Verlag: Riemann Kategorie: Geisteswissenschaft Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2011

SPEED - Auf der Suche nach der verlorenen Zeit E-Book

Florian Opitz

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E-Book-Beschreibung SPEED - Auf der Suche nach der verlorenen Zeit - Florian Opitz

Haben wir die Grenzen von Beschleunigung und Effizienz schon erreicht? Was kommt dann?Unser Leben ist beschleunigt bis zum Anschlag. Die Technik, die seit der Erfindung der Dampfmaschine verhießen hat, uns ein immer bequemeres und genussreicheres Leben zu verschaffen, ist dabei, uns zu versklaven. Mit dem Takt, den globale Informationsübermittlung in Echtzeit über Handy, Blackberry und iPhone vorgibt, haben Menschen kaum noch die Chance mitzukommen. Wer treibt dieses Hamsterrad an, in dem wir alle leben? Und wo ist all die Zeit geblieben, die wir in den letzten Jahrzehnten durch immer ausgeklügeltere Technologien, Synergieeffekte und Effizienzmodelle gespart haben? Woher kommt dieser ständige Drang nach Beschleunigung überhaupt? Florian Opitz befragt und beobachtet Menschen, die sich, jeder auf seine Weise, mit dem rasenden Takt unseres Lebens arrangieren: eine Unternehmensberaterin, einen Informationsbroker, eine Krankenschwester, eine Pilotin, einen Burnout-Arzt, eine Bergbauernfamilie und viele mehr. So zeichnet er ein eindringliches Bild von den Hoffnungen und der Hilflosigkeit unserer Gesellschaft, etwas Sinnvolles aus der kostbaren Lebenszeit zu machen.

Meinungen über das E-Book SPEED - Auf der Suche nach der verlorenen Zeit - Florian Opitz

E-Book-Leseprobe SPEED - Auf der Suche nach der verlorenen Zeit - Florian Opitz

Florian Opitz

SPEED

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Für Anton und Paul

1. Auflage

Originalausgabe

© 2011 Riemann Verlag, München

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Lektorat: Ralf Lay

Satz: Barbara Rabus

ISBN 978-3-641-05555-4

www.riemann-verlag.de

Inhalt

Einleitung: Wie alles anfing …

TEIL 1 – Stimmt was nicht mit mir?

Wie ein Seminar viel Rettung verspricht und ich wenig verstehe – Zeitmanagement für Anfänger

Hat’s mich jetzt auch erwischt? – Besuch beim Burn-out-Experten

(M)ein Leben ohne Handy und Internet? – Digitales Fasten

Zwei Leben in einem – Beim Zeitforscher

TEIL 2 – Die Welt der Beschleuniger

Wer hat an der Uhr gedreht? – Die Beschleuniger

Wie lange ist eigentlich eine Mikrosekunde? – Reuters und der Finanzmarkt

TEIL 3 – Alternativen zum Hamsterrad

»Bei uns können Sie unanständig reich werden« – Eine Heuschrecke steigt aus

»Computerkabel kannst du lange fressen, davon wirst du nicht satt« – Bei den Bergbauern

Wettlauf gegen die Zeit – Beim Radikalentschleuniger Douglas Tompkins

Ein Land sucht nach dem richtigen Tempo – Das Bruttonationalglück in Bhutan

Was würden Sie arbeiten, wenn für Ihr Einkommen gesorgt wäre? – Das bedingungslose Grundeinkommen

Ende: Und nun? – Hamsterrad für Fortgeschrittene

Danke!

Einleitung – Wie alles anfing …

Ich hatte eigentlich immer das Gefühl, ein ganz normales und erfülltes Leben zu führen. Ohne große Probleme. Als Kind war ich Pfadfinder und später Punk. Ich habe studiert, ja, und ich habe sogar einen Job gefunden, der mir Spaß macht und mich in der Welt herumgebracht hat: Ich mache Dokumentarfilme. Ich habe eine tolle Freundin und inzwischen auch ein Kind, Anton. Also eigentlich ist alles super. Eigentlich. Doch irgendwie habe ich in den letzten Jahren gemerkt, dass etwas mit mir nicht stimmt. Ich habe keine Zeit. Sosehr ich mich auch anstrenge – ich habe immer viel zu wenig Zeit für das, was ich mir vornehme.

Es ist jedes Mal das Gleiche: Ein Job ist erledigt, ein neues Jahr beginnt, und ich nehme mir vor, dass ab jetzt alles anders wird. Endlich mal wieder ausgehen, Zeit mit Freunden oder der Familie verbringen, ins Kino oder zu Konzerten gehen. Doch dann dauert es nicht lange, und meine Pläne zerplatzen wie Seifenblasen. Und ich hetze wieder genauso atemlos durchs Leben wie zuvor. Sobald ich auf meiner To-do-Liste eine Aufgabe abhake, kommen unten fünf neue hinzu, und der geplante Konzertbesuch ist dahin. Irgendwas mache ich falsch.

Seit Jahren schon will ich mit meiner Freundin Caro mehrere Monate durch Lateinamerika reisen. Chile, Bolivien bis rauf nach Nicaragua – das war der große Plan. Weiter als in die Toskana haben wir es bisher allerdings nicht geschafft. Eine Woche Kurzurlaub, und das auch nur mit Handy, Laptop und einer Menge Arbeit. »Hab ich vor dem Urlaub leider nicht mehr fertigbekommen«, sage ich ihr schuldbewusst. Der Blick, den ich ernte, das Rollen der Augen, ist unmissverständlich. Sie hat diesen Satz schon zu oft gehört. Jedes Jahr gebe ich mich erneut der Illusion hin, dass ich bald mehr Zeit haben würde, und nehme mir deshalb besonders viel vor: mehr Ausflüge ins schöne Berliner Umland oder endlich mal nach Polen. Da war ich noch nie, obwohl die Grenze gerade mal hundert Kilometer von uns entfernt ist. Rennradfahren, Klettern und mal wieder auf Ausstellungen gehen. Jahr um Jahr scheitere ich an meinen guten Vorsätzen.

Natürlich wollte ich dieses Jahr auch endlich einmal meinen Bruder in Freiburg und einen Freund in Paris besuchen, den hatte ich seit zwei Jahren nicht mehr gesehen. »Jaja!«, sagen beide genervt und ungläubig am Telefon. Denn sie wissen schon, was ich mir noch nicht eingestehen will: dass ich es sowieso nicht schaffen werde. Als wir uns wie jedes Jahr an Weihnachten in unserer Heimatstadt Baden-Baden trafen, hatte ich vor zwei Jahren mit dem gleichen Freund bierselig gewettet, dass ich es auf jeden Fall schaffen würde, ihm mindestens einmal pro Halbjahr einen Brief zu schreiben – einen richtigen Brief mit Tinte auf Papier, keine E-Mail. Wäre doch gelacht, wenn ich das nicht hinbekäme, habe ich am Abend noch getönt. Und ich meinte es auch wirklich so. Unnötig, es hier zu erwähnen: Die Wette ging verloren, und die Wettschulden sind noch immer nicht beglichen.

