Spark (Die Elite 1) - Vivien Summer - E-Book

Spark (Die Elite 1) E-Book

Vivien Summer

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Beschreibung

**Willkommen in den obersten Rängen der Gesellschaft…** Kurz vor ihrer Volljährigkeit stellt sich heraus, dass Malia zu den Glücklichen der Gesellschaft gehört – den Menschen, denen eine außerordentliche Gabe zuteilgeworden ist. Von einem Tag auf den anderen zählt sie zur High Society des Landes: der ELITE. Aber für die verschlossene, immerzu unsichtbar bleibende Malia geht damit ein Albtraum in Erfüllung. Nicht nur richten sich plötzlich sämtliche Augen der Nation auf sie, auch muss sie sich als Trägerin eines übernatürlichen Elements ausgerechnet von dem bislang unerreichbaren High Society Boy Christopher Collins ausbilden lassen. Dem Jungen, in den sie seit Jahren heimlich verliebt ist und in dessen Augen das gleiche Feuer lodert wie in ihren… //Alle Bände von Vivien Summers bittersüßen Dystopie-Welt: -- Spark (Die Elite 1)  -- Fire (Die Elite 2)  -- Blaze (Die Elite 3)  -- Dust (Die Elite 4)  -- Die Elite-E-Box (E-Book-Gesamtausgabe) -- Flood (Elite-Spin-off)//

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Vivien Summer

Spark (Die Elite 1)

**Willkommen in den obersten Rängen der Gesellschaft …** Kurz vor ihrer Volljährigkeit stellt sich heraus, dass Malia zu den Glücklichen der Gesellschaft gehört – den Menschen, denen eine außerordentliche Gabe zuteilgeworden ist. Von einem Tag auf den anderen zählt sie zur High Society des Landes: der ELITE. Aber für die verschlossene, immerzu unsichtbar bleibende Malia geht damit ein Albtraum in Erfüllung. Nicht nur richten sich plötzlich sämtliche Augen der Nation auf sie, auch muss sie sich als Trägerin eines übernatürlichen Elements ausgerechnet von dem bislang unerreichbaren High Society Boy Christopher Collins ausbilden lassen. Dem Jungen, in den sie seit Jahren heimlich verliebt ist und in dessen Augen das gleiche Feuer lodert wie in ihren …

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Vita

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© privat

Vivien Summer wurde 1994 in einer Kleinstadt im Süden Niedersachsens geboren. Lange wollte sie mit Büchern nichts am Hut haben, doch schließlich entdeckte auch sie ihre Liebe dafür und verfasste während eines Freiwilligen Sozialen Jahres ihre erste Trilogie. Für die Ausbildung zog sie schließlich nach Hannover, nahm ihre vielen Ideen aber mit und arbeitet nun jede freie Minute daran, ihr Kopfkino zu Papier zu bringen.

Du kannst nicht aufwachen.

Das hier ist kein Traum.

Oder dachtest du, dass sich jeder an die Regeln hält?

Hat dir niemand gesagt, dass wir diejenigen sind,

die die Monster hereinlassen?

Prolog

Jahr 2636

Maxwell Longfellow stand am Fenster seines privaten Arbeitszimmers und betrachtete die wütende Menge, die sich hinter dem Tor seines Anwesens versammelt hatte, mit einem müden Lächeln. Eines, das fast schon ein bisschen siegessicher war, denn er wusste, dass sie ihm nichts konnten.

Hätte er das Fenster geöffnet, hätte er ihre singenden Chöre gehört, die die Abschaffung der Gentherapien forderten. Aber heute hätte nicht mal das sein Hochgefühl zerstören können. So beobachtete er nur, wie die Menschen – viele hatten Kleinkinder auf dem Arm – mit erhobenen Fäusten die Lippen bewegten und versuchten sich an seinen Wachmännern vorbeizudrängen und das Anwesen zu stürmen.

Ein leises Lachen entwich ihm, ehe er die Vorhänge zufallen ließ und sich wieder seinem Computer zuwandte, auf dem er immer noch die Mail des leitenden Arztes geöffnet hatte. Schon seit Jahren arbeiteten sie an einer Verbesserung des Serums, das in wenigen Wochen seinen fünfzehnten Jahrestag feiern würde, und nun endlich – nach acht Jahren harter, intensiver Arbeit – hatten sie es geschafft.

