SOS Kinderseele - Michael Winterhoff - E-Book

SOS Kinderseele E-Book

Michael Winterhoff

4,5
8,99 €

Beschreibung

Was läuft schief bei unseren Kindern?

Die Grundlagen unseres sozialen Miteinanders sind bedroht, denn bei immer mehr Kindern ist ein fundamentaler Mangel an emotionaler und sozialer Intelligenz zu diagnostizieren. Gesellschaftliche Vereinbarungen, Mitgefühl und Verantwortung basieren aber auf einer emotional intakten Psyche. Der Kinderpsychiater, Therapeut und Bestsellerautor Michael Winterhoff legt nach. Kinder drohen nicht nur zu späteren Tyrannen zu werden, ihnen wird auch von Eltern wie professionellen Erziehern eine ausgewogene emotionale Entwicklung verwehrt. Dabei greifen falsche Strukturen und Bildungskonzepte in Familie, pädagogischem System und Politik gefährlich ineinander. Um dieser fatalen Entwicklung vorzubeugen, müssen alle, die Kinder auf ihrem Weg begleiten, eine Erziehungsaufgabe annehmen, die dem jeweiligen entwicklungspsychologischen Stand der Kinder gerecht wird. Winterhoff will der Erziehungs- und Bildungsdebatte eine neue Richtung weisen, um uns alle vor dramatischen Fehlentwicklungen zu schützen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 220




Michael Winterhoff

SOS Kinderseele

Was die emotionale und soziale Entwicklung unserer Kinder gefährdet – und was wir dagegen tun können

In Zusammenarbeit mit Carsten Tergast

C. Bertelsmann

1. Auflage

© 2013 by C. Bertelsmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: buxdesign, München

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-10814-4www.cbertelsmann.de

Inhalt

Warum leben wir, wie wir leben?

Die emotionale und soziale Entwicklung der menschlichen Psyche

Denkverbote. Warum so oft um den heißen Brei herumgeredet wird

Die Kinder von heute sind die Erwachsenen von morgen

Schule: Stress für 75 Prozent der Mütter

Exkurs: Wertschätzung

»Wir denken doch vom Kind aus!« – Wie Kindergärten sich selbst in die Falle hineinmanövrieren

Neues aus der Sparte »Wie Kinder gesehen werden«

Schule in der Zwickmühle – Wie der Bildungserfolg zwischen überforderten Lehrern, fehlgeleiteten Eltern und nicht altersgemäß entwickelten Schülern zerrieben wird

Wenn Betriebssystem und Programme inkompatibel sind. Oder: Warum sich die emotionale und soziale Psyche nicht bildet

Wir müssen aufhören, die Kinder zu betrügen!

Mut zum Ungehorsam: Warum Kindergärten und Schulen gut daran täten, nicht jeden Trend mitzumachen

Epilog. Oder: Was zu tun ist

Von den Tyrannen zur emotionalen Intelligenz – Was ich mit meinen Büchern bezwecke

Quellennachweise

Register

Warum leben wir, wie wir leben?

In einer deutschen Großstadt, an einem Sonntag im November 2012. Ein Siebzehnjähriger, wir wollen ihn Dennis nennen, und sein elfjähriger Bruder Nick ziehen am Wochenende los. Allerdings nicht, um Freunde zu treffen, Sport zu treiben oder sonst irgendeiner harmlosen Beschäftigung nachzugehen. Nein. Ihr Ziel ist ein Baumarkt in der Nähe ihres Elternhauses. Sie haben von zu Hause einen Seitenschneider und ein Brecheisen mitgenommen, mit denen sie sich Zutritt zum Baumarkt verschaffen können.

Genau das machen sie auch: Die beiden Jungen versuchen, in den Baumarkt einzubrechen, um ganz gezielt eine Motorsäge zu stehlen, weil sich der Motor dieses Geräts optimal für Bastelarbeiten des Siebzehnjährigen an seinem Kart eignet.

Es kommt, wie es kommen muss. Dennis und Nick werden auf frischer Tat ertappt, ein Anwohner ruft die Polizei, die beiden werden festgenommen und verhört. Die Eltern – es handelt sich um eine unauffällige, gut situierte Familie – sind entsetzt und ratlos. Da sie unsicher sind, wie sie mit dieser belastenden Situation umgehen sollen, landet Dennis schließlich bei mir in der Sprechstunde.

