SoulSystems 2: Suche, was dich rettet - Vivien Summer - E-Book

SoulSystems 2: Suche, was dich rettet E-Book

Vivien Summer

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Beschreibung

**Eine perfekte Liebe braucht keinen perfekten Ort** Auch nachdem Ella herausgefunden hat, dass River zu den Rebellen gehört, die gegen das Unternehmen SoulSystems Inc. kämpfen, kommt sie nicht von ihm los. Ganz im Gegenteil wird sie immer tiefer in die Machenschaften der Widerstandskämpfer verstrickt und damit auch in Rivers Leben. Währenddessen können die Gefängnisinsassen auf der Erde nur davon träumen, überhaupt ein eigenes Leben zu besitzen. Der draufgängerische Caden hat sich aber mit seinem Schicksal arrangiert: Auf der Zuchtebene soll er gemeinsam mit einer Gefangenen Nachwuchs für ein kinderloses Paar zeugen. Doch als ihm die gerade einmal 18-jährige Rhea zugewiesen wird, verändert sich alles. Ihre glanzlosen Augen wecken in ihm das Bedürfnis, sie wieder mit Leben zu füllen – und das ausgerechnet in einer Gefängniszelle… //Alle Bände der Rebellen-Reihe "SoulSystems":  -- Band 1: SoulSystems. Finde, was du liebst  -- Band 2: SoulSystems. Suche, was dich rettet  -- Band 3: SoulSystems. Erkenne, was du bist  -- Band 4: SoulSystems. Fühle, was in dir brennt  -- Band 5: SoulSystems. Bekämpfe, was dich zerstört -- SoulSystems: Alle fünf Bände der Rebellen-Serie in einer E-Box!//  Diese Reihe ist abgeschlossen.

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Vivien Summer

SoulSystems 2: Suche, was dich rettet

**Eine perfekte Liebe braucht keinen perfekten Ort** Auch nachdem Ella herausgefunden hat, dass River zu den Rebellen gehört, die gegen das Unternehmen SoulSystems Inc. kämpfen, kommt sie nicht von ihm los. Ganz im Gegenteil wird sie immer tiefer in die Machenschaften der Widerstandskämpfer verstrickt und damit auch in Rivers Leben. Währenddessen können die Gefängnisinsassen auf der Erde nur davon träumen, überhaupt ein eigenes Leben zu besitzen. Der draufgängerische Caden hat sich aber mit seinem Schicksal arrangiert: Auf der Zuchtebene soll er gemeinsam mit einer Gefangenen Nachwuchs für ein kinderloses Paar zeugen. Doch als ihm die gerade einmal 18-jährige Rhea zugewiesen wird, verändert sich alles. Ihre glanzlosen Augen wecken in ihm das Bedürfnis, sie wieder mit Leben zu füllen – und das ausgerechnet in einer Gefängniszelle …

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Vita

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© privat

Vivien Summer wurde 1994 in einer Kleinstadt im Süden Niedersachsens geboren. Lange wollte sie mit Büchern nichts am Hut haben, doch schließlich entdeckte auch sie ihre Liebe dafür und verfasste während eines Freiwilligen Sozialen Jahres ihre erste Trilogie. Für die Ausbildung zog sie schließlich nach Hannover, nahm ihre vielen Ideen aber mit und arbeitet nun jede freie Minute daran, ihr Kopfkino zu Papier zu bringen.

Personen und Handlung sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Der Aufbau und das Leben auf dem Mars sind an Recherchen angelehnt, können jedoch auch fiktive Elemente enthalten und von den tatsächlichen Eigenschaften des Mars abweichen.

Für Mama und Papa – denn sie bleiben immer die Helden, die auch den schlimmsten Tag retten können.

»Das höchste Ziel eines menschlichen Individuums ist es, glücklich zu sein, und daher ist es unsere höchste Priorität, die Zufriedenheit eines jeden sicherzustellen.«

– SoulSystems Inc.

»Miss Lacoux, können Sie bitte den anwesenden Herrschaften erläutern, wieso der geplante Anschlag auf den Deputy Chief Raphael missglückt ist?«, forderte der Mann mit einer eiskalten, schneidenden Stimme, die perfekt zu dem äußerlichen Erscheinungsbild passte. Wie alle anderen Männer in diesem Raum trug er eine blendend weiße Uniform, auf der die fünf silbernen Sterne der Northern Association aufgenäht waren.

»Ich bitte vielmals um Entschuldigung –«

»Sie sollen sich nicht entschuldigen!«, fuhr er sie an, woraufhin sie die Miene verzog. »Ich habe Ihnen eine Anweisung gegeben und ich erwarte, dass Sie dieser ohne Umschweife nachkommen!«

»Der Anschlag war nicht erfolgreich, weil der Deputy Chief eine kugelsichere Weste getragen hat.«

»Wieso war kein Kopfschuss erfolgt?«

»Die Tochter, Elizabeth Raphael, stand in der Schusslinie.«

»Und was gedenken Sie gegen unser Objekt zu tun, Miss Lacoux?«

»Diesbezüglich habe ich noch keine Entscheidung treffen können. Wir ziehen es aber vor, Elizabeth aus unseren Angelegenheiten herauszuhalten, um das ganze Projekt nicht zu gefährden.«

»Wir sind zu einem anderen Schluss gekommen.«

»Wie darf ich das verstehen?«

»Wir wollen, dass Sie sie rekrutieren, Miss Lacoux. Womöglich können wir durch sie die anderen Objekte wiederfinden.«

»Gibt es dazu immer noch keine Fortschritte?«

»Bedaure. Also, rekrutieren Sie sie. Zu gegebener Zeit wird sie mit Ihnen und Ihren Leuten auf die Erde geschickt.«

»Ich soll ebenfalls mit, habe ich das richtig verstanden?«

»Richtig, Miss Lacoux. Wir wollen, dass Sie ab jetzt alles unter Kontrolle haben. Sind wir da einer Meinung?«

»Absolut.«

KAPITEL 1

Rhea

Tag dreihundertzwei von dem Rest meines Lebens neigte sich langsam dem Ende zu. Sicher konnte ich mir nicht sein, aber ich vermutete, dass es kurz nach halb zehn am Abend war. Denn die Türen zu meiner Zelle wurden wie immer um einundzwanzig Uhr verriegelt.

