SoulSystems 4: Fühle, was in dir brennt - Vivien Summer - E-Book

SoulSystems 4: Fühle, was in dir brennt E-Book

Vivien Summer

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Beschreibung

**Perfekte Gefühle warten nicht auf den perfekten Moment** Ella steht vor einer unlösbaren Herausforderung: Wie soll es ihr gelingen, in das bestgeschützte Gebäude, die Zentrale von SoulSystems Inc., einzubrechen, um den Mann zu retten, den sie liebt? Gemeinsam mit der Hilfe ihres Freundes Max muss sie es schaffen, die besondere Kraft in ihrem Inneren zu kontrollieren, die zum Schlüssel ihrer aller Rettung werden könnte. Doch was Ella nicht ahnt, ist, dass River in seiner Gefangenschaft auf etwas gestoßen ist, das ihre Beziehung zu ihm in echte Gefahr bringt: seine Vergangenheit. //Alle Bände der Rebellen-Reihe "SoulSystems":  -- Band 1: SoulSystems. Finde, was du liebst  -- Band 2: SoulSystems. Suche, was dich rettet  -- Band 3: SoulSystems. Erkenne, was du bist  -- Band 4: SoulSystems. Fühle, was in dir brennt  -- Band 5: SoulSystems. Bekämpfe, was dich zerstört -- SoulSystems: Alle fünf Bände der Rebellen-Serie in einer E-Box!//  Diese Reihe ist abgeschlossen.

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Vivien Summer

SoulSystems 4: Fühle, was in dir brennt

**Perfekte Gefühle warten nicht auf den perfekten Moment** Ella steht vor einer unlösbaren Herausforderung: Wie soll es ihr gelingen, in das bestgeschützte Gebäude, die Zentrale von SoulSystems Inc., einzubrechen, um den Mann zu retten, den sie liebt? Gemeinsam mit der Hilfe ihres Freundes Max muss sie es schaffen, die besondere Kraft in ihrem Inneren zu kontrollieren, die zum Schlüssel ihrer aller Rettung werden könnte. Doch was Ella nicht ahnt, ist, dass River in seiner Gefangenschaft auf etwas gestoßen ist, das ihre Beziehung zu ihm in echte Gefahr bringt: seine Vergangenheit.

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Vita

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© privat

Vivien Summer wurde 1994 in einer Kleinstadt im Süden Niedersachsens geboren. Lange wollte sie mit Büchern nichts am Hut haben, doch schließlich entdeckte auch sie ihre Liebe dafür und verfasste während eines Freiwilligen Sozialen Jahres ihre erste Trilogie. Für die Ausbildung zog sie schließlich nach Hannover, nahm ihre vielen Ideen aber mit und arbeitet nun jede freie Minute daran, ihr Kopfkino zu Papier zu bringen.

Für dich, damit du nie aufhörst, an dich und deine Ziele zu glauben. Denn auch in dir steckt ein Funke, der darauf wartet, ein Feuer zu entfachen.

»Unser Ziel ist die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Wir wollen verbessern, was in der Vergangenheit fehlerhaft war; wir wollen stärken, was uns die Gegenwart vereinfacht; und wir wollen fördern, was unsere Zukunft retten wird. Wir sind SoulSystems. Wir sind Leben.«

– SoulSystems Inc.

»Mir wurde soeben mitgeteilt, dass Charlotte Hosey eingetroffen ist«, informierte er seine Vorgesetzte, kaum dass er ihr Büro betreten hatte.

Sie hatte sich zur großen Glasfront gewandt, die die Marslandschaft zeigte, und betrachtete scheinbar entspannt und mit hinter dem Rücken verschränkten Armen die Krater.

»Gut«, sagte sie und drehte sich dann mit einem nachdenklichen Gesicht zu ihm.

Er stand erwartungsvoll in seiner weißen Uniform im Türrahmen und wartete auf weitere Befehle.

»Bevor sie wieder den Dienst antritt, will ich, dass man sie gründlich untersucht«, verlangte seine Vorgesetzte. »Nachdem wir Hunter und unglücklicherweise auch Lacoux verloren haben, kann ich das bei Hosey nicht zulassen. Kümmern Sie sich darum, dass ihre Loyalität uns gegenüber geprüft wird, und eliminieren Sie alles, was Ihnen verdächtig und aufständisch erscheint.«

»Verstanden«, bestätigte er nickend und wollte den Raum wieder verlassen.

»Finley?«, sprach sie ihn an, weshalb er noch einmal stehen blieb. Sie sah ihm ernst und prüfend ins Gesicht. »Ich bitte Sie um Diskretion, was den Vorfall in London angeht. Es wissen nur wenige Mitarbeiter davon und es wäre das Beste, wenn dem so bleibt. Wir wollen schließlich nicht für Unruhen sorgen, solange wir nicht direkt davon betroffen sind.«

Auch wenn sie ein Unternehmen waren, arbeitete jede Einrichtung von SoulSystems über die Landesgrenze hinaus für sich selbst. Es war im engsten Kreis bekannt, dass seine Vorgesetzte nichts mit dem Standort in London zu tun haben wollte, der gerade von Rebellen dem Erdboden gleichgemacht wurde.

Es war der Mars, der vor ihnen geschützt werden musste. Die Erde war so oder so dem Untergang geweiht – wieso also Kraft und Energien für die Rettung verschwenden?

Er nickte wieder. »Verstanden.«

»Gut«, wiederholte sie. »Dann kümmern Sie sich jetzt um Miss Hosey und anschließend darum, dass sich unsere Verteidigung rüstet. Wir sollten auf alles vorbereitet sein.«

KAPITEL 1

Milo

Heilige …

Ich konnte nicht glauben, was ich sah. Seit ich bei den Rebellen war, hatte ich ja schon viel Scheiße erlebt, aber das hier war wirklich abartig. Bis eben war ich noch mit Toby in einer Zelle eingesperrt gewesen und hatte darauf gewartet, dass River zurückkommen würde. Jetzt verharrte ich seit ein paar Sekunden oberhalb einer Stahltreppe und starrte fassungslos in eine Lagerhalle, in der zum Großteil zerstörte zylinderförmige Glaswassertanks standen.

Als ich die Menschen, die auf dem Boden lagen und langsam wieder zu sich kamen, genauer betrachtete, arbeitete SoulSystems sich auf der Skala der Wahnsinnigen schnell nach oben. Zwar wusste ich noch nicht, was genau hinter dem Ganzen steckte, ich war mir aber sicher, dass mir gleich irgendjemand erklären würde, was das für eine abgefahrene Nummer war.

Julien, der Handlanger von Max, der der Anführer der Rebellen in Paris war und das Gebäude gestürmt hatte, wusste wohl genau, was er in diesem Labor vorfinden würde, ich allerdings weniger.

Wenn er mir vorher davon erzählt hätte, wüsste ich nicht, ob ich mitgekommen wäre. Aber als der Strom ausgefallen war und sich unsere Zellen wie von Geisterhand geöffnet hatten, konnte ich dieses Angebot natürlich nicht ausschlagen. Er wollte gerade zu den Laboren, und obwohl ich keine Ahnung hatte, was das bedeuten sollte, war ich ihm gefolgt. Und jetzt stand ich hier.

Meine Verwirrung war aber erstmal vergessen, als ich River entdeckte, der komplett durchnässt zwischen den am Boden Liegenden hockte und das Gesicht eines Mädchens mit hellbraunen Haaren genauer betrachtete. Ich hatte nicht wirklich die besten Augen, aber sogar ich konnte von hier oben erkennen, dass dieses Mädchen Ella verdammt ähnlichsah. Deswegen verstand ich Rivers Reaktion nicht, als er auf einmal seine Hand zurückriss und aufsprang, als Ella zu husten anfing. Er sah sie an, als hätte sie ihn gebissen.

»Okay, wir könnten hier unten Hilfe gebrauchen«, rief Max, der ungeduldig zu mir und Toby hochsah.

Dass ich mich gerade sowieso in Bewegung setzen wollte, behielt ich für mich. Ich wusste immer noch nicht, was ich von Max halten sollte, aber nach der Nummer auf dem Feld, als er die Verräter hatte verhaften lassen, wollte ich mich auch nicht mehr mit ihm anlegen.

Ich nickte Toby zu, damit er mir nach unten folgte. Dabei steckte ich die Pistole, die ich auf dem Weg hierher irgendwelchen Soldaten abgenommen hatte, in den Bund meiner Jeans. Auch wenn sie unangenehm drückte.

Unten angekommen ging ich sofort zu River, der mich noch nicht wahrgenommen hatte. Bevor ich Max und Julien wobei auch immer helfen würde, wollte ich erstmal wissen, was mit River los war.

Weil er Ella aber immer noch bewegungslos anstarrte und ihr nicht aufhalf, lief ich auf sie zu und griff ihr unter die Arme, um sie hochzuziehen. Sie war wackeliger auf den Beinen, als ich erwartet hatte – und ebenfalls klitschnass.

»Kann mir mal jemand erklären, was das hier alles ist?«, fragte ich in die Runde und ließ meinen Blick über die anderen schweifen.

