Spektrum - Sergej Lukianenko - E-Book

Spektrum E-Book

Sergej Lukianenko

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Beschreibung

Tore zu anderen Welten

Dank außerirdischer Portale können die Menschen von Planet zu Planet reisen - was auch die Arbeit der Detektive schwieriger macht, denn vermisste Personen können buchstäblich überall im Universum sein. Martin Dugin ist Privatdetektiv und soll eine junge Frau finden, die von der Erde verschwunden ist. Was zunächst wie der simple Fall einer Ausreißerin wirkt entpuppt sich schnell als Intrigenspiel galaktischen Ausmaßes ...


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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 910




Sergej Lukianenko

SPEKTRUM

Roman

Aus dem Russischen von Christiane Pöhlmann

Deutsche Erstausgabe

Copyright

Deutsche Erstausgabe 3/07

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Copyright © 2002 by S. W. Lukianenko

Copyright © 2007 der deutschen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

ISBN: 978-3-89480-415-2

http:www.heyne.de

Erster Teil: RotPrologEinsZwei Drei Vier Fünf Zweiter Teil: Orange Prolog Eins Zwei Drei Vier Fünf Dritter Teil: Gelb Prolog Eins Zwei Drei Vier Fünf Vierter Teil: Grün Prolog Eins Zwei Drei Vier Fünf Fünfter Teil: Blau Prolog Eins Zwei Drei Vier Fünf Sechster Teil: Indigo Prolog Eins Zwei Drei Vier Fünf Siebter Teil: Violett Prolog Eins Zwei Drei Vier Fünf Epilog: Weib Das BuchDer AutorCopyright

Der Autor

Sergej Lukianenko, 1968 in Kasachstan geboren, studierte in Alma-Ata Medizin, war als Psychiater tätig und lebt nun als freier Schriftsteller in Moskau. Mit seiner »Wächter«-Serie – »Wächter der Nacht«, »Wächter des Tages«, »Wächter des Zwielichts« und »Wächter der Ewigkeit« – wurde er zum erfolgreichsten russischen Fantasy- und Science-Fiction-Autor der Gegenwart. Als Drehbuchautor war er außerdem an den Verfilmungen von »Wächter der Nacht« und »Wächter des Tages« beteiligt.

Erster Teil: Rot

Prolog

Jeder empfindet seit den Tagen Alexander Sergejewitsch Puschkins den Besuch bei seinen alten Verwandten nicht nur als eine unerlässliche Pflicht, sondern sieht darin auch ein Gebot für einen wohlerzogenen Menschen, und Martin hegte nicht die Absicht, selbiges zu ignorieren. Indes bewegte ihn nicht allein Höflichkeit, nein, er freute sich aufrichtig darauf, seinen Onkel wiederzusehen, mit ihm in der Küche bei einer Tasse Kaffee zusammenzusitzen und über ein belangloses, unwichtiges Thema zu plaudern oder – ganz im Gegenteil – mit ihm jene philosophischen Probleme zu erörtern, deren Lösung die Menschheit bislang noch nicht zu finden vermocht hatte. Zudem bestachen diese regelmäßigen Besuche durch eine weitere kleine menschliche Freude: Inzwischen sprach man Martin bei manch geselligem Beisammensein mit dem Vatersnamen an, was ihm gründlich zuwider war. Wie sollte sich ein Russe aber auch für eine dermaßen unglückliche Kombination wie Martin Igorjewitsch erwärmen können? Sein Onkel hingegen nannte ihn nie beim Vatersnamen und beabsichtigte dies gewiss auch in Zukunft nicht zu tun. In gehobener Stimmung nannte er Martin liebevoll Mart, in schlechter – die bei ihm freilich nur selten anzutreffen war – griff er gallig zu Eden. Vor gut dreißig Jahren musste es zwischen dem Onkel und dem Vater Martins einen erbitterten Familienzwist um den Vornamen gegeben haben. Der Onkel selbst, obzwar ein eingefleischter Junggeselle, der auf alle Fragen nach Kindern barsch »Da versteh ich nichts von« antwortete, hielt es für geboten, allumfassend am Leben seines Lieblingsneffen teilzuhaben. Auf diesem Schlachtfeld hatte er letzten Endes nur einen Kampf verloren, nämlich den um den Namen. In allen übrigen Fragen vermochte er sich durchzusetzen. Mitunter fühlte Martin sich ihm deswegen von ganzem Herzen zu Dank verpflichtet, zum Beispiel, wenn er daran dachte, wie der Onkel sämtliche Pläne durchkreuzt hatte, ihn von klein auf Klavierstunden nehmen zu lassen, oder wie er für ihn eine Lanze gebrochen hatte, damit seine Eltern einem mehrtägigen Ausflug oder einem Trip per Anhalter mit Freunden nach Petersburg zustimmten. Alle Versuche seitens seiner Eltern, einen Disput vom Zaun zu brechen, hatte der Onkel mit einem finsteren Blick und der Frage quittiert: »Wollt ihr einen Mann oder einen Schlagersänger aus ihm machen?« Schlager verachtete sein Onkel abgrundtief, von allen Sängern ließ er einzig Kobson und Leontjew gelten, und auch die nur mit dem entschuldigenden Zusatz: »Wegen der Stimme und des Charakters.«

Bei aller Strenge des Charakters ließ der Onkel jedoch auch kleine menschliche Schwächen erkennen, welche insbesondere in den letzten zehn Jahren, da auf der gesamten Erde das Leben Kapriolen schlug, ins Auge sprangen. In ihm erwachten bislang schlummernde kulinarische Neigungen, und während er zuvor eine ganze Woche von Rührei und billigem Bier leben konnte, brachte er nunmehr halbe Tage am Herd zu, und abends lud er sich Freunde ein oder ging selbst zu Freunden. Martin genoss diese Schwäche, aufgrund derer sich die Besuche noch angenehmer gestalteten. Für den heutigen Abend suchte Martin, nachdem er seinen Onkel angerufen und in Erfahrung gebracht hatte, dass dieser zum Abendessen eine Ente Vajdahunyad auftische, ein Geschäft nahe der Metro auf, um dort kritisch den Wein auszuwählen. Selbstverständlich musste zu diesem Mahl ungarischer Rebensaft kredenzt werden. Mochten Ästheten und Patrioten spöttisch lächeln, sobald sie etwas von »ungarischem Wein« hörten, mochten die einen auf den süßlichen Sauternes und den herben Wein aus Tavel schwören, die anderen darüber streiten, wie viele Puttonyos aus Tokaj im Wein aus Massandra oder im ungarischen Tokajer verarbeitet waren. Martin hingegen vertrat seit geraumer Zeit die Überzeugung, jedes Essen verlange nach einem speziellen, der Geographie und Geschichte geschuldetem Akkompagnement. Zu Kartoffeln und leicht gesalzenen Heringen kann man sich nichts Besseres als russischen Wodka einfallen lassen, zu Basturma, diesen pikanten Fleischspießen, passt vollmundiger armenischer Kognak (obgleich die großherzige kaukasische Seele auch Wodka dazu gestattet), zarte Austern komplementiert leichter, gekühlter Weißwein aus Frankreich, zu fettigen und schwer im Magen liegenden Würstchen gehört tschechisches oder bayerisches Bier.