Oder mal wieder Sport machen. Wird auch Zeit. Ich komme immer mehr außer Form, worauf Caro mich ab und an mit kleinen versteckten Bemerkungen in psychologisch verträglichen Dosen hinweist. Klar weiß ich, wie wichtig es für Körper und Geist ist, sich zu bewegen, nur bin ich in der letzten Zeit einfach überhaupt nicht dazu gekommen. Pah, was sage ich? In den letzten Jahren!

Meine Erfahrung mit der Zeit beschränkt sich inzwischen nur auf das eine Gefühl – sie fehlt! Warum ist das nur so? Warum kriege ich es einfach nicht hin, einigermaßen zurande zu kommen mit meiner Zeit? Anderen gelingt es doch auch! Woher kommt dieser ständige Zeitdruck?

Mein Problem ist nicht neu. Eigentlich habe ich es schon seit mehreren Jahren. Doch irgendwie habe ich es lange nicht bewusst wahrgenommen. Ich gebe zu: Ich habe mir einfach nie die Zeit genommen, überhaupt darüber nachzudenken. Es gab ja schließlich immer genügend andere wichtige Dinge zu tun. Bis, ja bis zwei wirklich einschneidende Erlebnisse mein Leben gründlich auf den Kopf gestellt haben.

Vor dreieinhalb Jahren wurde ich während einer Recherchereise in Afrika zusammen mit meinem Kameramann Andy vom nigerianischen Geheimdienst verhaftet, verschleppt und vor Gericht gestellt. Die absurde Anklage: Spionage, worauf in Nigeria vierzehn Jahre Haft stehen. Es folgten ein langer quälender Prozess und zwei Monate der Angst und Ungewissheit für uns und unsere Familien. Ein afrikanischer Albtraum mit den filmreifen Ingredienzien eines Politthrillers. Das Ganze ging zum Glück gut aus. Der Prozess wurde schließlich aufgrund internationalen diplomatischen Drucks eingestellt, wir wurden freigelassen und durften das Land wieder verlassen. Zum Glück. Aber ich hatte in diesen zwei Monaten auch unfreiwillig viel Zeit gehabt, gründlich über mein Leben nachzudenken.

Ein knappes Jahr später wurde mein Sohn Anton geboren. Natürlich habe ich geglaubt, bereits alles übers Kinderkriegen zu wissen und ganz genau zu überblicken, was da auf uns zukommen würde. Schließlich waren ja schon einige unserer Freunde Eltern geworden. Doch was kam, hat alle meine Erwartungen getoppt. Ich werde nie vergessen, wie wir nach Antons Blitzgeburt bei Sonnenaufgang müde und glücklich zugleich wie in Trance mit dem Taxi durch das sonnendurchflutete Berlin nach Hause fuhren. Berlin kam mir plötzlich vor wie der schönste Ort auf Erden. Der Taxifahrer ließ klassische Musik laufen, und es war, als wären wir für einen Moment irgendwie aus der Zeit gefallen.

Die hat uns aber leider schnell wieder eingeholt: In den Tagen darauf musste ich feststellen, dass mich die Geburt scheinbar mehr angestrengt hatte als Caro, die ihre Mutterrolle sofort so selbstverständlich und souverän ausfüllte, als hätte sie nie etwas anderes getan. Ich hingegen brauchte meine Zeit, um zu begreifen, was ab jetzt alles anders würde. Heute kann ich mir ein Leben ohne Anton überhaupt nicht mehr vorstellen. Klar, dass ich die Welt seitdem mit anderen Augen sehe. Vor allem das Leben mit Anton hat mir noch schmerzhafter vor Augen geführt, wie bescheuert und absurd mein Zeitproblem eigentlich ist. Und dass es noch wichtiger ist, endlich Prioritäten zu setzen. Nur wie? Und welche?

Es ist ja nicht so, als würde ich tagelang herumgammeln und meine Zeit vertrödeln. Im Gegenteil: Ich versuche schon ständig, mein Leben so effizient wie möglich zu organisieren und Zeit zu sparen. Dafür habe ich inzwischen sogar ein beträchtliches Arsenal an technischen Geräten angesammelt, die einzig zu dem Zweck erfunden wurden, das Leben ihres Benutzers effizienter zu machen. Und auch ich habe gehofft, dass mein Handy, mein Laptop und meine superschnelle Internetverbindung mir irgendwie dabei helfen würden, effizient zu sein und Zeit zu sparen. Doch am Ende des Tages hab ich nicht mehr, sondern immer weniger Zeit.

In meinem Kopf geht es inzwischen zu wie in einem Flipperautomaten. Ich bin, offen gestanden, kaum noch in der Lage, mich länger als ein paar Minuten auf ein und dieselbe Aufgabe zu konzentrieren, selbst das Lesen eines längeren Zeitungsartikels fällt mir inzwischen schwer. Ich bin erschöpft und rastlos zugleich. Ich würde gern sagen können, wohin sich meine Zeit verflüchtigt. Aber ich kann es nicht. Ich merke nur, dass ich nie genügend davon habe. Ich fühle mich wie ein Getriebener. Aber wovon? Auch das kann ich leider nicht genau sagen. Meine Tage kommen mir vor wie ein einziger Wettlauf gegen die Uhr. Den Startschuss dieses Wettrennens gibt entweder der Wecker oder unser Sohn Anton. Und ab dann renne ich. Bis ich abends wieder müde ins Bett falle. Dazwischen hetze ich durch einen Tagesordnungspunkt nach dem anderen. Mails checken vor dem Frühstück, Frühstück machen, Anton wickeln und anziehen, nochmal Mails checken, Anton in die Kita bringen, ins Büro oder in den Schneideraum fahren. Auf dem Weg dahin beim Radfahren die wichtigsten Telefonate erledigen, im Büro sofort wieder ins Netz und Mails checken, telefonieren, ein ziemlich unrealistisches Arbeitspensum abarbeiten, Mails checken und beantworten, dazwischen immer wieder Spiegel Online, Mittagessen im Stehen, und dann ist es gerade mal 13.00 Uhr.

Ständig auf dem Handy erreichbar und immer im Netz, frage ich mich manchmal, ob ich inzwischen verhaltensauffällig geworden bin oder ob mein Verhalten mittlerweile so normal ist, dass ich eben überhaupt nicht mehr auffalle und einfach ziel- und kritiklos mitschwimme im Strom. Ich weiß nicht, was ich schlimmer finden soll.

