SoulSystems 3: Erkenne, was du bist - Vivien Summer - E-Book

SoulSystems 3: Erkenne, was du bist E-Book

Vivien Summer

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Beschreibung

**Für eine perfekte Flucht braucht man den perfekten Partner** Rhea ist verzweifelt. Nachdem ihr Beschützer Caden fortgebracht wurde, soll sie mit einem fremden Insassen ein Kind zeugen. Doch Cadens Verschwinden ist nicht grundlos, denn die Rebellen planen bereits eine große Rettungsaktion. Währenddessen wird die Beziehung von Ella und River von einem folgenschweren Verdacht belastet. Viel Zeit bleibt ihnen nicht, um die Kluft zwischen sich zu überwinden: Das Rebellenlager ihrer neuen Verbündeten in Paris steht längst im Fokus von SoulSystems Inc. Nicht einmal Taissa, die als Spionin in das Unternehmen eingeschleust wurde, kann Rebellenanführer Max rechtzeitig warnen. Nun legt dieser sämtliche Hoffnungen auf Ella, denn in ihr schlummert etwas, das alles in ein neues Licht rückt… //Alle Bände der Rebellen-Reihe "SoulSystems":  -- Band 1: SoulSystems. Finde, was du liebst  -- Band 2: SoulSystems. Suche, was dich rettet  -- Band 3: SoulSystems. Erkenne, was du bist  -- Band 4: SoulSystems. Fühle, was in dir brennt  -- Band 5: SoulSystems. Bekämpfe, was dich zerstört -- SoulSystems: Alle fünf Bände der Rebellen-Serie in einer E-Box!//  Diese Reihe ist abgeschlossen.

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Vivien Summer

SoulSystems 3: Erkenne, was du bist

**Für eine perfekte Flucht braucht man den perfekten Partner**Rhea ist verzweifelt. Nachdem ihr Beschützer Caden fortgebracht wurde, soll sie mit einem fremden Insassen ein Kind zeugen. Doch Cadens Verschwinden ist nicht grundlos, denn die Rebellen planen bereits eine große Rettungsaktion. Währenddessen wird die Beziehung von Ella und River von einem folgenschweren Verdacht belastet. Viel Zeit bleibt ihnen nicht, um die Kluft zwischen sich zu überwinden: Das Rebellenlager ihrer neuen Verbündeten in Paris steht längst im Fokus von SoulSystems Inc. Nicht einmal Taissa, die als Spionin in das Unternehmen eingeschleust wurde, kann Rebellenanführer Max rechtzeitig warnen. Nun legt dieser sämtliche Hoffnungen auf Ella, denn in ihr schlummert etwas, das alles in ein neues Licht rückt …

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Vita

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© privat

Vivien Summer wurde 1994 in einer Kleinstadt im Süden Niedersachsens geboren. Lange wollte sie mit Büchern nichts am Hut haben, doch schließlich entdeckte auch sie ihre Liebe dafür und verfasste während eines Freiwilligen Sozialen Jahres ihre erste Trilogie. Für die Ausbildung zog sie schließlich nach Hannover, nahm ihre vielen Ideen aber mit und arbeitet nun jede freie Minute daran, ihr Kopfkino zu Papier zu bringen.

Personen und Handlung sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Der Aufbau und das Leben auf dem Mars sind an Recherchen angelehnt, können jedoch auch fiktive Elemente enthalten und von den tatsächlichen Eigenschaften des Mars abweichen.

Für Phillip, Mama und Papa, Julchen und meine Schreibbuddys Dana und Ina – denn sie unterstützen mich immer wieder dabei, ich selbst zu sein und meinen eigenen Weg zu gehen.

»Die alte Welt war von Krieg, Verbrechen und Betrug geprägt. Frust und krankhafter Ehrgeiz zerstörten die Wirtschaft; Eifersucht und unerwiderte Gefühle die Liebe. Wir haben uns von der Negativität befreit und sorgen mit Überzeugung dafür, dass sich die Vergangenheit nicht wiederholt.«

– SoulSystems Inc.

»Sie reagiert auf keine Kontaktanfragen«, sagte er zu seiner Vorgesetzten, die missbilligend die Lippen verzog.

Langsam strich sie sich ihre schulterlangen blonden Haare zurück und betrachtete erst ihn, dann den großen Bildschirm. Er zeigte die Kontinente der Erde und welche Gebiete im Königreich schon gefallen waren – es waren zu viele. Doch keiner wollte sich eingestehen, dass sie versagt hatten. Dass ein Krieg kommen würde, der nicht nur das alte Europa betreffen würde.

»Miss Lacoux ist nie in London angekommen«, fügte er hinzu.

Seine Vorgesetzte, die es vermutlich längst wusste, nickte nur. Unter ihren Augen lagen dunkle Schatten. Auch wenn sie sich in den letzten Wochen eine Auszeit genommen hatte, schien sie ihm nicht sonderlich erholt. Vielleicht lag es auch an den jüngsten Ereignissen und der Übersiedlung einiger Widersacher auf die Erde.

Sie legte ihren Finger auf ihrem schmalen Kinn ab und tippte nachdenklich dagegen. »Finden Sie heraus, wo sie ist. Versuchen Sie es über Miss Hosey oder über Hunter. Er hat sich in der Vergangenheit als äußerst zuverlässig erwiesen.«

»Verzeihen Sie, wenn ich das so offen sage, aber Hunter hat Dutzende unserer Männer getötet. Hinterhältig.«

»Bauernopfer sind nicht von Relevanz«, erwiderte sie, ohne sich zu ihm umzudrehen. »Er musste das Vertrauen der Rebellen gewinnen und das hat er damit getan.«

Er sagte nichts mehr dazu, sondern lehnte sich in seinem Stuhl zurück und betrachtete ebenfalls den großen Bildschirm.

»Rund drei Fünftel der Karte leuchten rot. Wissen Sie, was das heißt?«, fragte sie schließlich nüchtern, ohne eine Antwort zu erwarten. »Die Aufständischen kämpfen sich ihr Land im Königreich zurück. Das bedeutet auch, dass das königliche Regiment bald zu härteren Mitteln greifen wird, um die Northern Association und die anderen Regimenter in Zugzwang zu bringen. Das kleine Loch in der Himmelsplane war erst der Anfang.«

»Dessen bin ich mir bewusst.«

»Auch, dass wir keine Zeit mehr verlieren dürfen? Das Königreich wird ungeduldig, wenn die versprochenen Gefangenen und Rebellen nicht bald eintreffen.«

»Ich werde mich darum kümmern«, versprach er, weil es genau das war, was sie hören wollte. »Ich werde versuchen weiterhin Miss Lacoux aufzuspüren. Oder jemand anderen von der Liste.«

»Wissen Sie was? Fangen Sie bei Hunter an.«

KAPITEL 1

Max

Ich würde jetzt nicht behaupten, dass ich mir teuflisch die Hände rieb – aber zuzusehen machte trotzdem Spaß. Natürlich war es nicht die feine Art und ich hätte sie warnen müssen. Beide. Allerdings kannte ich sie ja nicht; ergo war ich ihnen nichts schuldig.

»Reicht es nicht als Beweis?« Eine vertraute Stimme hinter mir riss mich aus meinen Gedanken.

An die Wand des dunklen Korridors gelehnt, warf ich meinem besten Freund Jules einen Blick über die Schulter zu. Auch er beobachtete das Schauspiel – aber mit Skepsis. Er war schon immer der ehrliche Typ gewesen. Ehrlichkeit war mir zwar auch wichtig, aber ich hatte in den letzten Jahren gelernt, dass man mit ungeklärten Informationen besser nicht um sich werfen sollte – und schon gar nicht jemandem vertrauen sollte, den man gerade erst kennengelernt hatte.

Oben auf der Empore stand das Mädchen, das vor zwei Stunden auf der Erde gelandet war. Mit ihren hellbraunen langen Haaren und den blauen Augen, der leicht geschwungenen Nase und den hübschen Lippen, die jetzt leicht offen standen, hätte sie die Zwillingsschwester unserer Emilia sein können. Wenn ich mich recht erinnerte, hieß sie Ella.

Der dunkelhaarige Typ, der so aussah, als würde er an seiner Zurechnungsfähigkeit zweifeln, hieß River. Der Rebell, von dem Meg in den höchsten Tönen gesprochen hatte, der aber auch ein Trauma zu verarbeiten hatte. Der blonde Wuschelkopf daneben war Jordan, Emilias einzige Erinnerung an ihr Leben auf dem Mars.

»Nein, es reicht nicht als Beweis.« Mein Handy machte mich zum zweiten Mal darauf aufmerksam, dass ich mich besser auf den Weg machen sollte. Also drehte ich mich um und setzte mich in Bewegung.

Es war sowieso zu erahnen, welche Szene sich gleich abspielen würde. Vor allem nach dem, was ich schon mitbekommen hatte. So wie River Emilia mit Fragen zu ihrer Gefangenschaft und ihrer Beziehung zu Jordan gelöchert hatte, schien er herausgefunden zu haben, dass unsere Emilia die Ella war, die eigentlich auf dem Mars zu Hause gewesen war, und nicht dieses Mädchen, das sich Ella nannte.

