SoulSystems 5: Bekämpfe, was dich zerstört - Vivien Summer - E-Book

SoulSystems 5: Bekämpfe, was dich zerstört E-Book

Vivien Summer

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Beschreibung

**Ein perfekter Krieg braucht perfekte Feinde** Ella hat den Angriff auf sie zwar überlebt, sitzt jedoch genau wie River und die anderen im Gefängnis. In diesem machen sie die Bekanntschaft eines Mitgefangenen, der behauptet der wahre König zu sein. Bald wird deutlich, dass er über prekäre Informationen von SoulSystems und Rivers Vergangenheit verfügt. Währenddessen macht sich Max mit einer kleinen Gruppe auf den Weg, um seine Freunde zu retten. Doch die Zeit drängt, da der vermeintliche König und die neuen Häftlinge auf den Mars gebracht werden sollen. Während auf diesem Planeten Aufstände beginnen, versuchen die Rebellen auf der Erde Verbündete zu sammeln. Der finale Krieg beginnt… //Alle Bände der Rebellen-Reihe "SoulSystems": -- Band 1: SoulSystems. Finde, was du liebst -- Band 2: SoulSystems. Suche, was dich rettet -- Band 3: SoulSystems. Erkenne, was du bist -- Band 4: SoulSystems. Fühle, was in dir brennt -- Band 5: SoulSystems. Bekämpfe, was dich zerstört -- SoulSystems: Alle fünf Bände der Rebellen-Serie in einer E-Box!// Diese Reihe ist abgeschlossen.

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Vivien Summer

SoulSystems 5: Bekämpfe, was dich zerstört

**Ein perfekter Krieg braucht perfekte Feinde** Ella hat den Angriff auf sie zwar überlebt, sitzt jedoch genau wie River und die anderen im Gefängnis. In diesem machen sie die Bekanntschaft eines Mitgefangenen, der behauptet der wahre König zu sein. Bald wird deutlich, dass er über prekäre Informationen von SoulSystems und Rivers Vergangenheit verfügt. Währenddessen macht sich Max mit einer kleinen Gruppe auf den Weg, um seine Freunde zu retten. Doch die Zeit drängt, da der vermeintliche König und die neuen Häftlinge auf den Mars gebracht werden sollen. Während auf diesem Planeten Aufstände beginnen, versuchen die Rebellen auf der Erde Verbündete zu sammeln. Der finale Krieg beginnt …

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Vita

Danksagung

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© privat

Vivien Summer wurde 1994 in einer Kleinstadt im Süden Niedersachsens geboren. Lange wollte sie mit Büchern nichts am Hut haben, doch schließlich entdeckte auch sie ihre Liebe dafür und verfasste während eines Freiwilligen Sozialen Jahres ihre erste Trilogie. Für die Ausbildung zog sie schließlich nach Hannover, nahm ihre vielen Ideen aber mit und arbeitet nun jede freie Minute daran, ihr Kopfkino zu Papier zu bringen.

Für meine Testleser-Mädels – denn ihr seid gemeinsam mit mir in den Kampf getreten und ohne euch wäre diese Geschichte nicht das, was sie jetzt ist. DANKE!

»Wir haben das Leben auf der Erde und auf dem Mars revolutioniert und gesichert. Unser größter Dank gilt den fünf Gründern, die den Individuen mit ihrem Zusammenhalt, ihrem Förderungswillen und ihrem Vertrauen Frieden geschenkt haben. Mögen die fünf Nachfahren das Erbe mit Respekt und Hingabe fortführen und die Menschheit mit ihrem Blut und ihrer Seele beschützen.«

– SoulSystems Inc.

»Calleigh?«

Ohne ein Klopfen, und noch bevor sie ihn hereingebeten hatte, öffnete sich die Tür. Bei jedem anderen wäre sie laut geworden oder hätte an einem schlechten Tag die Kündigung ausgesprochen, aber vor ihr stand der Deputy Chief of Police der ersten Sternkolonie auf dem Mars – ihr Mann.

Er trat in ihr Büro und schloss mit Bedacht die Tür hinter sich. Anhand seines Gesichtsausdrucks erkannte sie sofort, wie ausgelaugt er war. Kein Wunder, die dummen Rebellen hielten ihre Leute ganz schön auf Trab.

Da änderte auch die Tatsache nichts daran, dass die meisten von ihnen schon festgenommen worden waren. Dass die Rebellen exekutiert wurden, schien eine Welle in Bewegung gesetzt zu haben. Die Ratten fingen an, aus allen Löchern zu kriechen.

»Was ist jetzt schon wieder passiert?«

»Wir haben Ärger mit den Widerständlern im Zentrum. Sie randalieren und haben Eigentum der Kolonie beschädigt«, berichtete Henry müde.

Sie warf wie beiläufig einen Blick auf die Uhr. Es war zehn Uhr abends. Wenn alles nach Plan laufen würde, würden die flüchtigen Rebellen, River, Ella und ihre dummen Freunde, in acht Stunden abgeholt werden. Man würde sie hierherbringen, was noch mal einen Verlust von zwei Tagen ausmachen würde. Aber das nahm sie in Kauf, da sie die Erste sein wollte, die River zwischen die Finger bekam. Und er sich wünschen würde, nie geboren worden zu sein.

»Was wollt ihr gegen die Widerständler tun?«, fragte Calleigh, um das Gespräch am Laufen zu halten und wenigstens so zu tun, als würde es sie interessieren. Sie würde sowieso alle töten lassen. Sie hatte genug Verbündete, die auf ihrer Seite standen. Nur der König hatte ihr Ärger bereitet, aber das Problem hatte sie ja schon vor einer Ewigkeit gelöst.

Wie einfach es gewesen war! Calleigh hatte die Wahrheit nur etwas verdrehen brauchen und Charlotte, dieses Naivchen, hatte ihr sofort geglaubt.

Henry, der es sich inzwischen auf einem der weißen Sessel in der Sitzecke gemütlich gemacht hatte, sah entschlossen zu ihr auf. Sie saß auf einer Lehne, ihrem Ehemann zugewandt, und lächelte ihn stolz an.

»Im Moment sind sie noch untergetaucht, aber wir werden sie finden und wir werden uns darum kümmern, dass sich die Lage in den Sternkolonien wieder stabilisiert. Glaub mir, das Ganze ist beendet, bevor weiterer Schaden angerichtet werden kann«, sprach ihr Henry Mut zu, wobei sie den gar nicht nötig hatte.

Auch wenn sie ihn liebte, war er auch nur ein Mittel zum Zweck. Genau wie alles andere.

Trotzdem beugte sie sich zu ihm nach unten, um ihre Hand mit den frisch manikürten Fingernägeln an seine Wange zu legen. »Ich weiß, dass du das schaffst«, säuselte sie und lächelte immer noch. Das war etwas, was sie besonders gut konnte. Lächeln, um das zu bekommen, was sie wollte. »Ich weiß, dass du deinen Planeten beschützen wirst.«

KAPITEL 1

Caden

Max stellte sich mir breitbeinig in den Weg und verschränkte die Arme vor der Brust. »Vergiss es!«, knurrte er und schien mich mit seinem Blick erdolchen zu wollen.

Wie gut, dass es mich nicht interessierte.

»Du kommst nicht mit!«, stellte er klar. Woher wusste er bloß, was ich vorhatte? Ich hatte mir doch nur eine frische Uniform angezogen und mich bewaffnet.

»Komm schon! Das wird lustig! Ich stell auch keinen Unsinn an«, versprach ich ihm mit einem Lächeln und wollte mich schon in Bewegung setzen, aber Max dachte nicht mal daran, mich in einen der Jets einsteigen zu lassen, mit denen sie nach London fliegen wollten, um meinem dummen kleinen Bruder den Arsch zu retten.

Und was wäre ich für ein Bruder, wenn ich nicht mitflog, um ihm gehörig die Leviten zu lesen? Richtig – ein großer dummer Bruder. Außerdem wollte ich es mir nicht entgehen lassen, mich dafür zu revanchieren, wie er mich gestern auf dem Feld zur Sau gemacht hatte, weil ich mal eben für ein paar Stunden verschwunden war.

Dass er nämlich ebenso einfach abgehauen war und sich dann auch noch dabei erwischen ließ, wie er den König befreien wollte, war viel schlimmer als das, was ich getan hatte. Ich war schließlich zu keinem Zeitpunkt die hilfsbedürftige Jungfrau gewesen.

»Es ist mir total egal, was für eine Scheiße du anstellen könntest«, riss mich Max aus meinen Gedanken. »Aber du bist vor nicht mal mehr vierundzwanzig Stunden erst wieder richtig zu dir gekommen und, Alter, du hattest Fieber! Du kommst auf keinen Fall mit!«

Ich sah Max scharf an. Und dann fiel es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen. »Du hast Schiss vor River«, stellte ich fest und begann zu lachen, als der Rebellenanführer nichts mehr dazu sagte.

»Max, wir müssen langsam wirklich los«, bemerkte Julien von hinten, der sich halb aus einem Jet rauslehnte.

Wenn ich das richtig mitbekommen hatte, dann wollten sie mit drei Maschinen losfliegen und ich wollte unbedingt mit. Na ja, nicht ganz so dringend, wie ich Max weismachen wollte, denn immerhin wartete Rhea in der Kabine des Raumschiffs auf meine Rückkehr und ich konnte nicht leugnen, dass ich viel lieber Zeit mit ihr verbracht hätte. Immerhin war sie erst seit ein paar Stunden wieder wach und endlich, endlich gab es nichts mehr, was uns im Weg stand.