Die Menschen steckten genauso wie sie in schwarzen Anzügen und waren komplett durchnässt. Da lag der Gedanke nahe, dass sie bis eben noch in diesen Wassertanks eingesperrt gewesen waren – aber wozu?

Weil keiner antwortete, wandte ich mich wieder an das Mädchen, das sich an meinem Arm festhielt. »Alles in Ordnung bei dir, Ella?«

»Das ist nicht Ella«, kam es von River, noch bevor sie selbst zu Wort kommen konnte.

Verwundert über seinen emotionslosen, aber dennoch völlig überforderten Tonfall, runzelte ich die Stirn.

»Dann eben Emilia«, schlussfolgerte ich, doch auch daraufhin schüttelte River den Kopf und trat sogar noch einen Schritt zurück.

Er starrte immer noch das Mädchen an, das an mir hing und ganz eindeutig nicht in der Lage war, selbstständig zu stehen. Weil ich Rivers Reaktion immer noch nicht verstehen konnte, sah ich mir das Mädchen genauer an und erkannte das Kolibri-Tattoo hinter ihrem Ohr. Heilige …

»Ich will euch ja nicht die Spannung nehmen, Jungs«, ertönte Max’ Stimme hinter uns, »aber ich glaube, wir haben es hier mit der ominösen Louisa zu tun, die jeden Moment wieder das Bewusstsein verlieren wird.«

Unnötig zu erwähnen, dass ich in genau dem Moment bemerkte, wie ihr Griff um meinen Arm schwächer wurde. Mühelos fing ich sie auf, indem ich meine Arme unter ihre Achseln schob. Erwartungsvoll sah ich River an, der … Lou aber nur anstarren konnte.

»Okay«, begann ich mit gerunzelter Stirn und war eindeutig zu gefasst. Aber so war das schon immer gewesen, wenn ich spürte, dass River kurz vorm Durchdrehen war. Und das war er. Aber so was von.

Und wie immer war ich sein Gegenspieler. Irgendwer musste ja das Gleichgewicht halten, wenn alles aus der Bahn zu kippen drohte. Dennoch sah ich meinen Kumpel eindringlich an. »Wenn das hier Lou ist … ist es dann auch Ella?«

»Nein, Ella ist unten und hat dafür gesorgt, dass der Strom ausfällt«, erwiderte Max leichthin und ging dann in die Hocke, um Julien mit einem bewusstlosen Typen zu helfen, dem sie mit Leichtigkeit aufhalfen – viel konnte der nicht wiegen. »Und bevor du fragst: Nein, es ist auch nicht Emilia.«

»Hä? Wenn das hier Lou ist und Emilia die echte Elizabeth Raphael. Wer ist dann Ella?«

Verwirrt sah ich zwischen River und Max hin und her, aber mein bester Freund schien von der Unterhaltung überhaupt nichts mehr mitzubekommen. Irgendetwas in seinem Gesicht jagte mir Angst ein – vielleicht die Regungslosigkeit.

»Die Kurzfassung: Ella ist ein Klon. Und wie es aussieht, auch noch einer von dieser Louisa«, haute Max einfach so nonchalant raus und brachte mich damit zum Lachen.

Ist klar. Ein Klon! Dieses Märchen konnte er jemanden erzählen, der es glauben würde, ich gehörte aber nicht dazu.

River wurde allerdings noch bleicher im Gesicht.

»Du glaubst diesen Schwachsinn doch nicht etwa, oder?«, fragte ich ihn ungläubig, doch Max kam ihm wieder zuvor.

»Das ist kein Schwachsinn! Sieh dich doch mal um. Was glaubst du denn, wozu diese Tanks da sind? Zum Baden bestimmt nicht. Nein, es sind Zuchtbecken«, erklärte er unbarmherzig. »Und jetzt steht da nicht so bescheuert rum. Wir müssen sie alle aufs Dach bringen.«

»Moment mal«, hielt ich Max auf. »Das bedarf ein bisschen mehr als nur der Kurzfassung!«

»Später«, winkte er ab. »Erstmal bringen wir alle hier weg, bevor die noch Verstärkung anfordern und wir nicht mehr wegkommen.«

Darauf hatte ich allerdings auch keine Lust. Mir hatten die eineinhalb Tage im Gefängnis schon gereicht, denn für meinen Rücken waren die Betten echt nichts. Aber auch sonst war das hier alles ziemlich scheiße.

Daher nickte ich Max zu und wollte Lou gerade fester packen, als River vor mir auftauchte.

»Gib sie mir«, forderte er mühselig beherrscht, doch anstatt mich anzusehen, hatte er seine Augen auf das brünette Mädchen in meinen Armen gerichtet.

Skeptisch zog ich die Brauen zusammen. »Bist du dir sicher?«, fragte ich angesichts der Tatsache, dass es sich hierbei offensichtlich um seine totgeglaubte Freundin handelte. Dem Mädchen, das ihm über ein Jahr die schlimmsten Panikanfälle bereitet hatte, weil er geglaubt hatte, sie umgebracht zu haben. Was vollkommener Schwachsinn war.

River nickte dennoch und hob Lou auf seine Arme, als wäre sie eine Puppe. Sie war nicht schwer, aber auch nicht so leicht, dass es nicht anstrengend würde, würde er sie längere Zeit tragen.

Kaum hatte er sie vollständig auf den Armen, widmete ich mich einem dunkelhaarigen Mädchen, das gerade wieder zu Bewusstsein kam. Schweigend half ich ihr hoch, auch wenn ich mich gleichzeitig fragte, wieso sie sich nicht gegen mich wehrte. Aber vielleicht war sie dazu einfach zu schwach – oder sie wusste, was man mit ihr gemacht hatte. Ich hätte das im Übrigen auch gern erfahren, konnte Max’ Zeitdruck allerdings auch verstehen.

Daher schob ich meine Fragen beiseite und heftete mich an die Fersen der anderen, die den Ausgang ansteuerten. River ging direkt vor mir, sodass ich der Letzte war, der die Lagerhalle verließ. Gott sei Dank klappte mir das Mädel nicht weg, so wie Lou eben gerade. Aber weil ihr Kopf irgendwie komisch hing, erweckte es auch nicht den Eindruck, als wäre sie wirklich wach.

Verdammt. Ich wollte gerade nicht in Rivers Haut stecken. Zu oft hatte ich mit ansehen müssen, was der Verlust von Lou mit ihm angerichtet hatte. Er war komplett fertig. Zerstört. Am Boden. Wie ein zerbrochener Teller, den man Stück für Stück immer wieder zusammenklebte, weil man sonst keinen anderen im Schrank stehen hatte. Also musste man sorgfältig damit umgehen, denn einen neuen zu kaufen wäre ja viel zu einfach gewesen. Fragte sich nur: Wann würde er wieder auseinanderfallen?

Hoffentlich nicht allzu bald. Mir war zwar klar, dass River nie hatte loslassen können, aber Ella hatte ihn in den letzten Wochen wenigstens verändert. Er hatte angefangen, Lous Tod zu verarbeiten und sich wieder für etwas Neues zu öffnen. Das war zumindest mein Eindruck gewesen.

Die Sorge, was Lous unerwartetes Erscheinen mit ihm anstellen würde, war also nicht gerade unberechtigt. Zumal ich es als willkommene Ablenkung sah, mich um die Probleme meines besten Freundes zu kümmern, statt mich meinen eigenen zu stellen. Auf den Stress hatte ich gerade nämlich wirklich keine Lust.

Wir folgten Max zu einem Aufzug. Ich wunderte mich ein bisschen darüber, dass uns noch keine Soldaten entgegengekommen waren, aber heraufbeschwören wollte ich es auch nicht. Immerhin waren durch den Stromausfall rund hundert Rebellen befreit worden, die im ganzen Gebäude herumliefen und hoffentlich jeden Mitarbeiter von SoulSystems umgelegt hatten.

»Los, alle rein!«, rief Max von ganz vorn und hielt die Türen des Aufzugs so lange auf, bis wir alle eingestiegen waren. Er hatte seinen Blick auf Julien gerichtet. »Verständige Taissa über den Pager, damit sie oben auf dem Dach landen. Wir müssen alle da hochbringen«, befahl er. Dann drückte er auf das Display und die Türen des Fahrstuhls schlossen sich wieder.

Während Julien ein schwarzes handgroßes Gerät aus seiner Jeanstasche hervorholte, kehrte Schweigen ein. Ich nutzte die Gelegenheit und warf River einen prüfenden Blick zu; er beachtete mich allerdings nicht, sondern starrte verkrampft auf einen unbestimmten Punkt gegenüber von uns. Okay, das bedeutete ganz sicher nichts Gutes.

Ich konnte mich noch zu gut daran erinnern, wie ich Chuck angestarrt hatte, als man sie festgenom– nein, falsches Thema. An diese Verräterin würde ich jetzt bestimmt keinen Gedanken verschwenden, denn es war ihre Schuld, dass wir überhaupt in dieser beschissenen Lage waren. Weil sie aus Verzweiflung unseren Standort in Paris an SoulSystems weitergegeben hatte.