Insofern schwankte Martin bei der Wahl des Weins nicht. Er stellte sich in der kleinen Schlange an – vor ihm palaverten nur zwei nörgelige Rentnerinnen, die umständlich ein Stückchen spanischen Jamóns auswählten, »möglichst kräftigen«, und es geschnitten haben wollten, und zwar recht dünn – und wandte sich dann an die junge, müde Verkäuferin. Er kaufte je eine Flasche Weißwein vom Balaton und Rotwein aus Eger und plauderte, da hinter ihm niemand drängte, ein Weilchen mit der Frau. Sie machte einen netten und klugen Eindruck, studierte und jobbte abends in diesem Geschäft, damit sie im Sommer eine Reise durch Europa machen konnte. Binnen einer Minute erfasste Martin mit untrüglichem Instinkt, dass die junge Frau sich zwar angeregt mit ihm unterhielt, auch an einer Fortsetzung des Gesprächs Gefallen fände, an einer weiteren Bekanntschaft jedoch nicht interessiert war, da sie bereits einen trefflichen und treuen Freund hatte. Somit blieb ihm nichts anderes übrig, als ihr einen Gruß zu entbieten und zu gehen, leise mit den Flaschen klirrend, die in Wellpappe eingeschlagen waren und in einer soliden Plastiktüte steckten.

Draußen war es angenehm. Über Moskau hatte sich der Abend gelegt, der erste richtige laue Sommerabend nach einem langen kühlen Winter. Dass es sich obendrein um einen Freitagabend handelte, steigerte sein Wohlbefinden zusätzlich. Der Strom der Autos, in denen die der Datscha entgegenfiebernden Stadtbewohner saßen, war verebbt. Stille senkte sich herab. Einige Jugendliche, übers Wochenende in der Stadt geblieben, sausten mit ihren Rollern über die Gehsteige, im Park an der Metro baute gerade eine kleine Jazzband ihre Instrumente auf, während die ersten Rentner bereits auf den Bänken Platz nahmen, um der Musik zu lauschen, einen kleinen Schwatz zu halten und zu tanzen. Das alte achtstöckige Haus, in dem Martins Onkel wohnte, lag in der Nähe, weshalb Martin nicht den Fußweg zu nehmen brauchte, sondern quer durch den alten verwilderten Garten schlendern konnte. Beinah hätte er dabei ein verliebtes Pärchen aufgeschreckt, das sich auf einer Bank umarmte. Zum Glück hörte er das heiße Flüstern jedoch noch rechtzeitig, um sodann mucksmäuschenstill an ihnen vorbeizuschleichen, die Tüte mit den Flaschen an sich gepresst, damit sie nicht schepperten.

Punktgenau zur vereinbarten Zeit traf Martin ein. Sein Onkel öffnete ihm die Tür mit wenigen brummigen Lauten, die als Begrüßung herhalten mussten, und stürzte wieder in die Küche, um die Ente aus dem Ofen zu nehmen. In treuer Gewohnheit schlüpfte Martin in die Gästepantoffeln in Einheitsgröße und ging ins Wohnzimmer. Sein Onkel lebte in aller Bescheidenheit in einer winzigen Zweizimmerwohnung, trug sich jedoch nicht mit Umzugsplänen, was er damit begründete, dass es mit seinen siebenundsechzig Jahren noch zu früh sei, um an den Friedhof zu denken, aber schon zu spät, um ein neues Heim zu suchen. Im Schlafzimmer, das auch als Arbeitszimmer diente, reihten sich entlang der Wände uralte Bücherregale, in denen sich nicht minder alte Bücher fanden, wohingegen das Wohnzimmer modern daherkam, stellenweise sogar mit einem modischen High-Tech-Stil aufwartete, mit zahlreichen Regalen aus vernickelten Röhren und Panzerglas, einer raffinierten Apparatur, die Bilder und Töne produzierte, sowie den effektheischenden französischen Waterfall-Standlautsprechern aus Glas, die Experten wegen des Fehlens von Nebengeräuschen im Gehäuse schätzten. Während Martin auf seinen Onkel wartete, stöberte er in den CDs, wählte Beethoven in der Interpretation von Emil Gilels, legte das Jackett ab und machte es sich am Tisch bequem.

Sein Onkel ließ nicht lange auf sich warten. Schon in der nächsten Minute erschien er mit einer prächtigen, auf einem metallenen Tablett thronenden Ente im Wohnzimmer, die zischelte, köstlich duftete und sich gegen Krautwickel im Miniaturformat schmiegte, die sich ihrerseits ein Bad im Entenfett gönnten. Beim Anblick der Ente raffte Martin sich auf, öffnete die Flasche, schalt sich dafür, nicht eher gekommen zu sein, empfahl es sich doch, Wein eine halbe Stunde atmen zu lassen, damit er sich vom Geruch des Korkens befreite und sein ganzes Bouquet entfaltete. Der Onkel zollte dem Wein indes auch so Beifall. Hernach überließen sie sich ganz den kulinarischen Genüssen, in selbige nur beiläufig Bemerkungen einflechtend, welche, wiewohl wenig fundiert, für einander nahestehende Menschen ein gewisses Interesse bargen. Über Martins Eltern, die nun bereits den zweiten Monat an den sonnigen Stränden Kubas zubrachten, über Martins jüngeren Bruder, diesen Hallodri, der – kaum ein Studium abgeschlossen – bereits das nächste aufgenommen hatte, mit der Begründung, der Beruf eines Juristen habe ihn enttäuscht, wohingegen er ihren eingeschworenen Feinden, den Journalisten, nunmehr eine mit Worten nicht zu fassende Sympathie entgegenbrächte. Auch über den Onkel sprachen die beiden, über seine kranke Leber, der das heutige Mahl ganz gewiss nicht behagen würde. Über die Mühsal mit der Neuberechnung der Rente, die den seit der onkelschen Kindheit gehegten Plan, einmal nach Madagaskar zu fahren, vorerst zunichte machte. Voller Genugtuung registrierte Martin im Laufe des Gesprächs, dass der Onkel seinen munteren Geist nicht eingebüßt hatte, auf sich achtete, ja, es sich sogar angelegen sein ließ, zum heutigen Abendessen eine Krawatte zu tragen, was bei einem Junggesellen einer Heldentat gleichkam. Schließlich pirschte sich Martins Onkel an seinen Neffen heran, um diesen zu dessen Arbeit zu befragen, sehr behutsam und taktvoll, in der Hoffnung, ihn zu überrumpeln und somit zum Sprechen zu bewegen. Martin zeigte sich indes auf der Hut, flüchtete sich in allgemeine Phrasen, antwortete weder mit ja noch mit nein, fiel nicht auf übermäßiges Lob oder Anspielungen herein, weshalb sein Onkel nach einer Weile zerknirscht aufgab und sich einzig auf die Ente konzentrierte.

In dem Moment ließ sich von draußen ein leises, die Pathétique dennoch überlagerndes Dröhnen vernehmen. Tief über den Häusern strich im Landeanflug eine fliegende Untertasse dahin. Begeistert jubelten Kinder. Bei einem Auto sprang die Alarmanlage an, worauf eine halbe Minute lang ein ohrenbetäubendes Trillern losheulte.

So banal dieser Vorfall auch sein mochte, zog er doch umgehend einen Wechsel des Gesprächsthemas nach sich. Das Tischgespräch kreiste nun um ernsthaftere, den Staat betreffende Dinge. Der Onkel erläuterte seinen Standpunkt zu Außerirdischen, den Martin, wiewohl er ihn seit Langem kannte, regelmäßig zu hören kriegte.

Zu behaupten, Martin scheue dieses Thema, träfe die Sache nicht. Er hatte einfach seine eigene Meinung dazu und nicht die Absicht, sich mit seinem Onkel zu streiten. Insofern igelte er sich den Rest des Abends ein, lauschte dem Monolog des Onkels und verspürte, als er sich endlich zum Aufbruch durchrang, sogar eine gewisse Erleichterung. Zupass kam ihm dabei der triftige Grund, den er vorweisen konnte: Morgen brach er zu einer ›Geschäftsreise‹ auf, von der er nicht einmal ahnte, wie lange sie dauern würde.