Na ja, bis auf meinen idiotischen Bruder. Aber … die Familie konnte man sich nun mal nicht aussuchen, oder? Was hatte sich River nur dabei gedacht, mit ein paar Rebellen durchzubrennen und den König befreien zu wollen? Das Schlimmste daran war nicht, dass er es nicht mal für nötig gehalten hatte, mir Bescheid zu sagen – nein, das Schlimmste war, dass er mich nicht mitgenommen hatte.

Max und ich lieferten uns ein stummes Blickduell, das ich nach wenigen Sekunden für mich entscheiden konnte. Er gab mit einem entkräfteten Seufzen auf, warf mir aber noch einen Blick mit streng verzogenen Lippen zu. Wie ein Lehrer, keine Frage.

»Du fährst bei uns mit. Du bleibst bei uns und du tust nichts ohne meine ausdrückliche Anweisung, kapiert?«

»Jawohl, Boss!«, stieß ich hervor und salutierte übertrieben, bevor wir uns in Bewegung setzten.

»Ce fumier me casse les couilles«, stieß Max zischend aus.

»Es ist unhöflich in einer anderen Sprache zu sprechen, wenn die Anwesenden es nicht verstehen.«

»Du verstehst es nicht«, korrigierte Max. »Parce que tu es bête.«

Weil Julien auch noch anfing zu lachen, schnaubte ich. »Gut, dann macht euch eben über mich lustig. Ich komme damit klar. Ich hab’s nicht nötig, auf irgendeiner schwulen Sprache zu lästern.«

»Krieg dich wieder ein«, beschwerte Max sich, lachte inzwischen aber auch. »Ich hab nur gesagt, dass du mir auf den Sack gehst und dass du blöd bist. Kein Grund, gleich zu heulen.«

Ich schnaubte ein weiteres Mal. »Glaub mir, bis ich eine Träne verdrücke, braucht es mehr als ein paar Beleidigungen«, ließ ich ihn wissen und ging vor.

Ich hörte Max noch hinter mir seufzen, aber er sagte nichts mehr. Stattdessen konzentrierte ich mich auf Julien, der uns die Tür zum Hangar aufhielt. Vor uns standen drei Jets – fast unscheinbar, weil sie, wenn sie nicht zum Fliegen benutzt wurden, wie gewöhnliche, etwas zu groß geratene Geländewagen aussahen.

Nachdem ich eingestiegen war und es mir auf dem Rücksitz gemütlich gemacht hatte, nickte ich dem Typen neben mir zu. Theoretisch wäre noch ein Sitz zwischen uns frei, aber da wir beide recht breite Schultern hatten, war es so doch gemütlicher.

Max setzte sich auf den Beifahrersitz und schlug die Tür zu. »Bedankt euch bei Caden, dass wir jetzt erst loskommen«, murrte er und warf mir einen finsteren Blick zu. Ich grinste nur vor mich hin.

Ich bekam eben immer meinen Willen, ob bei Frauen oder Männern, scheißegal. Auch wenn ich nicht behaupten würde, ich hätte Max um den Finger gewickelt – eher hatte ich ihn mit seinen eigenen Waffen geschlagen. Und ein Blickduell hatte ich noch nie verloren.

»Wir sollten jetzt einfach los«, verkündete Julien, der Max wohl im Übrigen verschwiegen hatte, dass er derjenige gewesen war, der mich zum Ausflug eingeladen hatte.

Ich hielt aber meinen Mund. Nicht, dass einer der beiden doch noch auf die Idee kam, mich aus dem Jet zu werfen und hier zurückzulassen.

Der Flug verlief ziemlich ruhig – und überaus langweilig. War ja nicht so, als hätte ich auf Bombenstimmung gehofft, aber man hätte sich ja wenigstens mal über irgendetwas unterhalten können. Nein, stattdessen sahen meine drei Mitflieger durch die Scheiben des Jets. Sie taten bestimmt nur so, als würden sie die Umgebung konzentriert im Auge behalten. In echt schliefen sie bestimmt.

Ich tat dasselbe – also nicht schlafen, sondern gucken –, aber das Einzige, was ich sah, waren die zwei anderen Jets, die zwar in gebührendem Abstand neben uns herflogen, aber trotzdem noch so nah dran waren, dass wir sie immer im Blickfeld hatten.

»Wo sind wir?«, fragte ich nach nicht mal mehr zehn Minuten. »Und wie lange dauert es eigentlich?«

»Wenn du die Tür aufmachst und rausspringst, landest du im Ozean«, antwortete Max trocken.

»Dann müsstest du River erklären, wo ich bin. Das wird bestimmt ungemütlich«, konterte ich, als wäre River eigentlich der Ältere von uns – wobei, ich hatte ja erst festgestellt, dass ich mich im Augenblick so verhielt, dass er auf mich aufpassen musste. Heute war also die Chance, die Rollen wieder zu tauschen, damit ich meinen Status als großer Bruder zurückerlangte.

»Glaub mir, mit Kerlen wie ihm hab ich’s schon aufgenommen, da war ich fünf«, erwiderte er, was mich nur die Augen verdrehen ließ.

»Du hast mir nicht beantwortet, wann wir da sind.«

»Höchstes eine Viertelstunde«, verkündete Julien. »Wir müssen außerhalb landen und hoffen, dass wir ohne Kontrollen in die Stadt kommen.«

»Habt ihr das schon mal gemacht?«, fragte ich mit einem Blick durch die Scheibe. Ich musste ja zugeben, dass der Muskel in meiner Brust ab und zu einen kleinen Aussetzer hatte, wenn ein Jet aus einer Wolkenwand rausschoss und man kurz denken könnte, es wäre SoulSystems oder, noch schlimmer, das königliche Militär.

»Vor ein paar Jahren«, sagte Max und zuckte mit den Schultern. »Seitdem die Lage so eskaliert ist, haben wir die Insel gemieden. Nur als wir euch aus dem Gefängnis geholt haben, sind wir noch mal nach London geflogen.«

»Also kennt ihr euch in der Stadt aus und wisst, wohin wir müssen?«

»Ja, keine Sorge. Das Schloss wirst nicht mal du übersehen können, wenn wir darüber hinwegfliegen«, konnte Max gerade noch sagen, ehe Julien plötzlich den Jet in die Höhe riss.

Der Rebellenanführer stieß einen Fluch auf Französisch aus, ich in meiner Sprache. Irgendwas drückte sich mir unangenehm in den Magen.

Genauso schnell, wie Julien den Jet in die Höhe getrieben hatte, ließ er ihn jetzt wieder fallen. Zuerst dachte ich, er wollte uns einfach nur verarschen und die Stimmung lockern, aber als er nach rechts lenkte und der Jet in Schieflage geriet, sah ich, dass wir verfolgt wurden.

»Fuck, wieso bin ich noch mal mitgekommen?«, zischte ich und riss instinktiv die Augen auf, während Julien den Jet weiter in die Tiefe jagte.

»Weil du was Witziges erleben wolltest!«, brüllte mir Max zu, was mir beinahe ein Lachen entlockt hätte. Ich konnte schließlich nicht verleugnen, dass genau das meine Worte gewesen waren.

Julien umklammerte das Steuer fester. »Haltet jetzt den Rand!«, stieß er aus und brachte den Jet wieder in die richtige Position. »Ich muss mich konzentrieren!«

Mir lag zwar schon eine Erwiderung auf der Zunge, aber ich schluckte sie runter. Wie auf heißen Kohlen sitzend überlegte ich, was ich tun könnte. Vielleicht auf die Jets schießen? Aber dafür musste ich das Fenster öffnen und bei der Flughöhe und Geschwindigkeit war das vielleicht nicht die beste Idee. Außerdem wäre es Verschwendung von Munition gewesen, keine Frage.

Also beließ ich es dabei, mich am Griff der Tür festzuklammern und Stoßgebete zum Himmel zu senden, dass uns diese Schweine nicht abschießen würden. Bitte, lieber Herr im Himmel?

Als Julien den Jet ein weiteres – und offensichtlich letztes – Mal in die Tiefe stürzte, hielt ich die Luft an. Andernfalls hätte ich vielleicht geschrien.

Weil es heute gut bewölkt war, schaffte Julien es endlich, unsere Verfolger abzuhängen. Zumindest war nichts mehr zu sehen und nichts mehr zu hören.

»Verdammt«, murmelte ich mit nach wie vor aufgerissenen Augen und einem rasenden Herzen, das einen Sprint gewinnen wollte. »Wenn ich noch mal darum bettle mitzukommen, hau mir eine runter.«

»Mit Vergnügen«, erwiderte Max leicht außer Atmen.

Ich konnte das gerade irgendwie nicht fassen. Wahrscheinlich war ich aber einfach nur zu verwöhnt davon, in der Luft noch nie in Gefahr gewesen zu sein. Als wir mit dem Raumschiff aus der Mine nach Paris geflogen waren, war absolut nichts passiert. Damals hatte ich gedacht, dass wir einfach nur Glück gehabt hatten, aber inzwischen wusste ich, dass Megan ihre Finger im Spiel hatte.