Longfellow konnte es immer noch nicht fassen. Er, der Präsident New Americas, würde die Gentherapien auf ein ganz neues Level bringen und die Soldaten und ihre Fähigkeiten perfektionieren, so dass es nur noch ein oder zwei Jahrzehnte dauern würde, bis er seinen Plan in die Tat umsetzen könnte.

Dann würde er New America zur einzigen Weltmacht küren, die die Menschen brauchen und kennen würden.

Ein Klopfen riss ihn aus seinen Gedanken.

»Herein«, sagte er automatisch, blickte aber nach wie vor auf seinen Bildschirm, als befürchtete er, die frohe Botschaft könne sich in Luft auflösen.

Die Tür öffnete sich – normalerweise hätten es nur seine Frau oder seine Tochter sein können, aber er war überrascht, als Julienne McCann hereintrat, gefolgt von einem kleinen, dunkelhaarigen Jungen, den er unter Tausenden ausgemacht hätte.

Sein Goldstück. Sein Erfolg. Sein Soldat, der der Schlüssel zu allem sein würde.

Sofort war die Mail vergessen; stattdessen erhob sich der Präsident von seinem Stuhl, strich sich das Jackett glatt, als hätte er es mit einem ebenbürtigen Gegenüber zu tun, und ging auf seine Gäste zu.

Julienne strahlte ihn an. »Maxwell, wir dachten, es ist an der Zeit, dass du ihn persönlich kennenlernst.«

»Dem kann ich nur zustimmen«, erwiderte er ebenfalls lächelnd und beugte sich leicht zu dem Zehnjährigen hinunter, nachdem er bei ihm angekommen war.

Er erkannte sofort an den Gesichtszügen, dass das Kind sich nicht entscheiden konnte, es die ausgestreckte Hand des Präsidenten trotzig ignorieren oder freudig ergreifen sollte. Bei diesem Gedanken wurde das Lächeln auf seinen Lippen nur noch breiter – es würde noch lernen gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

Schließlich ergriff der Kleine die Hand, ließ Longfellow dabei aber keine Sekunde aus den Augen.

»Hallo«, grüßte er.

»Hallo, Kind«, entgegnete er und schämte sich keine Sekunde dafür, dass er seinen Namen nicht kannte. Das war etwas, das ihn nicht interessierte und für ihn auch keine Relevanz hatte.

Für ihn war das Kind nur eine Mischung aus Buchstaben und Zahlen. X05212626CCH26XX.Kurz: 26C.

Longfellow ließ seine Hand wieder los und richtete sie stattdessen einladend auf die kleine Sitzgruppe bei den geschlossenen Fenstern. »Willst du dich setzen?«

»Ja.« Ohne zu zögern, ging der Junge auf die schwarze Ledercouch zu und ließ sich darauf fallen. »Du bist der Präsident«, sagte er bestimmt.

»Richtig. Und du, mein Freund, darfst mich Maxwell nennen«, bot er ihm an und setzte sich ihm gegenüber in einen Sessel; Julienne nahm neben dem Jungen Platz.

Der Kleine wirkte skeptisch. »Wir sind keine Freunde.«

»Dann wird es höchste Zeit, dass wir es werden«, schlug er dem Kind vor.

»Vielleicht«, erwiderte der Junge wenig begeistert, hielt mit ihm jedoch weiterhin direkten Blickkontakt.

Das überraschte Longfellow. Er hatte immer geglaubt, Kinder wären unkonzentriert und einfach zu beeinflussen.

Dann erinnerte er sich an die Untersuchungsergebnisse. In ihnen hatte er ja gelesen, dass 26C kein normales Kind war.

Nun – wie es aussah, stimmte das.

»Was soll ich hier?«, fragte der Junge geradewegs heraus und ließ sich dann mit dem Rücken gegen die Sofalehne fallen.

Julienne rutschte etwas unbehaglich zurück, als müsste sie ihn unter ständiger Beobachtung halten. Als hätte sie Angst vor ihm.

»So ein junger Mann wie du will doch bestimmt Soldat werden, oder?«, fragte der Präsident stattdessen und beobachtete, wie etwas in den Augen des Kindes aufblitzte.