»Hab ich das richtig verstanden?«, hakte ich nach, um mich von meinen eigenen Gedanken abzulenken. »Diese … Taissa? Sie kommt mit einem Raumschiff?«

Statt Max nickte Julien und antwortete: »Ja, so sind wir auch auf die Insel gekommen.«

»Ihr wart gar nicht die ganze Zeit hier?«

»Nein«, sagte er. »Ein paar von uns konnten rechtzeitig abhauen.«

Ich zog verwirrt die Augenbrauen zusammen. »Und dann holt ihr uns erst jetzt raus? Nach zwei Tagen?«

»Halt mal den Ball flach, Marsmensch«, mischte sich Max ein.

Ein Kerl im schwarzen Anzug hing mit einem Arm über seiner Schulter, aber das schien ihm nicht wirklich etwas auszumachen. »Ein Danke, dass wir euch nicht noch länger hier drin gelassen haben, wäre angebrachter, findest du nicht?«

»Erst nachdem uns irgendwer erklärt hat, was das mit Ella und den Klonen heißen soll«, sprach ich jetzt wieder das Thema an, für das vorhin keine Zeit gewesen war.

Das gefiel River offensichtlich nicht. Kaum hatte ich Ellas Namen ausgesprochen, war er merklich zusammengezuckt. Zumindest wirkte er nicht mehr so, als wäre er in Trance. Ich verkniff es mir, einen blöden »Willkommen zurück«-Spruch zu bringen. Ehrlich gesagt konnte ich nicht einschätzen, wie er darauf reagieren würde.

Max tauschte mit Julien einen Blick aus, bevor er zum Sprechen ansetzte: »SoulSystems macht Experimente, um Menschen zu schaffen, die in der Marsatmosphäre überleben können. Dafür erhalten sie ein paar Fähigkeiten.«

»Die Klone können auf dem Mars atmen«, fuhr Julien fort. »Außerdem können sie die Elektronik manipulieren – wie Ella zum Beispiel das Stromnetz lahmgelegt hat, damit ihr aus den Zellen ausbrechen konntet.«

»Sie kann nicht verletzt werden, oder?«, fragte River plötzlich, wobei er ziemlich gefasst klang.

Die Frage überraschte mich und ich verstand nicht, wie er darauf kam. Und als Max bestätigend nickte, war ich noch verwirrter.

»Ihre Zellerneuerung funktioniert anders«, erklärte er. »In der Regel nimmt sie auch den Schmerz anders wahr.«

Mein bester Freund schloss resignierend die Augen. Ich drehte mich leicht zu ihm. »Sag nicht, du hast das gewusst?!«

River schüttelte den Kopf. »Nein, aber ich habe es gesehen.«

»Was gesehen?«

»Dass ihre Verletzungen heilen. Sie wurde auf der Flucht in Lincoln angeschossen und hat nicht mal eine Narbe«, erklärte River und betrachtete dabei Lou.

Ich konnte es einfach nicht fassen! Er wusste das und hatte es die ganze Zeit für sich behalten. »Und dann denkst du nicht daran, mir das mal mitzuteilen?«, fuhr ich ihn wie eine zickige Ehefrau an. Aber er war mein bester Freund, verflucht noch mal! Er hatte mir erzählt, dass er ihr seine fucking Gefühle gestanden hatte, aber er kam nicht auf die Idee, mir von irgendeiner Abnormalität zu berichten, die tausendmal wichtiger gewesen wäre? Hey, super, er hatte wieder Gefühle für irgendein Mädchen, nachdem er seine große Liebe verloren hatte, schön für ihn, wirklich – aber wollte er mich verarschen? Hatte er genauso viele Geheimnisse vor mir wie Chuck?

»Was hätte ich denn sagen sollen?«, knurrte er mich nicht weniger angepisst an. »Und was hätte es geändert? Nichts! Wir hatten doch keine Ahnung, was das bedeuten soll!«

»Wir hätten es rausfinden können!«

»Jungs, jetzt reißt euch mal ein bisschen zusammen«, grätschte Max dazwischen und besaß auch noch die Dreistigkeit, über uns zu lachen. »Ihr werdet noch genug Zeit haben, euch ausführlich darüber zu streiten, aber jetzt sollten wir –«

Er hielt inne, als plötzlich die Lichter im Fahrstuhl ausgingen – aber nicht nur das: Auch die Aufwärtsbewegung wurde abrupt langsamer, bis wir nach nur zwei Sekunden stecken blieben.

»Max?«, hakte Julien alarmiert nach, was das unsichere Gefühl in mir nur noch mehr schürte. »War das abgesprochen?«

»Nicht zwingend«, sagte dieser.

»Nicht zwingend?«, quietschte eine helle Stimme neben mir – eindeutig das Mädchen, das in meinen Armen hing. Ich versuchte meinen Blick auf sie zu richten, aber in der Schwärze des Aufzugs konnte ich ihr Gesicht nicht mal ansatzweise ausmachen. Keine Umrisse, keine Schatten. Hier drin leuchtete auch keine Notfalllampe.

»Es geht bestimmt gleich weiter«, verkündete Max, aber ich verkniff es mir ihn zu fragen, woher er das bitte schön wissen wollte. Stattdessen zwang ich mich, tief durchzuatmen und jetzt bloß nicht auszuflippen.

Damit ich aber nicht gleich an die Decke ging, meinte ich: »Okay, dann hättest du ja jetzt Zeit, mir die Langversion zu erklären.«

KAPITEL 2

Ella

»Na, wen haben wir denn da?«, hörte ich eine Stimme hinter mir sagen, an die ich mich kaum erinnern konnte. Erst als ich mich erschrocken umdrehte, erkannte ich die Frau. Sie hatte ihre braunen Haare zu einem Dutt zusammengebunden, aus denen sich einige Strähnen gelöst hatten und ihr unordentlich ins Gesicht fielen. Es war die Frau, die mit dem Raumschiff von der Westküste der Northern Association gekommen war. Megan. Rivers Anführerin.

Im Augenwinkel sah ich, wie sich René aufstellte. Er war ein als Mitarbeiter getarnter Rebell von Max, der uns geholfen hatte, den Stromgenerator zu finden und lahmzulegen. Was auch bisher ganz gut geklappt hatte.

Wie es mit Max abgesprochen war, hatte ich den Strom einmal ausgeschaltet, nur für maximal fünf Minuten, damit sich alle aus ihren Zellen befreien konnten. Dann hatte ich ihn wieder angeschaltet und gerade noch mal abgeschaltet, falls es irgendwer nicht geschafft hatte. Es war mir logisch erschienen. Allerdings bekam ich jetzt keine Gelegenheit, den Generator wie bei einem Herzstillstand wieder zu reanimieren.

Ich wartete darauf, dass René etwas sagte, aber auch er schien erstmal abzuwarten, was Megan von uns wollen könnte. Oder viel mehr, ob sie ihn entlarven würde. Er könnte ja immer noch so tun, als hätte ich ihn gefangen gehalten.

»Ich hätte es gleich wissen müssen, dass ihr dahintersteckt«, sagte sie an mich gewandt und grinste mich verschmitzt an. »Oder besser gesagt – du.«

Sie nickte René einmal zu, der sich daraufhin in Bewegung setzte und schnell zu Megan und den zwei Soldaten huschte, die hinter ihr standen. Seine Tarnung war anscheinend nicht aufgeflogen.

Mein Atem ging stoßweise. Seitdem ich die Soldaten in Luxemburg mit Stromstößen ausgeschaltet und mit den anderen Phantomen trainiert hatte, wusste ich, dass ich es schaffen konnte, sie unschädlich zu machen. Ein paar Mal hatten wir versucht über Distanz hinweg den Strom zu leiten, aber es hatte nicht immer geklappt. Das größte Problem war aber, dass mir die schweren Maschinengewehre der Soldaten Angst einjagten.

Tief in mir drin wusste ich, was ich war, wer ich war und dass mir ein solcher Schuss nichts anhaben konnte – und doch ließ sich das angsterfüllte Kribbeln in meinen Nerven nicht abschütteln.

»Was habt ihr euch dabei gedacht, hm?«, fragte mich Megan lachend. »Dachtet ihr, ihr seid stark genug, um das ganze Gebäude zu stürzen? Mit lächerlichen hundert Rebellen und einem einzigen Klon?«

»Darum ging es nicht«, konterte ich schwach und dachte krampfhaft darüber nach, ob ich es riskieren sollte. Ich könnte es immerhin versuchen, einen Schock auf die drei loszulassen, in der Hoffnung, dass es funktionierte und ich keine Kugel in meinem Körper stecken haben würde.