Im Gespräch wird schnell klar, dass hier kein typisches »Problemkind« vor mir sitzt. Der Junge geht aufs Gymnasium, ist in einigen Fächern Einserschüler, die Familie ist, soweit von außen zu beurteilen, intakt. Beide Eltern kümmern sich um die schulischen Belange der Kinder und um ihr sonstiges Wohlergehen. Kurz gesagt: Alle Gründe, die sonst oft genug herhalten müssen, um solche Straftaten scheinbar zu »erklären«, fallen weg: keine Drogenproblematik, kein schwaches soziales Umfeld, kein Migrationshintergrund.

Als ich Dennis zu den Gründen für seine Tat befrage, erklärt er mir mit nüchternen Worten, wozu er den Motor der Säge brauchte und dass er den kleinen Bruder mitgenommen habe, weil er bei seinem Vorhaben Hilfe benötigte. Er erklärt mir sogar die technischen Details des Motors und inwiefern dieser für seinen fahrbaren Untersatz von Wert ist.

Worüber er nicht redet: den Straftatbestand des Einbruchs und dass er seinen kleinen Bruder mit in die Sache hineingezogen hat. Er zeigt keinerlei Reue, keine Problemeinsicht und keine Angst vor den Folgen.

Dieses Verhalten lässt sich mit der fehlenden emotionalen und sozialen Entwicklung des Jungen erklären: Dennis steht auf der Stufe eines kleinen Kindes und lebt somit in der Vorstellung, er sei mehr oder weniger allein auf der Welt und könne alles und jeden steuern und bestimmen. Bei einer altersgerechten Ausprägung des emotionalen und sozialen Anteils der Psyche wäre dieser Vorfall kaum möglich gewesen.

Dass die Entwicklung des wichtigsten Anteils unserer Psyche bei immer mehr Kindern und Jugendlichen auf der Strecke bleibt, ist neu. Überraschend wird für die meisten sein, dass diese Entwicklung unabhängig von der Frage der Erziehung stattfindet oder, wie bei Dennis zu sehen ist, eben nicht stattfindet.

Trotz seiner siebzehn Jahre fehlt dem Jungen bei nachgewiesener bester Intelligenz und hervorragender Erziehung ein Unrechtsbewusstsein. Obwohl er also eigentlich weiß, dass man nicht stehlen darf, ist er nicht in der Lage zu verstehen, dass er eine Straftat begangen hat. Er ist überhaupt nicht fähig, die Konsequenzen, sowohl für sich als auch für seinen Bruder, einzuschätzen. Er ist auch nicht fähig, das Risiko einzuschätzen, das er einging, als er am helllichten Tag mit einer riesigen Zange an einem Zaun herumwerkelte. In seinem Bewusstsein musste er sich darüber keine Gedanken machen, da er sich, eben ganz wie ein kleines Kind, allein auf der Welt wähnte. Und wer allein ist, kann nicht gesehen werden, während er eine Straftat verübt.

Neben dem nicht vorhandenen Verständnis für diese Zusammenhänge fehlt Dennis jegliche Empathie im Verhältnis zu seinem kleinen Bruder. Die Tatsache, dass er diesem erhebliche Schwierigkeiten gemacht, ihn zu einem Einbruch angestiftet hat, belastet ihn genauso wenig wie die Folgen, die seine Tat für ihn haben würde. Dass die polizeilichen Ermittlungen und die zu erwartende Strafe sich auf die nähere Zukunft negativ auswirken könnten, hatte er nicht im Blick.

Für ihn ließ sich die Sache ganz logisch aus dem benötigten Motor und der dafür notwendigen Hilfe des Bruders erklären. Damit war alles gut. Punkt. Aus.

Solche Begegnungen und die Feststellung, dass vergleichbare Fälle sich in alarmierendem Maße häufen, war 2008 einer der Auslöser für die Publikation meines ersten Buches Warum unsere Kinder Tyrannen werden, in dem ich die Beziehungsstörungen zwischen Erwachsenen und Kindern analysiere. Seitdem hat die Welt nicht stillgestanden. Ich habe eine Menge Diskussionen geführt, es gab sehr viel Zustimmung, aber natürlich auch Widerspruch. Die beschriebenen Phänomene jedoch haben während dessen weiter an Häufigkeit zugenommen.