»Klar!«, erwiderte es wie selbstverständlich. »Aber die da draußen nicht.«

Longfellow nickte. »Das stimmt. Leider gibt es Menschen, die keine Soldaten werden wollen.«

»Verstehe ich nicht«, antwortete es prompt.

»Ich auch nicht.« Longfellow seufzte demonstrativ. »Aber wenn es mehr Kinder wie dich gäbe, könnte sich das vielleicht ändern.«

»Vielleicht«, sagte der Junge mit dem sachlichen Ton eines Erwachsenen.

Gespielt nachdenklich lehnte sich der Präsident im Sessel zurück und überschlug die Beine. Ihm war bewusst, dass das lange Schweigen den Jungen nervös machte und ungeduldig werden ließ, aber das gefiel ihm.

Er wollte zu gern mit eigenen Augen sehen, dass seine Experimente Erfolg zeigten.

Nach einem Räuspern sagte er: »Ich glaube, da könnte ich deine Hilfe gebrauchen. Würdest du mir helfen?«

»Und was springt für mich dabei raus?« Das Kind rührte keine Miene – und Longfellow konnte sich das Grinsen nur mit Mühe verkneifen.

»Was möchtest du denn?«

»Eine Waffe halten.«

»Du meinst, eine Pistole?«

Das Kind nickte.

»Nun, ich wüsste nichts, was dagegenspricht«, stimmte Longfellow zu, woraufhin Julienne einen Moment lang blinzelte, als hätte dieser Vorschlag sie irritiert.

Natürlich vergaß Longfellow nicht, dass sein zukünftiger Soldat noch ein Kind war. Aber eigentlich konnte man nicht früh genug damit anfangen, die Menschen für das Thema Krieg und Verteidigung des eigenen Landes zu sensibilisieren.

»Aber nicht heute«, lenkte er schnell ab und bemühte sich um einen mitleidigen Blick. »Erst wenn du deine Aufgabe erfüllt und mir geholfen hast.«

»Als Belohnung?«, wollte der Junge wissen.

»Sozusagen.«

»Okay. Was muss ich tun?«

Eine selige Zufriedenheit breitete sich in seiner Magengegend aus – er konnte sein Glück immer noch nicht fassen.

»Man sagte mir, dass du dich in der Schule sehr anstrengst und hervorragende Leistungen erzielst. Wollen andere Kinder so sein wie du?«, gab er sich neugierig.

»Ein paar schon. Aber ich bin besser«, antwortete der Junge.

»Und so soll es auch bleiben«, stimmte er ihm zu. »Wenn wir nur noch mehr Kinder hätten, die auch Soldaten werden wollen, wären die Menschen vielleicht nicht mehr so böse … du müsstest nur ein bisschen Werbung machen.«

»Werbung?« Das Kind hob fragend eine Augenbraue.

»Ganz genau. Du sagst deinen Mitschülern nur, was du daran toll findest, ein Soldat zu sein, und wieso du einer werden möchtest.«

26C legte den Kopf schief. »Und wenn ich das mache, darf ich eine Waffe anfassen?«

»Darauf hast du mein Wort«, antwortete Longfellow dem Kind aus seinem schmallippigen Mund.

Als der Präsident erkannte, wie sich die Mundwinkel des Jungen hoben, spürte er, dass seine es ihm nachtaten. Er hatte ihn und erzielte damit einen höheren Gewinn, als er erwartet hatte. Der Junge war im wahrsten Sinne des Wortes die Lösung all seiner Probleme.

Auf der einen Seite würde er das Serum perfektionieren, auf der anderen die lästigen Demonstranten nach und nach ausradieren – angefangen in seinem Heimatort.

Nachdem Julienne das Kind wieder mitgenommen hatte, erfüllte ihn ein seltsames Glücksgefühl. Er war so beflügelt von dem positiven Ergebnis seiner jahrelangen Arbeit, dass er sich mehr als sicher war: Seine Zeit war genau jetzt gekommen.

Bestimmt würden sich auch die anderen Forschungsteams bald melden und ihren Erfolg verkünden – dann würde 26C Gesellschaft bekommen.

***

Der Präsident wartete Tag für Tag und Nacht für Nacht. Während alle anderen Experimente nacheinander scheiterten, sah er mit Stolz dabei zu, wie der Junge älter wurde und sich die Symptome immer stärker ausprägten.