Megan war von SoulSystems bei uns eingeschleust worden, um als angebliche Rebellenanführerin eine bereitwillige Gruppe von Soldaten aufzustellen, die im Krieg dem Königreich dienen sollte. Sie musste sich gut mit Erpressung auskennen, denn dem Europäischen Königreich ging der Arsch so ziemlich auf Grundeis. Die Rebellen hier waren würdige Gegner und gaben nicht auf, um ihr Land zu kämpfen. Tja, ich würde sagen, ich war jetzt ein Teil davon.

Mein Puls hatte sich immer noch nicht beruhigt, wurde sogar noch etwas stürmischer, als ich mich zum Fenster wandte und nach unten sah. Unter uns erstreckte sich eine Stadt. Auf den ersten Blick entdeckte ich einen Kanal, viele Brücken, ein paar Türme und, wie Max angekündigt hatte, das Schloss, nach dem wir suchten. Es stach wie ein rotglühender Punkt aus der Umgebung hervor und versetzte mich in eine kurze Starre.

»Und darin wohnt der König?«, hörte ich mich fassungslos fragen. Ich hatte keine Kontrolle über das, was da aus meinem Mund kam – dafür war die Aussicht zu überwältigend.

Es hatte fast schon etwas Romantisches. Gerade, wenn man die Sonne dabei beobachtete, wie sie sich auf der Wasseroberfläche spiegelte, oder die alt aussehenden Gebäude betrachtete. Nur leider saßen dafür die Falschen im Auto.

Und mit dem Fremden neben mir, der noch kein Ton gesagt hatte, wollte ich nicht Händchen halten.

»Okay, lass uns außerhalb landen«, gab Max schließlich den Befehl. »Ich hab keine Lust, dass so etwas wie eben noch mal passiert.«

Keine fünf Minuten später rollte der Jet über Asphalt. Ehrlich gesagt konnte ich mich gar nicht mehr daran erinnern, wann ich das letzte Mal Auto gefahren war. Trotz der Erinnerungen, die ich von Megan zurückbekommen hatte, waren viele Teile meiner Vergangenheit noch immer nicht zu erkennen. Ich wusste aber auch nicht, ob sie je zurückkommen würden. Ehrlich gesagt … war es mir auch egal. Auf meine Eltern, die mich auf die Straße gesetzt hatten, konnte ich auch verzichten. Ich hatte Rhea und ich hatte River. Mehr brauchte ich nicht.

Ich konzentrierte mich wieder auf unsere Umgebung – ausnahmsweise. Wir hatten inzwischen auch die Fenster heruntergelassen und die Gewehre entsichert, damit wir uns im Notfall sofort verteidigen konnten. Es war sowieso schon total irre, am helllichten Tag durch die Straßen einer Königsstadt zu fahren und in den Palast zu marschieren, um meinen Bruder zu retten. Und seine Freundin natürlich. Und die anderen auch.

Aber wie sollten wir das anstellen? Wir konnten ja schlecht am Eingang klingeln und um Einlass bitten. Es juckte mich, die beiden vorne zu fragen, wie sie vorgehen wollten, aber ich hielt mich zurück. Meine Mutter hatte die Neugierde an mir immer unhöflich gefunden und vermutlich hatte sie recht. Für gewöhnlich hätte es mich einen Scheiß interessiert, aber die Stimmung war so angespannt, dass ich es mit meiner Fragerei nicht noch schlimmer machen musste.

KAPITEL 2

Chuck

Es war mitten in der Nacht, als ich von einem unmenschlichen Lärm geweckt wurde. Hunter war sofort auf den Beinen. Keine Ahnung, was plötzlich in diesen sonst so arroganten Kerl gefahren war, aber er hatte mir seine Pritsche überlassen – zumal sie auch die einzige in dieser Zelle war – und selbst auf dem Boden geschlafen.

Dass machte es mir noch schwerer, ihm zu verschweigen, dass Calleigh Raphael den Deal zwischen ihnen nicht eingehalten hatte. Auch wenn er wusste, dass sie wie gedruckt lügen konnte, glaubte er wahrscheinlich, dass sie seinen kleinen Bruder am Leben gelassen hatte.

Ich hatte Mitleid mit Hunter. Vor allem, weil er gehofft hatte, seine Familie beschützen zu können, indem er tat, was Calleigh von ihm verlangte. Er hatte ebenfalls die Rebellen an SoulSystems ausgeliefert und ich konnte es nachvollziehen. Sein Grund, sie zu verraten, war triftiger als meiner. Nur leider hatte Calleigh ihm vergessen zu sagen, dass sie sich nicht daran gehalten und seinen Bruder getötet hatte. Und ich konnte es auch nicht.

»Hast du das gehört?«, fragte Hunter, als er sah, dass ich wach war.

Ich nickte stumm. Der Krach wäre vielleicht zu einer anderen Uhrzeit normal gewesen, aber nicht jetzt. Es musste vier, vielleicht fünf Uhr morgens sein.

Hunter stand auf und positionierte sich an die riesige Gitterfront, als könnte er dadurch etwas erkennen. Allerdings war die Tür verschlossen und es wäre mir neu, dass er durch Metall sehen konnte.

Ein Knall brachte mich schließlich dazu, von der Pritsche zu springen. Dabei hatte ich genau gehört, dass der Lärm viel zu weit weg war, als dass er mir wirklich Angst machen sollte. Aber genau das tat er.

Ich spürte, wie ich in Schweiß ausbrach. »Was war das?«, fragte ich mit zittriger Stimme.

Hunter zuckte mit den Schultern und starrte lauernd auf die Tür. Ich versuchte mich ebenfalls zu konzentrieren, doch mein Herzschlag, der mir in den Ohren hämmerte, erschwerte es mir.

Mehrere Sekunden lang ertönte nichts – dann lief es mir plötzlich eiskalt den Rücken runter. Das Geräusch von Maschinengewehren echote durch die verschlossene Tür. Geschrei kam von draußen. Kreischen, gebrüllte Befehle, noch mehr Schüsse.

Mein Atem ging stoßweise. Ich wusste nicht, wer von uns beiden zuerst so weit wie möglich von der Zellentür flüchtete; wir erreichten fast zeitgleich die Wand – und überraschenderweise stellte Hunter sich halb vor mich und streckte seinen Arm aus, als wollte er mich abschirmen. Obwohl ich nicht verstand, was ihn dazu trieb.

Als ein dumpfer Aufschlag an mein Ohr drang, zuckte ich zusammen. Jemand rammte etwas gegen die Tür, aber sie bewegte sich kein Stück.

»Hunter«, wisperte ich panisch, auch wenn ich mir im Klaren darüber war, dass er nichts tun konnte. Wir saßen hier fest. Und gleich würde etwas Schlimmes passieren. Ich hatte es im Gefühl.

Viel schneller als erwartet sprang die Metalltür auf. Schwer bewaffnete Männer stürzten in den Raum, der noch einmal von Gitterstäben getrennt wurde und uns halbwegs von den Eindringlingen abschirmte. Bei ihrem Anblick rutschte mein Herz ins Nichts.

Ich schluckte, als ich mich soweit es ging an die Wand presste. Hunters Arm über meinem Brustkorb unterstützte das nur. Er drückte sich mit seinem Gewicht gegen mich, als wollte er in der Wand verschwinden.

Und dann erst fielen mir die Maskierungen auf. Die Totenköpfe.

»O mein Gott«, stieß ich aufgeregt, aber dennoch tonlos hervor und konnte gar nicht glauben, was ich da sah. Sie waren es. Meine Augen spielten mir doch keinen Streich, oder?

»Trip?«, fragte Hunter auch gleich, als hätte er sie ebenfalls erst jetzt erkannt.

Einer der Maskierten grinste. Ich brauchte einen Augenblick, aber dann erkannte auch ich ihn. Es war viel zu lange her, dass ich einen der Rebellen gesehen hatte – und dann auch noch mit einer Totenkopfmaske! Das Glücksgefühl, das mich daraufhin durchflutete, konnte nicht größer sein.

Allerdings wurde es schlagartig gedämpft, als Ava im Türrahmen erschien. Sie trug noch genau dieselben Klamotten wie bei meinem Besuch von vor zwei Tagen, hatte sich aber ein Maschinengewehr umgehängt, was sie eben erst bekommen haben musste. Auch die Totenkopfmaskierung fehlte in ihrem Gesicht.

Als sie Hunter und mich so an der Wand stehen sah, kniff sie leicht ihre fast schwarzen Augen zusammen. Obwohl die Kampfgeräusche vom Flur nicht nachließen, nahm sie sich alle Zeit der Welt, um reinzukommen und uns zu mustern. Ihr Blick war so intensiv, dass ich das Gefühl nicht loswurde, dass sie genau wusste, was in mir vorging.

Ich zitterte am ganzen Leib. Nicht nur, weil der Lärm vom Flur angsteinflößend war, sondern auch, weil Ava nichts sagte und die Jungs halb ihre Gewehre auf uns gerichtet hatten. Sie wollte uns doch nicht töten – oder?

»Sag nicht, ihr habt die Bude überrannt?«, stieß Hunter schließlich hervor, wobei sein Tonfall uns deutlich spüren ließ, dass er nicht wusste, was er davon halten sollte.