Ich muss also feststellen, dass es keinen Grund zur Entwarnung gibt. Ich schreibe meine Bücher, weil ich mir als Kinderpsychiater große Sorgen um die Kinder und Jugendlichen der heutigen Zeit mache. Diese Sorgen sind in den vergangenen Jahren nicht geringer geworden. Im Gegenteil: Nach wie vor sind viele Kinder in ihrem Verhalten in einer Art und Weise auffällig, die es bis vor etwa fünfundzwanzig Jahren kaum gegeben hat. Die Zahl der massiven motorischen und sprachlichen Schwierigkeiten im Kindergarten und in der Grundschule steigt. Immer mehr Kinder beschäftigen immer mehr Ergotherapeuten, Logopäden oder Psychotherapeuten, denn sie haben erhebliche Schwierigkeiten im Bereich Lernen und – nicht zuletzt – im Bereich der sozialen Kompetenz. Sie konzentrieren sich in der Schule nicht, dafür aber im Freizeitpark oder vor dem Computer. Sie zeigen kein Interesse am Erlernen der grundlegenden Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen, strengen sich nicht an und erkennen keine Strukturen und Abläufe. Hinzu kommen ausgeprägte Rücksichtslosigkeit und Leistungsverweigerung.

Ein weiteres erschreckendes Resultat dieser Fakten ist der erhebliche Anstieg der Verschreibung von Psychopharmaka im Kinder- und Jugendbereich. Zwar sollte hier nicht jeder Einzelfall infrage gestellt werden, medikamentöse Behandlungsmethoden sind bisweilen notwendig. Trotzdem bedeuten die steigenden Verordnungszahlen ein Signal in die falsche Richtung. So manches Medikament könnte eingespart werden, wenn man nicht vorrangig das Symptom, wie etwa fehlende Konzentration in der Schule, sehen würde, sondern die Ursache. Da diese häufig darin liegt, dass sich die Psyche des Kindes nicht entwickeln konnte, sind die daraus entstehenden Probleme nicht wirklich durch die Einnahme von Tabletten zu lösen. Das Fatale an der medikamentösen Behandlung ist indes: Nach außen erscheinen viele dieser Kinder nach Jahren mit enormen Auffälligkeiten im Verhalten oft als »geheilt«, weil es durch die Psychopharmaka zumindest zu einer zeitweiligen Unterdrückung der groben Symptome kommt. Das führt zu Aussagen wie jener einer Grundschullehrerin in der Zeugniskonferenz einer zweiten Klasse: »Seit Harald diese Medikamente nimmt, ist er im Unterricht bedeutend ruhiger geworden und arbeitet besser mit. Das ist wirklich eine gute Sache!«

Im Hinblick auf die Ruhe im Unterrichtsraum mag das im ersten Moment stimmen. Für das betroffene Kind und seine weitere Entwicklung ist diese Sichtweise fatal, handelt es sich dabei doch immer häufiger um eine massive Selbsttäuschung. Hintergrund der Unruhe vieler Kinder in der Schule ist eben nicht eine hirnorganische Störung, sondern eine Entwicklungsstörung im Bereich der Psyche. So mag das Symptom der Unruhe und Konzentrationsschwäche erfolgreich behoben sein, nicht aber die Ursache.

Wer wissen will, was das Ergebnis solch einer Selbsttäuschung ist, muss nur mit Menschen sprechen, die in der Wirtschaft mit Mitarbeitern zu tun haben. Das sind etwa mittelständische Unternehmer, die guten Nachwuchs in komplexer werdenden Märkten brauchen, oder Personalchefs. Sie führen täglich Vorstellungsgespräche, die bisweilen an Absurdität kaum zu überbieten sind. Da tragen Bewerber noch das Ausgeh-Outfit vom Wochenende, kommen ohne Grund eine halbe Stunde zu spät oder wissen erkennbar nichts über die Stelle und die Firma, um die es in der Bewerbung geht. In Persönlichkeiten statt Tyrannen habe ich diese Entwicklung eingehend beschrieben.

Hier, an der Schnittstelle zwischen Schulkarriere und Arbeitsleben, wird die Misere am deutlichsten. Firmen klagen in zunehmendem Maße über nicht ausbildungsfähige Jugendliche, ganze Branchen suchen händeringend qualifizierten Nachwuchs. Es fehlen nicht nur Grundkenntnisse in Deutsch oder Mathematik, sondern vor allem auch sogenannte »soft skills« wie Arbeitshaltung, Umgangsformen, Sinn für Pünktlichkeit, Erkennen von Strukturen und Abläufen oder auch Frustrationstoleranz. Immer weniger junge Berufseinsteiger arbeiten ohne Murren, auch wenn es mal keinen Spaß macht, brechen selbst bei einfachen Arbeitsaufträgen lange Diskussionen vom Zaun und arbeiten selten zuverlässig selbstständig nach Anweisung. Wir haben daher eine steigende Zahl von Auszubildenden, die die Lehre abbrechen.