Und ja, es stimmte. Man hatte die wahre Elizabeth Raphael aus der Sternkolonie verbannt. Aus der perfekten Welt gestoßen – aber hey, sie hatte sich nie darüber beklagt, dass wir sie befreit und zu uns geholt hatten. Ich würde es zwar nicht als Win-Win-Situation bezeichnen, aber ich betrachtete mich gern als heiligen Samariter, wenn mir schon die Hände gebunden waren, um irgendwas anderes zu verändern.

Ich nickte Jules zu, damit er mir folgte. »Wusstest du, dass jeder Mensch angeblich sieben Doppelgänger hat?«

»Das glaubst du doch nicht ernsthaft?«, fragte er, während er mit mir Schritt hielt.

»Natürlich glaube ich das. Ihr Name stand nicht auf der Liste, und nur weil sie von der Gesichtserkennung gefunden wurde, hat das nichts zu heißen.«

Jules sah mich skeptisch an. Er hatte tiefe Augenringe, weshalb ich ihn am liebsten direkt auf sein Zimmer geschickt hätte, aber er war der Einzige, der den Weg zu Taissa kannte und dem ich vertraute.

»Sie ist es«, sagte er so überzeugt, dass ich nur seufzen konnte.

Vor ein paar Wochen hätte es mich vielleicht noch interessiert, aber zurzeit hatte ich Wichtigeres zu tun, als mich um ein paar gebrochene Herzen zu kümmern. Einen Krieg führen zum Beispiel. So als Rebellenanführer war das auf jeden Fall eins meiner großen Ziele – und dazu gehörte es nicht, für irgendwen den verdammten Seelenklempner zu spielen. Jules wusste das. Jeder wusste das, aber trotzdem gingen sie mir alle mit dieser Scheiße auf den Sack.

»Und wenn schon«, fuhr ich ihn eine Spur zu gereizt an. Aber die Zeit drängte nun mal. »Bevor wir nicht von Taissa irgendwelche Beweise bekommen haben, halten wir den Ball flach. Wenn Emilia fragt, weißt du von nichts, verstanden?«

In seinem Gesicht lag ein Vorwurf, den ich in letzter Zeit viel zu oft gesehen hatte. Max, tu dies. Max, tu das. Nein, Max, mach das nicht so. Selbst wenn er mein bester Freund war, hasste ich es, dass er mich so behandelte. Warum wollte er mich überhaupt verbessern, wenn er wusste, dass ich sowieso nicht auf ihn hörte?

Der Zug war abgefahren. Ich würde trotzdem zu Taissa fahren. Ich würde trotzdem überall auf diesen gottverdammten Planeten hinfahren und SoulSystems niederstrecken wollen, so wie es mein Vater vor mir hatte tun wollen. Ich würde trotzdem jeden einzelnen Verräter hierherholen, nur damit sie ihre gerechte Strafe dafür bekamen.

Wir verließen das Schloss schweigend. Jules hatte meinen Befehl, Emilia nichts zu sagen, zwar nicht bestätigt, ich wusste aber, dass er trotzdem dichthalten würde. Er wusste selbst, dass – wenn nichts Wahres an unserer Theorie dran sein würde – wir niemandem helfen würden. Eher im Gegenteil.

Auf dem Weg zum Geländewagen kamen wir an einer kleinen Gruppe von meinen Männern vorbei, die auf der Wiese lagen und sich Isabelles Schnaps reinkippten, als wäre es Wasser. Ich ließ sie. Man konnte ja sonst keinen Spaß mehr hier haben. Auch nicht, obwohl man den Spaß direkt vor der Tür hatte.

Vielleicht waren wir aber auch alle zu alt, um uns mit den Fahrgeschäften dieses heruntergekommenen Freizeitparks – früher einst das pompöse Disneyland – auseinanderzusetzen. Oder zu arm. Oft genug hatte es mir in den Fingern gejuckt, eines der kleineren Karussells in Gang zu bringen, aber das bisschen Strom, das wir dringend für zeitweise warmes Wasser, Licht und unsere Schiffe und Autos brauchten, durften wir nicht verschwenden.

Erst als Jules und ich den schwarzen Geländewagen erreicht hatten und eingestiegen waren, brach er sein mürrisches Schweigen.

»Und was sollen wir jetzt mit denen machen? Warten wir wirklich, bis Megan eintrifft?«, wollte er wissen, während ich das Auto startete. Der Motor schnurrte leise.

»Ja, wir warten, bis Megan kommt. Wir brauchen die Insassen. Mit den Rebellen sind wir vielleicht genug, um einen Angriff zu stemmen.«

»Wir haben ihn nicht mal stemmen können, als wir mit mehreren Rebellenlagern gleichzeitig die Zentrale angreifen wollten. Wieso sollten die vom Mars oder die Gefängnisinsassen etwas daran ändern?«

Keine Ahnung. »Lass das mal meine Sorge sein«, sagte ich stattdessen und starrte geradeaus durch die Windschutzscheibe, um mir nichts anmerken zu lassen. Wobei Jules wahrscheinlich auch das mit Gewissheit bemerkte. Ich war noch nie besonders gut darin gewesen, etwas vor ihm zu verbergen – einschließlich meiner Planlosigkeit, wie wir auf die Britischen Inseln kommen sollten, ohne erwischt zu werden.

»Max …«

»Was?«

»Wieso musst du immer die Drecksarbeit machen?«, fragte er mich zum millionsten Mal in den letzten zwei Jahren. »Wir haben alles versucht. Irgendwann reicht es doch, oder? Kann das nicht einfach mal wer anders machen?«

Ich schüttelte den Kopf und brachte den Wagen endlich ins Rollen. Ein Blick auf die Uhr und mir war klar, dass es eng werden könnte, wenn ich rechtzeitig beim Treffpunkt sein wollte.

»Wir haben Taissa«, antwortete ich auf die Frage, warum wir. Warum ich.

»Auch Taissa stößt irgendwann an ihre Grenzen«, erwiderte Jules, wobei seine Stimme einen wärmeren Ton annahm. Das fiel mir nicht zum ersten Mal auf, wenn wir auf meine beste Freundin zu sprechen kamen. Da lag etwas Beschützendes in seinen Worten.

Und ja, das machte mich skeptisch. Wenn die beiden in einem Raum waren, hagelte es meistens irgendwelche dummen Sprüche oder es herrschte eisiges Schweigen. Gerade am Anfang, als Taissa im Alter von zehn Jahren mit ihrer Familie ins Haus nebenan gezogen war, war es schlimm gewesen, weil Jules keine Lust gehabt hatte, mit einem Mädchen befreundet zu sein, das unsere Spiele nicht verstand. Dass er sich in Taissa getäuscht hatte, die nämlich sehr wohl eine würdige Spielpartnerin war, hatte seine fragwürdige Abneigung nur noch verstärkt.

Je älter wir geworden waren, desto kühler wurde aber ihr Verhältnis. Erst seitdem Taissa bei SoulSystems war, hatte ich den Eindruck, dass sie sich langsam annäherten, und es sogar Momente gab, in denen sie sich ganz gut aushalten konnten. Dass er hier aber gleich beschützend wurde, das war tatsächlich etwas unglaubwürdig.

»Aber so ist es nun mal. Irgendwann werden wir einen Weg finden. Und wer weiß? Vielleicht kommen wir mit Megan dort rein.«

»In Leichensäcken vielleicht«, murrte mein bester Freund, worüber ich nur lachen konnte. Auch wenn er recht hatte. Unser Plan war sowieso schon ziemlich wahnwitzig, dabei hatten wir jede Eventualität bedacht.

Nichtsdestotrotz konnte ich nicht anders, als ihm einen besorgten Blick zuzuwerfen, nachdem mein Lachen das einzige Geräusch war, das in der Stille des Wagens nachhallte.

»Seit wann bist du so pessimistisch, Jules?«

Er schnaubte. »Wir stehen seit zwei Jahren an derselben Stelle. Wir laufen auf derselben Stelle und das Einzige, was wir tun, ist irgendwie überleben. Angriffe abwehren. Überleben. Und irgendwann gibt man einfach auf.«

»Ich nicht«, sagte ich selbstsicher, aber inzwischen wusste ich nicht mal mehr, ob das nicht doch gelogen war.

Die meiste Zeit fuhren wir schweigend. Bis nach Luxemburg brauchten wir knapp drei Stunden, was die Uhr nicht besser machte. Ich hatte gehofft, wir würden vorher ankommen, aber als uns 02:39 angezeigt wurde, passierten wir gerade mal die Landesgrenze.

Jules rutschte unruhig auf seinem Sitz herum, sagte aber nichts. Auch mir war klar, dass Taissa vermutlich denken würde, wir hätten es nicht geschafft, und nicht mehr auf uns wartete. Mehr als einmal wünschte ich mir sie irgendwie erreichen zu können, aber Kontakt über Telefone oder Handys ging nicht. Es sei denn, wir wollten gleich den Löffel abgeben.

Je weiter wir uns jetzt dem Treffpunkt näherten, umso ungeduldiger wurde ich. Ich trommelte leise auf dem Lenkrad herum und wünschte mir, das Radio würde noch funktionieren. Vor ein paar Jahren hatte man ab und zu noch mal etwas empfangen, aber in letzter Zeit war nur noch ein leises, leeres Rauschen zu hören – von den Lautsprechern selbst.