»Sondern?«, wollte sie mit erhobener Augenbraue wissen, wobei mich ihre grünen Augen amüsiert durchlöcherten. »Wolltest du etwa deinen Angebeteten retten?«

Mein Blick verdüsterte sich. »Ich muss dir überhaupt nichts erklären.«

»Nein, das musst du wirklich nicht. Aber ich frage trotzdem gern nach«, sagte sie und hob dabei leicht ihre Hand, als ihre zwei Soldaten unaufgefordert den Raum betreten wollten, und hielt sie damit auf. »Vor allem, weil du dich besser schon mal mit dem Gedanken anfreunden solltest, dass eure Ära vorbei ist. Vermutlich seit ein paar Minuten.«

»Was habt ihr mit ihm gemacht?«, stieß ich hervor und ballte die Fäuste. Ich ahnte das Schlimmste.

»Oh, gar nichts«, gestand sie mir überraschend. »Er ist noch mal davongekommen, aber er hat gerade seine große Liebe zurückbekommen. Tut mir wahnsinnig leid für dich.«

Auch wenn mir klar war, dass sie mich damit provozieren wollte, konnte ich das schmerzerfüllte Keuchen nicht verbergen. Ihre Worte – egal, wie viel Wahrheit darin steckte – schmerzten, dabei wusste ich nicht mal zu hundert Prozent, was das bedeuten sollte.

»Deiner Reaktion nach zu urteilen, weißt du von Louisa.« Megan lachte weiter. »Herrlich. Ich muss ja zugeben, am Anfang fand ich es ziemlich makaber, dass ausgerechnet sie geklont werden musste, aber als ich davon erfahren habe, dass River zu dir auf den Mars geschickt werden sollte, fand ich das alles höchst amüsant.«

»Soll das heißen, dass ich nicht von der echten Elizabeth Raphael geklont worden bin?«

»Nö«, erwiderte Megan leichthin. »Das wäre ja nur halb so lustig – aber Schluss jetzt mit dem Geplauder. Sei ein braves Mädchen und mach keinen Ärger, verstanden?«

Mein Blick wanderte zu René, der die ganze Zeit über stillschweigend hinter den Soldaten stand und mich jetzt entschuldigend ansah. Dabei könnte ich gerade wirklich Hilfe gebrauchen.

Megan sah mich eindringlich an. »Wir wissen von deinen Fähigkeiten, kleines Phantom, also solltest du wissen, dass es nicht gut für deine Freunde enden wird, wenn du uns in irgendeiner Weise angreifst.«

Obwohl ich vor Wut platzen konnte, nickte ich. Ich würde nicht zulassen, dass River oder jemand von den anderen etwas passieren würde – meinetwegen. Also blieb mir gerade nichts anderes übrig, als meine Hände als Zeichen der Kapitulation zu heben und hinter meinem Kopf zu verschränken.

Zorn brannte in mir wie ein Inferno, während ich dabei zusehen musste, wie die zwei Soldaten sich mir behutsam näherten und so aussahen, als fürchteten sie sich vor mir. Auch wenn sie ein Pokerface aufgesetzt hatten, verrieten die Augen ihre Angst.

Es verschaffte mir Genugtuung, dass sie sich vor mir fürchteten, auch wenn ich das nicht wirklich ausnutzen konnte. Ich wollte mir einfach nicht vorstellen, was Megan ansonsten mit River, Zoe, Milo oder den anderen tun würde. Um Max machte ich mir ebenfalls Sorgen, immerhin war er derjenige gewesen, der mir die Augen geöffnet hatte.

Ich war so von den Soldaten abgelenkt, dass ich überhaupt nicht bemerkte, wie sich uns jemand genähert hatte. Erst, als Megan zu Boden fiel und sich die beiden Soldaten zu ihr umdrehten – beziehungsweise zu Luca, der jetzt genau dort stand, wo Megan gerade noch gewesen war.

Obwohl mein Denken aufgrund seiner dummen Aktion kurz einfror, schossen meine Hände nach vorn und berührten die Soldaten, die mir am nächsten waren, an den Armen. Ich feuerte einen Elektroschock ab und sah mit gemischten Gefühlen dabei zu, wie die Männer zusammensackten und auf dem Boden krampften. Einen Moment lang konnte ich kaum glauben, dass es wirklich funktioniert hatte, aber dann …

»Bist du wahnsinnig?«, fuhr ich Luca an. »Hast du denn nicht gehört, was sie gesagt hat?«

»Doch«, entgegnete er und grinste mich schadenfroh an. Wie immer trat ein flirtender Ausdruck in seine dunklen Augen, was jetzt wirklich völlig fehl am Platz war. »Aber sie hat gelogen.«

»Was?«

»Ja, wir haben schon längst gewonnen«, fuhr er fort, woraufhin sich auch René wieder näherte. »Alle Rebellen sind befreit. Na ja, fast alle. Max und ein paar andere stecken im Aufzug fest. Sie waren auf dem Weg zum Dach.«

»Hat er denn alle Phantome aus dem Labor befreit?«, wollte ich wissen, während mich die Erleichterung durchflutete und die Wut auf Luca verpuffte. Stattdessen drehte ich mich im schwachen Licht zum Generator um.

»Ja«, antwortete Luca. »Aber wie es aussieht, waren es keine Phantome, sondern, ja … die Wirte quasi. Unsere genetischen Zwillinge.«

Okaaaaaaay … auch wenn ich mir nur halbwegs zusammenreimen konnte, was das hieß, ließ ich das Thema fallen und konzentrierte mich auf den Generator. Ich legte meine Hände auf dessen Oberfläche, um ihn wieder zum Laufen zu bringen. Das versuchte ich zumindest.

Ein paar Mal flackerte die Deckenbeleuchtung auf, die ich wohl unterbewusst am Brennen hielt, aber zu viel mehr reichte es nicht. Selbst nach mehreren Startversuchen und mit Lucas Hilfe schaffte ich es nicht, den Stromgenerator wieder zum Laufen zu bringen.

René tauchte neben uns auf, behielt aber die Soldaten und Megan im Auge. »Ich will ja nicht den Teufel an die Wand malen, aber mit ein bisschen Pech verhindern sie von außerhalb, dass der Strom wieder anspringt.«

»Das fehlte gerade noch«, seufzte ich und ließ vom Generator ab. »Luca, woher weißt du, dass sie im Fahrstuhl feststecken?«

»Yanis hat es uns gesagt. Julien und Max haben einen Pager bei sich, mit dem sie mit Xave in Verbindung stehen. Taissa und er sind noch im Raumschiff, aber Yanis kam zu uns runter, um den Fahrstuhl wieder in Gang zu kriegen.«

»Und?«

»Nichts«, erwiderte er und verzog dabei unzufrieden die Lippen. »Deswegen bin ich ja hier. Weil wir dich brauchen, Superklon. Auch zu dritt mit Aimée haben wir es nicht geschafft, aber wir sind ja auch nicht du.«

»Dann lasst uns die drei hier aber nicht so liegen lassen«, merkte René an, wobei er den Raum auch schon durchsuchte. »Hier müssten irgendwo Kabelbinder sein, das beschäftigt sie bestimmt so lange, bis wir hier weg sind.«

Er begann, in Schränken zu kramen, während Luca und ich noch mal versuchten, den Generator zum Laufen zu bringen, aber jetzt flackerten nicht mal die Lichter über uns.

Als René mit den Kabelbindern zurückkam, gaben wir es auf und fesselten den zwei Soldaten und Megan die Arme hinter dem Rücken. Sie waren von den Stromschlägen noch bewusstlos und ich hoffte, dass das auch noch eine Weile so bleiben würde.

Wir entwaffneten noch die Soldaten, bevor wir den Keller verließen. Dann folgten wir Luca zum Fahrstuhl, vor dem eine Handvoll Rebellen wartete. Aimée und Yanis standen neben den Türen des Aufzugs und machten sich am Bedienfeld zu schaffen, allerdings erfolglos.

»Das wird aber auch mal Zeit!«, begrüßte mich Aimée, der Klon eines mit Sicherheit exotischen Supermodels, und machte mir ungeduldig Platz. »Und wen habt ihr da mitgebracht? Eine Geisel?«

Stimmt, ich hatte René ganz vergessen.

»Nein, er gehört zu uns«, sagte einer von den Rebellen, den ich aber nicht mit Namen kannte. »Krass, ich wusste gar nicht, dass du hier bist.«

»Das wusste anscheinend niemand«, entgegnete René. Mit seiner Aussage wollte er wohl darauf anspielen, dass nicht mal Max Bescheid gewusst hatte, dass man ihn von seinem ursprünglichen Standort nach London versetzt hatte.

Wer von wem wusste, war jetzt egal. Wichtiger war, dass ich diesen Aufzug wieder in Gang bekam, um die anderen zu befreien. Wie lange waren sie da eigentlich schon drin? Fünf Minuten? Zehn? Zwanzig?

Obwohl der Generator nicht mehr angesprungen war, hieß das nicht, dass ich es nicht schaffen würde, die Elektronik zu beeinflussen. Ich hatte es schon mit der Gondel in der Lincoln-Sternkolonie getan, als der Strom ausgefallen war. Sogar das alte Karussell, das Max abgestellt hatte, damit es keine Energie fraß, hatte ich wieder zum Drehen gebracht.