X05212626CCH26XX sollte auch acht Jahre später das einzige erfolgreiche Projekt bleiben.

1

Mein Herz raste.

Das tat es schon, seitdem ich heute Morgen aufgestanden war und mich mit dem Gedanken hatte anfreunden müssen, dass heute ein Tag war, den ich nicht einfach überspringen konnte, obwohl ich es gern gewollt hätte. Und so ging es mir jedes Mal, wenn ich einen Untersuchungstermin hatte, der mein Leben komplett auf den Kopf stellen konnte: Würde ich noch mal mit einem blauen Auge davonkommen oder würde ich meine Freiheit verlieren?

Auf diese Frage eine Antwort zu bekommen machte mir immer wieder Angst, obwohl ich ab heute ein halbes Jahr Zeit haben würde, mich seelisch auf den nächsten Termin vorzubereiten – was nie funktionierte.

Es war nicht das erste Mal, dass ich wie ein Wrack im Wartezimmer saß und weder still sitzen noch meinen Puls beruhigen konnte, indem ich mich abzulenken versuchte.

Da war einerseits das Aquarium in der Ecke, das nie lange dieselben Bewohner hatte, und andererseits waren da die Patienten, die ebenso wie ich auf ein Ergebnis warteten. Die meisten hofften auf ein positives, ich nicht. Ich wollte es einfach nur hinter mich bringen.

Wenn mir wenigstens die Zeit keinen Strich durch die Rechnung gemacht hätte! Es war schon schlimm genug, dass meine Ärztin ständig auf sich warten ließ, aber die Uhr über mir machte mich schier wahnsinnig. Ich hatte das Gefühl, dass sie mich für meinen Wunsch auslachte, ich könnte diesen Tag einfach vorspulen oder wenigstens die Zeit anhalten.

Nervös spielte ich mit dem Ring an meinem Finger und ließ meinen Blick durch den Raum schweifen, der dank der leise brummenden Klimaanlage die Hitze von draußen aussperrte und meine rasenden Gedanken ein bisschen abkühlte.

Meine Augen blieben an dem Muskelprotz hängen, ein paar Stühle von meinem entfernt, der sich seit seiner Ankunft kaum bewegt hatte. Neben ihm saß ein schlankes Mädchen mit dunkelbraunen Strähnen in den blonden Haaren; sie feilte sich gelangweilt die pink lackierten Fingernägel und kaute noch gelangweilter ihr Kaugummi.

Der Mann war einer ihrer Bodyguards; jeder Rekrut der High Society bekam mindestens einen zugeteilt. Sie hatten die Aufgabe, ihre Schützlinge in einem viel zu großen, fast schon protzigen Wagen herumzukutschieren und zu beschützen. Vor allem, wenn sie zum Ziel einer Demonstration geworden waren, obwohl die Anzahl solcher in den letzten Jahren rapide abgenommen hatte.

Für mich waren die Bodyguards Normalität, immerhin war ich mit ihnen aufgewachsen. Auch wenn viele von ihnen eine gewisse grimmige Ausstrahlung besaßen, hatte ich mich nie vor ihnen gefürchtet.

»Miss Lawrence?« Die dünne Stimme eines Mädchens, das im Türrahmen aufgetaucht war, riss mich aus meinen Gedanken und mir das Herz zeitgleich nahezu in den Tod.

Sie trug einen weißen Kittel, in dem sie nicht viel größer zu sein schien als ich; ihre Füße steckten in rosa-blau gestreiften Gummischuhen, die mich an die Gartenschuhe meiner Mom erinnerten.

Weil sie mich mit großen, erwartungsvollen Augen ansah, zwang ich mich zum Aufstehen und folgte ihr auf wackeligen Beinen in eines der Untersuchungszimmer.

Trotz meiner halbjährlichen Termine spürte ich jedes Mal dasselbe ungute Gefühl im Bauch, wenn ich mich auf die Behandlungsliege setzte, meine Turnschuhe abstreifte und mich hinlegte.

»Dr. Martin kommt gleich zu Ihnen. Bitte versuchen Sie sich ein bisschen zu entspannen«, sagte das Mädchen freundlich und lächelte mir zu. Ehe ich antworten konnte, hatte sie den Raum schon wieder verlassen.