Seit dreihundertzwei Tagen hatte ich kein Sonnenlicht mehr gesehen und konnte nur noch an den Uhren ablesen, dass vierundzwanzig Stunden wieder fast vorüber waren. Am Anfang hatte ich deswegen häufig Erleichterung verspürt, doch jetzt fühlte ich dabei nichts weiter als Gleichgültigkeit. Ich konnte sowieso nicht fliehen.

Niemand kannte einen Weg raus und nach fast einem Jahr war ich mir nicht mal mehr sicher, ob es überhaupt einen gab. Man sagte, die Minen lägen so tief in den Bergen und die Wege seien so verworren, dass man sich verlaufen und einen Hungertod erleiden würde.

Mir war das schon lange egal. Ich hatte mich mit meinem Schicksal relativ schnell abgefunden – mir war auch keine andere Wahl geblieben, als es zu akzeptieren. Nach nur wenigen Wochen auf Ebene II hatte ich mich entschieden, einfach liegen zu bleiben. Ein Teil in mir war froh, dass ich überhaupt leben durfte, ein anderer wünschte sich, man hätte mich einfach hingerichtet, statt mich Tag für Tag wissen zu lassen, dass ich nie wieder ein richtiges Leben besitzen würde.

Ich war eine Gefangene, weil ich einen Fehler gemacht hatte. Weil ich mich in Noah verliebt hatte.

Wie auf Kommando wollte mein Gehirn die Erinnerung abspielen, aber ich wehrte mich dagegen und griff stattdessen zu der stumpfen Schere, die ich irgendwann mal aus der Krankenstation mitgenommen hatte. Obwohl solche Gegenstände verboten waren, hatte man das Werkzeug bisher nicht gefunden – gut für mich, denn so konnte ich wie jeden Dienstag meine Haare kürzen, damit sie mich bei der Arbeit nicht behinderten.

Anfangs hatte ich meine blonde Mähne noch gepflegt, aber da es niemanden gab, der sich für mein Aussehen interessierte, niemanden, dem meine langen Haare etwas genützt hätten, hatte ich sie abschneiden lassen; gerade mal so lang, dass meine Ohren bedeckt waren.

Mit einem Blick in den rissigen Spiegel griff ich nach den zu lang gewordenen Strähnen und schnitt sie ab. Schon lange trauerte ich den abgetrennten Spitzen nicht mehr nach, wenn ich sie im Abfluss verschwinden ließ – bei meiner Wut war das aber etwas anders. Manchmal hasste ich mich dafür, dass es so weit gekommen war. Nicht meine Haare, die mochte ich so, aber das Leben hatte ich mir nie so vorgestellt.

Genau genommen konnte ich gar nicht sagen, wie ich es mir sonst vorgestellt hatte. Ich erinnerte mich nicht mehr daran. Eigentlich erinnerte ich mich an nichts mehr, was vor meiner Inhaftierung vor dreihundertzwei Tagen passiert war. Nur die letzte Erinnerung an Noah hatten sie mir gelassen – als Zeichen dafür, dass ich gegen die Regeln verstoßen hatte. Man wollte nicht, dass ich vergaß, wieso ich hier war. Wieso ich den Rest meines Lebens unter der Erde verbringen musste.

Ich konnte mir nicht einmal sicher sein, ob Rhea mein echter Name war. Vermutlich nicht, denn seitdem ich hier war, hatte ich das Recht verloren, einen Namen zu besitzen. Ich war nur noch eine Nummer. E378, wobei das E für East und die Zahl dafür stand, dass ich die dreihundertachtundsiebzigste Insassin war.

Nachdem ich die struppigen Strähnen gerichtet hatte, steckte ich die Schere in die Lücke unter dem Waschbecken, das gerade so weit von der Wand abstand, dass ich sie darin verbergen konnte, und klebte sie mithilfe von zwei Pflastern fest. Anschließend betrachtete ich die Tätowierung auf meinem oberen Handgelenk, auf dem die Nummer stand, die mich jedes Mal aufs Neue verhöhnte. Ich war die Dreihundertachtundsiebzigste in meinem Gebiet, die gegen das Gesetz gehandelt hatte und dabei erwischt worden war.

Noch während ich den Hass hinunterschluckte, spülte ich das Waschbecken der kleinen Toilette aus, die sich hinter einer dünnen Wand in meinem Einzelzimmer befand. »Einzelzimmer« klang weniger nach einem Gefängnis, obwohl ich selbst wusste, dass es eine Zelle war.

Da man mich morgen früh um fünf wecken würde, zog ich die Arbeitsklamotten aus, warf sie achtlos neben mir auf den Boden und ließ mich in das harte Bett fallen.