Der Fahrstuhl setzte sich unter meiner Berührung ebenfalls wieder in Bewegung. Ich holte ihn zu uns nach unten, damit wir zusteigen konnten.

»Du bist eine richtige Superheldin«, bemerkte Luca mit einem Grinsen.

Ich erwiderte es stolz. Wieso auch nicht? Er hatte immerhin recht. Das Gefühl, ein Klon zu sein, mit den ganzen unmenschlichen Eigenschaften, war zwar immer noch komisch, aber andererseits fühlte sich die Erkenntnis, was mit mir nicht stimmte, gut an. Es war alles noch neu, nur nicht mehr ungewiss. Endlich verstand ich, was meine Selbstheilungskräfte zu bedeuten hatten.

Ich lächelte immer noch, bis sich die Türen des Aufzugs öffneten – und meine Mundwinkel herabsackten. Mein Blick fiel wie automatisch auf River, der mich ebenfalls ansah. Da war etwas in seinem Gesicht, das mein Herz auf unnormale Weise beschleunigte – oder war es doch nur, weil er da war? Weil ich wusste, dass es ihm gut ging?

»Himmel, was hat da denn so lange gedauert?«, motzte Max, schien aber erleichtert zu sein, als er uns vollzählig vorfand.

Ich ging nicht auf ihn ein, denn alle meine Sinne waren auf River konzentriert, der mich immer noch fixierte. Täuschte ich mich, oder sah er mich anders an? Irgendwie … bedauernd. Mitleidig. Beruhigt. Ob er wusste, dass ich …

Der Gedanke verflüchtigte sich, als mir endlich klar wurde, dass er ein Mädchen auf den Armen trug. Weil mir Max davon erzählt hatte, dass sie die Menschen, die sie klonen wollten, in schwarzen Anzügen in Wassertanks steckten, zählte ich eins und eins zusammen: Dieses Mädchen war von irgendjemanden der genetische Zwilling.

Allerdings brauchte ich kein zweites Mal hinzusehen. Der Anblick hatte mir längst mein Herz herausgerissen. Es war, als würde ich in einen Spiegel blicken, nur hatte das pitschnasse Mädchen die Augen geschlossen und war allem Anschein nach bewusstlos. In Rivers Armen. Und sie sah so aus wie ich. Oder sollte ich besser sagen, dass ich aussah wie sie?

Fassungslos starrte ich sie an. Ihre vom Wasser beinahe schwarzen Haare hingen in Strähnen herab, sodass das Tattoo hinter ihrem Ohr sichtbar wurde. Ich stand zu weit weg, um es erkennen zu können – aber das wollte ich auch gar nicht.

Ich wollte nicht in diesen Aufzug steigen, mit dem Mädchen, das meine Welt gerade in Schutt und Asche legte.

Nach allem, was du über SoulSystems weißt, … dachtest du da wirklich, sie wäre tot? Dass sie nicht wiederkommen und sich das Leben zurückholen würde, das ihr gehört?

Eine Antwort darauf fiel mir nicht ein. Mir war nur klar, was Megan damit gemeint hatte, dass River seine große Liebe wiederhatte – ganz eindeutig Lou. Keine Ahnung, wieso ich nicht mal ansatzweise auf die Idee kam, das hier könnte Emilia sein. Aber wenn sie es wäre, würde mich River nicht so ansehen. Nämlich so, als könnte er es nicht ertragen, mich zu sehen.

Alles in mir zog sich zusammen, als mir mit einem Schlag klar wurde, dass es jetzt endgültig vorbei sein würde. Eigentlich hätte ich es doch wissen müssen, oder? Ich hatte es gehofft. Inständig. Als er mir noch vor zwei Tagen versichert hatte, dass er sich für mich entscheiden wollte, hatte ich wirklich geglaubt, wir hätten eine Chance. Doch wie es aussah, war es sinnlos. Ich hatte nie eine Chance gehabt.

Ich versuchte, mich zusammenzureißen und mich dazu zu zwingen, die Verzweiflung nicht an mich heranzulassen, auch wenn es mir schwerfiel. Vor allem, weil ich spürte, wie alle Blicke auf mir lagen, darunter auch Max’ und Milos. Sie wussten, welches Hindernis immer zwischen River und mir gestanden hatte. Dass dieses jetzt sogar ein Gesicht bekommen hatte und man es anfassen konnte, war das Schlimmste.

»… bereit, Ella?« Max riss mich aus meiner Starre.

Ich sah ihn verwundert an, als hätte ich doch tatsächlich kurz vergessen, wo ich gerade war, aber dann nickte ich und stieg mit weichen Knien in den Aufzug.

Wie in Trance bekam ich mit, dass sich die anderen noch in die Kabine quetschten, sodass ich kurze Zeit später Max in meinem Rücken spürte.

Obwohl er eigentlich ein nahezu Fremder war, hatten uns die letzten Tage zusammengeschweißt. Deswegen zog ich meine Hand auch nicht weg, als er sie ergriff und trostspendend drückte. Großartig. Das bestätigte mich noch einmal, dass River sich entschieden hatte.

Ich legte die andere Hand auf das Tableau des Aufzugs und aktivierte den Mechanismus, mit dem sich die Türen schlossen. »Habt ihr das Gebäude verriegelt?«, fragte Max.

Aimée antwortete: »So gut es ging. Wir haben alle Ausgänge verbarrikadiert und alle Mitarbeiter weggesperrt, die wir finden konnten.«

»Und natürlich ins Traumland geschickt«, fügte Luca hinzu.

»Megan und zwei Soldaten liegen im Keller beim Generator«, meinte René.

»Okay.« Max schnalzte nachdenklich mit der Zunge. »Sind alle draußen?«

»Wir haben jeden, der uns entgegengekommen ist, durch das Treppenhaus nach oben geschickt«, sagte Aimée wieder. »Aber ob es alle waren … das musst du am besten wissen, wenn du sie siehst.«

»Okay, ihr fragt gleich jeden, ob er jemanden vermisst«, befahl er uns allen. »Taissa und ich werden mit den Phantomen noch mal reingehen. Ihr bereitet euch auf den Abflug vor, verstanden?«

»Verstanden«, stimmten die anderen einstimmig zu, aber ich schwieg.

Max drückte noch einmal meine Hand, dann erreichten wir mit dem Fahrstuhl das Dach. Er ließ mich in genau dem Moment los, als sich die Türen öffneten und er sich allen voran in Bewegung setzte.

Weil ich nicht wusste, was ich tun sollte, verharrte ich in der Ecke des Fahrstuhls und versuchte nicht zu beachten, dass River – der, wie ich jetzt bemerkte, auch komplett durchnässt war – mich ignorierte und mit der immer noch bewusstlosen Lou auf seinen Armen auf das Dach trat, dicht gefolgt von Milo, der ebenfalls ein Mädchen stützte.

Aber die Tatsache, dass River bekommen hatte, was er die ganze Zeit über gewollt hatte – auch wenn er es nur ein einziges Mal zugegeben hatte –, riss mir den Boden unter den Füßen weg. Es war, als würde der Aufzug plötzlich abstürzen. Ungebremst in die Tiefe. Ohne Halt.

Ich blinzelte den Schmerz weg und versuchte, gegen die Tränen anzukämpfen und meine Sicht zu schärfen. Aber es war ohnehin so dunkel hier, dass ich nicht besonders viel erkennen konnte. Nur die Lichter der Stadt blieben mir nicht verborgen und präsentierten ein flaches Dach – anscheinend genau das, was wir für unser Raumschiff gerade brauchten: einen Landeplatz.

Automatisch sah ich in den Himmel und suchte andere Raumschiffe oder Jets, die uns schon bei unserem Eindringen auf die Insel angegriffen hatten, aber es blieb ruhig. Fast schon verdächtig ruhig.

Es war die Ruhe vor dem Sturm.

KAPITEL 3

Taissa

Kaum sah ich, dass Max mit den anderen aus dem Fahrstuhl trat, verabschiedete ich mich von Xave und nahm den Datenspeicher entgegen, den wir gerade noch rechtzeitig vorbereitet hatten. Wir durften keine Zeit verlieren, denn keiner konnte sagen, wie lange uns SoulSystems in Ruhe lassen würde.

»Sei bloß vorsichtig!«, rief mir Xave hinterher, als ich die Brücke schon fast verlassen hatte.

Daraufhin drehte ich mich noch einmal mit einem grinsenden Zwinkern zurück. »Mach dir um mich keine Sorgen, Schatz!«

Scherzhaft warf ich meinem Alibi-Ehemann eine Kusshand zu. Xave verdrehte die Augen und konzentrierte sich wieder auf die Überwachungsbildschirme.

Während ich nach draußen lief, kamen mir einige unserer Rebellen entgegen, darunter aber auch viele neue Gesichter. Aber gut, ich wusste ja, dass Max Besuch aus der Northern Association bekommen hatte.

Als ich den Ausgang des Raumschiffes erreichte, um mir einen kurzen Überblick zu verschaffen, sah ich einen jungen Mann mit einem Mädchen auf den Armen, die mich an Emilia erinnerte. Aber diese hatte ich schon im Raumschiff gesehen. Ella konnte es auch nicht sein, denn sie stand noch im Aufzug und sah in unsere Richtung.