Wenn nicht rasch erkannt wird, dass in den meisten Fällen dahinter kein Unwille, sondern Unvermögen aufgrund der fehlenden psychischen Entwicklung dieser Heranwachsenden steht, wird sich Deutschland als Industrienation, die Unternehmen von Weltrang mit entsprechend qualifizierten Mitarbeitern hervorbringt, mittelfristig selbst abschaffen. Deshalb sollten wir uns in Kindergarten, Schule und Ausbildungsbetrieben für diese Entwicklung unserer Kinder und Jugendlichen verantwortlich fühlen. So viele gut ausgebildete Fachkräfte kann auch aus dem Ausland niemand ins Land holen wie gleichzeitig bei uns wegbrechen. Zumal die von mir beschriebenen Probleme in der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen in allen Industrieländern zu beobachten sind. Böse gesagt: Es gibt nicht nur deutsche Kinder, die zu nicht lebenstüchtigen Erwachsenen werden, es gibt auch englische, französische, spanische, schwedische und viele mehr.

Unter anderem durch den Blick über die Grenzen und die Feststellung, dass andere Länder ähnliche Probleme haben, lässt sich auch schnell erkennen, dass wir es hier nicht unbedingt mit einer grundsätzlichen Krise des Bildungssystems zu tun haben. Eine solche ließe sich vielleicht ansatzweise beheben, indem man etwa skandinavische oder kanadische Modelle adaptiert, wie es gern gefordert wird.

Die Krise, über die ich spreche und schreibe, ist eine Krise der emotionalen und sozialen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, die ihre Auswirkungen logischerweise im Bereich des Bildungswesens zeigt. Nicht altersgemäß entwickelte Kinder können zwar gute schulische Leistungen erbringen, wie ja auch das Beispiel von Dennis zeigt. Dies allerdings nur dann, wenn sie sich für diese Leistungen nicht großartig anstrengen müssen. Sie laufen jedoch an irgendeiner Stelle – bei Dennis ist es das Sozialverhalten – auf eine Art und Weise aus dem Ruder, die sich auch nicht mehr mit kindlichem Übermut, gelegentlichem Frechsein oder später mit der Pubertät begründen lässt. Dabei ist im Beispiel noch nicht einmal der Einbruch selbst das Hauptproblem, sondern die fehlende Einsicht in die Konsequenzen und die fehlende Empathie im Hinblick auf den kleinen Bruder Nick.

Der Schlüssel zu einer nachhaltigen Veränderung der misslichen Situation bei vielen Kindern, die mir in meiner Praxis täglich begegnen, liegt in der emotionalen und sozialen Psyche des Menschen. Hinter den Auffälligkeiten der meisten Kinder, die heute zu mir kommen, steht als Ursache eine nicht ihrem Alter entsprechende Entwicklung dieser Psyche. Sie sind auf der Stufe von Kleinkindern stehen geblieben, eine Tatsache, die mir seit Ende der Neunzigerjahre begegnet. Diese Entwicklung hat nichts mit der herkömmlichen Frage von Erziehung zu tun.

Wenn wir uns nämlich die Frage stellen, warum wir leben können, wie wir heute in den meisten Fällen noch miteinander leben – friedlich und bisweilen freundschaftlich –, dann lautet die wichtigste Antwort darauf: weil wir eine entwickelte Psyche im Bereich der emotionalen und sozialen Kompetenz besitzen. Aufgrund unbewusster Beziehungsstörungen vieler Erwachsener Kindern gegenüber findet die Entwicklung der Psyche bei immer mehr Kindern nicht mehr statt. Da muss der Blick hin, damit wir die emotionale und soziale Psyche entwickeln und stärken können.

Eine Grundlage für funktionierendes Zusammenleben und Ausdrucksform emotionaler und sozialer Kompetenz ist etwa die Empathie, also die Fähigkeit, sich in andere einfühlen zu können. Empathie ist beispielsweise wichtig für unsere Wahrnehmung anderer Menschen. Sie lässt uns erkennen, was unser Gegenüber fühlt oder braucht, und wir handeln entsprechend.

Empathie ist jedoch längst nicht das Einzige, was die Entwicklung der emotionalen und sozialen Psyche nach außen sichtbar macht. Dazu gehören diverse weitere Dinge wie Arbeitshaltung, Verantwortungsbewusstsein oder eine erkennbare Gewissensinstanz, also beispielsweise ein ausgeprägtes Unrechtsbewusstsein.