Eins

Der Regen erreichte Martin auf der Spitze des Hügels. So tief, wie die Wolken hingen, vermeinte er, er bräuchte lediglich hochzuspringen und könnte sich sodann mit der Hand etwas von der feuchten grauen Watte klauben. Die ersten Regentropfen klatschten, kleine Staubfontänen aufwirbelnd, auf den Pfad. Einen Moment lang verstummte alles – dann zog der Regen wie eine undurchdringliche Mauer heran.

Unverzüglich verwandelte sich der Pfad in eine jener Rinnen, wie man sie aus Aquaparks kennt. Schmutzig schäumten die Pfützen auf. Kaltes Wasser plätscherte über seine Füße, die Wolken brauten sich immer tiefer zusammen – und Martin fand sich endgültig im Regen wieder, im grauen Dunst, im Herzen eines tosenden Gewitters. Stockfinster wurde es. Die ersten Minuten hielt das wasserfeste Material seiner Jacke noch stand, dann drang die Nässe bis auf die Haut durch. Die Hosen klebten ihm an den Beinen, über die Zunge seiner Schuhe flutete Wasser in die Schuhe.

Er marschierte weiter, den Regen verfluchend, der an dreihundert Tagen im Jahr fiel, und auch das Dickicht pikender Gebüsche, die den Pfad zwangen, sich entgegen dem gesunden Menschenverstand über den Hügel zu schlängeln, seine Arbeit sowie sich selbst. Der Pfad weichte unter seinen Schritten auf, was es ihm zunehmend erschwerte, das Gleichgewicht zu halten. Schon ging Martin nicht mehr, sondern schlitterte, balancierte und drohte doch, jeden Moment hinzufallen. Der Karabiner verschmolz mit seinem Rücken, wurde merklich schwerer, bei jedem Schritt hafteten sich ein paar Pfund Dreck an seine Sohlen. Selbst in seinem Innern schien sich alles aufzulösen: Es schwabbelte in seiner Nase, gluckerte in seiner Kehle, die Muskeln erschlafften zu feuchter Watte, sogar seine Gedanken verwässerten, flossen ihm davon.

Über alles hätte sich Martin jetzt gefreut, über ein aus dem Gebüsch herausspringendes wildes Tier, über Blitzschlag und Donnergrollen, ja, selbst über ein unvermutetes Hindernis, das ihn zwang zu rennen, etwas zu erklimmen, zu springen oder zu kriechen. In dem grauen Regen gab es indes nichts außer blubberndem Morast, feuchten pikenden Zweigen und dichtem grauen Nebel. So blieb ihm nichts übrig als weiterzugehen, in monotonem Schritt und ohne innezuhalten, eins geworden mit dem anhaltenden Wolkenbruch.

Das zarte Licht über der Station sah er, kaum dass er die Kuppe des Hügels überwunden hatte. Vielleicht hatte sich ein Sonnenschimmer in den Regen gestohlen, vielleicht hingen die Wolken nicht mehr so tief, denn durch die schrägen grauen Regenstrahlen hindurch blinkte vor ihm nun der Leuchtturm. Ein roter Blitz, ein grüner Blitz, eine Pause, bei der es sich jedoch eigentlich um einen Lichtblitz im ultravioletten Bereich handelte. Hernach folgte grellweißes Licht, blendend und betörend wie ein Lichtbogen. Martin beschleunigte den Schritt. Trotz allem war er nicht vom Weg abgekommen.

Eine Stunde später erreichte er die Station. Das aus Steinblöcken errichtete zweigeschossige Haus nahm sich in dieser Gegend aus Hügeln und Sümpfen keinesfalls fremd aus. Die mit schweren purpurroten Gardinen verhangenen Fenster schienen lediglich bedachtsam gesetzte Farbflecken zu sein, die den grauen Hintergrund nur umso stärker hervortreten ließen. Das Leuchtfeuer an der Spitze des hohen Steinturms schickte sein Licht in großer Höhe aus. Er erinnerte an ein Minarett oder an einen kleinen Leuchtturm für Schiffe irgendwo am Ende der Welt.

Auf der Veranda saß, den Blick fest auf den sich nähernden Martin gerichtet, in einem Schaukelstuhl aus Korb der Leuchtturmwärter und hiesige Muezzin in einer Person, ein mit glänzendem schwarzen Fell bewachsenes Wesen von anderthalb Metern Größe. Das Kopffell unterschied sich in keiner Weise von dem Fell, das seinen Körper bedeckte, sondern wuchs um die großen traurigen Augen und den dicklippigen Mund herum bloß spärlicher und kürzer. Bekleidet war das Wesen nur mit knielangen Shorts.

»Sei gegrüßt, Schließer«, meinte Martin, wobei er vor der zum Haus hinaufführenden Treppe, die aus drei flacheren Stufen bestand, stehen blieb.

»Sei gegrüßt, Wanderer«, entgegnete der Schließer, indem er die Pfeife aus dem Mund nahm. Er hatte eine angenehme tiefe Stimme, die, wiewohl männlich, einer gewissen weiblichen Weichheit und Zärtlichkeit nicht entbehrte. Zudem färbte sie ein leichter Akzent, der indes so flüchtig war, dass er schon nach wenigen Sekunden nicht mehr im Ohr schmerzte. »Tritt ein und ruh dich aus.«

Nun durfte Martin die Treppe hinaufsteigen. Als er die Sohlen an den Kanten der Stufen abrieb, fielen Klumpen schweren matschigen Drecks von den Schuhen. Sodann betrat er die Veranda. Neben dem Schließer stand ein weiterer Sessel, auf dem Tisch warteten eine Karaffe mit fahlgelbem Wein und zwei Gläser. Das durfte als indirekte Einladung verstanden werden, zumal die Schließer niemals auf ein sofortiges Gespräch drangen.

»Ich möchte nach Hause«, sagte Martin, während er im Sessel Platz nahm. »So schnell wie möglich.«

Der Schließer nahm einen Zug aus seiner Pfeife. Sogar der Geruch des Tabaks dünkte Martin heimelig, irdisch. Aus irgendeinem Grund hatten sich die Schließer zuallererst die menschlichen Laster angeeignet. Sie mochten Wein, und allein die Idee, Tabak zu rauchen, hatte sie verzückt.

»Einsam ist es hier und traurig«, bemerkte der Schließer. Die rituelle Floskel klang erstaunlich aufrichtig, vermochte man sich doch nur mit Mühe einen Ort vorzustellen, der einsamer und trauriger als dieser graue, kalte Sumpfplanet gewesen wäre. »Sprich mit mir, Wanderer.«

»Vor zwei Tagen bin ich auf diese Welt gekommen«, hob Martin an, als habe der Schließer ihre erste Begegnung bereits vergessen. Doch hatte ihn damals wirklich derselbe Schließer empfangen? »Ich kam nicht, weil mich nach neuen Eindrücken oder Abenteuern dürstete. Ein Mensch, der auf dem Planeten Erde lebt, hat ein schreckliches, ein sinnloses Verbrechen begangen. Im betrunkenen Zustand hat er sich alldem überlassen, was in seiner Seele schlecht ist. Ich weiß nicht, ob er schon lange auf seine Frau eifersüchtig war, und ich weiß nicht, ob er Grund dazu hatte … Doch an jenem Abend mündete ihr Streit in eine Tragödie. Er hat seine Frau getötet. Von seiner eigenen Tat entsetzt, flüchtete er sich anschließend durch das Große Tor.«

In seinem Schaukelstuhl wippend nickte der Schließer.