Ich wusste es auch nicht. Das hier war schließlich SoulSystems. Die überrannte man nicht einfach so. Es war eine Festung. Hochsicherheitsstufe. Das konnte nur heißen, dass sich die Rebellen in Windeseile vermehrt hatten oder dass SoulSystems und die Polizei mit den Aufständen völlig überfordert waren. Anders konnte ich mir nicht erklären, was sie hier taten.

Ava lächelte selbstzufrieden. »Du siehst es doch«, sagte sie und schürzte ihre Lippen. Wieder schien es, als würde sie sich alle Zeit der Welt lassen, aber ich wusste es besser. Ihre Finger, die unruhig auf dem Abzug lagen, verrieten sie – sie war nervös.

»Dann hol uns hier raus!«, verlangte Hunter fest und trat auf einmal nach vorn.

»Na, na!«, drohte Ava plötzlich und hob ihre Waffe – den Lauf richtete sie direkt auf Hunters Brust. »Eigentlich sollte ich euch beiden ein Rendezvous mit dem Teufel arrangieren!«

»Mach keinen Scheiß.« Hunter versuchte die Situation runterzuspielen, aber Avas Blick blieb düster.

Das Lächeln war aus ihrem Gesicht verschwunden. Zudem waren die blauen Flecke verblasst, die mir noch vor zwei Tagen einen Schrecken eingejagt hatten. »Halt die Schnauze, Hunter«, forderte Ava gelangweilt. »Du bist mehr als einmal über das Ziel hinausgeschossen. Du hast meine Leute gegeneinander aufgehetzt. Nenn mir einen beschissenen Grund, wieso ich dich nicht auf der Stelle erledigen sollte.«

»Es tut mir leid, okay?«, presste er sofort hervor. »Wenn du’s genau wissen willst: Calleigh hat mich –«

»O Gott, bitte, verschon mich mit deinem Rumgeheule«, stöhnte Ava und verdrehte die Augen. »Heul, Calleigh, dieses gemeine Miststück, hat mir gedroht. Heul.« Sie ahmte Hunters Stimme im Jammerton nach.

Ich schluckte wieder und warf einen Blick auf Hunter. Ich hatte hautnah miterlebt, wie er zusammengebrochen war, weil Calleigh ihn nicht aus der Zelle ließ und ihm nicht mal gesagt hatte, dass sein Bruder Nathan tot war. Weil sie ihn umgebracht hatte. Sie hatte die Soldaten zu Hunter nach Hause geschickt, um seinen Bruder zu exekutieren.

Das Bild spukte immer noch im meinem Kopf herum. Das Bild, wie sie ihn erschossen hatten. Calleigh, dieses abartige Biest, hatte mich zusehen lassen.

Vielleicht ergriff ich deswegen Partei für Hunter. Auch wenn meine Stimme nicht so fest klang, wie ich es mir erhoffte. »Es stimmt, Ava«, sagte ich schnell. Viel zu schnell. Schlimmer noch: Plötzlich lag die ganze Aufmerksamkeit auf mir, als hätten sie mich alle komplett vergessen. »Ich habe es mitbekommen, dass Calleigh ihn erpresst. Mit seiner Familie.«

»Dir glaube ich auch kein Wort mehr«, zischte sie grob. »Aber das hast du offensichtlich vergessen.«

»Ava.« Hunters Stimme klang flehend. Bettelnd. »Es tut mir leid! Alles, was ich im Auftrag von Calleigh tun musste. Aber ich wollte immer nur meine Familie beschützen!«

Die schwarzen Augen der Anführerin wurden noch enger. Ich war mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob sie Hunter das glaubte. Ich wusste nicht mal, ob ich es ihm glauben sollte. Er hatte einfach schon zu oft gelogen – vielleicht war auch sein Zusammenbruch nur gespielt gewesen … aber nein. Würde er so hinterhältig sein, würde er vermutlich wissen, dass sein Bruder tot war.

Avas Blick lag immer noch auf mir, als die Schüsse auf dem Flur wieder lauter wurden. Ein Schrei zerriss zwar die Stille, aber sie schien sich nicht daran zu stören. Keiner rührte sich, als wäre das, was sich auf dem Flur abspielte, gar nicht existent.

»Kommt von der Prinzessin hier auch noch mal was?«, forderte Ava und starrte mich weiterhin an.

Mein Mund wurde ganz trocken, wenn ich daran dachte, was sie hören wollte. »Es tut mir auch leid«, murmelte ich unsicher, aber trotzdem wahrheitsgemäß. »Ich bereue, was ich getan habe. Das verspreche ich … ich … ich habe versucht, es wiedergutzumachen.«

»Es … wiedergutzumachen?«, fragte sie ungläubig und mit zusammengeschobenen Augenbrauen.

Verdammt. Was hatte ich gerade gesagt? Dass ich es wiedergutmachen wollte? Wie bescheuert war ich eigentlich, das jetzt anzusprechen – jetzt, wo sie das Maschinengewehr im Anschlag hatte und es meine Schuld war, dass die Rebellen in eine Falle getappt waren. Meinetwegen.

»Hör zu, Ava, können wir das woanders besprechen? Vorzugsweise irgendwo, wo nicht mehr jeden Moment Verstärkung aufkreuzen kann?«, fragte Hunter, als spürte er, dass ich mich innerlich wand, um keine Antwort geben zu müssen.

Die Anführerin schnaubte. »Wenn du glaubst, ihr könnt euch mein Vertrauen so schnell zurückverdienen, hast du dich getäuscht. Du magst ein guter Polizist sein, aber du hast keine Ahnung von Treue, Mitch Hunter«, stieß sie aus und verzog die Lippen.

»Ich habe das getan, was jeder in meiner Situation getan hätte, um seine Familie zu beschützen«, knurrte er mit geballten Fäusten. »Auch du! Also wirf mir nicht vor, ich hätte keine Ahnung von Treue!«

Ava verzog missbilligend das Gesicht. Familie war nun mal Familie. Für die meisten Menschen bedeutete das, dass sie sich umeinander kümmerten – nur bei mir war das anders.

»Ein Fehltritt«, begann Ava schließlich warnend und starrte erst Hunter und dann mich eindringlich an, »und ihr seid beide tot, noch bevor ihr eine eurer sinnlosen Entschuldigungen aussprechen könnt. Kapiert?«

Ich nickte, ohne auf Hunter zu achten, erkannte aber im Augenwinkel, dass er dasselbe tat.

KAPITEL 3

Caden

Wir blieben circa einen Kilometer vom Palast entfernt in einer Seitenstraße stehen. Julien holte sein Handy raus und steckte es in eine Vorrichtung im Jet. Ich dachte erst, er wollte jetzt die Navigation einschalten, aber als auf einmal Xaves Gesicht auf dem Display erschien, stutzte ich.

»Wie ich sehe, seid ihr angekommen«, begrüßte er uns und hob fragend eine Braue, als wartete er auf Bestätigung.

»Ja, alles gut bei uns. Bei euch? Ist die Verbindung sicher?« Max. Er klang ziemlich angespannt.

Kurz fragte ich mich, ob er eine Freundin hatte. Wenn nicht, würde ihm bestimmt mal eine guttun. Der Kerl schien mir etwas zu viel aufgestauten Druck zu haben – und ich wusste, wie Mann sich dann fühlte.

Ich konzentrierte mich wieder auf Xave, bevor meine Gedanken zur Ebene III und den vielen Mädels abdrifteten. Auf den ersten Blick sah er vom Typ her Max ziemlich ähnlich, nur dass seine Haare heller und noch ein Stück länger waren und ihm wild ins Gesicht fielen. War es verrückt, dass ich dabei an Rhea denken musste? Vielleicht musste ich mich selbst mal fragen, ob ich zu viel Druck aufgestaut hatte.

»Natürlich ist die Verbindung sicher. Wenn irgendwer lauscht, kriegt er einen Mutter-Tochter-Streit auf feinstem Französisch zu hören«, erklärte Xave und verdrehte die Augen. »Sind die anderen schon da?«

»Ich glaube nicht«, verkündete Max, aber im selben Moment hob Julien den Arm und zeigte direkt in die gegenüberliegende Straße. »Ah, eine Gruppe ist schon da. Die dritte fehlt noch.«

Xave nickte. »Ich schicke euch gleich eine Karte. Ich habe schon alles vorbereitet und den Transporter umgeleitet«, erklärte er, woraufhin ich fragend die Stirn runzelte.

»Was ist hier eigentlich der Plan?«, mischte ich mich ein und lehnte mich weiter zum stummen Kerl neben mir, damit ich ins Blickfeld der Handykamera kam.

Bevor Xave antworten konnte, drehte Max sich zu mir. »Das siehst du gleich. Verhalt dich ruhig und schieß, wenn wir schießen«, wiegelte er mich ab, was mich unzufrieden schnaufen ließ.

Bitte schön. Dann eben keine supertolle Caden-Idee. Wer nicht will, der hat schon.

Trotzdem fühlte ich mich wie das fünfte Rad am Wagen. Ich ließ mich zurückfallen und starrte durch die Scheibe an die Hauswand neben mir, die mit bunten Schriftzügen und Bildern beschmiert war. Es sah wie eine Hand aus. Oder … ich weiß nicht. Vielleicht auch irgendein Tier, aber wenn, dann hatte es keine Augen. In Sacramento hatte ich mal ein paar Graffitis gesehen – zumindest bei dem Versuch, sie von den Wänden zu entfernen – aber hier kümmerte sich keiner darum.