Leider machte Jules keine Anstalten, das Schweigen zwischen uns zu brechen, und ich wusste auch nicht, was ich großartig sagen sollte. Wir hatten uns einfach schon zu viel über dieselben elendigen Themen unterhalten, aber da – wie er so schön sagte – unser Leben stillstand, gab es auch nichts, worüber man sich unterhalten könnte. Zumindest nichts, was der andere nicht schon wusste.

Mir entfloh ein Seufzen, als wir nach einer weiteren knappen Dreiviertelstunde Luxemburg erreichten. Taissa wollte sich mit uns am Rand der Stadt treffen, beziehungsweise mit mir, wofür ich Jules im Wagen zurücklassen und ein ganzes Stück zu Fuß bewältigen musste. Auch wenn ich jetzt schon eine halbe Stunde zu spät war und Taissa ganz sicher nicht mehr warten würde, verabschiedete ich mich schnell von Jules, nahm mir beim Verlassen des Wagens noch zwei Pistolen vom Rücksitz und schob sie in die Taschen meiner nicht mehr ganz so schönen Monturjacke, deren Stoff an den Ellenbogen dünner geworden war.

So oft hatte ich mir von Jules anhören müssen, wie leichtsinnig es war, Taissa zu treffen – aber er verstand es einfach nicht. So wirklich hatte er auch meine Freundschaft zu Taissa noch nie verstanden, was vermutlich aber daran lag, dass ich ihm nicht alles erzählt hatte. In seinen Augen konnten Männer nicht einfach mit einer Frau befreundet sein. Er hätte aber bestimmt seine Meinung geändert, wenn er gewusst hätte, welche Vergangenheit Taissa und mich verband.

Es war nicht verwunderlich, dass ich es ohne Zwischenfälle bis zum Treffpunkt schaffte. Schließlich war es mitten in der Nacht und sowieso war es in Luxemburg sehr ruhig. Die Menschen fühlten sich sicher, immerhin zählte das gesamte Land als gerettet. Deswegen war mir auch keine Menschenseele begegnet – auch nicht Taissa.

Meine Stimme der Vernunft wollte mich dazu bringen, zurück zu Jules zu gehen, damit wir wieder nach Paris fahren konnten. Mein schlechtes Gewissen aber veranlasste mich dazu, etwas Dummes zu tun, um Aufmerksamkeit zu erregen.

Jules und Taissa würden mich vermutlich einen Kopf kürzer machen, aber ich musste mit ihr reden. Manchmal hatte ich das Gefühl, sie war der einzige Mensch, der mich verstand und mich nicht ständig verbiegen und verurteilen wollte.

Entschlossen holte ich meine Pistolen hervor und begann meine Munition an einen Mülleimer zu verschwenden, der in etwa zwanzig Meter Entfernung die Straße runter stand. Wenn das nicht mindestens einen Bewohner in den Häusern weckte und ihm Angst einjagte, dann wusste ich es auch nicht. Jeder Schuss echote so dramatisch, dass sich schon eine erwartungsvolle Aufregung in mir breitmachte.

Dass ich damit provozierte, von Soldaten entdeckt und verhaftet zu werden, war nicht das erste Mal. Gerade wenn ich Taissa verpasst hatte, war es die letzte Möglichkeit, zu ihr zu kommen. Obwohl das gleichzeitig bedeutete, dass ich wohl ziemlich lebensmüde war. Aber für den Notfallplan hatte ich ja Jules. Sollte ich nicht zurückkommen, würde er mich schon irgendwie aus der Arrestzelle rausholen.

Es dauerte keine fünf Minuten, da sah ich schon von Weitem, wie sich ein Geländewagen näherte. Vorsichtig. Im Schritttempo. Fast so, als wäre ich wirklich gefährlich. Oder verrückt. Oder beides zusammen.

Um die ganze Sache leichter zu machen, hätte ich mir vielleicht etwas von Isabelles Schnaps mitnehmen sollen. Jetzt konnte man mir ganz sicher nicht mehr so viel Alkohol im Blut nachweisen, dass es irgendwie rechtfertigen könnte, wieso ich mitten in der Nacht einen Mülleimer als Zielscheibe benutzte.

»Lassen Sie die Waffe fallen!«, dröhnte es mit einem leisen Echo aus einem Lautsprecher des Wagens. »Hände über den Kopf!«

Innerlich grinste ich, doch ich ließ mir nichts anmerken, sondern tat widerstandslos das, was sie von mir verlangten. Ich schmiss meine zwei Pistolen auf den Boden – die zweite würden sie nämlich so oder so bei der Durchsuchung finden – und hob dann meine Hände, um sie hinter meinem Kopf zu verschränken.

Anfangs hatte ich mich noch gegen die Verhaftungen gewehrt, aber mir war relativ schnell klar geworden, dass es nichts brachte. Man provozierte die Soldaten damit nur, sich mit ihren Fäusten an einem auszutoben. Wenn man sich nicht wehrte und tat, was sie sagten, so landete man meist ohne blaue Flecken in einer Verhörzelle.

Und genau da wollte ich hin.

»Jetzt treten Sie die Pistolen weg und legen sich auf den Boden. Die Hände bleiben da, wo wir sie sehen können!«, befahl der Soldat über die Lautsprecher. Leider war es zu dunkel, als dass ich das Wageninnere hätte erkennen können. Zumal sie auch viel zu weit weg standen.

Ich widerstand dem Drang, genervt das Gesicht zu verziehen, und folgte ihren Anweisungen. Zuerst trat ich mit der Schuhspitze gegen die Waffen und beförderte sie so weit aus meiner direkten Umgebung, dass ich nur noch durch Telepathie rangekommen wäre. Dann kniete ich mich unterwürfig hin und ließ mich nach vorn gleiten. Die Hände behielt ich immer noch hinter dem Kopf verschränkt, auch wenn die Position nicht gerade bequem war. Der Asphalt lag kalt und nass an meiner Wange, dabei hatte es nicht mal geregnet.

Aufregung machte sich in mir breit, als ich im Augenwinkel erkannte, wie zwei Soldaten auf mich zukamen. Schneller, als ich begriff, packten sie mich an meinen Ellenbogen und rissen mich vom Boden.

Eine Beschwerde lag mir auf der Zunge, aber ich grinste nur dämlich in mich hinein, um wenigstens den benommenen Eindruck zu erwecken, ich wäre auf einem Trip. Passend dazu verzog ich nicht mal das Gesicht, als mir der Soldat den Scanner vor mein linkes Auge hielt und meine ID auslas. Sollte er das doch tun. Ich hatte nichts zu verbergen.

»Maxim Besson, Sie sind vorläufig festgenommen. Ihnen wird unerlaubter Waffenbesitz und Ruhestörung vorgeworfen. Nach Paragraph 12 Absatz b besteht bei Ihnen der Verdacht auf Anstiftung zu Straftaten, insbesondere Meuterei.«

Waffenbesitz, Ruhestiftung, Meuterei, das übliche Blabla. Aber – Moment mal. Meuterei? Und verdammt … hatte er gerade wirklich meinen echten Namen ausgesprochen?

KAPITEL 2

Ella

Lou. Einfach nur Lou. Kein »Hey, ich weiß nicht, was hier los ist, lass es uns herausfinden«, sondern bloß der Name seiner verstorbenen Freundin. Dass er sich mit diesem Namen an mich gerichtet hatte, sickerte nur langsam in meinen Verstand. Ich fühlte mich wie gelähmt, versuchte aber gleichzeitig zu begreifen, was das alles bedeuten sollte. Nur leider konnte ich das nicht.

Es könnten gerade Sekunden, Minuten, Stunden vergehen und ich würde immer noch nicht begreifen, wieso dieses Mädchen aussah wie ich und wieso River mich ansah, als würde sein ganzes Weltbild zerbrechen.

Was sollte ich darauf erwidern? Was wollte er von mir hören? Warum hatte er diesen Namen gesagt, Herrgott noch mal?

Plötzlich schien River zu begreifen, dass er von mir keine Antwort bekommen würde, denn er wandte sich wieder an das Mädchen, das inzwischen einen Schritt von Jordan weggetreten war. Oder war Jordan von ihr weggetreten?

»Wer bist du?«, kam es heiser über Rivers Lippen und ich spürte die Verzweiflung in seinen Worten.

Das Mädchen beachtete ihn überhaupt nicht, sondern starrte mich nach wie vor an, als könnte das irgendetwas an der Situation ändern.

Mein Puls hämmerte unruhig in meinen Ohren und versuchte wohl meine eigenen Gedanken zu überdecken, aber das schaffte er nicht. Das tat nur River.

»Wer zur Hölle bist du?!«, schrie er auf einmal das Mädchen an, das daraufhin zusammenzuckte und endlich den Blick von mir löste.

Ich keuchte. Wenn ich tatsächlich gehofft hatte, sie würde von der Seite nicht mehr so aussehen wie ich, dann hatte ich mich getäuscht. Ihr ganzer Körper bewegte sich so wie meiner. Voller Ungeduld und Angst, was sie antworten würde, wartete ich genau darauf, während sich meine Finger an das Geländer der Empore klammerten.