Wenn ich in meinem Büro sitze und eigentlich produktiv sein müsste, haben mich meine elektronischen Helferlein jedenfalls ziemlich im Griff. Alle paar Minuten unterbreche ich die Arbeit, an der ich gerade sitze, um hinaus in die Welt zu schauen. Ich spaziere bei Spiegel Online vorbei, scanne kurz die Überschriften und lese ein, zwei kurze Artikel, schaue bei Kicker.de, was es so alles Neues in der Welt des Fußballs gibt, danach YouTube, um noch kurz irgendwo die aktuellen Plattenkritiken zu lesen. Schwuppdiwupp sind zwanzig Minuten vorbei, in denen ich mindestens einen Absatz hätte schreiben oder andere dringende Arbeit hätte erledigen können, ja müssen. Danach gucke ich nochmal, ob ich neue E-Mails bekommen habe, so wie bereits zwanzigmal zuvor an diesem Morgen. So geht es den ganzen Tag. Egal womit ich beschäftigt bin: Sobald mein Mailprogramm das Geräusch einer hereinkommenden Mail erklingen lässt, muss ich sie sofort lesen. Es ist wie ein Reflex. Irgendwas in mir hält, in der Sorge, etwas zu verpassen, keinen Aufschub aus. Auch während ich diesen Text gerade schreibe, habe ich neben meinem Textverarbeitungsprogramm noch fünf weitere Programme und unzählige Fenster geöffnet: Mehrere Internetseiten, mein Mailprogramm, iTunes und so weiter. Und am Abend zu Hause? Oder am Wochenende? Ein ähnliches Bild.

Eine typische Szene: Ich spiele gerade mit Anton und seiner Holzeisenbahn oder lese ihm eine Gutenachtgeschichte vor. Plötzlich klingelt das Telefon. Sofort schalten mein Hirn und mein Körper auf Alarmzustand um. Wer könnte es sein? Eine Redakteurin? Der Produzent meines Films? Meine Mutter? Ist irgendwas passiert? In den seltensten Fällen schaffe ich es, meinem dringenden Bedürfnis zu widerstehen und nicht sofort aufzuspringen und ans Telefon zu gehen. Meist ist die reflexhafte Neugier zu groß und duldet wieder mal keinen Aufschub. Aber auch wenn ich es schaffe, bin ich nicht mehr bei der Sache, bis ich weiß, wer angerufen hat und warum. Natürlich kann der Kleine überhaupt nicht verstehen, was so dringend sein soll, dass man dafür so etwas Wichtiges wie unser Eisenbahnspielen unterbricht, und protestiert lautstark. Zu Recht, denn ich kann mich eigentlich an kaum einen Anruf erinnern, der tatsächlich je so wichtig war, dass er die Unterbrechung gerechtfertigt hätte. Woran ich mich aber sehr wohl erinnern kann, ist das ständige schlechte Gewissen meiner Familie gegenüber. Und was ich fast noch ein bisschen schlimmer finde: Seit mein Sohn ein Jahr wurde, ist er verrückt nach Handys. Tolles Vorbild, der Papa.

Die vielen Online-Informationen und E-Mails, die ich täglich höchstens noch überfliege, führen zwar dazu, dass ich immer mehr erfahre, aber immer weniger weiß. In den letzten Jahren ist mir irgendwie die Fähigkeit abhandengekommen, mich tiefgreifend mit etwas beschäftigen zu können. Früher habe ich gern und viele Bücher gelesen – mein volles Bücherregal zeugt noch von diesen glorreichen Tagen. Ich kaufe zwar nach wie vor Bücher, vielleicht mehr denn je. Doch der Aufwand, sie dann auch zu lesen, ist mir zu groß. Das Gefühl, immer oberflächlicher zu werden, macht sich bereits seit ein paar Jahren mehr und mehr in mir breit. Manchmal habe ich den Eindruck, ich denke schon wie ein Computer und bin im Blitzgewitter beschleunigter Informationshäppchen tatsächlich nur noch in der Lage, von einem Klick zum nächsten zu denken.

Natürlich hätte es auch noch schlimmer kommen können mit mir. Denn in gewisser Hinsicht bin ich ja eigentlich auch noch altmodisch und konservativ. Denn bisher bin ich weder Mitglied eines sozialen Netzwerks wie Facebook, StudiVZ (dafür bin ich ohnehin zu alt) oder MySpace geworden, noch tummelt sich ein Avatar von mir irgendwo im Second Life. Bis vor relativ kurzer Zeit hatte ich noch nicht einmal ein Smartphone. Ehrlich! Keinen BlackBerry, kein iPhone.

Bis vor kurzem! Tja, was soll ich sagen? Mittlerweile hab ich eins. Lange hatte ich diesen Kampf gegen ein noch tieferes Eindringen der digitalen Welt in die bislang E-Mail-freien Zonen meines Lebens geführt. Ein erbittert geführter Kampf gegen mich selbst – und für eine letzte Insel der Freiheit und der Unerreichbarkeit. Engelchen gegen Teufelchen. Ohnehin schon von Caro für internetsüchtig gehalten, wollte ich auf keinen Fall zulassen, dass die digitale Wolke noch weitere Sphären meines Lebens verseucht. Ich wollte niemals einer dieser von mir immer hochmütig belächelten Wahnsinnigen sein, die im ICE oder am Gate des Flughafens nur noch obsessiv auf die Displays ihrer kleinen Spielzeuge eintippen. Ich hielt mich für so unglaublich klug und souverän und glaubte, die geheimen Zwänge des digitalen Zeitalters längst durchschaut zu haben.

Und ich war mir sicher, dass ich mich ihnen nicht unterwerfen würde. Aber da war auch diese andere Stimme in mir, die mich ständig davon überzeugen wollte, wie verdammt nützlich und praktisch diese kleinen Dinger im Alltag doch sind. Wie viel Zeit, Geld und Mühen sie mir bei meinem Job ersparen würden. Damit müsste ich auf Recherchereisen nicht immer meinen Laptop mitschleppen und mir so den Rücken ruinieren.

Machen wir es kurz: Der Kampf gegen das Teufelchen in mir ging verloren. Auf meine Verachtung, das Leugnen, dass ich bereits infiziert bin, folgte die exzessive Anwendung. Anscheinend bin ich eben doch nicht so souverän, diszipliniert und superschlau, wie ich dachte. Monatelang hatte ich mich mit dieser Entscheidung herumgequält. Unzählige Stunden im Internet mit sinnlosen Recherchen zum Für und Wider eines iPhone-Kaufs verbracht. Am Ende hat die Vernunft diese Schlacht verloren, und ich habe mir eins zugelegt. Seitdem bin ich auch einer dieser Typen, die über die Straße laufen und dabei konzentriert auf die Innenfläche ihrer Hand blicken, um mit Hilfe von Google Maps den Weg zum Steuerberater zu finden. Oder sich stundenlang damit beschäftigen können, mehr oder weniger sinnvolle Apps auf das Smartphone zu laden.

