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Unter einem Hangar am Strand von Soulac sur Mer haben die Winterstürme eine Frauenleiche freigespült. Die junge Journalistin Luise vom CÔTE-DIEN recherchiert wegen einer illegal zur lxoriösen Villa ausgebauten Jagdhütte. Kommissar a. D. Gérard Bréton erzählt seinem jungen Kollegen Thomas Moulin, wie er als junger Polizist in Paris durch eine Intrige kaltgestellt und nach Reims versetzt wurde. Die Urlauber vom Camping de l'Océan suchen nach einer jungen Joggerin, die von einem Trainingslauf am Strand nicht zurückgekehrt ist. Auf dem Flugplatz von Soulac kommt es zu einem schweren Zwischenfall.
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Seitenzahl: 197
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Jürgen Nottebaum
SOULAC SUR MER - Tod eines Kommissars
Der dritte Fall von Kommissar Moulin
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Inhaltsverzeichnis
Titel
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Impressum neobooks
Thomas Moulin öffnete die Augen. Anders als in einschlägigen Krimis, in denen der aus einer Bewusstlosigkeit erwachende Patient zunächst nur verschwommen ein grell-weißes Licht über sich wahrnimmt, aus dem langsam die Konturen einer freundlich lächelnden Krankenschwester sichtbar werden, war der Kommissar sofort hellwach. Und alarmiert. Er wusste zwar tatsächlich in diesem Moment nicht, wo er sich befand, aber dass etwas nicht stimmte, begriff er sofort. Rund um beide Augen herum sah er einen kleinen weißen Wulst aus Gips. Zwischen den Augen schien dieser sich hinunter zur Nasenwurzel fortzusetzen, denn er nahm auf dem Nasenrücken einen Druck wahr, der auf äußere Einwirkung schließen ließ. Der Versuch, den Kopf zu drehen, scheiterte. Moulin sortierte seine Gedanken. Das Zimmer lag im Dämmerlicht. Es musste also gegen Abend sein. Neben ihm piepste es in mehreren verschiedenen Tönen, die auf das Vorhandensein medizinischer Apparaturen hindeuteten. Sehen konnte er sie nicht. Schlagartig wurde ihm klar:
Er befand sich in einem Krankenhaus. Allein schon die Schmerzen, die er am ganzen Körper fühlte, hätten genügt, diese Erkenntnis zu vermitteln. Zusätzliche Gewissheit kam auf, als er versuchte, sich zu bewegen. Das ging überhaupt nicht. Er fühlte fast am gesamten Körper, dass er auf irgendeine Weise eingeengt, um nicht zu sagen fixiert war. Und das in unnatürlicher Haltung. Moulin begann mit einer vorsichtigen Bestandsaufnahme seiner Situation, indem er nacheinander verschiedene Muskelgruppen anzuspannen versuchte, um daraus Rückschlüsse auf seinen Zustand ziehen zu können. Die Bilanz war deprimierend:
Der linke Oberschenkel war nach oben angewinkelt, während der zugehörige linke Unterschenkel horizontal gestreckt war, gleichzeitig aber an einem Gestell aufgehängt über der Matratze zu schweben schien. Kopf und Hals waren durch einen starren Gipsverband fixiert, der sich über die rechte Schulter fortsetzte, wohl um das Schlüsselbein und den rechten Oberarm zu stützen. Vom Brustkorb abwärts spürte er eine korsettartige Ummantelung des Unterkörpers. Moulin resümierte:
Allem Anschein nach lag er hier mit einer ganzen Reihe von Verletzungen, als da mindestens wären: ein gebrochenes linkes Bein, Schlüsselbeinbruch rechts und gebrochener rechter Arm. Zusätzlich Verdacht auf Beckenbruch.
Moulin konzentrierte sich auf sein Inneres. Merkwürdigerweise verspürte er keinerlei Schmerzen an irgendwelchen Organen. Er überlegte. Sollte er Glück gehabt haben? Oder hatte man ihn lediglich mit Schmerzmitteln vollgepumpt, so dass er etwaige Verletzungen nicht wahrnehmen konnte? Und was war eigentlich passiert?