Seitdem der Schlaf das Einzige geworden war, das mir eine Zuflucht bot, brauchte mein Körper nur wenige Minuten, um in den ewig selben Traum zu fliehen, eines Tages wieder das Sonnenlicht zu sehen.

Im Speisesaal der Ebene II war die Gruppenbildung so groß wie nirgendwo sonst auf dieser Ebene. Wie jeden Morgen schleppte ich mich in den stickigen Raum, in dem über zweihundert weibliche Insassen Platz fanden, reihte mich bei der Essensausgabe ein und wartete, bis ich mein Frühstückspaket bekam. Dabei sprach ich mit niemandem und sah niemanden an. Schlichtweg, weil ich keine Lust darauf hatte. Gerade am frühen Morgen verursachte mir das Geschnatter der anderen ein Klingeln in den Ohren. Ich vermisste den ruhigen Bass der Männer, der die hohen Stimmen vielleicht hätte eindämmen können. Die wütenden Befehle der Wächter waren kein Ausgleich.

Nachdem ich mein zusammengestelltes Frühstück entgegengenommen hatte, ging ich auf einen freien Tisch zu und setzte mich. Freunde hatte ich keine, was mir aber genauso wenig etwas ausmachte wie die Tatsache, dass ich seit drei Wochen jeden Morgen das gleiche Brot mit Käse vorgesetzt bekam.

Ich wusste nicht, wann genau, aber in den letzten Monaten hatte ich mir eine Schutzhülle umgelegt, die mich für so ziemlich alles unempfänglich machte – abgesehen von der psychischen Last, die mir meine letzte Erinnerung verursachte. Aber genau das war die Masche dieser Leute hier unten. Man war aus seinem Leben gerissen worden, wusste nicht mal mehr, wie es ausgesehen hatte. Bis heute verstand ich nicht, welchen Zweck sie damit verfolgten. Wollte man, dass wir kalt und abgestumpft hier saßen, oder wollte man uns in unsere Grübeleien versinken lassen, wie unsere Leben hätten ausgesehen haben können, bis wir vollständig verrückt geworden waren?

Ich hatte es längst aufgegeben, mir irgendetwas zusammenzureimen. Viele der anderen taten so, als wären sie in ihrem früheren Leben reich und berühmt gewesen und ihre Eltern hätten sie »freigekauft« – wobei freikaufen auch nur bedeutete, dass sie vor dem sicheren Tod bewahrt worden waren. In der Hölle waren sie trotzdem gelandet.

Als ich im Augenwinkel sah, wie sich drei Mädchen an meinen Tisch setzten, blickte ich kurz auf, schenkte ihnen aber keine Beachtung. Leider hatte ich aber immer noch nicht gelernt, die Gespräche auszublenden, sodass ich ihnen unerwünschterweise zuhören musste.

»Ich habe das immer noch nicht ganz verstanden«, sagte die eine, kurz nachdem sie ihr Tablett auf dem Tisch abgestellt hatte. Ihre Stimme war so klar wie ein Glockenspiel – dass sie eine Blondine mit einem zierlichen Gesicht war, überraschte mich nicht wirklich. »Wie ist das noch mal mit den Ebenen?«

»Davon gibt es fünf«, erklärte eine Zweite mit rotbraunen schulterlangen Haaren. »Wir befinden uns auf Ebene II – Kleinstarbeit für Mädchen, die das Regelalter für eine Schwangerschaft noch nicht erreicht haben. Wir stellen hier zum Beispiel Handys oder elektrische Zahnbürsten her. Manchmal verpacken wir auch Kosmetik und so was. Ganz schön gemein, wenn du mich fragst … Na ja. Wie dem auch sei, die Ebene I ist für die Frauen, die entweder schon Kinder gekriegt haben oder zu alt dafür sind.«

Die Blondine nickte langsam. »Das ist die Näherei, richtig?«

»Genau. Bei den Männern ist das dann genauso. Ebene IV ist für Männer unterhalb des Regelalters. Dort machen sie im Prinzip die Vorarbeit für unsere Arbeit, also die Teile anfertigen. Auf Ebene V sind die Männer, die schon Väter sind oder nach dem Regelalter eingebuchtet werden. Vielleicht bauen sie deshalb die Waffen, keine Ahnung. Für den Fall, dass was in die Luft geht.«

»Und Ebene III ist die Zuchtebene?«, wollte die Blondine verzückt wissen. Alle kicherten, aber mir drehte sich allein bei dem Gedanken daran schon der Magen um.

Im Laufe der Zeit hatte ich gelernt, dass es hier zwei verschiedene Sorten Mädchen gab: diejenigen, die mit ihrer letzten Erinnerung jedes Mal das Gefühl hatten, als würde man ihnen das Herz herausreißen, denn sie hatten aus Liebe gegen das Gesetz verstoßen – und dann gab es noch die Mädchen, die einfach nur leicht zu haben und in einer ungünstigen Situation erwischt worden waren. Anscheinend hatte ich es hier mit der Sorte zu tun, die keine Ahnung hatte, was Liebe war.