Max, der die Treppe hochgelaufen kam und mir zunickte, hinderte mich daran, noch einen weiteren Gedanken dazu zu fassen. Anscheinend wollte er noch mal kurz ins Raumschiff.

»Lief alles gut?«, fragte ich ihn, in der Hoffnung, mich so normal wie möglich zu verhalten.

Vor ein paar Stunden erst hatte ich ihm gestanden, dass ich etwas für ihn empfand – er hatte darauf nichts erwidert, aber das war okay. Ich hatte mich schon lange damit abgefunden, dass er mich nicht als Frau sah, sondern nur als eine Schwester.

»Es sind alle befreit und laut den anderen sind die Mitarbeiter weggesperrt«, erklärte er mir, sah mich dabei allerdings nicht an.

Irgendwie hatte ich sofort das Gefühl, dass das mit meinem Geständnis zusammenhing – oder bildete ich mir das ein?

»Wir sollten uns trotzdem beeilen«, fuhr er fort.

»Klingt gut«, stimmte ich ihm zu und folgte ihm wieder in das Innere des Raumschiffs. Natürlich steuerte er zuerst die Brücke an und sprach kurz mit Xave.

Weil ich im Korridor stehen blieb, verstand ich nicht, worüber sie redeten. Es war mir auch egal. Statt aber Trübsal zu blasen – immerhin hatte ich schon Schlimmeres erlebt, als einen Korb zu bekommen –, machte ich mich nützlich und schickte die hereinströmenden Rebellen den Flur runter auf das Deck, wo die anderen warten würden. Wir waren jetzt schon viel zu viele, weshalb ich hoffte, dass das später beim Flug keine Probleme geben würde. Noch hatte Xave aber nichts gesagt, also dürfte alles gut sein.

Max kam wieder, als mir gerade der Letzte den Rücken zugekehrt hatte. »Wir müssen aufs Deck und alle noch mal fragen, ob sie jemanden vermissen. Ich will niemanden zurücklassen.«

»Okay«, murmelte ich und ging ihm nach.

Normalerweise hätte er jetzt so was wie »Geht es dir gut, Baby? Klappt bisher alles nach Plan?« gefragt, aber nein, es kam nichts. Weder der bescheuerte Kosename, mit dem er mich immer ärgerte, noch eine kurze Berührung am Arm, bei der ich sofort wusste, dass er sich um mein Wohlergehen sorgte. Wobei er Letzteres bisher immer getan hatte. Ohne Ausnahme.

Vielleicht war jetzt genau das eingetreten, was ich die ganze Zeit über befürchtet hatte. Vielleicht hatte mein Geständnis jetzt unsere Freundschaft zerstört.

»Okay, Leute!«, rief Max, kaum dass wir auf dem Deck angekommen waren.

Sofort erstarb das Gemurmel der Rebellen, die sich hier verteilt hatten.

Es war wirklich viel zu eng und absolut unübersichtlich. Gut war aber, dass sie wenigstens gleich den Mund hielten und sich alle auf Max konzentrierten.

»Vermisst hier irgendwer irgendjemanden? Eigentlich sollten alle befreit sein, aber vielleicht steckt noch irgendwer da unten fest!«, rief er über die Menge hinweg, woraufhin sich die Ersten an ihre Stehnachbarn wandten und wieder zu tuscheln anfingen.

Auch ich sah mich um, aber mir fiel niemand ein, der fehlen könnte. Weil ich in den letzten Monaten nicht im Lager gewesen war, hatte ich nur noch Kontakt zu Xave, Max und Julien gehabt und die waren allesamt anwesend. Ich für meinen Teil vermisste niemanden.

Max wartete noch ein paar Sekunden, dann bereitete er sich darauf vor, sich wieder auf den Weg zu machen. »Gut, wenn niemand fehlt. Bewahrt weiterhin Ruhe! Taissa und ich werden noch mal zurückgehen und sollten in ein paar Minuten wieder hier sein. Xave wird das Raumschiff startklar machen.«

Ein gemurmeltes »Verstanden« kam wie eine Welle auf uns zu. Das nahm Max als Zeichen, sich abzuwenden und mir mit einem Nicken zu deuten, dass es losgehen konnte.

»Wartet!«, rief auf einmal jemand, woraufhin Max und ich uns umdrehten.

Ein junger Mann drückte sich an den Rebellen vorbei, die zwar bereitwillig Platz machen wollten, nur leider nicht ausweichen konnten, und steuerte auf uns zu. Es war der Typ, der vorhin dieses Mädchen auf den Armen getragen hatte, das so aussah wie Emilia.

Ich glaubte, dass es dieser River war, den ich damals in der Datenbank gefunden und als potenziellen Verräter eingestuft hatte. Offensichtlich war er keiner, aber seine vielen bekannten Identitäten könnten auch einen anderen Grund gehabt haben, zumal wir wussten, dass seine Anführerin Megan für SoulSystems gearbeitet hatte.

»Ja?«, fragte Max leicht genervt, denn der Kerl verschwendete unsere Zeit.

»Caden ist nicht hier«, sagte River schließlich. »Und dieses Mädchen … Rhea. Sie fehlt auch.«

Ich hatte keine Ahnung, wer die beiden sein sollten, aber da Max unzufrieden das Gesicht verzog und River mit einem Wink bedeutete, näher zu kommen, schien es mir, als würden die beiden Fehlenden nicht gerade unbedeutend sein.

»Okay, dann komm mit. Es sei denn, du willst das Mädchen nicht alleine lassen«, sagte Max und ging ein paar Schritte Richtung Ausgang.

»Milo ist bei ihr«, lautete sein schlichte Antwort, während er uns folgte. Dann schwiegen wir einvernehmlich.

Wir verließen das Raumschiff im schnellen Laufschritt. Kaum befanden wir uns auf dem Dach, sahen Max und ich in den Himmel, aber abgesehen von einer dichten Wolkendecke war kein Flugzeug zu erkennen. Ehrlich gesagt hatte ich mit einem Aufmarsch an Soldaten gerechnet, aber vielleicht hatten wir auch eine Menge Glück und es war noch nicht nach außen durchgedrungen, dass wir SoulSystems gestürmt hatten.

Wir kamen schweigend beim Fahrstuhl an. Ella und die drei Phantome, Yanis, Aimée und Luca, warteten in einer Ecke.

Ich wusste zwar nicht, was los war, aber mir entging die merkwürdige angespannte Stimmung nicht, als wir zu siebt im Fahrstuhl standen und Ella den Aufzug auf Max’ Anweisung hin nach unten führte.

Egal. Ich konzentrierte mich auf das, was wir vorhatten, schob meine Hand in die Hosentasche und tastete sicherheitshalber noch mal nach dem Datenspeicher, den Xave mir mitgegeben hatte. Er war noch da.

»Ella kommt mit uns mit«, bestimmte Max, während wir immer noch fuhren. »Ihr drei, sucht euch ein großes Stromnetz. Ich will dieses Gebäude dem Erdboden gleichmachen.«

»Du willst es in die Luft jagen?«, fragte Luca mit einer kindlichen Aufregung, sodass ich fast geschmunzelt hätte.

»Würde ich gern, aber dafür reichen eure Fähigkeiten bestimmt nicht. Nein, ihr werdet ein paar Kurzschlüsse auslösen, also strengt euch an.«

»Wir versuchen es«, bestätigte Aimée nickend.

»Gut«, meinte Max. »Wir starten in fünf Minuten, sobald wir den Aufzug verlassen haben. Komme, was wolle.«

Max’ grüne Augen wanderten von einem zum anderen, auch zu mir. Allerdings blieb er nicht wie sonst für einen Moment länger hängen, nein, er beachtete mich, als wäre ich genauso eine Rebellin wie alle anderen. Dabei hatte er bei unserem Gespräch im Raumschiff noch gesagt, dass ich für ihn mehr war.

Immerhin waren wir zusammen aufgewachsen und er hatte mir durch die schwerste Zeit meines Lebens geholfen. Nur seinetwegen war meine Seele jetzt kein Scherbenhaufen. Seinetwegen war ich trotz meiner Vergangenheit stark geblieben und hatte unser Ziel nie aus den Augen verloren.

»Dann kann es losgehen«, verkündete er, als Ella mit mehr Geschick als erwartet den Aufzug auf der neunten Etage stoppte und die Türen öffnete.

Nacheinander stiegen wir aus und teilten uns auf. Während Max, River, Ella und ich zusammenblieben, verließen uns die Phantome an der ersten Gangkreuzung.

»Taissa, sobald wir ins System gekommen sind, kümmerst du dich um die Videos. Ella, wie gut kennst du dich mit Computern aus?«, fragte Max eilig.

»Ähm«, machte die Brünette und runzelte dabei die Stirn. »Nicht besonders, um ehrlich zu sein.«

»Okay, dann mach ich das«, erklärte Max sich bereit.