Der Kommissar versuchte seine Gedanken zeitlich rückwärts zu lenken. Es gestaltete sich schwierig. War da etwa noch eine Gehirnerschütterung, die er bei seiner ersten Bestandsaufnahme übersehen hatte und die ihn nun daran hinderte, klare Gedanken zu fassen? Verwundern würde es ihn nicht, denn die registrierten Verletzungen zieht man sich nicht einfach so bei einem Sturz am Strand beim Volleyball zu.
Volleyball! Das war ein erster Anhaltspunkt. Er erinnerte sich, dass seine Bekannten vom Camping de l’Océan ein Spiel „Jung gegen Alt“ ausgetragen hatten – oder organisieren wollten?!
Was noch? Er erinnerte sich an ein Essen im Maison de Grave mit Louise, der bezaubernden jungen Journalistin, und einen Unfall mit Fahrerflucht.
Ihm fiel der bislang ungelöste Todesfall aus dem Frühjahr ein. Eine Leiche war vom Meer freigespült worden.
Er erinnerte sich an die unerwartet freundliche Einladung des Polizeipräsidenten zu einem Rundflug mit dessen Privatflugzeug.
Seine Gedanken begannen sich in seinem Kopf zu drehen. Er versuchte erneut sich zu konzentrieren.
Irgendwie fiel ihm noch eine Autofahrt ein. Er war mit Louise in Port de Maréchal gewesen. Dort gab es einen kulinarischen Geheimtipp für kleine Geldbeutel: onglet. Lecker!
Seine Gedankengänge wurden von einem Geräusch unterbrochen. Es klang wie das Klicken einer Türe. Moulin lauschte. Er hört leise Schritte. Anscheinend war er nicht alleine im Raum. Im Halbdunkel stieß jemand heftig gegen das Bettgestell, das daraufhin um einen halben Meter zur Seite rollte. Im gleichen Moment ertönten von diversen medizinischen Apparaten durchdringend schrille Alarmsignale. Er hörte einen leisen Fluch, dann schnelle Schritte und ein Rascheln von Vorhängen. Sekunden später wurde die Türe aufgerissen. Zwei Schwestern und ein Arzt stürmten in den Raum.
Gaston Berliot schaute aus dem Wohnzimmerfenster des Mobilhomes hinunter auf den Strand vor dem Campingplatz „Les Sables d‘Argent“. Das Feriendomizil seiner Familie, das vor wenigen Jahren noch in dritter Reihe vor dem Abhang zum Strand gestanden hatte, befand sich mittlerweile direkt am Steilhang, ohne dass man es extra hätte versetzen müssen. Für den „Standortwechsel“ hatte allein die stürmisch aggressive Strömung des Meeres gesorgt, die seit einigen Jahren besonders während der Frühjahrsstürme an den Dünen nagte, jährlich bis zu 10 Metern landeinwärts vordrang und die Sandmassen einfach fortspülte. Trotz aller Versuche, den Naturgewalten mit Stahlträgern, Holzbohlen und gewaltigen Felsbrocken Einhalt zu gebieten, war absehbar, dass auch das Mobilhome der Familie Berliot spätestens zum Ende dieser Feriensaison umgesetzt werden müsste. Seine Eltern überlegten noch, ob man auf diesem Campingplatz verbleiben würde oder auf einen anderen sichereren Platz wechseln wollte.
Gaston war deswegen ein wenig deprimiert, hatte er doch sämtliche Ferien von jüngster Kindheit an hier verbracht. Viele Erinnerungen und fröhliche Bekanntschaften verknüpften sich mit diesem Platz. Dieses Jahr war das letzte Jahr, in dem er seine Schulferien hier verbringen konnte. Das Abitur stand an, und was danach mit ihm sein würde, hatten die Eltern noch nicht entschieden. Auf den Rat eines guten Bekannten seines Vaters hin liebäugelten sie mit der Idee, ihren Sohn für ein oder zwei Jahre ins Ausland zu schicken. Und gerade in diesem Jahr genoss er den Aufenthalt ganz besonders.