Die Brünette riss mich aus meinen Gedanken. »Wir nennen sie so, ja. Auf die kommen Männer und Frauen, die dann Kinder zeugen sollen. Aber arbeiten muss man da natürlich trotzdem noch, überwiegend werden da die Autoteile hergestellt und verarbeitet.«

Das schien die Blonde nicht sonderlich zu interessieren, denn sie fragte neugierig: »Ab wann ist man alt genug?«

»Zwanzig, einundzwanzig … so in dem Dreh. Du wirst dich also noch gedulden müssen.«

»Gedulden?«, seufzte sie fast theatralisch. »Das ist irgendwie so merkwürdig. Auch, dass ich weiß, dass ich vor Kurzem erst einen Mann berührt haben muss, und jetzt … jetzt kann ich mich nicht mal daran erinnern, wie sich das angefühlt hat. Geschweige denn, ob ich es vermisse.«

Die Dritte im Bunde, die ebenfalls blond war, sich aber genauso wie ich die Haare kurz geschnitten hatte, lachte leise. »Das ist völlig normal. So geht es jeder von uns, glaub mir.«

Nein, mir ging es nicht so. Wenn es nach mir gehen würde, würde ich Ebene III einfach überspringen. Ich hatte Glück, dass ich noch ein Jahr, höchstens zwei, davon entfernt war, hochgestuft zu werden und mich von irgendeinem Idioten schwängern zu lassen. Jeder wusste, dass die, die uns hier eingesperrt hatten – die Regierung, aber niemand verlor ein Wort darüber –, das ganz bestimmt nicht aus Freundlichkeit taten, damit die Insassen wenigstens für einen kurzen Zeitraum ihrem Bedürfnis nach körperlicher Nähe nachkommen konnten. Sie taten das nur, damit es ausreichend Adoptivkinder für die Familien gab, die keinen Nachwuchs bekommen konnten.

Ich wollte aber kein Brutkasten sein. In diese Welt, wo Menschen dafür bestraft wurden, dass sie sich in jemanden verliebt hatten, den das System nicht als richtig erachtete, wollte ich kein einziges Kind setzen. Mit Noah hätte ich mir das vorstellen können, zumindest irgendwann, wenn wir alt genug gewesen wären – weil ich ihn geliebt hatte. Aber mit irgendeinem Mann, nur weil die Regierung es so wollte … Mir kam das Käsebrot fast wieder hoch.

Plötzlich wurde es ruhig im Speisesaal und sogar ich blickte von meinem Tablett auf und folgte dem Drang, zur Tür zu sehen, wo ich sofort unangenehmen Besuch entdeckte. Normalerweise tauchten die Wächter nur auf, wenn zwei Insassinnen ihre unüberbrückbaren Differenzen zur Schau stellten, sonst ließen sie uns in Ruhe. Für ihre Überwachung und angebliche Sicherheit gab es überall Kameras in den Ecken.

Warum sie heute hier waren, erkannte ich an dem Häufchen Elend mit den hochgezogenen Schultern. Neben dem zwei Meter großen Wächter wirkte sie dadurch nur noch winziger. Seine dunklen Augen glitten emotionslos über uns Mädchen hinweg, die angespannt und neugierig an den Tischen saßen und abwarteten, was passierte. Ich hätte am liebsten weitergegessen, ohne das Schauspiel zu beachten. Ich wusste, was jetzt kommen würde, immerhin bekamen wir fast im Zwei-Wochen-Takt neuen Zuwachs.

»E378. Vortreten«, befahl der Wächter in einem Ton, dem man nicht widersprechen konnte.

Mit einem verstohlenen Blick auf mein Handgelenk – der eigentlich nicht nötig war – ließ ich mein Käsebrot aus der Hand fallen. Zugegeben, dass ausgerechnet ich diejenige sein würde, hätte ich nicht erwartet. Im Normalfall wählten sie nur Insassinnen aus, die in ihrer Akte ein Sternchen zu stehen hatten. Zum Beispiel dafür, dass sie sich an die Regeln hielten, dass sie sich benahmen und in keine körperlichen Auseinandersetzungen verwickelt waren, dass sie besonders gute Arbeit leisteten und dadurch vom Fließband befreit und stattdessen im Putz- oder Küchendienst eingesetzt waren.

Dazu gehörte ich aber nicht. Ich bekam ständig eine Überstunde aufgebrummt, weil ich meine Stückzahl nicht erreichte. Es war schon mehr als einmal vorgekommen, dass ich mich gegen irgendwelche pöbelnden Mädchen gewehrt hatte, und auch sonst war ich nicht gerade die Vorzeigeinsassin.

Bevor der Wächter ungeduldig wurde und mich noch mal aufrief, erhob ich mich von meiner Bank und durchquerte den halben Speisesaal, um meine ID vom Wächter überprüfen zu lassen.

Er warf einen grimmigen Blick auf mein Handgelenk, das ich ihm widerwillig hinhielt. Dass ich noch nicht mit den Zähnen knirschte, grenzte an ein Wunder – als ob sich irgendwer für mich ausgeben würde. Das war völlig absurd!

»Das ist E426. Du bist für ihre Eingliederung zuständig, verstanden?«, meinte er forsch, wobei er seine Augen nicht von mir abwandte, um seine Machtposition noch deutlicher zu machen.

Ich bekam meine Lippen kaum auseinander. »Verstanden«, erwiderte ich kühl und schenkte der Neuen genauso wenig Beachtung, wie es bei mir damals der Fall gewesen war.

Aus dieser Erfahrung wusste ich, dass man der Neuen schon ihre Zelle gezeigt hatte. Was die restlichen Informationen anbelangte, hatte man sie in ein schwarzes Loch geschubst.

Da es so aussah, als wartete der Wächter auf etwas, griff ich provozierend nach dem Handgelenk des Mädchens und zog es von der Tür weg. Zwar waren Berührungen ohne große Konsequenzen, allerdings hatten die Wächter ein besonderes Auge darauf, inwiefern sich diese Kontakte äußerten. Dass die Ebene nur aus Frauen bestand, bedeutete überhaupt nichts. Es hatte hier schon öfter Fälle gegeben, in denen sich aus Freundschaft tiefere Gefühle entwickelt hatten – was natürlich ein Regelverstoß war.