»Die dritte Gruppe ist auch da. Sie stehen hinter uns«, verkündete Julien.

»Gut, dann schickt sie vor, damit sie die Straße absperren. Ihr wisst, was ihr zu tun habt?«, fragte Xave.

»Aber natürlich. Wir sind ja keine Anfänger.« Julien startete unerwartet den Jet, sodass ich nicht mehr zu dem Schluss kommen konnte, ob es nun eine Hand oder ein Tier war. Aber so aus dem Augenwinkel betrachtet könnte es auch ein Buchstabe sein.

Julien legte den Rückwärtsgang ein und fuhr neben den zweiten Jet. Weil Max am nächsten dran war, übernahm er das Gespräch. Und bestimmt auch, weil er der Anführer war.

»Habt ihr die Karte von Xave gekriegt?«, fragte er.

Der Fahrer, keine Ahnung, wer er war, nickte. Die gewöhnungsbedürftige Halbglatze kam mir allerdings bekannt vor.

»Alles klar. Dann würde ich sagen, ihr blockiert die Gasse. Wir kommen dann von hinten und machen dicht«, schlug Max vor, was von dem Typen in Unterhemd abgenickt wurde.

»Aye, aye!«, rief er lachend und fuhr kaum eine Sekunde später los.

»Ich hoffe, er hat nicht getrunken«, seufzte Max, als der Jet außer Hörweite war. »Er hat doch keine Fahne gehabt, oder?«

»Höchstens noch von eurem Saufgelage von vorgestern«, murrte Julien und klang dabei ziemlich unfreundlich.

Wieder poppte eine Erinnerung von meinem inneren Auge auf. River und ich, wie wir uns mit Milo einen gegönnt hatten. Fast rutschte mir ein verträumtes Seufzen dabei heraus – es war der erste Abend in Freiheit gewesen.

»Auf dem Raumschiff hat er nichts getrunken«, sagte Xave in die angespannte Stille, aber es reagierte auch keiner mehr darauf.

Weil ich hinter Max saß, konnte ich sehen, dass er immer wieder verstohlen auf sein Handy sah. Ich wusste zwar nicht genau wieso, aber vielleicht wartete er auf irgendwas.

Unruhig rutschte ich im Sitz hin und her und dachte an Rhea. Sie war nicht besonders begeistert gewesen, dass ich sie, so kurz nachdem sie aufgewacht war, wieder alleine ließ, aber sie sollte sich sowieso noch ein bisschen ausruhen. Und wie gesagt, ich musste meinem Bruder den Marsch blasen.

»Sie sind positioniert«, sagte Max, woraufhin Julien den Wagen in Bewegung setzte.

Mein Griff um das Gewehr wurde fester. Im Sitz vor mir steckten noch zwei weitere Pistolen, gegen die ich mit dem Knie immer wieder stieß. Es war auch etwas eng hier hinten mit den ganzen Waffen, aber im schlimmsten Fall würde ich schnell drankommen und könnte schießen.

Es war zwar schon eine Ewigkeit her, dass ich Waffen in der Hand gehabt hatte, noch zu Zeiten bei den Rebellen von vor vier Jahren, aber es gab Sachen, die verlernte man nicht. Im Ernstfall reagierte man eh aus dem Reflex heraus.

»Ich habe das Signal des Transporters blockiert«, informierte uns Xave – was auch immer das hieß. »Lasst euch trotzdem nicht so viel Zeit.«

»Alles klar.«

Julien fuhr so weit aus der Gasse raus, dass er auf die Hauptstraße sehen konnte. Wenn ich mich richtig erinnerte, würde sie rechts runter direkt zum Palast führen – ich hatte einen grottigen Orientierungssinn.

Angespannt sah ich durch die Windschutzscheibe. Überraschenderweise dauert es nicht lang, denn als ein anthrazitfarbiger Transporter im Verkehr auftauchte, setzte Julien den Jet in Bewegung. Zu unserem Glück fielen wir nicht auf. Jets schienen hier das Haupttransportmittel zu sein. Da war eine Fahrt mit dem Transporter schon deutlich auffallender, allein, weil er viel größer war als die anderen Fahrzeuge.

Der schweigsame Typ neben mir und ich hatten uns zueinander gebeugt, damit wir nicht verpassten, was da vor sich ging. Dabei entging mir auch nicht, dass Julien das Steuer wieder so fest umklammert hatte wie bei unserem Sturzflug, als befürchtete er, wir könnten angegriffen werden.

»Fahr dichter dran«, befahl Max leise und war allem Anschein nach nicht weniger angespannt als wir alle zusammen. Er trommelte ungeduldig mit den Fingerspitzen auf seinem Oberschenkel.

Ohne dass Julien die Anweisung kommentierte, erhöhte er etwas die Geschwindigkeit und kam dem Transporter langsam näher. Als er plötzlich abbremste, machte mein Herz einen Satz.

Der Fahrer des Transporters wusste wohl nicht so recht, wohin er fahren sollte. Ich schätzte, dass er eigentlich weiter geradeaus fahren wollte, aber im letzten Moment bog er rechts in eine Seitenstraße ein.

Kaum war er hinter der Ecke verschwunden, gab Julien Gas und folgte ihm. Erwartungsvoll schoss mein Puls in die Höhe. Ich spürte das Adrenalin, das bei dem Gedanken daran, dass gleich etwas passieren würde, ausgestoßen wurde.

Als Julien abrupt bremste, erkannte ich erst, dass unmittelbar vor uns der Transporter zum Stehen gekommen war. Direkt gegenüber versperrten zwei unserer Jets die Straße. Und dann ging alles plötzlich ziemlich schnell.

Der Transporter setzte zurück und rammte unseren Wagen, noch bevor Julien überhaupt reagieren konnte. Wider Erwarten war der Aufprall so hart, dass ich froh war, angeschnallt zu sein. Trotzdem stemmte ich mich mit aller Kraft gegen den Sitz und hielt mein Gewehr fest umklammert.

»Caden, Toni!«, brüllte Max, was im Krach des nächsten Aufpralls fast untergegangen wäre. »Raus hier!«

Ich tat sofort, was Max von mir wollte. Wie automatisch drückte ich den Sitz nach vorn, auf dem Max eben noch gesessen hatte, bevor er nach draußen gesprungen war, und folgte ihm ebenfalls. Im Augenwinkel sah ich, dass der Stumme – Toni – uns hinterherhechtete.

Wir hatten wieder festen Boden unter den Füßen, ehe der Transporter unseren Jet ein weiteres Mal rammen konnte. Tausend Gedanken schossen mir dabei durch den Kopf, aber nur einen ließ ich zu: »Was jetzt?!«

»Wir entern das Ding!«, befahl Max – wobei ich glaubte, dass man entern nur in der Schiffssprache benutzte.

Meine Gedanken lösten sich aber in Luft auf, als der Transporter nach vorn schnellte. Anscheinend hatte der Fahrer verstanden, dass es keine Ausweichmöglichkeiten nach hinten gab.

Ich konnte gar nicht so schnell gucken, da waren ein paar der anderen ebenfalls aus ihren Wagen gesprungen und richteten ihre Waffen auf das Führerhaus. Nur weil noch niemand schoss, hielt ich mein eigenes Gewehr umklammert und folgte Max.

Plötzlich streckte sich eine Hand aus dem Fenster und zielte mit einer Pistole auf uns. Mit angehaltenem Atem sprang ich zur Seite und rammte mit der Schulter den Transporter, als sich der Schuss löste. Im Augenwinkel erkannte ich, dass Max sich ebenfalls näher an den Wagen presste und dann so schnell beim Beifahrerfenster ankam, dass der Schütze gar nicht realisierte, was mit ihm geschah.

Max zog an dem Arm, als wäre er ein Ast, und schlug ihm gleichzeitig die Pistole aus der Hand. An dem Schrei des Mannes hörte ich, dass ihm Max entweder den Arm gebrochen oder die Schulter ausgekugelt haben musste – was es auch war, sie hatten es nicht anders verdient, wenn sie auf uns schossen.

Was mit dem Fahrer passierte, bekam ich gar nicht mit. Nur, dass Max die Tür aufriss und den Beifahrer an seiner Uniform nach draußen zerrte. Der Mann, der zum Vorschein kam, verzog von Schmerzen geplagt das Gesicht und versuchte, sich gleichzeitig zu wehren und den verletzten Arm zu halten.

Ein anderer Rebell nahm Max den Beifahrer ab – er schlug ihm unvermittelt ins Gesicht. Das Knacken konnte ich sogar bis hier und trotz laufender Motoren hören. Viel zu oft hatte ich es schon bei den Kämpfen auf Ebene III gehört, mit denen sich die Insassen die Zeit vertrieben hatten. Dennoch durchflutete mich eine Zufriedenheit, dass sich der Beifahrer nicht mehr rührte. Dabei hatte ich nicht mal etwas getan.

»Bei dir alles klar, Flip?«, rief Max, als schlagartig Stille einkehrte. Der Motor des Transporters erstarb.

»Jau!«, brüllte dieser aus dem Führerhaus zurück. »Fahrer ist im Traumland!«

Der Rebellenanführer der Pariser nickte knapp und fummelte an der Jacke des Bewusstlosen herum.

Hinter mir stieg Julien aus, nachdem er den Jet zurückgesetzt hatte. »Caden! Komm mal her!«, forderte er von mir, woraufhin ich sofort reagierte.