»Emilia«, antwortete sie monoton. Sie hatte meine Stimme. »Aber das ist nicht mein richtiger Name.«

»Und wie ist dein richtiger Name?«, forderte er die Antwort ein. Selbst von hier aus konnte ich erkennen, wie schnell sich seine Brust hob und senkte.

»Ich weiß es nicht.« Das Mädchen drehte sich wieder zu Jordan um. »Aber du. Du bist Jordan und wir … Erkennst du mich wieder? Weißt du, wer ich bin?«

Hilflos wandte sich Jordan an mich, aber ich begriff es nicht. Sie kannte ihn? Woher? Und wieso wusste sie nicht, wie sie wirklich hieß?

Noch bevor Jordan antworten konnte, mischte sich River wieder ein. »Zeig mir deine Handgelenke!«, befahl er ihr. »Bist du eine Insassin?«

Emilia schob widerstandslos ihre Ärmel hoch, aber ich konnte von hier aus nicht erkennen, was River dort zu sehen hoffte. Irgendetwas musste aber dort sein, denn er trat plötzlich einen Schritt zurück und fuhr sich aufgebracht durch die Haare.

»Ja«, antwortete Emilia. »Max hat mich vor ein paar Wochen aus dem Gefängnis geholt.«

»Verfluchte Scheiße«, stieß Jordan hervor.

Ich wartete darauf, dass mir irgendwer mal erklären würde, was hier los war, aber ich hatte die Befürchtung, dass das nicht passieren würde.

Wieder richtete Emilia das Wort an Jordan. »Du kennst mich doch noch, oder? Haben sie dich auch verhaftet?« Sie berührte ihn, legte ihre flache Hand an seine Brust. »Ich dachte, ich würde dich nie wiedersehen, Jordan.«

»Sie haben mich nicht verhaftet«, antwortete er ausweichend und da Emilia mir den Rücken zuwandte, sah ich ihre Reaktion nicht.

»Woran erinnerst du dich?«, bohrte River nach, wobei sein Gesicht so verschlossen blieb, dass ich nicht lesen konnte, was in ihm vorging. Ich schaffte es auch nicht, ihn auf mich aufmerksam zu machen. Ich fand meine Stimme nicht.

»An ihn«, antwortete sie, den Blick auf Jordan geheftet. »Ich erinnere mich an dich. An deine Augen, an deine Stimme. Ich erinnere mich daran, wie wir im Wald am See waren und uns geküsst haben. Hinter irgendwelchen Büschen, weil uns niemand sehen durfte.«

Weil sie niemand sehen durfte? Wie sie sich geküsst hatten? Wollte er mich auf den Arm nehmen?

Jordan blinzelte, war aber unfähig, etwas zu sagen. Das waren wir eindeutig schon zu zweit.

Stattdessen ergriff River wieder das Wort. »Wie lange ist es her, seit du festgenommen wurdest?«

»Ein Jahr«, sagte sie. »Ungefähr. Wenn wir Max fragen, kann er bestimmt etwas Genaueres sagen.«

Irgendetwas an Emilias Worten schien River so getroffen zu haben, dass schlagartig alles Blut aus seinem Gesicht wich. Die Art und Weise, wie sein Körper verkrampfte, versetzte mich in Alarmbereitschaft und ließ mich wieder daran denken, dass er mich Lou genannt hatte. Die Hoffnung, die dabei in seiner Stimme mitgeschwungen war, stach mir mitten in die Brust.

»River, kannst du mir …«, begann ich, unterbrach mich aber selbst, als ich sah, wie er zusammenzuckte und zurückschreckte, als könnte er meine Stimme nicht ertragen. Das konnte ich ehrlich gesagt selbst kaum.

Erst als sich River plötzlich in Bewegung setzte und dabei fast eines der Mädchen umrannte, die hier immer noch rumstanden, erwachte wieder etwas Leben in mir.

»River!«, rief ich ihm hinterher, aber er ignorierte mich.

Stattdessen drückte er sich an den Mädchen vorbei und verschwand durch die offen stehende Tür.

Genauso wie Jordan und Emilia sah ich ihm wie erstarrt hinterher, doch dann fand ich mich auf einmal im dunklen Korridor wieder, um zum Ausgang zu laufen. Der Klang meiner Schritte hallte von den Wänden, mein Herz wummerte bei jeder Erschütterung schmerzhaft in meiner Brust. Aber trotzdem lief ich weiter.

Ich war so durcheinander, dass ich nicht begriff, was dieses Gespräch gerade zu bedeuten hatte. Oder vielleicht wollte ich es einfach nicht wahrhaben?

Emilia. Ihr Verhalten war so eindeutig, dass ich nicht die Augen davor verschließen konnte. Allein wie sie Jordan angesehen hatte, wie vertraut sie ihn berührt hatte. Und dann auch noch ihre Worte.

Es bestand kein Zweifel daran, dass sie in ihn verliebt war. Dass sie so aussah wie ich, machte die Sache nur komplizierter. Schließlich war ich diejenige, die mit Jordan zusammen gewesen war. Ich hatte Jordan heimlich hinter Büschen geküsst, heimliche Berührungen ausgetauscht und mich in ihn verliebt. Mir waren seine Berührungen vertraut. Alles deutete darauf hin, dass sie ich war – dass sie diese Momente ebenfalls erlebt hatte. Aber wie sollte das möglich sein?

Als Antwort darauf tauchte das Bild meines Vaters vor meinem inneren Auge auf. Wie er mich zu SoulSystems gezerrt hatte, damit sie mein Gedächtnis manipulieren konnten. Es war so einleuchtend. So logisch. Und dennoch völlig unglaubwürdig. Abgedreht. Unfassbar. Unmöglich. Vor allem, dass mir das passieren sollte.

Ich stolperte, als ich blind die Treppe vom Schloss auf den Gehweg hinunterhastete, in der Hoffnung, River einholen zu können. Aber wo war er? War er denn überhaupt hinausgelaufen?

Frustriert presste ich die Lippen aufeinander, um nicht loszuschreien. Es wäre bestimmt besser, wenn ich wieder reingehen und mit dieser Emilia reden würde, doch ich konnte River jetzt nicht einfach so gehen lassen. Irgendetwas stimmte nicht mit ihm, stimmte nicht daran, dass er mich Lou genannt hatte – und ich musste herausfinden, was es war. Ich musste für ihn da sein, denn so wie er reagiert hatte, machte ich mir Sorgen.

Keine Ahnung, wann ich zu weinen angefangen hatte, aber während ich über das Gelände von Disneyland irrte und Rivers Namen rief, liefen Tränen über mein Gesicht. Meine Stimme war kratzig und ich atmete viel zu schnell, aber dennoch suchte ich weiter. Ich ließ mich von meinen Gefühlen leiten, ließ meinen Körper die Kontrolle übernehmen.

Wenn Emilia ich sein sollte, wenn es stimmte und sie erst vor einem Jahr verhaftet worden war – allem Anschein nach wegen Jordan –, dann musste ich ihr Leben übernommen haben. Aber wie hätte das denn funktionieren sollen? Sie sah genauso aus wie ich, hatte die gleiche Stimme … Ich war doch in Jordan verliebt gewesen. Das war alles ich gewesen.

Ich erinnerte mich noch genau daran, wie wir kleine Berührungen ausgetauscht hatten und wie aufregend es gewesen war, weil wir nicht tun durften, was wir taten. Hätte man uns erwischt, wären wir verhaftet und von der Kolonie verstoßen worden, aber … war vielleicht genau das der Fall gewesen?

Offensichtlich, denn sonst würde Emilia nicht behaupten, man hätte sie verhaftet und sie wäre in Jordan verliebt.

Als ich es plötzlich knallen hörte, blieb ich stehen und sah mich in alle Richtungen um. Ich hatte zwar aufgehört zu weinen, aber meine Wangen waren immer noch tränennass. Intuitiv wischte ich mir durchs Gesicht, doch als ich den Ursprung des Knalls ausmachen konnte, hielt ich inne.

In einigen Metern Entfernung kniete eine dunkle Gestalt auf der Wiese. Neben ihr ragte eine flackernde Straßenlaterne in die Höhe, die der Ursprung des Knalls gewesen sein musste. Obwohl ich die Person am Boden nicht sofort erkennen konnte, sprach die gekrümmte Haltung für sich.

Ohne zu zögern, ging ich auf ihn zu, wobei mein Herz bei jedem Schritt leichter und gleichzeitig tonnenschwer wurde. Ich war erleichtert, dass ich ihn gefunden hatte, aber gleichzeitig hatte ich Angst davor, mit ihm zu reden. Mir anzuhören, was das mit Lou bedeuten sollte. Was das alles bedeuten sollte.

Aber ich hatte keine andere Wahl.

KAPITEL 3

River

Mein Innerstes fühlte sich an, als würde man mir jegliches Leben ausquetschen. Mir die Luft zum Atmen verweigern. Ein Gewicht auf den Brustkorb pressen.

Ich hatte keine Ahnung, wie ich es überhaupt von Ella weggeschafft hatte, raus aus dem Schloss und in diesen Freizeitpark, während meine Umgebung zu einem einzigen schwarzen Schleier verschwommen war.