Ohne dem Wächter noch etwas zu sagen, nahm ich das zitternde Mädchen mit zur Essensausgabe. Es störte mich, dass ich das unter den neugierigen Augen der Insassinnen tun musste, doch ich ließ mir nichts anmerken. Es würde mich schon genug Mühe kosten, das dürre Etwas zum Essen zu bewegen.

Ich nahm das Tablett mit dem Brot und dem Apfel für die Neue entgegen und schleppte sie dann weiter bis zu meinem Tisch. Die anderen hatten ihre Gespräche wieder aufgenommen, denn der Wächter war verschwunden und die Neue war schon wieder langweilig geworden.

»Wie heißt du?«, fragte das Mädchen mit den rotbraunen Haaren, das eben noch die Ebenen erklärt hatte, kurz nachdem wir uns an den Tisch gesetzt hatten.

Erst jetzt sah ich der Neuen ins Gesicht und erkannte, dass sie den Tränen ziemlich nah war. Ihre dunkelbraunen Augen waren glasig und leicht gerötet, ihre vollen Lippen aufeinandergepresst – nur konnten ihre angestrengten Bemühungen die Tränen auch nicht mehr lange zurückhalten. Überraschenderweise konnte dieser verkrampfte Gesichtsausdruck ihrer Attraktivität aber nichts anhaben. Sie war hübsch, keine Frage – wenn man allerdings so aussah, als wäre man in seinem vorigen Leben ein Model gewesen, brachte das einem nur das Vorurteil, dass man leicht zu haben gewesen war.

»Wie heißt du denn?«, wiederholte die Blonde mit den kurzen Haaren, da sie noch nicht geantwortet hatte.

Am liebsten hätte ich die Mädchen aufgefordert die Neue in Ruhe zu lassen, aber tatsächlich wäre es einfacher, wenn sie sich schnellstmöglich einen Namen geben würde, damit ich mir nicht irgendeine Zahl merken oder jedes Mal erst auf ihr Handgelenk schauen musste, bevor ich sie ansprechen konnte. Falls ich sie überhaupt jemals außer heute ansprechen sollte.

»W-weiß nicht«, sagte sie erstickt, zog die Schultern hoch und ließ ihren Kopf nach vorn fallen, sodass sich dunkelbraune Strähnen aus ihrem notdürftig zusammengebundenen Zopf lösten. »Ich kann mich an überhaupt nichts erinnern, außer –« Sie stockte von ganz allein und hielt sich die zitternden Hände vors Gesicht.

Ich seufzte. »Niemand kann sich an seinen Namen erinnern«, informierte ich sie unbarmherzig, fast schon genervt, obwohl ich tief in mir Mitleid verspürte. Was auch immer ihre letzte Erinnerung war, sie schien nicht weniger schmerzhaft als meine. »Du kannst dir einen ausdenken.«

»Ja, genau«, stimmte die Brünette zu. »Ich bin Jenna. Das sind Skye und Livvy.«

»Und du?«, fragte die Neue an mich gewandt und wischte sich schnell die Tränen aus dem Gesicht. Sie war wohl direkt von ihrer Verhaftung hierher gebracht worden, denn sie trug immer noch Make-up, das von den Tränen verwischt war.

»Rhea.«

»Schöner Name«, schniefte sie und holte tief Luft. Anscheinend hatte ihr die kurze Ablenkung mit der Namensfindung schon geholfen, denn sie lächelte sogar ein bisschen. »Dann bin ich Lyndsey.«

KAPITEL 2

River

Ich schaffte es auch nach einigen Momenten des Schweigens nicht, den Kopf zu heben, um Ella in die Augen zu sehen. Stattdessen starrte ich verkrampft auf den Hügel in ein paar Meter Entfernung. Wir befanden uns am Ufer des Sees, genau unter dem Baum, der zu meinem Stammplatz geworden war.

Eigentlich war ich nicht sonderlich überrascht gewesen, dass sie mit mir reden wollte. Mir war klar, dass sie wütend auf mich war, sich von mir verraten fühlte – aber ich hätte nicht damit gerechnet, dass sie auf mich losgehen würde. Ich konnte ihre Hände, die auf meinen Brustkorb geprallt waren, immer noch spüren. Sie war nicht nur wütend, sie war fuchsteufelswild.

Das hatte mich leider dazu animiert, ihr die Wahrheit zu sagen. Dummerweise.

Sofort nachdem die Worte, wir würden SoulSystems zerstören wollen, meinen Mund verlassen hatten, hatte ich sie verdammt noch mal bereut. Nicht nur, weil ich mich jetzt offiziell als Träger der Totenkopfmaske geoutet hatte, als ich damals in sie hineingerannt war – nein, ich hatte ihr gerade auch noch unser großes Ziel verraten, das mich den Kopf kosten könnte. Wie bescheuert konnte man eigentlich sein?

Aber so wie sie mich ansah, schien sie sowieso nicht zu begreifen, was mir eben über die Lippen gekommen war.

Ellas hellbraunes Haar, das sie normalerweise zu einem ordentlichen Zopf band, war zerzaust und sie hatte dunkle Schatten unter den Augen. Erst gestern war ihr Vater mit einer Schusswunde ins Krankenhaus eingeliefert worden und wir hatten ihn angegriffen, hatten ihn umbringen wollen. Also nicht wir, sondern Hunter.