Vor gut einer Woche hatte er zufällig morgens gegen 9 Uhr zwei junge hübsche Mädchen aus Richtung l’Amélie kommend am Strand joggen gesehen. Normalerweise war das nicht unbedingt die Tageszeit, zu der er in den Ferien schon wach war. Aber seine Schwester Julie hatte am Vorabend ihren Handywecker aktiviert, das Gerät dann aber versehentlich im Wohnzimmer liegen lassen, wo Gaston schlief. Erst nach einer ganzen Weile hatte Gaston noch schlaftrunken die Lärmquelle geortet und zum Schweigen gebracht. Als er danach missmutig aus dem Fenster geschaut hatte, waren sie ihm aufgefallen.
Schlank, mit geschmeidigen Bewegungen eilten die blonden Schönheiten im Licht der aufgehenden Sonne direkt an der Wasserlinie entlang zielstrebig in Richtung Soulac sur Mer. Gaston hatte das stets auf der Fensterbank bereit liegende Fernglas ergriffen, um die Mädchen genauer betrachten zu können. Sie liefen in Turnschuhen einer bekannten deutschen Marke. Ihr gesamtes Outfit wirkte absolut professionell. Anders als die üblicherweise barfuß daher rennenden Jogginganfänger, die im Urlaub gerade einmal einen Anfall von Sportlichkeit an sich entdeckten und schwerfällig schnaufend am Strand entlang durch den tiefen Sand keuchten, waren diese Sportlerinnen erkennbar durchtrainiert. Sie legten ein beachtliches Tempo an den Tag. Da sie von l’Amélie her kamen, mussten sie also mindestens schon gut zwei Kilometer zurückgelegt haben und ihr Lauf wirkte trotzdem noch immer spielerisch leicht. „Das könnten ambitionierte Nachwuchsläuferinnen sein.“ dachte er bei sich.
Gaston war fasziniert gewesen. Er hielt sich selbst auch nicht gerade für einen schlechten Sportler und bedauerte, dass er noch nicht für den Tag gerüstet gewesen war.
Am folgenden Tag hatte er, einer inneren Ahnung folgend, seinen eigenen Wecker auf 8 Uhr gestellt und sich der Hoffnung hingegeben, die Mädchen wieder zu sehen. Und tatsächlich! Durch das Fernglas sah er sie schon weit in der Ferne. Er legte das Fernglas beiseite, kontrollierte auf dem Weg zur Tür im Spiegel noch einmal den Sitz seiner Frisur, hielt kurz inne, modellierte mit einem Spritzer Gel noch einmal an der rechten Schläfe etwas nach und eilte dann zu dem provisorisch befestigten Abgang zum Strand rechts von ihrem Mobilhome. Eine steile Stahltreppe diente als Abstieg. Sie war auf den losen Sand aufgelegt und nur provisorisch an vier in den Boden getriebenen Holzpfählen gegen Verrutschen gesichert. Mehr Aufwand lohne nicht, hatte die Campingplatzverwaltung entschieden. Der Winter würde eh wieder alles fortreißen.
Zu seiner Verärgerung spielten Leute am Fuß der Treppe mit einem großen hellen Labrador und ließen diesen ständig „Stöckchen“ holen. Gaston hatte es nicht so mit Hunden. Sie waren ihm unheimlich. Und Beschwichtigungen wie „Der tut nichts. Der will nur spielen.“, waren ihm stets ein Gräuel gewesen. Solche Hundehalter ließen jede Distanz vermissen. Er drückte sich irgendwie an Herrchen und Hund vorbei und lief auf den Strand. Seine Zielobjekte waren inzwischen schon am Campingplatz vorbei. Er machte sich an die Verfolgung. Schon nach wenigen hundert Schritten fühlt er sich in seiner Einschätzung bestätigt, dass er es nicht mit einfachen Freizeitjoggerinnen zu tun hatte. Er musste kräftig beschleunigen, um den Abstand zu verringern. Nach gut dreihundert Metern war er ganz kurz hinter ihnen. Sie liefen nach wie vor locker und entspannt. Beide hatten lange blonde Haare. Beide hatten es mit einer auffälligen rosafarbenen Spange im Nacken zusammengebunden. Er musste schmunzeln. Zwei Pferdeschwänze wippten bei jedem Schritt wild von links nach rechts und zurück.