Es konnten Stunden, vielleicht auch nur Minuten, vergangen sein, als ich jemanden hinter mir auf die Wiese treten hörte. Obwohl das Geräusch leise war und nur vom Wind zu mir getragen wurde, war es wie eine Explosion direkt neben meinem Ohr. Weil ich mir nur zu bewusst war, dass es sich um Ella handelte.

Allein ihre Umrisse in dem schwachen Licht der Laterne neben mir zu sehen, war die Hölle. Ihre Silhouette brannte sich in meine Netzhaut. Selbst als ich die Augen schloss, sah ich sie.

Aus gottverdammter Angst, sie würde näher kommen, mich anfassen, mich noch mehr verwirren, mich noch tiefer in das Loch drücken, warf ich ihr einen warnenden Blick über die Schulter zu. »Geh wieder«, verlangte ich barsch und darum bemüht, weiter zu atmen. »Ich will nicht mit dir reden.«

»Du musst aber«, hörte ich sie sagen, was sämtliche Mauern in mir zum Beben brachte. Vor Wut und vor Verzweiflung.

Ich presste die Zähne aufeinander, um nicht loszubrüllen. »Nein.«

»River …«, fuhr sie fort.

Ich hörte, wie das Gras raschelte. Sie kam näher.

Ich sprang auf, in der Hoffnung, dass ich mir Ella nur eingebildet hatte. Meine Schultern waren zum Zerreißen gespannt, was mir vor allem aufgrund meiner alten Schussverletzung leichte Schmerzen bereitete. Schmerzen, die aber nichts im Vergleich zu dem waren, was gerade in mir vorging. Dass meine rechte Hand zitterte, bekam ich kaum mit.

Was sollte ich tun? Mich umdrehen? Wegrennen? Immer wieder wegrennen? Vor etwas, vor dem ich nicht fliehen konnte?

Mit geschlossenen Augen ließ ich meinen Instinkt entscheiden. Ich tat es nicht oft, weil es in der Vergangenheit dazu geführt hatte, dass ich die dadurch entstandenen Entscheidungen abgrundtief bereute – aber jetzt hatte ich einfach keine Kraft, nachzudenken.

Als ich die Augen öffnete, wurde mir bewusst, dass ich mich zu Ella gedreht hatte. Was auch immer sie in meinem Blick lesen konnte, es brachte sie dazu, stehen zu bleiben und sich mir nicht mehr zu nähern. Das war der Zeitpunkt, in dem es aus mir herausbrach.

»Was soll diese abgefuckte Scheiße? Wer bist du?«, knurrte ich unbeherrscht und baute mich vor ihr auf.

Ihr in die Augen zu sehen, war wie pures Gift. Ich konnte meine eigenen Emotionen in ihren Zügen ablesen, in dem Glanz ihrer graublauen Augen, der nichts als völlige Überforderung widerspiegelte. Ella öffnete den Mund, ohne etwas zu erwidern.

Ich konnte nicht sagen, ob die Tatsache, dass sie überhaupt nichts sagte oder dass sie es offensichtlich nicht wusste, mich dazu bewog, den erstickten Laut zu unterdrücken, das Gesicht zu verziehen und von ihr wegzutreten.

Ich musste wieder Abstand zwischen uns bringen, auch wenn es nicht das war, was ich wollte. Aber ich konnte auch nicht mehr in ihrer Nähe sein. Sie ansehen. Sie spüren, ohne zu wissen, wer sie war.

Dabei gab es nur eine einzige Möglichkeit. Denn dieses Mädchen, das wir im Schloss mit Jordan zurückgelassen hatten, war Ella. Sie war Elizabeth Raphael. Sie erinnerte sich an Jordan, mit dem sie zusammen gewesen war, bevor man sie offensichtlich in eine Mine gesteckt hatte. Es gab überhaupt keinen Zweifel daran!

Aber ich wollte nicht wahrhaben, dass diese »Ella« vor mir jemand anderes war. Jemand, den ich geglaubt hatte für immer verloren zu haben.

»Verschwinde«, brachte ich schwer atmend hervor. »Und lass mich in Ruhe.«

Als die Worte raus waren, glaubte ich, dass sie gehen würde. Noch nie hatte ich mich einem Mädchen, das mir etwas bedeutete, so feindselig gegenüber verhalten. Ich war aber auch nie zur selben Zeit so am Boden zerstört, wütend, verwirrt, hoffungsvoll und misstrauisch gewesen.

Und die Mischung war beschissen. Denn leider beherrschte sie mich von Sekunde zu Sekunde mehr. Statt wegzulaufen, statt das Richtige zu tun und zu verschwinden, drehte ich mich wieder langsam zu Ella um.

Sie hatte sich immer noch keinen Zentimeter bewegt und starrte mich an. Wie Pfeile schoss mir ihr Blick entgegen. Hilflos. Das war das Erste, was mir einfiel.

Dann dachte ich an das Mädchen zurück, das auf dem Mars in mich hineingerannt war. Sie war pitschnass gewesen, weil es geregnet und sie keinen Schirm gehabt hatte. Ihr das erste Mal in die Augen gesehen zu haben – Ella angesehen zu haben –, hatte etwas in mir ausgelöst, das ich immer noch nicht begriffen hatte.

Ella war anders. Sie hätte an diesem Abend um Hilfe schreien können. Sie hätte mich verraten können, aber das hatte sie nicht. Auch nicht, nachdem sie wusste, wer ich war und was ich vorhatte.

Bei diesem Gedanken ballten sich meine Fäuste. Mein dummes Gehirn, das verzweifelt nach Antworten suchte, wer dieses Mädchen war, legte ein paar Schalter in mir um. Es legte meine Motorik lahm, steuerte mich auf Ella zu, bis ich nur noch einen Schritt von ihr entfernt war und auf sie hinabsah.

Mein Puls raste. Mein Atem stand still.

»Haben sie dich eingeschleust, damit du … damit du uns kontrollierst?«, wollte ich mühselig beherrscht wissen. »Arbeitest du jetzt für die Bastarde?«

Ella blinzelte mich mehrmals an, wobei sich ihre schockierte Miene kaum veränderte. »Denkst du, ich bin ein Spion?«

»Offensichtlich will ich darauf hinaus«, kam es kühl über meine Lippen. Aber wenn sie die war, für die ich sie hielt … dann durfte sie nicht sehen, wie es in meinem Inneren aussah.

Sie war eine Verräterin – zumindest wollte ich es mir einreden. Es war für mich die einzige zu verkraftende Möglichkeit. Dabei wusste ich es besser.

Ella – oder wie auch immer ich sie jetzt nennen sollte – schüttelte fassungslos den Kopf. Ihre graublauen Augen waren weit aufgerissen und begegneten mir mit Unglauben. »Bin ich nicht …«, wehrte sie sich schwach. »Ich bin keine –«

»Was bist du dann?«, unterbrach ich sie knurrend und hasste mich einen Moment selbst dafür, dass sie vor mir zurückschreckte. »Wer bist du, verdammt?«

»Ella«, kam es schnell über ihre Lippen. »Ich bin Ella.«

»Nein, das bist du nicht. Das kannst du nicht!«

Haareraufend trat ich selbst einen Schritt von ihr zurück und konnte nicht anders. Ich holte mit der Hand aus und ließ meine Faust gegen den Mast der Straßenlaterne krachen. Binnen eines Augenblicks explodierte ein brennender Schmerz in meinen Knöcheln und erfasste rasend schnell meinen gesamten Arm.

Ich zischte irgendeinen Fluch. Nicht nur wegen des Schmerzes, sondern auch wegen dieser ganzen Scheißnummer. Ich blendete Ellas Stimme aus, als sie irgendetwas über meine Hände und die aufgeplatzte Haut an den Knöcheln faselte.

Was noch so eine Sache war. Schmerzen. Verletzungen. Wieso machte ihr all das nichts aus? Wieso heilte ihre von einem Streifschuss zerfetzte Haut, ohne eine Narbe zu hinterlassen, während ich immer noch mit den Folgen meiner Schussverletzung zu kämpfen hatte?

Und wenn wir schon bei den ganzen ungeklärten Fragen waren: Wieso erinnerte diese Emilia sich an Jordan? Wieso war sie vor einem Jahr verhaftet worden? Vor einem Jahr … zu der Zeit, in der Lou getötet worden war.

Auch wenn meine Hände brannten, raufte ich mir die Haare. Der Schmerz hatte eine betäubende ablenkende Wirkung – und trotzdem war da dieses Loch in mir. Ein Loch, das ich seit Lous Tod nie hatte stopfen können. Ella hatte es eine Zeit lang abgedeckt, aber die Gefahr, doch wieder hineinzufallen, hatte immer bestanden. War es jetzt so weit? War ich in die Falle getappt?

»River«, flüsterte sie schließlich. Dicht hinter mir. Zu dicht. »Wieso hast du mich Lou genannt?«

Ich stieß gepresst die Luft aus, die ich, ohne es zu merken, angehalten hatte – und dann lachte ich. Es war total abgefuckt und unpassend, aber da war dieses Kribbeln tief in meinem Inneren, das rauswollte und das Lachen mitnahm. Ich wusste nicht mal, dass ich in der Lage war, hysterisch zu lachen – aber ich tat es.