Ich werde in Zukunft also wohl noch mehr Zeit in der digitalen Wolke verbringen, obwohl ich doch genau das auf keinen Fall wollte. Für die Menschen und Dinge jedoch, die mir wirklich wichtig sind, meine besten Freunde, die Familie, Live(!)-Musik, Konzerte, mal wieder ein Buch lesen et cetera, habe ich jetzt natürlich noch weniger Zeit.

Aber sollen jetzt etwa die kleinen digitalen Helferchen – Handy und Netz – schuld an meiner Hektik und Zeitnot sein? Klingt irgendwie nach Ausrede, oder? Wie viel hat dieses Gefühl mit dem Netz zu tun? Wie viel mit mir und meiner inneren Unruhe? Denn mein Alltag wäre sicher auch ohne Netz bereits ziemlich hektisch und zerhackt. Ich muss nämlich zugeben, dass ich schon ziemlich viele Dinge unter einen Hut zu bringen versuche. Ich muss mich wirtschaftlich als Filmemacher behaupten, will gute Filme machen, ein noch besserer Vater, Freund, Partner, Kumpel, Sohn, Bruder und so weiter sein. Und nebenbei auch noch ganz souverän bleiben, ein erfülltes Leben führen und in mir selbst ruhen. Und alles gleichzeitig. Nur klappt das eben alles zusammen nicht so wirklich.

Neulich hat mich mal wieder ein Freund angerufen und davon erzählt, dass er jetzt regelmäßig zum Yoga geht. »Yoga find ich auch super. Wollt ich immer schon mal machen.« Im Moment, als ich diese Worte aussprach, merkte ich schon, wie hohl und leer das klang, was ich da sagte. »Dann komm doch einfach mal mit«, antwortete mir Stefan. Darauf war ich nun wirklich nicht vorbereitet. So einfach geht das aber nicht. Ich hab doch noch dieses zu tun und jenes zu erledigen. »Vielleicht nach dem Sommer mal«, vertröstete ich ihn. Seit Jahren rede ich mir ein, dass mir Yoga bestimmt guttun würde. Die perfekte und wohl effizienteste Möglichkeit, Sport, Entspannung und Entschleunigung zu kombinieren. Geschafft habe ich es natürlich nicht mal zu einer Probestunde.

Doch mit meinem Problem bin ich offensichtlich nicht allein. Die Zeit scheint nicht nur in meinem Leben ein knappes Gut geworden zu sein, sondern auch in dem vieler anderer. Zumindest höre ich in den letzten Jahren immer mehr Freunde und Kollegen über Zeitmangel klagen. Eigentlich sehr merkwürdig, denn gemessen in Stunden und Jahren, sind wir heute reicher, als Menschen es jemals zuvor waren. Keiner Generation waren bisher so viel Freizeit und eine so lange Lebensspanne beschert. Irgendwie haben wir also auf vielfältige Weise Zeit gewonnen, aber am Ende haben wir sie dann trotzdem nicht.

Als ich eines Nachmittags in meinem Büro sitze und mich dabei erwische, wie meine Aufmerksamkeit wieder mal von der sich auf meinem Schreibtisch auftürmenden Arbeit abgleitet und sich, sicher zum zehnten Mal an diesem Tag, den unendlichen Weiten des Internets zuwendet, reicht es mir. In einem Akt, irgendwo zwischen Selbstbestrafung und Emanzipation von der Maschine, knalle ich das Display meines Notebooks zu, laufe in die Küche unserer Bürogemeinschaft, mache mir den vierten Kaffee des Tages und beginne intensiver über das nachzudenken, was mich vor allem in den letzten Wochen nicht mehr losgelassen hat: Ticken wir noch richtig?!

Eigentlich nimmt unsere durchschnittliche Lebenszeit seit Jahrzehnten zu. Doch den meisten von uns rinnen die Stunden und Tage immer schneller durch die Finger. Wir haben es eilig, wir hetzen uns. Ständig. Das ist offenbar zum charakteristischen Lebensstil unserer Zeit geworden. Um mich herum scheint sich seit einigen Jahren das Dasein enorm zu beschleunigen. Und zwar in allen Lebensbereichen. Bei der Arbeit, in der Freizeit, im Privatleben und vor allem in der Kommunikation. Jeder Jugendliche daddelt doch heute mit seinem Handy, seinem Laptop und seiner PlayStation in einem Tempo und einer Frequenz, die Gordon Gecko, den raffgierigen Börsenhändler aus dem Film »Wall Street« in den neunziger Jahren, vor Neid hätte erblassen lassen. E-Mails, SMS, MySpace, Facebook, Twitter: Die Gesellschaft kommuniziert sich hysterisch um den Verstand.

Aber die Zauberwörter »Beschleunigung«, »Effizienzsteigerung« und »Wachstum« sind nicht nur bei den neuen Kommunikationstechniken zu einem Mantra geworden, das nicht weiter hinterfragt wird. Auch die Politik weiß auf die größte Wirtschafts- und Finanzkrise der letzten Jahrzehnte reflexartig nur mit einem Wachstumsbeschleunigungsgesetz zu antworten. Wachstum allein reicht wohl nicht mehr. Es muss jetzt auch noch beschleunigt werden. Und wenn es dann mal richtig ernst wird, kommt dann wohl auch noch das »Wachstumssteigerungseffizienzbeschleunigungsgesetz«. Jawoll. Und alle nehmen das hin.

Welches Ziel verfolgen wir eigentlich mit der ständigen Beschleunigung? Wem nützt sie? Wartet dahinter irgendwo eine bessere Welt oder ein besseres Leben auf uns? Und wo ist die Zeit eigentlich hin, die wir in den letzten Jahrzehnten durch die immer ausgeklügelteren Technologien, Synergieeffekte und Effizienzmodelle des digitalen und spätkapitalistischen Zeitalters gespart haben? Wer hat sie sich unter den Nagel gerissen?

Draußen ist es inzwischen dunkel geworden. Ich sitze immer noch auf dem etwas abgewetzten Sofa in der Küche unseres Gemeinschaftsbüros und merke, dass etwas Besonderes passiert ist: Ich habe tatsächlich eine Stunde am Stück nachgedacht, ohne mich selbst dabei durch sinnlose digitale Übersprungshandlungen zu unterbrechen. Ich habe weder E-Mails noch SMS verschickt oder gelesen. Es funktioniert also doch noch, das Denken. Ich freue mich so sehr angesichts dieses kleinen Siegs über meine schlechten Angewohnheiten, dass ich entscheide, den Rechner heute nicht mehr anzumachen. Stattdessen rufe ich Caro an, um mich mit ihr und Anton zum Abendessen in der Kneipe um die Ecke zu treffen. Aber die Fragen, die ich mir an diesem Nachmittag gestellt habe, lassen mich nicht mehr los.