Allerdings war irgendwas schiefgegangen, denn der Chief lebte immer noch. Ob das für Ella und mich von Vorteil war, keine Ahnung. Wahrscheinlich weder noch.

»Ihr wollt SoulSystems zerstören?«, hakte sie jetzt nach, als würde sie den Sinn dieser Worte nicht verstehen.

In diesem Augenblick hätte ich gerne so getan, als hätte ich mich nur versprochen oder mich zur Besinnungslosigkeit betrunken, sodass ich nicht wusste, was ich überhaupt gesagt hatte. Meine Erklärungen würden sich nach einem miesen Science-Fiction-Film anhören.

Mit erhobenen Händen, als würde sie eine Waffe auf mich halten und ich ihr zeigen wollen, dass ich mich ergab, richtete ich mich langsam auf. Ich suchte nach irgendetwas in ihrem Blick, das keine Wut war. Vielleicht suchte ich nach Angst. Oder Neugier. Aber da war nur Zorn, gepaart mit Misstrauen.

Wie konnte ich es ihr verübeln? Ich hätte an ihrer Stelle wohl auch gehofft, dass alles ein schlechter Scherz wäre. Und ich wünschte, es wäre so. Dann hätte ich ihr wenigstens nicht bestätigen müssen, dass ich dabei gewesen war, als wir ihren Vater umbringen wollten.

Der gescheiterte Anschlag hatte in den Reihen der Anführer für Aufregung gesorgt, aber nichtsdestotrotz hatten wir unseren Nutzen daraus ziehen können. Wie geplant hatten wir dadurch die Anzahl der Rekrutierungen innerhalb eines Tages erhöhen können und brauchten nur noch zuzuschlagen. Es waren seitdem nicht mal vierundzwanzig Stunden vergangen und die lokalen Nachrichtensender in Lincoln hatten über uns und den Anschlag berichtet. Natürlich war auch das Phantombild eines Mannes mit einer Totenkopfmaske ausgestrahlt worden.

Seit dieser Nacht waren wir jedem in der Lincoln-Sternkolonie bekannt. Vielleicht auch in den anderen – das konnte ich noch nicht mit Sicherheit sagen.

»Ja, wollen wir. Ich bin in einer Widerstandsbewegung«, bestätigte ich schließlich. »Eine Organisation gegen das System, um –«

»Danke, ich weiß, was ein Widerstand ist«, unterbrach mich Ella wütend und kniff die Lippen zusammen.

Zugegeben, ihre Emotionen trafen mich. Leider. Wieder wünschte ich, es wäre nicht so, aber sie wütend zu sehen, machte etwas mit mir, das ich nicht greifen konnte. Es weckte den Drang in mir, mich zu entschuldigen, obwohl das eigentlich Bullshit war. Warum sollte es mir leidtun? Ich war ihr nichts schuldig.

»Aber wieso mein Vater?« Ihr Blick glitt unruhig über das Gelände. Auch ich hatte das Bedürfnis, mich nach Wächtern umzusehen, aber ich befürchtete, dass es sie nur noch wütender machen würde, wenn ich mich nicht auf sie konzentrierte.

Wollte ich das riskieren?

Lieber nicht.

Stattdessen atmete ich tief durch und versuchte weiterhin ihr Gesicht zu lesen. »Weil er das Gesicht dieser Stadt ist.«

»Und der Präsident? Ist der nur Dekoration?«

»Der verkörpert nicht das System, wie es der Polizeichef tut«, behauptete ich, obwohl ich nicht mal wusste, ob es stimmte. Es schien mir nur glaubwürdiger, als zu sagen, dass die Anführer nicht gleich die ganz großen Kaliber ausfahren wollten.

Ellas Gesicht versteinerte. »Also hast du mich … Wolltest du über mich an meinen Dad rankommen?« Sie ballte ihre Hände neben ihrem Körper zu Fäusten.

Auch wenn ich verwirrt vom plötzlichen Themenwechsel war, versuchte ich mir nichts anmerken zu lassen – und zögerte dennoch. Ich war mir nicht sicher, was ich tun sollte: lügen oder die Wahrheit sagen? Ersteres hätte es mir leichter gemacht, Ella von mir und den Rebellen fernzuhalten, aber …

»Ja«, sagte ich schließlich knapp, ehe ich es mir anders überlegen konnte.

Ich hörte Milos Worte in meinen Ohren, die mich daran erinnerten, dass Ella nicht in unsere Welt gehörte. Das wusste ich und ich wusste auch, dass es so am besten war. Sie war nicht gut für mich und ich nicht für sie. Sie gehörte nicht in meine Welt. Nicht zu mir. Würde sie nie.

Viel zu spät trat Ella einen Schritt zurück und sah mich an, als hätte ich sie geschlagen. Ich konnte nur spekulieren, was jetzt in ihrem Kopf vor sich ging, aber ich redete mir vehement ein, das Richtige getan zu haben.

Völlig unvorbereitet trat Ella wieder auf mich zu. Ihre Hände donnerten gegen meine Brust und stießen mich mit so einer überraschenden Kraft zurück, dass ich taumelte. Sie nutzte es aus und schlug erneut zu.

»Du lügst!«, brachte sie etwas zu laut hervor.

Sofort spürte ich den Drang, mich auf der Wiese nach Wächtern umzusehen, aber Ella machte es mir unmöglich. Ich versuchte nach ihren Handgelenken zu greifen, um sie festzuhalten, aber sie schlug immer und immer wieder nach mir.