»Vielleicht, weil du Lou bist?«, fragte ich, dabei war es keine Frage. Es war eine gottverdammte Tatsache.

Ella schüttelte heftig den Kopf. »Nein«, widersprach sie mit überraschend fester Stimme. »Ich bin nicht Lou. Wie soll das denn gehen? Ich kann nicht sie sein!«

Mein Lachen verblasste schlagartig. »Und wieso nicht? Weil bei SoulSystems auch alles so mit rechten Dingen zugeht, oder was?«

Ich wusste nicht, wer sie war. Was sie war. Welches Ziel sie hatte. Sie konnte Lou sein. Sie konnte Ella sein. Sie könnte ein verdammter Spion sein! Was, wenn ich einfach zu blind gewesen war, um das zu erkennen? Ihr Vater war der Chief Deputy der Lincoln-Sternkolonie! Wieso sollte ausgerechnet sie – die Tochter einer hochrangigen Persönlichkeit – das System stürzen wollen? Dabei war sie anscheinend nicht mal sein Fleisch und Blut.

Ein Teil von mir, der zu oft belogen worden war, der, der SoulSystems abgrundtief hasste, wollte das Mädchen vor mir für alles Geschehene verantwortlich machen. Lous Tod, meine Panikattacken, meine Schussverletzung. Ich wollte sie so gerne für die Machenschaften von SoulSystems verantwortlich machen. Aber das bisschen, das von meinem Verstand noch übrig war, wusste, dass es Bullshit war.

Sie war keine Verräterin.

»Aber … wie kann ich sie sein? Du hast gesagt, sie wurde erschossen.«

Als würde sie mir beweisen wollen, dass sie nicht Lou war, hob sie ihr T-Shirt und gab die Sicht auf ihren Bauch frei. Automatisch stellte ich mich darauf ein, irgendetwas zu sehen – eine Narbe, ein heller Schimmer auf sonnengebräunter Haut. Aber da war nichts. Wie auch? Offensichtlich konnte ihr nichts etwas anhaben.

Unter diese wiederholte Erkenntnis mischte sich das Bild von Lou. Wie sie blutüberströmt auf dem Boden zwischen all den Maispflanzen lag. Ich hatte genau gesehen, wie das Licht in ihren Augen immer dunkler geworden war.

Irgendetwas brach in meinem Inneren, was mich nicht länger auf den Beinen halten konnte, und zwang mich in die Knie. Ein Gewicht lastete auf mir, stärker denn je. Doch wieso eigentlich? Sollte ich mich nicht freuen, dass sie lebte? Dass sich Lou direkt vor meiner Nase befand? War es nicht das, was ich die ganze Zeit über gewollt hatte? Das Leben mit ihr?

Vor ein paar Wochen hätte ich diese Fragen, ohne zu zögern, mit Ja beantwortet. Jetzt versetzte mich allein der Drang, diese Frage beantworten zu müssen, in Panik. Ich brauchte mir nichts vorzumachen, denn mir war nur zu bewusst, wieso das so war. Wieso ich das Gefühl hatte, nicht mehr richtig atmen zu können.

Ella. Durch sie hatte ich angefangen, Schritt für Schritt mit Lou abzuschließen. Je mehr ich mich an Ella gewöhnte, je mehr Gefühle ich für sie entwickelte, desto stärker verblasste Lou.

Ich krallte meine Hände in das feuchte Gras. Dreck schob sich unter meine Fingernägel, kleine Steinchen bohrten sich in meine Haut. Es ließ mich den Schmerz spüren, den ich meinen aufgeplatzten Knöcheln zu verdanken hatte.

»Du bist Louisa«, brachte ich schließlich unter brechender Stimme hervor. Das letzte Mal, dass das passiert war, war ein Jahr her. Dass ich tatsächlich beschissene Tränen in den Augen hatte. »Keine Ahnung, wieso, und keine Ahnung, wie. Aber du bist es. Du siehst fast genauso aus wie sie.«

»Was?« Dieses Wort war nicht mehr als ein Hauchen.

Ich sah hoch und Ella direkt in die Augen. Die Worte auszusprechen – ihr die ganze Wahrheit über Lou zu sagen – ließ mich schwer atmen. »Du siehst aus wie sie. Fast. Vielleicht haben sie dich … vielleicht haben sie Lous Gesicht an das der echten Ella angepasst.«

Sie starrte mich mit einem undefinierbaren Blick an. »Ich sehe aus wie Louisa.«

»Du bist Louisa«, beharrte ich, doch als Konsequenz darauf trat Ella einen Schritt zurück.

»Ich bin nicht Louisa.«

»Doch, du –«

»Nein!«, schnitt sie mir das Wort ab. »Vielleicht hast du recht. Vielleicht ist dieser Körper sie, aber ich bin es nicht!« Zur Verdeutlichung ihrer Worte legte sie ihre Hand auf die Brust. »Ich weiß nicht, ob du … ich …« Ella trat wieder einen Schritt zurück und verzog das Gesicht. »Warum?«

»Keine Ahnung«, gab ich zu und versuchte dabei, den Schmerz unter meinen Rippen zu ignorieren. Es klappte nicht besonders gut. »Vielleicht hatten sie es damals auf dich abgesehen, weil sie einen Ersatz für die echte Ella gesucht haben. Wenn sie wegen Jordan verhaftet –«

»River, ich meinte nicht, warum Lou«, unterbrach sie mich erneut, dieses Mal wütender als zuvor. Und verletzt. Ich sah es genau in ihren Augen, in denen Tränen glitzerten. »Ich meinte, wieso ich.«

Verwirrt sah ich sie an und löste meine Hände aus der Erde. Dennoch blieb ich vorsichtshalber sitzen.

»Wieso ich, River? Warst du nur mit mir zusammen, weil ich aussehe wie sie?«, wollte sie wissen – und traf damit ins Schwarze.

Wobei, stimmte das überhaupt? Anfangs war es genau der Grund gewesen, wieso ich mich von ihr fernhalten wollte. Allein der Versuch war lächerlich gewesen … es hatte mich schon immer zu ihr gezogen. Weil sie gefährlich war und weil ihre Nähe mir guttat.

Dennoch sah sie aus wie Lou … Ich konnte nicht leugnen, dass es keine Rolle gespielt hatte. Ich konnte nicht leugnen, dass ich mich dafür selbst verabscheute – denn all das war jetzt nicht mehr wichtig. Die äußere Ähnlichkeit der beiden bedeutete mir schon lange nichts mehr.

»Lou … ich –«

»Nenn mich nicht so!« Sie trat wieder einen Schritt zurück und verschränkte abwehrend die Arme vor der Brust. »Ich bin immer noch Ella. Und ich habe recht, nicht wahr? Es ging dir die ganze Zeit um sie.«

Ich konnte ihr darauf nicht antworten, auch nicht, dass ich sie nicht mit Lou angesprochen hatte, sondern zu einer Erklärung ansetzen wollte. Es war schon schlimm genug, dass ich mir selbst auf jede erdenkliche Art und Weise das Herz herausriss, da musste ich mit Ella nicht dasselbe machen.

Aber nicht zu antworten war gleichzeitig Antwort genug und hatte denselben Effekt. Ella schüttelte den Kopf und entfernte sich noch weiter von mir. Physisch wie emotional.

Es wäre das Beste gewesen, wenn ich sie einfach gehen lassen würde, um selbst erstmal wieder klarzukommen. Aber allein zu sehen, wie sehr ich sie mit meinen Worten verletzt hatte, zu sehen, wie sie sich von mir abwandte, konnte ich gerade nicht ertragen.

Ich handelte aus purem Egoismus. Es war mir egal, was dahintersteckte. Wieso, weshalb, warum. Ich konnte nicht darüber nachdenken, wer dafür verantwortlich war, dass aus Lou Ella geworden, geschweige denn begreifen, was für ein perfider Plan das gewesen war.

Aber ich konnte eins tun. Ich stand auf, setzte ihr schnell hinterher und hielt sie am Handgelenk fest. Ich drehte sie zu mir herum und sah zu, wie sich eine Träne aus ihrem Augenwinkel stahl, die meine Welt mehr und mehr zertrümmerte.

Ella riss sich los. »Lass mich!«, fuhr sie mich an und schlug nach mir. Genauso wie vor ein paar Wochen am See. Es fühlte sich inzwischen so an, als wäre es eine Ewigkeit her, dabei hatte ich das Bild noch genau vor Augen.

Sie trat von mir weg.

»Bitte warte!« Ich griff erneut nach ihrem Arm, aber wieder entzog sie sich mir.

Sie drehte sich nicht mal um, sagte nichts mehr, sondern entfernte sich mit wenigen Schritten so schnell von mir, dass mir keine Sekunden blieben, um meine Entscheidung noch mal zu überdenken.

Wieder ging ich ihr hinterher. Sie hatte mich schon immer wie ein verdammter Magnet angezogen und ich hatte nicht das Gefühl, dass es dieses Mal anders war. Aber dieses Mal verlor ich die Beherrschung. Wut und Verzweiflung waren nicht mehr zu unterscheiden, denn als ich Ella erreichte, wusste ich nicht, welche Emotion dafür verantwortlich war, dass sie plötzlich auf dem Boden unter mir lag.