Junge Menschen, deren emotionale und soziale Entwicklung so große Defizite aufweist wie oben beschrieben, werden auf dem Arbeitsmarkt keine Chance haben, weil sie nicht in der Lage sind, einen kompletten Arbeitstag mit seinen Anforderungen und Anstrengungen durchzustehen. Sie werden große Schwierigkeiten in Beziehungen zu anderen Menschen bekommen, weil sie sich auf diese kaum noch einstellen können. Das Leben von Heranwachsenden wie Dennis ist nur noch auf den Moment ausgerichtet, es geht ihnen um eine sofortige Lustbefriedigung. Ein vorausschauendes Denken, das etwa auch die Fähigkeit zur Zurückstellung von Bedürfnissen beinhaltet, ist ihnen nicht möglich. Dennis wäre normalerweise gar nicht auf die Idee gekommen, eine Säge zu klauen. Er hätte es auch ausgehalten, dass sein Kart defekt ist und er einige Tage nicht fahren kann. Er hätte vielleicht die Motorsäge vom ersparten Geld finanziert, wäre dafür arbeiten gegangen oder hätte den nächsten Geburtstag oder Weihnachten abgewartet.

Wenn wir den Mangel in der emotionalen und sozialen Entwicklung nicht rasch erkennen und mit geeigneten Maßnahmen gegensteuern, droht uns langfristig ein Phänomen wie das der japanischen Hikkikomori – Jugendliche, die quasi nur noch auf ihrem Zimmer leben und so lange »glücklich« sind, wie dort ein Fernseher steht, die Internetverbindung funktioniert und der Kühlschrank gefüllt ist. Diese Generation wird es nicht mehr als Erfüllung empfinden, aktiv zu sein, etwas zu erleben, was emotionalen Mehrwert bringt, sondern die Erfüllung wird im ultimativen »Chill-out« liegen, der sich auf den kompletten Alltag erstreckt. Es droht eine Generation, die ein imaginäres »Bitte nicht stören«-Schild an der Stirn hängen hat.

Empathie, Arbeitshaltung, Frustrationstoleranz, auch die Fähigkeit, unterschiedliche Reize zu priorisieren, also nach Wichtigkeit einzuteilen – all diese wichtigen Grundlagen des Lebens, die nur durch eine entwickelte soziale und emotionale Intelligenz möglich werden, sind keine Eigenschaften, die der Mensch von Geburt mitbekommt. Sie entwickeln sich langsam und machen den Menschen schließlich erst zu einem sozialen Wesen. Leider scheint es so zu sein, dass immer weniger Kinder und Jugendliche mit den Menschen in ihrem Umfeld in diesem Sinne umzugehen verstehen.

Die Frage, die wir uns stellen müssen, lautet: Sind wir Erwachsene so weit, dass wir uns diesem Problem unvoreingenommen stellen? Oder wollen wir uns weiterhin darauf beschränken, bei jedem Hinweis auf Hintergründe für eine emotionale Verarmung junger Menschen reflexartig mit dem Verweis auf die eigene Jugend zu reagieren? Denn das ist das beliebteste Argumentationsmuster, um die von mir angestoßene Debatte gar nicht erst führen zu müssen. »Wir waren früher auch mal frech!«, »Ich habe als Jugendlicher jede Menge Mist gebaut, und aus mir ist trotzdem etwas geworden!«, »Wir haben doch auch oft keine Lust gehabt und uns geweigert, etwas zu machen!« Solche und ähnliche Argumente werden angeführt, um zu beweisen, dass die Lage so dramatisch nicht sein könne. Gern wird dann zum Schluss noch Sokrates bemüht, der gesagt haben soll:

»Sie [die heutige Jugend] hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern und tyrannisieren ihre Lehrer.«

Wenn es also Null-Bock-Jugendliche schon in der Antike gab: Wo ist unser Problem? Haben nicht die Menschen recht, die alles für halb so schlimm halten? Ich meine, nein. Die in den genannten Zitaten aufscheinende Abwehrhaltung gegen eine unbequeme, aber gleichwohl notwendige Diskussion hat in den letzten Jahren leider nicht abgenommen. Deshalb ist es sinnvoll, die Grundlagen dieser Diskussion zu schärfen und sie endlich vom Kopf auf die Füße zu stellen. Der Blick muss weg von der Pädagogik, hin zur Entwicklungspsychologie.