Als die Tür sanft ins Schloss fiel, atmete ich erleichtert aus. Mir blieben noch ein paar Minuten; wertvolle Minuten, in denen ich die Augen zumachte und mich zwang an etwas anderes als die Untersuchung zu denken. Was nicht so leicht war. Der Geruch nach Desinfektionsmittel hatte längst den ganzen Raum verpestet.

Nur zu gern hätte ich die Hände jetzt in die Strickjacke gekrallt, die ich üblicherweise mit dabeihatte, aber die Hitze draußen war heute kaum zu ertragen. Es war absolut unmöglich, selbst mit einer leichten Jacke die Straße zu betreten, ohne so angestarrt zu werden, als hätte man sich in der Jahreszeit geirrt. Also konnte ich nur noch hoffen, dass es in etwa die gleiche Wirkung haben würde, wenn ich die Hände einfach ineinanderklammerte.

Schneller, als ich gehofft hatte, waren meine Minuten gezählt – die Tür öffnete sich und eine blonde, schlanke Frau betrat das Untersuchungszimmer.

»Guten Morgen, Malia«, begrüßte mich die Ärztin, während sie die Tür geschickt mit dem Fuß schloss.

Dr. Martin hatte die Angewohnheit, jeden ihrer Patienten mit einem strahlenden Lächeln zu entwaffnen. Deshalb glaubte ich, für einen kurzen Augenblick würde meine Anspannung einfach von mir abfallen.

»Wie geht es dir heute?«, fragte sie.

Die innere Ruhe hielt aber nur ein paar Herzschläge lang an, bis die Nervosität wieder vollkommen Besitz von mir ergriffen hatte.

»Super«, erwiderte ich tapfer, auch wenn die Lüge in diesem einzigen Wort nicht zu überhören war.

»Du siehst aus, als hättest du Schmerzen«, sagte sie geradewegs heraus und zeigte sich unbeeindruckt. Sie kam einen Schritt auf mich zu. Ihr weißer Kittel, in dessen Taschen sie die Hände vergraben hatte, reichte ihr fast bis zu den Knien. »Wenn es dir nicht gut geht, können wir den Termin gerne verschieben.«

Eine Zustimmung lag mir schon auf der Zunge, aber meine Lippen weigerten sich zu sprechen. Was gut war – selbst nach einem Aufschub von einer Woche hätte ich wieder wie ein Häufchen Elend hier gelegen und darum gebettelt, dass das Testergebnis negativ ausfallen würde. Also musste ich es einfach durchziehen. Je schneller und schmerzloser, desto eher hätte ich wieder meine Ruhe.

»Nein, mir geht’s gut«, antwortete ich leise. »Nur die übliche Nervosität.«

Dr. Martin schmunzelte, wobei ihr eine blonde Locke ins Gesicht fiel. Während sie zu einem der Schränke ging, strich sie das widerspenstige Haar hinters Ohr und richtete ihren lockeren Dutt. In der Schranktür befand sich etwa auf Augenhöhe ein Computerbildschirm, den sie mit einem scheinbar zufälligen Fingertipp startete. Ich beobachtete sie dabei, wie sie meine Akte öffnete und sich ihre schwarze Brille zurechtschob.

»Ich werde dir heute etwas mehr Blut abnehmen müssen, aber davon solltest du hinterher nichts spüren. Letzte Woche haben wir ganz hervorragende Medikamente gegen Schwindel bekommen«, informierte sie mich immer noch lächelnd und studierte mit gewissenhaftem Blick das, was auf dem Bildschirm zu lesen war.

Ich nickte bloß, obwohl sie es vermutlich nicht mal mitbekam, und schluckte. Meine Kehle war plötzlich staubtrocken, weshalb ich einen Hustenreiz unterdrücken musste.

Während ich ihr dabei zuhörte, wie sie sich ihre Utensilien aus dem Schrank sowie ein Paar Einweghandschuhe nahm, starrte ich an die weiße Decke. Kurz darauf rollte sie mit ihrem Hocker zu mir herüber und legte alles auf einen kleinen Tisch neben der Behandlungsliege ab.

»Ich bin mir sicher, dass es eine Erleichterung für dich sein wird, wenn du Gewissheit hast.« Im Augenwinkel sah ich sie immer noch aufmunternd lächeln.