Also habe ich angefangen, zu recherchieren und nach Artikeln und Büchern zu googeln, um herauszufinden, warum sich unser Leben ständig beschleunigt und warum mir und uns allen die Zeit ausgeht. Zuerst eher unregelmäßig und als willkommene Ablenkung von meiner eigentlichen Arbeit als Filmemacher. Dann aber immer intensiver. Denn was ich da las, fand ich extrem spannend, aber auch ein bisschen spooky. Vor allem warf es immer weitere Fragen bei mir auf und machte mich immer neugieriger. Vielleicht sollte ich ja mal einen Film darüber machen? Eine kleine Kostprobe gefällig?

Unser Lebenstempo hat sich in den letzten zweihundert Jahren verdoppelt. Obwohl die registrierte Gesamtarbeitszeit sinkt, fühlen sich immer mehr Menschen permanent unter Termindruck, Entscheidungsstress und Zeitnot. Fast die Hälfte der Deutschen gibt an, unter chronischer Zeitknappheit zu leiden, und von Umfrage zu Umfrage werden es mehr. Das Gefühl der Zeitnot wird von vielen sogar als extreme psychische Belastung wahrgenommen, selbst vier von fünf Kindern in Deutschland geben schon an, unter Zeitdruck zu leiden. Obwohl es Millionen von Arbeitslosen gibt, rackern heute in manchen Branchen viele Arbeitnehmer fünfzig, sechzig oder siebzig Stunden pro Woche.

Auch in anderen Studien erfahre ich Erstaunliches über das Leben des postmodernen Menschen und hoffe dabei insgeheim, dass es bei mir noch nicht so weit ist. So verbringt die Hälfte der Deutschen mehr Zeit vor ihrem Computer als mit Freunden oder der Familie. Mit dem information overload tauchen auch ganz neue Krankheitsbilder auf: Der auf das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) spezialisierte Psychiater Edward Hallowell spricht bereits von der »ADSierung unseres Alltags« – die Symptome seien »Rastlosigkeit, Ablenkbarkeit und das ständige Gefühl, sich beeilen und unbedingt noch etwas erledigen zu müssen«.

Eine andere psychologische Studie hat herausgefunden, dass die Konzentration sofort schwindet, wenn man eine Aufgabe zum Beispiel durch kurzes Checken der E-Mails oder Abschweifen ins Netz unterbricht. Je länger und intensiver die Unterbrechung sei, desto schwieriger sei es, sich wieder auf die Hauptaufgabe zu konzentrieren. Nach einer Minute Unterbrechung und Ablenkung braucht man im Schnitt mehr als fünfzehn Minuten für die Refokussierung auf die Hauptaufgabe. Unabhängigen Schätzungen zufolge ginge so durchschnittlich 28 Prozent eines Arbeitstages verloren.

Hirnforscher und ehemals netzeuphorische Publizisten wie der amerikanische Blogger und Buchautor Nicholas Carr sind sich offensichtlich einig in dem Befund, dass unser massiver Internetkonsum und die viele Zeit, die wir vor dem Computer verbringen, das menschliche Gehirn verändert. Das Gehirn passt sich dem Blitzgewitter schnell verabreichter Infosplitter an, indem es neue Synapsen aufbaut und vorhandene nicht mehr so häufig benutzt. Und es verliert dabei die Fähigkeit zu Konzentration und Kreativität. Ein Befund, den der Feuilletonchef der FAZ, Frank Schirrmacher, in seinem etwas aufgeregten und reißerischen Buch Payback für ein deutsches Publikum aufbereitete und um Warnungen vor dem Untergang des Abendlandes oder zumindest all unserer mühsam erworbenen Kulturtechniken ergänzte.

Wieder eine andere Studie beziffert die Kosten der Folgen von information overload für die amerikanische Wirtschaft allein im Jahr 2009 mit neunhundert Milliarden Dollar. Gleichzeitig wächst die Zahl derer, die sich den Anforderungen der modernen Welt nicht mehr gewachsen fühlen; das Burn-out-Syndrom wird immer häufiger; der Einsatz von Antidepressiva und Muntermachern steigt seit Jahren rasant an.

Die Menschen, von denen all diese Studien berichten, tun mir irgendwie leid. Aber gleichzeitig werde ich das Gefühl nicht los, selbst auf dem besten Weg in diesen Strudel aus information overload und Zeitmangel zu sein. Kurz vor dem totalen Systemabsturz meiner eigenen Festplatte. Ich fühle mich ertappt. Als ich mir schließlich eingestehe, dass auch ich zu denjenigen zähle, in deren Wortschatz und Leben das Wort »Muße« nicht mehr vorkommt, nehme ich mir vor herauszufinden, warum das so ist – und vor allem: es zu ändern!

Ich mache mich jetzt auf die Suche nach den Ursachen meiner Atemlosigkeit. Ich will herausfinden, warum ich nie Zeit habe. Und wer dieses Hamsterrad eigentlich antreibt, in dem ich, ja, in dem wir alle leben. Eines ist mir jedenfalls klar. Ich will meine frühere Gelassenheit zurück und endlich mehr Zeit mit meinem Sohn verbringen können, ohne dabei ständig auf die Uhr oder mein neues iPhone schauen zu müssen. Vielleicht finde ich dabei, ganz nebenbei, ja auch eine Antwort auf die ewige Menschheitsfrage: Wie wollen wir eigentlich leben?

Wie wesentlich die Auseinandersetzung mit dieser Frage und ein Nachdenken über den individuellen und gesellschaftlichen Beschleunigungswahnsinn für unser Leben ist, hat mir der Soziologe und Beschleunigungsexperte Hartmut Rosa deutlich gemacht, den ich im März 2010 in Jena besuchte. Vieles von dem, was er mir damals in unserem langen Gespräch über den Tempowahn der modernen Gesellschaft sagte, hallt seitdem in meinem Kopf nach.

Hartmut Rosa: Ich kam auf die Idee, dass Zeitstrukturen irgendwie wichtig sind, weil ich aus einem kleinen Dorf im Hochschwarzwald komme, das eigentlich noch sehr langsame Zeitrhythmen hat. Dann ging es für mich nach Freiburg, was mir zuerst überwältigend groß vorkam, und kurz darauf nach London oder New York. Da ist mir aufgefallen, dass ein wesentlicher Unterschied zwischen Orten verschiedener Größe das Lebenstempo ist. Die Art und Weise, wie man da Welt und Zeit wahrnimmt. London und New York sind vibrierende, hochenergetische Städte. Und ich dachte, irgendwie bin ich da anders in die Zeit gestellt in so großen Städten als in meinem Ursprungsdorf.