»Die Verwandten der armen Frau haben beschlossen, den Mörder zu bestrafen«, fuhr Martin nach einer Pause fort. »Sie haben mich angeheuert und gebeten, ihn zu finden. Zu finden und zurückzubringen. Ich bin ihm gefolgt und dabei auf diese Welt gelangt …«

»Im Universum gibt es sehr viele Welten«, bemerkte der Schließer, während er seine Pfeife ausklopfte. »Und auf vielen Welten können Menschen leben. Wie vermochtest du in Erfahrung zu bringen, welchen Weg er eingeschlagen hat?«

»Das war schwierig«, gestand Martin. »Ich musste mir ein genaues Bild von dem Menschen machen, mich in ihn hineinversetzen, seine Träume und Ängste durchleben, denken wie er. Menschen wählen ihren Weg häufig nicht bewusst. Bisweilen verlockt sie ein schöner Ortsname, eine ungewöhnliche Kombination von Lauten, ein innerer Impuls … Mitunter irre ich mich, doch in diesem Fall war mir das Glück bereits beim ersten Versuch hold.«

Mit einem Nicken nahm der Schließer die Erklärung zur Kenntnis.

»Ich habe den Flüchtling gefunden«, berichtete Martin weiter. »Da er jedoch mit der Verfolgung gerechnet hatte, konnte ich ihn nicht zur Umkehr zwingen. Manchmal hilft ein Gespräch, nach dem ein Mensch sich dazu durchringt, zurückzukehren und die Strafe auf sich zu nehmen, die in unserer Welt vorgesehen ist. Doch dieser Mann wollte nicht umkehren. Seine Reue war groß, größer indes war seine Furcht. Deshalb habe ich den Flüchtling umgebracht. Hier ist sein Jeton.«

Martin holte einen durchscheinenden Jeton aus seiner Tasche, der an einer feinen Kette baumelte. Im Plastikrund schimmerte ein winziger Mikrochip.

»Jetzt kehre ich nach Hause zurück, um den Verwandten der ermordeten Frau zu berichten, dass sie gerächt ist«, schloss Martin. »Die Behörden unserer Welt werde ich über den Vorfall nicht unterrichten. Das, was jenseits der Großen Tore geschehen ist, geht sie nichts an.«

Der Schließer machte sich daran, seine Pfeife zu stopfen. Seine haarlosen Fingerspitzen zeigten dieselbe schimmernde schwarze Haut, wie sie auch Affen eignet. Man musste genau hinsehen, um zu erkennen, dass es sich hier nicht um Haut, sondern um winzige Schuppen handelte.

»Einsam ist es hier und traurig«, brummte er. »Ich habe schon viele solche Geschichten gehört, Wanderer.«

Martin schwieg kurz, um dann einen weiteren Jeton aus seiner Tasche zu kramen. »Ich bin der Fährte des Flüchtlings gefolgt«, fuhr er fort. »Diese Welt hat mich mit Regen empfangen, doch kein Schauer vermag alle Spuren zu tilgen. Insofern wusste ich, dass ich auf dem richtigen Weg war, als ich die Spur der ersten Rast fand. Später entdeckte ich von einer Hügelspitze aus Menschen. Zwei Menschen, der eine war hinter dem anderen zurück, aber im Begriff, ihn einzuholen. Da, wie ich erkannte, ihre Begegnung kein gutes Ende nehmen würde, sputete ich mich. Dennoch kam ich zu spät. Schon bald stieß ich direkt am Weg auf die Leiche eines jungen Mannes, ja, fast noch eines Kindes, der vielleicht sechzehn oder siebzehn Jahre gewesen sein mochte. Der Flüchtling hatte ihn nahe genug an sich herankommen lassen – und ihn dann erschossen.«

»Weshalb das?«, wollte der Schließer wissen. »Hat er Gefallen am Töten gefunden?«

»Nein. Die Angst hat den Flüchtenden dazu gebracht, den Abzug zu drücken. Er hat mit einer Verfolgung gerechnet, hat befürchtet, ein Jäger habe seine Spur aufgenommen. Deswegen hat er gar nicht versucht herauszubekommen, was der andere wollte. Nicht einmal gefragt hat er sich, ob ein solcher Grünschnabel überhaupt schon ein Jäger sein könne. Rache ist unfruchtbar, Schließer, Rache lässt die Toten nicht aus dem Grab steigen und beschert der Welt nichts Gutes. Anfangs hegte ich bestimmt nicht die Absicht, den Flüchtling zu töten. Doch dann stand ich neben der Leiche dieses Jungen, der das Große Tor durchschritten und seinen Tod unter einem fremden Himmel in einem fremden Regen gefunden hatte. Was hatte er fern der Erde gesucht? Reichtum? Ruhm? Liebe? Oder schlicht Abenteuer? Ich weiß es nicht. Womit konnte er für den Durchlass bezahlt haben? Warum war er so naiv, warum hat er nicht begriffen, dass das Gefährlichste in jeder fremden Welt der Mensch ist? Ich weiß es nicht. Doch den Flüchtling, das ist mir damit klar geworden, durfte ich nicht entkommen lassen. Einst lebten auch in seiner Seele Liebe und Güte. Nun herrschte dort allein die Angst. Wenn es möglich gewesen wäre, die Angst zu töten, hätte er nie wieder die Hand gegen einen Menschen erhoben. Aber solange dieser Mensch lebte, hätte er nicht aufgehört, sich zu fürchten. Deshalb habe ich den Flüchtling getötet und ihm seinen Jeton abgenommen.«

In seinem Stuhl schaukelnd und Rauchwolken ausstoßend, ließ sich der Schließer die Worte durch den Kopf gehen. Nach einer Weile nahm er die Pfeife aus dem Mund. »Du hast meine Einsamkeit und meine Trauer vertrieben, Wanderer. Tritt durch das Große Tor und setze deinen Weg fort.«

Nunmehr durfte Martin sich in den ersten Stock begeben, eines der für Menschen bestimmten Zimmer aufsuchen, ein heißes Bad nehmen und etwas essen. Freilich konnte er seinen Weg auch unverzüglich fortsetzen.

Martin nickte. Er schenkte sich ein Glas Wein ein. Die nächste Frage stellte er beiläufig, bemüht, sie möglichst wie eine rhetorische klingen zu lassen. »Was war am ersten Teil der Geschichte denn schlecht …«

Selbstverständlich antwortete der Schließer darauf nicht. Selbstverständlich hatte Martin das auch gar nicht erwartet. Mit einem Schluck trank er seinen Wein aus und erhob sich. »Vielen Dank für die Lektion, Schließer. Leb wohl.«

»Bist du in der Stadt gewesen, Wanderer?«

»Nein. Aus der Ferne habe ich die Lichter zwar gesehen, wollte aber keine Zeit verlieren.«

»Es ist eine große Stadt«, erklärte der Schließer. »Die größte Stadt auf Schlund. Dort leben dreitausend Menschen und fast zehntausend Nichtmenschen. Die Stadt liegt am Ufer eines kleinen Meers, die Bewohner sammeln Algen. Ein aus ihnen gewonnener Sud wird auf vielen Welten geschätzt, denn er verlängert das Leben und schärft das Wahrnehmungsvermögen. In der Stadt trinken alle diesen Aufguss, vom Bürgermeister bis zum Ärmsten der Armen, doch in anderen Welten können ihn sich nur die Reichen und Mächtigen leisten. Das ist meine Geschichte, möge sie deine Trauer vertreiben.«

»Ich danke dir, Schließer«, sagte Martin und ging zur Tür. Bevor er ins Haus trat, wandte er sich, seiner Neugier unterliegend, noch einmal um. Nach wie vor wippte der Schließer in seinem Schaukelstuhl. Ein kurzer dreieckiger Schwanz lugte aus einem in die Lehne geschnittenen Loch heraus.

Letzten Endes gehörten die Schließer eben doch zu den Reptilien. Mochten sie auch mit Fell bewachsen, mochten sie einem Affen noch so ähnlich sein.