Lena hatte die Spangen vor einigen Tagen auf dem Markt von Le Verdon entdeckt und trotz des unwilligen Knurrens ihres Vaters für sich und ihre Freundin Janine gekauft.
„Das ist nur störender Firlefanz beim Training“, hatte der Vater geknurrt. „Ein einfacher Haargummi leistet genau so gute Dienste.“ Aber ihre Mutter hatte sie bestärkt. Und ihre Schwester Lily, die nicht mit auf den Markt gefahren, sondern auf dem Campingplatz geblieben war, hatte sie ganz neidisch angesehen.
Gaston hielt einen Abstand von wenigen Metern zu den Läuferinnen. Er musterte beim Laufen ihre Figuren. Sie waren beide perfekt durchtrainiert.
Die Joggerinnen hatten ihn auch bemerkt. Aus dem Augenwinkel heraus registrierten sie den schrumpfenden Abstand zwischen sich und dem Verfolger. Sie behielten ihn im Auge und verlangsamten das Tempo, bis er sich fast direkt hinter ihnen befand. Dann zogen sie das Tempo unversehens an, so dass sich der Abstand zwischen ihnen und Gaston plötzlich wieder auf fast 20 Meter vergrößerte. Dieser fühlte sich bei seiner Ehre gepackt. Mit einem kräftigen Zwischenspurt schloss er wieder zu den beiden auf und lief neben ihnen her.
„Hallo, guten Morgen! Ihr seht toll aus und seid wohl ausgezeichnete Läuferinnen.“, stieß er heftig atmend hervor.
Die Läuferin an seiner Seite blickte kurz zu ihm herüber und erwiderte ohne auch nur ansatzweise aus der Puste zu geraten oder das Tempo zu verringern: „Ich kann nicht gut Französisch.“
Inzwischen waren sie schon auf der Höhe des Ortseingangs von Soulac sur Mer angelangt. Dort, wo noch die traurigen Reste eines ehemaligen Appartementhauses darauf warteten, endgültig abgerissen zu werden, weil auch dieses Gebäude, ähnlich wie die Campingplätze südlich von Soulac, vom Meer bedroht wurde. Das Gebäude war bereits vor mehreren Jahren zwangsgeräumt und die Besitzer der Eigentumswohnungen nur kümmerlich entschädigt worden.