Also begann ich zu erforschen, wie sich die Zeitstrukturen in der modernen Gesellschaft ändern. Ich glaube, das tun sie seit langem und dass Modernisierung ein Prozess der Veränderung der zeitlichen Verhältnisse ist, besonders der Beschleunigung, also des Schnellerwerdens von vielen Prozessen, die für unser Alltagsleben wichtig sind. Mich interessiert, wie sich die Art und Weise, wie die Menschen »Welt erleben« und wie sie in die Welt gestellt sind, verändert und warum. Es sind nämlich gar nicht so sehr unsere Wertvorstellungen, die unsere Welt- und Lebenseinstellung prägen, sondern die Zeitverhältnisse. Es wird so etwas wie ein Dauerdruck auf uns moderne Menschen ausgeübt, und dadurch entsteht eine gewisse Atemlosigkeit und Hast bei uns.

Das ungeheure Paradox an der Beschleunigung besteht dabei darin, dass wir umso weniger Zeit haben, je effizienter wir im Zeitsparen werden. Das ist die große Frage, wo die Zeit eigentlich bleibt, die wir ständig einsparen. Das ist wirklich spannend. Wir freuen uns ja, wenn wir ein neues technisches Produkt erworben haben, das ist fast immer eine Zeitersparnis, ganz egal wie das aussieht. Also ob wir ein Navigationsgerät kaufen oder ein iPhone oder sonst etwas, immer wird versprochen, jetzt können wir sofort und gleich Dinge tun, für die wir früher viel Zeit gebraucht haben. Ich kann jetzt sofort ins Netz gehen, ich kann jetzt sofort wissen, was ich wissen muss, Bahnverbindungen oder das Wetter … und trotzdem habe ich die Zeit nicht.

Die Zeitnot dieser Gesellschaft ist im gleichen Maße gestiegen wie ihre Fähigkeit, Zeit zu sparen. Und diesem Paradoxon, diesem seltsamen Rätsel, dem wollte ich mal nachgehen. Das ist zwar jedem bekannt und jedem bewusst, aber woran es liegt, ist durchaus nicht bekannt. Die Wissenschaft hat sich dieses Problems bisher nicht angenommen. Also, wo ist die Zeit geblieben?

TEIL 1 – Stimmt was nicht mit mir?

Wie ein Seminar viel Rettung verspricht und ich wenig verstehe – Zeitmanagement für Anfänger

Meine Reise beginnt am Berliner Hauptbahnhof. Bahnhöfe sind wie Flughäfen »Teilchenbeschleuniger« und damit irgendwie auch sehr typisch für unsere beschleunigte Zeit. Der Berliner Hauptbahnhof mit seiner futuristisch anmutenden Architektur ist hierfür ein Paradebeispiel. Hier ist fast 24 Stunden lang das hochgetaktete hektische Treiben des modernen Großstadtmenschen zu beobachten – der ideale Ausgangspunkt für meine Entdeckungsreise durch Raum und Zeit. Um mich herum drängeln sich die Menschen in der Starbucks-Filiale, vor dem McDonald’s-Counter und in der Bahnhofsbuchhandlung, um vor der Reise von A nach B noch schnell noch etwas zu konsumieren.

Ich bin einer von ihnen. Als ich von weitem die Schlange am Serviceschalter der Deutschen Bahn abscanne, bin ich schlagartig genervt. Sie ist zu lang. Viel zu lang. Warum sitzt da wieder so wenig Personal? Ich stelle mich schlecht gelaunt in die Schlange und trete unruhig von einem Bein aufs andere. Um hier eine Fahrkarte zu bekommen, würde ich mindestens zwanzig Minuten warten müssen. Zeit, die ich nicht habe. Nach drei Minuten habe ich keine Lust mehr und suche den nächsten freien Ticketautomaten, um dort meine Fahrkarte zu kaufen. Nicht ohne sofort ein schlechtes Gewissen zu bekommen.

Ich weiß natürlich auch, dass die Bahn, so wie andere Konzerne, die Ungeduld von Leuten wie mir seit langem eiskalt ausnutzen, um Personal abzubauen. Es ist ein altes Rezept. Man verschlechtert den Service so lange, bis die Kunden freiwillig auf Automaten oder das Internet umsteigen. Je mehr von uns das tun, desto weniger Mitarbeiter braucht es am Serviceschalter. Und das alles im Dienste der Effizienzsteigerung und der Beschleunigung. So heißt es dann in lupenreinem Businessdeutsch. Meine Ungeduld führt also letztendlich auch dazu, dass sich die freundliche Dame am Schalter demnächst nach einem neuen Job umsehen kann. Und ich in Zukunft nur noch Automaten anlächeln darf. Na bravo!

Dass dieses Szenario tatsächlich immer näher rückt, habe ich spätestens bei meinem letzten Besuch bei Ikea feststellen können: Als ich dort einkaufen war – ohnehin schon eine Qual für mich und ständiger Quell von Beziehungskonflikten –, wollte ich meinen Augen kaum trauen: Dort gibt es mittlerweile Kassen, an denen Kunden ihre Einkäufe selbst einscannen müssen. Gefühlte zwei Dutzend dieser Schalter wurden von einer oder zwei hin und her flitzenden Servicemitarbeiterinnen beaufsichtigt, die aushelfen, wenn es mal hakt. Dabei waren sie aber sichtlich überfordert und taten mir irgendwie ein bisschen leid, weil sie nicht nur den Unmut der Kunden abbekamen, sondern auch den ihrer Kolleginnen, deren Arbeitsplatz sie gerade überflüssig machten. Bei Ikea habe ich mich aus Protest noch an eine von einer leibhaftigen Kassiererin besetzten Kasse angestellt. Damals habe ich dieses Spiel nicht mitgemacht. Gleichzeitig war mir klar, dass ich wahrscheinlich schon beim nächsten Mal nicht mehr so konsequent sein würde. Schließlich waren diese »Innovationen« ja genau für Leute wie mich gemacht. Typen, die es immer eilig haben.

Wenigstens fällt mir heute öfter als früher auf, wie ungeduldig ich bereits beim geringsten Anlass werde. Das ist doch schon mal was, versuche ich mein Gewissen zu beruhigen. Als ich endlich meine Fahrkarte in den Händen halte, spurte ich los und verfluche innerlich jeden, der mir vor die Füße gerät. Als ich am Bahnsteig ankomme, entfährt mir schon wieder ein genervtes Stöhnen. Verdammt, mein ICE hat dreißig Minuten Verspätung. Ich ärgere mich maßlos und zücke mein Handy, um das irgendjemandem mitzuteilen. Nur wem?