Das erste Mal überhaupt warf ich einen Blick zurück auf die Straße, um zu prüfen, ob irgendwer etwas von dem Radau hier mitbekommen hatte, aber hinter unserem Jet war es ruhig. Der Verkehr ging einfach weiter. Hatten wir vielleicht doch nicht so viel Lärm veranstaltet, wie es sich für mich angehört hatte?

Als ich bei Julien ankam, war dieser gerade dabei, die Hintertüren des Transporters zu öffnen. Er warf einen schnellen Blick hinein und sagte dann: »Versteck dich ganz hinten zwischen den Kisten. Man darf dich nicht sehen, wenn sie die Türen öffnen.«

Jetzt fiel der Groschen auch endlich bei mir. »Ihr wollt euch so reinschmuggeln?«

Julien nickte knapp. »Ja, und jetzt rein mit dir.«

Ich verlor keine Zeit. Auch wenn ich noch gern gewusst hätte, was mit Max war, hörte ich auf den dunkelhaarigen Franzosen mit den vielen Locken und sprang in die Ladefläche. Weil sie bis oben hin mit Kisten vollgestellt war, musste ich ein bisschen hin- und herrücken und mich an den Kartons vorbeidrücken.

Irgendwas roch hier merkwürdig. Es musste von dem Zeug kommen, das hier gelagert wurde. Auch Julien musste es bemerkt haben, denn er stieg schnüffelnd hinterher und öffnete eine der Kisten.

Er stieß ein überraschtes Lachen aus und brachte mich so dazu, näher an ihn heranzutreten. »Das ist eine verdammte Goldgrube.«

»Was ist dadrin?«, fragte ich, als noch zwei andere in den Transporter stiegen. Auf den ersten Blick dachte ich, es könnte Munition sein, aber …

»Raketen.« Julien steckte seine Hand rein und schob die Feuerwerkskörper von rechts nach links. »Das sind ernsthaft Raketen.«

Ich zog die Augenbrauen zusammen, aber noch bevor ich etwas dazu sagen konnte, ließ Julien den Deckel wieder zufallen und sah auch noch in einen zweiten Karton.

»Anscheinend ist eine fette Party geplant«, murmelte ich vor mich hin und verdrehte die Augen. Klar, es herrschte Krieg, aber auf das Luxusleben in einem Königshaus musste man ja nicht verzichten. Und da gehörten legendäre Partys mit Feuerwerk um Mitternacht wohl einfach dazu.

»Das wird ein Spektakel«, verkündete Julien lachend, ehe er sich in Bewegung setzte und mir und den anderen noch mal über die Schulter zurief: »Versteckt euch jetzt!«

Er sprang aus der geöffneten Tür und schickte noch vier andere zu mir in den Laderaum, darunter auch den Kerl mit der Halbglatze, den er Flip genannt hatte. Dann schloss er die Türen wieder und hüllte uns in vollkommene Dunkelheit ein.

Fuck. Wieso schlug mein Herz auf einmal so nervös?

KAPITEL 4

Chuck

Wir gelangten nach draußen, ohne ins Kreuzfeuer zu geraten. Wie wir das geschafft hatten, war mir zwar immer noch ein Rätsel, aber ich war unendlich erleichtert, als wir noch vor Sonnenaufgang im neuen Versteck der Rebellen ankamen. Auf dem ganzen Weg dorthin, ins Zentrum der Lincoln-Kolonie, wo sich unzählige Geschäfte, Bars und Grünanlagen befanden, hatten uns weit entfernte Sirenen verfolgt. Ab und zu war auch ein Rufen der Polizisten und Soldaten zu uns vorgedrungen, aber sie erreichten uns nicht mehr.

Erleichterung machte sich in mir breit, als wir die Tür eines Brautmodengeschäfts hinter uns schlossen und schweigend, mit rund zwanzig Leuten, durch das Ladenlokal stürmten. Glücklicherweise war der Alarm ausgeschaltet. In Windeseile hatten wir uns an den Ständern mit Kleidern und Accessoires vorbeigedrückt, bis Ava die Tür zum Lager aufstieß.

Obwohl es stockfinster hier drin war, fühlte ich mich von Sekunde zu Sekunde besser. Nachdem wir alle die Schwelle übertreten hatten, schlossen zwei Rebellen die Tür und schoben ein Regal davor.

Dann schalteten sich plötzlich die Lampen ein. Flackernd, sodass es mir einen halben Herzinfarkt verursachte. Ich sah mich hektisch um. War irgendwer hier? Waren wir nicht alleine?

Das waren wir tatsächlich nicht, wie ich schnell und heftig atmend feststellen musste. Aber als ich die düsteren Gestalten zwischen den Regalen erkennen konnte, fiel mir ein weiterer Stein vom Herzen. Sie alle trugen die bekannte Totenkopfmaskierung und fast alle von ihnen feste schwarze Kleidung, die mich an die Uniformen der Soldaten erinnerte.

»Ihr habt es geschafft«, verkündete schließlich einer, wobei ich glaubte mich zu erinnern, dass er Mick hieß. Es war der Neuling, den ich mit River und Milo vor ein paar Wochen zu uns geholt hatte.

»Hast du was anderes erwartet?«, hörte ich Avas Stimme hinter mir sagen, die zwar zufrieden, aber trotzdem wütend klang. »Wo sind die anderen?«

»Überall in der Stadt verteilt«, antwortete Mick und kam zwischen den Regalen hervor. Einige der anderen folgten ihm, wodurch ich schnell erkannte, dass der Großteil von uns aus Männern bestand.

»Gut«, entgegnete Ava. »Wir müssen uns jetzt sowieso erstmal neu ordnen. Also warten wir, bis sich die Lage draußen etwas beruhigt hat.«

»Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass sich irgendwas beruhigen wird«, warf Hunter ungläubig ein und starrte ebenso wie ich Ava an. »Die Meute ist gerade bei SoulSystems einmarschiert, als wäre Tag der offenen Tür.«

»Dem bin ich mir bewusst, Hunter«, erwiderte sie abfällig und wollte schon an ihm vorbeitreten, aber er hinderte sie daran, indem er sich ihr in den Weg stellte.

»Aber da kann doch irgendwas nicht stimmen! Wir sprechen hier von SoulSystems, Ava!«, rief er vorwurfsvoll aus. »Die tun nichts ohne Berechnung, das weißt du genauso gut wie jeder von uns.«

Ava rollte mit den Augen und schob Hunter beiseite. »Komm mal wieder runter«, schnaubte sie und trat an uns vorbei, aber nicht, ohne mir noch einen finsteren Blick zuzuwerfen. »Chuck, mitkommen. Ihr anderen, vertreibt euch die Zeit.«

»Ava!«, beschwerte sich Hunter, aber unsere Anführerin beachtete ihn überhaupt nicht.

Ich wäre gern an Ort und Stelle stehen geblieben, aber mein Körper reagierte ohne mein Zutun. Mit einem flauen Gefühl im Magen setzte ich mich in Bewegung und folgte Ava den Gang nach unten. Rechts und links standen die vollgestopften Regale, hinter denen sich noch einige der Rebellen versteckt hatten. Ich hätte am liebsten dasselbe getan, vor allem, weil Avas eindringlicher zorniger Tonfall wirklich furchteinflößend war.

Leider konnte ich mir nur zu genau vorstellen, was sie von mir wollen könnte – und ich hatte Angst vor ihrer Reaktion.

Nervös kaute ich mir auf der Unterlippe rum und blieb stehen, als wir das Ende des Ganges erreicht hatten und sich Ava schwungvoll zu mir umdrehte, sodass ihre schwarzen Haare aufgewirbelt wurden.

Ihre dunklen Augen fixierten mich. »Ich will alles wissen. Bis ins kleinste Detail«, forderte sie von mir, woraufhin ich sie nur blinzelnd ansehen konnte.

»Was genau?«

»Was passiert ist, seitdem wir wieder hier sind. Du hast doch wieder für Calleigh gearbeitet«, erinnerte sie mich unliebsam und verschränkte die Arme vor der Brust. Das Maschinengewehr, das sie sich umgehängt hatte, schob sie dabei zur Seite.

Ich holte tief Luft und verschränkte die Arme hinter dem Rücken, damit sie nicht sah, wie ich über die Verbände um meine Handgelenke kratzte. Auch wenn die Stimme nicht mehr da war, konnte ich den nervösen Tick nicht abschalten – mein kräftiger unruhiger Herzschlag war dabei meine ständige Begleitung.

Keine Ahnung, wo ich anfangen sollte, ehrlich gesagt. Daher brauchte ich noch einen Moment, bis ich meine Stimme erhob: »Ähm, also … zuerst … sie haben mit Max den Standort in London niedergebrannt«, erzählte ich – stotternd und unsicher, aber immerhin tat ich es. »Sie haben ein Video verschickt. An alle Satelliten. Sie zeigen darin Bilder vom Krieg im Königreich. Ich habe es durchgeschleust.«

»Du hast bitte was?« Avas Augenbrauen wanderten erstaunt in die Höhe.