Gaston zuckte zusammen. An die Möglichkeit eines Verständigungsproblems hatte er überhaupt nicht gedacht. Er versuchte es erneut, diesmal auf Englisch: „Wo kommst du denn her?“
Die Joggerinnen verlangsamten das Tempo fast auf Schritttempo. Die, die er angesprochen hatte, musste sich beherrschen um nicht lauthals loszuprusten. Wenn ein Franzose Englisch spricht, dann wird die Basis der Verständigung nur noch enger. Also setzte sie ein spitzbübisches Lächeln auf und formulierte, die Wörter langsam suchend, ihre Antwort auf Französisch:
„Ich bin Deutsche und heiße Lena. Wir kommen aus Saarburg. Das ist in der Nähe von Trier. Saarburg ist die Partnerstadt von Soulac sur Mer. Unsere Schule macht einen Austausch mit dem Gymnasium ‚Georges Mandel‘ hier in Soulac. Jetzt wohne ich mit meiner Familie auf dem Camping de l’Océan in l’Amélie. Wer bist du? Wohnst du auf dem Camping Les Sables d’Argent? Da haben wir dich herunter laufen sehen.“
Gaston war verblüfft. Die Mädchen hatten ihn schon an seinem Campingplatz bemerkt. Aber es gefiel ihm. Und auch, dass er nun weiter auf Französisch reden konnte. Er sprach bewusst langsam und bemühte sich, die Sätze einfach zu formulieren:
„Ich heiße Gaston. Wir wohnen in Bordeaux. Hier hat meine Familie ein Mobilhome. Aber das werden wir wohl wegen der Küstenveränderung wegsetzen müssen. Das ist sehr schade, weil ich viele Jahre mit meinen Eltern und meiner Schwester die Ferien hier verbracht habe. Mein Vater liebt diese Gegend. Er gehe gerne auf die Jagd, behauptet er immer. Aber er hat noch nie eine Jagdbeute mitgebracht. Ich mache demnächst mein Abitur. Und danach soll ich vielleicht ein oder zwei Jahre nach England gehen.“
Janine grinste verstohlen. Sie ordnete Gaston wegen seiner Ausdrucksweise der sogenannten Eliteschicht zu. Lena hingegen gefiel die gewählte Art und Weise, wie ihr Begleiter sich ausdrückte. Sie sah Gaston mitfühlend an.
„Das mit dem Mobilehome ist wirklich schade. Uns kann das zum Glück nicht passieren. Wir, das heißt meine Eltern, ich und meine drei Geschwister Mike, Phil und Lily, kommen immer mit einem Wohnwagen. Da haben wir genug Platz, weil wir Kinder in Zelten schlafen.“
„Das müsst ihr wohl auch, wenn ihr so eine große Familie seid.“, erwiderte Gaston. „Ich habe euch übrigens schon mehrmals morgens am Strand laufen sehen. Machst du das nur zum Spaß?“ Gaston wandte sich an die andere Läuferin.
„Nein“, antwortete diese. Zu seiner Verblüffung erfolgte diese Antwort in astreinem, fließendem Französisch. „Ich habe Lena durch den Schüleraustausch kennen gelernt. Ich bin Französin. Ich bin hier aus Soulac. Übrigens“, sie streckte ihm während des Laufens die Hand hin, „ich heiße Janine. Ich mache Leichtathletik, Siebenkampf. Ich bin in einem Förderkader. Da muss ich auch während der Ferien sehen, dass ich nicht aus dem Training komme. Bei Lena ist es übrigens auch so. Unsere Väter helfen uns. Mein Vater bringt mich morgens mit dem Tandem nach l’Amélie. Während wir joggen, nimmt er Lenas Vater mit nach Soulac, wo der dann bei Lidl für die Familie Baguettes kauft, meinen Vater bei uns zu Hause absetzt und anschließend zur Strandpromenade fährt. Von dort aus fahren wir dann mit ihm auf dem Rad zurück. Da oben ist er übrigens.“ Janine wies mit dem Hand zur Strandpromenade hinüber, wo neben der Uhr ein großer Mann stand und zu ihnen herunter winkte.
Zu dritt auf einem Tandem? Gaston wunderte sich. Na gut. Janine musste ja nur irgendwo in Soulac abgesetzt werden. Oder sie ging vielleicht zu Fuß. Er würde es ja gleich sehen, wie das funktionierte. Beim Näherkommen musterte er den Mann genauer. Eine windzerzauste Frisur, die wohl vom Radfahren herrührte. Die Haarfarbe dunkel, mit einer Reihe von grauen Strähnen. Das Gesicht braun gebrannt, durchzogen von einer stattlichen Anzahl von Falten, besonders um die Augen herum. „Lachfalten“, dachte Gaston. „Ein fröhlicher Typ wohl.“ Rund um das Kinn wucherte ein zerzauster Bart. Er sprach mit einer freundlich klingenden tiefen Stimme.