Wir müssen also aufhören, uns über pädagogische Modelle und Unterrichtsmethoden die Köpfe heißzureden, solange wir nicht bereit sind zu verstehen, dass Kinder, denen die emotionale und soziale Reife für Kindergarten und Schule fehlt, keinem dieser Modelle, keiner dieser Methoden gewachsen sind. Diese Kinder werden sonst das soziale Miteinander in unserer Gesellschaft auf Dauer sprengen. Spürbar ist das schon jetzt immer öfter, wenn deutlich wird, dass Kinder, die ohne eigene Schuld nicht die Möglichkeit hatten, sich altersgemäß zu entwickeln, von Erwachsenen als nervig empfunden und entsprechend negativ gesehen werden. So kommen Aussagen wie diese zustande, die der Focus aus einem Leserbrief zitiert:

»Die Leserin S. Z. sieht Jugendliche in Deutschland als notorische Nörgler, die ›keinen Bock‹ auf Pflichtbewusstsein haben. Der Leistungsdruck würde herbeigeredet. ›Vor 15 Jahren sah es für junge Leute auf dem Arbeitsmarkt weit schlechter aus als heute. Damals haben Noten noch wirklich eine Rolle gespielt, wenn man weiterkommen wollte.‹ Heute hingegen dächten Schulen darüber nach, das Sitzenbleiben abzuschaffen. ›Wir züchten eine Generation unselbstständiger, verzogener und chronisch unzufriedener Menschen heran, die immer dann mosern, wenn der Spaß an einer Sache zurückbleibt.‹«1

Es ist im Übrigen eine große Gefahr, wenn die Kluft zwischen den Generationen breiter wird, weil heutige Erwachsene sich abwenden und gar keine Lust mehr empfinden, die Zustände zu ändern. Erwachsene sind jedoch dringend notwendig, um die Entwicklung der emotionalen und sozialen Kompetenzen von Kindern zu ermöglichen.

Doch wie entwickelt sich eigentlich die emotionale und soziale Psyche im Kindesalter? Was müssen wir Erwachsenen beachten, damit Kinder in ein normales Zusammenleben von Menschen hineinwachsen und mit zunehmendem Alter selbstbewusst ihren Platz im Leben finden?

Zunächst möchte ich an zwei kleinen Beispielen zeigen, welche Folgen eine emotionale und soziale Nichtentwicklung haben kann. Wie immer handelt es sich auch hier um reale Fallbeispiele, selbst wenn es auf den ersten Blick wirken mag, als könnten sie nur erfunden sein.

Maximilian, vierzehn Jahre alt, ist ein gut erzogenes und intelligentes Kind und besucht das Gymnasium. Mittelschichtfamilie, die Eltern leben getrennt. Als die Mutter mit ihm zu mir in die Praxis kommt, schildert sie mir, dass er seit etwa einem Jahr nicht mehr zu kontrollieren sei. »Er hört nicht auf mich«, berichtet sie mir ratlos, fast verzweifelt, während Maximilian stumm und trotzig neben ihr sitzt. »Er beschimpft mich mit zum Teil äußerst vulgären Ausdrücken, er geht und kommt, wann er will, vor Kurzem ist er sogar über Nacht weggeblieben, ohne mir vorher Bescheid zu sagen! Und einmal hat er mich sogar mit einem Messer bedroht. Vielleicht ist das ja die Pubertät?«

Nein, ist es nicht. Aber dazu später.

Nach der Messerattacke kam Maximilian in eine Jugendschutzstelle. Das ist eine Möglichkeit, Jugendliche, die nicht mehr zu Hause bleiben können, ohne Wartezeit extern unterzubringen und ihnen durch Fachkräfte zu helfen. Aus dieser entfernte er sich jedoch ständig, sodass er zuletzt nur noch in einer Notunterkunft für Jugendliche über Nacht bleiben konnte. Dort werden Jugendliche aufgenommen, die jede Hilfe ablehnen. Man versucht hier, an sie heranzukommen und Einsicht zu erreichen, sodass sie sich anschließend auf eine wirkliche Hilfsmaßnahme einlassen.

Auch in diesen Einrichtungen zeigte Maximilian keinerlei Respekt. Er bedrohte die Erzieher, und wenn er unterwegs war, dann meist gemeinsam mit anderen kriminellen Jugendlichen; Rauchen, Kiffen und Alkohol waren normal. Auch zu Körperverletzungen, Raub und Diebstahl kam es bereits, die Polizei hatte ihn mehrfach aufgegriffen und zur Jugendschutzstelle zurückgebracht.

