist ein langer, schmaler Raum mit Holz auf dem Boden und an den Wänden und vielen Bildern an einer Wand. Das sind natürlich gemalte Bilder, also Gemälde, wie Gräfin Anna sagt. Mein Blick bleibt an einem großen Bild in der Mitte hängen. In schnörkeliger Schrift steht darunter, dass es die Grundsteinlegung der zweiten Burg Hohenzollern zeigt, und zwar 1452.

Opa hat mir mal erzählt, dass die Burg, die man heute sieht, schon die dritte Burg auf dem Berg ist. Die erste wurde in einem Krieg zerstört oder so und die zweite ist einfach irgendwann zerfallen. Deshalb sieht die jetzige Burg auch noch so neu aus. Auf dem Bild sind viele Menschen, in der Mitte sieht man einen Mann in Rüstung mit einem winzigen Hämmerchen. Will der mit dem Spielzeug-Werkzeug etwa die Burg bauen? Wohl eher nicht.

Das ist wahrscheinlich wie bei der Eröffnung unserer Schulmensa, da war auch der Oberbürgermeister da und hat ein rot-weißes Band durchgeschnitten. Danach hat er eine lange Rede gehalten, und Mama hat vor sich hin gemurmelt: „Ist ja gut jetzt, du bist ein toller Hecht. Hast du ganz allein gebaut! Können wir jetzt reingehen?“ Ich musste mir auf die Lippen beißen, um nicht vor Lachen zu prusten. Mama hat mich angegrinst, und ich fand sie richtig cool. Wo meine große Klappe herkommt, dürfte jetzt wohl klar sein, oder? Aber ich war schon froh, dass die Lehrerin sie nicht gehört hat. Der war die Feier wahnsinnig wichtig, wir mussten tagelang ein Lied üben und Fensterschmuck basteln.

Wahrscheinlich ist der Mann auf dem Bild eben auch der Chef und macht sich wichtig. Er hat eine Hand auf den Rücken gelegt, so wie Opa, wenn er Rückenschmerzen hat. Neben ihm steht eine Frau mit zwei kleinen Kindern.