Ich nickte nur. Inzwischen kaute ich mir so fest auf der Unterlippe herum, dass ich Blut schmecken konnte. Verdammt, ich sollte damit aufhören. »Ich habe die Videos verbreitet und dazu noch ein eigenes … mit Erklärungen … und einem Aufruf, dass sie alle kämpfen sollen …«

»Ich glaub dir kein Wort!«, ließ sie mich unbarmherzig wissen und zog die Augenbrauen zusammen. »Wieso lebst du dann noch?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Ich-ich weiß es nicht«, gab ich ehrlich zurück. »Ich dachte auch, sie würde mich dafür bestrafen, aber sie … sie hat die Stimme aus meinem Kopf genommen«, hauchte ich leise und hoffend, dass es sonst niemand mitbekam.

Verstohlen sah ich mich um, aber niemand von den Rebellen beachtete Ava und mich.

»Sie … hat mir dann etwas … anvertraut«, fuhr ich fort, wobei ich nach den richtigen Worten suchen musste. Dass Ava mich dabei ansah, als würde sie mir immer noch kein Wort glauben, ignorierte ich. Ich hatte auch gar keine andere Wahl. Aber damit die anderen davon nichts mitbekamen, senkte ich die Stimme abermals. »Sie meinte, dass ein Erbe, der König, die Seiten wechseln wollte. Zu uns. Er wollte den Krieg beenden. Calleigh hat ihn mundtot gemacht.«

Avas Augen verengten sich zu Schlitzen. Sie wollte den Mund öffnen, aber ich unterbrach sie schnell – denn leider schien alles nur ein Spiel gewesen zu sein.

»Ich glaube, es war eine Falle … Ich habe nicht richtig nachgedacht, fürchte ich. Weil ich nicht wusste, was ich tun sollte, habe ich Hunter gefragt und er meinte, ich sollte es den anderen sagen«, erklärte ich viel zu hektisch. Es war ein Wunder, dass das Stottern dabei ausblieb. »Ich habe es getan. Aber jetzt sind sie wohl irgendwie gefangen und …« Ich brach selbst ab, als ich mich daran erinnerte, was Hunter gesagt hatte.

In Avas Miene hatte sich nichts verändert. Sie war höchstens noch misstrauischer geworden. »Und?«

»Hunter behauptet, dass Calleigh River will.«

»Warum?«

»Ich weiß es nicht. Er weiß es auch nicht, ich habe ihn schon hundertmal gefragt«, murmelte ich und senkte den Blick, weil mir Avas schwarze Augen zu drückend wurden.

Sie schnaubte lautstark. »Ich weiß nicht, ob ich dir glaube, Chuck, ganz ehrlich. Nach all der Scheiße, die du gemacht hast, weiß ich nicht, ob dir noch zu trauen ist«, knurrte sie. »Ich dachte, wir ständen alle auf einer Seite – aber ihr beide – du und Hunter – ihr seid viel zu leicht zu manipulieren. Was, wenn ihr bei der nächsten Gelegenheit einen Abflug macht?«

Sofort schüttelte ich den Kopf. »Ich will das nicht mehr, Ava, das musst du mir glauben. Ich möchte es wiedergutmachen. Ich möchte dabei helfen. Das alles muss ein Ende haben.«

»Du bist zu naiv, Chuck. Eine Drohung von Calleigh und du würdest zurücklaufen«, ließ sie mich wissen und wollte wie eben bei Hunter einfach an mir vorbeitreten.

Aber ich hielt sie am Handgelenk fest. »Ava, bitte«, flüsterte ich mit zunehmender Verzweiflung. »Du musst mir glauben. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie grausam sie geworden sind. Die Menschen da draußen … sie leben wie in einer Diktatur.«

»Wieso hast du es gesehen? Wann?«, fragte sie barsch und riss an ihrem Handgelenk. Es entglitt mir.

»Calleigh hat mich hingeschickt. In den Komplex. Ich glaube, sie wollte mich damit dazu bringen, dass ich Milo kontaktiere.«

Ava beäugte mich prüfend, was mir sämtliche Luft aus der Lunge quetschte. Wenn sie jemanden so ansah, konnte sie einem wahrlich den Atem rauben – man traute sich kaum, einen Mucks von sich zu geben.

»Noch irgendwas, das ich wissen muss?«, fragte sie forsch.

Ich nickte zögernd. »Sie … also die Soldaten, sie haben eine Liste mit Namen von allen Rebellen. Es liegt ein Haftbefehl gegen alle vor«, murmelte ich unsicher, wobei mir ein Schauer über den Rücken lief. Sofort tauchte das Bild von Hunters Bruder vor meinem inneren Auge auf. »Sie sollen alle exekutiert werden.«

»Verfluchte Scheiße!«, stieß Ava plötzlich kräftig hervor, woraufhin sich mehrere Rebellen in unsere Richtung wandten. »Wieso sagst du das erst jetzt?!«

»Entschuldige, ich –«

»Ach, halt einfach den Mund«, fuhr sie mich herablassend an und wandte sich zum Gehen. Aber mir brannte noch etwas auf der Seele.

Ich musste es ihr sagen. Irgendjemand musste es Hunter sagen, aber ich wusste, dass ich es nicht schaffte. Deshalb griff ich erneut nach ihrem Handgelenk und brachte sie so dazu stehen zu bleiben. »Ava, da ist noch etwas«, sagte ich leise und sah sie flehend an.

Keine Ahnung, warum sie dieses Mal ihre Hand nicht zurückzog, aber sie blieb ruhig stehen und sah mich ungeduldig an.

»Dass Hunter erpresst wurde, stimmt wirklich«, sagte ich leise. So leise, dass ich mich selbst kaum verstand. »Calleigh hat ihn erpresst und ihm gedroht, seine Familie zu töten.«

»Schön für ihn«, knurrte sie und drehte ihr Handgelenk aus meinem Griff.

»Ava. Calleigh hat mich in den Komplex geschickt, um Hunters Bruder … um Nathan abzuholen. Aber Nathan hatte nie zu uns gehört. Er hatte nie auf der Liste gestanden, wenn wir neue Rebellen eingetragen haben.«

»Dem kann ich nicht widersprechen.« Sie hob auffordernd eine Augenbraue, damit ich fortfuhr.

Ich schluckte. »Ich glaube, es ging dabei um Hunter … vielleicht wollte Calleigh ihn holen, um ihn weiter zu erpressen … oder vielleicht war es auch Absicht, dass er … sie ihn …«

»Ja?« Ihre schwarzen Augen brannten ein Loch in meine Stirn.

»Sie haben Nathan erschossen«, wisperte ich erstickt und so schnell, dass sich meine Stimme fast überschlug. »Er weiß es noch nicht.«

»Er weiß es noch nicht?«, wiederholte sie ungläubig. Ihre Gesichtszüge, die ihr für einen kurzen Moment entglitten waren, zeigten Entsetzen, aber auch … eine Spur von Schadenfreude. »Du hast es ihm nicht gesagt?«

Ohne zu zögern, schüttelte ich den Kopf. »Ich konnte –«

»Entschuldige mich, aber ich hab dann mal eine Nachricht zu überbringen. Das ist doch der Grund, wieso du es mir gesagt hast, oder?«

»Ich … ja, aber –« Nicht jetzt. Denn so wie Ava aussah, wollte sie genau das tun.

Aber sie riss sich endgültig von mir los und drehte sich um. Ich überlegte zuerst, ob ich ihr hinterhergehen sollte, doch meine Füße waren wie festgewachsen. Vielleicht war es ja gut, dass er es jetzt erfuhr. Er musste es schließlich und ich hatte es schon lange genug aufgeschoben. Ich hätte es ihm gleich gestern sagen müssen, einfach weil ich auch gewollt hätte, dass man es mir sofort sagte.

Deswegen war ich immer noch wie erstarrt, während ich dabei zusah, wie Ava zu Hunter ging und mit ihm sprach. In meinen Ohren herrschte nur noch ein Rauschen, das alles übertönte. Deshalb sah ich nur, wie Ava die Lippen bewegte und dann Hunters Gesichtsausdruck, als er sich in einem quälend langsamen Tempo zu mir drehte – seine grünen Augen fixierten mich und ließen mich unwillkürlich nach Luft schnappen.

Er sagte irgendetwas zu ihr, was sie mit einem Nicken quittierte. Die ganze Zeit behielt er mich dabei im Blick – was auch der Grund war, wieso ich mich umdrehte und hinters nächste Regal flüchtete. Ich drückte mich gegen die Bretter in meinem Rücken und atmete tief durch.

Wieso zum Teufel hatte ich so eine Angst vor ihm? Ich konnte nichts dafür, dass sein Bruder exekutiert worden war. Es war nicht meine Schuld.

Weil mein Herz so laut hämmerte, hörte ich nicht, dass Hunter zu mir kam. Ich sah ihn erst, als es schon zu spät war. Ich zuckte zusammen, als er mit der Faust gegen das Regal schlug und nur Zentimeter von mir entfernt zum Stehen kam.

»Du hast es gewusst?«, fragte er so bedrohlich leise, dass ich ihn nur mit großen Augen anstarren konnte.

Mir lag eine Entschuldigung auf den Lippen, eine Beileidsbekundung, irgendwas, aber nichts davon ließ sich in Worte fassen. Nicht, wenn Hunter mich so ansah, als müsste er sich zusammenreißen, um nicht gleich zu explodieren.

Ich schaffte es nur zu nicken – und dann ging es so schnell, dass ich mich nicht wehren konnte.