Als ich nun den Jungen mit seiner Mutter, die ihn von der Einrichtung abgeholt hatte, vor mir sehe, bin ich ob der Vorgeschichte aus den Akten überrascht. Maximilian wirkt smart, auch jünger, keineswegs unterdurchschnittlich intelligent, und auch die gute Erziehung, die er bekommen hat, ist durchaus zu spüren.

Die Gespräche mit ihm sind jedoch ernüchternd. Er hat ob seines Lebenswandels keinerlei Gewissensbisse, zeigt null Problemeinsicht. Konfliktzusammenhänge zu erkennen, ist ihm trotz bester Intelligenz nicht möglich, stattdessen unterbricht er häufig das Gespräch und stellt Gegenfragen. Es ist offensichtlich, wie er versucht, sein Gegenüber, also in diesem Fall mich, zu steuern.

Im Verlauf des ersten Gesprächs prahlt er mit seinen Taten und sogar mit dem möglicherweise drohenden Arrest. Dass er sich selbst und zum Teil auch andere Menschen mit seinen Taten in Gefahr bringt, was seine Mutter fühlt und denkt: alles egal. Wenn er nicht bekommt, was er will, bedroht er andere Menschen.

Maximilian ist auch später in keiner Einrichtung länger zu halten, weil er immer wieder sich und andere in Gefahr bringt. Heute befindet er sich im Rahmen einer Intensivmaßnahme im Ausland, und es gibt erste Anzeichen, dass die besonderen Möglichkeiten dort für eine positive Entwicklung sorgen werden.

Dieser Fall, der extrem klingt, ist leider kein Einzelfall, auch die Häufigkeit solch heftiger Ausnahmen nimmt in einem Maße zu, dass man bald schon nicht mehr von Ausnahmen sprechen kann. Ich beschreibe ihn hier, weil er in vielerlei Hinsicht mustergültig zeigt, worüber ich spreche: Der Junge hat keinen schwierigen sozialen Hintergrund, kommt nicht aus einer »Unterschichtfamilie« (wie auch immer man diesen Begriff definieren mag). Es besteht kein Migrations- beziehungsweise kultureller Hintergrund, der für Schwierigkeiten sorgen könnte. Er ist leicht überdurchschnittlich intelligent, die Eltern haben sich auch nach der Trennung große Mühe mit der Erziehung gegeben.

Trotzdem gibt es hier nicht nur kleinere Probleme, sondern wir haben es auch mit einem massiv auffälligen Jugendlichen zu tun. Seine Taten und Aussagen lassen einen eigentlich verzweifelt nach Gründen im sozialen Background suchen, die man aber nicht findet. Dafür zeigt sich in extremer Form die Folge einer nicht vorhandenen emotionalen und sozialen Kompetenz aufgrund einer starken Entwicklungsverzögerung im Bereich der Psyche. Maximilian fehlen, genau wie Dennis, Empathie, Gewissensinstanz und Konfliktfähigkeit. Diese Fähigkeiten stehen nicht in direktem Zusammenhang mit Intelligenz und können deshalb auch nicht einfach beigebracht oder erlernt werden. Es nützt nichts, dem Jungen ins Gewissen zu reden und ihm zu erklären, warum er sich so nicht verhalten kann. Er wird es nicht verstehen.

Es gibt weitere Beispiele, die nicht mit Gewalt und Kriminalität verbunden sind, aber ebenfalls aus einer nicht vorhandenen sozialen Kompetenz entstehen. So etwa der des fünfzehnjährigen Bernhard, der seit etwa sieben Wochen nicht mehr zur Schule geht und dies ohne nähere Erläuterung damit begründet, es ergehe ihm dort schlecht. Die Eltern kommen mit ihm zu mir, damit ich herausfinde, was mit ihm los ist, und eine Therapie einleite.

Als ich im ersten Gespräch nach dem Tagesablauf daheim frage, stellt sich heraus, dass dieser fast jeden Tag gleich ist: Bernhard schläft lange, steht am späteren Nachmittag gegen 17.00 Uhr auf, setzt sich an seinen Computer und beginnt zu spielen und zu chatten. Das zieht sich durch die ganze Nacht. Wenn die Eltern morgens aufstehen, um zur Arbeit zu gehen, legt Bernhard sich ins Bett und schläft wiederum bis zum Nachmittag.