Die Gänge der Station hüllten ihn in Wärme und Stille. Auf dem steinernen Fußboden lagen dicke Bastmatten, gegossene Bronzeleuchter spendeten ein seltsames, ein beunruhigendes Licht, dessen Spektrum nicht nur auf Menschen zugeschnitten war. Martin stieg in den ersten Stock hinauf und betrat eines der »Menschenzimmer«, das, wiewohl mit allzu wuchtigen Möbeln und verdächtig niedrigen Stühlen ausgestattet, recht gemütlich wirkte. Das Bad überraschte mit Luxus, einer tiefen runden Wanne und – in einer kleinen Kabine untergebracht – einer Art türkischer Sauna. Selbstredend diente all das nicht dem Vergnügen der Menschen; für irgendeine von den humanoiden Rassen waren Prozeduren mit warmem Wasser schlicht lebensnotwendig.

Und die Schließer kamen ihren Pflichten stets tadellos nach.

Martin zog sich aus, ließ Wasser in die Wanne, duschte sich und betrat die Saunakabine. In der Steinwand knatterte der Heizer, hinter der transparenten Tür schäumte das heiße Wasser, das sich in die Wanne ergoss. Mit auf die Brust herabgesunkenem Kopf saß Martin da, schloss die Augen und ließ seinen ganzen Körper nach und nach die Wärme aufsaugen. Der vermaledeite Regen hatte ihn stärker mitgenommen, als Martin zunächst vermutet hatte.

Wie lange er hier wohl hätte frische Kräfte schöpfen dürfen, wenn der Schließer keinen Gefallen an seiner Geschichte gefunden hätte?

Einen Tag? Zwei?

Irgendwann würde ihn sein Glück im Stich lassen. Dann würde ihn der betreffende Schließer, in seinem Schaukelstuhl wippend oder sich auf einer Bastmatte rekelnd, ein ums andere Mal bescheiden: »Einsam ist es hier und traurig, Wanderer.« Was die Schließer leitete, was sie das Entgelt für die Benutzung der Großen Tore annehmen oder zurückweisen ließ, blieb nach wie vor ein Rätsel. Sicher wusste man einzig, dass sie Geschichten ablehnten, die schöngeistigen Büchern, Filmen oder allgemein zugänglichen historischen Dokumenten entstammten, wohingegen sie Geschichten, die dem Erzähler selbst widerfahren oder ihm mündlich zugetragen worden waren, gern akzeptierten. Keine Geschichte eignete sich indes, den Durchlass zweimal zu erkaufen, selbst an unterschiedlichen Toren nicht, tauschten die Schließer ihre Informationen doch unverzüglich oder zumindest nahezu unverzüglich aus. Man konnte auch keine Geschichte »auf Vorrat« erzählen, sondern lediglich dann, wenn man ein Tor passieren wollte. Erfolg versprachen zudem ausgedachte Geschichten, obgleich die Schließer in diesem Fall dazu neigten, in Fragen des Stils und des Inhalts besonders pingelig zu sein. Tragische oder romantische Geschichten gefielen ihnen ungleich besser als idyllische oder Naturschilderungen. Nicht schlecht fuhr man mit humoristischen Erzählungen oder Kriminalgeschichten, rätselhaften und mysteriösen Darbietungen. Fast immer griffen biographische Fragmente, wobei Menschen zumeist alles vortragen mussten, was sich – und sei es von noch so geringer Bedeutung – in ihrem eigenen Leben zugetragen hatte, damit der Schließer sich zufrieden zeigte. Eventuell tappte man damit aber auch in eine raffinierte Falle, die es jedem Menschen ermöglichte, eines der Großen Tore zu benutzen. Freilich nur ein einziges Mal.

Welchen Preis hatte der Junge für den Durchlass entrichten können, der jetzt in fremder Erde zwanzig Kilometern vom Tor entfernt ruhte?

Die Geschichte seiner ersten und letzten Liebe? Vermutlich.

Martin wechselte von der Saunakabine in die Wanne über, wobei ihm das warme Wasser nun angenehm kühl vorkam. Nach kurzem Zögern langte er nach seiner Kleidung, um einen Jeton und seine Uhr herauszuholen. Er band sich die Uhr um und betrachtete einen ausgedehnten Moment lang den Jeton. Hernach drückte er einige Knöpfe an der Uhr und hielt sie gegen den Jeton.

Im Grunde verbot das russische Gesetz dergleichen. Nun ja, das stimmte nicht ganz: Für Privatpersonen war es verboten. Gleichwohl verkaufte man die Jetonscanner auf dem Schwarzmarkt, der Ordnung halber als Uhr oder Notebook getarnt.

Auf dem kleinen Schirm erschienen einige Zeilen. Eine Nummer, die Martin nichts sagte. Ein Name. Das Alter. Die Nummer des letzten durchquerten Tors.

Der Junge war Spanier und noch nicht einmal siebzehn Jahre alt gewesen.

Martin stopfte den Jeton in die Hosentasche zurück und streckte sich im warmen Wasser aus. Früher oder später würden die Behörden hinter den Trick mit den als Uhren getarnten Scannern kommen und die Codierung der Jetons ändern – oder auch nicht. Vielleicht gehörte die Zeit, in der man Schließern und ihrer Klientel misstraute, inzwischen der Vergangenheit an.

Martin kletterte aus der Wanne, ließ das Wasser ab und brauste die Wanne aus. Er rubbelte sich mit einem sauberen, geplätteten Handtuch ab, das er danach in einen Korb für Schmutzwäsche warf. Anschließend zog er sich an. Den Rucksack schulterte er noch nicht, sondern packte ihn an einem Riemen.

So ging er zum Tor.

Diese Station erfreute sich keiner sonderlichen Beliebtheit. Weder im Wohnblock noch an den drei automatischen Türen oder im Zentralbereich begegnete Martin jemandem. Ein kleiner runder Saal, das Herz der Station, wirkte ebenso asketisch wie der Rest. Der Computer auf einem hohen Pult schien das einzige Attribut moderner Technik zu sein. Letzten Endes handelte es sich dabei jedoch um das primitivste Detail des Systems, um nicht mehr als die Zündschnur an der Düse einer Rakete oder ein mechanisches Schloss an einer Computertastatur. Die Menschheit hatte sich, dies nebenbei bemerkt, an derlei Zwitter längst gewöhnt.

Martin wartete, bis sich die Tür hinter ihm schloss und hermetisch dicht war. Das Display leuchtete auf. Martin zog die Tastatur zu sich heran, fuhr mit dem Cursor eine schier endlos lange Liste entlang. Die meisten Namen blinkten grün, was hieß, dass diese Orte dem Menschen offen standen. Gelbes Licht gab Planeten an, auf denen der Mensch unter Lebensgefahr existieren konnte, nämlich nur mit einer Sauerstoffmaske, oder aber auf denen er als unerwünschter Gast rangierte. Ein rotes Licht markierte jene Welten, in denen der Mensch überhaupt nicht – will heißen, nicht ohne solide Schutzmaßnahmen oder mit Hilfe der Bevölkerung vor Ort – überdauern konnte. Welten mit zu starker Gravitation oder zu dünner Atmosphäre, Welten, in denen man Chlor atmete, Welten, in denen die Luft elektrisch aufgeladen und mit Magnetfeldern von unglaublicher Stärke gesättigt war, Welten, in denen die Materie nach anderen physikalischen Gesetzen existierte. In diesem Zusammenhang beschäftigte Martin vor allem die Frage, wen die Schließer in jenen Welten in den Stationen einsetzten. Oder sollten sie etwa auf die dortigen Bewohner vertrauen? Oder auf Automaten?

Beantworten konnten diese Frage freilich nur Schließer. Und die zogen es vor, zu fragen statt zu antworten.