„Hallo zusammen! Na Lena, kommst du auch schon? Da sind heute drei Minuten mehr auf der Uhr. Na, ich seh‘s schon, “ er deutete mit dem Kopf auf den jungen Franzosen, „du hast wohl auf jemanden Eindruck gemacht.“ Die Unterhaltung zwischen Vater und Tochter verlief auf Deutsch.
Gaston verstand nur so viel, dass das Mädchen seinen Namen nannte und den Campingplatz erwähnte. Dann wandte der Vater sich an ihn. Dessen Französisch schien begrenzt, was er aber geschickt verbarg, indem er nur kurze knappe Sätze formulierte:
„Besuch uns mal auf dem Campingplatz. Wir wohnen auf Stellplatz 89. Das ist leicht zu finden. Ich heiße Alwin.“ Mit diesen Worten schwang er sich auf den hinteren Sattel des Tandems, das von Lena, die inzwischen auf dem vorderen Sattel saß, mit lang ausgestreckten Beinen im Gleichgewicht gehalten wurde. Janine war kurzerhand auf den Gepäckträger gestiegen und Gaston bemerkte, dass hinten an dem Tandem noch ein Fahrradanhänger angekuppelt war, aus dem die Spitzen von mehreren Baguettes herausragten. Vater und Tochter stießen sich gleichzeitig mit dem linken Fuß ab und nach einem kurzen Schlenker hatten sie das Gleichgewicht gefunden. Während Lena vorne zum Gruß die Fahrradklingel betätigte, hob Janine noch einmal die Hand und winkte kurz zum Abschied.
Gaston blickte ihnen nach. „Das hatte sich doch gut angelassen!“, dachte er bei sich. Die Mädchen waren ausgesprochen hübsch und zugänglich. Der Vater schien auch soweit o.k. zu sein, wenn man mal davon absah, dass er tatsächlich mit der Stoppuhr in der Hand auf seine Tochter und deren Freundin gewartet hatte. „Das ist typisch deutsch“, dachte er bei sich. Im Übrigen fand Gaston, dass er selbst auch eine gute Figur gemacht hatte. Dabei kontrollierte er den Sitz seiner Frisur. Er war mit seinen 182 cm dem Anschein nach genauso groß wie Lena’s Vater, mit dem kleinen Unterschied, dass er nicht mit einem Bauchansatz zu kämpfen hatte. Und seine Haare waren noch einfarbig hellblond. Darüber hinaus hatte er immer darauf Wert gelegt, seinen Körper zu fordern, so dass er einen gut durchtrainierten Eindruck machen konnte. Manche Mädchen hatten ihn gelegentlich sogar schon mal mit schmachtendem Augenaufschlag als ‚baywatcher‘ tituliert. Das hatte ihm durchaus geschmeichelt, und Gaston erinnerte sich, dass er öfter schon solche Komplimente genutzt und übungshalber so manches ‚Date‘ am abendlichen Strand verabredet hatte. Und so war er mit sich und dem Verlauf der Dinge mehr als zufrieden. Ja, daran hatte sich seit Urzeiten nichts geändert: gutes Aussehen und Charme kamen beim anderen Geschlecht immer gut an.
In diesem Punkt aber irrte er. Lena und Janine waren ihm zwar höflich und freundlich begegnet, aber sie mochten es überhaupt nicht, dass er sich in der Folgezeit ständig auf die Lauer legte und sie ‚begleitete‘, zumal eine Unterhaltung mangels Vokabular hier wie dort kaum zustande kam. Der junge Franzose gab sich zwar Mühe, aber überwiegend bestritt er das Gespräch mit Janine. Wenn er sich aber an Lena wandte, lief es darauf hinaus, dass er mehr oder weniger stammelnd neben ihr her hechelte und davon erzählte, dass er ein Auto zur Verfügung habe. Ansonsten erklärte er ihr wieder und wieder, dass er eigentlich in den Ferien sonst nicht so früh aufstehe. Und beiden Mädchen war es auch lästig, dass der ungebetene Begleiter ihr normales Lauftempo über einen längeren Zeitraum gar nicht mithalten konnte, sie so aus dem gewohnten Rhythmus herauskamen.