»Du glaubst«, ihre Hände brachten meinen Brustkorb zum Vibrieren, »dass ich dich nicht kenne.« Sie schnaufte, als sie ausholte. »Aber du täuschst dich!«

»Ella …«

Ich erwischte sie endlich an ihren Handgelenken und zog sie näher an meine Brust. Kurz flackerte das Bild vor mir auf, wie nah ich sie auf dem Konzert in der Bar bei mir gespürt hatte, aber es verschwand, als ihre Knie nachgaben. Instinktiv hielt ich sie fester.

Ihr Gesicht fiel gegen meine Brust, in der sich dieser verräterische Muskel darüber freute, dass mir dieses schöne, teuflische Mädchen so nah war.

Ella zitterte leicht. »Warum?«, fragte sie so leise, dass ich sie kaum verstehen konnte. »Warum hast du geschossen?«

Mein Atem stockte. »Ich war das nicht«, verteidigte ich mich dummerweise, weil ich das nicht so stehen lassen wollte. Ich konnte eine Waffe kaum anfassen, noch weniger konnte ich zulassen, dass sie so etwas von mir glaubte. Dabei konnte ich nicht mit Gewissheit sagen, ob ich geschossen hätte, wenn mir meine Vergangenheit keinen Strich durch die Rechnung gemacht hätte. »Hör mal, es –«

»Gott, wenn ich noch eine bedeutungslose Entschuldigung von dir höre, dann –«

»Ging nicht anders«, vollendete ich meinen Satz und schaffte es, Ella ein Stück von mir wegzuschieben, sodass ich ihr wieder in die Augen sehen konnte. Sie weinte immer noch nicht, obwohl ihr Blick unkonzentriert und verletzt wirkte. »Jemand muss etwas gegen SoulSystems tun, Ella. Was sie tun, ist krank und kontrollierend. Es ist erniedrigend, dass man von einem beschissenen Computer gesagt bekommt, mit wem man zusammen sein oder welchen Beruf man lernen soll. Und du weißt, dass es stimmt, dass wir uns nicht frei entscheiden können.«

Ella presste ihre vollen Lippen zusammen und erst jetzt glaubte ich, so etwas wie Tränen in ihren Augen schimmern zu sehen. »Ich weiß, dass du gegen das System bist, aber hast du wenigstens mal versucht, es zu verstehen?«

»Da gibt es nichts zu verstehen!«, fuhr ich sie an. Mit Lou hatte ich keine Sekunde darüber diskutieren müssen, wie falsch SoulSystems war, was für eine Diktatur dahintersteckte. Lou war immer meiner Meinung gewesen. Zu einhundert Prozent. Sie hatte kämpfen wollen, um mit mir zusammen sein zu können.

Enttäuscht von der Tatsache, dass sich Ella gegen mich stellte, wandte ich den Blick ab. »All diese Regeln, die Analysen darüber, wie toll unsere DNA zusammenpasst, die Fragebögen … das ist doch alles vollkommener Bullshit! Ich will selbst entscheiden und mich dabei nicht an irgendeine Scheißaltersgrenze halten oder darauf achten, dass ich mich innerhalb der Kolonie bewege. Und dagegen muss etwas unternommen werden, Ella.«

»Und dann dachtet ihr euch, hey, bringen wir einfach mal Ellas Vater zur Strecke?«

»Wenn es nicht schiefgelaufen wäre –«

»Wenn es«, unterbrach Ella mich hektisch und zog daraufhin scharf die Luft ein. »Wenn es nicht schiefgelaufen wäre – was soll das heißen? Wenn er keine schusssichere Weste getragen hätte, wäre er tot!«

Ich wusste nicht, welcher Teil der Frage mich mehr verwirrte. »Er hat eine Weste getragen?«

»Ja.«

»Wieso? Ist das normal, eine schusssichere Weste unter einer Ausgehuniform zu tragen?«

»Also stimmt es?«, umging Ella meine Frage geschickt. »Ihr wolltet ihn wirklich töten?« Sie blinzelte mich an, als würde sie hoffen, dass ich verneinen würde.

Aber das konnte ich nicht. Ich konnte nicht mal mehr den Mund aufmachen.

»Dann«, sie schob die Augenbrauen irritiert zusammen und sprach dann mehr zu sich selbst als zu mir, »hat ihn jemand gewarnt. Ich … Er hat mit jemandem telefoniert. Und er hat mit Calleigh gestritten, weil er … Sie hat gesagt, er würde sich opfern.«

Ich wurde hellhörig. Man hatte mir nichts davon gesagt, dass der Deputy Chief in das Anschlagsvorhaben eingeweiht war. Und ich bezweifelte, dass das seine Richtigkeit hatte. »Weißt du, mit wem er telefoniert hat?«

»Nein«, sagte sie unsicher, aber immer noch wütend, wobei sie es nicht schaffte, meinem Blick standzuhalten.

Zu gern hätte ich gewusst, was jetzt in ihr vorging. Außer ihrer verzweifelten Ahnungslosigkeit konnte ich nichts von ihrem Gesicht ablesen.

»Ich glaube, er hieß Hunter, aber ich weiß nicht, ob es ein Vorname oder –«

»Nachname«, schloss ich sofort, ehe ich plötzlich im Augenwinkel bemerkte, wie sich zwei Wächter näherten.

Sie gingen auf dem Schotterweg oberhalb der Wiese entlang und beobachteten uns eindringlich. Allerdings hatte ich keine Zeit, mich länger als eine Sekunde auf sie zu konzentrieren. Ich unterdrückte einen Fluch, trat einen Schritt auf Ella zu und griff reflexartig nach ihrem Handgelenk. Sie zuckte zusammen – auch sie hatte die Wächter bemerkt. Ihr Blick huschte unruhig zum Schotterweg.