Mit meinen Armen rechts und links neben ihrem Körper abgestützt, drückte ich sie fest ins Gras, als sie versuchte unter mir wegzurobben. Der verzweifelte Wunsch, die Zeit ein paar Stunden zurückzudrehen, zurück auf das Raumschiff, wo alles noch gut gewesen war, minderte meine Wut ein wenig.

»Was soll das?«, presste sie angestrengt hervor, während sie sich unter mir wand und mit ihren Knien versuchte mich von sich zu stoßen. Aber ich rührte mich keinen Millimeter.

»Geh nicht«, entfuhr es mir, was alles noch schwerer machte. Schmerzhafter.

Ella funkelte mich an. »Wieso nicht? Erwartest du jetzt von mir, dass ich für dich deine tote Freundin spiele?«

Ihre Worte glichen einem Tritt unter die Gürtellinie. Vielleicht hatte sie inzwischen aber auch tatsächlich einen Treffer mit ihrem Knie versenkt. Egal ob nur verbal oder nicht, ich hatte es dennoch verdient und konnte sie auch verstehen. Schließlich war ich mir der grausamen Tatsache bewusst, dass es sich bei dem Mädchen, in das ich mich verliebt hatte, zum Teil auch um Lou handelte. Zumindest um ihren Körper.

Dennoch schüttelte ich den Kopf. »Nein, das erwarte ich nicht, aber –«

»Sag einfach nichts, okay?«, zischte sie. »Geh runter von mir.«

»Ella«, setzte ich erneut an, aber wieder unterbrach sie mich, indem sie ein Schnauben ausstieß.

»Ach, jetzt bin ich auf einmal wieder Ella.«

Ich überhörte das. »Kannst du mich nicht wenigstens ein bisschen verstehen?«, wollte ich von ihr wissen und versuchte sie dazu zu bringen, mir in die Augen zu sehen, aber sie konzentrierte sich auf alles andere, nur nicht auf mich.

Stumm schüttelte sie den Kopf, schloss aber ihre Augen und seufzte. Sie verstand mich. Ich wusste es.

»Was ich im Raumschiff zu dir gesagt habe, war nicht gelogen«, beharrte ich, fragte mich aber gleichzeitig, wieso ich das überhaupt tat.

Konnte ich ihr denn noch vertrauen, jetzt, wo noch deutlicher war, dass SoulSystems in ihrem Kopf herumgepfuscht hatte? Geschweige denn mir selbst?

»Trotzdem kannst du nicht abstreiten, dass du Lou noch liebst, oder?«

Mir gefror die Mimik. Sie verstand überhaupt nichts. Weder mich noch die ganze Situation. »Ich kann es nicht einfach abschalten. Denkst du nicht, das hätte ich die ganze Zeit über versucht?«

Sie erwiderte nichts darauf. Und das machte mich noch wütender.

»Weißt du was? Denk doch einfach, was du willst. Ich habe sowieso keinen Schimmer, wer du überhaupt bist. Wer weiß? Vielleicht bist auch du diejenige, die mir die ganze Zeit etwas vorgemacht hat.«

»Ich soll dir etwas vorgemacht haben?«, schnaubte sie.

Ich beugte mich näher zu ihr. Auch wenn sich mein Puls beschleunigte, tat er es nicht nur, weil ich mir schmerzlich wünschte, die ganze Nummer einfach zu vergessen. Nein, sondern auch, weil ich wütend war. Auf Ella, auf Lou, auf mich selbst. Niemals hätte ich gedacht, ihr wieder so nah sein zu können – gleichzeitig war sie weiter von mir entfernt als jemals zuvor.

»Ja«, sagte ich und schluckte. »Wer weiß, was die dir in den Kopf gepflanzt haben. Oder was sie mit dir gemacht haben. Dir machen Verletzungen nichts aus. Für mich scheint das so, als wollten sie nicht, dass dir etwas passiert.«

Erst nachdem ich es laut ausgesprochen hatte, wurde mir bewusst, dass diese Theorie nicht abwegig war.

Ella anscheinend ebenso, denn sie presste ihre Lippen aufeinander. »Das Ganze macht mir genauso Angst, River! Es passiert nämlich nicht dir, sondern mir!«, fuhr sie mich zornig an und wand sich unter mir. »Ich habe gerade herausgefunden, dass mein ganzes Leben eine Lüge war! Dass sich irgendwelche Größenwahnsinnigen an meinen Erinnerungen zu schaffen gemacht haben, damit ich ein Leben lebe, das eigentlich nicht mir gehört! Was denkst du, wie sich das anfühlt?«

Ihre Wut löschte meine aus. Komplett. »Keine Ahnung.«

»Das war eine rhetorische Frage!« Sie stieß ihre Ellenbogen gegen meine Arme, aber ich rührte mich immer noch nicht. »Wenn es dir nur darum geht, ob noch irgendwas von deiner Angebeteten übrig ist – ist es nicht. Und jetzt wäre ich dir sehr verbunden, wenn du mich loslässt, damit ich mich um meinen und du dich um deinen Kram kümmern kannst.«

»Woher willst du wissen, dass nichts mehr übrig ist?«, fragte ich, schaffte es aber nicht rechtzeitig, mir auf die Zunge zu beißen. Sehr einfühlsam, wirklich.

»Ich weiß es einfach«, schnaubte sie.

»Woher? Was, wenn doch noch was übrig ist, wenn –«

»Hörst du dir gerade eigentlich selbst zu?«, knurrte sie und brannte ihren zornigen Blick in meinen.

»Ich gehe nur die Optionen durch. Und wenn sie dir irgendwie Erinnerungen von Emilia eingeflößt haben, dann sind doch auch irgendwo noch Lous.«

»Sie ist tot«, kam es daraufhin so kühl über ihre Lippen, dass mir erst jetzt klar wurde, wie ich gerade geklungen hatte. Unsensibel. Verzweifelt.

»Nein, ist sie nicht.«

»Doch«, widersprach sie mir. »Deine Lou ist tot. Und sie wird nicht wiederkommen. Akzeptiere das.«

Ich konnte nicht widersprechen. In Ellas Augen war sie tot. In meinen nicht unbedingt. Sie schlief nur. In Ellas Kopf. Und jetzt, da ich wusste, dass sie noch da drin sein musste … wie sollte ich damit leben?

Das Schlimmste daran war, dass es mein Inneres zerfetzte. Es in Stücke riss. Lou war das Mädchen gewesen, mit dem ich den Rest meines Lebens verbringen wollte. Für sie hatte ich gegen das Gesetz verstoßen und wollte mich einer Rebellengruppe anschließen, damit wir zusammen sein konnten. Dieses Mädchen war die Liebe meines Lebens gewesen.

Aber jetzt gab es auch Ella. Lous Körper, aber eine andere Seele. Ich hatte Gefühle für sie, die ich nicht leugnen konnte. Gefühle, die mir ein schlechtes Gewissen Lou gegenüber verursachten.

Ella hatte mich aus meinem Loch geholt. Mehrmals. Ihr hatte ich es zu verdanken, dass ich immerhin versucht hatte, mit Lous Verlust klarzukommen. Wie sollte die ganze Geschichte enden, ohne dass ich einen von uns komplett zerstörte?

KAPITEL 4

Ella

River antwortete mir nicht mehr, wandte aber auch den Blick nicht von mir ab. Ich hätte es gern getan, denn alles in mir brannte, alles schmerzte und zerbrach von Sekunde zu Sekunde ein bisschen mehr.

Ich wusste nicht, was gerade passiert war. Ich verstand nicht, wie wir hierhergekommen waren, wie es so enden konnte, dass ich unter ihm auf den Boden gepresst war, die Kälte der Wiese und die Wärme seines Körpers spürte – und sein Herz, das wie vom Teufel verfolgt raste und meines gleichzeitig aufforderte, sich überhaupt nicht mehr zu rühren.

Mir war klar, dass ich wegsehen, die Stille nutzen und River von mir schubsen sollte, aber ich konnte nicht. Es ging einfach nicht, egal, welche Worte er mir gerade an den Kopf geworfen hatte, welche Hoffnung ich in seinen Augen sehen konnte.

Denn es war sein Blick, der mich festnagelte, und nicht sein Gewicht. Es war der Schimmer in seinen Augen, das Brechen seiner eigenen Emotionen, der Schmerz, der ihn vollkommen beherrschte und den ich nicht ertragen konnte. Das Blau in seinen Augen war kaum noch zu erkennen, das Licht verblasste immer mehr – wie vom Himmel herabfallende Sterne wurde es immer dunkler in ihm.

Als er sich nach einer Ewigkeit rührte, aufstand und sich von mir entfernte, blieb in mir eine Leere zurück, von der ich wusste, dass wir sie beide spürten. Dass sie eine Konsequenz von dem war, was sich gerade zwischen uns abgespielt hatte. Ich wünschte, ich könnte behaupten, dass sie mehr schmerzte als alles andere, aber dem war nicht so.

Natürlich tat es weh, dass er ging und mich hier zurückließ, aber es war auch das einzig Richtige, was er jetzt tun konnte. Zumindest ohne dass wir uns noch mehr Worte entgegenschleuderten, die das Ziel hatten, dem anderen wehzutun.