So beschlossen die beiden nach gut einer Woche, in der sie aus Höflichkeit ihr eigenes Tempo gedrosselt hatten, die Strecke umgekehrt zu laufen, nämlich von Soulac aus nach l’Amélie. Dann waren sie früher an dem Camping Les Sables d’Argent und ihrem inzwischen doch lästigen Verehrer vorbei und konnten so hoffen, dass er sie verpassen würde.
Ihre Väter hatten nichts dagegen. Ihnen war es egal. Alwin fand die Regelung für sich sogar bedeutend angenehmer. Das Tandem stand dann halt bei ihnen auf dem Campingplatz. Er brachte Lena früh nach Soulac, holte bei Lidl die Baguettes ab und bereitete das Frühstück vor. Lena musste dann Janine nach Soulac begleiten und alleine mit dem Tandem von dort wieder zum Campingplatz zurückkehren. Alles prima. Und noch eine zusätzliche Trainingseinheit, fand er.
Kommissar Thomas Moulin schwebte gerade im siebten Himmel. Er saß in Begleitung eines - wie er fand - wunderschönen Engels auf der überdachten Terrasse des „Maison de Grave“, einem vorzüglichen Restaurant, das zwischen Soulac sur Mer und Le Verdon verborgen im Wald lag. Das Restaurant war in früherer Zeit eine Pilgerherberge auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela in Spanien gewesen. Zwischenzeitlich war es in Vergessenheit geraten und erst vor wenigen Jahren von einem wohlhabenden Mäzen aus Le Verdon mit viel Aufwand und Sorgfalt wieder instand gesetzt worden.
Louise Pontet lächelte den Kommissar aus ihren strahlend blauen Augen an. Auch sie fühlte sich ausgesprochen wohl. Eigentlich hatte sie den Kommissar nur angerufen, um ihn in einer für sie kniffeligen Situation um Rat zu bitten. Der aber hatte sie spontan zu einem Essen eingeladen. Die beiden hatten sich vor etwa einem Jahr kennen gelernt, als ein spektakulärer Mordfall den Ort erschüttert hatte. Damals war sie noch Volontärin bei der Regionalzeitung gewesen, dem Côte-Dien. Inzwischen hatte sie eine Anstellung als Nachwuchsreporterin bekommen.
Nun gab es bei ihren aktuellen Recherchen eine Geschichte, in der sie nicht richtig vorankam.
Moulin hatte sich sofort an sie erinnert, was Louise durchaus stolz machte, denn auch sie hatte Moulin in besonderer Erinnerung, obwohl sie sich seinerzeit bei einer spektakulären Pressekonferenz mit dem Bürgermeister, dem Polizeipräsidenten und dem Baudezernenten der Stadt nur ganz kurz gesehen hatten. Und so hatte sie hocherfreut die Einladung Moulins zu dem Essen angenommen.
Das Restaurant war zur Mittagszeit sehr gut besucht. Die Stühle standen meist eng Lehne an Lehne. Glücklicherweise hatte der Kommissar auf Anraten seines ortskundigen Kollegen Legrange von der Gendarmerie telefonisch reserviert.
So saßen die beiden einander gegenüber und Louise erzählte dem Kommissar von ihren Problemen. Das Stimmengewirr um sie herum war so groß, dass sie beide die Stimme erheben mussten, um sich gegenseitig verständlich zu machen. Im Übrigen aber war ihnen die Umgebung nicht weiter wichtig. Zu sehr genossen sie diese Zusammenkunft. Moulin war überglücklich, der schönen Journalistin helfen zu können und sie freute sich ihrerseits über den liebenswürdigen, charmanten und hilfsbereiten Kommissar.