»Ich verschwinde aus deinem Leben«, sagte ich leise und eindringlich. »Vergiss, was passiert ist und was du weißt. Halt dich da raus, okay?«

Mein Puls beschleunigte sich, als die Wächter näher kamen. Meine Beine wollten sich schon in Bewegung setzen und flüchten, aber ich musste von Ella hören, dass sie sich von uns fernhielt. Von mir und unseren illegalen Plänen.

Aber sie antwortete nicht. Sie starrte mich mit zornigen Augen an. Ihre Lippen waren leicht geöffnet, aber kein Wort verließ ihren Mund.

»Bitte, Ella«, versuchte ich es noch mal, drängender, fast sogar mit einem Hauch Verführung in der Stimme. »Versprich es mir.«

Womit ich allerdings nicht rechnete, war, dass sie daraufhin nach meinem Handgelenk griff und meinen Ärmel leicht nach oben schob. Ich wollte meine Hand daraufhin wegziehen, aber sie hielt mich fest und deutete unmissverständlich auf die schwarzen Linien auf meiner Haut. »Wenn du glaubst, dass wir miteinander fertig sind –«

»Sind wir«, fiel ich ihr unbarmherzig ins Wort und riss mich von ihr los. Hastig schob ich meinen Ärmel zurecht. »Ich will dich nicht wiedersehen.«

Es war ein Wunder, dass meine Stimme bei der Lüge nicht versagte – aber wir hatten sowieso keine Zeit mehr, darüber zu diskutieren. Ich lief los und sah gerade noch rechtzeitig, dass Ella dasselbe tat. Allerdings in die entgegengesetzte Richtung.

Etwas in mir hätte zu gern gehört, was sie erwidert hätte, aber ich konnte mich nicht schon wieder von Wächtern festnehmen lassen. Was leider nicht funktionierte.

Ein Stoß und ich landete mit dem Gesicht voran im Gras, den Kopf so verdreht, dass ich nicht sehen konnte, ob der andere Ella geschnappt hatte. Der Wächter drückte mir das Knie aufs Kreuz, was eine explosionsartige Wut in mir auslöste. Ich glaubte schon, seine Fäuste auf meinen Rippen zu spüren; die Erinnerung an meine aufgeplatzte Lippe war auch immer noch zu frisch.

Instinktiv wehrte ich mich gegen die bevorstehende Festnahme und bäumte mich auf, weshalb der Wächter den Druck auf meinen Rücken verstärkte. Dabei hatte ich jetzt echt keinen Nerv dafür, in einer Zelle zu sitzen. Ich musste mit Milo sprechen – dringend.

»Halt gefälligst still, wenn du dir die Handschellen ersparen willst«, zischte mir eine nur allzu bekannte Stimme ins Ohr.

O verdammt. Ausgerechnet dieser Bastard!

»Was willst du hier?«, knurrte ich zurück, hielt jetzt allerdings still. Das Letzte, was ich wollte, war, Hunter die Gelegenheit zu bieten, mir eine reinzuhauen, während ich wehrlos war.

»In erster Linie meinen Job machen«, antwortete er selbstgefällig mit einer Gutherzigkeit in der Stimme, bei der ich ein Würgen unterdrücken musste. »Der auch vorsieht, dich einer interessanten Befragung zu unterziehen.«

»Du kannst mich mal!«, knurrte ich und zog automatisch an meinem Ellenbogen, an dem Hunter mich hochhievte.

»Beamtenbeleidigung, sehr unklug«, erwiderte er unbeeindruckt. »Und jetzt hoch mit dir. Ich wusste ja, dass es dir die Kleine angetan hat, aber ich brenne darauf zu erfahren, worüber ihr gerade gesprochen habt.«

KAPITEL 3

River

Ich war nicht überrascht, als ich mich eine halbe Stunde später in demselben strahlend weißen Verhörraum wiederfand, in den man mich beim letzten Mal schon gebracht hatte. Natürlich durften auch die Handschellen nicht fehlen, mit denen Hunter mich an den Tisch kettete. Sollte er auch. Ich ahnte schon, dass ich ihm im Laufe des Gesprächs gern sein widerliches Grinsen aus dem Gesicht schlagen würde.

Finster sah ich dabei zu, wie sich Hunter mir gegenüber an den Tisch setzte und mich süffisant angrinste. Genauso war ich schon von Dutzenden anderen Polizisten und Wächtern angesehen worden. Es symbolisierte die typische Überlegenheit, in der sich die Gesetzeshüter zu wissen glaubten. Und das ständig. Dass auch sie mal einen Fehler machten, war eigentlich auszuschließen.

Wenig verwundert darüber, warum Hunter mit mir alleine und ungestört sprechen wollte, erwiderte ich seinen Blick ungerührt. »Was willst du von mir?«

»River, River«, seufzte er ausweichend und verschränkte daraufhin die Finger ineinander. »Ist das nicht offensichtlich?«

Ich verzog grimmig die Lippen– ich fand, dass seine unübersehbare Arroganz mal einen Dämpfer verdient hätte.

»Ich habe wohl Gedächtnisprobleme«, erwiderte ich möglichst desinteressiert, um Hunter zu demonstrieren, wie wenig Lust ich auf dieses Gespräch hatte. Vor allem, da ich einen Teufel tun und ihm irgendetwas über Ella verraten würde.

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