Ich empfinde Warten stets als Zumutung. Von wem, weiß ich auch nicht. So wie ich immer weniger von dem, was ich tue und was mir widerfährt, erklären kann. Sobald ich zum Beispiel ein Restaurant betrete, suche ich den Raum sofort mit nervösem Blick nach dem Kellner ab, anstatt einfach darauf zu warten, dass er kommt, um meine Bestellung aufzunehmen.

Auch jetzt am Bahnsteig nehme ich eine Zeitung aus meiner Tasche und überfliege die Überschriften, um, nun ja, um die Zeit totzuschlagen, die mir an anderer Stelle vermeintlich so sehr fehlt. Während ich tatsächlich anfange, darüber nachzudenken, und mich zunehmend weniger über die Verspätung und mehr über meine mangelnde Gelassenheit ärgere, rollt der Zug auf dem Bahngleis ein.

Meine erste Station führt mich in die Nähe von Frankfurt am Main. Bei meinen Recherchen bin ich auf eine Menge Bücher zum Thema »Zeitmanagement« gestoßen. Sie tragen Titel wie Simplify your Life, Don’t hurry, be happy, Mehr Zeit für das Wesentliche oder einfach Das 1 x 1 des Zeitmanagements. Und sie alle haben eins gemeinsam: Sie sind Bestseller. Es scheinen sich also wirklich eine Menge Leute mit ähnlichen Problemen herumzuschlagen wie ich. Auch Hörbücher und DVDs zum Thema verkaufen sich wie warme Semmeln. Und wer es richtig ernst meint mit der Optimierung seines Zeitmanagements, der meldet sich zu einem Seminar an, übers Wochenende oder nach Feierabend. So wie ich.

Also habe ich mich kurzerhand zu solch einer Veranstaltung angemeldet. Natürlich nicht zu irgendeiner, sondern zu einem Late-Night-Seminar von Prof. Dr. Lothar Seiwert, dem Zeitmanagementpapst in Deutschland. Bei meiner Recherche hatte ich erstaunt festgestellt, dass eine ganze Branche von solchen Vortragsveranstaltungen lebt, die auf Neudeutsch »Keynotes« heißen und auf denen sich die Besucher Tipps für ein erfolgreiches und glückliches Leben holen. Die Keynote-Speaker, also die Redner oder Coaches auf diesen Seminaren, sind in bestimmten Kreisen regelrechte Stars und füllen regelmäßig große Säle. Es scheint mir, als hätte sich dabei jeder Keynote-Speaker auf ein bestimmtes Thema spezialisiert, etwa »Der Erfolgsnavigator«, »Einfach mehr Charisma«, »Erfolgreich mit den Waffen der Frau« oder eben »Mehr Zeit für das Wesentliche«. Jedes Jahr werden die erfolgreichsten Keynote-Speaker prämiert, und die allererfolgreichsten schaffen es sogar in die German Speakers Hall of Fame oder bekommen einen Life Achievement Award.

Auf der Zugfahrt nach Frankfurt blättere ich den Prospekt für das Seminar durch und frage mich, wie eine solche Veranstaltung wohl abläuft und welche Leute sie besuchen. Dem Prospekt nach zu urteilen, werde ich mich unter lauter Managern wiederfinden. Die Seminare richten sich offensichtlich an Leute, die es schon zu etwas gebracht haben, den bisherigen Erfolg aber gern noch ausbauen und ihr Leben weiter optimieren wollen. Ob ich da wirklich hineinpasse? In mir macht sich kurz ein leichter Zweifel breit, ob die 250 Euro, die dieser Abend für die Teilnahme kosten wird, wirklich gut investiert sind und ob ich den Ansprüchen an die Zielgruppe wirklich genüge. Vielleicht hätte ich ja doch besser meinen Anzug angezogen. So, wie ich jetzt aussehe, falle ich jedenfalls sofort auf. Ich bin ein bisschen aufgeregt.

Das Seminar findet in einem Kongresshotel in Königstein statt, das schon mal bessere Tage gesehen hat. Das Ambiente hatte ich mir ein bisschen luxuriöser und dem Managerpublikum angemessener vorgestellt. Aber was soll’s? Eigentlich ist es ja ganz sympathisch, wenn hier nicht so dick aufgetragen wird. An der Kasse erhalte ich gegen Vorlage meines Personalausweises einen Button mit der Aufschrift »Zukunftsmanager«, den ich mir als Erkennungszeichen für die anderen Seminarteilnehmer auf meinen Pullover kleben soll. Dann geht es eine Treppe runter zum Vorraum des großen Kongresssaals, wo sich die ersten Seminarteilnehmer an Büchertischen schon mit Ratgebern der heute sprechenden Keynote-Speaker eindecken. Andere testen gerade einige überdimensionierte und etwas futuristisch aussehende Trainingsgeräte, die hier auch zum Kauf angeboten werden und die »effektives Workout« und »Anti-Aging« versprechen. Für dieses Workout muss man nichts anderes tun, als sich auf den Apparat zu stellen und sich zwei Gurte umzuschnallen, erklärt der Vertreter von Activit, der Firma, die diese Geräte verkauft. Dann beginnt der lustige Apparat von selbst, an den Gurten zu rütteln. Das hält fit, stärkt Körper und Geist und lässt die Pfunde purzeln, wird der Vertreter nicht müde zu betonen. All-in-one sozusagen, ohne den lästigen Gang ins Fitnessstudio. So lässt sich auch Zeit sparen. Praktisch, denke ich mir. Vielleicht komme sogar ich ja dann auch wieder dazu, mich fit zu halten.

Meine Augen suchen den Raum nach dem Hauptredner des Abends ab, Prof. Dr. Lothar Seiwert. Ich bin mit ihm vor Beginn des Seminars zu einem kurzen Interview verabredet. Das ist der Vorteil meines Journalisten- und Filmemacherdaseins: Ab und zu bekommt man eine kleine Sonderbehandlung. Da ich Seiwert nicht gleich finde, schaue ich mir, während ich mich an einer Kaffeetasse festhalte, weiter das Treiben der anderen »Erfolgsmanager« in meiner Nähe an. Es herrscht eine seltsam aufgeregte und aufgedrehte Stimmung. Und es ist eine ebenso seltsame Mischung von Leuten. Wie Topmanager sehen die allerdings nicht aus. Eher wie Sachbearbeiter bei der Sparkasse Rheda-Wiedenbrück oder Versicherungsvertreter. Jedenfalls ziemlich weit weg von meiner Lebenswirklichkeit.