Aus der Liste wählte Martin die Erde. Daraufhin öffnete sich ein zweites Menü, das die vierzehn Tore enthielt, die der Menschheit zur Verfügung standen. Martin entschied sich für Moskau. Er klickte »Eingabe« an. Eine letzte Warnung erschien, doch Martin bestätigte sein Vorhaben.

Das Display verdunkelte sich und schaltete sich aus.

Ansonsten änderte sich nichts.

Nichts, bis auf den Planeten, auf dem er sich befand.

Martin nahm seinen Rucksack vom Boden auf und ging zur Tür. Hinter ihm versank das Computerpult langsam im Boden, um einer reichlich archaischen Konstruktion Platz zu machen, die aus Hunderten von bunten Hebeln an drei kleinen Trommeln aus schwarz lackiertem Ebenholz bestand. Folglich musste sich dem Tor ein Außerirdischer nähern. Und rein zufällig wusste Martin, was für einer.

Im Gang, hinter der zweiten automatischen Tür, stieß er denn auch auf einen Geddar, ein Wesen von hohem Wuchs und mit nach menschlichem Maßstab unförmiger Figur. Das Gesicht wirkte beinah wie das eines Menschen, nur die Augen standen zu weit auseinander und die Ohrmuscheln zeigten eine gleichmäßig geometrische Form, einen Halbkreis, wie man ihn aus den Zeichnungen kleiner Kinder kennt. Die Haut war grau, weshalb die mehr oder weniger gewöhnlichen, nämlich roten Lippen sich wie ein grausamer blutiger Strich abhoben. Der Geddar trug prunkvolle Kleidung von karminroter und azurblauer Farbe, über seiner Schulter ragte der Griff eines Ritualschwerts auf, ein geriffeltes und fein gearbeitetes Stück, das nicht aus Metall, sondern aus bunten, zusammengeschmolzenen Steinfäden angefertigt war.

Kurz neigte der Geddar den Kopf.

Höflich erwiderte Martin den Gruß.

Dann gingen sie aneinander vorbei. Der Geddar steuerte das Große Tor an, seine Hebel und Wählscheiben. Martin schlenderte den breiten Gang hinunter und verließ die Station in der Gagarin-Gasse.

Einst war dies einer der angenehmsten und ruhigsten Orte in Moskau gewesen. Zu Zeiten des Sowjetimperiums drehte man hier Filme, die die Schönheit der Hauptstadt zeigen sollten. Die Oberschicht hatte sich hier ebenfalls gern niedergelassen. Möglicherweise gefiel auch den Schließern dieser Ort. Doch wer vermag schon etwas über die Motive von Schließern zu sagen? Wie dem auch sei, vor zehn Jahren war der Keim eines Großen Tors genau an diese Stelle heruntergekommen, um binnen drei Tagen die anheimelnden Häuser ohne viel Federlesens beiseite zu schieben und sich zu einer Station auszuwachsen.

Seither wäre es niemandem mehr in den Sinn gekommen, diesen Ort ruhig zu nennen.

Die Moskauer Station war eine der größten auf der Erde. Zudem durfte sie, da die Schließer sich entweder nicht um architektonische Ansprüche geschert hatten oder auf diese Weise ihr Urteil zur hauptstädtischen Baumeisterschaft abgeben wollten, auch als die scheußlichste bezeichnet werden. Riesige Betonkuppeln erhoben sich da, Würfel türmten sich ohne erkennbares Prinzip auf, willkürlich angeordnete Fenster funkelten mit dunklem Spiegelglas, ein Turm schoss fast hundert Meter in die Höhe, bestand dabei jedoch nur aus grobem, unverputztem Beton, wobei die Spitze eine unsägliche Laube zierte, aus welcher das Leuchtfeuer herausblitzte. Auf dem Dach eines der Würfel erstreckte sich eine Landefläche für fliegende Untertassen, von denen, selbst wenn die Schließer sie nur selten benutzten, stets ein oder zwei Maschinen startklar waren. Um die Station herum schlängelte sich über den geborstenen Asphalt ein aus Tonplatten gelegter weißer Streifen, der die Grenze markierte. Dahinter erhoben sich ein niedriger Gitterzaun und die Häuschen der Miliz. Nur am Eingang fehlte dieser Zaun, und die Ordnungshüter, der Form halber postiert, verwehrten niemandem den Zugang zur Station.

Martin blieb stehen, um sich umzusehen. Ein feiner kalter Regen ging nieder, obwohl dem Kalender nach der Sommer seit einem Monat Einzug gehalten hatte. Um die Station lungerten Gaffer, Kinder und die stadtbekannten Verrückten. Dafür trieben sich infolge des schlechten Wetters kaum Journalisten herum. Regennasse Demonstranten verlangten »Schließer, zieht ab!«, ein Mann von solider Erscheinung hielt ein Plakat in den Händen, auf dem geschrieben stand: »Galotschka, komm zurück!« An den Mann erinnerte sich Martin noch gut, er marschierte jetzt schon den dritten Monat vor der Station auf und ab. Stets fand er sich kurz nach fünf Uhr ein, stellte sein Plakat auf, dass die gleichgültigen Wände es betrachten mochten, packte es mit penibler Genauigkeit um neun wieder ein und ging fort. Offensichtlich erkannte der Mann Martin ebenfalls wieder, er nickte ihm kaum merklich zu.

Dann ließ Martin den Blick weiterwandern. An jedem Ausgang staute sich eine Schlange, die kürzeste vor dem dritten, der in die Siwzew-Wrashek-Gasse führte. Selbige wählte er.

Der junge Grenzer prüfte die Dokumente eines Wesens, das Martin nie zuvor mit eigenen Augen gesehen hatte. Ein Humanoid mit ölig schimmernder grauer Haut und zwei Paar Armen, der einen braunen Pelz und eine Art fellenes Barett trug, barfuß ging und aus winzigen, mit einer transparenten Membran überzogenen Äuglein dreinblickte. Im Nachschlagewerk von Garnel und Tschistjakowa Who is who im Universum hatte Martin diese Rasse entdeckt, sie sich aber nicht sonderlich gut eingeprägt. Das sprach für sie, denn gefährliche Außerirdische kannte er auswendig.

»Da drüben ist die Wechselstelle«, erklärte der Grenzer dem Wesen. »Sie können sich einen individuellen Fremdenführer nehmen oder sich an eine Touristenagentur wenden. Sind Sie mit unseren Gesetzen vertraut?«

Der Außerirdische nickte.

»Dann unterschreiben Sie bitte hier und hier …«

Der Mann, der neben Martin und dem Außerirdischen stand, drehte sich um. Er lächelte Martin freundlich und ein wenig einschmeichelnd an. »Entschuldigen Sie, sind Sie von hier?«, fragte er.

»Ja.«

»Ich bin aus Kanada. Was würden Sie mir raten? In welchem Hotel soll ich mir ein Zimmer nehmen?«

Martin zuckte mit den Schultern. Er linste zu den Agenten hinüber, die sich in einigem Abstand drängten.

»Was ist Ihnen wichtiger? Der Preis, der Komfort oder die Lage des Hotels?«

Der Kanadier lächelte und breitete nachdenklich die Arme aus. Wie ein Millionär sah er nicht aus, eher wirkte er wie ein normaler Westler mittleren Alters und mit durchschnittlichem Einkommen.