»Was denn?«, fragte ich verwirrt, weil ich es in den vergangenen Jahren nie mitbekommen hatte, dass sich Max hinter einen Computer gesetzt hatte. Das war immer mein Job gewesen.

Er machte sich nicht die Mühe, sich zu mir umzudrehen. »Irgendwie müssen wir Caden und Rhea finden. Wir checken zuerst die Kameras, sonst suchen wir uns dumm und dämlich.«

Ich öffnete den Mund und war schon dabei, ihm meine Hilfe anzubieten, als mein Stolz mit voller Wucht zuschlug. Keine Ahnung, wo der plötzlich herkam, aber meine Lippen pressten sich so fest aufeinander, dass ich kein Wort herausbrachte. Enttäuschung brannte in meiner Brust. Ein Gefühl, das ich in Verbindung mit Max nicht gewohnt war und das mir mehr zusetzte, als ich mir eingestehen wollte. Es war nicht zwingend, weil er mich offensichtlich abgewiesen hatte. Nein, es war, weil er sich so merkwürdig verhielt.

Wir erreichten kurze Zeit später den Kontrollraum, ähnlich wie bei SoulSystems in Luxemburg. Rechts an der Wand standen unzählige Computer mit riesigen Touchscreens und in der Mitte befand sich ein ovaler Tisch, der mindestens acht Meter lang sein musste – ebenfalls mit Computern.

Sofort setzte ich mich an den ersten, der nicht gesperrt war, und legte den Datenspeicher auf die Übertragungsstation. Im Augenwinkel sah ich, wie Max sich ebenfalls an einen Computer setzte und sich Ella und River um ihn versammelten.

Okay. Nicht ablenken lassen. Schweigend spielte ich die Videos vom Krieg im Königreich auf den Computer, wobei ich sicherlich auch einige davon hier gefunden hätte. Weil aber keine Zeit war, danach zu suchen, war diese Variante die schnellste.

»Shit!«, hörte ich Max fluchen, weshalb ich innehielt und über den Rand des halbdurchsichtigen Bildschirms zu ihm hinübersah. »Wir gehen da runter«, sprach er zu River. »Ella und Taissa bleiben hier.«

»Wohin geht ihr?«, fragte ich, um ihn aufzuhalten. Was war nur los mit ihm? Er verhielt sich gerade ernsthaft so, als wollte er so wenig wie möglich mit mir reden. Früher war er nie einfach gegangen, ohne mir zu sagen, wohin oder warum.

Nicht nur er verhält sich anders – auch du, Taissa. Du verhältst dich wie eine eifersüchtige Zicke, die ihren Freund nirgendswo alleine hinlässt.

Anscheinend hörte er die leichte Wut in meinen Worten heraus, denn kurz nachdem er aufgestanden war, huschten seine Augen zu mir und sahen mich ungewohnt eindringlich an.

»Caden und Rhea sind ein paar Stockwerke tiefer an Betten gefesselt und wie es aussieht bewusstlos«, erkläre er immerhin, wandte sich dann wieder an River. »Wir holen sie, ihr macht den Rest hier fertig, verstanden?«

»Ja, verstanden, Boss«, erwiderte ich mit einem ungläubigen Schnauben und konnte jetzt nicht mehr anders, als meine Enttäuschung zuzulassen. Die spottende Anrede war mir über die Lippen gegangen, bevor ich es verhindern konnte.

Ob ich erleichtert war, meinen Frust ausgesprochen zu haben? Nicht wirklich, ehrlich gesagt.

Ehe ich sehen konnte, mit welchem Blick mich Max darauf bedachte, konzentrierte ich mich wieder auf meinen Bildschirm und loggte mich in die Kommunikationssysteme ein. Nur am Rande bekam ich mit, wie Max und River den Raum verließen und Ella und mich zurückließen. Sofort machte sich Schweigen zwischen uns breit, wovon ich mich aber nicht stören ließ.

Deswegen erschrak ich auch, als ich ein merkwürdiges Geräusch hörte, das meine Aufmerksamkeit forderte.

Ella sprang von ihrem Stuhl und sah mich über die Bildschirme hinweg an. »Hast du das gehört?«

»Ja«, bestätigte ich ihr und blickte mich kurz im Raum um. Ich musste aber auch die Zeit im Auge behalten, daher blieb ich sitzen. »Ich glaube, es kam von dort.«

»Von wo?«

»Da«, sagte ich und wies mit dem Kinn auf die Tür, die sich in ein paar Metern Entfernung hinter mir befand. »Kannst du nachsehen?«

Ella ging gehorsam zur Tür, während ich die Videos in den Verteiler spielte. Ich wollte sie an jede ID senden, die wir außerhalb des Königreichs erreichen konnten. Jeder Satellit sollte sie empfangen, damit sie hoffentlich von den richtigen Leuten im Fernsehen ausgestrahlt würden.

Bei den Satelliten war es schon wahrscheinlicher, dass wir Probleme mit SoulSystems kriegen würden. Anders als beim Zusenden auf die IDs konnten sie dort die Übertragung blockieren. Ich hoffte, dass alles funktionierte. Das hier durfte nicht umsonst gewesen sein.

Nur wegen SoulSystems war ich in diese grauenhafte Familie gekommen. Diesen Menschen hatte ich es zu verdanken, dass mich mein Adoptivbruder misshandelt hatte, seit ich denken konnte, und dass meine Adoptiveltern nichts dagegen unternommen hatten. Dabei hatten sie es gewusst.

Max war der Einzige gewesen, der mir geholfen hatte, mir beigebracht hatte, wie ich mich verteidigen konnte. Tja, leider hatte das auch nichts genützt, als sich dieses Schwein an mir … Mein Hals wurde trocken, als sich mir die Bilder aufdrängen wollten. Bilder, die ich ganz weit aus meinem Gedächtnis verbannt hatte, damit sie mir nicht mehr wehtun konnten. Nie. Wieder.

»Tun Sie mir nichts!« Die angsterfüllte Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Ich war so überrascht, jemand Fremdes zu hören, dass ich vom Bildschirm abließ und mich zu Ella umdrehte.

Auf den ersten Blick sah ich nicht, wohin diese Tür führte, doch als ich aufstand und ein paar Schritte darauf zuging, erkannte ich eine Abstellkammer, in der sich offensichtlich ein Mitarbeiter versteckt hatte. Er saß zusammengekauert neben einem Regal und sah Ella an, als wäre sie eine blutrünstige Mörderin, die ihm jeden Moment die letzte Ehre erweisen würde.

Ich verzog abschätzig die Lippen, nachdem ich mich zu Ella gestellt hatte. »Na, wer bist du denn?«, fragte ich skeptisch und legte leicht den Kopf schief.

»Bitte!«, wimmerte er wieder und hob die Arme, als könnte er sich dadurch vor uns schützen. Aber gut, ich wollte ihm nicht zum Vorwurf machen, dass er zur Heulsuse mutierte.

»Kannst du ihn bitte im Auge behalten?«, bat ich Ella schließlich. »Ich muss das kurz fertig machen und dann nehmen wir ihn mit.«

»Mitnehmen?«, hakte Ella verwirrt nach. »Meinst du als Geisel?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Max freut sich bestimmt darüber«, sagte ich kühl und ging wieder zurück zum Computer. »Pass auf ihn auf.«

»Na gut«, stimmte Ella zu. Es gefiel mir, dass ich nicht mit ihr diskutieren musste.

Schnell schickte ich die Videos ins Weltall und hoffte, dass es klappen würde. Dass die Nachrichten einfach irgendwo ankamen und nicht von einem schwarzen Loch verschluckt würden.

Mit einem Blick auf die Uhr stellte ich fest, dass die fünf Minuten, die Max uns gegeben hatte, fast um waren. Die Phantome würden gleich damit anfangen, das Gebäude in Brand zu stecken. Daher beschloss ich, dass es für uns ebenfalls an der Zeit war, diesen Raum zu verwüsten.

Zu wissen, dass die Videos jetzt im Umlauf waren, fühlte sich gut an, ja, sogar richtig beflügelnd. Es hob meine Stimmung wieder etwas, sodass ich Ella hoffentlich nicht mehr mit allzu viel schlechter Laune begegnete. Sie konnte ja nichts dafür, dass sich Max mir gegenüber wie ein Arsch verhielt.

Ich ging wieder zu ihr und dem Mitarbeiter, der immer noch zusammengekauert auf dem Boden saß. »Aufstehen«, befahl ich ihm und holte meine Pistole hervor. Er sollte schon sehen, dass er sich besser nicht wehren oder versuchen sollte abzuhauen.

Glücklicherweise musste ich es auch nicht zweimal sagen, denn schon rappelte sich der Mitarbeiter auf und hob die Hände über den Kopf. »Bitte«, wimmerte er wieder. »Ich habe Frau und zwei Kinder. Bitte tun Sie mir nichts!«

Ich straffte die Schultern. Der Mann könnte eine verdammt gute Rolle spielen, um Ella und mich in einen Hinterhalt zu locken, aber ich kaufte ihm seine Angst ab. Er tat mir sogar leid. Nur beeinflusste mich das nicht mehr.