Nur war ich von dem Chaos in meinem Kopf so betäubt, dass ich weder die Leere noch den Schmerz spüren konnte.

Da war bloß ein großes schwarzes Nichts.

KAPITEL 5

Taissa

»Daniels?«

Ein dumpfes Klopfen ertönte an der Tür zu meinem Appartement und erfüllte mich mit Vorfreude, die sich in Form eines Lächelns in meinem Gesicht abzeichnete. Nicht nur weil ich heute Nacht Bereitschaft hatte, trug ich noch meine Uniform, sondern auch weil ich regelrecht darauf gewartet hatte, dass Max endlich eintraf.

Ich kam der ungesagten Aufforderung, die Tür zu öffnen, mit kurzer Verzögerung nach. Es wäre dumm, den Eindruck zu erwecken, ich hätte schon im Flur gelauert, vor allem um diese Uhrzeit.

Und da bekam die Sache auch schon ihren ersten Haken: Ich fühlte mich hellwach.

Und ehrlich gesagt war mir vor Aufregung und Sorge ein bisschen schlecht. Wie jedes Mal, wenn sich Max in Gefahr begab und sich verhaften ließ – allein meinetwegen.

Ich ging aber trotzdem zur Tür und entriegelte sie. Neugierig sah ich den Soldaten an und tat überrascht. Vergeblich suchte ich nach einem Namen auf der Brusttasche der Uniform, denn obwohl ich den Kerl schon mal gesehen hatte, wollte mir sein Name nicht mehr einfallen.

»Ja?«, fragte ich vorsichtig und hoffentlich alles andere als ungeduldig.

Wie lange hatte ich Max nicht mehr gesehen? Und wieso tat ich so, als müsste ich erst überlegen? Es waren genau fünf Tage und siebzehn Stunden.

Der Soldat in der schwarzen Uniform lächelte mich bemüht freundlich an, auch wenn ihm anzusehen war, dass ihn die Umstände nicht gerade erfreuten. »Sie werden im Vernehmungsraum 3B erwartet. Die Kamera zur Aufnahme steht schon bereit«, informierte er mich, während er die Arme hinter dem Rücken verschränkte. Das war ein Zeichen des Respekts und obwohl es zu meiner Position bei SoulSystems gehörte, war es mir dennoch unangenehm.

Ich führte die Vernehmungen. Obwohl ich eigentlich nicht gerade behaupten konnte, dass ich gern jemanden so manipulierte, dass er mir seine kleinsten Geheimnisse verraten würde, so war es bei der Arbeit etwas völlig anderes. Hier spielte ich eine Rolle, die man mir abkaufen musste. Dennoch ließ die Tatsache, dass ich in den Vernehmungsraum 3B kommen sollte, meine Aufregung schlagartig verpuffen.

In diesem Raum herrschten höchste Sicherheitsvorkehrungen, was wiederum bedeutete, dass es nicht Max sein konnte. Er war immer vorsichtig und achtete darauf, dass er nur wegen kleinerer Delikte verhaftet wurde.

»Geben Sie mir eine Minute, ich komme sofort«, vertröstete ich den Soldaten, nur um noch mal kurz in mein Appartement zu gehen und so zu tun, als würde ich mich auf die Vernehmung vorbereiten müssen. Tatsächlich ging ich noch einmal kurz in mein Badezimmer und band meine schwarzbraunen Haare zu einem strengen hohen Zopf zusammen.

Auf dem Weg nach draußen schnappte ich mir meinen Waffengurt und zog ihn mir wie eine Weste über mein langärmliges T-Shirt. Normalerweise hätte ich mich nicht bewaffnen müssen – aber wie gesagt: erhöhte Sicherheitsvorkehrungen.

Zum Vernehmungsraum brauchte ich nur ein paar Minuten, dennoch beeilte ich mich nicht besonders, sondern schlich über die grellen weißen Flure des SoulSystems-Gebäudes, in dem jede Ecke penibel geputzt war. Da die Appartements von allen Mitarbeitern in einem Flügel waren, musste ich nur zwei Ebenen mit dem Fahrstuhl hinter mir lassen und den gewohnten Gang im Erdgeschoss bewältigen.

Mir kamen ein paar meiner Kollegen entgegen, denen ich ein nettes Lächeln zuwarf, weil es von mir verlangt wurde. Wenn ich könnte, würde ich sie lieber ignorieren, aber dann hätte ich meinen Zweck nicht erfüllen können. Nämlich alle Geheimnisse, die SoulSystems vor der Menschheit verbarg, ans Licht zu bringen, damit wir diese ganze Organisation zerstören konnten – wenn wir irgendwann einen sicheren Weg dafür gefunden hatten.

Beim Vernehmungsraum angekommen, nickte ich den beiden Soldaten zu, die rechts und links neben der Tür positioniert waren. Nach einem Klopfzeichen wurde sie von innen geöffnet und ich durfte den Raum betreten.

Anfangs hatte ich mich immer gefragt, wieso die Soldaten nicht selbst die Vernehmungen durchführten, aber SoulSystems arbeitete augenscheinlich nicht gern mit dem königlichen Militär zusammen. Es gab einige Gerüchte, dass ihre Methoden nicht ganz human waren, und mit mir – einer treuen Mitarbeiterin – würden sie immerhin den sicheren Weg gehen.

Im Raum selbst standen noch zwei weitere Soldaten, wieder einer links und einer rechts vom Verhafteten. Für gewöhnlich setzte ich mich zuerst und betrachtete dann mein Gegenüber, allerdings war das gerade nicht machbar.

Max’ Statur war mir so vertraut, dass ich nicht zweimal hinsehen musste. Was ich auch nicht tat. Durch monatelange Übung hatte ich meine Mimik im Griff und ließ mir nicht anmerken, dass Max und ich uns kannten. Und dass er gerade als Schwerverbrecher eingestuft worden war.

Mein Blick wanderte automatisch zur Kamera, die in die Wand eingebaut war und mit einem roten Lämpchen bedeutete, dass sie filmte. Okay, das würde eine Herausforderung werden.

»Schicken die immer solche Schönheiten, um es mit den bösen Jungs aufzunehmen?«, stichelte Max, kaum dass ich mich gesetzt hatte, und grinste mich breit an.

Zu gern hätte ich ihm jetzt die Zunge für seinen dummen Spruch rausgestreckt, aber im Gegensatz zu ihm bewahrte ich meine Professionalität. Ich hasste es, wenn Max mir solche Komplimente machte, obwohl er sich nicht mal bewusst zu sein schien, was er da mit mir anrichtete.

»Nicht alle bösen Jungs sind so böse, wie sie vielleicht glauben«, konterte ich schwach und griff gleichzeitig nach dem Tablet, das zur Ansicht auf dem Tisch lag.

Ich rief seine Akte auf und musste schlucken, als mir sein voller echter Name ins Auge sprang. Verdammt. Wieso war seine Tarnung aufgeflogen?

Schnell sichtete ich die überraschend kurze Liste der Dinge, die ihm vorgeworfen wurden. Unerlaubter Waffenbesitz, Ruhestörung und Meuterei.Letzteres war anscheinend der Grund, wieso ich hier bewaffnet erscheinen musste.

Um Max ein bisschen zu ärgern, rückte ich meinen Waffengurt zurecht.

Der wusste allerdings zu kontern. »Oh, also bei deinem Anblick werde ich ziemlich böse. Aber auch ein bisschen versaut.«

Wenn er so weitermachte, würde er gleich eine Faust im Gesicht haben. Vielleicht sogar meine.

»Rede nur, wenn du gefragt wirst«, knurrte der Soldat von hinten, weswegen Max in meine Richtung blickend die Augen verdrehte.

»Da das jetzt geklärt ist, würde ich sagen, wir fangen an«, eröffnete ich die Vernehmung und zeigte dabei in die Kamera hinter mir. »Bitte nenne der Kamera deinen Namen, Alter und Wohnsitz.«

Max schien zuerst so, als würde er gleich wieder etwas Blödes sagen, womit er die Soldaten nur noch mehr provozieren würde, aber mein Blick sprach Bände. Er seufzte beinahe ergebend.

»Mein Name ist Maxim Besson, zwanzig Jahre alt, wohnhaft in Paris«, sagte er brav und fuhr dann ungerührt fort: »Ich bin ein einsamer Single, trinke ab und zu über den Durst und bin tief in mir drin ein netter Kerl.«

Eigentlich musste ich dafür jetzt den Knopf auf dem Tisch bedienen, über dessen Aktivierung Max einen kurzen, aber intensiven Stromstoß bekommen hätte. Für einen Moment spielte ich mit dem Gedanken, diese Regel nicht zu beachten, aber dann würde ich in Schwierigkeiten kommen. Vor allem, weil die gesamte Vernehmung aufgezeichnet wurde.

Ich sah Max nicht an, als ich ohne Vorwarnung die Taste drückte und gleichzeitig versuchte, unauffällig den Stärkeregler nach unten zu drehen. Ob es unbemerkt blieb, wusste ich nicht, aber zumindest sagte niemand etwas – abgesehen von Max, der sich fluchend beschwerte.