Sie hatte gut reden. Sie war schließlich nicht diejenige, die keine Ahnung hatte, ob sie nach der heutigen Untersuchung immer noch dieselbe sein würde.

Immerhin hatte sie das Glück gehabt, von einem positiven Testergebnis verschont geblieben zu sein, denn die serumsbedingten Mutationen konnten nur im Alter von fünfzehn bis zwanzig Jahren ausbrechen.

Anders als Dr. Martin hatte ich, selbst wenn das heutige Testergebnis negativ ausfallen würde, noch drei Jahre vor mir, in denen sich das jederzeit ändern konnte.

Nachdem sie meinen Arm für die Behandlung in eine günstige Position gerückt hatte, nahm sie das Desinfektionsspray und benetzte damit eine willkürliche Stelle meiner Armbeuge. Mittlerweile grenzte es an Körperverletzung – so oft, wie bereits in meine Arme hineingestochen worden war.

Aus Gewohnheit schloss ich die Augen.

»Das wird jetzt kurz wehtun und auch eine Weile dauern«, warnte sie mich vor. »Währenddessen würde ich gern den Schnelltest machen.«

»Okay.«

Ich versuchte mich an einem kleinen Lächeln, biss mir aber auf die Lippe, als sie mir ein Stauband um den rechten Oberarm legte und es festzog.

Früher hatte ich einmal dabei zugesehen, wie sie mir eine Braunüle unter die Haut geschoben hatte – und das war auch das letzte Mal gewesen. Kaum hatte ich mein Blut in einem durchsichtigen Schlauch gesehen, hatte ich damit kämpfen müssen, bei Bewusstsein zu bleiben.

»Hat sich deine Meinung denn inzwischen geändert?«, fragte sie mit mütterlicher Stimme, als würde sie mich damit ablenken wollen. Derweil nahm sie meine andere Hand und stach mit einem kleinen Gerät in die Seite meines Ringfingers.

»Sie meinen, ob ich damit leben könnte, zur Elite, also zur High Society, zu gehören?«

»Ich meine, ob du dich darüber freuen würdest, wenn deine Werte heute positiv sind«, korrigierte sie mich, während sie das Gerät beiseitelegte. Ein Piepton kündigte die Schnellanalyse meines Blutes an.

»Für mich sind sie positiv, wenn sie unverändert negativ sind.«

»Malia«, seufzte sie leise, bemühte sich aber immer noch um ein Lächeln. »Zur High Society zu gehören ist eine große Ehre.«

Ich blinzelte sie an.

Keine Ahnung, ob es je einen Moment gegeben hatte, in dem ich derselben Meinung gewesen war; aber für mich bedeutete der High Society beizutreten mit Sicherheit nicht, mich geehrt zu fühlen.

Für mich bedeutete es, dass ich eine willenlose, gehorsame Soldatin werden würde – jemand ohne Leben, ohne Rechte, ohne Freiheit, ohne einen Weg zurück. Denn den gab es nicht, oder zumindest keinen, der nicht illegal oder selbstmörderisch wäre.

Es gab keine Möglichkeit, der Regierung zu entkommen.

Fast das ganze Land wusste, dass es einen nicht gerade geringen Bevölkerungsanteil gab, der das genauso sah wie ich. Aber in den letzten Jahren hatte die Regierung es geschafft, die Demonstrationen und Gewaltausartungen im Zaum zu halten. Auch Festnahmen, wenn man sich gegen die Therapie weigerte, gab es kaum noch. Das lag jedoch nicht zuletzt an den wachsenden Drohungen New Asias.

Nichtsdestotrotz existierten zu viele Befürworter, so dass ein Kampf gegen die Gentherapien unmöglich war. Es gab zu viele, die die High Society wie Heilige verehrten, als hätte sie eine neue, bessere Welt erschaffen.

Ich wollte damit nicht sagen, dass das gelogen war, sondern nur, dass sie die Menschen, vor allem die Neugeborenen, zu den Therapien zwang.

Direkt nach der Geburt bekam man die erste Dosis des Serums verabreicht, das einen mithilfe von Mutationen dazu befähigen sollte, eines der vier Elemente zu beherrschen. Damit man ein Soldat sein konnte: eine menschliche Waffe.