»Verstehe. Nehmen Sie sich ein Taxi und fahren Sie ins Rossija. Der Komfort lässt ein wenig zu wünschen übrig, dafür liegt es im Zentrum und ist nicht teuer.«

»Vielen Dank!« Der Kanadier zeigte jene aufgeregte Fröhlichkeit, die sofort verrät, dass ein Mensch zum ersten Mal auf die Erde zurückkommt. »Ich habe meine Tochter besucht, die jetzt auf Eldorado wohnt. Auf dem Rückweg wollte ich einen Abstecher nach Russland machen, mir die Welt ansehen …«

»Eine kluge Entscheidung«, pflichtete ihm Martin bei. »Manchmal kehre ich ebenfalls durch ein Tor im Ausland zurück.«

Im Blick des Kanadiers spiegelte sich Respekt wider. »Dann machen Sie diese Reise also nicht zum ersten Mal?«

Martin nickte.

»Verstehen in Moskau viele Touristisch?«

»Wie überall. Einer von tausend. Besser behelfen Sie sich mit Englisch, zumal jeder einen Touristen, der gerade durchs Tor kommt, ausnehmen will wie eine Weihnachtsgans.«

»Der Nächste«, rief der Grenzer. Der Außerirdische steuerte bereits die Wechselstelle an, wobei er gleichmütig die wuseligen Fremdenführer und Leute, die schwarz Geld tauschten, umging. Ein umsichtiger und gesetzestreuer Außerirdischer.

Der Kanadier setzte ein weiteres strahlendes Lächeln auf und wandte sich dem Grenzer zu.

»Guten Tag, Ihre Papiere bitte …«

Der Grenzer bediente sich des Englischen. Flüchtig schoss Martin der Gedanke durch den Kopf, dass sich die Sprachkenntnisse der Grenzbeamten im Laufe des letzten Jahres enorm verbessert hatten. Fast alle beherrschten inzwischen Touristisch, womit sie mindestens einmal – genauer gesagt: zweimal – durch das Große Tor gegangen sein mussten. Die gemeinsame Sprache gaben die Schließer all denen, die sich ihres Transportsystems bedienten. Und jene Rassen, deren Kommunikationssystem nicht auf gesprochener Sprache beruhte, bekamen die universelle Gestensprache vermittelt, die es ihnen erlaubte, sich leidlich auszudrücken.

»Der Nächste …«

Unsicher lief der Kanadier die Straße hinunter. Beute witternd, stürzten prompt Fremdenführer und Taxifahrer auf ihn zu. Sie würden den Kanadier ausnehmen, keine Frage.

»Martin Dugin, Bürger Russlands.« Er hielt seine Papiere hin.

Der Grenzer blätterte nachdenklich den Ausweis durch. Visa, Visa, Visa …

»Ich habe schon von Ihnen gehört«, bemerkte er. »Sie benutzen jeden Monat das Große Tor.«

Martin hüllte sich in Schweigen.

»Wie machen Sie das eigentlich?« Der Grenzer sah Martin unverwandt an. Als erwarte er eine unglaubliche Offenbarung oder ein überraschendes Eingeständnis.

»Ich gehe einfach durch. Erzähle dem Schließer irgendwas, danach …«

Der Grenzer nickte, blieb indes ernst. »Das weiß ich. Ich bin selbst schon durch das Tor gegangen. Trotzdem möchte ich wissen, wie Sie das schaffen. Manchen gelingt das nicht ein einziges Mal.«

»Vielleicht ist meine Zunge gut geölt?«, schlug Martin vor. »Ich weiß es nicht, Offizier. Alle meine Geschichten habe ich auch den entsprechenden Organen erzählt. Irgendwie gefallen sie den Schließern.«

Der Grenzer stempelte das Einreisevisum in den Ausweis. »Herzlich willkommen in der Heimat, Martin Dugin. Wissen Sie eigentlich, dass Sie einen Spitznamen haben? Der Läufer.«

»Danke schön, aber den kenne ich schon.«

»Ihre Waffe ist entladen?«

»Ja, natürlich.« Martin klopfte gegen das Futteral. »Sie ist zerlegt und ungeladen. Ein normaler Karabiner. Ich gehe damit auf Wildschweinjagd.«

»Waidmanns Heil.« Der Grenzer sah Martin neugierig, aber ohne jeden Vorbehalt an. »Sie sollten sich klarmachen, wie Sie das schaffen, Bürger Dugin. Das käme allen zugute.«

»Ich werde mir Mühe geben«, versprach Martin, während er durch den grünen Bogen der Einreisestelle ging. Insgesamt war es mit den Grenzern in der letzten Zeit wirklich viel besser geworden. Sie traten irgendwie gelassener auf, ohne die Nervosität und das Misstrauen der ersten Jahre.

Nach etwa zehn Minuten war er dem Gewusel und der Menge entkommen. Er schlenderte an den Geschäften »Für den Jäger« und »Alles für unterwegs« vorbei sowie an einer heimlich entstandenen, inzwischen jedoch legalisierten Markthalle, in der Waren und Ausrüstung von fremden Planeten feilgeboten wurden, passierte einige kleine Gasthäuser »für alle Rassen« und anheimelnde Restaurants mit verlockenden fremdländischen Namen, die nie geschmeckte Speisen versprachen.

Erst dann nahm Martin sich ein Taxi. Der Privatfahrer hielt von sich aus an, öffnete die Tür, ohne vorher den Weg oder den Preis zu erörtern. »Sie sind von einer Reise zurück?«, fragte er.

Hier, in einer gewöhnlichen Moskauer Straße, nahm sich die Touristensprache bereits fremd aus. Die Laute waren zu schlicht und zu weich, die Sätze zu kurz.

»Ja. Gerade eben.«

»Hab ich mir doch gleich gedacht. Ich selbst habe die Reise schon dreimal unternommen. Da habe ich mir gedacht, komm schon, bring den Kollegen nach Hause … Waren Sie weit weg?«

Martin schloss die Augen und machte es sich bequemer. »Sehr weit. Zweihundert Lichtjahre.«

»Und wie ist es da?«

»Wie hier. Es regnet.«

»Hab ich’s mir doch gedacht.« Der Fahrer brach in schallendes Gelächter aus. »Unterwegs ist es schön, aber zuhause ist es noch besser. Wo auch immer du hinfährst, etwas Besseres als die Erde findest du eh nicht. Ich reise einfach nur so, seitdem meine Freunde mich einmal mitgeschleppt haben. Damals waren wir alle betrunken, närrisch und haben darüber gestritten, ob wir es schaffen, einfach aufzubrechen und zurückzukommen. Ich bin wieder da, aber …«

Martin sagte kein Wort. Die Hand in der Tasche, ließ er die beiden Jetons durch die Finger gleiten. Ohne Scanner waren sie nicht voneinander zu unterscheiden. Am Abend musste Martin noch einen Brief an die Angehörigen des toten Jungen schreiben und die bittere Neuigkeit zusammen mit dem Jeton an sie abschicken.

Danach, so beschloss Martin, stand es ihm zu, sich zu betrinken.

Zwei

Man sollte ein Geschäftstreffen niemals auf einen Montagmorgen legen.

Am Samstagabend erscheint dergleichen noch als vorzügliche Idee, erlaubt sie es einem doch, das Telefonat rasch zu beenden und zu seinen Gästen zurückzukehren. Man glaubt dann ehrlich daran, der Sonntag werde ruhig und beschaulich verstreichen, man erledige ohne jede Hast die häuslichen Pflichten und den nachlässigen Wohnungsputz eines Junggesellen, tapere gemächlich zum Geschäft an der Ecke, um Bier und Tiefkühlpizza zu kaufen – die bösartigste Verunglimpfung der italienischen Küche durch die Amerikaner. Man kann sich sogar einbilden, der Sonntagabend werde mit einem Nickerchen vorm Fernseher enden.

Nein, niemals sollte man versprechen, im neuen Jahr nicht mehr zu rauchen, nächsten Monat endlich Sport zu treiben oder am Montagmorgen frisch und munter zu sein.