Bei meinem Job als Verhörleitung durfte ich mich von persönlichen Geschichten nicht tangieren lassen. SoulSystems selbst hatte mich darauf trainiert, dass ich solche Worte nicht an mich heranließ. Welch Ironie, dass ich das nun gegen sie anwandte.

Deshalb winkte ich ihn mit der Waffe zu mir. »Wenn du dich benimmst, wird dir nichts passieren«, warnte ich ihn. »Lass die Hände oben und geh vor. Wenn du versuchst wegzulaufen, schieß ich dir ins Bein.«

Okay, ich würde ihm zur Warnung die Finger brechen, denn ich konnte es nicht gebrauchen, dass er nicht mehr laufen konnte – ich würde ihn bestimmt nicht tragen – oder vom Anblick des eigenen Blutes ohnmächtig würde. Vielleicht hatte er ein paar nützliche Informationen für uns.

»Ella, du darfst dich jetzt austoben«, sagte ich zu ihr, woraufhin sie mir mit einem Nicken bestätigte, dass sie die Anweisung verstanden hatte. »Und du.« Ich sah den Mitarbeiter an, der nicht viel größer war als ich und kaum Haare auf dem Kopf hatte, und zeigte auf die Tür. »Auf geht’s.«

Ich drückte ihm den Lauf meiner Pistole in den Rücken und schubste ihn so in Richtung Ausgang. Kaum waren wir dort angekommen, hörte ich es das erste Mal knistern. Einen Augenblick später roch es verbrannt.

Dann konnten wir jetzt nur hoffen, dass sich River und Max nicht allzu viel Zeit ließen und sich an den Plan hielten – und das am besten, bevor uns die Flammen einschließen würden.

KAPITEL 4

Chuck

Auf meinem Desktop ploppte eine Warnung auf.

Achtung! Es wurde ein unautorisierter Zugriff gemeldet. Wollen Sie weitere Informationen?

Sofort juckte es in meinen Handgelenken, von innen heraus, sodass ich mich zusammenreißen musste, nicht mit dem Kratzen anzufangen. Das würde jetzt nur Aufsehen erregen.

Aber wenn du jetzt nicht kratzt, wird es wieder brennen, fuhr es mir durch den Kopf, aber ich wehrte mich dagegen.

Nicht. Kratzen. Ignorieren.

Ich versuchte mich unauffällig umzusehen. Sie hatten mir einen Platz am Fenster zugeteilt, von wo aus mindestens zwei Leute auf meinen Bildschirm schauen konnten. Es war gerade Pausenzeit, weshalb das Büro glücklicherweise nicht mit so vielen Mitarbeitern besetzt war. Genauer gesagt, war ich gerade alleine.

Ich konzentrierte mich wieder auf die Nachricht. Vielleicht war sie ja von Milo? Bei diesem Gedanken flutete mich Hoffnung – das Jucken in meinen Handgelenken ließ leicht nach, als würde mir allein sein Bild vor meinen Augen helfen. Was es für gewöhnlich auch getan hatte. Milo hatte mir immer geholfen, wenn es besonders schlimm gewesen war.

Bevor ich die Nachricht öffnen würde, sah ich mich sicherheitshalber noch einmal prüfend um. Dann klickte ich die Warnung weg und wartete darauf, die Nachricht lesen zu können. Ziemlich schnell erkannte ich, dass es sich um keine Textnachricht handelte. Es waren Videos. Auch ohne dass ich sie abspielen musste, wusste ich, dass sie das zerbombte Königreich zeigen würden. Ich erkannte es am Standbild.

Und jetzt erlaubte ich es mir auch, das nervöse Kratzen zuzulassen und mit den Nägeln über den Verband zu fahren, den sie mir um beide Handgelenke gebunden hatten, nachdem ich sie mir blutig gekratzt hatte.

Aber ich hatte nicht anders gekonnt. Zu stark war die Stimme in meinem Kopf gewesen, die mir immer wieder gesagt hatte, dass das alles meine Schuld gewesen war. Dass ich Milo verloren hatte. Den einzigen Menschen, der mir geholfen hatte.

Es war ja auch deine Schuld. Du hast deine Freunde verraten. Du hast Milo verraten.

Ich wusste es. SoulSystems wusste es auch. Sie wussten, welche Gedanken und Vorwürfe mich quälten, aber sie hatten nichts dagegen unternommen. Noch nicht. Sie hatten mir versprochen mir zu helfen, wenn ich tun würde, was sie von mir verlangten. Dann würden sie mir helfen. Und ich brauchte Hilfe.

Milo allein hatte es nie geschafft, die Stimme verstummen zu lassen, auch wenn ich ihre Lautstärke in seiner Gegenwart minimieren konnte. Dennoch hatte ich immer ihre Präsenz gespürt.

Genauso wie jetzt auch. Jedes Mal, wenn ich sie hörte, würde ich mir am liebsten die Ohren zuhalten, aber es wäre vergebens. Deswegen kratzte ich. Ich kratzte und kratzte. Aber es brachte nichts.

Was willst du jetzt mit dem Video tun? Willst du es vernichten? Willst du deine Freunde noch mehr in den Abgrund drängen?

Ich schüttelte den Kopf, als könnte ich ihr tatsächlich antworten. Dabei wusste ich, dass ich das nicht konnte. Dass die Stimme in meinem Kopf gar nicht existierte und nur ich sie hörte.

Trotzdem konnte ich nichts gegen die Zuckung machen, die mich jedes Mal erfasste. Es war nicht nur der Drang, mein Handgelenk zu kratzen, auch meine Schulter hob sich, als könnte ich damit mein Ohr schließen.

Du willst doch deinen Freunden helfen, oder? Willst du das etwa nicht, Charlotte? Willst du nicht wiedergutmachen, was du ihnen angetan hast?

Das wollte ich. Mehr als alles andere bereute ich es, dass ich sie ans Messer geliefert hatte. Aber ich hatte doch keine andere Wahl gehabt.

Wieso? Weil SoulSystems dir versprochen hat, dir zu helfen? Mich dir wegzunehmen? Und? Haben sie dir bisher geholfen? Nicht wirklich, oder wie siehst du das?

Nein, das hatten sie nicht. Sie hatten nur versprochen mir zu helfen. Damit ich meinen Kopf wieder ganz für mich allein hatte. Denn so sollte es sein. Ein Mensch. Ein Kopf. Eine Stimme. Nicht zwei.

Dann tu das Richtige, Charlotte. Mach es wieder gut.

Aber wie? Ich … ich sah mir die Meldung genauer an und erkannte erst jetzt, dass sie diese Videos zwar auch an mich, aber zusätzlich an die Satelliten geschickt hatten, um die ich mich ebenfalls kümmerte. Die ich schützte, damit eben so etwas nicht passierte.

Jetzt hast du den Hebel in der Hand.

Ja. Ich hatte den Hebel in der Hand. Aber wenn ich den Zugriff erlaubte, würden sie wissen, dass ich es gewesen war. Sie würden mich einsperren. Sie würden mir nicht mehr helfen. Dann wäre ich wieder allein.

Aber du würdest deinen Freunden damit helfen. Und vielleicht verzeihen sie dir und helfen dir. Wäre das nicht was? Das wäre doch die Lösung.

Aber ich brauchte doch die Hilfe von SoulSystems.

Du brauchst deine Freunde. Du brauchst Milo.

Nur hatte ich den Blick nicht vergessen, mit dem er mich bedacht hatte, als wir uns das letzte Mal gesehen hatten. Wie viel Abscheu seine grünen Augen ausgestrahlt hatten, nachdem er erfahren hatte, dass ich diejenige war, die sie verraten hatte. Ich hatte genau gesehen, dass er nichts mehr mit mir zu tun haben wollte – aber ich hatte keine andere Wahl gehabt.

Man hat immer eine Wahl, Charlotte. Du warst nur zu blind, um zu sehen, dass du den falschen Leuten vertraust.

Nein. Sie waren nicht falsch. Sie halfen mir. Bisher hatten sie mir immer geholfen, sodass die Stimme wenigstens für ein paar Tage geschwiegen hatte. Dann hatten sie sie aus meinem Kopf herausgenommen, wie sie es mit den Erinnerungen taten.

Aber ich komme immer wieder. Du wirst mich nicht so einfach los, wann verstehst du das endlich?

Nie. Ich würde es wohl niemals verstehen, warum ausgerechnet ich und nicht irgendwer anders leiden musste. Wieso ich mich mit der Stimme quälte, die mich wachhielt und mir Halluzinationen schickte. Halluzinationen, bei denen ich ganz genau wusste, dass sie nicht real waren, ich mich aber trotzdem davor fürchtete.

Als wir mit den Rebellen den Mars verlassen hatten und auf die Erde geflogen waren, war mir klar gewesen, dass die Stimme zurückkommen würde. Ava hatte versprochen, mir zu helfen – aber das hatte sie nicht getan. Egal, wie sehr ich sie angefleht hatte.