Ist das hier vielleicht so was wie ein repräsentativer Querschnitt der Bevölkerung? Ich weiß es nicht. Man vertut sich ja immer und denkt, dass die meisten anderen Menschen ähnlich sind, fühlen und denken wie man selbst oder das eigene Umfeld. Die Leute hier reißen den Verkäufern die Ratgeber praktisch aus den Händen, als fänden sie darin Exklusivwissen, das nur für sie und für niemand anderen bestimmt wäre. Und einige scheinen, im Gegensatz zu mir, nicht zum ersten Mal auf einer solchen Veranstaltung zu sein. Ich erspähe Lothar Seiwert, den Zeitmanagementpapst, auf der Bühne. Er bereitet gerade seine PowerPoint-Präsentation und verschiedene Tricks vor, die er während seines Vortrags vorführen wird, und macht den Sound- und Lichtcheck. Wir verabreden uns zu einem kurzen Interview in seinem Hotelzimmer.

Als er mir eine halbe Stunde später die Zimmertür öffnet, hat er sich bereits für seinen Auftritt zurechtgemacht. Es ist ein, na, sagen wir mal, ungewöhnlicher Anblick. Vor mir steht ein älterer Mann Ende fünfzig mit Föhnfrisur, der ein rosafarbenes Hemd mit weißem Kragen und einen Frack mit Weste in Nadelstreifen trägt. Sein Outfit erinnert mich an die barocke Garderobe eines Thomas Gottschalk bei »Wetten, dass …?« und kommt mir doch overdressed vor. Seiwert empfängt mich mit professioneller Freundlichkeit.

Ich muss gar nicht lange fragen. Sobald ich sitze, beginnt Seiwert seine Geschichte herunterzuspulen. Man merkt ihm an, dass er das nicht zum ersten Mal tut. Die Betonungen wirken ein wenig einstudiert. Schließlich ist er schon seit über dreißig Jahren im Geschäft. Er hat als Managementtrainer in einem internationalen Konzern angefangen, war dann einige Jahre in einer Unternehmensberatung und schließlich zwölf Jahre im Hochschuldienst tätig. Nebenbei hat er freiberuflich Seminare, Trainings und Coachings gegeben. Seit fast zwanzig Jahren konzentriert er sich darauf und auf das Schreiben von Ratgebern.

Sein Spezialgebiet und Lebensthema ist in diesen Jahren das Zeitmanagement geworden. Rein zufällig, wie er sagt. »Zufall heißt, es fällt dir zu, weil es jetzt fällig ist«, sagt er und macht ein erwartungsvolles Gesicht, als ob er von mir eine besondere Reaktion auf diesen Spruch erwarte. Da ich nicht weiß, welche, reagiere ich gar nicht. Es ist einer von diesen typischen Seiwert-Sätzen, von denen ich im Laufe des Abends noch zahlreiche weitere hören werde. Zuerst sei ihm das Thema »Zeitmanagement« eher aufs Auge gedrückt worden. Heute glaubt er, dass das Schicksal seine Hand dabei im Spiel hatte. Heute sei es seine Lebensmission.

»Mein großes Thema und meine Lebensaufgabe ist es, Menschen zu inspirieren, ihr eigener Lebensunternehmer zu sein, der Kapitän oder die Kapitänin ihres eigenen Lebensschiffes zu werden, weil heute der erste Tag vom Rest unseres Lebens beginnt, den wir mit einem neuen Zeitbewusstsein beginnen können.« Wieder so ein druckreifer Satz, den Seiwert ganz bewusst im Leise-laut-Rhythmus betont. In der heutigen Zeit, in der wir in einer Highspeed-Gesellschaft lebten, sei es wichtig, schneller zu sein als der Wettbewerber. Auf der anderen Seite aber sei es fast genauso wichtig herunterzuschalten, zur Ruhe zu kommen, um sich auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu besinnen. Also sowohl als auch, meint er. Taoistisch gesehen.

Seiwert versteht sich nicht als Kritiker der Highspeed-Gesellschaft. Im Gegenteil. »Was den internationalen Wettbewerb angeht, so müssen wir schon zulegen«, erklärt er mir. »In unserer Produktivität, Effektivität, Geschwindigkeit. Aber damit wir das auch können, müssen wir wie ein Formel-eins-Rennfahrer auch Boxenstopps einlegen. Bernie Ecclestone hat mal zu einem Fahrer gesagt: ›Go slow and win the race.‹ Diese Devise gilt auch hier. Also, um schneller werden zu können, muss ich auch langsamer sein.« Mir fällt auf, wie häufig Seiwert Vergleiche aus der Welt des Motorsports bemüht.

Warum die Leute kämen, um ihn live zu sehen, will ich wissen. Sie könnten doch auch einfach einen Ratgeber von ihm kaufen oder eine CD. Das habe sicherlich mit seiner Bekanntheit durch die Bücher zu tun. Aber ein Buch, eine CD, eine DVD kämen eben nicht ans Live-Erlebnis heran. Ihm selbst ginge es ja auch so, wenn er Musikkonzerte besuche – dass man das Original gern live hören möchte. Das zusammen mit anderen zu erleben sei durch nichts zu übertreffen.

Und was nehmen die Leute mit? »Mindestens drei Dinge. Natürlich mich persönlich erlebt zu haben, dann nehmen sie sicherlich Impulse bezüglich Techniken, Tipps und Tricks mit. Aber das Entscheidende ist, dass sie einen gefühlsmäßigen Eindruck, ein Erlebnis mitnehmen, das sie hoffentlich auch ein Stück berührt, in ihrem Inneren, wo es vielleicht Klick gemacht hat und ich sie auf eine Weise erreicht habe, wie es über Medien nicht gelingen kann.«

Ein solches Zeitmanagementseminar muss ja eine unglaublich tolle Wirkung auf die Teilnehmer haben, denke ich mir, und hoffe insgeheim, dass sich nach dem heutigen Abend auch in meinem Leben Wesentliches ändert – oder, wie er es nennt, dass heute der erste Tag meines Lebens mit einem neuen Zeitgefühl sein wird.

Seiwert muss in zehn Minuten auf die Bühne. Das Interview müsse er jetzt leider beenden. Aber ich könne ihm gern noch bei der mentalen Vorbereitung auf den Auftritt zusehen. Ist mir zwar erst mal ein bisschen unangenehm, dem Zeitmanagementguru in diesem kleinen Hotelzimmer bei was auch immer zuzusehen. Aber die Neugier überwiegt dann doch. Schließlich bin ich ja hier, um etwas zu lernen. Seiwert setzt sich in den Sessel, lehnt sich zurück und schließt die Augen. Ich weiß nicht so recht, wohin ich schauen soll. Die Situation ist mir irgendwie peinlich. Dann nimmt Seiwert eine Pose ein, die ich sonst nur bei Leuten kenne, die meditieren. Der wird das doch jetzt nicht tun? Meditation bekomme ich in meinem Kopf irgendwie nicht so recht mit einem Mann in diesem Outfit zusammen.