Ob jeder Mensch von vornherein zu einem Element bestimmt war, blieb umstritten, in ihrer Entwicklung war jedes der vier aber klassisch. Je mehr man es trainierte, umso mehr Fähigkeiten würden sich zeigen. Obwohl ich mich kaum für die High Society interessierte, wusste ich trotzdem, wozu die wirklich guten Soldaten fähig waren.

Windsoldaten zum Beispiel konnten sich schneller bewegen und Tornados entstehen lassen, Erdsoldaten Erdplatten verschieben, um Erdbeben und Tsunamis auszulösen, Feuersoldaten eine ganze Stadt auf einmal in Brand setzen und Wassersoldaten eben einen solchen wieder löschen. Von diesen sogenannten Elitesoldaten gab es aber nur wenige, was die anderen aber nicht unbedingt weniger gefährlich machte; sie waren nur keine systematischen Massenmörder.

Die Wahrscheinlichkeit, dass die Therapie erfolgreich verlief, lag bei rund fünf Prozent; ich gab die Hoffnung noch nicht auf, dass ich zu den übrigen fünfundneunzig Prozent gehören würde.

Dr. Martin räusperte sich verhalten. »Wenn ich dich etwas fragen dürfte, Malia … welches der vier Elemente würdest du beherrschen wollen, wenn du es dir aussuchen könntest?«

Da sie das kleine Gerät, auf dem inzwischen bestimmt das Ergebnis des Schnelltests zu sehen war, in der Hand hielt, ahnte ich bereits das Schlimmste.

Dennoch antwortete ich, ohne großartig nachzudenken: »Wasser.«

Es schien mir das harmloseste aller Elemente zu sein, obwohl die Meinungen dazu auseinandergingen. Was nicht bedeutete, dass ich »Hier!« geschrien hätte, wenn jemand bereit wäre mir seine Kräfte zu verschenken.

»Malia, ich kann nur hoffen, dass sich dieser Wunsch erfüllt.« Mit einem Blick auf das kleine Gerät verzog die Ärztin ihre Lippen zu einem freundlichen Lächeln, wobei mir sofort bewusst wurde, dass sie auch das letzte bisschen meiner Hoffnung zunichtemachen würde.

Mir schnürte sich die Kehle zu.

»Mit einer Wahrscheinlichkeit von achtzig Prozent hat eine Genveränderung stattgefunden.«

2

Der Schock über das Testergebnis musste mir ins Gesicht geschrieben stehen, denn Dr. Martins Lächeln bröckelte von Sekunde zu Sekunde ein Stückchen mehr– und genau so sah es auch in meinem Inneren aus. Ihre Worte fühlten sich niederschmetternd an, weshalb ich im ersten Moment nicht reagieren konnte.

An Freudensprünge war überhaupt nicht mehr zu denken, eher war mir zum Heulen zumute.

Wie lange ich die Ärztin wortlos anstarrte, die soeben mein Leben ruiniert hatte, wusste ich nicht; auch nicht, wie ich es schaffte, erfolgreich gegen den Drang anzukämpfen, mir die Nadel aus dem Arm zu reißen.

Vielleicht tat ich Letzteres nicht, weil ich nicht die Nächste im Netzwerk sein wollte, die bei ihrer Untersuchung durchgedreht war.

Behutsam legte Dr. Martin das kleine Gerät zurück auf den Tisch und erwiderte mitfühlend meinen Blick. »Es ist noch nichts bestätigt, hörst du?«, versuchte sie mich– erfolglos– zu beruhigen. »Achtzig Prozent sind für so eine Diagnose immer noch viel zu wenig, um mit Sicherheit sagen zu können, dass deine Gene auf die Therapie reagieren. Wir sollten noch nichts überstürzen, Malia.«

Ich nickte und musste dabei feststellen, dass mein Körper auf keinen anderen Bewegungsbefehl reagierte. So als wäre er eingefroren.

Es war nicht mal eine Minute vergangen, seitdem mir Dr. Martin die hohe Wahrscheinlichkeit einer Genveränderung verkündet hatte, und schon spielten sich in meinem Kopf die schlimmsten Szenarien ab. Zwar wusste ich, wie das Leben der Soldaten aussah, schließlich wurde damit nicht gerade wenig im Netzwerk geprahlt. Das hieß aber nicht, dass ich ein Teil davon werden wollte.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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