»Sie heißen Martin?«, fragte ihn der Besucher.

Martin vollführte eine eigentümliche Kopfbewegung, die von »Ja« über »Nein« bis hin zu »Ich erinnere mich nicht mehr« oder »Mir platzt der Schädel, und Sie quälen mich mit dämlichen Fragen« alles Mögliche heißen konnte.

Die letzte Interpretation wäre übrigens zutreffend gewesen.

»Wollen Sie eine Kafetin?«, fragte der Besucher plötzlich, woraufhin Martin ihn mit aufkeimendem Interesse musterte.

Auf den ersten Blick hatte die Quelle seiner Pein den Eindruck eines typischen Geschäftsmannes gemacht, der vor einem Jahr zum ersten Mal eine Krawatte getragen hatte, diese aber immer noch nicht eigenhändig zu binden vermochte. Ein gedrungener Mann mit kurz geschnittenem Haar, der in einem Anzug von Valentino und einem Oberhemd von Etro steckte. Martin wusste nur allzu gut, mit welchen Bitten solche Gestalten zu ihm kamen, und verstand sich seit Langem auf die Kunst, sie abzulehnen.

Was Martin aus dem Konzept brachte, war die Uhr. Eine echte Patek. Die passte nicht ins Bild, was sich in vielerlei Hinsicht deuten ließ. Angefangen von hoffnungsloser Dummheit seines Besuchers bis hin zum Unangenehmsten: dass er nämlich gar nicht derjenige war, für den er sich ausgab.

»Ja, gern«, gab Martin zu. Daraufhin reichte sein Besucher ihm einen Streifen mit eingeschweißten Tabletten. Blister, fiel es Martin wieder ein, Blister hieß eine derartige Verpackung. Eine schöne Bezeichnung, beinah Science Fiction: Er zog seinen treuen Blister …

»Gemütlich haben Sie es hier«, meinte sein Besucher, der gewartet hatte, bis Martin die Tablette zerkaut und mit einem Glas Mineralwasser heruntergespült hatte. Das Zimmer heimelte nicht wirklich an, es war schlicht ein Arbeitszimmer in einer Durchschnittswohnung. Ein Tisch mit Computer, zwei Sessel, Bücherschränke und in einer Ecke ein Waffenschrank. Insofern ging Martin nicht auf das Kompliment ein, das er einzig der Höflichkeit geschuldet sah. »Sie sind also Martin?«

»Vermutlich haben Sie schon Fotografien von mir gesehen?«, brummte Martin. »Ja, ich bin’s.«

»Ein seltener Name in unseren Breiten«, bemerkte der Gast tiefsinnig.

Innerlich explodierte Martin. Der Name war das, was er seinen Eltern niemals verzeihen würde. In der frühen Kindheit hatte ihn alle Welt »Gänserich« genannt – der Zeichentrickfilm über den kleinen Nils, der auf dem Gänserich Martin über Skandinavien hinwegfliegt, lief in regelmäßigen Abständen im Fernsehen. Und daran, wie dieser Name in Verbindung mit seinem Vatersnamen Igorjewitsch klang, dachte er lieber gar nicht erst.

»In unseren Breiten- wie auch Längengraden«, bestätigte Martin. »Meine Eltern haben Jack Londons Martin Eden geliebt. Habe ich Ihre Neugier damit befriedigt?«

Der Besucher nickte. »Wie gut, dass ihnen nicht Alexander Grin gefiel«, meinte er. »Ein seltener Name ist doch wohl weitaus besser als ein ausgedachter, oder?«

Während Martin ihn ansah, lag ihm schon auf der Zunge zu sagen: »Was hast du schon über Grin zu urteilen?« Aber er urteilte!

»Und wie hätte ich in dem Fall heißen können?«, wollte Martin wissen.

»Oh«, der Besucher taute auf. »Da gäbe es unzählige interessante Varianten! Drud. Sandy. Grey. Steele. Colomb. Außerdem hätten sich Ihre Eltern noch für Politik begeistern können. Revolutionäre Romantik … Fidel Olegowitsch, zum Beispiel. Glauben Sie mir, das ist noch schlimmer!«

»Ich gebe mich geschlagen …« Martin breitete die Arme aus. »Ich bin ganz Ohr, mein geheimnisvoller Unbekannter.«

Der Gast genoss seinen Triumph indes nicht. Vielmehr zog er aus der Jacketttasche seinen Ausweis und reichte ihn Martin.

»Ernesto Semjonowitsch Poluschkin«, las Martin mit halblauter Stimme. Er hob den Blick, nickte und gab den Ausweis zurück. »Wie gut ich Sie verstehen kann … Wollen wir zur Sache kommen?«

»Sie sind ein Privatdetektiv, der auch außerhalb der Erde arbeitet«, fing Ernesto Semjonowitsch an. »Das stimmt doch, oder?«

Martin schämte sich seiner Arbeit nicht und machte seiner Familie gegenüber einzig wegen der altmodischen Einstellung seines Onkels und um seine Mutter nicht zu beunruhigen ein Geheimnis daraus. Er selbst bevorzugte den Ausdruck »Kurier«, doch im Grunde übte er tatsächlich den ebenso häufig besungenen wie bespöttelten Beruf eines Privatdetektivs aus. Gefahrvoll war diese Tätigkeit entgegen der landläufigen Meinung jedoch nicht aufgrund der Vielzahl der auf sein Herz gerichteten Kugeln, sondern aufgrund der Unmenge erhaltener Ohrfeigen und miterlebter hysterischer Ausbrüche.

»Lassen Sie mich Ihnen das erklären«, sagte Martin. »Wie sich herausgestellt hat, können manche Menschen die Schließer mit ihren Geschichten gewinnen, andere nicht. Und es hat sich herausgestellt, dass ich das ganz vorzüglich vermag. Deshalb gehe ich dieser Arbeit nach, die eher die eines Kuriers ist. Ihre geliebte Frau hat sich auf eine Reise durch andere Welten begeben? Dann finde ich sie und übergebe ihr einen Brief von Ihnen. Und falls sie sich keine Geschichte für die Heimkehr ausdenken kann, stelle ich ihr eine zur Verfügung. Ihr Geschäftspartner lebt in der anderen Welt? Dann arbeite ich als Bote. Sicher, durch die Großen Tore schafft man keine schweren Lasten, aber es handelt ja auch nicht jeder mit Alteisen und Holz. Aber zehn, zwanzig Kilogramm kann ich transportieren … seltene außerirdische Medizin, Gewürze, Skizzen und Pläne von auf der Erde unbekannten Vorrichtungen. Drogen zu liefern sollten Sie mich allerdings nicht bitten. Erstens werden diejenigen, die durch ein Tor kommen, kontrolliert. Zweitens bin ich ein prinzipieller Gegner von psychotropen Mitteln. Dagegen können Sie mich gern bitten, einen geflohenen Schuldner oder einen betrügerischen Geschäftspartner zu finden, selbst wenn ich mir in dem Falle noch überlegen würde, ob ich den Auftrag annehme. Ich bin nämlich beileibe kein Superman. Außerdem bin ich kein Killer. Ich möchte mein Leben nur ungern aufs Spiel setzen, damit jemand anders Rache üben kann.«

»Und wenn man Ihnen ein solches Angebot machen würde?«, fragte Ernesto. Er hatte Martin sehr aufmerksam zugehört.

»Ist das bereits ein Angebot?«, hakte Martin nach.

»Es ist eine Frage.«

»Ich selbst habe es nicht gelernt, auf solche Fragen zu antworten«, erwiderte Martin mit enttäuschtem Unterton, während er sich erhob. »Aber ich habe eine Telefonnummer, die ich Ihnen geben könnte, von einem Menschen, der Ihnen an meiner Statt das Nötige sagt.«