Als ich die Eltern frage, warum sie ihrem Sohn nicht den Computer wegnehmen, um zumindest mal wieder einen Anfang zu machen und einen Kontakt zu ihm zu bekommen, antworten sie ernsthaft, das sei nicht möglich, den habe er erstens selbst bezahlt, und zweitens brauche er ihn für die Schule. Auch der Hinweis darauf, dass Bernhard ja gerade wegen des exzessiven Computergebrauchs gar nicht in die Schule gehe und sie unter anderem deshalb zu mir gekommen seien, überzeugt sie nicht. Sie warten weiter darauf, dass ich herausfinde, was ihr Kind wohl Schlimmes in der Schule erlebt haben mag. Denn nur das könne schließlich der Grund für sein Verhalten sein.

Wenn ich diesen imaginären Grund dann gefunden habe, erwarten die Eltern von mir, dass ich etwas aus der Schublade zaubere, das für schnelle Heilung sorgt. Diese Therapie führt dann in der Vorstellung der Eltern dazu, dass das Kind wieder in die Schule geht und alles in Ordnung ist.

Diese Vorstellung beschreibt ein gravierendes Problem: Eltern in der Symbiose. Sie nehmen ihren Sohn nicht als Sohn und somit eigenständigen Menschen wahr, sondern als erkrankten Teil ihrer selbst. Und damit geht man natürlich zum Arzt, der ihn behandeln und heilen soll.

Das sind nur zwei Beispiele aus meiner Praxis von vielen, vielen ähnlichen und doch immer wieder unterschiedlichen Fällen. Was sie fast alle eint, ist ihr Hintergrund: eine nicht dem Alter entsprechend entwickelte emotionale Psyche.

Bevor ich dazu komme, welche Verantwortung Eltern, aber vor allem auch Kindergarten und Schule heute und in Zukunft für die Entwicklung und auch Nachreifung der kindlichen Psyche tragen, will ich skizzieren, wie wir uns die Entwicklung dieser Psyche in etwa vorstellen müssen.

Die emotionale und soziale Entwicklung der menschlichen Psyche

Wovon spreche ich eigentlich, wenn ich auf eine »nicht entwickelte emotionale Psyche« und die daraus entstehenden Probleme bei Kindern und Jugendlichen hinweise? Psyche kann man nicht sehen. Aus diesem Grund tun wir uns prinzipiell schwer damit, zu akzeptieren, dass im Bereich der Psyche etwas außerhalb des üblichen Zustands liegt. In den letzten Jahren hat sich im Erwachsenenbereich eine ausführliche Diskussion über psychische Veränderungen entwickelt. Es wird leidenschaftlich über Depressionen, Burn-out und Ähnliches diskutiert, dabei durchaus auch darüber, ob wir nicht mittlerweile schon zu leichtfertig eine psychische Störung diagnostizieren, wo es sich vielleicht nur um Stimmungsschwankungen handelt, denen jeder Mensch, auch mit einer gesunden Psyche, bisweilen unterliegt. Vor dem Hintergrund der Neufassung des DSM (Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen), einer Art »Bibel« der Diagnose psychischer Störungen, hat diese Diskussion Mitte 2013 einen neuen Höhepunkt erreicht. So schrieb der amerikanische Psychiater Allen Frances ein Buch »gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen« und kritisierte die erhebliche Ausweitung des DSM.

Ganz klar: Ich will nicht in Abrede stellen, dass Depressionen oder Burn-outs heute tatsächlich eine bedeutende Rolle spielen. Nicht zuletzt habe ich den Katastrophenmodus der Psyche beschrieben, der bei fehlenden Kompensationsmöglichkeiten sehr schnell in einen Burn-out münden kann. Dieser Katastrophenmodus, den ich bereits in Lasst Kinder wieder Kinder sein analysiert habe, greift nach meiner Beobachtung immer weiter um sich. Der Auslöser dafür ist Folgendes: Das Leben bietet immer mehr Erwachsenen keine sichere Perspektive, kein Gefühl, dass man sich darauf verlassen könne, in zwanzig Jahren werde immer noch alles einigermaßen in Ordnung sein. Stabilitätsfaktoren im privaten Umfeld wie der sichere Arbeitsplatz und eine Absicherung fürs Alter brechen weg, dazu kommt jeden Tag ein Feuerwerk an Negativnachrichten, die aufgrund der Menge und der meist unterschiedlichen Informationslage aus verschiedenen Quellen kaum noch eingeordnet werden können.

Die Psyche nimmt all das als dauerhaften Stresszustand wahr, als ständigen Katastrophenalarm. Sie stabilisiert sich auf diesem Niveau, und der Mensch verliert damit die Fähigkeit, an morgen zu denken und perspektivisch zu handeln, um die Zukunft zu gestalten.