Bei dem aktuellen Thema konnte er einen kleinen Hinweis mit seinen Dienstpflichten vereinbaren, wie er jedenfalls meinte. Da ging es um eine illegal errichtete Villa im Wald zwischen Le Gurp und l’Amélie. Ursprünglich war dort vor über zwanzig Jahren der Bau einer kleinen hölzernen Jagdhütte genehmigt worden. Schon damals hatte sich die Bauverwaltung zunächst bei der Genehmigung des Antrages gesperrt. Aber weil der Bauherr zu einflussreichen Kreisen der Gesellschaft gute Kontakte hatte, war letztlich doch eine bescheidene Jagdhütte genehmigt worden. Im Laufe der Zeit hatte der Besitzer jedoch Zug um Zug die Holzhütte ausgebaut, bis daraus schließlich eine stattliche Villa mitten im Wald entstanden war, einschließlich Sauna und Swimmingpool. Zu guter Letzt war das ganze Areal dann auch noch weiträumig eingezäunt und mit schnell wachsenden Kirschlorbeersträuchern umpflanzt worden, um sich endgültig vor den lästigen Blicken Neugieriger abzuschotten.
Bei dem Eigentümer handele es sich um einen wohlhabenden Unternehmer aus der Nähe von Bordeaux, der mit Abbruch und Recyclinggeschäften ein Vermögen gemacht hatte. In seiner Waldresidenz sollen angeblich auch öfter zügellose Feste gefeiert worden sein. Und in diese illegale Bauangelegenheit, so wusste Moulin, sollte nun Bewegung reinkommen. Nach den letzten Regionalwaren waren neue politische Mehrheiten entstanden und die Verwaltung sollte nun angeblich erneut den Antrag auf eine gerichtliche Abrissverfügung in Arbeit haben.
Just in dem Augenblick, in dem Moulin dies gesagt hatte, erhob sich hinter Louise ein ziemlich korpulenter Gast, schob seinen Stuhl abrupt rückwärts heftig gegen den Stuhl der Journalistin, so dass diese nach vorne gestoßen wurde. Das Stück Fleisch, das sie gerade auf der Gabel liegen hatte, wurde in hohem Bogen auf das Hemd des Kommissars geschleudert. Louise stieß einen kleinen Schrei aus, ein Mischung aus Schmerz, Empörung und Erschrecken. Auch Moulin stieß ein empörtes „Monsieur“ hervor. Doch die rüde Person kümmerte sich nicht um die geschädigten Gäste, machte eine wegwerfende Handbewegung, schob sich rabiat zwischen weiteren Stühlen hindurch und eilte den leicht abschüssigen Weg zum Parkplatz hinunter. Zurück am Tisch des ungehobelten Gastes blieb ein schmallippiger, verkniffen aussehender Mann, den Moulin beim flüchtigen Betrachten irgendwie als einen Buchhalter oder Sekretär einschätzte. Dieser Mann, dem die Angelegenheit sichtlich unangenehm war, rief die Bedienung und bat um die Rechnung für seinen Tisch. Danach verließ auch er unter bedauerndem Achselzucken das Gelände des Restaurants. Am Parkplatz hörte man einen Motor aufheulen, ein Fahrzeug raste offensichtlich davon.
Louise bemühte sich, mit ihrer Serviette das Malheur auf Moulins Hemd zu beseitigen, was natürlich nicht gelang. Im Gegenteil, der ursprünglich kleine braune Saucenfleck hatte durch das Reiben bereits die Größe eines Handtellers. Moulin ergriff ihre Hand und hielt sie auf seinem Herzen liegend einfach fest.
„Lassen Sie nur. Es ist gut so.“ Dabei lächelte er augenzwinkernd und drückte ihre Hand noch fester an sein Herz. Louise wurde rot. Ihre Wangen glühten.
Sie sagte mit leicht flackernder Stimme: „Ich hätte nie geglaubt, dass aus derart ungehobeltem Verhalten etwas so Schönes entstehen könnte.“
Nun war es an Moulin, zu erröten. Er sah sie an: „ Ich finde, ich sollte zahlen und wir suchen uns einen anderen Ort, an dem wir unsere Unterhaltung fortsetzen.“ Louise nickte.