Er packte mich. Zuerst an meiner Kleidung, an der er mich näher an sich heranzog, nur um mich mit ungeheurer Wut gegen das gegenüberstehende Regal zu pressen. Plötzlich lag seine Hand auf meiner Kehle, seine Finger umschlangen meinen Hals.

Drohend drückte er zu – nicht stark. Dennoch fühlte es sich so an, als würde er mir komplett die Luft abschnüren. Ich klammerte meine Hände in seinen Arm und atmete flach. Panik machte sich in mir breit; am liebsten hätte ich geschrien, aber es ging nicht.

Hunter starrte mich mit so viel ungebändigter Wut an, dass ich allein deswegen nicht konnte. Ich konnte nicht schreien, nicht atmen, ich konnte nicht mal mehr denken. Trotz der Angst, dass er noch fester zudrücken würde, entging mir aber der Schmerz nicht, der ihn gerade vollkommen beherrschte.

»Sag, dass es nicht stimmt!«, verlangte er mit bebender Stimme von mir und kam meinem Gesicht mit seinem noch näher.

Im Augenwinkel sah ich, dass Ava und ein paar Rebellen aufgetaucht waren; sie blieben aber in sicherer Entfernung stehen, als wüssten sie nicht, ob sie eingreifen sollten.

»Sag, dass es eine Lüge ist!«

Sein Griff um meinen Hals wurde enger, meine Augen größer.

»Hunter!«, hörte ich Avas Stimme, aber sie klang viel zu weit entfernt.

Als ich den Mund öffnete, kostete es mich große Anstrengung, etwas über die Lippen zu bekommen. »Hunter«, krächzte ich schwach, tonlos, aber dennoch sah ich, dass er mich verstanden hatte. Deswegen überlegte ich nicht lange, was ich ihm sagen wollte. Was gesagt werden musste. »Es tut mir leid.«

Er ließ mich nicht aus den Augen und es schien, als hätte seine Atmung ausgesetzt. Ich wusste auch nicht, ob ich es noch tat. Ich probierte es nicht mal zu atmen, aus Angst, er würde mich dann weiter würgen.

Niemand schien sich zu rühren, weshalb sich die folgenden Sekunden eher wie Stunden anfühlten. Endlos und quälend. Erst als ich meinen eigenen Herzschlag spürte, wurde mir bewusst, dass Hunter den Puls an meinem Hals ebenfalls wahrnehmen musste.

Vielleicht war das der Grund, wieso er plötzlich losließ. Vielleicht war es aber auch der Schmerz des Verlustes, der ihn in die Knie zwang.

Es geschah langsam, zumindest kam es mir so vor, als würde er eine Ewigkeit brauchen, bis er mit den Knien auf den Boden aufschlug. Wie in Trance reagierten meine Arme, wollten ihn festhalten und davor bewahren zusammenzubrechen, aber ich schaffte es nicht.

Ich konnte nur dastehen und auf ihn herabstarren, fassungslos, hilflos, und mit ansehen, wie er seine Stirn gegen mein Knie drückte. Sein ganzer Körper zitterte; seine Schultern, seine Arme, die meine Beine umklammerten, als versuchte er, sich an mir festzuhalten – Hunter war komplett am Ende.

Und das brach mir das Herz.

KAPITEL 5

River

»Kannst du das noch mal wiederholen?«, verlangte Bobby von dem Typen, der in der Zelle neben uns saß und von sich behauptete, er wäre der König.

Klar, und ich war ein stinkreicher Balletttänzer im rosa Tutu, der sich vor dem Einschlafen erstmal eine Gurkenmaske in die Fresse klatschen musste. Nicht, dass ich vor einer Ewigkeit mal was mit einer Tänzerin gehabt hatte, die genau das getan hatte. Glücklicherweise war sie schnell eingeschlafen, sodass ich mich mit dem nie vergessenen Geruch von Gurke und irgendwas, was nach Marshmallows gerochen hatte, verdrücken konnte. Wenn ich gekonnt hätte, hätte ich auf die Erinnerung verzichtet.

»Hat der gerade ernsthaft gesagt, er wäre König Caspian?«, raunte mir Milo zu.

Weil der angebliche König mal wieder eine Ewigkeit brauchte, um zu antworten, sah ich Milo mit einem Schulterzucken an. Er sah übel aus, nebenbei bemerkt. Bei seiner … nennen wir es Anhörung musste er genauso auf die Schnauze gekriegt haben wie ich. Aber so schlimm wie Ella hatte es niemanden von uns erwischt.

Niemanden war erschossen worden. Man hatte ihr in den Kopf geschossen. Ins Gesicht. Das war einfach brutal – und es machte mich rasend. Am liebsten hätte ich gegen die Gitterstäbe getreten, geschlagen, sie herausgerissen, aber jetzt die Nerven zu verlieren wäre fatal. Das hatte ich hinter mir. Ich war nicht mehr River, der sofort die Kontrolle verlor. Vor allem grundlos – sie lebte ja noch. Dem Himmel sei Dank. Noch einmal hätte ich es nicht verkraftet, jemanden auf diese Weise zu verlieren. Oder überhaupt zu verlieren.

»Glaubt es oder glaubt es nicht«, sagte Angeblich-Caspian gelangweilt. »Im Grunde ist es auch vollkommen irrelevant, denn Maxim wird nicht mal bis zu uns vordringen können.«

Milo sah mich zweifelnd an. »Der Typ ist völlig gaga.« Das sagte er so laut, dass er es hören konnte. »Aber gut, wenn ich schon so lange hier unten wäre, würde ich mir irgendwann auch einbilden, ich wäre der King.«

»Das denkst du jetzt schon«, murmelte ich nicht besonders aufmerksam, weil meine Sinne auf Ella geschärft waren, die unruhig in ihrer Zelle auf- und abging.

Sie befand sich rund fünf Meter von mir entfernt, quer gegenüber auf der anderen Seite. Trotz des schwachen Lichts war das Desaster, das Blut von der längst verheilten Schussverletzung, in ihrem Gesicht nicht zu übersehen und hatte mich im ersten Moment so geschockt, dass ich nicht hatte reagieren können.

Als Bobby sie als einen Zombie bezeichnet hatte, hatte er auf jeden Fall nicht unrecht gehabt. So wie das Blut auf ihrer Stirn und ihrer Wange verteilt war, war es einfach nur grausam – und zur Hölle noch mal scheiße gruselig.

Die hatten ihr in den Kopf geschossen und sie stand jetzt hier, als wäre nie etwas gewesen. Auch wenn ich nicht wusste, was ich davon halten sollte, beherrschte mich noch etwas ganz anderes: Wut und Angst. Allein bei dem Gedanken daran, dass ich Ella vielleicht nie wieder würde berühren können, nie wieder mit ihr reden können, ohne Zuhörer zu haben … das kratzte hart an meiner Selbstbeherrschung.

Ich hatte sie doch gerade erst für mich – endlich! Endlich hatte ich meine beschissene Vergangenheit zurücklassen können. Lou gehen lassen können. Warum also jetzt dieses Gefängnis, das uns einen Strich durch die Rechnung machte?

Ella hatte zwar schon versucht, mit ihren Klonkräften die Zellen zu öffnen, aber irgendetwas blockierte ihre Fähigkeiten.

Bobby neben mir räusperte sich nach einer Weile. Alle hatten ungewöhnlich lange geschwiegen, während Ella immer noch in ihrer Zelle herumtigerte.

»Wieso sollten wir dir glauben?«, fragte Bobby argwöhnisch. »Wir alle haben den König vor ein paar Stunden erst gesehen – und darauf hätte ich nur zu gern verzichten können! Ich hab erst geduscht!«

Ein leises Lachen erklang von nebenan. »Ja. Das sind seine Methoden.«

»Die Köpfe anderer Menschen in Eiskübel stecken und ihnen dann ins Gesicht schlagen?«, mischte ich mich jetzt ein und schnaubte. »Hat ja richtig viel gebracht.«

»Was wollte er von euch?«

Bobby übernahm wieder. »Unsere Namen. Aber meine Jungs schweigen wie ein Grab.«

»Bringen wird es euch eher weniger. Nichts kann euch vor diesem Durchgeknallten retten.«

»Niemand hat behauptet, dass wir dir inzwischen deine tragische Ich-bin-der-König-und-sie-haben-mich-hier-eingesperrt-Geschichte abkaufen«, sagte Bobby.

Milo beugte sich näher zu mir, als würde er versuchen, auf diese Weise in die Zelle neben uns sehen zu können. »Du solltest dich mal mit River unterhalten. Der ist echt ein Profi darin, Wahnvorstellungen zu haben.«

Ich warf ihm einen finsteren Blick zu. »Ernsthaft?«, knurrte ich – meine Laune sank auf den Tiefpunkt. Wenn sie da nicht sowieso schon war. Aber Milo wusste, wie er es noch schlimmer machen konnte.

»Ich mein ja nur«, entschuldigte er sich nicht sonderlich glaubhaft. »Du kannst ihm bestimmt helfen.«

»Jungs«, unterbrach Bobby uns. »Zankt euch später.«

Mit den Augen rollend sah ich an die Decke. Ehrlich gesagt wusste ich nicht, wonach ich suchte. Ich zerbrach mir seit Stunden den Kopf darüber, wie wir hier rauskommen sollten. Oder wie ich wenigstens zu dem Mädchen gegenüber gelangen konnte, das nicht aufhörte, kleine Runden zu drehen.